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ga165 INHALT I. DER WEIHNACHTSGEDANKE UND DAS GEHEIMNIS DES ICH VORTRAG, Berlin, 19. Dezember 1915 9 Der Baum des Kreuzes und die Goldene Legende. Das «Stehenbleiben» des Ich in der geistigen Welt nach den ersten Kindheitsjahren. Das Weihnachtsfest: Erinnerung an das Kindhafte, das Menschlich-Göttliche, von dem der Mensch sich entfernt hat. Entstehung der Krippenund Hirtenspiele. IL ÜBER ALTE WEIHNACHTSSPIELE UND EINE VERKLUNGENE GEISTESSTRÖMUNG DER MENSCHHEIT ERSTER VORTRAG, Dornach, 26. Dezember 1915 33 Kindliche Einfalt und okkulte Weisheit in den Weihnachtsspielen. Der allmähliche Wandel in der volkstümlichen Darstellung der Jesusgeburt: Aus profanen Anfängen entwickelt sich der Sinn für die Heiligkeit des Weihnachtsgeschehens. Nachklänge der urchristlichen Empfindung in deutschen Weihnachtsliedern des Mittelalters. ZWEITER VORTRAG, Dornach, 27. Dezember 1915 43 Die Ausmerzung des gnostischen Schrifttums durch die Kirchenväter. Reste alten Wissens in der Pistis Sophia und im Buch Jeu: Sie bezeugen das Vorhandensein spiritueller Quellen, die Jahrhunderte hindurch verschüttet waren und durch die Geisteswissenschaft wieder erschlossen werden, Haeckel als Nachfolger des Irenäus. Der 25. Dezember als Geburtsfest des nathanischen Jesusknaben, der 6. Januar als Geburtsfest des salomonischen Jesusknaben. Christgeburtsspiel und Dreikönigsspiel. DRITTER VORTRAG, Dornach, 28. Dezember 1915 60 Clemens von Alexandrien und Origenes; ihr Ringen mit der Frage der Vereinigung der irdisch-historischen Persönlichkeit des Jesus mit dem kosmischen Geistwesen Christus. Die Lehren der Gnösis. Auseinanderfallen des Jesus- und des Christus-Verständnisses in der nachchristlichen Zeit und in der modernen Theologie. Das Phantom des Gekreuzigten und die Kreuzesholzlegende. Zusammenwachsen der Jesus-Idee mit der Christus-Idee im geisteswissenschaftlichen Sinne. Wirte- und Hirtennatur im Menschen.  III. VORTRAG, Basel, 28. Dezember 1915 81 Der Baum der Erkenntnis und der Weihnachtsbaum. Die Weihnachtsstimmung in Stifters Novelle «Bergkristall». IV. NEUJAHRSBETRACHTUNGEN ERSTER VORTRAG, Dornach, 31. Dezember 1915 90 Der Jahreslauf als Sinnbild des großen Weltenjahres. Das mineralische und das Pflanzenbewußtsein der Erde und ihre geistige Durchdringung in der Silvesterzeit. Der Durchgang der Menschenseele durch die astralische Welt im 6. vorchristlichen Jahrtausend - ein Welten-Erdenneujahr - und die Wiederholung dieses Durchganges auf höherer Stufe nach zwölf Jahrtausenden, d. i. im 4. nachchristlichen Jahrtausend. ZWEITER V O R T R A G , Dornach, 1. Januar 1916 100 Verwahrlostes Denken als Signatur unserer Zeit. Mauthners Theorie der Zufallssinne und ihre weltanschauliche Konsequenz. Die Anteilnahme an den großen Menschheitsfragen muß den Vorrang vor persönlichen Interessen haben. DRITTER VORTRAG, Dornach, 2. Januar 1916 117 Das Wirken des Lichtäthers im Ätherleib des Menschen. Das Zustandekommen der Erinnerung: Wahrnehmen der inneren Bewegung des Lichtleibes. Die Verkettung des Lichtleibes des Menschen mit dem physischen Leib durch Ahriman. Ein Bruchstück gnostischer Weisheit. Der Machtanspruch des Materialismus. V. WANDLUNGEN DES MENSCHLICHEN EMPFINDUNGSUND GEDANKENELEMENTES VON DER VIERTEN ZUR FÜNFTEN KULTUREPOCHE ERSTER VORTRAG, Dornach, 6. Januar 1916 131 Der Tantalus-Mythos als Schulfall der modernen Vererbungslehre. Wiederaufleben des Griechentums in Goethes «Iphigenie». ZWEITER VORTRAG, Dornach, 7. Januar 1916 144 Die an die Generationenfolge gebundene Schicksalsidee des Griechentums und das individuelle Karmabewußtsein der Zukunft. Tendenzen  der darwinistischen Weltanschauung und Gefahren beim Praktischwerden gegenwärtiger materialistischer Theorien, insbesondere für die Erziehung. Die heutige Kluft zwischen Wahrheit und Kunst. Die Empfindung des heutigen Menschen für das Künstlerische in Musik, Poesie, Malerei, Skulptur, Architektur. Notwendigkeit einer Wiederbelebung der Künste. VI. DIE GEISTIGE VEREINIGUNG DER MENSCHHEIT DURCH DEN CHRISTUS-IMPULS VORTRAG, Bern, 9. Januar 1916 164 Die Verschiedenheit der Menschen in bezug auf die physische Gestalt. Erdenkräfte bewirken Gleichheit der Formen. Kosmische Kräfte gestalten den Ätherleib und bewirken Verschiedenheit. Sieben Arten menschlicher Ätherleiber und ihr Einfluß auf die Formung der physischen Leiber: sieben verschiedene Rassen. Das Nebeneinander der verschiedenen Rassen als Ergebnis luziferisch-ahrimanischen Einflusses. Die Gefahr des Auseinanderfallens der Menschheit in sieben Gruppen, die sich nicht mehr verstehen; das Eintreten des Christus-Impulses in den Ätherleib des Menschen, um diese Gefahr zu überwinden. Die Mittelpunktsstatue des Dornacher Baues weist auf den harmonisierenden Menschheitstypus der Zukunft. VII. DIE BEGRIFFSWELT UND IHR VERHÄLTNIS ZUR WIRKLICHKEIT ERSTER VORTRAG, Dornach, 15. Januar 1916 187 Scholastik und Neuscholastik. Antonio Rosmini-Serbati, ein Geistsucher des 19. Jahrhunderts. Die Wiedergewinnung eines lebendigen Begriffserlebens. ZWEITER VORTRAG, Dornach, 16. Januar 1916 200 Die luziferisch infizierten Begriffe der Gnosis und ihr Zurückdrängen durch Tertullian. Wie sah der Gnostiker Marcion und wie sah Tertullian die Verbindung des göttlichen Wesens Christus mit dem irdischmenschlichen Wesen Jesus? Das Credo. Die drei Prinzipien der Trinität und ihr getrenntes Fortleben in verschiedenen Strömungen der abendländischen Kultur. Hinweise 229 Rudolf Steiner über die Vortragsnachschriften 237 Übersicht über die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 239  DER WEIHNACHTSGEDANKE UND DAS GEHEIMNIS DES I C H DER BAUM DES KREUZES U N D DIE GOLDENE LEGENDE ENTSTEHUNG DER KRIPPEN- UND HIRTENSPIELE Berlin, 19. Dezember 1915 Wiederum wollen wir an diesem Tage mit besonders inniger Kraft unseres Herzens zunächst derjenigen gedenken, die draußen stehen auf jenen Feldern der Ereignisse und die heute hinleben müssen mit Seele und Leben für die großen Aufgaben der Zeit: Geister Eurer Seelen, wirkende Wächter, Eure Schwingen mögen bringen Unserer Seelen bittende Liebe Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen, Daß mit Eurer Macht geeint Unsre Bitte helfend strahle Den Seelen, die sie liebend sucht! Und für diejenigen, die in dieser Zeit der schweren Menschenaufgaben schon durch die Pforte des Todes gegangen sind infolge dieser großen Anforderungen unserer Gegenwart, seien die Worte noch einmal in der folgenden Form gesagt: Geister Eurer Seelen, wirkende Wächter, Eure Schwingen mögen bringen Unserer Seelen bittende Liebe Eurer Hut vertrauten Sphärenmenschen, Daß mit Eurer Macht geeint Unsre Bitte helfend strahle Den Seelen, die sie liebend sucht! Und der Geist, den wir suchen durch unsere geistigen Bestrebungen, der Geist, der zu der Erde Heil, zu der Menschheit Freiheit und Fortschritt durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, der Geist, dessen wir insbesondere heute zu gedenken haben, Er sei mit Euch und Euren schweren Pflichten!  Wir gedenken des aus den Tiefen der Geheimnisse der Erdenentwikkelung heraus tönenden Spruches: Offenbarung des Göttlichen in den Höhen des Seins, und Friede den Menschen auf Erden, die von einem guten Willen durchdrungen sind. Und wir müssen insbesondere beim Herannahen der Weihenacht in diesem Jahr gedenken: Welche Empfindungen verbinden uns mit diesem Spruch und seinem tiefen Weltensinn? Jenem tiefen Weltensinn, den unzählige Menschen so empfinden, daß das Wort Friede durch ihn erklingt und tönt, das Wort Friede in einer Zeit, in welcher dieser Friede im weitesten Umkreis unser Erdensein meidet. Wie gedenken wir in dieser Zeit der Weihnachtsworte? Doch ein Gedanke ist es, der uns vielleicht im Zusammenhang mit diesem durch die Welt tönenden Wahrspruche in dieser Gegenwart noch tiefer berühren muß sogar als in andern Zeiten. Ein Gedanke! Feindlich stehen sich die Volker gegenüber. Blut, viel Blut tränkt unsere Erde. Unzählige Tode haben wir um uns herum sehen müssen, fühlen müssen in dieser Zeit. Unendliches Leid webt um uns herum die Empfindungsund Gefühlsatmosphäre. Haß und Abneigung durchschwirren den geistigen Raum und könnten leicht zeigen, wie ferne, ferne die Menschen in unserer Zeit noch sind von jener Liebe, von welcher verkünden wollte derjenige, dessen Geburt die Weihenacht feiert. Ein Gedanke aber tritt besonders hervor: Wir denken uns, wie Feind gegen Feind, Gegner gegen Gegner stehen kann, wie Menschen sich gegenseitig den Tod bringen können, und wie sie durch dieselbe Pforte des Todes gehen können mit dem Gedanken an den göttlichen Lichtführer, den Christus Jesus. Wir gedenken, wie über die Erde hin, über welche sich ausbreiten Krieg und Schmerzen und Uneinigkeit, einig sein können diejenigen, die sonst so uneinig sind, indem sie in ihrem tiefsten Herzen ihren Zusammenhang tragen mit dem, der in die Welt gegangen ist an jenem Tage, den wir in der Weihenacht festlich begehen. Wir denken, wie sich durch alle Feindschaft, durch alle Abneigung, durch allen Haß hindurch in den menschlichen Seelen allüberall eine Empfindung in diesen Zeiten drängen kann, drängen kann mitten aus Blut und Haß heraus:  der Gedanke des innigen Verbundenseins mit dem einen, mit dem, der damit die Herzen geeint hat durch etwas, das höher ist als alles das, was die Menschen jemals auf der Erde wird trennen können. Und so ist dies doch ein Gedanke von unendlicher Größe, ein Gedanke von unendlicher Tiefe der Empfindung, der Gedanke an den Christus Jesus, der die Menschen eint, wie uneinig sie auch sein mögen in allem, was die Welt angeht. Wenn wir den Gedanken in dieser Art fassen, dann werden wir ihn um so tiefer fassen wollen gerade in unserer Gegenwart. Denn dann werden wir ahnen, wieviel mit diesem Gedanken zusammenhängt von dem, was groß und stark und gewaltig werden muß innerhalb der menschlichen Entwickelung, damit vieles in anderer Weise errungen werden kann von menschlichen Herzen, von menschlichen Seelen, was jetzt noch auf so blutige Weise errungen werden muß. Daß Er uns stark mache, daß Er uns kräftige, daß Er uns lehre, über die Erde hin, wirklich zu empfinden im wahrsten Sinne des Wortes über alles Trennende hin den Weihenachts-Weihespruch: das ist das, was sich derjenige, der sich wirklich mit dem Christus Jesus verbunden fühlt, in der Weihenacht immer aufs neue geloben muß. Es gibt innerhalb der Geschichte des Christentums eine Überlieferung, die wiederholt auftritt in den späteren Zeiten und ein Gebrauch war in gewissen christlichen Gegenden durch Jahrhunderte hindurch. In alten Zeiten schon wurden in verschiedensten Gegenden, zumeist von den christlichen Kirchen aus, Darstellungen des Weihenachtsgeheimnisses den Gläubigen geboten. Gerade in diesen ältesten Zeiten wurde die Darstellung des Weihnachtsgeheimnisses begonnen mit einem Vorlesen, ja zuzeiten sogar mit einem Darstellen der Schöpfungsgeschichte, der Geschichte der Schöpfung, wie sie im Beginn der Bibel dargestellt wird. Es wurde zuerst dargestellt, gerade um die Weihnachtszeit, wie aus den Tiefen des Weltenalls heraus das Weltenwort ertönt ist, wie aus dem Weltenwort heraus nach und nach die Schöpfung entstand, wie Luzifer an den Menschen herangetreten ist, wie die Menschen dadurch auf eine andere Weise das Erdendasein begonnen haben, als das Dasein gewesen wäre, das ihnen ursprünglich vor dem Herantreten Luzifers bestimmt war. Es wurde die ganze Versuchungsge schichte von Adam und Eva vorgeführt und dann gezeigt, wie gleichsam der alten vortestamentlichen Geschichte der Mensch einverleibt worden ist. Dann wurde erst im weiteren Verlauf hinzugesetzt, was mehr oder weniger ausführlich in Spielen dargestellt worden ist, die sich dann im 15., 16., 17., 18. Jahrhundert in mitteleuropäischen Gegenden zu solchen Spielen entwickelt haben, wie wir ein kleines davon jetzt eben gesehen haben. Von dem, was aus einem unendlich großen Gedanken heraus am Weihnachts-Weihefest den Anfang des Alten Testamentes zusammengeschlossen hat mit der geheimnisvollen Geschichte des Mysteriums von Golgatha, was aus diesem Gedanken heraus die beiden heiligen Geschichten zusammengeschlossen hat, von dem ist nur wenig noch geblieben, nur sozusagen das eine in der Gegenwart, daß in unserem Kalender vor dem Eintritt des Weihnachtstages der Tag von Adam und Eva steht. Das hat in demselben Gedanken seinen Ursprung. Aber in älteren Zeiten wurde auch für die, welche aus tieferen Gedanken, aus tieferen Empfindungen oder einer tieferen Erkenntnis heraus durch diejenigen, die ihre Lehrer waren, das Weihnachtsgeheimnis und das Geheimnis von Golgatha erfassen sollten, es wurde für die immer wiederum dargestellt ein großer, ein umfassender symbolischer Gedanke: der Gedanke von dem Ursprung des Kreuzes. Der Gott, der den Menschen im Alten Testament vorgeführt wird, gibt den Menschen, die durch Adam und Eva repräsentiert sind, das Gebot: Essen dürfen sie von allen Früchten des Gartens, nur nicht von den Früchten, die am Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen wachsen. Weil sie davon gegessen haben, wurden sie aus dem ursprünglichen Schauplatz ihres Seins vertrieben. Der Baum aber - das wurde nun in der verschiedensten Weise dargestellt - kam auf irgendeine Art in die Geschlechterreihe, welche dann die ursprünglichen Geschlechter waren, aus denen auch die körperliche Hülle des Christus Jesus hervorgegangen ist. Und er kam so hin, daß so wurde es in gewissen Zeiten dargestellt -, als Adam, der sündige Mensch, begraben worden ist, dieser Baum wiederum aus seinem Grabe herauswuchs, der aus dem Paradiese entfernt worden war. So sehen wir den Gedanken angeregt: Adam ruht im Grabe, er, der Mensch, der  durch die Sünde gegangen ist, er, der Mensch, der durch Luzifer verführt worden ist, ruht im Grabe, er hat sich mit dem Erdenleibe vereinigt. Aber aus seinem Grabe ersprießt der Baum - der Baum, der jetzt herauswachsen kann aus der Erde, mit der Adams Leib vereinigt worden ist. Das Holz dieses Baumes geht weiter über auf die Geschlechter, zu denen auch Abraham gehört, zu denen David gehört. Und aus dem Holz dieses Baumes, der also im Paradiese gestanden hat, der wieder herausgewachsen ist aus Adams Grab, aus dem Holze dieses Baumes wurde das Kreuz gemacht, an dem der Christus Jesus gehangen hat. Das ist der Gedanke, der immer wieder denen, die aus tieferen Grundlagen heraus die Geheimnisse des Mysteriums von Golgatha verstehen sollten, von ihren Lehrern klargemacht wurde. Es hat einen tiefen Sinn, daß in älteren Zeiten - und der Sinn wird es uns gleich zeigen, daß es auch für die Gegenwart noch gut ist - in solchen Bildern tiefe Gedanken zum Ausdruck kamen. Wir haben uns bekanntgemacht mit jenem Gedanken des Mysteriums von Golgatha, der uns sagt: Das Wesen, das durch den Leib des Jesus gegangen ist, das hat, was es der Erde bringen kann, über die Erde ausgegossen, in die Erdenaura ergossen. Was der Christus in die Erde gebracht hat, ist seither mit der ganzen Leiblichkeit der Erde verbunden. Die Erde ist etwas anderes geworden seit dem Mysterium von Golgatha. In der Erdenaura lebt das, was der Christus aus himmlischen Höhen auf die Erde heruntergebracht hat. Wenn wir im Zusammenhang damit jenes alte Bild von dem Baume ins geistige Auge fassen, so zeigt uns dieses Bild den ganzen Zusammenhang von einem höheren Gesichtspunkt aus: In den Menschen ist das luziferische Prinzip eingezogen, als der Mensch seinen Erdenanfang genommen hat. Der Mensch, so wie er nun ist, in seiner Vereinigung mit dem luziferischen Prinzip, gehört zu der Erde hinzu, er bildet einen Teil der Erde. Und wenn wir seinen Leib in die Erde hineinlegen, so ist dieser Leib nicht bloß das, als was ihn die Anatomie sieht, sondern dieser Leib ist zu gleicher Zeit die äußere Abformung dessen, was innerhalb des Irdischen der Mensch auch in seiner Innenheit ist. Uns kann es aus der geistigen Wissenschaft heraus klar sein, daß nicht nur das zu des Menschen Wesenheit gehört, was durch die Pforte des Todes in die geistigen Wel ten eingeht, sondern daß der Mensch durch sein ganzes Wirken, durch seine ganzen Taten mit der Erde verbunden ist; wirklich gerade so verbunden ist, wie jene Geschehnisse mit der Erde verbunden sind, die der Geologe, der Mineraloge, der Zoologe und so weiter als zusammenhängend mit der Erde findet. Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, so ist ja nur für die menschliche Individualität zunächst abgeschlossen, was ihn an die Erde bindet. Aber unsere äußere Form, wir übergeben sie in irgendeiner Art der Erde, sie geht in den Erdenleib ein. Sie trägt in sich die Ausprägung dessen, was die Erde dadurch geworden ist, daß Luzifer in die Erdenentwickelung eingetreten ist. Was der Mensch auf der Erde leistet, trägt das luziferische Prinzip in sich, der Mensch bringt dieses luziferische Prinzip in die Erdenaura hinein. Aus des Menschen Taten, aus des Menschen Wirksamkeiten entspringt, erblüht nicht nur das, was ursprünglich mit dem Menschen beabsichtigt war, aus des Menschen Taten entspringt das, was dem Luziferischen beigemischt ist. Das ist in der Erdenaura. Und wenn wir nun auf dem Grabe des von Luzifer verführten Menschen Adam den Baum sehen, der durch die luziferische Verführung etwas anderes geworden ist, als er ursprünglich war, den Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen, so sehen wir alles das, was der Mensch dadurch bewirkt hat, daß er den ursprünglichen Stand verlassen hat, daß er durch die luziferische Verführung ein anderer geworden ist und dadurch etwas ihm vorher Nichtbestimmtes in die Erdenevolution hereingebracht hat. Wir sehen den Baum herauswachsen aus dem, was der physische Leib für die Erde ist, was in seiner Erdenform abgeprägt worden ist, was den Menschen auf der Erde in einer niedrigeren Sphäre erscheinen läßt, als er geworden wäre, wenn er nicht durch die luziferische Verführung hindurchgegangen wäre. Es wächst aus des Menschen ganzem Erdendasein etwas heraus, was durch die luziferische Verführung, Versuchung in die Menschheitsentwickelung hineingekommen ist. Indem wir die Erkenntnis suchen, suchen wir sie auf eine andere Art, als es uns ursprünglich vorbestimmt war. Das aber läßt erscheinen, daß das, was aus unseren Erdentaten herauswächst, anders ist, als es nach der Götter ursprünglichem Ratschluß sein könnte. Wir formen ein Erdendasein,  das nicht so ist, wie es nach der Götter ursprünglichem Ratschluß für uns bestimmt war. Wir mischen dem ein anderes bei, von dem wir uns ganz bestimmte Vorstellungen machen müssen, wenn wir es richtig verstehen wollen. Wir müssen uns sagen: Ich bin hereingesetzt in die Erdenentwickelung. Was ich der Erdenentwickelung durch meine Taten gebe, das trägt Früchte. Das trägt Früchte der Erkenntnis, die mir dadurch geworden ist, daß mir die Erkenntnis des Guten und des Bösen auf der Erde zuteil geworden ist. Diese Erkenntnis lebt in der Entwicklung der Erde, diese Erkenntnis ist da. Aber indem ich diese Erkenntnis anschaue, wird sie mir zu etwas, was anders ist, als es hätte ursprünglich sein sollen. Sie wird mir zu etwas, was ich anders machen muß, wenn der Erde Ziel und der Erde Aufgabe erreicht werden soll. Ich sehe aus meinen Erdentaten etwas hervorwachsen, was anders werden muß. Es wächst der Baum hervor, der das Kreuz des Erdendaseins wird, der Baum, der da dasjenige wird, zu dem der Mensch ein neues Verhältnis gewinnen muß - denn das alte Verhältnis läßt eben diesen Baum erwachsen. Der Baum des Kreuzes, jenes Kreuzes, das erwächst aus der luzif erisch tingierten Erdenentwickelung, er wächst heraus aus Adams Grab, aus derjenigen Menschlichkeit, die Adam nach der Versuchung geworden ist. Der Baum der Erkenntnis muß zum Kreuzesstamm werden, weil mit dem richtig erkannten Baum der Erkenntnis, so wie er jetzt ist, der Mensch sich aufs neue verbinden muß, um der Erde Ziel und der Erde Aufgabe zu erreichen. Fragen wir uns - und hier berühren wir ein bedeutsames Geheimnis der geistigen Wissenschaft -: Wie steht es denn eigentlich mit diesen Gliedern, die wir als die Glieder der menschlichen Natur kennengelernt haben? Nun, wir kennen als das zunächst höchste Glied der menschlichen Natur unser Ich. Wir lernen unser Ich aussprechen zu einer gewissen Zeit unseres Kindesalters. Wir gewinnen ein Verhältnis zu diesem Ich von der Zeit an bis zu der wir uns in späteren Jahren zurückerinnern. Wir wissen es aus den verschiedensten geisteswissenschaftlichen Betrachtungen: bis zu dem Zeitpunkt hat das Ich selber formend und gestaltend an uns gewirkt, bis zu dem Moment, da wir ein bewußtes Verhältnis zu unserem Ich haben. Beim Kind ist dieses Ich auch da, aber es wirkt in uns, es bildet in uns erst den Leib aus.  Zunächst schafft es mit übersinnlichen Kräften der geistigen Welt. Wenn wir durch die Empfängnis und die Geburt gegangen sind, schafft es sogar noch einige Zeit, die Jahre dauert, an unserem Leibe, bis wir unseren Leib als Werkzeug so haben, daß wir uns bewußt als ein Ich erfassen können. Es ist ein tiefes Geheimnis mit diesem Hineintreten des Ich in die menschliche Leibesnatur verbunden. Wir fragen den Menschen, wenn er uns entgegentritt: Wie alt bist du? - Er gibt uns als sein Alter an die Jahre, die verflossen sind seit seiner Geburt. Wie gesagt, wir berühren hier ein gewisses Geheimnis der Geisteswissenschaft, das uns im Laufe der nächsten Zeit immer klarer werden wird, das ich aber heute nur erwähnen will, gleichsam mitteilen will. Was uns der Mensch also als sein Alter angibt zu einer bestimmten Zeit seines Lebens, das bezieht sich auf seinen physischen Leib. Er sagt uns nichts anderes als; sein physischer Leib ist so und so lange in der Entwickelung gewesen seit seiner Geburt. Das Ich macht diese Entwickelung dieses physischen Leibes nicht mit. Das Ich bleibt stehen. Und das ist das schwer zu fassende Geheimnis, daß das Ich eigentlich in dem Zeitpunkte, bis zu dem wir uns zurückerinnern, stehenbleibt. Es wird nicht mit dem Leibe geändert, es bleibt stehen. Gerade dadurch haben wir es immer vor uns, daß es uns, indem wir hinschauen, unsere Erlebnisse entgegenspiegelt. Das Ich macht unsere Erdenwanderung nicht mit. Erst wenn wir durch die Pforte des Todes gegangen sind, müssen wir den Weg, den wir Kamaloka nennen, wiederum zurück machen bis zu unserer Geburt, um unser Ich wieder anzutreffen, und es dann auf unserer weiteren Wanderung mitzunehmen. Der Körper schiebt sich in den Jahren vor - das Ich bleibt zurück, das Ich bleibt stehen. Schwierig zu begreifen ist es aus dem Grunde, weil man sich nicht vorstellen kann, daß in der Zeit etwas stehenbleibt, während die Zeit weiterrückt. Aber es ist doch so. Das Ich bleibt stehen, und zwar bleibt es aus dem Grunde stehen, weil dieses Ich eigentlich sich nicht verbindet mit dem, was vom Erdendasein an den Menschen herankommt, sondern weil es verbunden bleibt mit denjenigen Kräften, die wir in der geistigen Welt die unsrigen nennen. Das Ich bleibt da, das Ich bleibt im Grunde in der Form, wie es uns verliehen ist, wie wir wissen, von den Geistern der Form. Dieses Ich wird in der geistigen  Welt gehalten. Es muß in der geistigen Welt gehalten werden, sonst könnten wir niemals als Menschen während unserer Erdenentwickelung der Erde ursprüngliche Aufgabe und ursprüngliches Ziel wieder erreichen. Was der Mensch hier auf der Erde durch seine Adamsnatur durchgemacht hat, wovon er eine Abprägung in das Grab trägt, wenn er als Adam stirbt, das ist haftend am physischen Leibe, Ätherleib und Astralleib, kommt von diesem. Das Ich wartet, wartet mit alledem, was in ihm ist, die ganze Zeit, die der Mensch auf der Erde durchmacht, sieht nur hin auf die weitere Entwickelung des Menschen - wie der Mensch es sich wieder holt, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, indem er den Weg zurück macht. Das heißt, wir bleiben in einem gewissen Sinne ist das gemeint - mit unserem Ich gewissermaßen in der geistigen Welt zurück. Dessen soll sich die Menschheit bewußt werden. Und sie konnte sich dessen nur dadurch bewußt werden, daß in einer gewissen Zeit aus jenen Welten, denen der Mensch angehört, aus den geistigen Welten, der Christus herunterkam und sich in dem Leibe des Jesus vorbereitete, in der Weise, wie wir es wissen doppelt —, das, was als Leib ihm auf der Erde dienen sollte. Wenn wir uns recht verstehen, so schauen wir durch unser ganzes Erdenleben hindurch immer auf unsere Kindheit hin. Da in unserer Kindheit ist zurückgeblieben das, was gerade unser Geistiges ist. Wir schauen immer darauf hin, wenn wir die Sache richtig verstehen. Und dazu sollte die Menschheit erzogen werden, hinzusehen auf das, zu dem der Geist aus den Höhen sagen kann: «Lasset die Kindlein zu mir kommen!», nicht den Menschen, der mit der Erde verbunden ist, sondern die Kindlein. Dazu sollte die Menschheit erzogen werden, indem ihr das Fest der Weihenacht gegeben worden ist, indem es hinzugefügt worden ist zu dem Mysterium von Golgatha, das sonst nur der Menschheit verliehen zu werden brauchte in bezug auf die drei letzten Jahre des Christus-Lebens, da der Christus in dem Leibe des Jesus von Nazareth war. Dieses Fest zeigt, wie der Christus sich den menschlichen Leib in der Kindheit vorbereitet hat. Das ist das, was der Weihnachtsempfindung zugrunde liegen soll: zu wissen, wie der Mensch eigentlich immer verbunden geblieben ist durch das, was in seinem Wachstum zurückbleibt, was in himmlischen Höhen bleibt, mit dem, was nun her einkommt. In der Kindesgestalt soll der Mensch an das MenschlichGöttliche, von dem er sich entfernt hat, indem er auf die Erde hinabstieg, das aber wiederum zu ihm gekommen ist, an dieses Kindhafte in ihm sollte der Mensch erinnert werden. An denjenigen sollte er erinnert werden, der ihm das Kindhafte wiedergebracht hat. Es war nicht gerade leicht, aber gerade an der Art und Weise, wie sich dieses Weltenkindesfest, das Weihnachtsfest, in die mitteleuropäischen Gegenden hereinentwickelt hat, gerade daran sieht man die wunderbar wirkende, tragende Kraft. Was wir heute gesehen haben, war nur ein kleines der vielen Weihnachtsspiele. Es ist aus den alten Zeiten, von der Art des Weihnachtsspieles, die ich ein wenig angedeutet habe, noch zurückgeblieben eine Anzahl der sogenannten Paradeisspiele, die man auch zu Weihnachten aufführte, wo wirklich die Schöpfungsgeschichte aufgeführt worden ist. Es ist zurückgeblieben dann die Verbindung mit dem Hirtenspiel, mit dem Spiel der drei Könige, die ihre Geschenke darbringen. Vieles, vieles von dem lebte in zahlreichen Spielen. Sie sind jetzt zum größten Teil verschwunden. In der Mitte des 18. Jahrhunderts etwa beginnt die Zeit, wo sie in Bauerngegenden verschwinden. Aber wunderbar ist es zu sehen, wie sie gelebt haben. Jener Karl Julius Scbröer, von dem ich Ihnen schon öfters erzählt habe, hatte in westungarischen Gegenden in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts solche Weihnachtsspiele gesammelt, in der Preßburger Gegend herum, und weiter von Preßburg nach Ungarn herunter. Andere haben in andern Gegenden solche Weihnachtsspiele gesammelt, aber das, was dazumal Karl Julius Schroer auffinden konnte von den mit der Aufführung dieser Weihnachtsspiele verbundenen Gebräuchen, kann uns ganz besonders tief zu Herzen gehen. Diese Weihnachtsspiele, sie waren da, handschriftlich, in gewissen Familien des Dorfes und wurden als etwas ganz besonders Heiliges gehalten. Aufgeführt wurden sie in der Weise, daß man so eigentlich, wenn der Oktober herankam, schon daran dachte, man müsse diese Spiele zur Weihnachtszeit vor den Bauern des Ortes aufführen. Dann wurden die bravsten Burschen und Mädchen ausgesucht, und die hörten auf in dieser Zeit, in der sie begannen sich vorzubereiten, Wein zu trin ken, Alkoholisches zu trinken. Sie durften, was ja sonst in solchen Orten getan werden darf, nicht mehr raufen am Sonntag, sie durften nicht mehr andere Ausschreitungen begehen. Sie mußten wirklich, wie man sagte, «ein heiliges Leben führen». Und so hatte man das Bewußtsein, daß eine gewisse moralische Stimmung der Seele dazugehörte bei denen, die sich in der Weihnachtszeit der Aufführung solcher Spiele widmen sollten. Nicht aus dem ganz gewöhnlichen Weltlichen heraus sollten solche Spiele aufgeführt werden. Dann wurden sie aufgeführt mit aller Naivität, mit der Bauern so etwas aufführen können, aber es herrschte in der ganzen Aufführung tiefster Ernst, unendlicher Ernst. Den Spielen, die dazumal Karl Julius Schröer, früher Weinhold und andere dann in den verschiedensten Gegenden gesammelt haben, ist überall dieser tiefe Ernst eigen, mit dem man sich dem Weihnachtsgeheimnis nahte. Aber das war nicht immer so. Und wir brauchen gar nicht weiter zurückzugehen als ein paar Jahrhunderte, da finden wir das anders, und da tritt uns etwas höchst Eigentümliches entgegen. Gerade die Art und Weise, wie sich diese Weihnachtsspiele namentlich in mitteleuropäischen Gegenden eingebürgert haben, wie sie entstanden und allmählich geworden sind, das zeigt uns, wie überwältigend gewirkt hat der Weihnachtsgedanke. Er wurde nicht etwa gleich so aufgenommen, wie ich es jetzt geschildert habe: daß man mit heiliger Scheu, mit großem Ernst, mit einem Bewußtsein von der Bedeutung des Ereignisses, das in der Empfindung lebte, sich dem genaht hätte. O nein! In vielen Gegenden hat das zum Beispiel so begonnen, daß man eine Krippe aufgestellt hat vor irgendeinem Seitenaltar dieser oder jener Kirche — das war noch im 14., 15. Jahrhundert, aber es geht auch schon in frühere Zeiten zurück; man stellte eine Krippe auf, das heißt also einen Stall, darin Ochs und Eselein und das Kindlein und zwei Puppen, die Joseph und Maria darstellten. So wurde zuerst mit naiver Plastik das getrieben. Dann wollte man mehr Leben hineinbringen, aber zunächst von der Geistlichkeit aus. Es zogen sich Priester an, der eine als Joseph, der andere als Maria, und die stellten das dar - statt der Puppen spielten sie das. In der ersten Zeit stellten sie die Sache sogar in der lateinischen Sprache dar, denn man hielt in der alten Kirche sehr viel darauf, da man, wie es scheint, einen sehr  tiefen Sinn darin sah, daß diejenigen, die zuschauten oder zuhörten, möglichst gar nichts von der Sache verstanden, sondern nur die äußere Mimik sahen. Aber das ließen diese sich nicht mehr gefallen: sie wollten auch etwas verstehen von demjenigen, was ihnen da vorgeführt wurde. Und da ging man denn allmählich dazu über, einige Teile daraus in die entsprechende Sprache zu gießen, die gerade in den Gegenden gesprochen worden war. Doch endlich erwachte das Gefühl bei den Leuten, mitzumachen, das selbst zu erleben. Aber fremd war es ihnen, recht fremd war ihnen die Sache doch noch. Man muß nur bedenken, daß etwa noch im 12., 13. Jahrhundert jene Vertrautheit mit den heiligen Geheimnissen, zum Beispiel der Weihenacht, nicht da war, die wir heute als etwas Selbstverständliches glauben. Man muß bedenken, daß die Leute jahraus, jahrein die Messe hörten, zu Weihnacht auch die Messe, die um zwölf Uhr Mitternacht noch gehalten worden ist, aber daß sie nicht die Bibel vernahmen — die war nur für die Priester zum Lesen da -, daß sie nur einzelne Brocken von der heiligen Geschichte kannten. Und es war wirklich zugleich, um sie bekanntzumachen mit dem, was einst vorgegangen war, daß man es ihnen in dieser Weise zunächst dramatisch durch die Priester vorführte. Sie lernten es erst auf diese Weise kennen. Nun muß man etwas sagen, wovon man recht sehr bitten muß, es nicht mißzuverstehen. Aber es kann dargestellt werden, weil es der reinen geschichtlichen Wahrheit entspricht. Nicht daß etwa gleich aus irgendeiner Mysterienstimmung oder dergleichen der Anteil an diesen Weihnachtsspielen hervorgegangen wäre, so war es nicht, sondern die Begierde, teilzunehmen an dem, was ihnen dargestellt worden ist, näher dabeizusein, mitzutun, zu handeln: das brachte das Volk heran an die Sache. Und man mußte ihnen endlich zugestehen, etwas mitzutun. Man mußte es dem Volke verständlicher machen. Mit diesem Verständlichermachen ging es Schritt für Schritt. Zum Beispiel davon verstanden die Leute zuerst gar nichts, daß da in einem Krippchen das Kindelein liege. Das hatten sie nie gesehen, ein Kindelein in einem Krippelein. Ja, früher, wo sie nichts verstehen durften, da haben sie das hingenommen. Aber jetzt, wo sie dabei sein wollten, sollte ihnen das ganz verständlich sein. Da wurde ihnen nur eine Wiege hingestellt. Und es begann der  Anteil der Leute dann, indem sie an der Wiege vorbeigingen, jeder trat da auf und wiegte ein Weilchen das Kindelein, und ähnliche Teilnahme entwickelte sich. Es gab sogar Gegenden, in denen die Sache so vor sich ging, daß man zunächst ganz ernst begann und als das Kind da war, begannen alle einen ungeheuren Krakeel, und alle schrieen und deuteten mit Tanzen und Schreien ihre Freude an, die sie jetzt darüber empfanden, daß das Kindlein geboren ist. Es wurde durchaus in einer Stimmung aufgenommen, die hervorging aus der Sucht, sich zu bewegen, aus der Sucht, eine Geschichte zu erleben. Aber in der Geschichte steckte so Großes, so Gewaltiges, daß aus dieser ganz profanen Stimmung - es war anfangs eine profane Stimmung - sich nach und nach jene heilige Stimmung entwickelte, von der ich eben gesprochen habe. Die Sache selbst goß ihre Heiligkeit aus über eine Aufnahme, die durchaus anfangs nicht eine heilige genannt werden konnte. Gerade im Mittelalter mußte die heilige Weihnachtsgeschichte die Menschen erst erobern. Und sie eroberte sie bis zu dem Grade, daß sie, während sie ihre Spiele aufführten, in einer so intensiven Weise sich moralisch vorbereiten wollten. Was eroberte denn da die menschlichen Empfindungen, die menschliche Seele? Der Hinblick auf das Kind, der Hinblick auf dasjenige, was im Menschen heilig bleibt, während seine übrigen drei Leiber sich mit dem Erdenwerden verbinden. Mochte selbst in gewissen Gegenden und in gewissen Zeiten die Geschichte von Bethlehem groteske Formen annehmen, es lag in der menschlichen Natur, diesen heiligen Hinblick auf die Kindesnatur zu entwickeln, der mit dem zusammenhängt, was gleich in die christliche Entwickelung von Anfang an eintrat: das Bewußtsein, wie das, was im Menschen stehenbleibt, wenn er seine Erdenentwickelung antritt, eine neue Verbindung eingehen muß mit dem, was sich mit dem Erdenmenschen verbunden hat. So daß er der Erde übergibt das Holz, aus dem das Kreuz werden muß, mit dem er eine neue Verbindung eingehen muß. In den älteren Zeiten der mitteleuropäischen christlichen Entwickelung war eigentlich nur der Ostergedanke volkstümlich. Und erst in der Weise, wie ich es geschildert habe, ist der Weihnachtsgedanke allmählich hinzugekommen. Denn das, was im «Heliand» oder ähnlichen  Werken steht, das ist zwar von einzelnen gedichtet worden, aber durchaus nicht etwa volkstümlich geworden. Das Volkstümliche der Weihenacht, das ist auf die Weise entstanden, die ich eben geschildert habe, und die in wirklich großartiger Weise zeigt, wie der Gedanke der Verbindung mit dem Kindlichen, dem reinen, echten Kindlichen, das in einer neuen Gestalt erschienen ist in dem Jesuskind, sich die Menschen erobert hat. Wenn wir diese Gewalt des Gedankens damit zusammenbringen, daß dieser Gedanke in den Seelen als der einzige zunächst in unserem Erdendasein leben kann, der alle Menschen eint, so ist sie der rechte Christ-Gedanke. Und so wird der Christ-Gedanke in uns groß, so wird der Christ-Gedanke zu dem, was allmählich in uns erstarken muß, wenn die Erdenweiterentwickelung in der richtigen Weise geschehen soll. Bedenken wir doch, wie weit der Mensch im gegenwärtigen Erdendasein noch entfernt ist von dem, was die Tiefen des Christus-Gedankens eigentlich in sich bergen. In diesen Tagen - vielleicht werden Sie es gelesen haben - wird ein Buch herausgegeben von Ernst Haeckel: «Ewigkeit, Weltkriegsgedanken über Leben und Tod, Religion und Entwicklungslehre.» Ein Buch von Ernst Haeckel ist ganz gewiß ein Buch, das aus ernster Wahrheitsliebe hervorgegangen ist, ganz gewiß ein Buch, in dem ernsteste Wahrheit gesucht wird. Was das Buch bringen soll, von dem verlautet etwa das Folgende: Es soll darauf hinweisen, was jetzt auf der Erde vorgeht, wie die Völker miteinander im Kriege, wie sie miteinander im Hasse leben, wie unzählige Tode sich uns jeden Tag ergeben. Alle diese Gedanken, die sich dem Menschen so schmerzlich aufdrängen, erwähnt auch Ernst Haeckel, selbstverständlich immer mit dem Hintergrund, die Welt so zu betrachten, wie er sie sehen kann von seinem Standpunkte aus - wir haben oftmals davon gesprochen, denn man kann Haeckel, auch wenn man Geisteswissenschafter ist, als einen der größten Forscher anerkennen -, von jenem Standpunkte aus, der, wie wir wissen, auch zu anderem führen kann, der aber zu demjenigen führt, was man in den neueren Phasen der Haeckelschen Entwickelung beobachten kann. Nun macht sich Haeckel Weltkriegsgedanken. Auch er sagt sich, wieviel Blut jetzt fließt, wieviel Tode uns jetzt umgeben. Und er fragt sich: Können da die Gedanken der Religion bestehen daneben?  Kann man irgendwie glauben - so fragt Haeckel -, daß irgendeine weise Vorsehung, ein gütiger Gott, die Welt regiert, wenn man sieht, daß täglich durch bloßen Zufall, wie er sagt, so viele Menschen ihr Leben enden, hinsterben durch gar keine solche Ursache, die nachweisbar in irgendeinem Zusammenhang stehen könnte mit irgendeiner weisen Weltenregierung, sondern durch den Zufall, wie er sagt, daß einen diese oder jene Kugel trifft, daß einer sich diesen oder jenen Unfall zuzieht? Haben demgegenüber alle diese Weisheitsgedanken; diese Vorsehungsgedanken einen Sinn? Müssen nicht gerade solche Ereignisse, wie diese, beweisen, daß der Mensch dabei stehenbleiben muß, daß er eben nichts anderes ist als das, was uns die äußerliche, materialistisch gedachte Entwickelungsgeschichte zeigt, und daß im Grunde nicht eine weise Vorsehung, sondern der Zufall alles Erdensein regiert? Kann man demgegenüber einen andern religiösen Gedanken haben, meint Haeckel, als zu resignieren, sich zu sagen: Man gibt eben seinen Leib hin und geht auf in dem ganzen All? - Aber wenn dieses All, fragt man weiter Haeckel stellt diese Frage nicht mehr -, nichts anderes ist als das Spiel der Atome, lauft wirklich dieses Leben des Menschen in einen Sinn des Erdendaseins aus? Wie gesagt, Haeckel stellt diese Frage nicht mehr, aber er gibt in seinem Weihnachtsbuch eben die Antwort: Gerade solche Ereignisse, wie sie uns jetzt so schmerzlich berühren, gerade solche Ereignisse zeigen, daß man kein Recht hat zu glauben, eine gütige Vorsehung oder weise Weltenregierung oder irgend etwas dergleichen durchwebe und durchlebe die Welt. Also Resignation, Sich-Hineinfmden darein, daß es einmal so ist! Auch ein Weihnachtsbuch! Ein Weihnachtsbuch, das sehr aufrichtig und ehrlich gemeint ist. Aber dieses Buch wird auf einem bedeutsamen Vorurteil beruhen. Es wird auf dem Vorurteil beruhen, daß man nicht auf geistige Art nach einem Sinn der Erde suchen darf, daß es der Menschheit untersagt ist, auf geistige Art nach einem Sinn zu suchen! Wenn man nur den äußeren Verlauf der Ereignisse ansieht, so sieht man diesen Sinn nicht. Dann ist es so, wie Haeckel meint. Und bei dem, daß dieses Leben keinen Sinn hat, müsse es bleiben - so meint Haeckel. Es dürfe der Sinn nicht gesucht werden! Wird nicht vielmehr der andere kommen und wird sagen: Wenn  wir unsere gegenwärtigen Ereignisse nur immer so äußerlich ansehen, wenn wir nur immer darauf hinweisen, daß unzählige Kugeln in der jetzigen Zeit die Menschen treffen, wir nur so hinsehen auf sie und sich kein Sinn ergibt, so zeigen sie uns gerade, daß wir diesen Sinn tiefer suchen müssen. Sie zeigen uns, daß wir nicht einfach in dem, was jetzt unmittelbar auf der Erde sich abspielt, den Sinn suchen dürfen und glauben, daß diese Menschenseelen vergehen mit dem Leiblichen, sondern daß wir suchen müssen, was sie nun beginnen, wenn sie durch die Pforte des Todes gehen. Kurz, es kann ein anderer kommen, der da sagt: Gerade weil sich im Äußeren kein Sinn findet, muß der Sinn außer dem Äußeren gesucht werden, muß der Sinn im Übersinnlichen gesucht werden. Ist es damit viel anders als mit derselben Sache auf einem ganz andern Gebiet? Haeckels Wissenschaft kann demjenigen, der so denkt, wie Haeckel heute denkt, zu einer Ablehnung jedes Sinnes des Erdendaseins werden. Sie kann dazu werden, daß man aus dem, was heute so schmerzlich geschieht, beweisen will, daß das Erdenleben als solches keinen Sinn hat. Aber wenn man sie in unserer Art erfaßt - wir haben das öfter getan -, dann wird gerade dieselbe Wissenschaft der Ausgangspunkt, um zu zeigen, welch tiefer, großer Sinn in den Weltenerscheinungen von uns enträtselt werden kann. Aber dazu muß Geistiges in der Welt wirksam sein. Wir müssen uns mit Geistigem verbinden können. Weil die Menschen noch nicht verstehen, auf den Gebieten der Gelehrsamkeit jene Macht auf sich wirken zu lassen, die so wunderbar die Herzen, die Seelen erobert hat, daß aus einer geradezu profanen Auffassung eine heilige Auffassung entstand beim Hinschauen auf das Weihnachtsgeheimnis, weil die Gelehrten das noch nicht erfassen können, weil sie noch nicht den Christus-Impuls mit dem verbinden können, was sie in der äußeren Welt sehen, ist es ihnen unmöglich, für die Erde einen Sinn, einen wirklichen Sinn zu finden. Und so muß man sagen: Die Wissenschaft mit allen ihren großen Fortschritten, auf welche die Menschen heute mit Recht so stolz sind, ist durch sich selber nicht in der Lage, zu einer den Menschen befriedigenden Anschauung zu führen. Sie kann, indem sie ihre Wege geht, in derselben Weise zur Sinnlosigkeit wie zum Erdensinn führen, ganz  so wie auf einem andern Gebiet. Nehmen wir diese in den letzten Jahrhunderten, insbesondere im 19. Jahrhundert und bis heute so stolz entwickelte äußere Wissenschaft mit all ihren wunderbaren Gesetzen, nehmen wir all dasjenige, was uns heute umgibt: Es ist von dieser Wissenschaft hervorgebracht. Wir brennen nicht mehr in derselben Weise wie Goethe noch sein Nachtlicht, wir brennen Licht und erleuchten unsere Räume in ganz anderer Weise. Und nehmen wir das alles, was heute aus unserer Wissenschaft in unseren Seelen lebt: durch die großen Fortschritte der Wissenschaft, auf welche die Menschheit mit Recht stolz ist, ist es entstanden. Aber diese selbe Wissenschaft, wie waltet sie? Sie waltet segensreich, wenn der Mensch Segensreiches entwickelt. Aber heute erzeugt sie, gerade weil sie eine so vollkommene Wissenschaft ist, die unbezwinglichen Mordinstrumente. Ihr Fortschritt dient der Zerstörung ebenso wie dem Aufbau. Geradeso wie auf der einen Seite die Wissenschaft, zu der sich Haeckel bekennt, zu Sinn und Unsinn führen kann, so kann die Wissenschaft, die so Großes erreicht, dienen dem Aufbau, dienen der Zerstörung. Und wenn es nur auf diese Wissenschaft ankäme, sie würde aus denselben Quellen heraus, aus denen sie aufbaut, immer Furchtbareres und Furchtbareres an Zerstörungswerken hervorbringen. Sie hat in sich nicht unmittelbar einen Impuls, der die Menschheit vorwärtsbringt. O wenn man das nur einmal einsehen könnte, man würde diese Wissenschaft in der richtigen Weise erst dann abschätzen können. Man würde erst dann wissen, daß in der Menschheitsentwickelung noch etwas anderes sein muß als das, was der Mensch durch diese Wissenschaft erreichen konnte! Diese Wissenschaft - was ist sie? Sie ist in Wirklichkeit nichts anderes als der Baum, der aus dem Grabe Adams wächst, und die Zeit wird immer näherrücken, wo die Menschen erkennen werden, daß diese Wissenschaft der Baum ist, der aus dem Grabe Adams wächst. Und die Zeit wird heranrücken, wo die Menschen erkennen werden, daß dieser Baum zum Holze werden muß, der der Menschheit Kreuz ist, und der erst dann zum Segen führen kann, wenn das daran gekreuzigt wird, was sich in der richtigen Weise verbindet mit dem, was jenseits des Todes liegt, aber schon im Menschen hier lebt: das, zu dem wir hinschauen in der heiligen Weihenacht, wenn wir diese heilige Weihenacht in ihrem  Geheimnis in der richtigen Weise empfinden, das, was auf kindliche Weise dargestellt werden kann, was aber die höchsten Geheimnisse birgt. Ist es denn nicht eigentlich wunderbar, daß in einfachster Art dem Volke gesagt werden kann: Hinein kam das, was durch das Menschenleben auf der Erde waltet, das, was eigentlich nicht über die Kindheit hinausgehen darf! Verwandt ist es mit dem, zu dem der Mensch als einem Übersinnlichen gehört. Ist es nicht wunderbar, daß dieses im eminentesten Sinne Übersinnlich-Unsichtbare in so einfachem Bilde den Menschenseelen so nahe kommen konnte - den einfachen Menschenseelen? Diejenigen, die gelehrt sind, werden auch noch erst den Weg machen müssen, den diese einfachen Menschenseelen gemacht haben. Es gab auch eine Zeit, wo man nicht das Kind in der Wiege, nicht das Kind in der Krippe darstellte, sondern wo man das Kind schlafend am Kreuz dargestellt hat. Das Kind schlafend am Kreuz! Ein wunderbar tiefes Bild, den ganzen Gedanken zum Ausdruck bringend, den ich heute vor Ihren Seelen habe erstehen lassen wollen. Und ist dieser Gedanke nicht im Grunde genommen recht einfach zu sagen? Das ist er! Suchen wir einmal nach dem Ursprung derjenigen Impulse, die heute so furchtbar in der Welt sich gegenüberstehen! Wo urständen diese Impulse? Wo urständet alles das, was heute der Menschheit das Leben so schwer macht, wo urständet das? In alledem, was wir in der Welt erst von dem Zeitpunkte an werden, bis zu dem wir uns zurückerinnern können. Gehen wir hinter diesen Zeitpunkt zurück, gehen wir hin bis zu dem Zeitpunkte, da wir gerufen werden als die Kindlein, die in das Reich der Himmel eintreten können. Da urständet es, da liegt in den Menschenseelen nichts von dem, was heute in Streit und Hader ist. So einfach kann der Gedanke ausgesprochen werden. Aber geistig müssen wir heute darauf blicken, daß es in der menschlichen Seele solch ein Urständiges gibt, das dennoch über alles Menschenstreiten, über alle Menschendisharmonie hinausgeht. Wir haben oft gesprochen von den alten Mysterien, die in der menschlichen Natur das erwecken wollten, was den Menschen in das Übersinnliche hinaufschauen läßt, und wir haben davon gesprochen, daß das Mysterium von Golgatha, für alle Menschen vernehmlich, das  übersinnliche Geheimnis auf den Schauplatz der Geschichte gestellt hat. Im Grunde genommen ist das, was uns mit dem wirklichen Christus-Gedanken verbindet, in uns dadurch da, wirklich dadurch da, daß wir doch Augenblicke in unserem Leben haben können, im wahren Sinne jetzt, nicht im bildlichen Sinne, wo wir trotz alledem, was wir in der äußeren Welt sind, lebendig machen können - indem wir zurückgehen und uns zurückfühlen in den Kindesstandpunkt, indem wir hinschauen auf den Menschen, wie er sich entwickelt zwischen Geburt und Tod, indem wir das in uns empfinden können -, das, was wir da als Kind erhalten haben. Ich habe letzten Donnerstag öffentlich vorgetragen über Johann Gottlieb Fichte. Ich hätte noch ein Wort sagen können - es hätte dazumal nicht voll verständlich werden können -, welches Aufklärung über vieles gibt, was gerade in dieser, in eigentümlicher Weise frommen Gestalt lebte. Ich hätte sagen dürfen, warum er eigentlich so ganz besonders geworden ist, wie er geworden ist, und ich hätte sagen müssen: Weil er, trotzdem er alt geworden ist, sich, mehr als andere Menschen, von der Kindlichkeit erhalten hat. Es ist mehr in solchen Menschen von der Kindlichkeit als in andern Menschen. Sie werden weniger alt, solche Menschen! Wirklich, von jenem in der Kindheit Vorhandenen bleibt mehr in solchen Menschen als bei andern Menschen. Und das ist überhaupt das Geheimnis vieler großer Menschen, daß sie bis ins späteste Alter in gewisser Weise Kinder bleiben können; noch wenn sie sterben, als Kinder sterben, natürlich nur teilgemäß ausgedrückt, da man ja mit dem Leben zusammen sein muß. Zu dem in uns, was so als Kindlichkeit lebt, spricht das Weihnachtsmysterium, spricht der Hinblick auf das göttliche Kind, das ausersehen worden ist, den Christus aufzunehmen; zu dem wir hinblicken als zu dem, über dem schon der Christus schwebt, der in Wirklichkeit zu der Erde Heil durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist. Machen wir uns das nur bewußt: Wenn wir die Abprägung unseres höheren Menschen, wenn wir unseren physischen Leib der Erde übergeben, so ist das nicht ein bloß physischer Vorgang. Da geht auch etwas geistig vor. Aber dieses Geistige geht nur dadurch in der richtigen Weise vor, daß hineingeflossen ist in die Erdenaura die Christus-Wesen heit, die durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist. Wir sehen dasjenige, was diese ganze Erde ist, nicht in ihrer Vollständigkeit, wenn wir nicht seit dem Mysterium von Golgatha verbunden mit der Erde den Christus sehen, jenen Christus, an dem wir vorbeigehen können wie an allem Übersinnlichen, wenn wir uns nur im materialistischen Sinne ausgerüstet fühlen; an dem wir aber nicht vorbeigehen können, wenn die Erde für uns einen wirklichen, einen wahren Sinn haben soll. Daher liegt alles daran, daß wir imstande sind, das in uns zu erwecken, was uns den Ausblick in die geistige Welt eröffnet. Machen wir für uns die Weihnachtsfeier zu dem, was sie insbesondere für uns sein soll: zu einer Feier, die nicht bloß der Vergangenheit dient, zu einer Feier, die auch der Zukunft dienen soll, jener Zukunft, die da die Geburt des geistigen Lebens für die ganze Menschheit nach und nach bringen soll. Wir aber wollen uns verbinden mit der prophetischen Empfindung, mit dem prophetischen Vorgefühl, daß solches Geborenwerden des geistigen Lebens gebracht werden muß der Menschheit, daß hinwirken muß über die Menschheitszukunft eine große Weihenacht, ein Geborenwerden desjenigen, was in den Gedanken der Menschen der Erde Sinn gibt. Jenen Sinn, den objektiv die Erde dadurch erhalten hat, daß sich die Christus-Wesenheit mit der Erdenaura durch das Mysterium von Golgatha verbunden hat. Denken wir in der Weihenacht daran, wie aus der Tiefe der Finsternis heraus das Licht in die Menschenentwickelung einziehen muß, das Licht des geistigen Lebens. Vergehen mußte jenes alte Licht des geistigen Lebens, das vor dem Mysterium von Golgatha, nach und nach verglimmend, da war, und das wiedererstehen muß, wiedergeboren werden muß nach dem Mysterium von Golgatha durch das Bewußtsein in der Menschenseele: daß diese Menschenseele zusammenhängt mit dem, was der Christus der Erde durch das Mysterium von Golgatha geworden ist. Wenn es immer mehr und mehr Menschen geben wird, die in einem solchen geisteswissenschaftlichen Sinne die Weihnacht aufzufassen wissen, dann wird diese Weihnacht eine Kraft in den Menschenherzen und Menschenseelen entwickeln, die ihren Sinn hat in allen Zeiten: in den Zeiten, in denen sich die Menschen den Glücksgefühlen, aber auch in den Zeiten, in denen sich die Menschen jenem Schmerzgefühl hingeben  müssen, das uns heute durchdringen muß, wenn wir an das große Elend der Zeit denken. Wie das Aufschauen zum Geistigen der Erde Sinn gibt, einer hat es mit schönen Worten ausgesprochen, die ich Ihnen heute noch vorbringen will: Was meinem Auge diese Kraft gegeben, Daß alle Mißgestalt ihm ist zerronnen, Daß ihm die Nächte werden heitre Sonnen, Unordnung Ordnung und Verwesung Leben? Was durch der Zeit, des Raums verworrnes Weben, Mich sicher leitet hin zum ewgen Bronnen Des Schönen, Wahren, Guten und der Wonnen, Und drin vernichtend eintaucht all mein Streben? Das ist's: seit in Urania's Aug', die tiefe, Sich selber klare, blaue, stille, reine Lichtflamm', ich selber still hineingesehen; Seitdem ruht dieses Aug' mir in der Tiefe Und ist in meinem Sein, - das ewig Eine, Lebt mir im Leben, sieht in meinem Sehen. Und in einer zweiten kleinen Dichtung: Nichts ist, denn Gott, und Gott ist nichts, denn Leben, Du weißest, ich mit dir weiß im Verein; Doch wie vermöchte Wissen dazusein, Wenn es nicht Wissen war* von Gottes Leben! «Wie gern', ach! wollt' ich diesem hin mich geben, Allein wo find ich's? Fließt es irgend ein Ins Wissen, so verwandelt's sich in Schein, Mit ihm vermischt, von seiner Hüll' umgeben.» Gar klar die Hülle sich vor dir erhebet, Dein Ich ist sie, es sterbe, was vernichtbar, Und fortan lebt nur Gott in deinem Streben.  Durchschaue, was dies Streben überlebet, So wird die Hülle dir als Hülle sichtbar, Und unverschleiert siehst du göttlich Leben. Allerdings, die Menschen wissen nicht immer, was sie gerade mit denjenigen machen sollen, die also sie hinweisen zum Schauen des Geistigen, das der Erde Sinn gibt. Nicht nur die Materialisten wissen das nicht. Die andern, die glauben, keine Materialisten zu sein, weil sie immer «Gott, Gott, Gott» oder «Herr, Herr, Herr» sagen, auch die wissen oftmals gerade aus diesen Führern zum Geistigen nicht das Rechte zu machen! Denn, was hätte man können machen mit einem Menschen, der da sagt: Nichts, ist, denn Gott! Alles ist Gott! Überall, überall ist Gott! - Der suchte Gott in allem, der da sagte: Durchschaue, was dies Streben überlebet, So wird die Hülle dir als Hülle sichtbar, Und unverschleiert siehst du göttlich Leben! Ihn, der überall göttlich Leben sehen will, ihn konnte man anklagen, daß er die Welt nicht zuläßt, daß er die Welt ableugnet - einen Weltleugner konnte man ihn nennen! Seine Zeitgenossen haben ihn einen Gottesleugner genannt und ihn deshalb von der Hochschule fortgejagt. Denn die Worte, die ich Ihnen vorgelesen habe, sind von Johann Gottlieb Fichte. Gerade er ist ein Beispiel dafür, wie - wenn es fortlebt in der menschlichen Seele durch das Erdensein hindurch, was in dem Mysterium von Golgatha, was aber im Zusammenhang mit diesem Mysterium von Golgatha im Weihnachtsgeheimnis als Impuls an Tönen der Seele angeschlagen werden kann - ein Weg damit eröffnet ist, auf dem wir jenes Bewußtsein finden können, in dem zusammenfließt unser eigenes Ich mit dem Erden-Ich, denn dieses Erden-Ich ist der Christus, durch das wir entwickeln etwas vom Menschen, das immer größer und größer werden muß, wenn die Erde jener Entwickelung entgegengehen soll, für die sie bestimmt war von Anbeginn. So wollen wir insbesondere aus dem Geiste unserer Geist-Erkenntnis heraus in diesem auch heute wiederum dargelegten Sinne den Weihnachtsgedanken in uns zum Impuls werden lassen, wollen versuchen,  dadurch, daß wir zu diesem Weihnachtsgedanken hinaufschauen, aus dem, was um uns herum vorgeht, nicht Unsinnigkeit der Erdenentwickelung zu schauen, sondern auch in Leid und Schmerz, auch in Streit und Haß etwas zu schauen, was zuletzt der Menschheit vorwärtshilft, die Menschheit wirklich auch um ein Stück vorwärtsbringt. Wichtiger als nach den Ursachen zu suchen, die ohnedies aus dem Parteistreit heraus so leicht verdeckt werden können, wichtiger als nach den Ursachen zu suchen für das, was heute geschieht, ist es, nach den möglichen Wirkungen hinzurichten den Blick, nach jenen Wirkungen hin, die wir uns vorstellen müssen als heilsam, als heilbringend für die Menschheit. Diejenige Nation, dasjenige Volk wird das Rechte treffen, welches in der Lage sein wird, aus dem, was aus dem blutgetränkten Boden heraus aufzusprießen vermag, der Zukunft ein der Menschheit Heilsames zu gestalten. Aber ein der Menschheit Heilsames wird nur entstehen, wenn die Menschen den Weg zu den geistigen Welten hin finden; wenn die Menschen nicht vergessen, daß es nicht nur eine zeitliche, daß es geben muß eine immer dauernde Weihenacht, ein immer dauerndes Geborenwerden des Göttlich-Geistigen in dem physischen Erdenmenschen. Diese Heiligkeit des Gedankens wollen wir insbesondere heute in unsere Seele einschließen, wollen sie behalten über die Zeit, die sich um Weihnacht herum gruppiert, und die uns auch in ihrem äußeren Verlauf ein Symboium sein kann für die Lichtentwickelung. Finsternis, Erdenfinsternis im höchsten Maße, wie sie hier auf der Erde sein kann, wird jetzt sein in diesen Tagen, in dieser Jahreszeit. Aber wenn die Erde in dieser tiefsten äußeren Finsternis lebt, wir wissen, die Erdseele erlebt ihr Licht, sie beginnt zu wachen im höchsten Maße. An die Weihnachtszeit schließt sich die geistige Wachezeit an, und mit dieser geistigen Wachezeit sollte sich das Andenken an das geistige Erwachen durch den Christus Jesus für die Erdenentwickelung verbinden. Daher die Einsetzung des Weihenachts-Weihefestes gerade in dieser Zeit. Wir wollen in diesem kosmischen und zugleich irdisch-moralischen Sinne den Weihnachtsgedanken mit unserer Seele verbinden und dann  gestärkt, gekräftigt gerade mit diesem Weihegedanken, so wie wir es können, auf alles das hinschauen, das Rechte wünschend für den Fortgang der Ereignisse, aber auch für den Fortgang dessen das Richtige wünschend, was sich in den Taten der Gegenwart entwickelt. Und indem wir das, was wir gerade aus diesem Weihnachtsfest an Stärkung in uns aufnehmen können, gleich beginnen in unseren Seelen rege zu machen, sehen wir nochmals hin zu den schützenden Geistern derjenigen, die auf schwerer Stätte draußen einzutreten haben für die großen Zeitereignisse: Geister Eurer Seelen, wirkende Wächter, Eure Schwingen mögen bringen Unserer Seelen bittende Liebe Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen, Daß mit Eurer Macht geeint Unsre Bitte helfend strahle Den Seelen, die sie liebend sucht! Und für diejenigen, die in dieser Zeit der schweren Menschenaufgaben schon durch die Pforte des Todes gegangen sind infolge der großen Anforderungen unserer Gegenwart, seien die Worte noch einmal in der folgenden Form gesagt: Geister Eurer Seelen, wirkende Wächter, Eure Schwingen mögen bringen Unserer Seelen bittende Liebe Eurer Hut vertrauten Sphärenmenschen, Daß mit Eurer Macht geeint Unsre Bitte helfend strahle Den Seelen, die sie liebend sucht! Und der Geist, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, der Geist, der sich zu der Erde Heil und Fortschritt angekündigt hat in dem, was die Menschen immer mehr und mehr auch im Weihnachtsmysterium verstehen werden, Er sei mit Euch und Euren schweren Pflichten!  ÜBER ALTE WEIHNACHTSSPIELE UND EINE VERKLUNGENE GEISTESSTRÖMUNG DER MENSCHHEIT Erster Vortrag, Dornach, 26. Dezember 1915 Wir haben zwei Weihnachtsspiele an unserer Seele vorüberziehen lassen. Wir dürfen vielleicht den Gedanken auf werfen: Ist das eine Weihnachtsspiel und das andere Weihnachtsspiel in demselben Sinne der großen Menschheitsangelegenheit gewidmet, die uns in diesen Tagen so lebendig vor der Seele steht? Grundverschieden, ganz verschieden sind die beiden Spiele voneinander. Man kann sich kaum etwas Verschiedeneres denken, das dem gleichen Gegenstande gewidmet ist, als die beiden Spiele. Wenn wir das erste Spiel betrachten: es atmet in allen seinen Teilen wunderbarste Einfachheit, kindliche Einfachheit. Seelentiefe ist darinnen, aber überall durchatmet, durchlebt von kindlichster Einfachheit. Das zweite Spiel bewegt sich auf den Höhen des äußeren physischen Daseins. Gleich wird daran gedacht, daß der Christus Jesus als ein König in die Welt eintritt. Gegenübergestellt wird er dem andern König, dem Herodes. Dann wird gezeigt, daß zwei Welten sich vor uns auf tun: diejenige, die im guten Sinne die Menschheit weiterentwickelt, die Welt, der der Christus Jesus dient, und die andere Welt, der Ahriman und Luzifer dienen, und die repräsentiert ist durch das teuflische Element. Ein kosmisches, ein kosmisch-geistiges Bild im höchsten Sinne des Wortes! Der Zusammenhang der Menschheitsentwickelung mit der Sternenschrift tritt uns gleich vor die Augen. Nicht das einfache, primitive Hirten-Hellsehen, das einen «Himmelsschein» findet, das man in den einfachsten Verhältnissen finden kann, sondern jene Entzifferung der Sternenschrift, zu der alle Weisheit der vergangenen Jahrhunderte notwendig ist und aus der man enträtselt, was da kommen soll. Hereinleuchtet in unsere Welt dasjenige, was aus andern Welten kommt. In den Traum- und Schlafzuständen wird dasjenige, was geschehen soll, gelenkt und geleitet, kurz, überall Okkultismus und Magie das ganze Spiel durchdringend. Grundverschieden sind die beiden Spiele. Das erste tritt uns ent gegen, man darf wirklich sagen: in kindlicher Einfachheit und Einfalt. Doch, wie unendlich mahnend ist es, wie unendlich fühlsam. Aber fassen wir zunächst einmal bloß den Hauptgedanken ins Auge. Diejenige menschliche "Wesenheit, die das Gefäß für den Christus vorbereiten soll, tritt in die Welt herein. Ihr Eintritt in die Welt soll vorgeführt werden, vorgeführt werden dasjenige, was der Jesus ist für die Menschen, in deren Daseinskreis er eintritt. Ja, meine lieben Freunde, so ohne weiteres hat diese Idee, diese Vorstellung keineswegs diejenigen Kreise erobert, innerhalb welcher dann mit Inbrunst, mit Hingebung solche Spiele angehört worden sind wie dieses. Derjenige, von dem ich Ihnen öfter gesprochen habe, Karl Julius Schröer, gehörte im 19. Jahrhundert zu den ersten Sammlern von Weihnachtsspielen. Er hat die Weihnachtsspiele gesammelt in Westungarn, die Oberuf erer Spiele, von Preßburg ostwärts, und er hat die Art und Weise studieren können, wie diese Spiele dort im Volke lebten und webten. Und das ist sehr, sehr bezeichnend, wenn man so sieht, wie diese Spiele sich von Generation zu Generation handschriftlich vererbten, und wie sich, nicht etwa, wenn Weihnachten nahe war, sondern wenn Weihnachten in der Zeit von fern heranrückte, diejenigen, die im Dorfe hierfür geeignet gefunden wurden, vorbereiteten, um diese Spiele darzustellen. Dann sieht man, wie innig verbunden mit dem Inhalt dieser Spiele das ganze Jahreskreislauf leben derjenigen Leute war, in deren Dorfkreisen solche Spiele aufgeführt wurden. Die Zeit, in der zum Beispiel Schroer in der Mitte des 19. Jahrhunderts diese Spiele dort gesammelt hat, war schon die Zeit, in der sie anfingen in der Art auszusterben, wie sie gepflogen worden sind bis dahin. Schon viele Wochen bevor Weihnachten heranrückte, mußten im Dorfe diejenigen Buben und Mädchen zusammengesucht werden, welche geeignet waren, solche Spiele darzustellen. Und sie mußten sich vorbereiten. Die Vorbereitung bestand aber nicht etwa bloß im Auswendiglernen und im Einüben desjenigen, was das Spiel enthält, um es darzustellen, sondern die Vorbereitung bestand darin, daß diese Buben und Mädel die ganze Lebensweise, die äußere Lebensweise änderten. Von der Zeit an, wo sie sich vorbereiteten, durften sie nicht mehr Wein trinken, nicht mehr Alkohol zu sich nehmen. Sie durften nicht mehr, wie es sonst auf dem Dorfe üblich ist, am Sonntag  raufen. Sie mußten sich ganz sittsam betragen, sie mußten sanft und mild werden, durften sich nicht mehr blutigschlagen und durften mancherlei anderes nicht, was sonst in Dörfern, besonders in jenen Zeiten, ganz gang und gäbe war. Da bereiteten sie sich durch die innere Stimmung der Seele auch moralisch vor. Und dann war es wirklich, wie wenn sie etwas Heiliges herumtrügen im Dorfe, wenn sie ihre Spiele aufführten. Aber nur langsam und allmählich kam das so. Gewiß, in vielen Dörfern Mitteleuropas war im 19. Jahrhundert solche Stimmung, war die Stimmung, daß man zu Weihnachten mit diesen Spielen etwas Heiliges entgegennahm. Aber man kann nur noch vielleicht ins 18. Jahrhundert zurückgehen und noch ein bißchen weiter, und diese Stimmung wird immer unheiliger - unheiliger. Diese Stimmung war nicht etwa von Anfang an da, da diese Spiele in das Dorf kamen, durchaus nicht von Anfang an da, sondern sie stellte sich erst im Laufe der Zeit heraus und ein. Es gab schon Zeiten, man braucht nicht einmal gar so weit zurückzugehen, da konnte man noch anderes finden. Da konnte man finden, wie sich das Dorf, da oder dort in Mitteleuropa, versammelte, und wie hereingebracht wurde eine Wiege, in der das Kind lag, in der ein Kindchen lag, keine Krippe, eine Wiege, in der das Kind lag, und dazu allerdings das schönste Mädchen des Dorfes - schön mußte Maria sein! -, aber ein häßlicher Joseph, ein urhäßlich aussehender Joseph! Dann wurde eine ähnliche Szene aufgeführt, wie Sie sie heute auch haben sehen können. Aber vor allen Dingen: da verkündet wurde, daß der Christus kommt, kam die ganze Gemeinde vor, und ein jeder trat auf die Wiege. Vor allen Dingen wollte ein jeder auf die Wiege etwas getreten und das Christkind auch geschaukelt haben, darum handelte es sich allen, und sie machten einen ungeheuren Krakeel, der ausdrücken sollte, daß der Christ in die Welt gekommen ist. Und in manche solche älteren Spiele ist eine fürchterliche Verspottung des Joseph eingestreut, der immer als ein tättelicher Greis in diesen Zeiten dargestellt worden ist, den man auslachte. Wie sind denn diese Spiele, die solcher Art waren, eigentlich in das Volk gekommen? Nun, wir müssen uns natürlich erinnern, daß die erste Form der größten, gewaltigen Erdenidee, des Erscheinens des  Christus Jesus auf der Erde, die Idee des durch den Tod gegangenen Heilands war, desjenigen, der durch den Tod das für die Erde gewonnen hat, was wir den Sinn der Erde nennen. Das Leiden des Christus war es zunächst, das im ersten Christentum in die Welt gekommen ist. Und dem leidenden Christus wurden ja die Opfer dargebracht in den verschiedenen Handlungen, die im Kreislauf des Jahres sich vollzogen. Aber nur ganz langsam und allmählich eroberte sich das Kind die Welt. Der sterbende Heiland eroberte sich zuerst die Welt, langsam und allmählich erst das Kind. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Liturgie lateinisch war, daß die Leute nichts verstanden. Vom Meßopfer, das Weihnachten festgesetzt war, fing man allmählich an, den Leuten — außer dem Meßopfer, das zu Weihnachten dreimal gehalten wird - noch etwas anderes zu zeigen. Vielleicht doch nicht so ganz mit Unrecht wenn auch nicht auf ihn selbst, so auf Anhänger von ihm -, wird die Idee, in der Weihnachtsnacht das Jesus-Geheimnis den Gläubigen zu zeigen, auf Franz von Assisi zurückgeführt, der aus einer gewissen Opposition gegen die alten Kirchenformen und den alten Kirchengeist überhaupt seine ganze Lehre und sein ganzes Wesen gehalten hat. Und da sehen wir allmählich, langsam, wie der gläubigen Gemeinde zu Weihnachten etwas geboten werden sollte, was mit dem großen Mysterium der Menschheit, mit dem Herabkommen des Christus Jesus auf die Erde zusammenhing. Zuerst stellte man eine Krippe auf und machte bloß Figuren. Nicht durch Menschen stellte man es dar, sondern man machte Figuren: das Kindlein und Joseph und Maria - aber plastisch. Allmählich ersetzte man das durch Priester, die sich verkleideten, und die das in der einfachsten Weise darstellten. Und erst vom 13., 14. Jahrhundert ab begann innerhalb der Gemeinden äußerlich diejenige Stimmung, die man etwa dadurch bezeichnen könnte, daß die Leute sich sagten: Wir wollen auch etwas verstehen von dem, was wir da sehen, wir wollen in die Sache eindringen. Und da fingen die Leute an, zuerst einzelne Teile mitspielen zu dürfen in dem, was zuerst nur von der Geistlichkeit gespielt war. Nun muß man natürlich das Leben in der Mitte des Mittelalters kennen, um zu begreifen, wie dasjenige, was mit dem Heiligsten zusammenhing, zugleich in einer solchen Weise genommen wird, wie ich es angedeutet habe. Das war damals durchaus mög lieh aus einem Entgegenkommen der Stimmung, daß die Gemeinde des Dorfes, die ganze Gemeinde, sagen konnte: Ich habe auch mit dem Fuß an der Wiege, wo der Christus geboren worden ist, ein wenig geschaukelt! - aus dem Entgegenkommen dieser Stimmung. Es ließe sich in diesem und in vielem andern ausdrücken, in dem Singen dabei, das sich zum Teil bis zum Jodeln steigerte, in alldem, das sich begeben hatte. Aber dasjenige, was in der Sache lebte, hatte in sich selber die Stärke, man möchte fast sagen, aus einem Profanen, aus einem Profanieren des Weihnachtsgedankens, zum Heiligsten selber sich umzubilden. Und die Idee des in der Welt erscheinenden Kindes eroberte sich das Allerheiligste in den Herzen der einfachsten Menschen. Das ist das Wunderbare gerade bei diesen Spielen, von deren Art das erste eines war, daß sie nicht einfach so da waren, wie sie jetzt uns erscheinen, sondern so geworden sind: Frommheit in der Stimmung erst entfaltend aus Unfrommheit heraus, durch die Gewalt desjenigen, was sie darstellen! Das Kind mußte erst die Herzen erobern, mußte erst Einlaß finden in die Herzen. Durch dieses, was in ihm selber heilig war, heiligte es die Herzen, die ihm zuerst in Grobheit und in Ungezahmtheit begegneten. Das ist das Wunderbare in der Entwkkelungsgeschichte dieser Spiele, wie überhaupt Stück für Stück das ChristGeheimnis die Herzen und die Seelen noch sich erobern hat müssen Stück für Stück. Und einiges von diesem Stück für Stück Eroberten wollen wir uns dann noch morgen vor die Seele führen. Heute möchte ich nur noch sagen: Nicht umsonst bemerkte ich, wie mahnend auch das Einfachste in dem ersten Spiel dasteht - mahnend. Wie gesagt, langsam und allmählich trat dasjenige, was mit dem Christus-Geheimnis in die Welt gekommen ist, in die Herzen und in die Seelen der Menschen ein. Und es ist eigentlich so: Je weiter man in der Überlieferung der verschiedenen Christ-Geheimnisse zurückgeht, desto mehr sieht man, daß die Ausdrucksform eine gehobene ist, eine geistig gehobene. Ich möchte sagen, in ein «im Kosmischen Aussprechen» kommt man hinein, je weiter man zurückkommt. Wir haben schon einiges davon in unsere Betrachtungen einfließen lassen, und auch im vorigen Weihnachtsvortrage hier habe ich gezeigt, wie die gnostischen Ideen verwendet worden sind, um das tiefe Christus-Geheimnis zu  verstehen. Aber selbst wenn wir noch in den späteren Zeiten des Mittelalters dies oder jenes verfolgen, so finden wir, wie noch in der Mitte des Mittelalters gerade in den damaligen Weihnachtsdichtungen etwas von dem vorhanden ist, was später weggeblieben ist: eine Betonung des urchristlichen Gedankens, daß der Christus hinuntersteigt aus Weltenweiten, aus Geisteshöhen. Wir finden es im 11., 12. Jahrhunderte, wenn wir zum Beispiel ein solches Weihnachtslied vor unsere Seele führen: Des menschgewordnen Gottessohnes Ehre Verkünden fröhlich jauchzend Himmelsheere, Und laut erschallet aus des Hirten Munde Die frohe Kunde. «Preis in der Höhe! und den Menschen Friede!» So tönet es in feierlichem Liede; Mit Staunen wird von Menschen heut' gesehen, Was nie geschehen. Der Himmel hell erglänzt im neuen Sterne; Von ihm geleitet, kommen aus der Ferne Die Weisen, und begrüßen mit Entzücken, Den sie erblicken. Mit ihm ist neu die Wahrheit nun geboren. Ersetzt ist, was durch Sünde war verloren; Es blühen herrlicher im Gnadenlichte Des Segens Früchte. Der Vorzeit Ahndung hat sich nun erschlossen, Seitdem der Erde diese Frucht entsprossen, Die Leben und Erquickung uns gewähret, Und ewig nähret. Gekommen ist, in unser Fleisch gekleidet, Der gute Hirt, der alle Völker weidet; Gewohnt hat er, wie wir, in Pilgerhütten, Für uns gelitten.  Heil nun der Erde, die sein Licht erblicket! Durch ihn für Zeit und Ewigkeit beglücket, Weih* jeder ihm, dem Retter, Dank und Liebe Mit reinem Triebe. Hilf, Christus, selbst uns dein Gesetz vollbringen, Laß gute Taten uns durch dich gelingen, Daß einst bei dir des ew'gen Lebens Krone Auch uns belohne! So war der Ton, der herunterklang von denjenigen, die noch etwas verstanden hatten von der ganzen kosmischen Bedeutung des ChristGeheimnisses. Oder ein anderes Weihnachtsgedicht auf das Weihnachtsfest gab es aus der Mitte des Mittelalters, etwas später als die Karolingerzeit: Der Gottessohn, von Ewigkeit erzeugt, der unsichtbar und ohne Ende, Durch den des Himmels und der Erde Bau, und alles, was da wohnt, erschaffen, Durch den der Tage und der Stunden Lauf vorübergeht und wiederkehrt; Den stets die Engel in der Himmelsburg in vollharmonischem Gesänge preisen, Hat sich, von aller Erbschuld frei, mit schwachem Leib bekleidet, Den aus Maria Er, der Jungfrau, nahm, die Schuld des ersten Vaters Adam, Sowie die Lüsternheit der Mutter Eva zu vernichten. Der heutige glorreiche Tag erhab'nen Glanzes zeugt, daß nun der Sohn, Die wahre Sonne, durch des Lichtes Strahl die alte Finsternis der Welt zerstreute. Nun wird die Nacht erhellt vom Lichte jenes neuen Sternes, Der einst den himmelskund'gen Blick der Magier in Staunen setzte, Und sieh*, den Hirten leuchtet jener Schein, die da geblendet wurden Vom hehren Glanz der himmlischen Bewohner.  O Gottesmutter, freue dich, die du bei der Geburt von einer Engelschar, Die Gottes Lob besingt, bedienet wirst. O Christus, du des Vaters einz'ger Sohn, der unsertwegen die Natur Des Menschen angenommen, so erquicke du die deinen, die hier flehen. O Jesus, höre mild die Bitten jener, derer du Dich anzunehmen dich gewürdigt hast, Um sie, o Gottessohn, teilhaft zu machen deiner Gottheit. Das ist der Ton, der, ich möchte sagen, von den Höhen der mehr theologisch gefärbten Gelehrsamkeit hinuntertönt ins Volk. Nun hören wir auch ein wenig den Ton, der zur Weihnacht aus dem Volk selbst erklang, wenn eine Seele sich fand, die des Volkes Empfinden wiedergab: Er ist gewaltic unde starc, der ze winnaht geborn wart: Daz ist der heilige Krist. ja lobt in allez daz dir ist Niewan der tiefel eine dur sinen grözen ubermuot So wart ime diu helle ze teile. In der helle ist michel unrät swer da heimuote hat, Din sunne schinet nie so licht, der mäne hilfet in niht, Noh der Hechte Sterne, ja müet in allez daz er siht, ja waer er da ze himel also gerne. In himelrich ein hus stat, ein guldin wec dar in gät, Die siule die sint mermelin,  die zieret unser trehtin Mit edeiem gesteine: da enkumt nieman in, er ensi vor allen sünden als6 reine. Swer gerne zuo der kilchen gät und ane nit da stät, Der mac wol vrölichen leben, den wirt ze jungest gegeben Der Engel gemeine, wol im daz er ie wart: ze himel ist daz Leben also reine. Ich hän gedienet lange leider einem Manne Der in der helle umbe gat der brüevet mine missetat, Sin Ion der ist boese. Hilf mich heiliger geist, daz ich mich von siner vancnisse loese. Das ist das Gebet, das der einfache Mensch sagte und verstand. Wir haben den Herabklang gelesen, haben jetzt den Hinaufklang. Ich will versuchen, dieses Weihnachtslied aus dem 12. Jahrhundert etwas wiederzugeben, damit wir sehen, wie auch der einfache Mensch die ganze Größe des Christus faßte und in Zusammenhang mit dem ganzen kosmischen Leben brachte: Er ist gewaltig und stark, der zu Weihnacht geboren ward. Das ist der Heilige Christ. Es lobt ihn alles, was da ist, nur nicht ganz allein der Teufel, der durch seinen großen Übermut so war, daß ihm die Hölle zuteil ward. In der Hölle ist michel Unrat - michel ist das alte Wort für groß, mächtig -, in der Hölle ist großer Unrat. Wer da seine Heimat hat, wer also in der Hölle zu Hause ist, der muß wahrnehmen: die Sonne scheint da niemals nicht, der Mond hilft, hellet niemandem, noch die lichten Sterne. Da muß jeder, der etwas sieht, sich sagen, wie schön  es wäre, wenn er in den Himmel gehen könnte. Er wäre ganz gern in dem Himmel. Im Himmelreich steht ein Haus. Ein goldner Weg dazu geht. Die Säulen sind Mermel, also von Marmor, geziert mit Edelgestein. Da aber kommt niemand hinein, als der von Sünden ganz rein ist. Wer zu der Kirche geht und da ohne Neid steht, der mag wohl höheres Leben haben, denn es wird immer junges gegeben, das heißt, wenn er zuletzt sein Leben geendet hat. Erinnern Sie sich, ich habe hier einmal das Wort «Jüngern» vom Ätherleib eingeführt. Hier haben Sie das in der Volkssprache sogar! Also wenn er «jung» ist gegeben der Engelgemeinde, daß wohl er darauf warten kann, denn im Himmel ist das Leben rein. - Und nun sagt der, der also dieses Weihnachtslied betet: Ich habe gefangen gedient leider einem Mann, der in der Hölle umgeht, der entwickelt hat meine gewisse Tat. Hilf mir, heiliger Christ, daß ich von seinem Gefangse gelöst werde, das heißt: aus dem Gefängnis des Bösen gelöst werde. Also das ist in der Sprache des Volkes: Er ist gewaltig und stark, Der zur Winacht geboren ward . . .  ÜBER ALTE WEIHNACHTSSPIELE UND EINE VERKLUNGENE GEISTESSTRÖMUNG DER MENSCHHEIT Zweiter Vortrag, Dornach, 27. Dezember 191$ Ich machte Sie gestern darauf aufmerksam, wie die Tatsache der JesusGeburt sich erst nach und nach die Herzen, die Seelen der Menschen erobert hat, wie das Weihnachtsspiel, so wie wir es auf uns wirken lassen konnten, sich im Grunde genommen erst allmählich in dieser edel-schönen Form und zu gleicher Zeit mit all der Weihestimmung entwickelt hat, mit der es eingeflossen war während der Zeiten, in denen es geblüht hat, wie man doch im Grunde genommen von den ersten Formen dieses Weihnachtsspieles sagen kann: Die Leute versuchten durchaus, aus einer ganz profanen Stimmung heraus, an dem teilzunehmen, was das Volk jahrhundertelang in einer ihm unverständlichen Weise gesehen hat. Das Christus-Kind hat sich erst nach und nach die Herzen der Menschen erobert. Und es ging sogar recht langsam, dieses Erobern der Herzen der Menschheit. Wenn wir im 8., 9., 10., 11. Jahrhundert sehen, daß dasjenige, was dann nach und nach die Priester zuerst gespielt haben, herübergezogen wird zu einer Teilnahme des Volkes, so ist diese Teilnahme eben, so wie ich es Ihnen gestern angedeutet habe, noch nicht von der edlen Form, die später diese Weihnachtsspiele hatten, von denen wir eben zwei Beispiele kennengelernt haben. Aber ich versuchte Sie aufmerksam zu machen, daß diese zwei Spiele ganz verschieden in ihrem Ursprünge sind, und daß man ihnen dies deutlich ansieht. Das erste Spiel hat etwas Einfach-Volkstümliches, ganz sof daß man diesem Spiel ansieht: Die Hauptsache dabei ist, vorzustellen, wie das Kind, in dem der große Weltengeist dann später verkörpert war und sich innerhalb des Erdenseins betätigte, wie dies Kind in die Welt getreten ist, wie es aufgenommen ist auf der einen Seite von den Wirtsleuten, den beiden Wirten, auf der andern Seite von den Hirten. Und im Grunde genommen tritt aus diesem Weihnachtsspiel, aus dem ersten, das wir gestern gesehen haben, ganz besonders dies zutage,  wie verschieden die Aufnahme bei den Wirten und bei den Hirten war. Das prägt sich uns ganz besonders daraus ein. Ganz anders das andere Weihnachtsspiel. Da werden wir gleich darauf geführt, daß weise Männer - was zugleich in dieser Zeit für die Volker, die dabei in Betracht kommen, weise Könige waren, Magier in den Sternen gelesen haben, welches bedeutsame Schicksal der Menschheit bevorsteht. Also wir sehen okkult alte Weisheit zugleich in die Handlung des Spieles ausgegossen. Und wir sehen dann im weiteren Verlaufe, wie dem Wesen, das nun im Sinne dieser okkulten Weisheit, dieses aus den Sternen Erkundeten eintritt in das Erdengeschehen, entgegentritt derjenige, an dessen Seite wir klar sehen das Böse, das zurückgebliebene Prinzip, das teuflische, das ahrimanisch-luziferische Prinzip - Herodes. Wir sehen, wie das Christus-Prinzip und das luziferischahrimanische Prinzip einander gegenübergestellt werden. Wir sehen aber auch, wie in den Verlauf der Ereignisse hinein sich geltend macht dasjenige, was aus geistigen Sphären heraus geoffenbart wird. Wie aus geistigen Sphären heraus die Lenkung verkündend, erscheinen die Engel und leiten und lenken das Geschehen, so daß dasjenige, was Herodes will, nicht geschieht, daß etwas anderes geschieht. Die Menschen werden in ihrem Willen durchpulst von dem, was aus geistigen Welten kommt. Also wir haben ein Spiel, das uns in bezug auf die in ihm liegenden Kräfte durchaus über das bloße Erdengeschehen hinausweist. Wenn wir daran denken, wie diese beiden Spiele einander gegenüberstehen, das eine von primitivem Volksanschauen durchtränkt, das andere von einer Weisheit durchtränkt, die uns wirklich auf eine Urweisheit der Erdenentwickelung zurückweist, so werden wir dazu geführt, mancherlei Gedanken in uns aufsteigen zu lassen über dasjenige, was im Laufe der Zeiten geschehen ist und was mit der ganzen Bedeutung des Mysteriums von Golgatha für die Erdenentwickelung zusammenhängt. Bedenken wir einmal, daß immerhin zur Zeit - im weiteren Sinne zur Zeit -, als das Mysterium von Golgatha sich abgespielt hat, in gewissen Kreisen eine tiefe, tiefe Weisheit über geistige Angelegenheiten vorhanden war. Man nennt dasjenige, was an solcher tiefen Weisheit vorhanden war, Gnosis. In der äußeren Welt, in dem Fortgang der geistigen Kultur Europas, kann man geradezu sagen, daß diese Gnosis,  dieses, was da als eine tiefgeistige Wissenschaft von den Geheimnissen der geistigen Welt vorhanden war, innerhalb der Kultur Europas für die äußere Welt verschwunden war, daß man im 3., 4., 5., 6. Jahrhundert innerhalb des geistigen Lebens wirklich noch recht wenig davon geahnt hat, was in dieser Wissenschaft enthalten war. Diejenigen, die etwas gewußt haben - ich meine diejenigen, die das gewußt haben, was man eben so einfach wissen konnte, wenn man christlicher Priester, christlicher Gelehrter war -, die wußten eigentlich von dieser Gnosis dadurch, daß es Gegner dieser Gnosis in den ersten Jahrhunderten des Christentums gegeben hat und diese Gegner die Gnosis bekämpft haben. Denken Sie sich einmal,wenn heute irgendwie zustande kommen würde, daß die sämtlichen Bücher, die wir zu unserer Literatur zählen, und alle Zyklen, ausgemerzt würden, verbrannt würden, daß nichts davon bliebe, und nur dasjenige bliebe, was die Gegner geschrieben haben - und in einigen Jahrhunderten würde jemand diese Bücher der Gegner, die da blieben, in die Hand bekommen, und er würde sich daraus eine Vorstellung zu bilden haben von demjenigen, was in unseren Büchern geschrieben stand: So war es mit der Gnosis! Einer der bedeutendsten Kirchenschriftsteller, die geschrieben haben, war Irenäus, der Schüler des Bischofs Polykarp von Kleinasien, der selber noch ein Apostelschüler war. Irenäus hat aber als Gegner der Gnosis geschrieben. Dasjenige, was die Gnostiker gelehrt haben, konnte man im Laufe der Jahrhunderte nur dadurch erfahren, daß man sah, was Irenäus angeführt hat, was er in seinem Buche verzeichnet hat, um es zu widerlegen. Also alles mußte man in Kauf nehmen von dieser alten Weisheit, was dadurch bewirkt wird, daß man diese Weisheit nur von einem Gegner überliefert hatte. Sie sehen daraus, daß eigentlich die ganze Entwickelung des Abendlandes darauf angelegt war, daß etwas, was aus der alten Zeit heraufkam, ausgemerzt, richtig ausgemerzt wurde. Äußerlich können Sie einfach an dieser Tatsache sehen, wie neu für die abendländische Kultur der Anfang war, der mit dem Mysterium von Golgatha gegeben war; wie es im Grunde genommen überall mit etwas ganz Neuem anfing. Wirklich, ich möchte sagen, wie eine verschüttete Stadt im Erdreich begraben ist, so begraben war das alte Schrifttum für dasjenige, was nun neu entstand aus den alten Kirchenvätern heraus  über Ambrosius, Augustin, Scotus Erigena und so weiter. Ein neuer Anfang! Und wie wenn eine neue Stadt über einem scheinbar neuen Boden sich erhebt, so erhob sich das Neue - eine neue Stadt, aber auf einem Boden, in dem versunken ist, ohne daß man ahnt, wie sie ausgesehen hat, die alte Stadt. So war es wirklich mit dem Gange der europäischen Kultur. Daher ist auch zu ersehen, daß in unserer Zeit, wenn es wiederum geistige Vertief ung geben soll, die Notwendigkeit vorliegt, daß diese geistige Vertiefung aus der ursprünglichen Kraft der Menschen erreicht wird, daß die Menschen selber wiederum finden, was sie äußerlich, wenigstens innerhalb des Ganges der europäischen Geistesentwickelung, nicht überliefert erhalten haben. Und - davon kann ich heute nicht sprechen, weil das zu weit führen würde - davon kann gar keine Rede sein, daß etwa das Herbeiholen der morgenländischen Urkunden ein Ersatz sein könnte für dasjenige, was an äußeren Urkunden im abendländischen Geistesleben verschwunden ist, aus dem einfachen Grunde, weil die morgenländischen Urkunden in der Tat etwas viel, viel Primitiveres geben, als das war, was innerhalb der Welt geworden ist, die sich über Kleinasien, über Nordafrika, über Südeuropa, auch zum Teil sogar über Mitteleuropa erstreckte. Das, wozu sich da das geistige Erkennen entwickelt hatte, war in den ersten Jahrhunderten der christlichen Entwickelung gründlich ausgemerzt worden, das kam wirklich nur durch die Bekämpfungsschriften der Gegner auf die Nachwelt. Nun haben wir in diesen Schriften, die da ausgemerzt worden sind, nicht etwa bloß das Wissen, das geistige Wissen, welches sich bezogen hat auf die geistigen Welten, abgesehen von dem Christus, sondern es ist in diesen Schriften auch mit verlorengegangen die Anwendung der ganzen alten umfassenden Geistesweisheit auf das Mysterium des Christus Jesus. Diese Gnostiker haben in ihrer Art begreifen wollen — wenn wir sie Gnostiker nennen wollen -, was der Gang der Erdenentwickelung ist, was der Christus für eine Wesenheit ist. Es war damals noch nicht die Zeit gekommen, die Sache in der Art zu begreifen, wie wir sie jetzt wiederum begreifen, indem wir aus den ursprünglichen Geisteswelten Wahrheiten herausholen, die nicht aufgeschrieben zu werden brauchen, weil sie in der geistigen Welt unmittelbar in lebendiger Weise vorhanden sind. Die Kunde von dem Wesen des Christus Jesus so herauszu holen, war nicht möglich. Das ist erst in unsereV Zeit möglich. Aber in der älteren Art wurden über den Christus gewisse Dinge gewußt in einem Wissen, das eben wirklich verlorengegangen ist. Erst in der neuesten Zeit wurden einige spärliche Reste gefunden: die Pistis-SophiaSchrift, dann die Schrift über das «Geheimnis Jeü», die nunmehr so da sind, wie wenn durch sie die Menschen auch auf äußerliche Weise aufmerksam gemacht werden sollten, daß das Christus-Wissen, das nun auf unsere Art angestrebt wird, doch nicht so töricht ist, wie es die Gegner unserer Bewegung hinstellen wollen. Das Buch des Jeü - es ist von ihm wenig erhalten, in koptischer Schrift, aber das Wenige, das erhalten ist, ist wie ein Hinweis darauf: Seht euch dasjenige an, was in den Evangelien vorhanden ist -, das ist doch nicht das einzige, was das Denken der Menschen in den ersten Jahrhunderten der christlichen Entwicklung erfüllt hat. Dieses Buch Jeü enthält Mitteilungen darüber, wie der Christus nach der Auferstehung, nachdem er durch das Mysterium von Golgatha durchgegangen ist, zu denjenigen gesprochen hat, die ihn dazumal verstehen konnten, die seine Jünger geworden waren. Das Merkwürdige ist, daß dieses Buch Jeü - das kleine Fragment meine ich, das davon da ist - in einer ganz andern Weise als selbst das Johannes-Evangelium deutlich über den Christus und das, was er ist, spricht. Das Merkwürdige ist, daß in diesem Buch ein Wort immer wiederkehrt, das uns deutlich besagt, es soll auf etwas aufmerksam gemacht werden. Und dieses, auf was aufmerksam gemacht werden soll, möchte ich in der folgenden Weise umschreibend erklären. Nehmen Sie an, es hätte jemand in der damaligen Zeit klarmachen wollen, wozu eigentlich der Christus Jesus in die Erdenentwickelung eingetreten ist, er hätte so gesprochen, er hätte gesagt zu denjenigen, die es verstehen können: Seht, es kommt nun eine Zeit, wo die Menschen der BewußtseinsseelenEntwickelung entgegengehen werden. Es kommt eine Zeit, wo die Menschen die Welt zu begreifen haben werden durch die äußeren, physischen Organe, durch die Organe, die im wesentlichen im physischen Leib verankert sind. Jene Zeit ist vorbei, in welcher die Menschen Uroffenbarungen durch ursprünglich primitives Hellsehen gehabt haben. Die Zeit ist vorbei, wo die Menschen etwas gewußt haben nicht bloß dadurch, daß sie ihren physischen Leib mit seinen Werkzeugen in An wendung gebracht haben, sondern dadurch, daß sie ihren Ätherleib unabhängig vom physischen Leib zu Erkenntnissen verwenden konnten. Die Menschen werden jetzt nur ihren physischen Leib als Werkzeug verwenden müssen. Aber man wird in der Zukunft auch etwas wissen können von dem, was bisher nur durch den Ätherleib gewußt worden ist. In der äußeren Welt wird es nur ein Wissen geben, das an den dem Tod unterliegenden physischen Leib gebunden ist. Aber das Wissen über die geistige Welt kann man nicht haben durch die Werkzeuge, die an den physischen Leib gebunden sind. Da muß ein Helfer kommen, der bei den Menschen dasjenige anfacht, was nur der Ätherleib wissen kann. Da muß einer kommen, der nicht das Tote des physischen Leibes anfacht, sondern der anfacht das Lebendige im Menschen, das Ätherisch-Lebendige, der mit dem Lebendigen ist, der mit dem ist, was auf der Erde nicht irdisch an dem Menschen ist. Es muß einer da sein, der herausreißt aus diesem trägen, toten physischen Leib jenen Verstand, der die geistige Welt verstehen kann, jenen Verstand, der im Menschen ist und der mit dem Himmel verbunden ist - jenen Verstand, der nicht von der Welt gekreuzigt werden kann, weil er dem Himmel angehört, der selber die Welt kreuzigt, das heißt: der die Welt überwindet. Vorstellen muß man sich, daß die Menschen also früher, als sie den Christus noch nicht in seiner wahren Wesenheit sehen konnten, wie er durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, sich mit dem Ätherleib in primitivem Hellsehen mit der geistigen Welt verbunden gefühlt haben. Wie der physische Leib immer verhärteter und verhärteter geworden ist und eben dadurch zum Instrument geworden ist; wie einer kommen mußte, eben der Christus, um herauszuholen aus dem trägen Instrument des physischen Leibes das Lebendige. Das muß man sich vorstellen. Und nun betrachten wir dieses Buch Jeu: Wie der Christus, nachdem er durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, zu denjenigen spricht, die gelernt haben, sich an ihn zu halten, an die Weisheit, die in seinen Worten enthalten ist, zu halten: «Ich habe euch geliebt und euch das Leben zu geben gewünscht.» Wir hören es aus dem Satze heraus: «und euch das Leben zu geben gewünscht», er hat gewünscht, diesen  trägen physischen Leib herauszuholen aus seiner Trägheit und das zu geben, was nur der ätherische Leib geben kann. «Jesus der Lebendige, ist die Erkenntnis der Wahrheit.» Der Lebendige - also derjenige, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, spricht, indem er sich hinstellt als der Vertreter des Lebendigen. Dann geht der Text weiter: «Dies ist das Buch von der Erkenntnis des unsichtbaren Gottes vermittels der verborgenen Mysterien», also derjenigen Mysterien, die im Menschen verborgen sind, «die den Weg zum auserwählten Wesen des Menschen zeigen, in der Stille hinführend zum Leben des Weltenvaters, in der Ankunft des Erlösers, des Erretters der Seelen, die das Wort des Lebens, das höher ist denn alles Leben, in sich aufnehmen werden, in der Erkenntnis Jesu, des Lebendigen, der durch den Vater aus dem Lichtäon in der Allheit des Pleroma», also anderer Äonen, aller der geistigen Wesen, «herausgekommen ist, in der Lehre, außer der es keine andere gibt, die Jesus, der Lebendige, seinen Aposteln gelehrt hat, indem er sagte: Dies ist die Lehre, in der die gesamte Erkenntnis ruht.» So also haben wir uns vorzustellen, daß der Auferstandene, der durch das Mysterium von Golgatha Gegangehe, zu den Jüngern, die gelernt haben zu ihm zu gehören, spricht. «Jesus, der Lebendige, hub an und sprach zu seinen Aposteln: <Selig ist der, welcher die Welt gekreuzigt hat und nicht die Welt hat ihn kreuzigen lassen>», der also im Menschen dasjenige erfassen kann, was nicht überwunden wird von der Materie, von der äußeren physischen Materie. «Die Apostel antworteten einstimmig, indem sie sagten: <Herr, so lehre uns diese Art des Kreuzigens der Welt, damit sie uns nicht kreuzige, und wir zugrunde gehen und unser Leben verlieren könnten.> Jesus, der Lebendige, antwortete und sprach: <Der die Welt gekreuzigt hat, ist derjenige, welcher mein Wort gefunden hat und es nach dem Willen dessen, der mich gesandt hat, erfüllt hat.> Und die Apostel antworteten, indem sie sagten: <Sprich zu uns, Herr, auf daß wir dich hören. Wir sind dir gefolgt mit ganzem Herzen, haben Vater und Mutter verlassen, haben Weinberge und Äcker verlassen, haben Güter verlassen, haben die Herrlichkeit des äußeren  Königs verlassen und sind dir gefolgt, damit du uns das Leben deines Vaters, der dich gesandt hat, lehrest.>» Und auf diese Aufforderung der Apostel erwiderte nun der Christus Jesus, der Lebendige, dasjenige, was er ihnen zu sagen hat: «Christus, der Lebendige, antwortete und sprach: <Das Leben meines Vaters ist dies, daß ihr aus der Menschenwesenheit jenes Verstehens eure Seele empfanget, die nicht irdisch ist>». Also das will der Lebendige, daß diejenigen, die seine Jünger sind, verstehen lernen, daß es im Menschen ein Verständnis der geistigen Dinge gibt, das sich losreißen kann von dem physischen Leib, das nicht irdisch ist. Wenn sie das in sich rege machen, dann verstehen sie in Wahrheit sein Wort. «<Dies Wesen aller Seelen, das verständlich wird durch das, was ich euch im Verlauf meines Wortes sage. Und daß ihr es vollendet und vor dem Archon>», vor dem Wesen dieses Äons, dieses Zeitalters, «<und seinen Nachstellungen », des ahrimanisch-luziferischen Wesens, «<und seinen Nachstellungen, die kein Ende haben, damit ihr vor denen gerettet werdet. Ihr aber, meine Jünger, beeilet euch, mein Wort sorgfältig bei euch aufzunehmen, auf daß ihr es erkennt, damit der Archon dieses Äons>», also Ahriman-Luzifer, «<mit euch nicht streite, weil er keine seiner Befehle in mir finden kann>», der also seine Befehle außerhalb desjenigen findet, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, «<damit ihr selbst, o meine Apostel, mein Wort in bezug auf mich erfüllet und ich selbst euch frei mache, und ihr durch die Freiheit, an der kein Makel ist, heilig werdet. Wie der Geist des Heiligen Geistes heilig ist, so werdet auch ihr durch die Freiheit des Geistigen, des Heiligen Geistes, heilig werden.> Es antworteten alle Apostel einstimmig, Matthäus und Johannes, Philippus und Bartholomäus und Jakobus, indem sie sagten: <0 Jesus, du Lebendiger, dessen Güte ausgebreitet ist über die, welche seine Weisheit und seine Gestalt in der Erleuchtung gefunden haben, o Licht, das in dem Lichte, das uns unsere Herzen erleuchtet hat, wie wir das Licht des Lebens empfangen, o wahrer Logos, daß durch die Gnosis uns die wahre Erkenntnis dessen wurde, aus Lebendigem gelehrte Jesus, der Lebendige, antwortete und sprach: <Selig ist der Mensch,  der dies erkannt hat und den Himmel nach unten geführt hat>», das heißt, der sich bewußt geworden ist, daß in ihm etwas ist, das nicht zusammenhängt mit diesem irdischen Leib, sondern das zusammenhängt mit den Wesenheiten der Himmel, und der das, was in ihm mit dem Himmel verbunden ist, was oben ist, unten einführt in das Erdengeschehen. «< Selig ist der Mensch, der dies erkannt hat und den Himmel nach unten geführt und die Erde getragen und zum Himmel geschickt hat>», dasjenige, was in ihm irdisch ist, verbunden hat mit dem, was in ihm himmlisch ist, damit er, wenn er durch die Pforte des Todes geht, mit den Früchten des Irdischen, durch das Himmlische die Erde zum Himmel wieder führen kann. «Es antworteten die Apostel, indem sie sagten: <Jesus, du Lebendiger, erkläre uns, in welcher Weise man den Himmel nach unten führt. Denn wir sind dir gefolgt, damit du uns das wahre Licht lehrest.> Und Jesus, der Lebendige, antwortete und sprach: <Das Wort, das im Himmel existiert>», also er meint das, was man als Weisheit, als Erkenntnis haben kann, unabhängig von der physischen Wesenheit des Menschen. «<Das Wort, das im Himmel existiert, bevor die Erde entstand, jene Erde, welche man Welt nennt. Ihr aber, wenn ihr mein Wort erkennt, werdet den Himmel nach unten führen, und das Wort wird in euch wohnen. Der Himmel ist das unsichtbare Wort des Vaters.Wenn ihr aber dies erkennt, werdet ihr den Himmel nach unten führen. Die Erde zum Himmel zu schicken werde ich euch zeigen, wie es ist, damit ihr es erkennt; die Erde zum Himmel zu schicken, ist: der Hörer des Wortes der Erkenntnis, der aufgehört hat, Verstand eines Erdenmenschen nur zu sein, sondern Himmelsmensch geworden ist>», der also losgerissen hat sein Verstehen in sich von dem äußeren physischen Leib, der aufgehört hat, Erdenmensch zu sein und Himmelsmensch geworden ist. Sein Verstand hat aufgehört, irdisch zu sein; er ist himmlisch geworden. «<Deswegen werdet ihr vor dem Archon dieses Äon>», vor ahrimanisch-luziferischem Wesen, <gerettet werden>». Sie sehen ein Stück, das geblieben ist, wieder aufgefunden worden ist, und das die Menschen aufmerksam machen könnte, welch unendlich tiefes Wissen man einmal in den ersten christlichen Jahrhunderten verbunden hat mit dem Geheimnis des Mysteriums von Golgatha. Die  Theologen in der Gegenwart werden in der Regel recht wild, wenn man irgendwie auf diese oder andere ähnliche Schriften aufmerksam machen will. Daß sie bestehen, geben sie zu, gewiß. Äußerlich, historisch, behandeln sie sie und geben Ausgaben von ihnen heraus. Aber sie sind überzeugt davon, diese normalen Theologen der Gegenwart, daß diese Schriften bis zu einem gewissen Grade mit Recht vergessen worden sind, weil sie doch nur allerlei phantastische Hirngespinste enthalten, mit denen sich der vernünftige Mensch der Gegenwart nicht mehr befassen soll; daß dies einem aufgeklärten Geiste nicht mehr angemessen ist. Aber in gewissem Sinne sind das Hinweise darauf, daß wir mit dem, was wir nunmehr aus dem Born, aus dem Quell der geistigen Welten herausholen, doch an etwas anknüpfen, was in der Erdenentwickelung schon da war, was nur eine Zeitlang unterirdisch fortfließen mußte, wie gewisse Wasser in den Alpen unterirdisch fortfließen, nachdem sie eine Weile oberirdisch waren; dann verschwinden sie in die Tiefen hinein und erscheinen später wieder. So war das Geisteswissen durch die Jahrhunderte wie in unterirdischen Welten fortgeflossen und soll jetzt wiederum herauskommen. Damit diejenigen, die gar nicht an solche Ursprünglichkeiten des Erfließens von spirituellen Quellen in das Erdendasein glauben können, auch äußerlich einen Hinweis bekommen, hat die Geschichte einige Stücke, einige Fetzen einer reichen alten Literatur erhalten, die ausgebreitet war, die groß und gewaltig war, und die eigentlich wirklich nur gekannt ist in den Gegenschriften, zum Beispiel denen des Irenäus und ähnlicher Leute, die sie nur widerlegen wollten. So müssen wir sagen: Unter außerordentlich schwierigen Verhältnissen hat sich das Geheimnis von Golgatha hereingelebt in die abendländische Kultur. Und das erste war das Ergebnis des gewaltigen Wortes des Paulus, das ihm erflossen ist aus seiner Erscheinung von Damaskus: das Geheimnis von dem Tode, von dem Durchgang durch das Mysterium von Golgatha. Daran knüpften sich dann jene weitgehenden Diskussionen über die Art und Weise, wie der Christus mit dem Jesus verbunden war, wie die göttliche und Menschennatur miteinander verbunden waren, wie die drei Veranschaulichungsformen des Göttlichen, die als die drei Personen in die abendländische christliche Kulturentwickelung eintreten, sich zueinander verhalten und dergleichen. Man  kann sagen: Dasjenige, was menschliche Weisheit war, ging zurück. Auch diese Kraft des Wissens ging zurück. Es war eine ungeheuer starke Weisheitskraft, die in jenen Menschen vorhanden war, die zu solchem kommen konnten, wie das ist, was ich Ihnen eben vorgelesen habe eine starke Weisheitskraft. Es ging ganz, ganz zurück. Und man hörte viel lieber hin auf solche, die sagen konnten: Der Jesus, der Christus war da in Person auf der Erde; man weiß das, daß er da war, denn ich habe den Polykarp gekannt, und der Polykarp hat die Jesus-Schüler gekannt! - Da war eine unmittelbar persönliche Überlieferung. Es fängt an auf eine gewisse Art der Glaube an nur dasjenige, was physisch da war, an die physische Fortentwickelung. Indem allmählich die geistige Weisheit versickert, kommt der Glaube an das bloß Physische herauf. Man kann sagen: Etwa Irenäus - was war er für ein Geist? Er war ein Geist, der sagte: Da hat es Gnostiker gegeben: diese behaupten, etwas zu wissen durch einen Verstand, der unabhängig wirken kann vom physischen Leib. Das alles ist Unrecht, das alles ist, wie man damals sagte, ketzerisch, daran dürfen die Menschen nicht glauben. Und er widerlegt es. Solche Widerleger fanden sich immer mehr und mehr, immer weiter und weiter. Und es blieb selbstverständlich die Gewalt des Mysteriums von Golgatha, die Gewalt der Tatsache, die Gewalt der Überlieferung. Durch das, was man überliefert hatte, was als Tatsache wirkte, pflanzte sich jetzt das Christentum fort. Was sich als Wissenschaft fortpflanzte, das versickerte eigentlich. Und der Nachfolger des Irenäus in unserer Zeit bekämpft wiederum alles dasjenige, was also aus einem wirklichen Wissen der geistigen Welt kommt. Wer ist der Vorläufer und wer ist der Nachfolger? Irenäus, der Bischof von Lyon, der die Gnostiker bekämpfte; und der Irenäus unserer Zeit, der Bischof der Materie von Jena, ist Ernst Haeckel ~ der Nachfolger des Irenäus. Das ist Entwickelungslinie, meine lieben Freunde! Das andere sind nur Anachronismen, denn aus demselben Geiste heraus wirkt auch die Ablehnung des Ernst Haeckel. In bezug auf die Denkweise ist eine gerade Fortpflanzungslinie von Irenäus, dem Bischof von Lyon, bis zu Ernst Haeckel. Diese Dinge muß man nur objektiv historisch nehmen, nicht mit irgendeinem Gefühl von kritischer Sympathie oder Antipathie, sondern ganz objektiv historisch.  Wenn wir uns diesen ganzen Gang der Geistesentwickelung vorstellen, dann bekommen wir ein Gefühl für etwas, was hier von einer andern Seite auch schon berührt worden ist: dafür, daß eigentlich dieser christlichen Entwickelung gar nicht entgegenkam das, was die Menschen verstehen konnten. Das Verstehen, das geistige Auffassen soll erst jetzt kommen. Denn die Menschen hatten die Kraft verloren, so etwas zu verstehen, was nur geistig zu verstehen ist, wie das Mysterium von Golgatha. Das, wodurch sich das Mysterium von Golgatha die Menschheit eroberte, das war nicht durch den Verstand, sondern das war durch die Tatsache. Und diese Tatsache wirkte eigentlich auch in einer ganz sonderbaren Weise. Jetzt ist eigentlich von dieser Sache nur noch ein ganz schwacher Nachklang vorhanden. Allein in den ersten Jahrhunderten, wenn man vorbrachte die Erzählung von dem Erscheinen des Christus auf der Erde zu Weihnachten, dann las man zunächst die ersten Kapitel der Schöpfungsgeschichte vor. Man brachte unmittelbar in Zusammenhang mit dem Weihnachtsmysterium die Schöpfungsgeschichte, den Anfang der Bibel. Jetzt ist nur noch eines im Zusammenhang damit geblieben: Wenn Sie den Kalender ansehen, haben Sie am 25. Dezember das Christfest, am 24. Adam und Eva. Daß das in unmittelbarem Zusammenhang im Kalender erscheint, ist der letzte Rest dessen, was im Bewußtsein vorhanden war: daß man zusammen dachte, als das Weihnachtsfest einmal für eine bestimmte Jahreszeit festgestellt war, die Schöpfungsgeschichte mit dem Weihnachtsmysterium. Aber nicht nur, daß man äußerlich zuerst die Schöpfungsgeschichte vorbrachte und dann das Weihnachtsmysterium, sondern es wurde auch immer wieder und wiederum aufmerksam gemacht auf eine der tiefsten Sagen, welche den Zusammenhang der Welt, des Erdenanfanges, mit dem Mysterium von Golgatha darstellen wollten. Darauf aufmerksam wurde gemacht, wie, als Adam aus dem Paradiese vertrieben worden war, der Baum, durch den er sich versündigt hatte, der Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen, auch vom Paradies entfernt worden war; wie Früchte, Keime dieses Baumes, gepflanzt wurden auf das Grab des Adam, und herauswuchs dieser Baum. Und dann kam das Holz dieses Baumes, des Paradiesbaumes, von Geschlecht zu Geschlecht bis hinunter in die Zeit, da  der Christus auf Erden erschien. Und dann wurde aus diesem Holz, aus dem Holze, das nur eben wieder gewachsen war aus dem Grabe, welches das Grab Adams war, aus diesem Holz heraus wurde das Kreuz gezimmert, an dem der Erlöser hing. Diese Sage von dem Zusammenhang des Weltenanfangs mit dem Mysterium von Golgatha wurde in früheren Jahrhunderten den Menschen, die so etwas verstehen konnten, immer wiederholt. Es wurde ihnen also gesagt: Der Baum des Paradieses, an dem sich der Mensch versündigt hatte, wurde über das Paradies herausgeworfen, und Keime kamen in das Erdreich, das auf jenem Grabe des Adam war. Und aus diesen Keimen entstand wiederum der Baum, an dem im Paradiese die Menschen sich versündigt haben. Und dieses Holz von dem Baume wurde von Geschlecht zu Geschlecht gegeben und kam dann auf mancherlei Umwegen in die Zeit des Mysteriums von Golgatha, und das Kreuz, auf dem der Christus gehangen hat, ist aus diesem Holz gemacht. In dieser Sage sind also auch die Zusammenhänge zwischen dem Erdenanfange und dem Mysterium von Golgatha enthalten. Aber die Dinge sind so miteinander verbunden, so innig miteinander verbunden, daß es gewisse Spiele gibt, welche nicht bloß Christus-Spiele sind, die zu Weihnachten aufgeführt worden sind, sondern Paradeisspiele; Paradeisspiele, wo direkt das Geheimnis von Adam und Eva und dem Sündenfall den Leuten vorgestellt wurde, wenn Weihnachten, oder besser gesagt, wenn das Erscheinungsfest, die Heiligen Drei Könige, am 6. Januar heranrückte. Bedenken Sie einmal, meine lieben Freunde, auf welche tief geistigen Tatsachen wir da geführt werden. Wir denken an die luziferisch-ahrimanische Verführung des Menschen, dasjenige, was aus den Menschen geworden war durch die ahrimanisch-luziferische Verführung, denken uns dies repräsentiert durch die Gestalt Adams, der der Versuchung unterlegen ist. Wenn wir diese ahrimanisch-luziferische Verführung voll verstehen, müssen wir notwendigerweise denken, daß die Erdenentwickelung eine ganz andere geworden wäre, wenn die luziferischahrimanische Verführung nicht an den Menschen herangetreten wäre, ganz anders geworden wäre. Aber diese luziferisch-ahrimanische Verführung hat nur eine Bedeutung für das Erdenleben im physischen Leib.  Sie kann also nur eine Bedeutung gewinnen von dem Moment an, wo wir aus der geistigen Welt heraus durch die Geburt, oder sagen wir, durch die Empfängnis ins Erdenleben hereintreten. Für das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt kann nicht die luziferischahrimanische Verführung diese Bedeutung haben, denn sie hat die Bedeutung hier im Erdenleben herinnen. Wenn wir daher das Kind hereintreten sehen in das Erdenleben, so empfinden wir richtig, wenn wir sagen: Du erscheinst, du Seele, die du hier im Fleische bist, du erscheinst heraus aus einer Weltensphäre, die noch unberührt ist von luziferisch-ahrimanischem Wesen. Du trittst erst ein, indem du mit dem Fleische immer mehr und mehr zusammenwachsen wirst in das luziferisch-ahrimanische Wesen. Und können wir so auf das Kind hinschauen, so schauen wir mit der Empfindung von einem geistigen Weltengeheimnis auf das Kind. So wie der Mensch in die Erdenentwickelung eintritt, ist er schon vorbestimmt durch seine früheren Inkarnationen, mit dem Fleische zusammenzuwachsen. Aber empfinden sollten die Menschen einmal, was es heißt, in die Erde einzutreten, ohne vorbestimmt zu sein für irdisches Leben. Daß dieser Gedanke erwachen sollte in den Menschen, der Gedanke über das, was da eigentlich im Menschen wohnt als eine Wesenheit, durch die er mit dem Himmlischen, mit dem Sonnenhaften verbunden ist, daß das erwacht in den Menschen, dazu eroberte sich das Christus-Kind die geistige Menschheitsentwickelung. Und dieses Christus-Kind eroberte sich die geistige Menschheitsentwickelung eben so, wie es sie sich erobern konnte. Es waren im Grunde genommen in der ganzen christlichen Entwicklung zwei Strömungen. Wir können diese zwei Strömungen sehr gut begreifen. Durch zwei Leiber trat der Christus zunächst in die Welt ein: durch den nathanischen Jesus und durch den salomonischen Jesus. Durch den nathanischen Jesus trat er ein, ich möchte sagen, wie durch das Erden-Kind. Sehen Sie nur, wie ich es dargestellt habe in den Zyklen und auch in der «Geistigen Führung des Menschen und der Menschheit». Durch den nathanischen Jesus trat der Christus in die Erde so ein, daß dieser nathanische Jesus eine Wesenheit war, wie bewahrt von der bisherigen Erdenentwickelung, wie die Substanz vom  Erdenanfange her. Der salomonische Jesus aber: eine durch viele, viele Erdeninkarnationen hindurchgegangene Hinaufentwickelung. Zwei Wege also, die dann auf die Art, wie ich es dargestellt habe, zusammentreffen sollten. Aber nun denken Sie sich das alles geschehen in einer Zeit, in der die Geistesweisheit abstirbt, in der keine Möglichkeit ist, das zu begreifen. Diese unendliche Tiefe tritt ein, daß zwei Jesusknaben da sind, durch die der Christus in die Welt hereinkommen soll. Jenes unendlich Tiefe tritt ein, welches uns die Leute, die von der ganzen Sache nichts verstehen, trotzdem sie amtlich dazu berufen sind, heute verlästern und verketzern. Jenes tritt ein, was nur durch jene Weisheit hätte verstanden werden können, die ausgemerzt worden ist. Was Wunder, daß diese Tatsache eben in einer Weise eingetreten ist, die erst nach und nach wiederum durch unsere Wissenschaft verstanden werden kann. Daher war zuerst folgendes Bestreben. Als noch mehr von der alten Weisheit wenigstens nachsickerte, so tröpfchenweise nachsickerte, wollte man noch mehr Wert legen auf die Erscheinung des Christus Jesus auf der Erde, auf das Eintreten in die großen Weltereignisse, und da hatte man am «Dreikönigsfest» das Erscheinungsfest des Herrn festgesetzt, das der 6. Januar ist. Das hängt mehr mit dem salomonischen Jesus zusammen, mit demjenigen Jesus, der als ein König eingetreten ist, der aus königlichem Geschlecht eingetreten ist. Den begriff man auch mehr durch dasjenige, was königlich-magische Weisheit war. Dagegen der andere, der nathanische Jesus, der eigentlich nichts von dem, was auf der Erde geschehen war, in seiner Substanz an sich hatte, wurde so recht auf diese tiefe Winterzeit verlegt, die jetzt das Weihnachtsfest ist. Die Menschen haben nicht begriffen, daß das zusammengehört, haben sogar die Geburtsdaten auseinandergeholt. Denn in älteren Jahrhunderten wird durchaus auch am 6. Januar wieder das Geburtsfest des Jesus empfunden. Aber daß zwei Geburtsfeste empfunden wurden - das ist dem ganz erklärlich, der von zwei Jesusknaben sprechen kann. Sogar die Art und Weise, wie man über den Jesus gedacht hat, ist eigentlich in zwei Fassungen vorhanden. Die eine bezieht sich mehr auf den Jesus, der hereintrat, ohne daß er vorher mit dem in Zusammenhang getreten ist, was durch Nationen und Stände und Rasse menschliche Differen zierungen auf der Erde hervorgerufen hat: der Jesus, der eintreten kann, verstanden durch das einfachste Volksempfinden — der LukasJesus, der nathanische Jesus. Der andere Jesus, der salomonische Jesus, mehr zu begreifen durch dasjenige, was himmlische Weisheit ist, durch eine Weisheit, durch die so durchsickert dasjenige, was von der alten magischen Weisheit so tröpfchenweise geblieben ist. Man empfindet gar nicht unrichtig, wenn man sich sagt: Wir haben zunächst das erste Jesus-Spiel gesehen, dieses einfache Jesus-Spiel, auf das gar nicht anwendbar sind die alten Überbleibsel von der magischen Weisheit: das ist der nathanische Jesusknabe. In dem andern waltet die Weisheit darinnen, die man noch hatte: jener Jesus, der aus königlichem Geblüt in die Welt eingezogen ist - das zweite Spiel, das auf uns gewirkt hat. Gewußt haben die Menschen nichts davon, aber nachgewirkt haben die beiden Jesusknaben, indem die Menschen so grundverschiedene Spiele davon gemacht haben. So wollte ich zunächst Andeutungen geben, wie das Paradeisspiel mit dem Weihnachtsspiel zusammenwuchs, so daß das Ganze eine Bedeutung hat. Wir werden morgen noch davon sprechen. Heute möchte ich Ihnen aber nur das Wort noch einmal ans Herz legen, das ich gestern am Schlüsse ausgesprochen habe und auch im Verlaufe der Betrachtungen, daß diese Weihnachtsspiele zugleich - in gewissem Sinne selbst das einfachste - doch eine Mahnung sind. Und eine Mahnung waren sie auch für alle diejenigen, die zuhörten. Wiederum soll dasjenige, was wir zu wollen haben, eine Art Weltenweihnacht in geistiger Beziehung sein. Der Christus soll wiederum, wenigstens für das menschliche Verständnis, auf geistige Art geboren werden. Dieses ganze Wirken innerhalb der Geisteswissenschaft ist eigentlich eine Art Weihnachtsfest, ein Geborenwerden des Christus in der menschlichen Weisheit. Es fragt sich nur, ob die Menschen zahlreich sich einfinden, die nun verstehen können. Ja, ich möchte sagen, man konnte so manchen von den Bauern hören, der da saß, wenn solch ein Weihnachtsspiel, wie das gestrige erste, aufgeführt worden ist in früheren Jahrhunderten. Da kam die ganze Gemeinde herein und nun saßen die Bauern da. Nun war es so: Da sagte manchmal einer von den Bauern zu dem andern: Jetzt sag mer amol, bist du eigentlich a Wirt  oder bist du a Hirt? - Da wurde der nachdenklich, ob er ein Wirt oder ein Hirt ist. Aber ich denke, man könnte gegenüber dem, was in der neueren Wissenschaft von dem Christus vorhanden ist, auch Menschen fragen: Bist du ein Wirt oder bist du ein Hirt? Denn man hört die Wirte ganz lebhaft wettern und sagen: Was wollt ihr hier vor meiner Türe? Weg mit euch, sucht irgendwo anders eine Herberge, nicht bei uns! - Die andern sind die Hirten. Da ist auch noch ein Skeptiker drunter, der Mops, der auch den Schein nicht begreifen will, aber doch durch einen gewissen Wahrheitssinn sich durch den Koridan mitführen läßt. Ich denke schon, es könnte uns zum Nachdenken anregen die Frage und die Antwort in der Seele, mit denen manche früher hinausgegangen sind, nachdem sie das Weihnachtsspiel eben angesehen hatten, die Bauern im 16., 17., 18. Jahrhundert: Na, sag mer amol, bist du nu eigentlich a Wirt, oder bist du a Hirt? - Hoffen wir, meine lieben Freunde, daß nach und nach auf unsere Art recht viele Hirten entstehen, damit die Wirte, die ja zahlreich zu vernehmen sind, allmählich zum Verstummen gebracht werden.  ÜBER ALTE WEIHNACHTSSPIELE UND EINE VERKLUNGENE GEISTESSTRÖMUNG DER MENSCHHEIT Dritter Vortrag, Dornach, 28. Dezember 1915 Auf eine wichtige Tatsache versuchte ich gestern in dem ganzen Zusammenhang des Christus-Problemes hinzuweisen, auf eine Tatsache, die etwas zweifellos Überraschendes hat: auf die Tatsache, daß ein ganzes breites Weisheitsgut eigentlich verschwunden ist, nur gekannt wird heute in wenigen Fragmenten, in wenigen Überresten, wovon einiges aus einem der Überreste gestern hier vorgebracht worden ist, nämlich der Anfang des Buches Jeü. Nun müssen wir uns fragen: Kann ein Weisheitsgut, das vorhanden war, so ohne weiteres verschwinden? Kann es für ein solches Verschwinden nur äußere Gründe geben? Ich habe einen Vergleich gebraucht: Ich habe gesagt, daß der Fall denkbar wäre, daß alles dasjenige, was von uns nun gedruckt und geblieben ist, verbrannt würde, nur die gegnerischen Schriften blieben, aus denen man dann später nachkonstruieren könnte, was von uns gesagt worden ist. Nun gewiß, der Fall könnte eintreten. Aber so ganz ohne weiteres kann diese Hypothese eigentlich doch nicht aufgestellt werden. Denn denken Sie einmal, es würden wirklich die Schriften alle verschwinden, so würden noch viele von uns da sein - wenigstens kann man das annehmen -, die wissen, was in diesen Schriften steht, und die, ohne daß sie die gegnerischen Schriften brauchen, die Sache weiter mitteilen konnten, und so würde sich doch wohl können das Weisheitsgut fortpflanzen. Damit die Sache vollständig verschwände, wäre schon notwendig, daß in einer gewissen Weise nach und nach auch die Fähigkeiten verschwinden, um die Sache zu verstehen, die Sache zu behalten, um sie von Generation zu Generation fortzupflanzen. Das muß aber dazumal geschehen sein. Es muß sich dazumal in einer gewissen Weise das vollzogen haben, daß die Menschen die Fähigkeit verloren haben, so etwas zu verstehen, wie es die Gnosis des Valentinus ist, wie es der Inhalt der Pistis-Sophia-Schrift, wie es der Inhalt des Buches Jeü ist und so weiter. Und das ist auch wirklich so gewesen. Wir müssen uns  durchaus vorstellen, daß sich auf der breiten Grundlage jenes alten Erbgutes, das sich in älteren Zeiten ausgelebt hat als das primitivste Hellsehen, dann allmählich abgeblüht und abgedämmert ist, auch ein höheres Erkennen ausgebildet hat, ein höheres Wissen, Geistwissen, das allerdings nur bei wenigen, in den Mysterien Ausgebildeten, gepflegt wurde, aber das doch im weiteren Umkreis vorhanden war. Und wir müssen uns weiter vorstellen, daß durch das allmähliche Lahmwerden der Fähigkeiten, solches zu begreifen, die ganze Sache nicht nur ins Vergessen, sondern ins Verschwinden gekommen ist. Die Menschen haben einfach nicht mehr die Fähigkeit gehabt, innerhalb der abendländischen Kultur so etwas zu verstehen. Dadurch konnte allein das, was Weisheitsgut war, verlorengehen. So daß wir wirklich sagen können: Indem wir auf die Zeit blicken, die dem Mysterium von Golgatha unmittelbar vorangegangen und nachgefolgt ist, sehen wir auf eine Zeit hin, wo im weitesten Umfange alte Fähigkeiten verschwinden und ganz aus dem Frischen, aus dem Neuen heraus gearbeitet wird. Man kann schon sagen: Es gab, als es so in der Menschheitsentwickelung gegen das Mysterium von Golgatha zuging, ein Herabdämmern, ein Verschwinden einer ganz eigenen Anschauung und Denkweise, die geistiger Art war, durch die man hätte das Hereinkommen des Christus in die Welt als eines Geistwesens begreifen können. Also gerade zu der Zeit, in welcher der Christus sich mit der Erdenentwickelung verbindet, verschwindet das Wissen, durch das im eigentlichen, tieferen Sinne die Natur und Wesenheit dieses Christus hätte begriffen werden können. Das ist eine wichtige Tatsache. Ich habe auch schon bei verschiedenen Stellen unserer Betrachtungen auf eines, was sehr bedeutsam ist, hingewiesen. Ich habe gesagt: Die Christus-Verkündigung als solche ist nicht etwas, was etwa mit dem Ereignis von Golgatha so ganz neu ist. Nein, in den Mysterien wurde schon von dem Christus als dem Kommenden gesprochen. Es gab Lehren in den Mysterien, daß der Christus kommen werde. Man faßte diese ChristusWesenheit so auf, wie es eben im Sinne der verschwundenen Geistesweisheit ist. Aber diese Mysterien waren allmählich zerfallen, so daß gerade, als der Christus kam, die Zeit herannahte, in der man am wenigsten als Mensch geeignet war, über diesen Christus zu sprechen. Das  sieht man nicht nur an allem, worauf ich jetzt schon hingedeutet habe, sondern das sieht man auch an dem, was übriggeblieben ist bei Menschen, die sich nun wie aus dem Frischen, aus dem Neuen heraus eine Vorstellung des Christus-Geheimnisses machen wollen. Da haben wir gleich in den ersten Jahrhunderten der christlichen Entwickelung solche großen Geister, wie zum Beispiel Clemens von Alexandrien und Origenes, zwei eminente Geister. Wenn man sie von einem gewissen Standpunkte aus charakterisieren will, diesen Clemens von Alexandrien, der also auf die Gnostiker folgte, als die Gnosis schon herabgedämmert war, ebenso Origenes, dann muß man sagen, sie bestreben sich, zu erkennen: Wie ist es denn eigentlich mit diesem Mysterium von Golgatha? Wir haben es auf der einen Seite zu tun mit dem Christus - das wußten sie noch. Dieser Christus kann nur als ein Geistwesen begriffen werden, das mit dem Geistigen, mit den übersinnlichen Impulsen zu tun hat. Dieser Christus steigt herunter aus kosmischen Geistregionen. - Sie wußten nicht mehr ordentlich, wie die alte Gnosis den Christus hat begreifen können, aber sie wußten, er muß mit geistigen Fähigkeiten als ein Geistwesen begriffen werden. Das wußten sie von dem Christus. Auf der andern Seite war ihnen der Jesus eine historische Persönlichkeit. Eine geschichtliche Tatsache war ihnen das Erscheinen des Jesus. Es war vor so und so viel Jahren, sagten sie sich, in einem gewissen Teile Vorderasiens eine Persönlichkeit geboren worden, Jesus, die der Christus-Träger war, ein Mensch, in dem der Gott anwesend war. Das wurde für sie die Rätselfrage. Wir haben es zu tun in der geschichtlichen Entwickelung mit einer historischen Persönlichkeit, so sagten sie sich, wir haben es zu tun im Geistbegreifen mit dem Christus. Wie sollte man sich das Vereinigtsein der beiden denken? Und bei so eminenten, bei so großen Geistern, wie Clemens von Alexandrien, wie Origenes es sind, sehen wir ein Ringen, ein Kämpfen damit: begreifen zu können, wie der Christus in dem Jesus ist, darin ist. Wenn wir zunächst auf Clemens von Alexandrien hinsehen, welcher der Katechetenschule von Alexandrien vorstand, wo diejenigen ausgebildet wurden, die zu christlichen Lehrern gehalten und gemacht werden sollten, wenn wir hinsehen auf diese bedeutsame Persönlichkeit, so  finden wir unter dem,was diese Persönlichkeit lehrt, etwa das Folgende. Clemens von Alexandrien sagte sich: Der Christus gehört unter diejenigen Kräfte, die schon bei der Schöpfung der Erde tätig waren, selbstverständlich, er gehört der geistigen Welt an. Er ist durch den Leib des Jesus von Nazareth in die Erdenentwickelung eingetreten. So also richtete Clemens von Alexandrien seinen Blick zunächst auf den Christus als das Geistwesen, suchte ihn zu begreifen in Geistregionen. Nun wußte Clemens von Alexandrien auch das Folgende, was wir auch öfter schon betont haben. Er wußte, der Christus war für die Menschen eigentlich immer da, aber nicht in der Erdenregion, sondern diejenigen konnten nur zu ihm gelangen, die Kräfte in sich entwickelten durch die Mysterien, vermöge welcher sie herauskommen konnten aus dem Leibe. Wenn sie, die Menschen, aus dem Leibe herauskamen durch die Mysterienkräfte und in die geistigen Regionen hineinkamen, so erkannten sie den Christus und sie empfanden ihn als denjenigen, der da kommen werde. Das wußte Clemens von Alexandrien. Er wußte, daß in den alten Mysterien von dem Christus als dem Kommenden, der noch nicht mit der Erdenentwickelung vereinigt ist, gesprochen worden ist. Das drückte er so aus: Gewiß, die Menschen wurden dazu inspiriert, den Christus zu erwarten. Und er ging so weit, daß er sagte: Namentlich an zwei Punkten der geistigen Menschheitsentwickelung wurde das gepflegt, was vorbereiten konnte für das Herabkommen des Christus. Clemens von Alexandrien sagte: Auf der einen Seite wurde es gepflegt durch Moses und die Propheten. Was durch Moses und die Propheten in die Welt kam, sagte er, das war eine Vorbereitung. Die Menschen sollten zuerst dasjenige erfahren, was durch Moses und die Propheten kam, damit sie dann mit Hilfe eines eigenen Empfindens ein Gefühl dafür haben können: Wir haben den Christus. Das sollten sie gerade vorstellen. Also von der alten gnostischen Weisheit wußte er nichts, oder wenigstens, er wandte sie nicht an. Aber von dem, was in die menschlichen Fähigkeiten gekommen ist durch Moses und die Propheten, von dem sagte er, daß es «Vorbereitung» ist. Und dann - das ist sehr bedeutsam - als ein Zweites, was vorbereiten sollte neben Moses und den Propheten, führte Clemens von Alexandrien die griechische Philosophie an: Plato und Aristoteles - die griechische Philosophie. Er  sagte gleichsam: Moses und die Propheten und die griechische Philosophie sind dazu dagewesen, um die Menschen vorzubereiten auf das Ereignis, auf die Tatsache des Mysteriums von Golgatha. Und wiederum Origenes sagte sich: Wir haben es zu tun mit dem Christus: mit dem Christus, der als Geistwesen von geistigen Kräften verstanden werden kann, wir haben es zu tun mit dem historischen Jesus, mit jener Persönlichkeit, die einmal als eine wirkliche, der Sinnenwelt angehorige Persönlichkeit da war. Wie kommen die zwei zusammen - der Gott mit dem Menschen? Wie entsteht der Gottmensch? Und Origenes machte sich eine Theorie zurecht. Er sagte sich: So ohne weiteres kann der Gott nicht in dem physischen Menschen wohnen, sondern es mußte zuerst in dem Jesus eine besondere Seele sein, damit diese Seele vermitteln kann den Gott mit dem Menschen, also den Gott als reines Geisteswesen mit dem physischen Menschen. Da fügte er die Seele hinein. — Und so unterschied er im Christus Jesus den Gott, das reine Pneumawesen, das reine Geistwesen, dann die Psyche, die Seele, und den physischen Leib des Jesus von Nazareth. Er suchte sich also eine Vorstellung zu bilden, wie der Christus in dem Jesus von Nazareth sein konnte. Er hatte nicht mehr die alte Gnosis, um das Verweilen des Christus auf der Erde und das Verbinden des Christus mit der Erdenevolution sich vorzustellen. Man mußte aus dem Frischen, aus dem Neuen heraus arbeiten. Man strengte sich an, um das zu erreichen. Also gerade als der Christus als reales Wesen sich mit der Erdenentwickelung vereinigt hatte, hatten die Menschen die größten Schwierigkeiten, diese Tatsache überhaupt zu verstehen. Die Fähigkeiten waren im allergeringsten Maße vorhanden. Und warum das war, davon hatte Clemens von Alexandrien auch noch wenigstens eine Spur von Verständnis. Er sagte sich: Wodurch sind denn diese alten Mysterienleute inspiriert worden? Dadurch, sagte sich Clemens von Alexandrien, sind diese alten Mysterienleute inspiriert worden, daß der Christus auch auf sie gewirkt hat, aber überirdisch, wenn sie aus sich herausgekommen sind. Das geschah dadurch, wie Clemens von Alexandrien es ganz deutlich ausspricht, daß er ihnen die Engel geschickt hat. So daß Clemens von Alexandrien es geradezu aussprach: Wenn im Alten Testament von dem Erscheinen eines Engels  geredet ist, so bedeutete das: der Christus schickt diesen Engel. Ja, Clemens von Alexandrien läßt es ausdrücklich durchmerken: Wenn Jahve im brennenden Dornbusch dem Moses erscheint, so ist es auch eigentlich der Christus, der da erscheint, der erscheint durch die irdischseelisch-geistige Erscheinung. So daß Clemens von Alexandrien das ausdrücklich ausspricht: Im Altertum, vor dem Mysterium von Golgatha, ist der Christus durch die Engel den Menschen erschienen. "Wenn sie sich fähig machen konnten, die Botschaft der Engel zu vernehmen, dann standen sie eigentlich dem Christus selbst als Entkörperte, initiierte Entkörperte der höheren Welt gegenüber. Also so weit ging noch Clemens von Alexandrien. Und dann sagte er - das ist wiederum bei ihm noch enthalten -: Im Fortschritt der Zeitentwickelung ist der Christus übergegangen von der Engelnatur zur Sohnnatur. Er ist Sohn geworden. Er konnte sich früher manifestieren, offenbaren durch die Engel oder als Engel, als eine Fülle von Engeln, als viele Engel. Wenn er dem einen erscheinen wollte als der Engel, wenn er andern erscheinen wollte als anderer Engel, so ist er durch viele Gestalten erschienen. Dann erschien er durch die eine Gestalt: der Sohn. Da tritt ein sehr wichtiges Element auf. Beachten Sie das wohl, das ist außerordentlich wichtig! Clemens von Alexandrien steht noch auf dem Standpunkt, daß er sagt: Der Christus war schon da vor dem Mysterium von Golgatha in den Geistregionen. Er war so weit, daß er sich durch Engel, durch Boten kundgeben konnte. Aber er kam weiter, er kam dazu, sich als Sohn ausleben zu können. Das ist außerordentlich wichtig. Was tritt denn da eigentlich ein in das menschliche Verständnis? Wenn wir diese ganze alte Gnosis durchgehen, so hat sie eine Eigentümlichkeit. Wenn ich Ihnen zum Beispiel ein Schema von dieser Gnosis aufzeichnen wollte, könnte ich folgendes sagen: Diese Gnosis stellt sich eine Person der Evolution vor, die ausging von dem Vater, dem Urvater, von der sogenannten Stille oder <nyrj9 von dem Urgeist. Da gaben diese alten Gnostiker dreißig verschiedene solche Stufen an. Die nannten sie Äonen. Also dreißig könnte ich hier angeben. Nun gewissermaßen eine zweite Strömung; während die erste Strömung geistig ist, gaben sie eine zweite Strömung an, die seelisch ist. Innerhalb dieser  Strömung kannten sie die zwei Hauptursprungsäonen in dem Christus und in der Sophia. Dann kamen wiederum eine Anzahl von Äonen. Und eine dritte Strömung gaben sie an: den Demiurg mit der Materie. Und diese fanden sich zusammen und bildeten den Menschen. Solche Schemen kann man aus der Vorstellungsweise machen, die diese Gnostiker hatten. Diese Vorstellungen sind nicht ganz unwirklich, nicht ganz irreal, denn der Mensch ist ein kompliziertes Wesen. Als ich einmal vorgetragen habe, wie viele sieben Teile es im Menschen gibt Sie haben es in einem der Norweger Zyklen enthalten, ich glaube, er heißt «Der Mensch im Lichte von Okkultismus, Theosophie und Philosophie» -, da waren unsere lieben Freunde ganz betroffen, wie viel, viel Unterschiedlichkeiten eigentlich im Menschen aufgesucht werden müssen. Diese Unterschiedlichkeiten erinnern an dasjenige, was die Gnostiker von ihrem Standpunkte aus schon gewußt haben. Aber wenn man an diese Gnosis herantritt, immer ist eins darin: es spielt darin wenig der Zeitbegriff, Man kann durch Raumesschemen das Gnostische ausdrücken. Der Zeitbegriff spielt keine besondere Rolle, wenigstens durchdringt man ihn nicht verständnisvoll. Und insoferne ist doch nun ein Fortschritt von der Gnosis zu Clemens von Alexandrien. Wenn auch die ganze umfassende Fülle der Geistesweisheit verlorengegangen ist, war dennoch ein Fortschritt zu Clemens von Alexandrien, indem er den Zeitbegriff in die Entwickeiung des Christus hineinbrachte und sagte: Der Christus gab sich früher, konnte sich früher kundgeben durch Engel, dann als Sohn, indem er selber fortgeschritten war. Entwickeiung kam hinein, das ist das Bedeutsame. Man kann es nicht oft genug betonen, daß dazu die abendländische Kulturentwickelung da war, den Zeitbegriff dann in die Weltanschauung in der richtigen Weise hineinzubringen, den Entwickelungsgedanken in der richtigen Weise zu verstehen. Das ist so wichtig, das ist von durchgreifender Wichtigkeit, hinzuschauen auf die Entwickeiung und zu sehen, wie der Christus sich ursprünglich nur durch die Engel kundgeben konnte, und dann, nachdem er durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, als Sohn erscheint. Durch die Engel ist er der Botschafter von etwas, was außerhalb der Welt ist und die Welt allerdings durchdringt, was aber, wenn es erkannt werden soll, von außerhalb der Welt her erkannt werden  muß: Bote. Später, als er als Sohn erscheint, durchdringt er alles. Wie der Sohn eines Blutes ist, eins mit dem Vater ist innerhalb der physischen Welt, so ist der Geist-Sohn eines Wesens vorzustellen mit dem Vater in der geistigen Welt. Sohn sein ist etwas anderes, als bloß Engel sein. Wenn also diese Wesenheit sich als Sohn offenbart, ist es ein Fortschritt gegenüber der früheren Offenbarung, wo er sich nur als Engel, als Bote, offenbaren konnte. Man hatte also im Christlichen eine Art weitergehenden Verständnisses, als noch das Verständnis war innerhalb der alten Gnosis. Aber man brauchte, ich möchte sagen, die Nachwirkungen der Gnosis noch, um auch nur das zu sagen, was Clemens von Alexandrien sagte. Als die Gnosis allmählich ganz verschwand, konnte man auch das nicht mehr sagen, was Clemens und was Origenes sagten. Man kam immer mehr dazu, sich hineinzufinden in jene Impulse, die die Impulse der späteren Zeit waren, in die rein materialistischen Impulse. Und so kam es, daß die Lehre des Origenes verdammt wurde. Sie wurde für ketzerisch erklärt. Das Element, das es ausmachte, daß sie für ketzerisch erklärt wurde, besteht namentlich darinnen, daß man verzichten wollte auf ein solches, vom Menschen selber und seinen Kräften herkommendes Verstehen der Sache. Man fühlte: das kann nicht mehr da sein. Wie erscheint uns die Sache aber jetzt? Wie muß sie uns erscheinen? Wir sehen doch, daß eine alte Geistesweisheit sich auf dem Boden des alten Hellsehens ausgebreitet hatte. Das war da, es verschwindet allmählich. Innerhalb dieser Geistesweisheit war, wenn auch auf ein außerirdisches Wesen sich beziehend, eine Weisheit über den Christus da. Gerade als der Christus auf die Erde hinuntergestiegen war, war dies verschwunden. Der wirkliche Christus war mit der Erde verbunden. Das Wissen von dem Christus war verschwunden in der Zeit. Da haben Sie noch einen Fall im Großen, den ich Sie bitte, nur richtig anzuschauen. Wir können über die damals bekannte Erde hin den Blick richten, über die Erde vor dem Mysterium von Golgatha. Je weiter wir zurückgehen, desto mehr Wissen von dem Christus finden wir, wenn es auch der Christus ist, der in übersinnlichen Regionen gedacht werden muß. Aber es ist ein Wissen, das nur durch Engel vermittelt werden kann. Das ist Evolution. Dieses Wissen, diese Vorstellung von dem Christus ist auf  viele Menschen verteilt. Es lebte der Christus als der Inspirator vieler Menschen: Evolution. Dieses Wissen geht langsam zurück, verschwindet, dämpft sich ab, und in dem einen Wesen, in dem Jesus von Nazareth, konzentriert sich alles das, was früher verteilt war. Denken Sie sich innerhalb der Evolution einen Tropfen der Christus-Innerlichkeit bei einem der Mysterienpriester, einem zweiten, dritten, vierten und so weiter, bei jedem der Mysterieneingeweihten würde man finden: er hat etwas von dem Christus in sich, wenn er mit seinem Geist aus seinem Leibe herausgeht. Der Christus ist vervielfältigt in ihnen. Das verschwindet alles. Und an einer einzigen Stelle, in dem Leib des Jesus von Nazareth, zieht sich das alles zusammen, was da verteilt war: Involution. Gerade das, was allen andern entzogen war, erschien in dem einen Leib. Und so sehen wir, so muß von der Erde verschwinden, was verteilt war, was in Evolution lebte, indem es sich auf den einen Punkt, auf den Leib des Jesus von Nazareth, konzentrierte. Das ist diese wichtige Tatsache. Innerhalb der bedeutsamsten Involution hört die Evolution auf. Jetzt beginnt also die Zeit, wo der Christus mit der Erde lebt, aber das Christus-Wissen nicht in der Erde lebt, das Christus-Wissen sich erst wiederum entwickeln muß. Nun sind die großen Schwierigkeiten da, wir haben sie schon angedeutet: Auf der einen Seite hat man den Jesus, auf der andern Seite hat man den Christus. Und denken Sie, daß man die alte Weisheit von dem Zusammenhang im Menschen überhaupt doch verloren hat. Die ganze Zeit hat nichts davon gewußt, was es mit dem Menschen eigentlich für eine Bewandtnis hat. Jetzt erst wiederum gliedern wir den Menschen in physischen Leib, Ätherleib, Empfindungsseele und so weiter. Damit fangen wir erst wiederum an. Wir unterscheiden im einzelnen Menschen jetzt wiederum das Physisch-Irdische, das in der Vererbungslinie fortgeht, und das höhere Geistige, das aus geistigen Welten wieder hmunterstieg. Das hat Origenes nicht gewußt, das hat Clemens von Alexandrien nicht gewußt. Sie wußten nicht Bescheid über das Geistig-Seelische und Leibliche des einzelnen Menschen, der auf der Erde wandelt. Daher ergab sich für sie die Schwierigkeit, die einzelnen Glieder der Christus Jesus-Wesenheit zu verstehen. Das Wissen vom  Menschen war verlorengegangen, daher diese Schwierigkeit, den Gottmenschen zu verstehen. Und so fiel das Wissen vom Jesus und das Wissen vom Christus immer mehr und mehr auseinander. Und es ist unendlich wichtig, damit man unsere Zeit verstehen kann, wie dies gleichsam auf die Zeit wiederum wirkt, insofern als in ihr dasjenige erscheinen muß, was unsere Geisteswissenschaft enthält. Es ist ungeheuer wichtig, gerade auf dieses Auseinanderfallen des Jesus und des Christus hinzublicken. Das ist eine ungemein ernste, eine ungemein wichtige Angelegenheit. Und sie tritt uns so vielfach entgegen. Diese Weihnachtsspiele, wir haben sie an uns vorübergehen sehen. Wir fühlten bei dem einen Weihnachtsspiel noch etwas nach von dem Christus: bei dem zweiten; die reine Jesus-Gestalt bei dem ersten, bei dem einfach-primitiven. Man kann sagen: allmählich hat sich das JesusKind, also der Ausgangspunkt des Jesus, die Gemüter der Menschen erobert. In der Mitte des Mittelalters beginnt das erst, daß man auf das Kind hinblickt. Vorher haben die Christen an dem Meßopfer teilgenommen, sie haben von dem Mysterium gehört, daß der Christus durch den Tod gegangen ist, die Paulinische Lehre und so weiter. Aber die Bibel war nicht populär, die Bibel war ja nur in den Händen der Priester. Die Gläubigen hatten an dem Meßopfer teilzunehmen, das ihnen noch dazu in der lateinischen Sprache geboten wurde. Aber eine Teilnahme an den Vorgängen der heiligen Handlung gab es nicht. Und dasjenige, was in den Evangelien enthalten ist, eroberte sich erst nach und nach die Gemüter, die Seelen. Und so konnten erst wirklich von der Mitte des Mittelalters ab solche Spiele, solche Darstellungen des Erscheinens des Jesus und so weiter den Leuten geboten werden. Heute hat man eigentlich die Vorstellung: Das Mysterium von Golgatha war, und von da ab hätten die Menschen etwas von diesem Mysterium von Golgatha gewußt. Ja, was sie wußten, war, daß eben der Christus am Kreuze gestorben ist. Vorzüglich das Osterereignis haben die Leute empfunden. Aber das Weihnachtsereignis war ganz unbekannt, das schlich sich erst ganz langsam und allmählich in die Gemüter, in die Herzen der Menschen hinein. Das war die äußere Seite, wie man im Bilde kennenlernte, was in Palästina geschehen war. Erst nach und nach, durch die dramatische Vorführung, machte man sich Vorstellun gen von dem, was da geschehen war in Palästina. Es war die Seite des Jesus-Geheimnisses. Es war in derselben Zeit, bedenken Sie doch, daß es in derselben Zeit war, als auf der andern Seite in der Mystik Tauler, Meister Eckhart und die andern den Christus wiederum gesucht haben, durch Mystik den Christus gesucht haben. So daß wir auf der einen Seite haben das erste Aufgehen der Weihnachtsspiele: der Jesus wird gesucht so äußerlich wie möglich, nämlich in unmittelbar äußerer Darstellung - der Jesus wird gesucht - und die Mystiker suchen den Christus, sie suchen die Seele so weit zu entwickeln, daß sie den Christus in sich aufgehen sehen, den ganz umgestalteten, ganz weltfernen, rein geistigen Christus suchen sie in der Seele zu erfahren. Die Mystik auf der einen Seite, die Weihnachtsspiele auf der andern Seite - der Jesus und der Christus auf zwei verschiedenen, weit auseinanderliegenden Wegen zu gleicher Zeit gesucht! Was bei Origenes eine theoretische Schwierigkeit war, das Nichtzusammenbringen-KÖnnen des Christus mit dem Jesus, da tritt es uns entgegen in den Dörfern draußen. Bei dem Volk wird der Jesus in der Kindheitsform gezeigt. Die tiefen Mystiker suchen den Christus, indem sie ihre eigene Seele bis zum innerlichen Erfühlen, fast bis zum innerlichen Ertasten des Christus führen wollen. Aber wo ist eine Verbindung? Wo ist sie, diese Verbindung? Die Dinge gehen nebeneinander. Denken Sie, wie weit das abliegt, was der einfache Mensch, das einfache Auge sieht in den Weihnachtsspielen, von der tiefsinnigen Mystik eines Meister Eckhart oder eines Johannes Tauler. Aber die Anfänge der Weihnachtsspiele fallen in die Zeit hinein. Die Mystik lebt sich auch weiter fort. Und in unserer Zeit heute - denken Sie, was für viele Theologen das ganze Mysterium von Golgatha geworden ist! Nehmen Sie an: Diejenigen, die fortgeschrittenste Theologen sind, auf was sehen denn die eigentlich? Sie sehen darauf, daß einmal im Beginne unserer Zeitrechnung in Nazareth oder Bethlehem oder irgendwo ein auserlesener Mensch geboren worden ist, auserlesen ganz besonders dazu, des Menschen Zusammenhang mit der geistigen Welt nach und nach in sich zu erfühlen, ein edler Mensch - der edelste Mensch, ein so edler Mensch, daß man schon sagen kann, er war fast - und sogar - nicht wahr, da hapert die Geschichte ein bißchen! Man weiß sich da nicht zurechtzu finden, was man nun noch sagen soll dazu, daß er im Laufe des Christentums doch ganz als ein Gott aufgefaßt war. Und da windet man sich und dreht sich, und da kommen all die Euckenismen und Harnackismen, die so - ja, man kann es nicht fassen, aber man will auf irgendeine Weise gescheit sein und doch eine Möglichkeit haben, den Jesus als irgend etwas, Christus als irgendeinen Christus aufzufassen. Nun, und da nimmt man die Evangelien vor. Zwar, man geniert sich als ein moderner Mensch, die Wunder zuzugeben. Man streicht also, was man streichen kann, und konstruiert heraus so etwas höchst Natürliches, etwas, was nach vernünftigen Gründen geschehen sein kann. Und dann geht es zu dem Ereignis von Jerusalem, zu dem Kreuzestod. Bis zum Sterben, da geht es nun noch. Aber bis zur Auferstehung, da geht es nicht, da versteigt man sich dann zu solchen Dingen, wie sich zum Beispiel Harnack versteigt, so daß er sagt: Ja, diese Auferstehung, dieses Grab, aus dem der Christus Jesus auferstanden sein soll - das Ostergeheimnis, ja, ja, das Ostergeheimnis: man muß sich schon einmal durchringen zu der Erkenntnis, daß von dem Garten an der Schädelstätte dieses Ostergeheimnis ausgegangen ist; auferstanden ist dort das Ostergeheimnis der Gedanke der Auferstehung ist von dort gekommen, und an den müssen wir uns halten und im übrigen nicht dahin sehen, was da eigentlich geschehen ist; die Meinung von der Auferstehung ist ausgegangen von dort. Nicht wahr, das ist etwas! Lesen Sie «Das Wesen des Christentums» von Harnack, da finden Sie diesen eigentümlichen Auferstehungsgedanken! Ich habe in einer Versammlung des Giordano Bruno-Vereins in einer Stadt einmal darauf hingewiesen und gesagt: Es ist doch ein sonderbarer Gedanke, daß man mit der Auferstehung so fertig werden will, daß man sagt, man wolle nicht rühren an dem, was da eigentlich geschehen ist, sondern wolle hinweisen darauf, daß der Auferstehungsglaube, der Glaube an das Ostergeheimnis von jenem Grabe herausgestiegen ist. - Da sagte mir jemand: Das kann nicht bei Harnack stehen! Das ist ja schon fast katholisch, das ist katholischer Aberglaube. Das ist so, als ob man noch glauben sollte, daß der heilige Rock von Trier etwas bedeute! Das ist Aberglaube, das kann nicht bei Harnack stehen. - Ja, es steht halt eben doch bei Harnack, und ich konnte nichts  anderes tun - ich hatte das Buch nicht zur Hand -, als dem betreffenden Herrn am nächsten Tag eine Karte schreiben, daß es auf Seite so und so viel steht. Es sind das Dinge, die ins Schwierige hinein verlaufen. Man kommt da nicht zurecht, wenn man von dem Jesus zu dem Christus den Weg finden soll. Einer sagte mir einmal: Wir können mit einer Christologie nichts mehr anfangen, wir modernen Theologen, wir können eigentlich nur noch eine Jesulogie brauchen. - Er sagte es, nicht ich: Schade, daß der Name Jesuiten schon vergeben ist, denn eigentlich müßte man die Bekenner der modernen Theologie «Jesuiten» nennen. ~ Bitte, nicht ich sagte es, sondern ein Bekenner der modernen Theologie! Ja nun, das ist eine Seite in der Geschichte. Die andere Seite ist diese, daß eine Anzahl von modernen Theologen wiederum sich mehr an den Christus hält. Sie nehmen die Evangelien vor. Sie nehmen gewisse Aussprüche in den Evangelien nicht so, wie die, von denen ich jetzt eben erzählt habe, dasjenige nehmen, was man als vernünftiger Mensch in der Welt von einem Menschen glauben kann, wenn er auch ein göttlicher Mensch ist. Aber da ist man sich nicht klar, wenn man einen «göttlicher Mensch» nennt, wie weit man gehen soll mit der Anwendung des Göttlichen: Edler Mensch, aber mehr als Sokrates - aber, na, es geht nicht recht. Nun, das sind die einen, die Jesulogen, denn Theologen, das ist nun schon ein schwer auf sie anzuwendendes Wort. Theologie würde Gottesweisheit heißen. Das «Göttliche» soll aber gerade hier weggestrichen werden. Dann sind die andern; die nehmen die Aussprüche nun etwas ernster. Die finden bei gewissen Aussprüchen: Das geht doch nicht, daß man den, der sie getan hat, nur als einen gewöhnlichen Menschen auffaßt. Nicht wahr, es sind Aussprüche in den Evangelien, die nun sich einfach nicht so ohne weiteres auf ehrliche Art einem Menschen, einem bloßen Menschen in den Mund legen lassen. Und außerdem nehmen sie die Auferstehungsgeschichte ernst und so weiter. Die machen sich nun zu Christologen im Gegensatz zu den Jesulogen. Aber nun kommen diese zu etwas anderem. Lesen Sie das Buch «Ecce Deus» und andere Bücher, da kommen Sie darauf, daß Sie sich sagen: Wenn man die Evangelien ehrlich liest, kann man nicht sagen, daß in  den Evangelien von einem Menschen die Rede ist. Es ist von einem Gott die Rede, von einem wirklichen, richtigen Gott. - Es verlieren diese Leute wiederum den Jesus. Und sie verlieren ihn sehr stark, denn sie sagen jetzt: In den Evangelien ist überall von einem Gott die Rede; aber der Gott kann doch nicht existiert haben, den kann es doch nicht gegeben haben, also müssen wir den Christus beibehalten. Der Christus ist etwas, wovon die Leute gesprochen haben, aber was nicht auf der Erde gelebt hat. Christologie ohne Jesulogie, das ist die andere Richtung. Aber zusammenkommen können die beiden Richtungen nicht. Und so ist es heute schon wirklich: Diejenigen, die von dem Christus sprechen, haben den Jesus verloren, und diejenigen, die von dem Jesus sprechen, haben den Christus verloren. Der Christus ist ein unwirklicher Gott geworden, und der Jesus ist ein unwirklicher Mensch geworden. Auf dieser Bahn muß es unbedingt weitergehen, wenn nichts hinzukommt. Das, was hinzukommt, muß die Geisteswissenschaft sein, die wiederum begreifen kann, wie der Christus im Jesus gelebt hat. Und das ist im Grunde genommen gerade einer der wichtigsten Punkte der geisteswissenschaftlichen Lehre, daß sie führen kann zu einem Begreifen, wie der Christus auf dem Umweg durch die zwei Jesusse wirklich das Wesen werden konnte, das in den Mittelpunkt der Erdenentwickelung der Menschheit sich hineinstellte, weil diese Geisteswissenschaft wiederum eine Anschauung hat davon, was der Mensch ist, wie im Menschen sich Geistiges, Seelisches und Leibliches zusammenfügt. So kann man aufbauend auf diesem auch erst wiederum begreifen, wie der Christus mit dem Jesus zusammenkommt. Das ist natürlich kompliziert und nicht einfach zu verstehen, aber es ist zu verstehen. Und so sehen Sie, wie aus dem Ursprünglichen heraus dasjenige, was für die Menschheit verlorengegangen ist, wiederum hergestellt werden muß durch die Geisteswissenschaft, auch in bezug auf das Verständnis des Mysteriums von Golgatha. Als der Christus in der Welt erschienen ist, war das Verständnis für ihn nicht möglich. Dieses Verständnis muß erst nach und nach erworben werden. Was er gewirkt hat, hat er in der Tatsächlichkeit gewirkt. Aber die Ansatzpunkte sind überall da. Und auch aus dem einfachsten Weihnachtsspiel heraus lassen sich Ansatzpunkte finden.  Was wird denn hingestellt? Hingestellt wird besonders da deutlich, wo noch die Paradeisspiele in Betracht kommen, hingestellt wird, wie ein Mensch in die Welt hereintritt, von dem, nur durch dasjenige, was nebenbei geschieht, klar wird: es ist der Jesus. Der Mensch tritt als Kind in die Welt herein. Ich sagte: Das Paradeisspiel war damit verbunden - der Anfang der Erdenentwickelung -, mit dem Mysterium von Golgatha. Warum das? Da müssen wir in Betracht ziehen, daß im Beginne der Erdenentwickelung der Mensch der luziferischen Versuchung ausgesetzt worden ist. Dadurch ist er ein anderes Wesen geworden, als er im regulären Fortschritt geworden wäre. Wenn wir also den Adam, symbolisch gesprochen, außer dem Paradiese vor uns haben, so ist er ein anderes Wesen, als wozu er bestimmt war vor der luziferischen Versuchung. Wodurch tritt das denn zutage? Steilen Sie sich vor: Luzifer wäre nicht an den Menschen herangekommen, der Mensch würde ohne den luziferischen Impuls leben, dann würde er im Ätherleibe ganz anders leben. Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht und seinen Ätherleib noch hat, und ihn dann abstreift, so bleibt da dieser Ätherleib, aber in diesem Ätherleib ist abgedruckt dasjenige, was der Mensch tut und denkt durch die luziferische Verführung. Nicht wahr, der Mensch stirbt, geht also durch die Pforte des Todes. Der physische Leib wird den Elementen übergeben. Nach einigen Tagen löst sich der Ätherleib von der Wesenheit des Menschen los. Der Mensch geht dann seine weiteren Wege. Aber in diesem Ätherischen ist drinnen dasjenige, wozu dieser Ätherleib geworden ist dadurch, daß der Mensch denkt und fühlt und handelt, so wie er nach der luziferischen Versuchung denken und fühlen und handeln muß. Also nun stellen Sie sich die Erde vor. Hinein in die Erde kommt der menschliche physische Leib, er wird den Elementen der Erde übergeben. Aber sein Ätherleib, der bleibt mit der Erde verbunden. Da haben wir die Ätherleiber der Menschen, die sind nun einmal da in der Erdenatmosphäre. Sie sind anders, als sie wären, wenn nicht die luziferische Versuchung gekommen wäre. Auf diese Ätherleiber bezieht sich natürlich alles, was ich sonst über die Ätherleiber gesagt habe. Aber auch dasjenige bezieht sich darauf, was ich heute andeute, so daß wir sagen können: Ein Mensch wird in die Erde eingebettet. Dasjenige, was er auf der Erde zurück läßt, was sein Ätherleib geworden ist während des Lebens, ist dürrer, verholzter, als es wäre, wenn die luziferische Versuchung nicht gekommen wäre. Verholzter, dürrer - es ist dieser Unterschied wirklich vorhanden. Denken Sie sich, es wäre nie die luziferische Versuchung gekommen, dann würde der Mensch bei seinem Tode einen viel «gejüngerteren» Ätherleib hinterlassen, gleichsam einen viel grüneren Ätherleib. Er läßt einen viel dürreren, ausgetrockneteren Ätherleib durch die luziferische Versuchung zurück, als er ohne die luziferische Versuchung zurücklassen würde. Es ist schon ausgedrückt in der Legende, daß aus dem Grabe Adams der verholzte Paradiesesbaum herauswächst. Aber das, was da in der Erde lebt, lebte vor dem Mysterium von Golgatha in dem luziferisch infizierten Ätherleib. Das war gerade das Element, wo hinein erlösend der Leib des Jesus von Nazareth sich begab, als Phantom, wie ich einmal durch die Karlsruher Vorträge angedeutet hatte. Also nun stellen Sie sich das Grab Adams vor: Adam als physischer Leib den Elementen der Erde übergeben, aus dem Grabe Adams heraus den verholzten Ätherleib, der der Repräsentant desjenigen ist, was am Menschen luziferisch infiziert ist und übrigbleibt nach dem Tode. Das ist zu gleicher Zeit das Holz, an dem der Mensch gekreuzigt werden kann. Und es entsteht diese Kreuzigung in dem Zurückbleiben des Phantoms von dem Jesus von Nazareth nach dem Mysterium von Golgatha, das sich gerade mit dessen Hilfe mit der Erde verbindet. Das ist ausgedrückt in der Legende, indem gesagt wird: Dieses Holz ging von Generation zu Generation und es bildete wiederum das Holz des Kreuzes von Golgatha. Dieses Bild ist das Bild, das einer wirklichen Tatsache entspricht, nämlich das, daß durch die Kreuzigung das Phantom des Jesus von Nazareth sich vereinigte mit dem, was in der Erde ätherisch lebte von all den luziferisch infizierten Ätherleibern, die natürlich ausgestreut waren und sich verdünnt und aufgelöst hatten, aber eben in ihren Kräften da waren. Es ist eine sehr bedeutende, eine ganz unendlich tiefe, die Erdengeheimnisse beleuchtende Tatsache, die wir dabei hier ins Auge zu fassen haben. Aber wodurch wird denn der Mensch verwandt mit diesem luziferisch infizierten Ätherleib? Dadurch, daß er sich hereinlebt in die physische Welt, wo er zum Kinde wird. Da ist es natürlich noch nicht,  wo er zum Kinde wird. Daher sieht man wirklich den luziferfreien Menschen,wenn man das Kind mit dem richtigen Gefühle ansieht,wenn es in die Welt hereinkommt. Und ist man imstande, das Kind mit dem richtigen Gefühle anzusehen, wie es hereinkommt in die Welt, so sieht man schon den Menschen mit seiner Christus-Verwandtheit an. Das ist das Gefühl, das erreicht werden sollte bei denen, denen der Jesus im Weihnachtsspiel übergeben wurde: zu empfinden das, was ich angedeutet habe gleich auf den ersten Seiten der kleinen Schrift über den Fortschritt der Menschen und der Menschheit, wo ich von den drei ersten Jahren gesprochen habe, von diesem Hereintreten. Denn wenn dies, was da den Menschen durchsetzt, in der Mitte seines Lebens ihn durchdringen könnte - ich habe es darin angedeutet -, dann würde man eine Vorstellung von der Art und Weise haben, wie der Christus in dem Jesus gelebt hat. Dieses Hinblickenkönnen auf dasjenige, was noch nicht luziferisch infiziert ist in dem Kinde, das ist dasjenige, was gerade im Weihnachtsspiel vor sich gehen kann. Und denken Sie, was das alles schließlich ist. Es ist eigentlich etwas Ungeheures, wenn man so hinschaut auf das Kind. Ich habe in dieser kleinen Schrift darauf aufmerksam gemacht, wie wir in der Jugend gescheiter sind, wenn auch unbewußt gescheiter, weil wir unseren Leib erst nach und nach aufbauen müssen, was wir später nicht mehr können. Man ist gescheiter, man ist viel weiser, als man später ist, in dem inneren Durchdringen des Menschen, der menschlichen Wesenheit, aber man hat noch nicht Luziferisches. Indem man so innerlich arbeitet, wenn man Kind ist, bis zu dem Zeitpunkte hin, bis zu dem man sich später zurückerinnert, arbeitet man an der feinen Ausziselierung seines Leibes. Man arbeitet da nach unendlich weisheitsvollen Gesetzen, von denen man später in dem luziferisch-ahrimanisch durchsetzten Wissen niemals eine Ahnung bekommen kann. Wenn man darinnen in dieser Wesenheit arbeitet, ist man noch frei von allem, in das man später hineinkommt, indem man mit dem Leib zusammen die Welt erlebt. Man ist frei von allen Unterschieden, selbst von dem großen Unterschied des Männlichen und Weiblichen. Man ist als Kind noch nicht im Männlichen und Weiblichen darin lebend. Man ist noch nicht in einem Standes-, Rassenunterschiede darin, ist noch nicht in einem nationalen  Unterschiede darin. Man ist Mensch, bloßer Mensch. Man ist real in dem darin, worin selbst diejenigen einmal gelebt haben, die sich jetzt durch das, was sie erst äußerlich erleben, durch Haß, im Kriege gegenüberstehen. Daß man sich in der Welt hassend als verschiedenen Nationen angehörig gegenübersteht, das wird erst durch diejenigen Kräfte entwickelt, in die man sich mit dem physischen Leib zusammen hineinlebt. Das Kind lebt, bevor es sich mit dem physischen Leib zusammengelebt hat, noch in dem darin, das jenseits von Nationen- und Standesunterschieden ist. Es lebt drinnen in dem, in dem nun wirklich die Seelen leben können, wo sie auch geboren sind auf der Erde. Denken Sie doch, die Menschen können sich furchtbar bekämpfend, wütig bekämpfend gegenüberstehen, sich gegenseitig totschießen - und diejenigen, die sich gegenseitig totschießen, in dem gemeinschaftlichen Christus können sie durch die Pforte des Todes durchgehen, in dem, worinnen sie sind, wenn sie noch nicht mit den Unterschieden der Menschen behaftet sind. Was sich hassend gegenübersteht, das erwirbt sich der Mensch erst im physischen Leib, das hat nichts zu tun mit dem, was außerhalb des physischen Leibes ist. Viel, viel hat die Gegenwart zu lernen, gerade die Gegenwart, indem sie sich wiederum zurückfindet zu der Verehrung des Jesus in der Zeit, wo er dargestellt wird als Kind, da er noch nicht eingetreten ist in dasjenige, was die Menschen differenziert und sie gegenseitig zu Streit und Hader bringt. Erst durch dasjenige, was der Mensch erlebt, wenn er etwas anderes wird, als das Kind ist, von dem zu Weihnachten gesprochen wird, erst durch das entsteht Krieg und Streit. Dasjenige, was zu Weihnachten gespielt wird, ist der Mensch, wirklich als in Verbindung stehend mit den kosmischen Mächten, aber so, daß in einzigartiger Gestalt äußerlich auf dem physischen Plan sich offenbart, was nicht eingeht in Streit, was in gleicher Weise diejenigen in ihrem Herzen tragen können, die sich äußerlich bis auf den Tod bekämpfen. Es liegt eine ungeheure Tiefe darin, daß gerade in Anknüpfung an den nathanischen Jesusknaben diese Seite vor die Menschheit hingestellt wird, so daß sich der Mensch berührt mit jener Seite, durch die er in die Welt hereintritt ohne den Schatten einer Differenziertheit, indem er noch nicht in Nationen, in andere Unterschiede eingetreten ist, in jene  Unterschiede, in die er erst eintritt durch das Zusammenleben mit dem Leib. Es berührt sich auf der einen Seite die Jesus-Idee, die sich nur voll ausleben kann in dem Jesus-Kinde, mit der Christus-Idee, die sich auslebt, wenn man wieder rein erfassen kann in dem Jesus zwischen dem dreißigsten und dreiunddreißigsten Jahre dasjenige, was nun auch geistig ist, das Christus-Wesen. In doppelter Weise, durch den nathanischen und durch den salomonischen Jesus, ist vorbereitet worden ein Leib, der nun abseits stehen kann von alldem, was sich durch die Menschen differenziert. Und nur in einem solchen Leibe kann sich der Christus offenbaren. So sehen wir in unserem geisteswissenschaftlichen Sinne ähnlich, wie ich es in dem Büchelchen über den Fortschritt des Menschen und der Menschheit angegeben habe, die Jesus-Idee, sehen wir die Christus-Idee zusammenwachsen. Das ist das größte, das bedeutsamste Bedürfnis in unserer Zeit. Die Menschen hatten bisher nur eine Weihnacht und nur ein Ostern, aber diese gehörten nicht zusammen. Denn das Ostern ist ein Christus-Fest, das Weihnachten ist ein Jesus-Fest. Zusammen führen das Ostern und Weihnachten nur dann, wenn man verstehen kann, wie der Christus und der Jesus zusammengehören. Und die Brücke zwischen Weihnachten und Ostern wird die Geisteswissenschaft schlagen. Und aus dem einfachen Hirtenspiel wird eine Brücke hinübergeschlagen zu dem feinsten Verständnis, das gewonnen werden kann, wenn wir die Geisteswissenschaft so weit treiben, daß wir durch sie den Christus finden. Nur müssen wir die Fähigkeit haben, mit der Gesinnung der Hirten zu gehen, nicht mit der Gesinnung der Wirte. Der Gegensatz zwischen dem Materialismus und dem Spiritualismus wird in wunderbarer Weise kontrastiert in den «Wirten» und den «Hirten». Und im Grunde genommen ist das die große Frage in unserer Zeit, ob die Leute Wirte sein wollen oder Hirten sein wollen. Ein großer Teil der Ereignisse unserer Zeit rührt davon her, daß die Leute Wirte sind. Das Wirtesein ist ausgebreitet in der Welt. Hirten zu sein, müssen wir wiederum versuchen, Hirten zu werden. Da werden sich allerdings auch noch unter den Hirten gar manche Zweifler finden, und wenn der eine sagt: Ich glaube, ich sehe dort einen Schein, das heißt, ich vernehme etwas Geistiges -, so wird der andere noch immer lange kommen und wird sagen:  Das ist alles nur Phantasterei. - Gewiß, aber wenn der Mensch nur jetzt die Seiten in sich entwickeln kann, welche nicht auf dem fußen, was auf der Erde erworben ist, sondern den Zusammenhang finden kann mit dem, was der Mensch doch in seiner inneren Wesenheit aus dem Geistigen, Himmlischen herausgebracht hat, dann wird er ein Hirte sein können. Die Menschen stehen heute gar zu sehr in dem Haus darinnen, in dem sie dasjenige haben, was der Wirt hat, dasjenige, was hereingebracht worden ist aus dem, was aus der Erde ist. Das kann auch nur mit irdischen Werten bemessen werden. Diejenigen aber, die noch einen gewissen Zusammenhang mit dem haben, was geistig die Welt durchwallt und durchpulst, die die Hirtennatur noch in sich bewahrt haben, die sollen die Wege finden, finden können, daß man im Grunde genommen mit äußerem Wissen auch nur den äußeren Schein findet. Man wird anfangen allmählich, Weihnachten zu verstehen, wenn man unterscheiden lernen wird die Wirtenatur und die Hirtennatur, und wenn man wissen wird, wieviel von Wirtenatur in unserer Zeit ist. Aber über ein Kleines wird man sich allerdings hinweghelfen müssen. Selbstverständlich muß man unterscheiden zwischen Wirten- und Hirtennaturen, sind wir doch umgeben von lauter Wirten, ist man doch überall, wohin man kommt, von lauter Wirten umgeben und fühlt sich dabei so recht als ein Hirte. Selbstverständlich fühlt man sich immer als ein Hirte! Über das muß man schon hinwegkommen, daß man mindestens auch ein bißchen forscht nach dem Wirtsleuteelement, das man in sich selber trägt, und sich nicht gar zu sehr als Hirte ansieht. Sich fragen wird man manchmal müssen: Sehe ich schon den Schein, der da kommen soll und ankündigen dasjenige, was durch die neue Geisteswissenschaft kommen soll? - Pflegen wird man müssen alles dasjenige, was in uns lebendig machen kann die Empfindungen: in dieser neuen Geistesrichtung Weihnachten in seinem Herzen feiern zu können, aus der Finsternis heraus das Licht zu suchen, aber in ihm suchen und wirklich suchen wollen, richtig suchen wollen, und indem man sucht, auch wirklich das Gefühl haben, daß es mit einem Male nicht abgemacht ist, und daß man immer wieder kommen muß, wie es die Hirten getan haben, die auch versprechen, daß sie wiederkommen; daß sie es mit einem Male nicht abgemacht sein lassen wollen.  Ja, vieles ist noch zu lernen gerade von diesem einfachen Weihnachtsspiel, und deshalb ist es, denke ich, gut, daß man auch diese einfachste Form, das Weihnachtsmysterium zu empfinden in diesen einfachen Formen, jetzt unter uns ein bißchen pflegt. Denn mancherlei schwere Kampfe werden gerade dem geisteswissenschaftlichen Streben in der kommenden Zeit entgegentreten, und nur diejenigen, welche wirklich gelernt haben, an der geistigen Erfassung des Weihnachtsgeheimnisses Hirten zu werden mit aller Demut der Hirten, aber auch mit allem weisen Suchen des mit der Welt in Treue verbundenen Hirten, werden den Weg finden. Schreiben wir uns das zu dieser Weihnachtszeit in die Herzen, in die Seelen ein, damit wir immer mehr und mehr suchende Hirten werden und in der Zeit lernen, das Heilige in der innersten Seelenstimmung des Menschen zu suchen, wie es gefunden worden ist aus der profanen Stimmung heraus, wie ich es Ihnen charakterisiert habe, als wie mehr aus einer Faschings-, nicht aus einer heiligen Unterhaltung heraus die weihevollste Form des Weihnachtsspiels auch nach und nach entstand. Versuchen wir in Anknüpfung gerade an dasjenige, was uns die Weihnachtsspiele zeigten, das Geistige zu suchen, dann werden wir es im richtigen Sinne als Hirten finden, nicht als Wirte, die schon verloren haben - so meint es symbolisch das Weihnachtsspiel - den Zusammenhang mit dem Weihnachtskind. Und unsere Zeit hat das sehr notwendig, recht sehr notwendig, unsere Zeit, in der der Materialismus so weite, weite Gebiete der äußeren Welt, des inneren menschlichen Fühlens erworben hat, und in dem es einer spirituellen Weltauffassung so schwierig ist, auch nur gegenüber den mißbrauchten Worten, mit denen man sich ausspricht, die rechten Worte zu finden, zu sagen das, was die rechten Worte sind.  DER BAUM DER ERKENNTNIS U N D DER WEIHNACHTSBAUM DIE WEIHNACHTSSTIMMUNG IN STIFTERS NOVELLE «BERGKRISTALL» Basel, 28. Dezember 1915 Von dem innigen Verwachsensein des Weihnachtsfestes mit der Geistnatur haben Sie soeben gehört. Es ist wahr, dieser Gedanke darf besonders tief und besonders warm unsere geisteswissenschaftlichen Arbeitszweige durchdringen beim Anblicke des lichterbesetzten Baumes in der finsteren Wintermitte, Winternacht. Von all den Symbolen, welche aus einem gewissen elementarischen, nicht aus einem oberflächlich liegenden Bewußtsein heraus in das Geistesleben eingetreten sind, ist eigentlich der Weihnachtsbaum eines der jüngsten. Wenn wir um etwa zweihundert Jahre zurückgehen in der Zeit der Entwickelung des europäischen Geisteslebens, so finden wir den Weihnachtsbaum höchstens ganz vereinzelt da und dort auftreten. Er ist noch nicht alt als Weihnachtssymbol. Mit diesem Gedanken, daß der Weihnachtsbaum, der die Freude, den Impuls der Dankbarkeit des kindlichen Herzens erregt, eines der jüngsten christlichen Symbole ist, vereinigt sich bei uns wohl leicht der andere Gedanke, daß uns in vielen unserer Zweige dieser Weihnachtsbaum unendlich lieb geworden ist, und daß wir ihn dann, wenn wir in unseren Zweigen das Weihnachtsfest feiern, nicht missen möchten. Wahrhaftig, dieser Weihnachtsbaum hängt zusammen, trotzdem er aber aus unterbewußten Tiefen des menschlichen Herzens - sich erst spät zum christlichen Weihnachtssymbolum umgestaltet hat, mit tiefen Empfindungen und Gefühlen über das Wesen und die Bedeutung der Weihenacht. Im Mittelalter ist es üblich geworden, daß um die Weihnachts-, um die Neujahrs-, um die Dreikönigszeit Weihnachtsfestspiele aufgeführt wurden. Bauern, die sich lange darauf vorbereiteten, stellten, indem sie in den Dörfern herumgingen, die Geburt des Christus dar. Sie stellten dar die Erscheinung der drei Könige, der drei Magier vor dem eben geborenen Christus. Sie stellten aber auch dar im sogenannten Paradeisspiele dasjenige, was im ersten Buch Moses als die Schöpfung unserer Erdenwelt geschildert wird, diejenige Szene, die uns  so gewaltig aufhellend, die Geheimnisse unserer eigenen Seele enthüllend, oftmals vor Augen treten muß, die Szene am Erdenanfang, in die hinein die bedeutungsvollen Worte tönten: Ihr sollt essen von allen Bäumen des Gartens, aber nicht essen sollt ihr vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen. - Jetzt ist nur noch als Erinnerung an die innere Verbindung des Erdenschöpfungsanfanges mit dem Weihnachtsfest das geblieben, daß unser Kalender am 24. Dezember «Adam und Eva» aufweist und am 25. das Geburtsfest des Christus Jesus. Und dennoch, man kann - wie gesagt, nicht aus einem Gedanken heraus, sondern aus einem Gefühl heraus - nicht umhin, zu empfinden: Ist nicht vielleicht aus dunklen Untergründen des menschlichen, christlich fühlenden Herzens heraus der Impuls entstanden, am Geburtstage des Christus Jesus aufzustellen jenen uralten Weltenbaum, den Baum von der Mitte des Paradieses, von dem eigentlich nicht hätte gegessen werden sollen? Das Paradeisspiel wurde aufgeführt. Geblieben sein konnte von der Erinnerung an das Paradies der Paradiesesbaum, und vereinigt sein konnte der Paradiesesbaum mit den Gefühlen, die wir haben können über die Geburt des Christus Jesus. Nicht Theorien will ich hier entwickeln, dazu ist der Festestag heute nicht da. Gewiß, man kann anderes sagen über die Gründe des Aufkommens des Weihnachtsbaumes, aber aus dem Gefühle heraus, wie es sich uns ergeben könnte, indem wir neben ihm stehen, indem wir aufleuchten lassen in unserer Seele gerade diejenigen Empfindungen, die uns an diesem Feste verbinden mit den kindlichsten Empfindungen des Menschen, aus diesem Gefühle heraus möchte man im Anschauen des Weihnachtsbaumes sprechen, weil man an ihm etwas sieht wie eine Erneuerung des Paradiesesbaumes. Wie ein heidnisches Symbolum nimmt sich ja dieser Weihnachtsbaum eigentlich nicht aus, auch nicht wie ein nordisch-heidnisches Symbolum. Wenn unsere Erde sich mit Schnee bedeckt, wenn die Eiszapfen von den Dachrändern der Häuser und über die Bäume hin hinunterhängen und die Menschen sich hereinflüchten aus denjenigen Gebieten der Erde, wo durch Monate hindurch das Grün und die bunte Blumenwelt das Auge entzückt, die Früchte sich dargeboten haben, die für des Menschen Notdurft nötig sind, wenn der Mensch sich hereinflüchten muß aus alldem, was draußen, zunächst  wenigstens, nach seiner Empfindung für ihn da ist, mit dem er sich zu beschäftigen, womit er zu leben hat die Frühlingszeit, die Sommerszeit hindurch, wenn er sich hereinflüchten muß in jene Stuben, durch die der Schnee hereinschaut, die Eiszapfen hereinschauen, und von innen aus sie erwärmen muß, dann empfand der Heide wohl etwas von dem, was werden könnte aus der Welt, wenn diese Welt sich selbst überlassen ist. Den großen Winter am Ende des Erdenseins empfand der Heide, wenn er so verlassen war von den Geistern der Natur, von alldem, was er als Gnomen, Undinen und Sylphen fühlte, wenn er fliehen mußte in die Ofenwärme herein, fliehen mußte von dem, was ihn verlassen machte von seiner geliebten Natur, und er nur durch eine geringfügige Öffnung dasjenige erblickte, worin man nicht sein konnte. Wenn er diese Verlassenheit erleben konnte, so fühlte er in dieser Winterzeit ins Unendliche ausgebreitet, alles überschwemmend, alles übertönend, das Ende des Erdendaseins, den großen Weltenwinter. Der Christ würde ihm geantwortet haben, wiederum vielleicht nicht aus einem theoretischen Verständnis, aber aus einem Gefühlsverständnis heraus: Du magst recht haben, so wäre es mit der Erde gekommen, wenn der Baum seine Wirksamkeit hätte entfalten müssen, von dem die Menschen unerlaubterweise durch luziferische Verführung genossen haben die Frucht der Erkenntnis des Guten und des Bösen. Und wenn man so denkt an die Erdenentwickelung mit diesem Erdenziel nach der Verlassenheit und Einsamkeit des Winters, nach der Kälte und dem Froste, auch in bezug auf das Seelische, das allem Irdischen bevorstehen würde, und wenn man es anknüpfen kann an die Folge derluziferischen Verführung, an die Wirkungen des Genusses vom Baume der Erkenntnis des Guten und des Bösen, dann kann man auf der andern Seite so recht fühlen, was der Christ-Gedanke eigentlich zu bedeuten hat. Eher, vor dem Christ-Gedanken, kam der Ostergedanke dem Menschen der christlichen Entwickelung zum Bewußtsein, jener Gedanke, von dem durch die Ostersymbole so bedeutsam erzählt wird, wodurch der Mensch befreit worden ist von all dem, was in der luziferischen Verführung ist. Das Großartige des Erlebens des Ostergedankens kann durchbeben, durchwehen die Seele in der Frühlingszeit mit der aufwachenden Natur. Aber ein anderes ist es mit dem Weihnachtsgedan ken, dieser andern Seite des Christ-Gedankens. Zum Verständnis des Ostergedankens ist schon einiges notwendig, das man an Erkenntnis vorausbekommen haben muß. Den Weihnachtsgedanken verstehen fühlend, ich möchte sagen, die kleinsten Kinder. Und was ist denn eigentlich dieser Weihnachtsgefühls-Gedanke, wenn man ihn so erforscht in den Kindern, die gerufen werden, nachdem der Weihnachtsbaum gerichtet ist, die Lichter angezündet, die Geschenke ringsherum gelegt sind, was ist denn dieser Weihnachtsgefühls-Gedanke, wenn dann die Kinder hingeführt werden zum Weihnachtsbaum, wenn sie die Gaben empfangen, wenn ihnen gesagt wird, das habe ihnen der Heilige Christ gebracht - was ist denn das Wesentliche? Die Kinder wissen es vielleicht nicht, sie fühlen es aber unbewußt in jenen Gründen, die so tief in des Menschen Seele sitzen, daß man sie eben nicht immer zum Bewußtsein rufen kann. Was ist denn eigentlich dieses Wesentliche, wenn man so recht erforscht, was da eigentlich in den Kindern lebt - man tut es gewöhnlich nicht -, aber wenn man erforscht, was in den Kindern lebt, wenn sie zum Weihnachtsbaum gerufen werden und hören, diese Geschenke habe ihnen das überirdische Wesen gebracht? Es sind keine solchen Geschenke, die sie selber draußen pflücken können am Bache, in der Sommer-, in der Frühlingszeit, nein, das ist ihnen aus Überirdischem geworden. Was ist es, was dann in den Kindern lebt? Ich meine, man kann sagen, gerade wenn man tief forscht in den Herzen der Kinder mit denjenigen Augen, die man die Seheraugen nennen kann, die man sich nach und nach erwirbt: das Bedeutsamste, das intensivste Gefühl, das da in den kindlichen Herzen unbewußt lebt, ist eine ganz unendlich tief gehende Dankbarkeit. Und man empfindet dann, wenn man sich hineinfühlt, etwas wie den Gedanken, der auslöst dieses Gefühl der Dankbarkeit: Warum greift denn diese Dankbarkeit so Platz in den Herzen, in den Seelen der Kinder? Warum denn? - Weil eigentlich sich dieses Herz wieder im tiefsten Unterbewußten sagt: Dankbar müssen wir Menschenkinder sein, daß wir nicht verlassen geblieben sind, daß ein Wesen sich uns geneigt hat aus Geisteshöhen herunter, das Wohnung hat nehmen wollen innerhalb des menschlichen Erdendaseins; daß auf jener Erde, die dunkel hätte bleiben müssen infolge der Paradiesesversuchung, die erkälten  und erstarren hätte müssen als die große Winterzeit, hereingetreten ist in dieses zur Erstarrung sich vorbereitende Dasein das Wesen, das man alljährlich aufs neue hereintreten sieht in die Zeit, die uns auch wirklich schon symbolisch andeutet dieses Erdenende in dem Froste des Winters, in dem Dunkel, in dem Finstern des Winters. Dankbar müssen wir sein dem Weltengeiste, der herabgestiegen ist, sich vereinigt hat mit der Erdenentwickelung der Menschen, so daß wir nicht zu fürchten brauchen, daß der große Winter kommt, sondern hoffen dürfen, daß dann, wenn durch den äußeren natürlichen Gang der Erde der große Winter in seinem Erden-Kosmos-Froste folgen würde, da sein wird dasjenige Wesen, das sich uns in Kindesform alljährlich nähert und die Erde verjüngt, daß sie nicht erstarrt hinausgetragen wird zu ihrem weiteren Dasein im Kosmos. Daher die unendliche Wärme, die gerade von diesem Weihnachtsfeste ausgeht. Und daher, ich möchte sagen, dieser eigentümlich beweisende Charakter des Weihnachtsfestes. Das Weihnachtsfest hat etwas Christ-Beweisendes. Man kann dem Weihnachtsfeste gegenüber empfinden, daß das, was es darstellen will, wahr ist, dadurch, daß, sobald nur der Gedanke dieses Weihnachtsfestes in der Menschen-Kindesseele erfaßt ist, er sogleich in seiner ganzen Bedeutung dieses Kinderherz, diese kindliche Seele des Menschen auch ergreift und wirklich alles Kindliche in dem Menschen erfaßt, gleichgültig ob dieses Kindliche im Kindesalter oder noch im spätesten Alter sich geltend macht. Gerade Menschen, die so recht fühlen können auf der einen Seite die äußere Natur mit all ihrer Frühlings- und Sommerschönheit, die auch empfinden können diese eigentümliche Verlassenheit der Winterzeit, die fühlen können die Weihestimmung der Weihnachtszeit, die fühlen auch dieses Beweisende des Weihnachtsfestes. Ein Dichter, der sich Zeit seines Lebens immer eingelassen hat in eine bis ins Kleinste gehende Naturbetrachtung, hat in einer seiner Dichtungen auch über das Weihnachtsfest herrlich schön gesprochen, der Dichter, von dem die Worte stammen: Da sagen die Menschen, ein Gewitter ist großartig, der Sturm sei großartig, ein Erdbeben, ein Vulkanausbruch könne großartig sein - ich finde: großartig ist das Marienkäferchen, das über das Blatt läuft, wenn man es nur in seiner richtigen  Wesenheit erfühlen kann. - So ungefähr hat der Dichter Adalbert Stifter gesprochen. Und aus dieser seiner Bekanntschaft mit dem Großen im Kleinen der Natur, mit dem, was geistig alle Natur durchzieht, ist auch seine schöne Weihnachtserzählung hervorgegangen, die in ihrem Grundton das Beweisende des Weihnachtsfestes eigentlich webt und lebt. Wir werden durch den Dichter in ein einsames Alpental geführt, das ein Nachbartal hat. In beiden Tälern sind Dörfer. Wie es in den Alpen ist - wenigstens in früheren Zeiten war -, kommen die Bewohner des einen Tals mit den Bewohnern des andern Tals wenig zusammen. Da aber stellt sich heraus, daß sich ein Bewohner - ein Schuster ist es aus dem einen Tal mit einer Bewohnerin des andern Tals verheiratet. Wie eine Fremde wird diejenige angesehen, die nur eine kurze Strecke weiter übers Gebirge hinüber geboren ist. Kinder bekommen sie. Die Großeltern sind drüben im andern Alptal. Der Großvater ist auf den Schwiegersohn nicht gut zu sprechen, daher sieht er sich wenig nach den Kindern um, aber die Großmutter ist früher öfter herübergekommen. Aber als die Kinder ein wenig herangewachsen, obwohl noch klein waren, war die Großmutter schon alt, konnte nicht mehr so oft herüberkommen. Da besuchten sie denn die Kinder. Einmal wurden sie hinübergesandt, es war gerade am sogenannten Heiligen Abend, in das andere Alptaldorf, bei einem Wetter, das durchaus ungefährlich war. Sie gingen dahin. Sie hatten wohl, da sie noch ganz junge Kinder waren, nur wenige Male mit einigem Bewußtsein in der nächtlichen Stille der Alpenhütte vor dem Christbaum gestanden und einige Worte gehört von dem Christ-Geheimnis, weniges nur gehört. Nun wurden sie also, als sie noch verhältnismäßig kleine Kinder waren, entlassen. Sie sollten die Großmutter besuchen. Man konnte hoffen, daß das Wetter günstig bliebe. Sie gingen hin zur Großmutter in das Nachbardorf. Die Großmutter gab ihnen ihre Geschenke mit, sie ermahnte sie, ja recht vorsichtig nach Hause zu gehen. Aber siehe da, Schneefall kam. Sie mußten über das Gebirge hinüber nach dem andern Tal. Sie verloren den Weg, sie fanden ihn nicht wieder. Sie verirrten sich. Der Knabe, der etwas größer war, nahm sich innig des kleinen Mädchens an. Sie kamen sogar über Gletscher. Sie konnten sich nur dadurch aufrechthalten, daß  sie von der Großmutter etwas Kaffee mitbekommen hatten, den sie auspackten. Der Knabe hatte einmal gehört, daß man durch Kaffee das Erfrieren verhindern könne. Ja, sie konnten den Weg nach Hause nicht finden. Die Nacht wurde immer finsterer, und sie waren hoch oben mitten in Eis und Schnee, so daß, als um Mitternacht überall die Weihnachtsglocken erklangen, sie das nicht einmal hören konnten. So machten sie die Weihnachtsnacht durch, während unten im Dorfe selbstverständlich nicht nur die Eltern, sondern das ganze Dorf Furcht und Angst ergriffen hatte. Man war ausgezogen, die Kinder zu suchen. Die Kinder aber waren oben in der Einsamkeit. Sie mußten warten, indem sie sich warmhielten durch alles, was sie in ihrer kleinen Klugheit schon kannten, mußten warten, bis allmählich der Morgen kam. Da hatten sie, wie das zunächst beschrieben wird, unter sich den Schnee und das Eis, über sich die Sterne. Es kam dann, indem sie auf die Berge hinblickten, gegen Morgen eine wunderbare Helle über die Berge. Nun, man fand dann die Kinder, brachte sie halb erstarrt nach Hause, steckte sie ins Bett. Den Weihnachtsabend hatten sie versäumt, aber es wurde ihnen dann die Weihnachtsbescherung am Tag darauf. Zunächst mußten sie aber erst aus der Erstarrung herauskommen und wurden daher ins Bett gesteckt. Die Mutter - ich erzähle all die verschiedenen Szenen nicht, die nun gerade von diesem Dichter wirklich in einer Menschenherzen aufs tiefste ergreifenden Weise geschildert sind — setzt sich an das Bett des kleinen Mädchens hin, läßt sich erzählen, was die Kinder Furchtbares erlebt haben. Dann sagt das kleine Mädchen, das, wie gesagt, nur einige Male wenige Worte von der ganzen Bedeutung des Christ-Festes gehört haben wird: Mutter, wie wir da oben waren und es so, so kalt war, und wir nichts sahen als Schnee und Sterne, da schaute ich in die Sterne, und weißt du, Mutter, was ich da gesehen habe, wie ich hinaufschaute in den Himmel? Da sah ich den Heiligen Christ! Ich sagte, eine solche Dichtung hat etwas Beweisendes, weil sie bezeugt, wie innig sich verwebt, auch wenn der Mensch noch wenig gehört hat von dem Christ-Gedanken, auf naturgemäße, elementarische Weise der Christ-Gedanke mit diesem menschlichen Herzen. Daher muß er tief im menschlichen Herzen begründet sein. In jedem Lebens alter, in dem kindlichsten Alter versteht man ihn ja. Der Dichter Adalbert Stifter hat wahr gesprochen. Man versteht ihn so, daß man in der Sternenschrift schon als ganz kleines Kind zu lesen vermag, wie der Heilige Christ spricht. Es ist wirklich zusammenhängend mit der Dankbarkeit gegenüber der Weltentatsache, daß ein Gott hat herabsteigen wollen auf die Erde, damit die Menschen mit der Erdenentwickelung nicht einsam seien. Der Einsamkeit hat uns entrissen der göttliche Helfer. Das empfindet das Kind. Und dieses Gefühl der Dankbarkeit gegenüber den Weltenmächten, das so tief sitzen kann, das ist jenes unendlich warme Gefühl, das die Herzen der Menschen durchglüht in der Weihnachts-Weihenacht; das macht auf geistige Art das Leben in der Weihnachts-Weihenacht so warm in der Kälte des Winters, das macht das Leben in der Weihnachts-Weihenacht so licht im Winterdunkel, wenn die Sonne am tiefsten steht. Und wir, die wir Erkenntnis suchen, wir müssen sie doch auf andere Weise suchen, als sie so ist, wie sie von dem Versucher hervorgegangen ist. Und Erkenntnis suchen wir doch. Ja, geistige Erkenntnis suchen wir. Wert muß uns sein der Baum der Erkenntnis; er ist es wohl auch für uns, wenn wir richtig empfinden: der Baum der Erkenntnis. Aber wir lassen uns ihn nicht reichen von luziferischen Mächten. Wir nehmen ihn entgegen von dem Christus, der herunterstieg auf die Erde. Denn so darf er entgegengenommen werden von dem menschlichen Herzen, dem menschlichen Gemüte, dem menschlichen Erkenntnisstreben, dieser Baum der Erkenntnis, so darf er entgegengenommen werden, wenn ihn der Christus uns reicht. Was Luzifer dem Menschen nicht reichen sollte, das reicht der Christus dem Menschen. Und so erneuert sich der Baum des Paradieses: Er wird zum Christbaum. Was als Versuchung Luzifer dem Menschen reichte, das reicht als Aussöhnung der Christus den Menschen wiederum. Und so wird selbst der reifste Gedanke des Erkenntnisstrebens angegliedert an den kindlichen Gedanken des Weihnachtsbaumes. Wie das Kind dasjenige entgegennimmt, von dem es sonst gesehen hat, woher es kommt, an Gaben der Natur, an Gaben der Gesellschaft, wie es das entgegennimmt als Heilige Gabe am Weihnachtsabend, so denken wir, wie wir dasjenige, was uns heilig und wert ist, die Gabe vom Baum der Erkenntnis, entgegennehmen von dem  Christus, der seine Impulse mit den Erdenimpulsen hat vereinigen wollen. Verstehen werden wir, rege zu machen gerade im Sinne unserer Weltanschauung jene warme Dankbarkeit gegenüber dem ChristusWesen, das hat auf die Erde kommen wollen, um die Menschen zu befreien von der Einsamkeit, die symbolisiert ist in der Winterfinsternis und in der Winterkälte, während auf der andern Seite symbolisiert ist die geistige Wärme, der der Mensch teilhaftig werden kann mit den geistigen Mächten in dem, was an wahrer Wärme von jenem Bewußtsein ausstrahlt, das wir in unser Herz eindringen lassen können von unserem Geiste aus, wenn wir im rechten Sinne verstehen das Symbolum des Weihnachtsbaumes, des erneuerten Baumes der Erkenntnis, des Baumes der Erkenntnis, der gereicht wird von dem Christus Jesus, wenn wir dieses die Weltenkälte erwärmende Weihnachtssymbolum zu unserer Seele, zu unserem Herzen sprechen lassen.  NEUJAHRSBETRACHTUNGEN Erster Vortrag, Dornach, 31. Dezember 1915 Manches, das man von den Geheimnissen der geistigen Welt mitteilen will, muß man zunächst bildhaft andeuten, oder wir könnten sagen, halb bildhaft andeuten, wobei dann die Bilder aber durchaus real, wirklich gemeint sind. Bildlich solches anzudeuten, wie ich heute gerne möchte, zu Ihrer weiteren Meditation in Ihrem eigenen Gemüte, ist deshalb nötig, weil, wollte man nicht in Bildern, sondern in Begriffen sprechen, man lange Ausführungen würde machen müssen. Aber jeder kann gewissermaßen auf das Tiefere selbst kommen, der dasjenige, was ich heute sagen werde, ein wenig in seinem Gemüte gegenwärtig sein läßt und gewissermaßen darüber meditiert. Wir gehen alljährlich um diese Zeit aus einem Zeitabschnitt in den andern. Gewiß, das kann zunächst scheinen wie eine bequeme Einteilung der Zeitenfolge. Das ist es aber nicht, denn aus einem tieferen Instinkte heraus folgten die Menschen, die die Zeiteinteilung zu machen hatten, gewissen großen Gesetzen des Zeitenlaufes. Dieses Fest des Überganges von einem Jahr in das andere wird ja bei uns - und ich spreche natürlich von unseren Gegenden - begangen in der tiefen Winterzeit, in jener Zeit, in welcher die Pflanzen ihr Wachstum, ihr Blühen, ihr Früchtetragen eingestellt haben. Nur gewisse Waldbäume tragen ihr, wie man sagt, ewiges Grün durch die Winterweiße hindurch. Die Sonne entfaltet ihre geringste Kraft. Wir wissen, daß hineinverwoben ist in all dasjenige Geschehen, das sich vor unseren Sinnen abspielt, geistiges Geschehen. Wir wissen, daß wir, wenn wir durch den Wald gehen, nicht nur die Waldesbäume mit ihren grünen Nadeln oder mit ihren Blättern um uns herum haben, sondern daß in den geheimnisvollen Untergründen des Daseins Geist- und Seelenwesenheit waltet und wirkt. Wir haben uns schon hineingefunden, dasjenige, was von den ganz gescheiten Menschen in unserer Zeit als ein kindlicher Aberglaube angesehen wird, gerade als auf das Wahrhaft-Wirkliche deutend zu empfinden.  Und so sind wir uns denn klar, daß allem Sinnlichen, ob es nun feste Dinge sind, oder ob es Geschehnisse sind, die mit den Sinnen beobachtet werden können, geistiges Walten und Werden zugrunde liegt. Und so sehen wir denn zunächst einmal hin auf die unlebendige, wie man sagt, unorganische Erde, auf alles dasjenige, was auf unserer Erde als mineralisches Reich ist; schauen hin auf alles Leblose. Dieses Leblose ist für den äußeren Materialisten ein bloßes Lebloses. Für uns gehört zu jedem Leblosen ein Seelisches und Geistiges, so daß wir auch sprechen können von einem Seelischen und Geistigen unserer ganzen sogenannten unbelebten, unorganischen, rein mineralischen Erde. Allerdings, wenn wir von diesem Erdenbewußtsein sprechen, so sehen wir in dem GeologischMineralogischen zunächst nicht einmal dasjenige, was sich vergleichen läßt beim Menschen mit den Muskeln und mit dem Blut, sondern nur das Knochengerüste, nämlich das Feste der Erde, so daß wir, wenn wir von diesem Erdenbewußtsein sprechen, dieses Erdenbewußtsein verbunden zu denken haben mit der ganzen Erde, zu der nicht nur das Knochengerüste, sondern auch Wasser, Luft und so weiter gehört, was Muskeln und Blut entspricht. Die ganze Erde hat Bewußtsein, ein Bewußtsein, das zu ihrem mineralischen Reiche gehört. Wir wollen uns nicht beschäftigen mit der Veränderung dieses Bewußtseins der Erde für eine bestimmte Gegend im Laufe des Jahres, sondern wir wollen uns nur einmal in unser Gemüt einführen die Vorstellung, daß diese ganze Erde ihr Bewußtsein hat. Und jetzt wenden wir den Blick von der ganzen mineralischen Erde ab zu dem, was aus der Erde sprießt und sproßt als Pflanzenwelt. Diese Pflanzenwelt müssen wir, wenn wir sie im Sinne der Geisteswissenschaft anschauen, zunächst betrachten als ein selbständiges Wesen gegenüber unserer Erde. Und daß die Gesamtheit des Pflanzenseins ein selbständiges Wesen gegenüber der Erde ist, das tritt einem erst so recht hervor, wenn man auf das Bewußtsein dieser beiden Wesenheiten sieht. Wir können sprechen von einem Bewußtsein der gesamten mineralischen Erde. Wir können aber auch sprechen von einem Bewußtsein der gesamten Pflanzenwelt, die sich auf der Erde entwickelt. Die Gesetze dieses Bewußtseins sind allerdings andere als die Gesetze des menschlichen Bewußtseins. Wenn wir vom pflanzlichen Bewußtsein  sprechen, so können wir immer nur von einer bestimmten Gegend sprechen, weil das Bewußtsein sich ändert nach den Gegenden der Erde. Wir als Menschen beachten nicht, daß eigentlich ein gewisser Parallelismus besteht zwischen unserem Bewußtsein und dem Bewußtsein zum Beispiel der Pflanzenwelt der ganzen Erde, weil wir zwar in unser volles Bewußtsein hinaufnehmen unser Tagesbewußtsein, nicht aber unser Nachtbewußtsein. Wir sagen einfach zur Vereinfachung unserer Betrachtungen: Während unseres Tagwachens ist unser Ich und unser astralischer Leib in unserem physischen Leib drinnen. Ich habe aber schon darauf aufmerksam gemacht: Das bezieht sich eigentlich nur auf unser Blut und unser Nervensystem, nicht auf unsere übrigen Systeme. Wenn nämlich Ich und astralischer Leib aus unserem Kopf gleichsam heraußen sind, so sind sie in unserem übrigen Organismus um so stärker drinnen. Es ist ganz parallel damit, daß zum Beispiel, wenn auf der einen Seite der Erde Winter ist, auf der andern Seite Sommer ist. Auch da ist nur eine Umwandlung des Bewußtseins. Das ist aber auch bei uns. Nur beachten wir es deshalb nicht, weil bei uns Menschen nicht die beiden Bewußtseine die gleiche Helligkeit haben. Bei uns sind sie verschieden stark. Das Nachtbewußtsein ist ein abgedämpftes Bewußtsein, für uns praktisch gar kein Bewußtsein, und das Tagesbewußtsein ist ein volles Bewußtsein unserer andern Seite. Unsere niedere Natur wacht in der Nacht, wenn wir mit unserer höheren Natur schlafen, geradeso wie es bei der Erde ist: wenn auf der einen Seite Winter ist, ist auf der andern Seite Sommer. Wenn auf der einen Seite Wachzustand ist, ist auf der andern Seite Schlafzustand und umgekehrt. So, wie ich es jetzt ausgeführt habe und wie wir es schon öfters ausgeführt haben, gilt die Sache eigentlich nur bezüglich der Pflanzenwelt. Die Pflanzenwelt schläft für uns während des Hochsommers, gerade während sie sproßt und sprießt. Während sie ihr Physisches im äußersten Maße entfaltet, schläft sie. Und sie wacht vollbewußt zu jener Zeit, wenn sie äußerlich physisch keine Entwickelung durchmacht, sondern ihre physische Entwickelung zurückgeht; dann wacht die Pflanzenwelt. So daß wir von allen Pflanzen auf der Erde als  einem Ganzen sprechen und diesem Ganzen der Pflanzenwelt kommt ja ein Bewußtsein zu. Wenn wir von diesem Bewußtsein sprechen, das also ein zweites Bewußtsein ist, welches das mineralische Bewußtsein der Erde durchdringt, wennn wir von diesem Pflanzenbewußtsein sprechen, so können wir im eigentlichen Sinne sagen: Dieses Pflanzenbewußtsein ist für unsere Gegenden schlafend im Hochsommer, wachend in der finstern Winterzeit. Jetzt aber, um diese Zeit, tritt auch etwas anderes ein. Sehen Sie, die beiden Bewußtseine, also dieses gesamte Erdenbewußtsein, das zur mineralischen Erde gehört, und das gesamte Pflanzenbewußtsein, die sind getrennt, die sind das ganze Jahr hindurch zwei Wesenheiten. Nun aber sind sie nicht nur zwei Wesenheiten, sondern sie durchdringen sich, so daß das eine von dem andern durchdrungen ist in dieser Zeit, in der wir jetzt stehen. Da, wo sich das eine Jahr in das andere hinüberentwickelt, da haben unsere mineralischen Dinge und Vorgänge der Erde und die gesamte Pflanzenwelt ein Bewußtsein, das heißt, ihre zwei Bewußtseine durchdringen sich. Welcher Art ist nun das mineralische Bewußtsein der Erde, das wir heute, wie gesagt, in seinem Unterschiede nicht so betrachten wollen wie das Pflanzenbewußtsein, das wir als wachend in der Winterzeit, als schlafend in der Sommerzeit auffassen wollen, welches ist nun das Eigentümliche des mineralischen Bewußtseins, des Bewußtseins des großen Erdenwesens? Der Mensch, der nur auf seine physischen Sinne beschränkt ist und beschränkt ist auf den Verstand, den er als zugehörig den physischen Sinnen betrachtet, kann von diesem großen Erdenbewußtsein zunächst nichts wissen. Aber Geisteswissenschaft kann uns belehren, was eigentlich dieses Erdenbewußtsein denkt, so denkt, wie wir die Minerale, die Pflanzen, Tiere, Luft, Flüsse, Berge und so weiter denken. Wie wir denken mit unserem gewöhnlichen Tagesbewußtsein das, was um uns herum ist, so denkt auch die Erde. Aber was denkt sie mit ihrem Bewußtsein? Fragen wir uns heute einmal: Was denkt die Erde mit ihrem Bewußtsein? Die Erde denkt mit ihrem Bewußtsein den ganzen zunächst zur Erde gehörigen Himmelsraum. Wie wir mit unseren Augen hinausschauen  auf die Bäume, auf die Steine, so schaut die Erde mit ihrem Bewußtsein hinaus in die Himmelsräume und denkt alles dasjenige, was in den Sternen vorgeht. Die Erde ist ein Wesen, welches nachdenkt über die Vorgänge der Sterne. Also in dem mineralischen Bewußtsein ist im Grunde genommen das Geheimnis des ganzen Kosmos als Gedanke enthalten. Während wir Menschen so oberflächlich über die Erde gehen und nur nachdenken über die Steine, auf die wir stoßen, oder über manches andere, was unsere Sinne umgibt, denkt die Erde mit dem Bewußtsein, das wir durchschreiten, indem wir durch den Raum gehen, über den Kosmos draußen nach. Sie hat wahrhaftig umfassendere, größere Gedanken als wir. Und es ist im Grunde genommen ungeheuer erhebend, wenn man weiß: Du gehst nicht bloß durch die Luft, du gehst durch die Gedanken der Erde. Und jetzt blicken wir wiederum auf das andere, auf das Pflanzenbewußtsein. Die Pflanzen können nicht so viel denken wie die Erde. Das Bewußtsein, das denkende Bewußtsein der Pflanzenwelt, der gesamten Pf lanzenweit, nicht der einzelnen Pf lanze, ist viel eingeschränkter. Es umfaßt einen geringeren Umkreis der Erde das ganze Jahr hindurch, nur nicht in diesen Tagen. Da wird das Pflanzenbewußtsein mit dem gesamten Bewußtsein der Erde eins. Und damit, daß das Pflanzenbewußtsein das Bewußtsein der Erde durchdringt, weiß die Pflanzenwelt unserer Erde zur Silvesterzeit, also jetzt, von den Geheimnissen der Sterne, nimmt die Geheimnisse der Sterne auf und verwendet sie, damit die Pflanzen wiederum nach den Geheimnissen des Kosmos im Frühling sich entfalten können und Blüten und Früchte tragen können. Denn in dem, wie die Pflanzen Blätter und Blüten und Früchte tragen, liegt das ganze Geheimnis des Kosmos darinnen. Aber die Pflanzen können, während sie die Blätter und Blüten und Früchte tragen, nicht darüber nachdenken. Sie können nur in der jetzigen Zeit darüber denken, da, wo sich das Bewußtsein der Pflanzenwelt vereinigt mit dem Bewußtsein der mineralischen Welt. Daher sagt man in der Geisteswissenschaft: In dieser Zeit, ungefähr in dieser Silvesternacht, durchdringen sich zwei Zyklen. Und das ist das Geheimnis überhaupt alles Seins, daß sich Zyklen durchdringen  und dann wiederum getrennt weiterentwickeln, dann wiederum sich durchdringen. Denken Sie, wie wunderbar dieses Geheimnis des Werdens ist: Pflanzenbewußtsein, mineralisches Bewußtsein - zwei Entwickelungsströmungen. Getrennt gehen sie das Jahr hindurch, vereinigen tun sie sich in der Zeit, wo das eine Jahr in das andere hinübergeht. Wiederum gehen sie getrennt das Jahr hindurch, vereinigen sich wiederum in der Silvesterzeit. So ist der Zyklenfortgang der Geschichte. Und jetzt blicken wir von diesem Vorgang, der uns erfüllen kann mit einem tiefen, heiligen, scheuen Gefühle gegenüber dem Geheimnis des Überganges des einen Jahreszyklus in den andern Jahreszyklus, jetzt sehen wir von diesem Geheimnis, ich möchte sagen, das wir unmittelbar durchschreiten, hinüber zu einem noch größeren Geheimnis. Wir wissen, daß wir jetzt leben in dem Zyklus der Bewußtseinsseelenentfaltung, daß diesem Zyklus vorangegangen ist der Zyklus der Verstandesoder Gemütsseelenentfaltung, dem vorangegangen ist der Zyklus der Empfindungsseelenentfaltung; und dann kommen wir zur Entfaltung des Empfindungsleibes. Da kommen wir schon ins 5. Jahrtausend vor unserer christlichen Zeitrechnung zurück, wenn wir so weit zurückgehen, daß wir die Zeit haben, in der sich alles menschliche Denken entwickelt innerhalb des Zyklus des Empfindungsleibes, des sogenannten astralischen Leibes. Nun werden wir durchzugehen haben durch die Bewußtseinsseele; durch Geistselbst und weiter wird sich der Mensch entwickeln. Bewußtseinsseele entwickelt sich in unserer jetzigen Zeit hauptsächlich dadurch, daß der Mensch ganz allein seinen physischen Leib als Werkzeug gebraucht. Daher haben wir ja, wie Sie in verschiedenen Vorträgen hier schon gehört haben, jetzt die Hochflut des Materialismus, weil der Mensch vorzugsweise seinen physischen Leib gebraucht. Dann wird aber eine Zeit kommen, in der er nicht bloß seinen physischen Leib gebraucht - ich habe beschrieben, wie der Mensch weiter fortschreitet -, wo er wird wieder lernen seinen Ätherleib, wird lernen seinen Astralleib zu gebrauchen, wie er vor Zeiten gebraucht hat seinen Astralleib in dem Entwickelungszyklus, wo der astralische Leib das Grundelement des Bewußtseins abgegeben hat.  So können wir sagen: Wir waren einmal auf der Erde so, daß unsere Seele durchging durch eine Berührung ihres Bewußtseins mit dem Bewußtsein unseres astralischen Leibes. Wie zu Neujahr das Pflanzenbewußtsein durch das mineralische Bewußtsein durchgeht, so ging unsere Seele vor Jahrtausenden durch unseren astralischen Leib durch, durch das Bewußtsein, das unser astralischer Leib eigentlich hat. Damals waren unsere Seelen in ihrem Bewußtsein und unser astralischer Leib eins. Da kommen wir Jahrtausende zurück, ins 6. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. Als dies Bewußtsein angetreten worden ist, da feierte die Menschheit auf der Erde ein Neujahr - ein großes Neujahr! So wie wir jetzt das Neujahr haben, uns entgegenkommend als den Durchgang des pflanzlichen und des mineralischen Bewußtseins, so war sechs Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung ein Neujahr unserer Erde, aber ein großes Weltenneujahr unserer Erde. Unser seelisches Bewußtsein vereinigte sich, ging durch das astralische Bewußtsein unseres Leibes durch. Und was war damals? Damals, sechstausend Jahre vor unserer Zeitrechnung, als unser inneres Seelenbewußtsein durch das astralische Bewußtsein unseres Leibes durchging, da wurde unser eingeschränktes Menschheitsbewußtsein, wie wir es jetzt haben, so weit, wie weit das Pflanzenbewußtsein zu Neujahr wird. Wie die Pflanze in die Himmel hinaussieht dadurch, daß ihr Bewußtsein sich vereinigt mit dem mineralischen Bewußtsein, so sah und vernahm der Mensch ein weites Feld der Weisheit, damals, sechstausend Jahre vor unserer Zeitrechnung, als sich vereinigte seine Seele mit dem astralischen Leib zum Weltenneujahr. Und aus dieser Zeit her stammt jenes Wissen, das verlorengegangen ist - wir haben davon gesprochen vor einigen Tagen -, als das gnostische Wissen unterging. Den Ursprung dieses Wissens müssen wir suchen im Erden-Weltenneujahr, ungefähr sechstausend Jahre bevor unsere Zeitrechnung begonnen hat, jenes Wissen, aus dem Zarathustra geschöpft hat, jenes Wissen, dessen letzte große Strahlen noch überleuchteten die Gnostiker, von denen, wie ich ausführte, nur geblieben sind einige wenige Brocken, wovon ich ein Beispiel angeführt habe. Erdenwinter, aber Erdenneujahr ist es, worauf wir da zurückgehen.  Und jetzt rechnen Sie zu dem, was seit der Begründung des Christentums an Jahren verflossen ist, noch ungefähr viertausend Jahre weiter, so wird wiederum auf die Art, wie ich es eben angedeutet habe, ein solcher Durchgang unseres seelischen Bewußtseins durch das astrale Bewußtsein sein, nur auf einer höheren Stufe. Wiederum wird der Mensch eintreten in ein solches Welten-Sternenbewußtsein. Und dazu wollen wir uns durch unsere Geisteswissenschaft vorbereiten, damit es vorbereitete Menschen dazu gibt. Weltenneujahr wollen wir vorbereiten! Und wenn wir das Weihnachtsfest so vorbereiten, wie ich es hier angedeutet habe bei einer der letzten Betrachtungen, so werden wir uns in der rechten Weise vorbereiten. Indem die Geburt des Geisteswissens in uns zur WeihnachtsWeihestimmung wird, werden wir uns vorbereiten für das neue Weltenneujahr, welches zwölf Jahrtausende nach dem alten Weltenneujahre eintreten wird. Zwölf Jahr-Monate verfließen von einer Vereinigung des Pflanzenbewußtseins der Erde mit dem mineralischen Bewußtsein zur andern. Zwölf Jahrtausende verfließen von einem Welten-Erdenneujahr bis zu dem andern Welten-Erdenneujahr, von einem Durchgang der Menschenseele durch die astralische Welt bis zum andern Durchgang der Menschenseele durch die astralische Welt. So blicken wir in diese Weihestunde, von dem Neujahr im Kleinen zu dem Neujahr im Großen, von dem Jahressilvester hin zu jenem Silvester, für den wir uns vorbereiten dadurch, daß wir versuchen, jetzt in der Winterzeit zu schauen das Licht, das auf naturgemäße, elementarische Weise dem Menschen als Erdenbewohner nur zufließt in einem Welten-Erdenneuj ahr. Wahrhaftig, wir sehen die Welt nur im rechten Lichte, wenn wir dasjenige, was uns umgibt, nicht nur so auffassen, wie es sich durch unsere Sinne darbietet, wie es der materialistische Geist begreift, sondern wenn wir dasjenige, was uns in der äußeren Sinnenwelt umgibt, als Symbolum für die großen Weltengeheimnisse betrachten. Und so kann es uns erscheinen, wenn Silvester herankommt, als ob ein Bote der geistigen Welt an uns heranträte und uns das Geheimnis des Jahressilvesters enthüllte, indem er uns sagte: Siehe da, jetzt in der  finsteren, kalten Wintermitte vereinigt sich das Pflanzenbewußtsein mit dem mineralischen Erdenbewußtsein. Das aber sei dir ein Zeichen dafür, daß auch die Erde ein Jahr hat, das große Weltenjahr, von dem einstmals Zarathustra sprach, das er wirklich gemeint hat, das von einem Silvester zum andern Silvester geht, von einem Weitenneujahr zum andern Weitenneujahr, das man verstehen muß, wenn man den Gang der Menschheitsentwickelung verstehen will. Von zwölf Jahrtausenden spricht Zarathustra. Die zwölf Jahrtausende, von denen ich Ihnen heute gesprochen habe, meint er. Ein Erdenjahr hat er in vier Zeiträumen hingestellt als Entwickelungsgang der Erdenmenschheit. Tief begründet in den geistigen Geheimnissen ist dies. Und so lassen Sie uns aus einem tieferen Verständnis unserer Geisteswissenschaft heraus Weihestimmung in unseren Seelen, in unseren Herzen fassen. Lassen Sie uns jene innere Wärme in unseren Herzen entwickeln, die uns kommen kann, wenn wir in frostiger Winternacht die Kunde vernehmen zunächst von dem Herabsteigen des Sonnengeistes auf unsere Erde, und dann von dem Geheimnis des Jahreslaufes. Die dreizehn Tage sind die Tage, in denen sich das Pflanzenbewußtsein mit dem mineralischen Bewußtsein vereinigt. Und kann sich der Mensch selber versetzen in das Pflanzenbewußtsein, so kann er träumen, so kann er schauen von den mancherlei Geheimnissen, welche sein Herz dann in vielfacher Art durchziehen, wie wir es das vorige Jahr hier durch unsere Seelen haben ziehen lassen in dem Traum von Olaf Ästeson. Aber wenn wir solche Weihestimmung aufnehmen, dann werden wir aus dieser Weihestimmung heraus die rechte Empfindung, das rechte Fühlen finden für das, was wir wollen mit den Bestrebungen unserer Geist-Erkenntnis: durch solche Herzenswärme wollen wir vorbereiten das neue Weltenjahr, würdig erwarten den neuen Welt-Silvestertag, der ein neues Weltenjahr bringen muß, damit, wenn dann in folgenden Inkarnationen unter ganz andern Erdenverhältnissen unsere Seelen den großen Welt-Silvestertag zu durchleben haben, sie diesen in der Weise durchleben, wie sie ihn durchleben können, wenn der kleine Silvester, der Tag, der sich statt nach zwölftausend Jahren nach zwölf Monaten vollzieht, zum Symbolum wird für den großen Silvestertag.  Und das ist das Geheimnis unseres Daseins. Es ist alles im Großen wie im Kiemen, und im Kleinen wie im Großen. Und das Kleine, das Jahresläufige, verstehen wir nur, wenn es uns Symbol ist für das große Weltengeschehen, für das Jahrtausendläufige. Das Jahr ist das Bild der Äonen. Und die Äonen sind die Wirklichkeit für jene Sinnbilder, die uns im Jahreslauf entgegentreten. Wenn wir diesen Jahreslauf im richtigen Sinne verstehen, so durchdringt uns in dieser würdigen Nacht, da ein neuer Jahreslauf beginnt, der Gedanke an die großen Weltengeheimnisse. Versuchen wir unsere Seele so zu stimmen, daß sie auch hinüberschauen kann in das neue Jahr mit dem Bewußtsein: sie will den Jahreslauf als ein Symbolum in sich tragen für den großen Welteniauf, der einschließt alle Geheimnisse, welche die göttlichen Wesenheiten, die die Welt durchwallen und durchweben, mit unseren Seelen von Äon zu Äon verfolgen, wie verfolgen die kleineren Götter das geheimnisvolle Werden des Pflanzlichen und des Mineralischen im einzelnen Jahreslauf.  NEUJAHRSBETRACHTUNGEN Zweiter Vortrag, Dornach, 1. Januar 1916 Konnte es gestern zu Silvester gut sein, sich in mancherlei Geheimnisse des Daseins zu vertiefen in solchen Dingen, die mit großen übersinnlichen Geheimnissen zusammenhängen, wie das alljährliche Übergehen des einen Jahres in das andere, und das große Weltensilvester und Weltenneujahr, konnte es, wie gesagt, gestern gut sein, sich in diese, zu den Tiefen unserer Seele sprechenden, von der äußeren Welt weit abliegenden Geheimnisse zu vertiefen, so müßte es vielleicht, gerade im Beginne eines Jahres, von besonderer Bedeutung sein, wenigstens einiges von unseren großen, bedeutsamen Pflichten vor die Seele ziehen zu lassen. Diese Pflichten hängen allerdings mit dem zusammen, was uns über den Entwickelungsgang der Menschheit durch die Geisteswissenschaft bekanntwerden kann. Sie hängen zusammen mit den Erkenntnissen über den Weg, den die Menschheit machen muß, indem sie ihrer Zukunft entgegenschreitet. Man kann die Pflichten, von denen da die Rede ist, nicht erkennen, wenn man nicht versucht, einen offenen Blick in seine Zeit auf den verschiedensten Gebieten zu werfen. Wir haben das auch im Laufe unserer Betrachtungen immer wieder getan. Allein einiges von dem, was uns da geläufig sein könnte, uns schon heute vor die Seele zu rufen, ziemt sich vielleicht beim Eintritt in ein neues Jahr. Gewiß, meine lieben Freunde, alles dasjenige, was uns angesichts der materialistischen Zeitlage mit allen ihren Folgen vor die Seele tritt, so daß wir wissen: Geisteswissenschaft muß die Unterlagen liefern, um in einer höheren Weise einzutreten für den richtigen Fortschritt der Menschheit, gewiß, alles dasjenige, was da uns erscheint als zu tun notwendig, es ist so ungeheuer, es ist so einschneidend, es ist so bedeutsam, es wäre, trivial gesprochen, in der Gegenwart so viel zu tun, daß nicht daran gedacht werden kann, daß wir mit unseren schwachen Kräften in die Lage kommen könnten, viel von dem zu tun, was getan werden muß. Allein eines ist wichtig: daß wir mit dem zu Tuenden unsere In teressen verbinden, daß wir immer mehr Interesse bekommen für dasjenige, was der Menschheit gerade in unserer Zeit not tut. Denn davon muß es ausgehen, daß ein, wenn auch noch so kleiner Kreis Interesse bekommt für dasjenige, was der Menschheit not tut; daß, sei es ein noch so kleiner Kreis, klare Einsicht bekommt in dasjenige, was in der Entwickelung der Zeit nach abwärts führende Kräfte, schädigende Kräfte sind. Gerade am Beginne eines neuen Jahres könnte es gut sein, unseren Interessenkreis ein wenig auf die objektiven, von unseren persönlichen Angelegenheiten ganz absehenden großen Menschheitsinteressen zu lenken. Dazu, wie gesagt, bedarf es klarer Einsichten in dasjenige, was sich namentlich auf der abschüssigen Bahn in der Menschheitsentwickelung bewegt. Wir brauchen nur Gedanken, die uns gerade in den letzten Tagen wiederum vor die Seele getreten sind, ins Aktuelle herüber zu versetzen, so werden wir vieles von dem finden, oder wenigstens manches von dem, was gerade in der Gegenwart der Menschheit besonders not tut. Wir haben gesehen, wie geradezu eine weitgehende Weisheit in einem gewissen Entwickelungsmoment der Menschheit verschwunden ist, wie diese gnostische Weisheit versunken ist, und wie jetzt darauf hingearbeitet werden muß, damit, allerdings entsprechend der fortgeschrittenen Zeit, das Wissen über das Geistige wiederum heraufkommt. Wir haben auch im Laufe dieses Herbstes geradezu darauf aufmerksam gemacht, welches die tieferen Gründe dafür sind, daß gerade im 19. Jahrhundert die Welle des Materialismus so hoch gegangen ist, und ich mußte immer wieder betonen, daß die geisteswissenschaftliche Einsicht in dieses Hochgehen der Welle des Materialismus durchaus nicht dazu führt, die großen Fortschritte der äußeren materialistischen Naturwissenschaft zu verkennen oder mißzuverstehen. Die sollen durchaus anerkannt werden, und immer wieder wird es betont, daß diese materialistischen Fortschritte der Naturwissenschaft von uns anerkannt werden müssen. Aber das obliegt uns insbesondere, zu durchschauen, daß im Laufe des 19. Jahrhunderts und bis in unsere Tage herein der große Fortschritt auf dem äußeren materiellen Gebiete verbunden war mit einem Zurückgehen der Denkkraft, des klaren, sicheren Denkens. Das klare, sichere Denken, das ist zurückgegangen insbeson dere in der Wissenschaft. Wo Wissenschaft getrieben wird, ist insbesondere das klare, und namentlich das sichere, das inhalterfüllte Denken zurückgegangen. Und da der Autoritätsglaube, trotzdem es die Menschen nicht glauben, in keiner Zeit so stark ist wie in unserer Zeit, so hat sich mitgeteilt jene Trostlosigkeit in bezug auf die Denksicherheit auch den weitesten Kreisen, dem ganzen populären Denken. Wir leben geradezu in dem Zeitalter des verwahrlosten Denkens, und zu gleicher Zeit in dem Zeitalter des blindesten Autoritätsglaubens. Wie steht doch der Mensch heute durchaus unter dem Eindruck: er müsse glauben, er müsse die Autoritäten anerkennen, die von den äußeren Mächten sanktioniert sind. Man will wissen, ob man zu diesem oder jenem berechtigt ist. Man denkt heute zumeist gar nicht darüber nach, daß das eine individuelle Angelegenheit sein könnte, daß man sich damit eventuell beschäftigen könnte! Nein, man geht zu denjenigen, bei denen sich «Recht und Gesetz wie eine ewige Krankheit forterben», und läßt sich Aufschluß geben, ohne daß man den Anspruch darauf macht, über die Dinge, über die man Aufschluß bekommt, irgendwie selber nachzudenken. Denn man hält es so für richtig, die Autorität blindlings anzuerkennen. Man wird krank, man überhebt sich ganz und gar der Mühe, dabei irgendwie auch über die einfachsten Dinge etwas zu wissen. Wozu? Dazu haben wir ja die staatsabgestempelten Mediziner, und die haben sich mit unserem Leib zu beschäftigen. Uns geht dieser unser Leib eigentlich nicht das geringste an! Man will über irgendeine andere Frage entscheiden, man geht zu denen, die es wissen sollen: zu den Theologen, zu den Philosophen, zu dem oder jenem. Wer diesen Gedankengang bei sich selber weiter fortsetzt, wird wirklich bei sich selbst noch Unzähliges finden, das aufgeht in dem allerallerblindesten Autoritätsglauben. Und kann er nichts finden, meine lieben Freunde, dann, nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich ihm gerade dann sage, daß er von diesem Autoritätsglauben eine um so größere Dosis hat, je weniger er bei sich davon findet! Ich möchte zunächst aber zeigen, wie ein unzureichendes, unzulängliches Denken gerade in die feinsten Gebiete des Geisteslebens in aller Welt - ohne Unterschied von Nation, Rasse und Farbe - sich eingeschlichen hat, wie ein gewisses Element von unzulänglichem Denken gerade in den feinsten Gebieten  des geistigen Kulturlebens vorhanden ist. Nehmen wir ein Stück Philosophie, wie es sich entwickelt hat. Wer würde nicht heute auf Grundlage eines durch viele, viele Kanäle gehenden Autoritätsglaubens davon überzeugt sein, daß die Menschen eben nicht irgendwie an «das Ding an sich» herankommen können, sondern nur die äußeren Erscheinungen, die Eindrücke auf die Sinne, die Eindrücke auf die Seele von den Dingen empfangen können. «Wirkungen» von den Dingen kann man nur haben, man kann an «das Ding an sich» nicht heran. Das ist etwas, was geradezu Grundtypus geworden ist im Denken des 19. Jahrhunderts. Ich habe die ganze Misere geschildert in dem Kapitel meiner «Rätsel der Philosophie», das ich überschrieben habe «Die Welt als Illusion». Wer dieses Kapitel studiert, wird eine Überschau über diese ganze Misere finden können. Wirkungen könnte der Mensch nur haben, er kann nicht an das Ding an sich heran, das Ding an sich bleibt unbekannt. Infiziert von diesem unbekannt bleiben müssenden Ding an sich sind gerade eben die feinsten Denker des 19. Jahrhunderts - wenn man da von fein sprechen kann. Wenn man nun die Gedankengänge ansieht, die dem, was ich eben gesagt habe, zugrunde liegen, so stellt sich das in der folgenden Weise heraus. Es wird bewiesen, streng bewiesen: Das Auge kann nur dasjenige wiedergeben, was es vermöge seines Nervenprozesses und seines sonstigen Prozesses aus sich hervorrufen kann. Wenn also ein äußerer Eindruck kommt, so antwortet es in seiner spezifischen Weise. Man kann nur zu dem Eindrucke kommen, nicht zu dem, was auf das Auge einen Eindruck macht. Man kann durch das Ohr nur zu dem Gehöreindrucke kommen, nicht zu dem, was den Eindruck macht und so weiter. Und so wirken nur die Eindrücke der Außenwelt auf die Sinne der Seele. Seit Lange, der glaubte, es zunächst für ein bestimmtes Gebiet, für Farben und Töne und dergleichen festgestellt zu haben, geht das nun durch das Gesamtdenken der Menschen, daß der Mensch nur die Eindrücke der Welt bekommen kann, Wirkungen nur bekommen kann. Ist das unrecht? Gewiß ist es nicht unrecht, denn, wie ich oftmals betont habe, handelt es sich gar nicht darum, ob eine Sache recht oder unrecht ist, sondern ganz andere Dinge kommen noch in Betracht. Ist das richtig, daß nur Bilder, nur Eindrücke auf unsere Sinne von den  Dingen hervorgerufen werden können? Gewiß ist das richtig. Es ist gar nicht zu bezweifeln. Aber etwas ganz anderes liegt da vor. Das will ich durch einen Vergleich klarmachen. Wenn wir vor einem Spiegel stehen und ein zweiter Mensch auch noch vor einem Spiegel steht, so ist ganz und gar nicht zu leugnen, daß dasjenige, was man darin sieht, das Bild von einem selber und das Bild von dem andern Menschen ist. Bilder sind das, was man im Spiegel sieht, ganz zweifellos. Und insoweit sind wirklich auch alle unsere Sinnenwahrnehmungen Bilder, denn der Gegenstand muß zunächst auf uns einen Eindruck machen, und unser Eindruck, die Reaktion, würde man sagen, kommt zum Bewußtsein. Wir können das also ganz richtig vergleichen mit den Bildern, die wir da im Spiegel drinnen haben, denn das sind eben auch Bilder. Wir haben es bei diesem Lange-Kantschen Gedankengang mit einer ganz richtigen Behauptung zu tun, daß es der Mensch mit Bildern zu tun hat. Wir haben es dann mit der Schlußfolgerung zu tun, daß der Mensch deshalb, weil er es nur mit Bildern zu tun hat, nicht mit irgend etwas Realerem wirklich an etwas «Dingliches an sich» herankommen könne. Worauf beruht das? Es beruht lediglich darauf, daß man nicht weiterdenken kann von einer Voraussetzung aus, daß man bei einer richtigen Voraussetzung bleibt. Nicht unrichtig ist das Denken; aber richtig eingefroren ist es. Denn es sind richtige Bilder, die wir da im Spiegel darin haben. Aber der Betreffende, der neben mir steht, mit dem ich in den Spiegel hineinschaue, der gibt mir nun da im Spiegel eine Ohrfeige. Werde ich dann sagen, obwohl das alles nur Bilder sind: Das eine Spiegelbild hat dem andern Spiegelbild eine Ohrfeige gegeben? - Da deutet mir dasjenige, was unter den Bildern geschieht, auf etwas sehr Reales hin. Wenn man kein eingefrorenes Denken, sondern ein lebendiges Denken hat, das wirklich mit den Dingen verbunden ist, mit Realitäten verbunden ist, so weiß man, daß die Lange-Kantsche Voraussetzung richtig ist, daß wir es überall mit Bildern zu tun haben. Wenn aber diese Bilder in lebendige Verhältnisse kommen, dann drükken diese lebendigen Verhältnisse wirklich das aus, was erst hineinführt in das Dingliche an sich. Also nicht darum handelt es sich, daß die betreffenden Herren, die da das Denken irregeführt haben, von unrichtigen Voraussetzungen ausgegangen sind, sondern darauf beruht  die ganze Sache, daß man es mit einem eingefrorenen Denken zu tun hat, mit einem Denken, mit dem man nun dasteht und sagt: Richtig, richtig, richtig - und nicht mehr weiter kann. Es fehlt diesem verwahrlosten Denken des 19. Jahrhunderts die Beweglichkeit, die Lebendigkeit. Es ist das Denken im 19. Jahrhundert eingefroren, richtig eingefroren. Nehmen wir ein anderes Beispiel. Ich habe Ihnen im Laufe dieses verflossenen Jahres öfter einzelne Dinge mitgeteilt von einem ehrlichen Denker, Mauthner, dem großen Sprachkritiker. Bei Kant war es eine «Kritik der Begriffe». Mauthner geht weiter,immer muß ja das Spätere weitergehen: er macht eine «Kritik der Sprache». Ich habe Ihnen einige Pröbchen aus dieser «Kritik der Sprache» im Laufe des Herbstes, überhaupt im Laufe des Jahres, mitgeteilt, Sie werden sich erinnern. Heute hat ein solcher Mann viele Anhänger. Er war Journalist, bevor er unter die Philosophen gegangen ist. Ein altes Sprichwort sagt: Eine Krähe hackt der andern kein Auge aus. - Sie hackt ihr nicht nur kein Auge aus, sondern blinden Krähen werden dann sogar von den andern Krähen, wenn die Krähen Journalisten sind, noch Augen eingesetzt! Wie gesagt, ich will durchaus nicht irgend etwas gegen die Ehrlichkeit, ja sogar gegen die Gründlichkeit und Hefe - im Sinne unserer Zeit «Tiefe» solcher Denker einwenden, denn ich muß immer wieder betonen, daß es unrichtig ist, zu sagen, daß hier Kritik geübt wird etwa an der Naturwissenschaft oder irgendwelchen andern Bestrebungen - nur charakterisiert soll werden. Darum sage ich ausdrücklich: Mauthner ist ein ehrenwerter Mann - und «ehrenwerte Männer sind sie alle» -, aber fassen wir einmal einen Gedankengang, der so im Sinne der Sprachkritik ist, ins Auge. Da wird zum Beispiel gesagt: Die menschliche Erkenntnis ist beschränkt - so sagt Mauthner. Beschränkt - warum beschränkt in seinem Sinne? Nun, weil dasjenige, was der Mensch von der Welt erfährt, durch seine Sinne in seine Seele hereinkommt. Gewiß keine sehr tiefsinnige, aber auch eine unbezweifelbare Wahrheit. Von der Außenwelt, von der sinnlichen Welt kommt alles durch die Sinne herein. Nun ist aber Mauthner zu dem Gedanken gekommen, daß diese Sinne Zufallssinne wären, das heißt, daß der Mensch statt der Augen und Ohren und der Sinne, die er schon einmal hat, diese vielleicht auch nicht haben könnte und andere Sinne haben könnte. Dann würde diese Welt da  draußen ganz anders aussehen. Ein sehr beliebter Gedanke überhaupt bei manchen Philosophen unserer Zeit! Und so ist es eigentlich zufällig, daß wir gerade diese Sinne haben, und damit auch diese Welt. Hätten wir andere Sinne, so hätten wir eine andere Welt. Zufallssinne! - Einer, der dem Fritz Mauthner nachgebetet hat, sagt zum Beispiel ungefähr folgenden Satz: Die Welt ist unermeßlich, aber wie kann der Mensch etwas wissen von dieser unermeßlichen Welt? Er hat ja nur Eindrücke durch seine Zufallssinne. Durch diese Zufallssinne, durch die Tore dieser Zufallssinne fällt manches in unsere Seele herein, und da gruppiert es sich, während draußen die unermeßliche Welt weitergeht, und der Mensch nichts wissen kann von den Gesetzen, nach denen diese unermeßliche Welt weitergeht. Wie kann der Mensch glauben, daß dasjenige, was er durch seine Zufallssinne von der Welt erfährt, irgend etwas zu tun habe mit den großen Weltengeheimnissen draußen? - So sagt ein Nachbeter von Fritz Mauthner, der sich aber für keinen Nachbeter, sondern für einen der gescheitesten Menschen der Gegenwart hält. Man kann diesen Gedankengang in einen andern übersetzen. Ich will ganz bei dem Charakter der Gedankenform bleiben, nur den Gedanken in einen andern übersetzen. Man kann eigentlich niemals irgendeinen Begriff bekommen von demjenigen, was eigentlich solch ein Genius wie Goethe der Menschheit gegeben hat, denn solch ein Genius wie Goethe kann doch eigentlich nichts anderes, als das, was er der Menschheit zu geben hatte, so auszudrücken, daß er es gewissermaßen in die zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig Zufallsbuchstaben gruppiert, die wir haben und die sich nach ihren eigenen Gesetzen auf dem Papier gruppieren. Wie kann man aber aus dem, was da durch die dreiundzwanzig Zufallsbuchstaben auf dem Papier gruppiert ist, jemals irgend etwas von dem Inhalt des Genius Goethe bekommen? So gescheit derjenige wäre, der glaubte: Weil Goethe seine ganze Genialität durch die dreiundzwanzig Buchstaben A, B und so weiter ausdrücken mußte, kann man dadurch nichts von dem Genius und seinen Ergebnissen bekommen -, so gescheit wäre derjenige, der sagt: Da draußen die Welt ist unermeßlich, man kann sie nicht erkennen, denn wir haben nichts in uns, als dasjenige, was durch unsere Zufallssinne hereinkommt.  Aber es ist so, daß dieses verwahrloste Denken nicht allein etwa auf den Gebieten vorhanden ist, von denen ich jetzt spreche. Da tritt es nur besonders kraß zutage, vorhanden ist es überüberall. Es wirkt in unserem ganzen menschlichen Zusammenleben. Es wirkt in den tief traurigen Ereignissen der Gegenwart, denn die wären nicht so, wie sie sind, wenn nicht alles Denken der Menschen durchdrungen wäre von dem, was sich auf einem solchen Gebiete, wie es angedeutet ist, eben nur ganz kraß ausspricht. Man wird niemals das richtige Interesse fassen können auf diesem Gebiete - ich meine: auf dem Gebiete des richtig im Sinne der Geisteswissenschaft gehaltenen menschlichen Wirkens zu einem wahren Fortschritte -, wenn man nicht den Willen hat, auf diese Dinge einzugehen, wenn man nicht schauen will, was der Menschheit not tut. Immer wieder hören wir von da oder dort den Einwand gegen die Ergebnisse der Geisteswissenschaft: Diese sind nur denen zugänglich, die hellseherisch in die geistigen Welten hineinschauen. - Und niemals wird man glauben, daß das nicht wahr ist, sondern daß es sich darum handelt, daß man durch das Denken wirklich hineinkommen kann in das Verstehen desjenigen, was der Seher aus der geistigen Welt herausholt. Man sollte sich aber nicht wundern, daß man heute nicht durch das Denken begreifen kann, was der Seher aus der geistigen Welt herausholt, wenn dieses Denken so beschaffen ist, wie es charakterisiert worden ist. Dieses Denken ist Trumpf. Dieses Denken ist eingeflossen auf allen Gebieten. Und nicht deshalb, weil man nicht durch Denken verstehen könnte alles dasjenige, was durch die Geisteswissenschaft verkündet wird, wird es nicht verstanden, sondern weil man sich infizieren läßt von dem schwachmütigen, von dem verwahrlosten Denken der Gegenwart. Daß uns Geisteswissenschaft anrege zu intensivem, zu starkmütigem Denken, darauf kommt es an! Und Geisteswissenschaft ist ganz dazu geeignet, meine lieben Freunde. Natürlich, solange wir Geisteswissenschaft so aufnehmen, daß wir uns nur sagen lassen dasjenige, um was es sich handelt, werden wir es in dem Denken, das wir gerade, ich möchte sagen, stiften sollten für die Menschheitszukunft, nicht sehr weit bringen. Wenn wir uns aber bemühen, die Dinge wirklich zu verstehen, wirklich zu erfassen, dann werden wir schon weiterkommen.  Aber gerade in die Auffassung der Geisteswissenschaft wirkt etwas hinein von dem verwahrlosten Denken der Gegenwart. Ich habe Ihnen vorgeführt, wie dieses verwahrloste Denken eigentlich wirkt. Ich sagte: Wirkungen haben wir nur von der Außenwelt, also kann man nicht an das Ding an sich kommen. Jetzt gefriert gleich der Gedanke ein. Weiter wollen die Leute nicht gehen. Jetzt sehen sie nicht mehr, daß dasjenige, was die Bilder im lebendigen Zusammenwirken sind, weiterführt als zum bloßen Bildcharakter. Das wird nun übertragen auf die Auffassung der Geisteswissenschaft. Weil die Menschen ganz infiziert sind von einem solchen Denken, so sagen sie sich: Was der Geisteswissenschafter auf der Seite a, b, c erzählt, sind geisteswissenschaftliche Tatsachen. Die kann man nicht vor sich haben, wenn man eben nicht die Sehergabe erreicht hat. Und da denken sie nicht mehr nach, ob sie nicht auch in dem gegenseitigen Sich-Aufeinanderbeziehen dessen, was der Geisteswissenschafter sagt, hineinkommen könnten, machen denselben Fehler, den heute alle Welt macht. Das Schlimme ist, daß dieser Grundfehler des zeitgenössischen Denkens so wenig eingesehen, so wenig durchschaut wird. Und er wird wirklich furchtbar wenig durchschaut. Er greift hinein in unser alleralltäglichstes Denken, macht sich da ebenso geltend wie bei dem vorgeschobenen Posten des philosophischen oder wissenschaftlichen Denkens. Und man macht sich nur selten klar, was für eine ungeheure Pflicht eigentlich aus der Einsicht in diesen Tatbestand erwächst,wie bedeutsam es ist, für diese Dinge Interesse zu haben, wie unverantwortlich es ist, sein Interesse für diese Dinge abzustumpfen. Nun liegt die Tatsache vor, daß im Laufe der letzten Jahrhunderte die rein äußere Sinnesbeobachtung in der Wissenschaft tonangebend geworden ist, daß die Leute den Hauptwert allein auf dasjenige legen welcher Wert dem zuzuerkennen ist, habe ich oftmals betont -, was sie im Laboratorium oder in der Klinik oder im zoologischen Garten beobachten; daß sie bei dem stehenbleiben wollen. Gewiß, durch diese naturwissenschaftliche Methode sind ganz ungeheure Fortschritte gemacht worden, aber gerade unter diesem Fortschritte ist das Denken vollständig verwahrlost. Und daraus erwächst die Pflicht: nicht zur Macht kommen zu lassen in der Welt diejenigen, die diese Macht anstreben auf Grundlage eines bloßen materialistischen Experimentalwissens - und  um Macht ist es diesen Leuten zu tun, und heute sind wir schon so weit, daß durch die brutalsten Machtsprüche der materialistischen Gelehrsamkeit aus der Welt geschafft werden solle alles dasjenige, was nicht materialistische Gelehrsamkeit ist. Eine Machtfrage ist es bereits geworden. Und unter denjenigen, die heute am schroffesten auch an die äußeren Mächte appellieren, um ihren äußeren Materialismus privilegiert und patentiert zu bekommen, sehen wir gerade diejenigen, die auf dem Boden der materialistischen Wissenschaft allein stehen. Darum handelt es sich, einzusehen, wie die Machtverhältnisse in der Welt walten. Es genügt nicht, daß wir uns bloß für unsere persönlichen Verhältnisse interessieren, sondern daß wir für die großen Menschheitsangelegenheiten Interesse entwickeln. Gewiß, wir werden als einzelne und auch als kleine Gesellschaft heute nicht besonders viel machen können, allein von solch kleinen Keimen muß die Sache ausgehen. Was nützt es, wenn heute viele sind, die über die offizielle Medizin sagen, sie haben kein Vertrauen zu ihr, und suchen auf allen andern Wegen dasjenige, zu dem sie Vertrauen haben. Darum handelt es sich zunächst nicht. Das alles ist nur persönliches Betreiben seiner eigenen Angelegenheiten. Worum es sich handelt, ist: ein Interesse dafür zu haben, daß neben der heutigen materialistischen Medizin berechtigt wird dasjenige, wozu man Vertrauen hat. Sonst hieße es, die Sache von Tag zu Tag schlimmer machen. Nicht darum kann es sich bloß handeln, daß derjenige, der zur heutigen sogenannten wissenschaftlichen Medizin kein Vertrauen hat, sich nun jemand andern aufsucht. Dadurch bringt er den andern gerade in eine mißliche Lage, wenn er sich nicht dafür interessiert, daß der andere auch gesetzmäßig berechtigt ist, sich für den allgemeinen menschheitlichen Gang der Angelegenheiten der Menschheit zu interessieren. Gewiß, wir können vielleicht heute und morgen noch nicht mehr tun, als Interesse für die Sache haben. Aber dieses Interesse für die großen Menschheitsangelegenheiten, das müssen wir in unseren Seelen tragen, wenn wir im wahren Sinne des Wortes die geisteswissenschaftliche Bewegung verstehen wollen. Wir glauben noch vielfach, wir verstünden die großen Interessen der Menschheit, weil wir uns unsere persönlichsten Interessen oftmals so interpretieren, als wären sie gerade große Menschheitsinteressen.  Wir müssen bis tief, tief in die Untergründe unserer Seele suchen, wenn wir bei uns selber auffinden wollen, wie wir eigentlich abhängig sind von dem blinden Autoritätsglauben der Gegenwart, wie gründlich wir abhängig davon sind. Unser Schlendern, unsere Bequemlichkeit, das ist es, was uns verhindert, für die großen Interessen der Menschheit wenigstens zunächst innerlich entzündet und entflammt zu sein. Das ist es aber, was wir uns als besten Neujahrsgruß in die eigene Seele schreiben können: entflammt zu werden, begeistert zu werden für die großen Interessen des menschlichen Fortschritts, der wahren menschlichen Freiheit. Solange wir auf dem Boden stehen, daß uns doch noch immer irgendwo etwas sitzt, was uns glauben läßt: derjenige, der von der Welt als ein großer Mann ausposaunt wird, müsse über irgend etwas auch etwas Richtiges denken können - solange wir diesen Glauben, der namentlich mit dem verwahrlosten Denkorganismus der Gegenwart zusammenhängt und von diesem großgezogen wird, nicht gründlich aus unserer Seele herausgerissen haben, so lange haben wir uns noch nicht diese Interessen für die allgemeinen großen Angelegenheiten der Menschheit erworben. Was ich spreche, ist nicht in irgendeiner Weise gegen einzelne große Männer gerichtet. Ich weiß, daß es viele gibt, namentlich wenn in öffentlichen Vorträgen von solchen Sachen die Rede ist, die da sagen: Da wird von der Geisteswissenschaft die gegenwärtige Naturwissenschaft angegriffen, da werden Autoritäten angegriffen. - Ich wähle gerade solche Autoritäten, von denen ich auf der andern Seite sagen kann: sie sind bedeutende Autoritäten für die Gegenwart, sie sind große Männer —, um gerade zu zeigen, wie sich in den großen Persönlichkeiten der Gegenwart dasjenige geltend macht, was die Geisteswissenschaft mit Stumpf und Stiel auszurotten hat. Und man kann schon ein wenig ein Auge darauf haben, auch wenn man kein großer Mann ist, bei großen Männern das verwahrloste Denken zu sehen, das gerade durch die Fortschritte, durch die Licht- und Glanzseiten der gegenwärtigen Experimentalwissenschaft großgezogen wird. Ein Beispiel, aber wahrhaftig ein Beispiel für viele: Ich nehme ein Buch, das von einem der bedeutendsten Männer der Gegenwart herrührt - es ist auch ins Deutsche übersetzt -, also wie gesagt, es soll  niemand sagen, daß ich irgendwie jemanden in seiner Größe nicht anerkennen will. Ich sage ausdrücklich: Das Buch rührt von einem bedeutenden Menschen der Gegenwart auf dem Gebiete der Experimentalnaturforschung her. Ich schlage eine Seite auf, die Einleitung zu dem zweiten Bande, der, nachdem spezielle Fragen der gegenwärtigen Kosmologie von diesem großen Manne behandelt sind, auf die Entwickelung der Weltanschauungen eingeht, auf die Geschichte der Weltanschauungsentwickelung, und ungefähr ausspricht: Da haben die Menschen in den Zeiten des alten Ägyptertums, in den Zeiten des alten Griechentums, des Römertums auf diese oder jene Weise sich ein Bild der Welt, eine Weltanschauung zu machen gesucht, aber dann ist die Naturwissenschaft der Gegenwart gekommen in den letzten vier Jahrhunderten; die hat alles Frühere weggeräumt, die hat nun endlich das große Los gezogen und ist zu der wirklichen Wahrheit gekommen, die jetzt nur ausgebaut zu werden braucht. Ich habe schon öfter betont: nicht so sehr ist es dasjenige, was die Leute im einzelnen behaupten, als daß sie dann gleich der dämonische luziferische oder ahrimanische Charakter packt, sie gleich luziferisch oder ahrimanisch werden. Und so lesen wir denn am Schlüsse dieser Einleitung das Folgende, höchst Merkwürdige. Geben Sie jetzt recht acht auf das, was sich uns darbieten kann bei einem ganz zweifellos großen, bedeutenden Mann der Gegenwart, der sagt, nachdem er also sich ungefähr so ausgesprochen hat, wie großartig die naturwissenschaftliche. Erkenntnis sei: «Die Zeiten des traurigen Verfalls währten bis zu dem Wiedererwachen der Menschheit im Anfang der neuen Zeit. Diese stellte die Buchdruckerkunst in den Dienst der Gelehrsamkeit, und die Verachtung der experimentellen Arbeit verschwand aus den Anschauungen der Gebildeten. Aber langsam ging es anfangs bei dem Widerstand der alten vorgefaßten Meinungen und dem Mangel an Zusammenwirken unter den verschiedenen Forschern. Diese hindernden Umstände sind seither geschwunden, und zugleich vermehrte sich die Anzahl der Arbeiter und ihrer Hilfsmittel im Dienst der Naturwissenschaft in rascher Folge. Daher der großartige Fortschritt der letzten Zeiten.» Und jetzt die letzten Sätze dieser Einleitung: «Zuweilen hört man sagen, daß wir in der <besten der Weitem leben; darüber läßt sich  schwer etwas Wohlbegründetes aussagen, aber wir - wenigstens die Naturforscher - können mit aller Sicherheit behaupten, daß wir in der besten der Zeiten leben. Wir können in der festen Hoffnung, daß die Zukunft nur noch besser werden wird...», und jetzt kommt dasjenige, wo man - verzeihen Sie den harten Ausdruck! - entweder vom Stengel fallen kann, wenn man es liest, oder auf die Wände heraufkriechen sollte! Der Betreffende will ja dasjenige, was über die Natur und die Welt gedacht worden ist in den Forschungen großer Männer, jetzt, in diesen Zeiten, an seinem Geist vorüberziehen lassen. Deshalb sagt er: «Wir können in der festen Hoffnung, daß die Zukunft nur noch besser werden wird, mit dem großen Natur- und Menschenkenner Goethe sagen: ... Es ist ein groß Ergetzen, Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen. Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht, Und wie wir's dann zuletzt so herrlich weit gebracht.» In vollem Ernste, meine lieben Freunde, ein großer Mann weist da in seinen Betrachtungen auf den Ausspruch des «großen Natur- und Menschenkenners Goethe» hin, also auf die Worte Wagners, den Goethe bekanntlich im «Faust» sagen läßt: Verzeiht, es ist ein groß Ergetzen, Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen, Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht, Und wie wir's dann zuletzt so herrlich weit gebracht. Wagner sagt es! Aber Faust erwidert ihm - und vielleicht darf er das, was Faust sagt, im Sinne des «großen Natur- und Menschenkenners» Goethe sagen: O ja! Bis an die Sterne weit! Es paßt gerade auf den Mann, der es auch «bis an die Sterne weit» gebracht hat! Nämlich: O ja! Bis an die Sterne weit! Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln;  Was ihr den Geist der Zeiten heißt, Das ist im Grund der Herren eigner Geist, In dem die Zeiten sich bespiegeln. Da ist's denn wahrlich oft ein Jammer! Man läuft euch bei dem ersten Blick davon. Ein Kehrichtfaß und eine Rumpelkammer, Und höchstens eine Haupt- und Staatsaktion Mit trefflichen pragmatischen Maximen, Wie sie den Puppen wohl im Munde ziemen! und so weiter. «Sei er kein schellenlauter Tor» heißt es vorher auch noch. So schreibt 1907 einer der «größten Männer der Gegenwart», der es allerdings «bis zu den Sternen weit» gebracht hat, und der es auch dazu gebracht hat, indem er zurückblickt auf all die andern, die vor ihm gewirkt haben, als Ausspruch des «großen Natur- und Menschenkenners Goethe» die Worte zu gebrauchen: Es ist ein groß Ergetzen, Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen. Sie haben gelacht. Aber man wünschte nur, daß dieses Lachen wirklich auch immer angewendet würde, wo innerhalb desjenigen, was heute gerade die Macht hat, solches verwahrloste Denken geltend gemacht wird. Denn das ist ein Beispiel, das uns so recht beweist, wie gerade diejenigen, die fest stehen, sicher stehen auf dem Boden der heutigen wissenschaftlichen Weltanschauungen, die sogar verbunden sind mit großen Fortschritten auf diesem Gebiete, die selber große Fortschritte gemacht haben, wie sie verwahrlostes Denken produzieren können. Und das beweist, daß das, was man heute materialistische Naturwissenschaft nennt, durchaus nicht ausschließt das alleroberflächlichste Denken. Man kann ein ganz verwahrlostes Denken haben und heute ein großer Mann auf dem Gebiete der äußeren Naturwissenschaft sein. Das muß man aber wissen, und in diesem Sinne muß man sich verhalten können. Das ist eine Signatur unserer Zeit. Wenn es aber so fortdauert, daß jemand, wenn er einmal als großer Mann abgestempelt wird, eben als eine große Autorität gilt, und man dasjenige, was er auf  diesem oder jenem Gebiete zu sagen hat, ungeprüft anführt als irgend etwas, was Geltung haben dürfte, dann wird man niemals über die große Misere unserer Zeit hinauskommen. Ich bin überzeugt davon, daß über die Stelle, die ich Ihnen vorgelesen habe, unzählige Menschen heute hinweglesen, gar nicht darüber lachen, wenn sie sie lesen, trotzdem diese Stelle gerade eine solche ist, die uns im eminentesten Sinne darauf hinweist, wo die tiefsten Schäden unserer Zeit liegen, die die Entwickelung der Menschheit in der Gegenwart in den Niedergang hineinführt. Und wo anzusetzen ist mit demjenigen, was der Menschheit not tut, das muß man einsehen; und daß trotz der unermeßlich großen Fortschritte der äußeren Naturwissenschaft das möglich geworden ist, daß gerade die größten Naturforscher des 19. Jahrhunderts, und bis in unsere Tage herein, die schlimmsten Dilettanten geworden sind in bezug auf alle Weltanschauungsfragen, und daß das der große Schaden der Zeit ist, daß unsere gegenwärtigen Menschen das nicht durchschauen - nicht durchschauen, daß die größten Naturforscher des 19. Jahrhunderts gerade die schlimmsten Dilettanten in Weltanschauungsfragen sein müssen, wenn sie sich ganz demjenigen überlassen, was als Geist in der materialistischen Naturanschauung waltet-, und daß die Menschen jenen großen Persönlichkeiten auch dann nachlaufen, wenn diese großen Persönlichkeiten nicht nur die Ergebnisse ihrer Laboratoriumsversuche und ihrer Klinikenuntersuchungen von sich geben, sondern wenn sie dies oder jenes von den Weltengeheimnissen sagen. Daher haben wir parallelgehend mit einer Popularisierung der Wissenschaft, die im höchsten Sinne nützlich ist, im höchsten Sinne vorteilhaft ist, zu gleicher Zeit ein Herunterkommen in allen Weltanschauungsfragen, ein verwahrlostes Denken, das epidemienartig, seuchenartig überhand nimmt, weil es sich in alles, alles hineinfrißt, und weil es zuletzt zurückgeht auf die schlimmen Dilettantentume gerade derjenigen, die große Männer sind. Hier liegen die Aufgaben, mit denen sich zunächst wenigstens, wenn wir auch nichts ausführen können, meine lieben Freunde, unsere Interessen verbinden müssen. Wir müssen wenigstens durchschauen, wie die Dinge liegen, und wir müssen uns eine klare Vorstellung davon machen,  daß es vor allen Dingen zu viel, viel traurigeren Zeiten führen würde, als wir in der Gegenwart haben, wenn dasjenige, was hier angedeutet worden ist, von den Menschen nicht durchschaut würde, wenn nicht an die Stelle des verwahrlosten Denkens wiederum ein klares und gediegenes Denken in die Menschheit hineingebracht werden könnte. Alles geht zurück auf dieses verwahrloste Denken. Dasjenige, was uns als äußere, oftmals höchst traurige Erscheinung entgegentritt, das wäre nicht da, wenn dieses verwahrloste Denken nicht da wäre. Es schien mir, als müßte man am Neujahrsbeginn gerade über diese Dinge sprechen, die mit dem Gesinnungscharakter unserer ganzen Aufgabe zusammenhängen müssen. Denn wenn wir uns angewöhnen, mit einem unbefangenen Blicke hinzuschauen auf die Art und Weise, wie heute gedacht wird, und wie dieses Denken in alle, alle Verhältnisse hinein mächtig ist, dann wird man erst ein Bild von dem bekommen, was zu tun ist und was der Menschheit besonders not tut. Da müssen wir allerdings manche Sehnsucht nach Schlendrian, manche Sehnsucht nach Faulheit und Trägheit überwinden, müssen uns wirklich wenigstens zunächst vorstellen können, daß einer geisteswissenschaftlichen Bewegung Aufgabe auch noch eine andere ist, als bloß Vorträge anzuhören oder zu lesen. Sich mit entsprechenden Vorstellungen bekanntmachen - ich muß es immer wieder betonen! Selbstverständlich können wir zunächst als einzelne und als kleine Gesellschaft nicht viel tun. Aber unser eigenes Denken muß sich in der richtigen Richtung bewegen, muß wissen, um was es sich handelt, muß nicht selber der Gefahr ausgesetzt sein, wenn ich den trivialen Ausdruck gebrauchen darf, hineinzufallen auf den Weltanschauungsdilettantismus gerade derjenigen, die die größten Männer der Zeit sind in bezug auf die äußeren Wissenschaften. Große Männer, die aber Dilettanten in Weltanschauungsfragen sind, begründen allerlei Weltanschauungsgesellschaften, monistische und weiß Gott was für Gesellschaften, ohne daß der richtige Widerspruch sich erhebt, der darinnen bestehen würde, daß man sich wenigstens darüber klar ist, daß, wenn solche Menschen Weltanschauungsgesellschaften begründen, es eben so ist, als wenn man sagen würde: Ich lasse mir bei dem Manne meinen Rock anmessen, denn es hat sich gezeigt, daß das ein vorzüglicher Schuster ist! - Es ist ein Unsinn, aber  eben solch ein Unsinn ist es, wenn ein großer Chemiker oder ein großer Psychologe als Weltanschauungsautoritäten hingenommen werden. Daß sie es selber tun, das kann man ihnen nicht verübeln, denn sie können selbstverständlich nicht wissen, wie unzulänglich sie sind. Aber daß sie hingenommen werden, das hängt zusammen mit den großen Schäden unserer Zeit. Es scheint mir so, meine lieben Freunde, als wenn mit unseren Gefühlen ins Ewige hinein eine Silvesterbetrachtung zusammenhängen könnte, und als ob mit demjenigen, was unmittelbar obliegt in bezug auf die Aufgabe des Tages, mit dem, was uns obliegt in bezug auf die unmittelbare Verpflichtung, eine Neujahrsbetrachtung zusammenhängen könnte. So scheint mir schon, daß sich der Ton einer Neujahrsbetrachtung zu dem Ton einer Silvesterbetrachtung so verhalten darf, wie sich die Worte, die ich heute gesprochen habe, zu den Worten verhalten, die ich gestern gesprochen habe.  NEUJAHRSBETRACHTUNGEN Dritter Vortrag, Dornach, 2. Januar 1916 Wir denken uns einmal den menschlichen Ätherleib im Zusammenhange mit dem physischen Leib des Menschen und wollen dies in einer Skizze festhalten. Ganz schematisch wollen wir dieses als Ätherleib gelten lassen (es wird gezeichnet) und wollen den physischen Leib, der selbstverständlich den ganzen menschlichen Ätherleib mit Ausnahme der äußersten Partien des Ätherleibes durchdringt, jetzt so zeichnen wie mit einer Art Rinde vom Ätherleib umgeben. Sie wissen ja, wie die wirklichen Verhältnisse sind. Das sei also physischer Leib und Äther%.r-**""~~ "* ~~,,v\ oi-xr" J' i<&zÄ II ^ -4-^ ..* V Kis^s/#• -"' *o „y . / / M j .,r . ..<"" /* J:f / im K / ' leib, und dazu gehören dann im gesamten System des Menschen selbstverständlich der Astralleib und das Ich. Nun wollen wir uns erinnern, daß der Ätherleib des Menschen selbstverständlich aus den verschiede nen Ätherarten besteht, die wir kennengelernt haben. Und wir haben kennengelernt als Ätherarten den Wärmeäther, den Lichtäther, den chemischen Äther, der die Sphärenmusik vermittelt, und den Lebensäther. Wollen wir heute einmal den Lichtäther ins Auge fassen. Gewiß, der ganze Ätherleib besteht aus einer innigen Verbindung, aus einer organisierten innigen Verbindung dieser vier Ätherarten. Aber wir wollen dasjenige, was am Ätherleib Lichtäther ist, heute besonders herausheben. Den Teil des Ätherleibes, den wir als Lichtäther ansprechen, wollen wir jetzt schraffieren. Nun habe ich öfter betont, daß der Mensch eigentlich dadurch ein Bewußtsein von den Dingen erhält, daß er mit seinem Ich und mit seinem Astralleib im Grunde genommen in den Dingen darin ist. Nur im Tagwachen stecken das Ich und der astralische Leib, man möchte sagen, in bezug auf dasjenige, was von ihnen nicht in den Dingen ist, im physischen Leib und im Ätherleib darin. Wenn wir dies ins Auge fassen, so können wir sagen: daß wir Sinnesempfindungen haben, rührt davon her, daß das menschliche Ich und auch der astralische Leib von den Dingen zuerst eine Offenbarung haben, die unbewußt bleibt, und daß sich dann diese Offenbarung spiegelt an den Sinneswerkzeugen und ihren Nervenfortsetzungen im physischen Leib. Diese Dinge haben wir wiederholt erörtert. Nun fragen wir uns aber heute: Wie wirkt denn eigentlich das Gedächtnis? Wie geschieht es, daß wir Erinnerung haben an Verschiedenes, an Gegenstände und auch an Erlebnisse, die wir durchgemacht haben? Diese Frage wollen wir einmal ins Auge fassen. Wir wollen sie heute gleichsam ganz empirisch, beobachtungsgemäß ins Auge fassen. Nehmen wir den Fall: Wir treffen heute einen Menschen, den wir vor fünf Tagen zum erstenmal gesehen haben. Wir erinnern uns, daß wir ihn vor fünf Tagen gesehen haben, daß er uns dazumal seinen Namen gesagt hat, daß wir mit ihm gesprochen haben. Wir sagen, wir erkennen diesen Menschen wieder. Was geschieht da in uns, wenn wir uns auf diese Weise an einen Menschen und an die Begegnung mit ihm nach einiger Zeit erinnern? Nun, da kommt zuallererst folgendes in Betracht: Während wir vor fünf Tagen dem Menschen begegnet sind, hat unser Ätherleib gewisse  Bewegungen ausgeführt. Wir fassen jetzt immer den Lichtteil des Äthers leibes ins Auge. Selbstverständlich schwingen die andern Glieder, der Wärmeteil, der chemische Teil, der Lebensteil mit, aber wir fassen heute den Lichtteil unseres Ätherleibes ins Auge. Ich will ihn deshalb zunächst sogar Lichtleib nennen. Unser ätherischer Leib führt gewisse Bewegungen aus. Denn die Gedanken, die der Mensch erregt, mit dem wir zusammengetroffen sind, geben sich in unserem Lichtleib als innere Lichtbewegungen kund. Abgesehen davon, daß wir mit unseren Sinnen den Menschen sehen, haben wir somit von den Eindrücken her, die nicht durch die Sinne vermittelt werden, insofern etwas, als unser Lichtleib Bewegungen ausführt. Die ganze Begegnung mit dem Menschen hat also darin bestanden, daß unser Lichtleib allerlei Bewegungen ausgeführt hat. Stellen Sie sich das recht lebendig vor: Während Sie vor dem Menschen gestanden haben, während Sie mit ihm gesprochen haben, ist Ihr ätherischer Lichtleib fortwährend in Bewegung. Was Sie mit ihm sprechen, was Sie von ihm empfinden, über ihn denken, das alles offenbart sich in Bewegungen Ihres Lichtleibes. Wenn man diesen Menschen nach Tagen nun wiederum sieht, so regt das neuerliche Sehen unsere Seele an, und diese Anregung bewirkt, daß der ätherische Leib rein aus seinem Beharrungsvermögen heraus diese Bewegungen wieder ausführt, die er vor fünf Tagen ausgeführt hat, als wir vor dem Menschen standen, mit ihm Gedanken ausgetauscht haben. Wenn Sie also nach fünf Tagen dem Menschen aufs neue entgegentreten, wird der ätherische Lichtleib dadurch angeregt, dieselben Bewegungen auszuführen, die er vor fünf Tagen ausgeführt hat. Mit einem Stück seines Ich und seines Astralleibes ist man während des Wachbewußtseins immer im äußeren Lichtäther darin. Das Schlafen geschieht ja dadurch, daß sich auch das Stück vom astralischen Leib und Ich in den äußeren Äther zurückzieht, das beim Tagwachen im physischen und im Ätherleib drin ist. Da man also mit seinem Ich und mit seinem Astralleib im Grunde genommen im äußeren Äther darin ist und der innere Ätherleib durch sein Beharrungsvermögen die Bewegungen, die er damals ausgeführt hat, wieder ausführt, so fühlt man nun das, was der Ätherleib damals an Bewegungen ausgeführt hat. Und das ist das Erinnern. Vom äußeren Äther aus innere Ätherbewegungen wahr nehmen, vom äußeren Lichtäther die Bewegungen des inneren Lichtleibes wahrnehmen, das bedeutet: sich erinnern. Also denken Sie zum Beispiel: Es treten vor Ihnen zwei Menschen einander gegenüber. Meinetwillen sieht der eine von dem andern nur das Gesicht. Dadurch, daß der eine das Gesicht des andern beschaut, macht sein Ätherleib bestimmte Bewegungen. Jetzt geht er weg. Der Ätherleib behält die Tendenz, diese Bewegungen, wenn er dazu angeregt wird, wieder auszuführen. Nach fünf Tagen treten sich die beiden Menschen wieder entgegen. Sie nehmen sich wahr - zunächst nimmt der eine, dessen Ätherlichtleib die Bewegungen gemacht hat, den andern wahr. Dadurch wird sein Lichtleib wieder angeregt, dieselben Bewegungen zu machen, die er gemacht hat, als er das Gesicht wahrgenommen hat. Das kommt im Bewußtsein zum Ausdruckendem das Bewußtsein sagt: Ich habe dies Gesicht schon gesehen. Das heißt, das Bewußtsein nimmt vom äußeren Lichtäther aus die inneren Lichtbewegungen des Lichtäthers im Menschen darin wahr. Das ist das Erinnern, das ist das Gedächtnis, rein als Beobachtungsvorgang. Man kann sagen: Im äußeren Lichte sieht man die durchgemachten Bewegungen des inneren Lichtleibes. Man sieht sie aber nicht als Lichtbewegungen. Warum sieht man sie im gewöhnlichen Leben nicht als Lichtbewegungen? Man sieht sie aus dem Grunde nicht als Lichtbewegungen, weil dieser Lichtätherleib im physischen Leib darinnensteckt. Dadurch schlagen die Bewegungen des Ätherleibes überall an den physischen Leib an. Und durch dieses Anschlagen verwandeln sich die Lichtbewegungen des Ätherleibes in die Erinnerungsvorstellungen. Man sieht nicht die Bewegungen des Ätherleibes, sondern die durch das Anschlagen an den physischen Leib bewirkten Vorstellungen. Aber das sind die Erinnerungsvorstellungen. Wenn der physische Leib weg ist, das heißt, wenn der Mensch durch die Todespforte gegangen ist, dann sind das Ich und der Astralleib natürlich zunächst viel intensiver im äußeren Äther darin, bis sie den äußeren Äther nach ein paar Tagen verlassen. Da wird der innere Lichtleib nicht mehr durch das Anschlagen an den physischen Leib zu solchen Vorstellungen angeregt, die nur im physischen Leib möglich sind. Daher sieht der Tote alles, was er erlebt hat und was der Ätherleib jetzt  alles abschwingen läßt, ablaufen läßt, wenn er vom physischen Leib frei ist, wenn er durch diesen nicht mehr aufgehalten wird. Das sieht er alles ablaufen in den paar Tagen nach dem Tode, denn der Ätherleib hat fortwährend die Tendenz, alles dasjenige wiederum aus sich hervorzubringen, was er jemals in den Erlebnissen des physischen Lebens als Bewegungen ausgeführt hat. Dieses ganze Leben läuft da ab, schwingt ab im Ätherleib. Und man sieht es in diesem Tableau - es projiziert sich das zu einem mächtigen Tableau, es projiziert sich das ganze ätherische Bewegungsspiegeln zu einem Tableauüberblick über das vergangene Erdenleben. Würde man nun die Möglichkeit haben, den physischen Leib so zu bezwingen, daß man sich von dem physischen Leib unabhängig macht und damit auch den Ätherleib befreit - das kann durch gewisse Meditationsvorgänge bewirkt werden, die alle zu den Vorgängen gehören, die in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geschildert werden -, so könnte man es schon im Leben dahin bringen, viele bringen es ja dahin, durch den physischen Leib nicht gestört zu werden, so daß man bei der Erinnerung nicht das schaut, was durch das Anschlagen des Ätherleibes an den physischen Leib entsteht, sondern daß man das Eigenschwingen, Eigenbewegen des Ätherleibes schaut. Man ist dann im äußeren Lichtäther und schaut die Bewegungen seines Lichtleibes. Warum kann man das nicht im gewöhnlichen Leben? Warum geschieht es nicht, wenn zum Beispiel Fräulein Scholl der Gräfin Kalckreuth gegenübertritt und sie wiedererkennt - ich nehme jetzt an, daß ein Hellsehen nicht vorliegt -, daß unter gewöhnlichen Umständen Fräulein Scholl sich an ihr Erinnerungsbild, das heißt, an ein Vorstellungsbild von der Gräfin Kalckreuth erinnert und nicht wahrnimmt, was sie sonst wahrnehmen könnte: das innere Schwingen ihres Ätherleibes, so daß sie das innere Erlebnis haben würde: Aha, so hat mein Ätherleib immerfort geschwungen, wenn er der Gräfin Kalckreuth gegenübergetreten ist? - Licht würde dann Licht wahrnehmen, nämlich das Äußere, weil das Ich und der astralische Leib von Fräulein Scholl die Bewegungen, die immerwährend tendierten Bewegungen des eigenen Lichtleibes wahrnehmen würde und diese in der richtigen Weise so zu  deuten wüßte, daß sie auch sagen würde: Das sind die Bewegungen, die mein Lichtleib immer ausgeführt hat, wenn ich der Gräfin Kalckreuth gegenübergestanden habe. Da hätten wir also dann die Erscheinung, daß wir durch das Verweilen im Äther - und das tun wir immer, weil wir mit einem großen Teil unseres Ich und unseres astralischen Leibes außerhalb unseres physischen Leibes sind -, daß wir durch das Weben und Wallen im Lichtäther unser Stück organisierten Lichtäther mit seinen Bewegungen wahrnehmen: Licht aus dem Lichte, das Licht, das in uns selber ist. Warum geschieht das nicht im gewöhnlichen Leben? Warum nehmen wir da erst das Ergebnis des Anschlagens der Bewegungen des Ätherleibes an den physischen Leib wahr? - Das ist deshalb, weil Ahriman und Luzifer mit der irdischen Welt verknüpft sind, weil Ahriman den physischen Leib so eng an das ganze Wesen des Menschen gekettet hat, daß der Ätherleib nicht leicht frei kommen kann; weil dieser Ahriman den physischen Leib so dicht zusammengeschlossen hat mit dem Ätherleib, mit dem Lichtleib, und weil fortwährend die dienenden Geister des Ahriman da sind, die bewirken, daß, wenn der Mensch im Lichte ist, sein Lichtleib mit seinen Schwingungen verdunkelt wird, so daß er ihn nicht schauen kann. Dämonen halten fortwährend den Lichtleib des Menschen in Dunkelheit. Das ist durch die Einrichtung, die Ahriman mit dem physischen Leib und übrigens auch mit dem Ätherleib getroffen hat. Wir können daher sagen - und ich will diesen Satz besonders an die Tafel schreiben, weil das ein wichtiger Satz ist -: Ist es der Menschenseele möglich, aus Licht die Vorgänge im eigenen Lichtleib zu beobachten, so hat sich diese Seele frei gemacht von den ahrimanischen Kräften, die sonst die Vorgänge im Lichtleib verdunkeln. Was könnte denn nun eine Seele, die das erreichen will, erflehen, ersehnen? Eine solche Seele könnte etwa sagen zu gewissen Mächten, die in der geistigen Welt sind, und die diese Seele anerkennt: Oh, Ihr Mächte in der geistigen Welt, lasset mich aus meinem physischen Leib heraus wissend in der Lichtwelt sein, im Lichte sein, um den eigenen Lichtleib zu beobachten, und lasset die Gewalt der ahrimanischen Kräfte nicht zu stark sein über mich, daß sie mir nicht unmöglich machen, zu schauen, was da in meinem Lichtleib vorgeht!  Also, ich will noch einmal sagen, was aus einer Sehnsucht zu gewissen Mächten, die etwa anerkannt würden von dieser Seele in der geistigen Welt, solch eine Seele gebetartig erflehen könnte. Solch eine Seele konnte sagen: Oh, Ihr Mächte, lasset mich bewußt im Lichte aus dem Licht heraus hinschauen auf die Vorgänge meines eigenen Lichtleibes und dämpfet ab, nehmet weg die Kraft und Macht der ahrimanischen Kräfte, die mir verdunkeln und herabdämmern die Vorgänge im eigenen Lichtleib! Lasset mich bewußt aus dem Lichte mein eigenes Licht schauen! Lasset mich aus dem Lichte bewußt das Licht schauen, und nehmet weg die Mächte, die mich verhindern, aus dem Licht das Licht zu schauen! Was ich Ihnen jetzt gesagt habe, meine lieben Freunde, ist nicht bloß ein erfundenes Gebet, sondern so hat der Christus, nachdem er durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, diejenigen beten gelehrt, die ihn dann noch verstehen konnten in der Zeit, in der er nach der Überwindung des Mysteriums von Golgatha bei seinen intimeren Schülern verweilt hat. Und das gehörte zu dem Verständnis, dem gnostischen Verständnis, das diese Jünger dem Christus noch entgegenbringen konnten in der damaligen Zeit, und das verschwunden ist in der Art, wie ich es angedeutet habe, um die Zeit, um die Jahrhunderte herum, da das Mysterium von Golgatha war. So zu der Macht, die ihnen der Christus selber war, konnten diese intim mit dem Christus verbundenen Seelen zu dem Christus aufschauen, um ihn anzuflehen um die Möglichkeit, aus dem Lichte das eigene Lichtessein zu beobachten und die entgegengesetzten Mächte ahrimanischer Natur zurückzuhalten, daß nicht abgedämpft und abgedunkelt werde der Blick aus dem Lichte heraus, um diese Lichtbewegungen des Lichtleibes zu schauen. Gelernt haben diese intimen Jünger des Christus Jesus in jener Zeit dies, was ich Ihnen hier andeutete; das haben sie gelernt. Und sie wußten Bescheid, wie es mit alldem, wovon wir heute gesprochen haben, beschaffen ist. Sie wußten Bescheid darin. Sie haben das gelernt in der Zeit, als der Christus mit ihnen nach dem Mysterium von Golgatha verkehrte. Ich habe Ihnen unter den Bruchstücken, die aus der alten gnosti sehen Weisheit geblieben sind, auch die Pistis-Sophia-Schrift angeführt. Ich will ein Stück aus dieser Pistis-Sophia-Schrift einmal vorlesen. Dieses Stück heißt: «Ich will dich preisen, o Licht, denn ich wünsche zu dir zu kommen. Ich will dich preisen, o Licht, denn du bist mein Erretter. Nicht verlaß mich im Chaos» - wenn ich heraußen bin aus dem physischen Leib «nicht verlaß mich im Chaos, rette mich, o Licht der Höhen, denn du bist es, das ich gepriesen habe. Du hast mir dein Licht durch dich geschickt und mich gerettet. Du hast mich zu den oberen örtern des Chaos geführt» — wissend außer dem physischen Leib -. «Mögen nun die Ausgeburten des Bösen» — Ahriman; Ahriman steht aber nicht da -, «welche mich verfolgen, in die unteren örter des Chaos hinabsinken. Und nicht laß sie zu den oberen örtern kommen, daß sie mich sehen. Und möge große Finsternis sie bedecken und Finsterheit darauf kommen. Und nicht laß sie mich sehen in dem Licht deiner Kraft, die du mir gesandt hast, um mich zu retten, auf daß sie nicht wiederum Gewalt über mich bekommen. Und ihren Ratschluß, den sie gefaßt haben, meine Kraft zu nehmen, laß ihnen nicht gelingen, und wie sie wider mich geredet, zu nehmen von mir mein Licht. Nimm vielmehr das ihrige anstatt meines. Und sie haben gesagt, mein ganzes Licht zu nehmen, und nicht haben sie vermocht, es zu nehmen, denn deine Lichtkraft war mit mir. Weil sie beratschlagt haben, ohne dein Gebot, o Licht, deswegen haben sie nicht vermocht, mein Licht zu nehmen. Weil ich an das Licht geglaubt habe, werde ich mich nicht fürchten. Und das Licht ist mein Erretter. Und nicht werde ich mich fürchten.» Beim Fürchten denken wir an Ahriman, so wie wir das sehen bei dem einen der Mysterienspiele. Und jetzt nehmen wir das Stück der Pistis-Sophia-Schrift. Ist es nicht wie dazu gerettet, daß man etwa sagen könnte: Seht einmal zu, ihr Gegner der neueren Geisteswissenschaft! Da wird von dieser neueren Geisteswissenschaft gesagt, daß vom Lichte aus die Lichtbewegungen des Lichtleibes gesehen werden können, wenn die entgegenstehenden ahrimanischen Dämonen dieses nicht verhindern. Aber es gab eine Zeit, wo man das schon einmal gewußt hat. Und von dieser Zeit ist sogar ein physisches Beweisstück in der Pistis-Sophia-Schrift da. Denn  im Grunde genommen ist das, was ich Ihnen vorgelesen habe, nichts anderes als dieses Walten, das ich Ihnen selber konstruiert habe aus dieser Beschaffenheit des Lichtleibes und dem Verweilen der Seele im Lichtleib selber. Aberes gibt keine Möglichkeit, dieses Stück der PistisSophia-Schrift zu verstehen, ohne daß man vorher verstanden hat dasjenige, was ich vorhin auseinandersetzte. Daher müßten diejenigen, die die Pistis-Sophia-Schrift in die Hand bekommen, sich sagen, wenn sie so etwas lesen: sie verstehen dies überhaupt nicht. Aber dazu sind sie nicht bescheiden genug. Das ist es aber, was über uns kommen muß, diese große Bescheidenheit, die gegenüber dieser Sache darin bestehen kann, daß man sich sagt - ja, da ist ein Stück dieser Pistis-Sophia-Schrift -: «Ich will dich preisen, o Licht, denn ich wünsche zu dir zu kommen. Ich will dich preisen, o Licht, denn du bist mein Erretter.» Indem ich es so lese, verstehe ich es nicht. Aber diese Demut müßte man haben, diese Bescheidenheit, das nicht verstehen zu wollen, bis man sich die Möglichkeiten des Verstehens erst herbeigeführt hat. Überall ist aber diese Bescheidenheit gerade in unserer Zeit nicht vorhanden. Und diejenigen, die solche Schriften aus Schutt und Trümmern hervorholen, haben oftmals am allerwenigsten diese Bescheidenheit. Entweder legen sie diese Schriften in der allertrivialsten Weise aus, indem sie sagen: Nun, das Licht, das ist eine nebulose Vorstellung, das ist alles allegorisch gemeint. - Oder aber sie sagen: Diejenigen, die das in alten Zeiten geschrieben haben, standen eben auf einer kindlichen Stufe der menschheitlichen Entwickelung, und wir, wir haben es endlich so herrlich weit gebracht - Sie erinnern sich an die gestrigen Wagner-Worte! Wir haben es endlich so herrlich weit gebracht, daß wir einsehen, daß diese Vorgänger mit allem ihrem Verständnis eben auf einer kindlichen Stufe standen! Nicht allein darum handelt es sich in unserer Zeit, daß eine Lehre nicht verstanden werden kann von denjenigen, die sie nicht verstehen wollen, sondern vor allen Dingen handelt es sich darum, daß in unserer Zeit eine gewisse Seelenstimmung nicht so leicht herbeigeführt werden kann, welche durchaus notwendig ist, wenn wirkliche Geist-Erkenntnis gewonnen werden soll. Diese Seelenstimmung ist eben die Mysterienstimmung, die darin besteht, daß man in sich das Gefühl entwickelt:  man kann etwas nicht verstehen, bevor man die Seele erst zubereitet hat, in das Verständnis einzugehen. In unserer Zeit herrscht vielmehr die Stimmung der Seele, daß der gescheite Mensch - und gescheit ist natürlich nach seiner Meinung heute jeder Erwachsene von selbst über alles urteilen kann. Aber die Welt ist tief, und dasjenige, was mit den Weltengeheimnissen zusammenhängt, ist tief. Und wegen dieses Glaubens an die Gescheitheit, den ein jeder Erwachsene heute an sich selber hat, gehen die Menschen an den tiefsten Weltenproblemen, an den tiefsten Weltengeheimnissen einfach vorbei. Und wenn über diese Weltengeheimnisse gesprochen wird, so begegnen sie diesem Sprechenden höchstens mit Spott und Hohn und werfen es in die finstersten Winkel, über die sie ihre Vignette: Aberglauben und Schwärmerei und Phantasterei, wenn nicht viel schlimmere Vignetten schreiben. Diesen Tatbestand klar einzusehen, meine lieben Freunde, darauf kommt es an. Das ist das Wichtige: klar hinzuschauen wie in unserer Zeit von denjenigen, die gar nicht den Willen haben, zu verstehen, Spott und Hohn gegossen wird über dasjenige, was nur in Erkenntnisbescheidenheit und Erkenntnisdemut mit der in Demut und Bescheidenheit zubereiteten Seele erreicht werden kann. Vorerst fehlt nicht nur das Verständnis für die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten, sondern vorerst fehlt überhaupt die Erkenntnisstimmung in unserer Zeit, jene Stimmung, die das echte Erkenntnisstreben erzeugt. Darauf ist aber die Welt angewiesen, daß es einige Menschen, und immer mehr und mehr Menschen gibt, die dieses klar durchschauen und es zunächst in ihr Interesse und in ihre Aufmerksamkeit aufnehmen, daß da der Hebel des wahren Fortschrittes anzusetzen ist. Wissen muß man zunächst, was geschehen soll. Und klar und ohne sich einer Illusion hinzugeben, muß man hinschauen, wie angestrebt wird von denjenigen, welche mit Spott und Hohn alle wirkliche Erkenntnisstimmung belegen, alles in die Hand genommen werden will, was die Menschheit in ihrer geistigen Kultur noch durchdringen soll. Es wird angestrebt, daß der Mensch vom Kindesalter an in die materialistische Kultur eingefügt wird. Zum Herrn macht sich die materialistische Kultur schon über die zarte Kindesseele, indem sie dieser zarten Kindesseele die materialistische Schule aufdrängt, welche weniger durch den Inhalt 126  desjenigen, was sie lehrt, als durch die Art, wie sie lehren muß, die ganze Seele materialistisch gefügig macht. Und solches Walten hüllt man in die Illusion der Zeit dadurch ein, daß man sagt: es werde dieses gefordert im Zeitalter der Liberalität und der Freiheit! Dasjenige, was das Gegenteil aller Freiheit ist, man nennt es Freiheit im materialistischen Zeitalter. Und man richtet die Dinge so ein, daß die Menschen kaum bemerken, daß das Gegenteil der Freiheit «Freiheit» genannt wird. Und diejenigen, die etwas von der Sache ahnen, möchten höchstens dieselbe Unfreiheit wiederum durch die gleiche, nur von der andern Seite herkommende Unfreiheit bekämpfen. Das oder jenes müßte verboten werden, sagen die einen, oder die andern wiederum liebäugeln mit jenen Mächten, die alles in die Hand nehmen, was wie das Blümlein auf dem Felde frei wachsen sollte. Erst ist es notwendig, daß uns jene Gesinnung durchdringt, die erst eine wahrhaft freie Gesinnung sein kann, die aus der Geisteswissenschaft kommt. Da müssen wir vor allen Dingen uns klar sein darüber, daß in den Gang der äußeren materialistischen Weltenordnung nicht dasjenige eingeführt werden kann, was die Menschenseele im zarten Kindesalter heranbilden soll. Von Worten sich nicht täuschen lassen, das ist dasjenige, was man zunächst verstehen soll. Dazu ist aber auch notwendig, daß man sich von der ganzen Aura der Vorurteile frei macht, die uns allüberall entgegentreten; daß wir wirklich unter allen Umständen jene Gesinnung als unsere Seele durchlebend empfinden, die aus dem Wesen der Geisteswissenschaft kommen kann; daß wir uns öfter fragen: Was ist in unserer Seele als aus dem Wesen der Geisteswissenschaft herausfließend, und was ist in unserer Seele nur deshalb, weil wir uns eben auch aneignen diejenigen Gedankenformen, die heute durch die Welt schwirren. Vielleicht können wir nicht schon in unserem Zeitalter etwas tun gegen den ganz materialistischen Gang der materialistischen unfreien Zeitenstimmung. Aber wir müssen wenigstens lernen, ihn zunächst als Zwang zu empfinden. Da muß es anfangen. Wir müssen uns nicht auch Täuschungen hingeben. Denn, geht die Welt so fort in ihrer Entwickelung, wie sie es im Sinne dieser materialistischen Impulse anstrebt, dann laufen wir allmählich in eine Entwickelung ein, in der man nicht nur  demjenigen, der nicht patentiert ist, verbietet, irgend etwas für die menschliche Gesundheit zu tun, sondern in der man verbieten wird jedes Wort, das gesprochen wird über irgend etwas der Wissenschaft Angehörige, von einem andern als von einem solchen, der eine Art Gelübde getan hat, nichts anderes zu sagen als dasjenige, was im Sinne der materialistischen Weltenordnung patentiert ist. Heute verbietet man bloß noch vieles, wovon die Menschen den Zwang des Verbietens nicht empfinden. Aber wir gehen Zeiten entgegen, in denen ebenso wie etwa jedes unpatentierte Sorgen für die Heilung der Menschen, auch jedes Wort verboten werden wird, das gesprochen wird, außer auf einer Anstalt, die von den materialistisch entwickelten Mächten garantiert und patentiert ist. Empfindet man den ganzen Gang dieses Geschehens nicht, dann wird man mit vollen Segeln in die künftige «Freiheit» hineinsegeln, die darin bestehen wird, daß Gesetze gegeben werden, wonach niemand irgend etwas lehren darf, der dies nicht innerhalb eines patentierten Lehrsaales tut; wonach alles verboten sein wird, was nur im entferntesten erinnern kann an so etwas,wie zum Beispiel das, was hier geschieht. Weil man nicht sieht, wie die Entwickelungstendenz geht, hält man sich das heute nicht vor Augen. Gewiß, wir werden — das muß immer wieder betont werden - nicht viel tun können in unserem Zeitalter. Aber die Dinge müssen mit Gedanken beginnen, müssen mit dem Empfinden der Sache beginnen, und womit man beginnen kann, damit muß man beginnen. Wie solche Worte auch immer aufgenommen werden mögen, meine lieben Freunde, ich mußte sie zu Ihnen sprechen bei dieser Jahreswende, weil das Jahreswendefest eine Art Zeitensymbolum ist für den Zeitenlauf überhaupt, und weil es am besten ist, wenn wir beim Jahreswendefest wirklich einmal aufmerksam werden auf dasjenige, was im Zeitenlaufe steckt. Man kann gar nicht genug tun, um sich immer und immer wiederum vorzuhalten, wie der Mensch heute abhängig ist von Urteilen, die herumschwirren, von Urteilen, die namentlich dadurch herumschwirren, daß sie mit dreckiger Schwärze auf Zeitungspapier festgehalten werden und diese dreckige Schwärze ein unendlich wirksames Zaubermittel ist für alles dasjenige, was die Menschen glauben in der  Welt. Es ist dann interessant zu sehen, wenn die Herren unter sich auch nicht ganz einig sind, denn dann sehen Sie: da ist dasjenige, was alle Gemüter überschwemmt, dasjenige, was mit dieser dreckigen Schwärze hinaufgezaubert ist auf das schmutzige Papier, und was einen so ungeheuren Zauber bewirkt bei der Gesamtheit der gegenwärtigen Menschheit. Aber es sind natürlich immer einige, die sind dafür, daß geglaubt werde, was mit dreckiger Schwärze auf dem so und so überschriebenen schmutzigen Papier stehe, und andere, die auf anders überschriebenem Papier dasjenige für unumstößliche Wahrheit ausgeben wollen, was mit dieser Schwärze daraufgezaubert ist. Sie sind uneins untereinander. Und dann können die Leute schon einsehen, wo eigentlich der Fehler und der Schaden steckt. Nur der, der in der Redaktion rechts das einsieht, der schreibt das bloß dem zu, der selbstverständlich in der Redaktion links den Glauben findet! Und so ist es denn interessant, einige Worte vor die Seele zu rufen, die zum Beispiel ein gewisser Dr. Eduard Engel geschrieben hat im «Türmer» von 1911. Überschrieben waren sie: «Zur Psychologie des Zeitungslesers.» Ich will nicht selber zuviel über diese Dinge sagen, daher will ich Ihnen einmal vorführen, was manchmal geredet wird, wenn die Leute untereinander sich beurteilen. Also «Zur Psychologie des Zeitungslesers», «Türmer 1911», Seite 230, da wird gesagt: «Der Zeitungsleser ist ein sehr verwickeltes Wesen. Indessen, seine zahllosen weniger wichtigen Eigenschaften verschwinden alle hinter zweien: Er glaubt alles; er vergißt alles. Auf diesen zwei, bei jedem Zeitungsleser vorhandenen Haupteigenschaften beruht das ganze Geheimnis der Tagespresse in ihrer heutigen ungeheuren Entwicklung. Er glaubt an alles, er vergißt alles. Bedrucktes Zeitungspapier ist eines der wesentlichen Kennzeichen des modernen Kulturmenschen. Die allermeisten Leser lesen nur eine Zeitung und glauben an sie. Ihre Weltanschauung am Abend ist die, welche sie morgens aus ihrer Zeitung geschöpft haben. Kommen sie mit einem Menschen zusammen, der eine andere Zeitung liest und dann seine, das heißt seiner Zeitung Weltanschauung vorträgt, so erscheint ihnen der Mann entweder verrückt oder wenigstens paradox. Zeitungsredaktionen, die ein besonders feines Verständnis für die Seele des Zeitungslesers besitzen, schonen mit ängstlicher Vorsicht den zarten Glauben ihrer Leser an bedrucktes Zei tungspapier. Niemals bringt eine Zeitung für die große Masse eine Berichtigung dessen, was sie ihren Lesern mitzuteilen hat; selbst in den nicht seltenen Fällen, in denen eine falsch eingebrachte Meldung das Gegenteil der Wahrheit und vollkommener Unsinn war, hüten sie sich, bei den Lesern den Glauben an die Unfehlbarkeit der Zeitung zu erschüttern. Mitunter sind sie aber doch gezwungen, nach einigen Tagen die Wahrheit zu berichten. Hierbei kommt ihnen die zweite unentbehrliche Eigenschaft des Zeitungslesers zu statten; seine Vergeßlichkeit...» Wenn man bedenkt, was für eine Macht das bedruckte Zeitungspapier allmählich im 19. Jahrhundert und bis in unsere Tage hinein erlangt hat, und welchen Anteil der Glaube an das bedruckte Zeitungspapier an dem ganzen niedergänglichen Teil unserer Kultur hat, so ist es schon notwendig, einmal sich die ganze Misere wirklich vor Augen zu halten. Das ist es auch manchmal, was einem unbehaglich macht, daß so sehr verlangt wird, die Mitteilungsart, die wir gewählt haben, die eine andere sein soll, umzuwandeln in die Aufbewahrung durch das Gedruckte. Und es kann dies natürlich nicht anders sein, denn die schwarze Kunst ist einmal da, und auch die «weiße Kunst» muß selbstverständlich mit dieser schwarzen Kunst, die im bedruckten Papier zum Ausdruck kommt, rechnen. Wir müssen schon Bücher und Zyklen haben. Aber wir wollen uns wirklich bewußt sein, daß wir etwas dazu tun sollen, damit dasjenige, was nun dem bedruckten Papier anvertraut wird, nur ja nicht so durch die Welt gehe, wie heute gewohnheitsweise dasjenige durch die Welt geht, was, lassen Sie mich den Ausdruck gebrauchen, «auf den Flügeln des bedruckten Zeitungspapiers hinaus zu den Gemütern der Menschen schwirrt». Daß die Dinge ernst sind, davon wollte ich eine Vorstellung hervorrufen. Daher habe ich mir erlaubt, gestern und heute im Anhange zu großen Geheimnissen, wie die von dem Erdenmenschenjahr und dem Schauen aus Licht zum eigenen Lichte des Menschen hin, im Anhange zu diesen großen Geheimnissen des Daseins diese zeitgemäße Betrachtung auch als eine Art Neujahrsbetrachtung einzufügen.  WANDLUNGEN DES MENSCHLICHEN EMPFINDUNGSUND GEDANKENELEMENTES VON DER VIERTEN ZUR FÜNFTEN KULTUREPOCHE Erster Vortrag, Dornach, 6. Januar 1916 Es obliegt mir, einiges über den Unterschied der Denkungs- und Vorstellungsweise unseres fünften nachatlantischen Zeitraums gegenüber dem vierten nachatlantischen Zeitraum zu sprechen. Namentlich möchte ich zunächst heute andeuten, in bezug auf welches Gedanken- und Empfindungselement sich vieles geändert hat von dem einen Zeitraum, dem einen Zyklus in den andern Zyklus hinein. Und ich möchte namentlich andeuten, inwiefern gewisse Vorstellungsarten und Empfindungsarten gewissermaßen in eine tiefere Sphäre heruntergestiegen sind, um dann anzudeuten, was insbesondere nötig ist im fünften nachatlantischen Zeitraum, in dem wir selber sind, damit die Menschheit wiederum einen Aufstieg unternehmen kann. Nun habe ich lange versucht zu erforschen, wie die Sache sich am anschaulichsten darstellen läßt, und möchte aus diesen Forschungen heraus heute versuchen, die Sache gleichsam bildhaft zur Anschauung zu bringen. Aus diesem Grunde möchte ich damit beginnen, daß ich Ihnen einiges, sagen wir, in einer Art novellistischer Form erzähle, was sich bei mir aus gewissen Dingen zusammengefunden hat. Ich möchte davon erzählen, daß in einer Zeit, die nicht sehr weit zurückliegt, eine Familie lebte, die einer andern Familie nahegestanden hat. Und weil allerlei Vorkommnisse der einen Familie einem Angehörigen der andern Familie außerordentlich interessant und bedeutsam waren, so versuchte dieser Angehörige der andern Familie hinter die Gründe der Vorkommnisse zu kommen. Ich will davon ausgehen, daß sich in dieser erstgemeinten Familie ein junges Mädchen fand - wie gesagt, die Sache gehört schon ein wenig der Vergangenheit an -, das noch lange nicht die Zwanzigerjahre erreicht hatte. Der Vater dieses Mädchens war ein Krieger, und die Zeit, auf die wir jetzt besonders hinschauen, war vor einem größeren Kriege, den der Vater dieses Mäd chens mitzumachen hatte. Das Mädchen aber war gewissermaßen verlobt mit einem andern Krieger, der auch in den Krieg ziehen mußte, und sie hatte ihn außerordentlich gern, so daß sie tief, tief unglücklich war darüber, daß er in den Krieg ziehen mußte. Und da sie den Gedanken hatte, daß ihr Vater mitschuldig wäre an dem ganzen Ausbruche des Krieges, so faßte sie auch in ihrem Inneren, ohne daß sie es zunächst äußerlich merken ließ, eine Art Groll gegen den Vater. Und je mehr die Zeit heranrückte, desto mehr kamen die Vorstellungen und Empfindungen dieses jungen Mädchens in Verwirrung. Sie konnte das gar nicht ertragen, daß sie den Geliebten verlieren sollte. Und weil diese Empfindungen so tief in ihr saßen, so entstellte sich ihr vollständig das Bild des eigenen Vaters. Der Groll in ihr wuchs immer mehr. Der Krieg kam. Aber, was in der Seele des jungen Mädchens Platz gegriffen hatte, das wuchs geradezu wie zu einer Art Seelenverwirrung, bis zu jener Art Seelenverwirrung, die die Ärzte in unserer Zeit durchaus als eine Art von Geisteskrankheit auffassen. Und so hatte dieses junge Mädchen namentlich über den Ausbruch des Krieges allerlei seelische Erfahrungen, aber solche, die schon in die Geisteskrankheit hineingingen: Visionen und allerlei Ähnliches. Namentlich war eine starke Vision diese: ihr Geliebter werde im Kriege fallen, und alles dasjenige, was sie im Verein mit dem Geliebten noch in der Welt hätte leisten können, würde mit seinem Tod wegfallen, und sie würde eigentlich mit alledem, was in ihren Absichten lag, ein Opfer des Krieges werden. Die Geisteskrankheit brach immer mehr aus. Es kam dazu, daß die Ärzte es am besten fanden, sie in weitab liegende ländliche Verhältnisse zu bringen, wo sie gut beaufsichtigt war, wo sie auch durch eine gewisse Art der Seelen ihrer Umgebung, so wie es bei solchen Kranken vorkommen kann, segensreich wirkte, aber ohne daß man jemals hätte eine Hoffnung haben können, daß sich nicht wiederum die ganze Abnormität der Geisteskrankheit zeigen würde, wenn sie den Verhältnissen entnommen und in andere Verhältnisse hineinkommen würde. Und so lebte sie denn da jahrelang. Der Krieg war längst vorüber, es waren dann andere fatale Verhältnisse in der Familie eingetreten, die ich im einzelnen nicht genauer charakterisieren will, allerlei fatale Verhältnisse, darunter war auch das, daß nach einer ziemlichen Anzahl von Jahren auch bei dem Bruder  dieses Mädchens eine Geisteskrankheit ausbrach. Nur stellte sich das Eigentümliche heraus, daß der Bruder, der die Geisteskrankheit des Mädchens ins Männliche umgesetzt hatte, nun auch nach allerlei andern Beschlüssen, die man gefaßt hatte, von einem verständigen Menschen gerade dorthin gebracht wurde, wo das Mädchen war. Und siehe da, die ganz merkwürdige Tatsache stellte sich heraus, daß der Bruder, trotzdem er auch als geisteskrank angesehen wurde, auf das Mädchen günstig wirkte, und daß sie sich in ihrer Einsamkeit, in der sie sich unter den andern Leuten getroffen hatten, und durch das ganze Milieu veranlaßt, wiedererkannten, trotzdem sie sich viele Jahre nicht gesehen hatten, und aneinander gesundeten. So daß das Mädchen nach Hause zurückkehren konnte und in ihrer Heimat eine Art Asyl gründete, das derart eingerichtet war, daß dort insbesondere solche Kranke, wie sie beide waren, auf eine vernünftige Weise, durch Erkenntnis der Gründe, auf seelische Art geheilt werden konnten. Das Asyl, das sie begründete, hatte einen tief religiösen Charakter. Nun sagte ich, dieser Familie, der diese Ereignisse angehörten, stand eine andere Familie nahe. Ein Angehöriger dieser andern Familie interessierte sich sehr für alle diese merkwürdigen Geschehnisse und sagte: Das muß man untersuchen, was da eigentlich für ein kurioser Fall vorliegt. Die Ereignisse, die ich jetzt anführe, sind wenige Jahre zurückliegend zu denken. Er wandte sich also an einen medizinisch-naturwissenschaftlich gebildeten Mann, einen Arzt, der ihm bekannt war, und der sich seines Zeichens Psychopathologe nannte, weil er Psychopathologie trieb. Nennen wir diesen Arzt, diesen Psychopathologen, Lövius, Professor Dr. Lövius. Er teilte dem Arzt zunächst mit, was er wußte, namentlich über die beiden Kinder, über die Art der Entstehung der Krankheit des Mädchens durch den Groll gegenüber dem Vater; wie er sie hatte beobachten können, was er von der Sache gesehen hatte. Der Professor Dr. Lövius hörte sehr aufmerksam zu, machte ein außerordentlich ernstes Gesicht, dachte tief nach und sagte: Da muß im höchsten Grade eine erbliche Belastung vorliegen. Erbliche Belastung, das ist ganz zweifellos, wir haben es mit einer erblichen Belastung zu tun. Da müssen wir in den Familienakten genau nachsehen, müssen alles einzelne erforschen!  Und siehe da, man trug alles mögliche zusammen aus den Familienakten. Es ergab sich, wie man sagt, der glückliche Zufall, daß man weit hinauf, bis zum Großvater, Urgroßvater und sogar bis zum Ururgroßvater die Eigenschaf ten, die Qualitäten der Vorfahren erforschen konnte. Lange beschäftigte sich der Professor Dr. Lövius mit diesem Fall, und immer mehr fand man es bestätigt, daß man es mit einem außerordentlichen Fall von erblicher Belastung zu tun hatte, wie man es nennt, geradezu mit einem typischen Fall von erblicher Belastung, mit einem Schulfall außerordentlicher Art. Der Professor Dr. Lövius, der schon die Psychopathie von Conrad Ferdinand Meyer, von Viktor Scheffel, von Hebbel und von andern untersucht hatte, fand diesen Schulfall außerordentlich interessant und stellte alle die Daten zusammen, aus denen dieser Schulfall erklärbar sein kann. Versuchen wir einmal, schematisch dem Manne zu folgen. Wir haben es also zunächst bei dem, was man von dem Fall wissen konnte, mit der Tochter jenes Kriegers und mit ihrem Bruder zu tun - das sind zunächst die beiden Individuen. Gehen wir weiter hin^ auf, so kommen wir zum Vater. Den Vater, den hat der Professor Dr. Lövius zunächst aufs Korn genommen, hat gefunden, daß er etwas ^ 0 außerordentlich Gewaltsames in seinem Charakter hatte und ein über das Maß ehrgeiziger Mann war, allerdings auch ein Mann mit viel Initiative. Er hatte Eigenschaften, die sich in einer ganz sonderbaren Weise als in Stärke umgesetzte Eigenschaften bei seinem Bruder wiederfanden - man muß ja in einem solchen Falle die ganzen Verwandtschaftsverhältnisse untersuchen -, der hatte sie nur in einer viel liebenswürdigeren Weise, in einer schwächlicheren Weise. Aber der Vater der beiden Geschwister, das war ein über die Maßen ehrgeiziger und außerordentlich initiativereicher Mann. Solches Übermaß von Ehrgeiz, Tatendrang, auch eine gewisse Widerstandsfähigkeit gegen die Welt, das muß man natürlich in der Vererbungslinie weiter zurückverfolgen. Da ging man also zunächst zu dem Vater des Vaters hinauf. Also kommen wir zu dem Vater des Vaters, der wiederum einen Bruder hatte. Da stellte sich die außer ordentlich interessante Tatsache heraus, daß die Brüder durch zwei Generationen hindurch so gewisse Ähnlichkeiten und auch Verschiedenheiten hatten. Da war nämlich wiederum der Vater des Vaters, also der Großvater unseres jungen Mädchens, der - während der Vater bloß ein übertrieben ehrgeiziger und energischer Mann war —, schon eine Art Wüterich war. Beim Vater hatte sich die Eigenschaft geschwächt. Aber der Bruder war ein liebenswürdiger Mann, der durch seine Güte eigentlich schon ins Krankhafte ausartete, ins Abnorme. Abnorm - das ist die Ähnlichkeit - waren sie eben beide in der vorvorigen Generation, aber der eine artete als Wüterich aus, und der andere artete durch Güte aus. Und da kam dieser Professor Dr. Lövius darauf, daß dieser Wüterich, also der Großvater unseres jungen Mädchens, immer darauf aus war, Zwietracht und Unheil in die Familie seines Bruders hineinzutragen. Und dieser Wüterich brachte es wirklich dahin, konstatierte der Professor Dr. Lövius — wir sind also jetzt beim Großvater -, diesem seinem Bruder die Söhne ganz zu verderben. Den einen machte er zum Spieler, den andern verführte er in einer andern Weise, kurz, er verdarb dem Vater die Söhne gründlich. Soviel war aus den Familienakten herauszukriegen: Allerlei böse Dinge waren da geschehen. So ganz klar kam man nicht hinter die Sache. Aber das war sicher klar: schließlich hatte sich der eine Mann gegen seinen Bruder, den andern Mann, so benommen, daß eigentlich die ganze Familie, alle Sohne entartet sind, nur ein einziger noch geblieben ist, der beschloß, den Vater an seinem Bruder zu rächen. Dadurch aber brachte er erst recht wiederum bei diesen Racheakten Unheil in die Familien hinein, namentlich in die Familie des Vaters unseres Mädchens. Es kam zu allen möglichen Unzukömmlichkeiten. Und nun sagte sich der Professor Dr. Lövius: Man muß noch weiter hinaufgehen in der Abstammungslinie. Denn dieses junge Mädchen hatte im Beginn ihres Wahnsinns ganz merkwürdige Visionen gezeigt. Sie träumte immerfort von sehr weit entfernten Gegenden, in denen sie während ihrer Mädchenzeit nicht gewesen war, die aber mit einer bestimmten Lokalität merkwürdig übereinstimmten. Aus einem Familientagebuch bekam der Professor Dr. Lövius heraus, daß in diesen Visionen etwas lebte von dem, wie die Gegend war, wo noch der Urgroß vater und der Ururgroßvater sich einmal aufgehalten hatten. Ach, sagte sich der Professor Dr. Lövius, das ist ja ein ganz besonders interessanter Schulfall: Da tritt die Vererbung in den Vorstellungen als Visionen auf; da waren Urur- und Urgroßvater woanders als in der Gegend, in der zuletzt die Nachkommen lebten! Und das, was frühere Generationen noch durchlebt haben, hat sich so vererbt, daß die Urenkelin oder Ururenkelin davon im "Wahnsinn Visionen hatte! - Das war natürlich für den Professor etwas außerordentlich Interessantes. So kam er denn dahin, daß also der Großvater wieder einen Vater hatte, der war - wie gesagt, nach einem alten Familientagebuch - aus einer ganz fremden, also andern Gegend ausgewandert, die in ihrer ganzen Kultur anders geartet war. Ich nenne keine Lokalität, weil das jetzt so unangenehm ist: Die Völker sind so gegeneinander, und wenn man jetzt Lokalitäten nennt, so werden gleich Empfindungen hervorgerufen. Also aus einer fremden Gegend kamen Urgroßvater und Ururgroßvater. Nun, aus diesem Tagebuch ergab sich denn, daß dieser Urgroßvater auch schon ein merkwürdiger Mensch war. Er hatte eben in dieser abgelegenen Gegend allerlei tolles Zeug getrieben, war auch ein Wüterich, der zuzeiten tobsüchtig geworden ist. Da er in seiner Tobsucht allerlei angestellt hatte, konnte er in der Gegend nicht bleiben, er mußte eben auswandern und wanderte in jene Gegend hin, wo dann die Nachkommen waren. Aber in der Gegend, wo die Nachkommen waren, hat er auch gleich wieder Unheil angerichtet, obwohl er später sogar ein sehr angesehener Mann geworden ist. In der Gegend, wo die Nachkommen waren, hat er dadurch Unheil angerichtet, daß er einfach, weil er in eine Frau verliebt war und deren Vater die Ehe nicht zugeben wollte, den Vater im Duell getötet hat. Auf diese Weise hat er dann die Tochter bekommen. Die Sache ist, wie man so sagt, vertuscht worden, und er konnte ein angesehener Mann werden. Nun konnte, dank dem Familienbuch, der Professor Dr. Lövius bis zum Ururgroßvater hinaufkommen. Und dieser Ururgroßvater war ein ganz besonders merkwürdiger Mensch. Er lebte in einer ganz exotischen Gegend, er war ein Mensch, der sich eine Art tiefere Einsicht in die Geheimnisse der Geschichte erworben hatte. Ein sehr spiritueller Mensch war er. Aber, sagte der Professor Dr. Lövius, einer, der das  Spirituelle so übertreibt, wie es dieser Ururgroßvater übertrieben hat, an dem ist schon ohnedies etwas im Oberstübchen nicht in Ordnung. Und als er dann in den Familienpapieren weiter forschte, fand er denn auch, daß dieser Ururgroßvater, trotzdem er gründlich in spirituellen Dingen versiert war, doch gewisse menschliche Eigenschaften behalten hatte. Vor allem konnte er alle andern Leute nicht leiden, die nicht auf seine Art, sondern auf irgendeine offizielle Art zur geistigen Erkenntnis gekommen waren. Die waren ihm ein Dorn im Auge. Und denen irgendeinen Schabernack anzutun, das gehörte zu dem, was er geradezu ein wenig wie eine geistige Delikatesse empfand. Was ich jetzt erzählen werde, ist ein Ereignis, das schon etwa in die sechziger Jahre des 18. Jahrhunderts zurückfällt. Aber die Dinge wiederholen sich: Eduard von Hartmann hat mit den philiströsen Menschen des 19. Jahrhunderts dann etwas Ähnliches gemacht, wovon ich öfter einmal erzählt habe. Dieser Ururgroßvater, der ließ einmal so etwas wie eine Schrift erscheinen — aber er setzte seinen Namen nicht darauf, sondern ließ sie anonym erscheinen - in der er alles dasjenige, was seine eigene Lehre war, sehr gründlich widerlegte. Alles stellte er als konfus und dumm und töricht hin, und immer so, daß die andern sich daran recht entzücken konnten, weil er immer ihre Gründe, das, was sie ungefähr hätten sagen können, ins Feld führte: Das waren dann Leckerbissen für die andern; da hatte er ihnen einen großen Schabernack gespielt. Da sagte sich der Professor Dr. Lövius: Nun, da sieht man ja alles! Selbst bis in die Zeiten des Ururgroßvaters hinauf sieht man in der Vererbungslinie walten, was sich nun in den Nachkommen in einer so furchtbaren Weise zum Ausdruck gebracht hat. Sogar die gute Seite des Ururgroßvaters, seine spirituelle Begabung, zeigte sich wieder in der Ururenkelin, die eine Art spirituellen Asyls begründete. Man sieht, alle guten und alle schlechten Eigenschaften sind in diesem Schulfall «erbliche Belastungen» im höchsten Grade! Diese Geschichte interessierte also den Professor Dr. Lövius in außerordentlicher Weise. Er hatte sich selbstverständlich vorgenommen, ein dickes Buch über diesen typischen Schulfall zu schreiben, und setzte ihn einmal einem Kollegen auseinander. Und sehen Sie, bei dieser Gelegenheit hörte einer zu, der es gar nicht wollte, aber er konnte gar nicht anders, er hörte zu. Einer, der  nicht nur Menschenkenntnis hatte, sondern der Weltenkenntnis im Sinne der Menschheitsentwickelung hatte, der hörte zu, und dem kamen allerlei Gedanken, während der Professor Dr. Lövius seinen Fall erzählte. Diese Gedanken will ich Ihnen denn in einer Fassung vorlegen auf die Fassung kommt nicht viel an -, und will dabei immer an diesen Stammbaum anknüpfen, an den Stammbaum des Schulfalles des Professors Dr. Lövius. Also folgende Gedanken kamen dem Menschen: Es war einmal im Verlaufe der Menschheitsentwickelung ein ansehnliches Geschlecht. Das Los des Begründers dieses Geschlechtes, Tantalus, der im Tartarus büßte, ist in weitesten Kreisen bekannt. Er war eingeweiht in die Geheimnisse der Götter. Die Griechen drücken das dadurch aus, daß ein solcher Mensch, der eingeweiht ist in die Geheimnisse der Götter, sogar an den Göttermahlen teilnehmen kann. Aber er hatte so etwas, daß er es gegen die Götter, gegen die offiziell anerkannten Götter wie einen Stachel, oder man könnte auch sagen, wie einen Leckerbissen empfand, sie zu täuschen. Und da setzte er ihnen - Sie wissen es alle - als Leckerspeise für die Götter seinen eigenen Sohn vor, den er zerstückelt hatte. Und die Götter, die in ihrer Allwissenheit einen Irrtum begangen, aßen davon und tranken auch von dem Blut. Dafür wurde Tantalus in den Tartarus geworfen, und er mußte die Tantalus-Qualen ausstehen, von denen die griechischen Mythen erzählen. Durch eine Reihe von Verbrechen, die von Glied zu Glied stattfanden, erbte sich nun die Rache der Götter bis auf die letzten Nachkommen fort. Zunächst wurde Pelops, der Sohn des Tantalus, aus dem Himmel verwiesen, in welchen ihn die Götter aufgenommen hatten. Er wanderte über Kleinasien nach Griechenland, und errang Hippodameia durch die Besiegung ihres Vaters zur Gemahlin. Diese Gedanken kamen dem Zuhörer bei dem, was der Professor Dr. Lövius ausführte, nicht wahr, daß jener ein Duell mit dem Vater hatte und sich dadurch die Gemahlin erwarb. Noch war ihm, wie sein Glück bewies, die Gnade des Himmels keineswegs entzogen. Doch bald machte er sich ihrer Gunst durch mancherlei Handlungen so unwürdig, daß der Segen aus seinem Hause schied. Aus seiner Ehe mit Hippodameia stammten die beiden Söhne Atreus und Thyestes ab, welche mit  Mordschuld befleckt nach Argos flüchteten, wo sie den Thron dieses Reiches von ihrem Vetter Eurysthes erbten. Dort beging das Bruderpaar neue Greuel, so daß der königliche Palast von Mykenä der Schauplatz einer Blutrache war, welche von Kind zu Kind die einzelnen Glieder der beiden Familien vernichtete. Das schlimmste Verbrechen war das sogenannte Mahl des Thyestes. Atreus nämlich, der in Erfahrung brachte, daß seine Gemahlin von Thyestes zur Untreue verführt worden sei, lud den letzteren samt seinen beiden Söhnen zu einem Gastmahl ein. Der Schuldbewußte ließ sich verlocken, und kam zu dem Mahle. Das erinnerte diesen Menschenkenner sehr an den Streit vom Großvater und dessen Bruder, der ihm die Söhne verführt und sie in allerlei hineingebracht hatte, wodurch die Söhne zugrunde gegangen sind, wie es in den Familienakten stand. Doch das Gräßliche geschah: Atreus setzte dem Bruder das insgeheim geschlachtete Söhnepaar vor. Dieser trank vom Blut. - Das ist ja eigentlich auch «erbliche Belastung»: Der alteTantalus hat das schon gegenüber den Göttern getan, jetzt tut es der Enkel! - Dies war eine Untat, vor welcher Apoll seine Sonnenrosse schaudernd umwandte, als er auf Mykenä niedersah. Ihr Rächer war ein später geborener Sohn des Thyestes namens Ägisthus. Ägisthus, von dem scheußlichen Vorfall unterrichtet, tötete zuerst seinen Oheim Atreus und lauerte dann auch dessen Kindern auf. Atreus hatte von seiner Gattin Aerope zwei Söhne, Agamemnon und Menelaus, genannt die Atriden oder Atreussöhne. Ihnen gegenüber spann Ägisthus, der letzte Sohn des Thyestes, heimtückische Rachepläne. Doch konnte er nicht eher aus dem Versteck hervortreten, als bis die beiden verwandten Brüder den großen Heerzug nach Troja unternommen hatten. Nach ihrer Entfernung wußte er die leidenschaftliche Königin zu betören. Klytamnästra hatte ihrem Gemahl drei Töchter und einen Sohn geboren - jene Tochter, die uns vor allem interessiert, heißt Iphigenia -, und den Sohn Orestes. Iphigenia, die älteste Tochter, fiel als Schlachtopfer auf dem Altar der Artemis, der Diana, denn diese Göttin hatte wider die abziehenden Griechen heftigen Groll gefaßt und mußte durch die Tochter versöhnt werden. Die Mutter haßte den Ge mahl und ging auf die ihr zugeflüsterten Mordgedanken ein. - Nun wissen wir, daß Iphigenia nach Tauris entrückt wurde und in dem Gehege eines Tempels zu sich kam. Wir wissen, daß sie in eine ländliche Gegend versetzt wurde, in eine Umgebung, wo sie unschädlich war, ein Schicksal, ähnlich dem unserer Ururenkelin. - Die weiteren Geschehnisse im Hause brauche ich nicht zu erzählen. Aber nun berichtet der Mythos noch das Folgende: Nachdem Orestes seine Schwester Iphigenia in Tauris wiedergefunden und sie ihn vom Wahnsinn geheilt hatte, brachte er sie nach Griechenland zurück. Dann wird weiter erzählt, daß Iphigenia, als sie nach Griechenland zurückgekehrt war, eine Art Orakel, eine Opferstätte für die taurische Diana errichtete, was ins Griechische übertragen, ungefähr dasselbe wäre, als wenn jetzt jemand ein Asyl für Kranke errichten würde nach solchen geisteswissenschaftlichen Grundsätzen, wie ich sie erwähnt habe. [antalos 0 Pelops <j> f\treu5 ^,^.^^.~.~-^~---«Hp Ttjyestes Agamemnon ty*^-*C Menelaos O /legiSt/jos Jpb^enie Orestes Damit wollte ich nur sagen: Denkbar ist der etwa gleiche Vorgang im alten Griechenland und in der neueren Zeit. Je nachdem die Zeiten sind, trägt er sich zu. Denn Sie sehen, daß der Vorgang aus dem 19. und 18. Jahrhundert, den ich zunächst erzählt habe, sich genau so, wie ich ihn erzählt habe, hätte abspielen können. Niemand wird das geringste Detail bezweifeln können. Ebenso wird niemand das ganze Drum und Dran bezweifeln können, das ich entwickelt habe. Aber ein gewisser  Unterschied herrscht doch: nämlich wie man diesen Fall empfindet, wie man über ihn denkt. Wir haben gesehen, wie der Professor Lövius im 19., 20. Jahrhundert konstatierte: Erbliche Belastung! Schulfall! Der Grieche sagte sich: Wenn so etwas geschieht, so drückt sich gerade in einem solchen Geschehen aus, welche tieferen Kräfte in der Geschichte der Menschheit walten, und er dichtete den Mythos darüber. Professor Dr. Löviusse hat es im alten Griechenland nicht gegeben, aber einen Dichter, der in tieferem Sinne diese ein, zwei, drei, vier, fünf Generationen (siehe Zeichnung) verstanden und sie in solcher Weise gedichtet hat, daß die Dichter darüber fortwährend noch fortdichten bis zu Goethes herrlicher «Iphigenie». Und dabei ist der Unterschied gar nicht einmal so groß. Denn denken Sie einmal, Sie brauchen heute nur eine Psychologie oder Psychiatrie eines der vielen Naturforscher in die Hand zu nehmen, die über Seelenkunde und über Geisteskräfte handelt, so werden Sie überall finden, daß man das Folgende sagt: Der gesunde Mensch als solcher ist in seinen seelischen Eigenschaften außerordentlich schwierig zu studieren. Aber am Krankenbett und in der Klinik und durch die Sektion von Geisteskranken lernt man auch viel Entsprechendes über den normalen Gang der gesunden Seele, und ungeheuer viel wird aus der kranken Seele auf die gesunde geschlossen. Ich erinnere nur daran, daß man zum Beispiel das Sprachzentrum, den Ort, in dem die Sprache konzentriert ist, zu erkennen glaubte, indem man es am kranken Menschen, der an mangelnder Sprachfähigkeit leidet, untersuchte. So sagte man sich: Gerade an dem, was nicht in der Ordnung ist, kann man lernen, was am Gesunden waltet. Man denke sich das nun nicht im 19. Jahrhundert, sondern in der Sprache der Griechen, so würde es so lauten: Wollen wir wissen, was für Kräfte im Fortgange der Menschheitsentwickelung walten, so müssen wir nicht zu denjenigen Menschen gehen und sie studieren, die in ihrem Seelenleben und allem, was sie so sind, nur das sogenannte Gesunde zeigen, sondern da müssen wir zu allerlei Menschen gehen, die gegenüber dem Normalen abnorme Eigenschaften haben. Wie es mit den Griechen gekommen ist, suchten also diese griechischen Dichter zu verstehen, die zugleich noch in gewisser Beziehung griechische Weise  waren, weil da Weisheit und Schönheit miteinander verbunden waren. So kam es, daß diese griechischen Dichter gerade das Schicksal des Griechentums an diesen anormalen Generationen darstellten. Aber der Grieche unterschied einiges. Der große Unterschied in der Art, wie der Professor Dr. LÖvius spricht und wie der Grieche spricht, besteht darin, daß der Grieche etwas über die Geheimnisse der menschlichen Seele weiß. Ein großer Unterschied besteht zwischen dem, was in der Seele die Erzählung von dem außerordentlichen Mythos der Atriden, der Iphigenia, Tantalus und Pelops wachruft, und alledem, was sich an Vorstellungen in unserer Seele ansetzt, wenn wir den bebrillten Professor Dr. Lövius hören, der da sagt: «Alles erbliche Belastung!» Denn «erbliche Belastung» ist dasjenige, was den Schulfall doch in seiner vollen Gestalt nach der neueren Wissenschaft, nach dem Wissen des fünften nachatlantischen Zeitraums erfüllt. Darin haben wir den Gegensatz zu einem Menschen, der noch ganz im Griechentum darin steht. Denken Sie sich den Griechen, der auch schildern wollte, wie Iphigenia, nachdem sie durchlebt hatte, was der Grieche in dem Geschehen auf Aulis ausdrückte, dann versetzt worden wäre in eine fremde Gegend, nach Tauris, dort das Wiedersehen mit Orestes erlebt hätte und so weiter, was der Grieche alles erzählt hat, denken Sie sich nun, wie das wieder aufgegangen ist in Goethes «Iphigenie»! Versetzen Sie sich in den einzigen Augenblick, wo der König Thoas in Tauris vor Iphigenie steht, in Goethes Diktum, wo er wirbt um Iphigenie, und wo Iphigenie sich verpflichtet fühlt, die Worte auszusprechen: «Vernimm! Ich bin aus Tantalus Geschlecht!» - «Du sprichst ein großes Wort gelassen aus.» Das ganze Griechentum lebt wiederum auf in dem, was in einem solchen Fall des Seelenlebens der Grieche oder der wiedererstandene Grieche zu sagen hat: «Ich bin aus Tantalus Geschlecht.» Und dann kommt man sich vor, wie wenn zu einem Fenstergitterchen, nachdem das gesprochen worden ist, der Professor Dr. Lövius hereinkicherte: «Hihihi! Erbliche Belastung!» - Da haben Sie den ganzen Unterschied zwischen dem, was der vierte nachatlantische Zeitraum darbot, und dem, was der fünfte, unser nachatlantischer Zeitraum darbietet. Denn tatsächlich, die beiden Dinge dürfen miteinander verglichen werden.  Ich habe nicht im allergeringsten Sinne übertrieben, sondern nur ganz sachlich geschildert. Die beiden Dinge dürfen miteinander verglichen werden, und zwar deshalb, weil eben an die Stelle der Gestaltung des griechischen Mythos, an die Stelle dessen, was mit dem griechischen Mythos gemeint war, nun die Lehre von der erblichen Belastung getreten ist, bis in die Dichtung hinein. Denn schließlich, man braucht bloß Sophokles oder Äschylos mit Ibsen zu vergleichen, dann hat man auch in der Dichtung genau denselben Gegensatz, nur daß bei den Griechen Wissenschaft und Dichtung eben nicht so auseinander traten. Sie brauchen nur nachzulesen, was ich über die Mysterien und über die Entstehung von Kunst und Religion aus den Mysterien gesagt habe, so werden Sie verstehen, daß neben einem griechischen Ibsen nicht auch noch ein griechischer Professor Dr. Lövius gewesen ist: die wären ein und dasselbe. Aber sie wären eben diejenigen, die den ganzen Mythos verfaßten, das, was der Mythos als Wahrheit enthielt. Denn, was Gesundheit war, was ärztliche Kunst war, was die Kunst des Merkur mit dem Merkurstab war, das wurde im alten Griechenland auch nicht anders als in Form von Erzählungen vorgebracht, genau wie diese Erzählung von Tantalus' Geschlecht und Iphigenie. Es war dazumal nicht üblich, schon in abstrakten Begriffen zu sprechen, sondern man sprach in Bildern. Und durch Bilder stellte man die Wahrheit dar. Und das, was das griechische Seelenleben ausfüllte, was diese griechische Seele ganz innerlich organisierte, das verhält sich zu dem, was heute als Wahrheit, für den Urcharakter der Wahrheit hingenommen wird, wie: «Vernimm! Ich bin aus Tantalus Geschlecht!» zu: «Hihihi! Erbliche Belastung». Das ist es, meine lieben Freunde, was man sich in die Seele schreiben muß über etwas, was herabgestiegen ist vom alten Griechentum bis heute, ein herabgehender Weg. Er kann uns Anleitung geben über dasjenige, was entwickelt werden muß, um wieder hinaufzukommen. Das würde uns heute zu weit führen. Ich will für diejenigen, die es noch hören wollen, dann morgen die Fortsetzung dieser Betrachtungen anstellen.  WANDLUNGEN DES MENSCHLICHEN EMPFINDUNGS UND GEDANKENELEMENTES VON DER VIERTEN ZUR FÜNFTEN KULTUREPOCHE Zweiter Vortrag, Dornach, 7. Januar 1916 Ich habe gestern versucht, Sie durch gewissermaßen bildliche Darstellungen aufmerksam zu machen auf den großen Unterschied in der Seelenverfassung der Menschen innerhalb des vierten und des fünften nachatlantischen Zeitraumes, in welch letzterem wir selber leben. Dies ist ein Unterschied, auf den man in der Tat gerade heute, in unserer Gegenwart, nicht geneigt ist, viel Aufmerksamkeit zu wenden. Machen wir uns nur einmal klar, was ein Durchschnittsmensch der Gegenwart, der «gescheit» ist, das heißt, die herrschenden Grundbegriffe der Gegenwart aufgenommen hat, etwa über das gestern Angedeutete zu sagen hat. Er wird ungefähr das Folgende zu sagen haben: Das ist recht schön und gut, was da der alte Grieche über die Folge der Geschlechter von Tantalus bis zu Iphigenia in seiner Phantasie ausmalte, und das ist alles recht schön und gut, wodurch da Iphigenia gewissermaßen in eine Aura von waltendem Schicksal gestellt wird. Aber das ist doch alles eben Phantasie. - Es ist der Standpunkt, der heute ziemlich allgemein von den gescheiten Menschen eingenommen wird. Koridan, den wir eben im Pfälzischen Hirtenspiel erlebt haben, sagt vom Anfang an nicht so, aber Mops sagt so: «s* ist ja alles nur Phantasie!» Aber es ist ungefähr diesen Dingen gegenüber der heutige Mops-(pardon!)-standpunkt. Nun müssen wir nur einmal unser ganzes Augenmerk darauf lenken, welch ungeheuer überzeugende Kraft für die Gegenwartsmenschen dieser Standpunkt hat, wie unmöglich sich der Gegenwartsmensch denken könnte, daß etwa mitten in unsere Reihen herein jemand treten könnte, der- statt die Auskunft zu geben gegenüber einer solchen Persönlichkeit, «erbliche Belastung», wie ich es Ihnen gestern zitiert habe -, etwas ähnliches aufstellen könnte wie den Iphigenia-Tantalus-Mythos. Und wenn er es aufstellen würde, so würde natürlich jeder sagen: Dichtung! In der  Dichtung steht alles frei, aber mit der Wahrheit, mit der wirklichen Erkenntnis hat eine solche Dichtung ganz und gar nichts zu tun. - Und im Grunde genommen ist das der Standpunkt, den man gegenwärtig der ganzen Kunst gegenüber einnimmt. Die gegenwärtige Menschheit steht ganz und gar auf dem Standpunkt: Wahrheit kann nur erreicht werden durch Begriffe, durch Theorien, durch solche Begriffe, durch solche Theorien, die von der äußeren physischen Wirklichkeit genommen sind, und alles andere ist eben, es mag noch so schön sein, Dichtung. Man kann sich in der Gegenwart nicht denken, daß irgendein anderer Standpunkt berechtigt oder auch nur möglich sein könnte, daß jemand einen andern Standpunkt einnehmen könnte, ohne eigentlich hirnverbrannt zu sein. Man denke sich doch nur einmal, daß jemand auch nur die Anforderung stellen würde - ich wage das hier auszusprechen, aber ich bin mir wohl bewußt, daß es nur unter uns möglich ist, dies auszusprechen - nehmen wir an, es würde sich jemand einfallen lassen zu sagen: In medizinischen Hörsälen sollte weniger von erblicher Belastung und dergleichen gesprochen werden, sondern man sollte die Dinge in einem Kleide geben, wie es einem griechischen Mythos ähnlich ist. Wenn der Betreffende das so sagen würde, als ob er gemeint hatte, man sollte es ernst nehmen, er mache nicht einen schlechten Scherz, so würde das Geringste sein können, was die gegenwärtige Kultur mit ihm vollbringt, daß sie ihn in ein Sanatorium schickt. Es ist ja kaum etwas anderes denkbar, nicht wahr! So festgewurzelt ist in der Gegenwart die Überzeugung, daß ein anderer Gesichtspunkt gar nicht möglich ist als der: Wahrheit kann nur auf die Weise gefunden werden, welche die gegenwärtig offiziell anerkannte ist, und alles, was die Menschen früher durch ihre Seele gesucht haben, das war halt Kindlichkeit, das war Mythos, das war Dichtung, das war keine Wahrheit. Aber dafür, daß wir es endlich «so herrlich weit» gebracht haben, können wir auch gewiß sein - so denkt der Mensch der Gegenwart -, daß nun die Seelen in allen künftigen Erdenzeiten nie etwas anderes als Wahrheitsbegriff empfinden werden als das, was gerade angedeutet worden ist. Man kann davon ganz überzeugt sein: Wenn es einmal gelingen würde, die Luftschiffahrt zur Ätherschiffahrt umzugestalten, und der Äther im Sinne der heutigen Physiker wirklich im Weltenall vorhanden wäre,  und man einen Ballon ausgestalten würde, der einige unserer gescheiten Erdenbewohner, die niemals so töricht gewesen sind, in eine geisteswissenschaftliche Gesellschaft einzutreten, nach dem Mars bringen würde, und auf dem Mars würde man etwa andere Anschauungen von irgendeiner Wesensart her verraten als diejenige, die eben angedeutet worden ist, so würde man sagen: Selbstverständlich, diese Marsleute dichten halt! Die haben noch keinen Begriff bekommen, wie man erkennt, auf welche Weise wirklich Wahrheit gefunden werden kann. Daß ein anderer Gesichtspunkt möglich sein könnte, das kann unter Umständen in der Gegenwart einmal auch von einem Menschen ernst genommen werden, der nicht auf dem Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft steht; aber dann steht ihm unter Umständen, wenn er wirklich ernsthaftig über Weltanschauung empfinden kann, ein schlimmes Schicksal bevor. Einer war es, Nietzsche, der versucht hat, einen andern Maßstab anzulegen und der im Sinne seines Buches «Jenseits von Gut und Böse» die Wahrheit sogar gescholten hat. Er meinte aber die Wahrheit,, welche die Gegenwart allein anerkennt, und da wollte er einen andern Standpunkt geltend machen, nämlich den Standpunkt des Lebens, den Standpunkt des Lebens der Seele vor allen Dingen. Zur Geisteswissenschaft konnte er nicht kommen, und so hat er eben diesen Gesichtspunkt mit seiner seelischen Gesundheit bezahlen müssen. Ein anderer Standpunkt wäre nämlich zum Beispiel der, daß man fragte: Wie wirken auf die menschliche Seele solche Begriffe, wie sie im griechischen Mythos verarbeitet sind? Und wie wirken auf die menschliche Seele solche Begriffe, wie sie die Gegenwart verarbeitet hat nach dem Typus «erbliche Belastung»? Wie wirken diese Begriffe auf die menschliche Seele, auf das ganze Leben der menschlichen Seele? Wie wirken sie? Und da ist doch ein gewaltiger Unterschied. Der Mensch kann eine Anzahl von Generationen wie diejenigen von Tantalus bis zu Iphigenie so zusammenfassen, sei es, indem er es originell tut [wie Nietzsche], sei es, daß er an eine solche Zusammenfassung glauben kann als an etwas Wirkliches: wer solche Vorstellungen, solche mit derartigen Vorstellungen verknüpfte Empfindungen in seiner Seele beleben kann, der bringt ein belebendes Element in das ganze Seelenleben. Derjenige aber, der nur mit solchen Begriffen arbeitet, wie der ist von der erblichen  Belastung, der bringt in das Seelenleben ein ertötendes Element, ein ausdörrendes Element. Und dieses ausdörrende Element wird nach und nach unter dem Einfluß der einseitigen physikalischen, biologischen und so weiter Erkenntnis bewirkt werden, ein ausdörrendes, ein ertötendes Element. Niemals wird diese physikalische, chemische, biologische Wissenschaft in der Gegenwart etwas hervorbringen können, das beitragen kann zur inneren Erfüllung des Lebens der Seele. Wer beobachten will, kann das schon an den äußerlichen Dingen beobachten. Machen Sie eine kleine Probe. Kaufen Sie sich das Büchelchen «Naturphilosophie» von Ostwald - das man in der ReclamBibliothek haben kann - und versuchen Sie einmal mit diesem Büchelchen zurechtzukommen, wenn Sie Nahrung für Ihre Seele fordern! Überzeugen Sie sich, wie dort dasjenige, was ein ausgezeichneter Chemiker über allerlei Naturzusammenhänge zu sagen hat, auf vielen Seiten abgehandelt ist, wie aber dasjenige, was der Seele dienen soll, auf ein paar Seiten zusammengedrängt ist und in solchen Abstraktionen aufmarschiert, daß es unmöglich etwas anderes als Ausdörrung der Seele bewirken kann! Und die Entwickelungslinie geht nicht etwa dahin, daß diese biologischen, physikalischen, chemischen Richtungen für die Zukunft etwas Seelenerfüllendes versprechen würden. Das ist ganz und gar nicht der Fall. Sondern im Gegenteil, gerade je weiter die einzelnen Wissenschaften fortschreiten werden, desto weniger werden sie irgend etwas bieten können, was einer seelischen Nahrung nur ähnlich sehen könnte. Und wenn einmal die Zeit kommen wird, wo der Zusammenhang der einzelnen Seelen mit den alten religiösen Vorstellungen durch die moderne Naturwissenschaft vollständig vertilgt sein wird, dann würde die Seele gar keine Nahrung mehr haben, dann würden die Seelen der Erwachsenen - vielleicht würde man den Kindern längere Zeit noch allerlei vorpredigen, was man selber nicht glaubt —, dann würden die Seelen der Erwachsenen ihren Tag eben damit hinbringen, daß sie beginnen mit dem Frühstück, zwischen dessen einzelnen Löffeln sie die Zeitung schlürfen. Nun wird in den Zeitungen immer weniger von den ideellen Gütern der Menschheit stehen, sondern immer mehr und mehr von anderem. Dann werden die Leute an ihr Tagewerk gehen, werden diejenigen Obliegenheiten vollbringen, welche für die  materielle Versorgung der Menschheit nötig sind. Dann werden sie mittagessen, werden abends etwas ähnliches tun, und wenn es Menschen gibt, welche Zeit haben, werden sie im Spiel oder dergleichen ihre Zeit totschlagen, weil sie nicht ausgefüllt werden kann mit irgendwelchen Gedanken, die einen realen Wert besitzen über eine geistige Welt. Ja, was sie dann abends tun werden? Man wird vielleicht noch gelten lassen, daß sich die Leute Theaterstücke anschauen oder dergleichen, an die sie doch nicht glauben. Manche werden ein Buch lesen, vielleicht über solche Dinge, die in den «kindlichen» Menschheitszeiten, die ja schön waren, aber doch hervorgebracht worden sind wie Raffaelsche oder Michelangelosche Bilder. Und man kann sich ganz klar darüber sein: Recht schön ist das, aber mit Wirklichkeitswerten hat das alles nichts zu tun. Man täusche sich nicht darüber, daß die Zeit entgegensteuert dem Ausdörrenden, dem Ertötenden des seelischen Lebens. Wenn wir nun gerade dasjenige,was uns das gestern Ausgeführte lehren kann, ins Auge fassen, so finden wir, daß darin schon eine ungeheure Trostlosigkeit steckt. Denn worin besteht der Sinn des Heraufkommens aus der vierten nachatlantischen Zeit über unsere fünfte nachatlantische Zeit? Dieser Sinn besteht darin, daß in der vierten nachatlantischen Zeit, in der alten griechischen Zeit zum Beispiel, die Menschen nicht so isoliert waren mit ihren Seelen wie heute, daß sie noch ein inneres Zusammenhängen der Seelen hatten, aber dieses innere Zusammenhängen der Seelen auch noch wahrnahmen in gewissen letzten Resten von Visionen, von Eingebungen der Diana, wie sie damals aufgefaßt worden sind, von Eingebungen der Diana, der Artemis, von dem, was aus den unterbewußten Seelengründen herauftaucht. Das erschien den Menschen auch wirklich in Bildern. Über menschliche Zusammenhänge, kann man sagen, über das soziale Leben hatten die Menschen noch letzte Reste von seelischen, visionären Bildern, und nach denen richteten sie sich. Es ist ganz unsinnig, zu glauben, daß die Griechen in derselben Weise etwas ausgedichtet hätten, wie wir in der Gegenwart die Dinge ausdichten. Es ist ganz unsinnig, das zu glauben. Wenn die Griechen den Trojazug unternahmen und sich also für einen Zug nach Troja rüsteten, so würde es für sie ganz unmöglich gewesen sein, aus irgendwelchen  Gründen heraus, die so mit dem Verstände erworben werden oder mit dem Empfinden belebt werden wie heute, zu einer solchen Unternehmung zu schreiten. Ganz undenkbar wäre das für die Griechen gewesen. Sie wußten, wenn sie so etwas zu unternehmen hatten, daß sie sich in einen größeren Menschheits- und Weltzusammenhang hineinstellen, und daß dasjenige, was da vor ihrer Seele leben müsse, nichts sein könne, was mit den gewöhnlichen, auf dem physischen Plan spielenden Empfindungen etwas zu tun haben dürfe. Sie schauten die tieferen Gründe und brachten sie in imaginativen Anschauungen zur Geltung. Gewiß sagten sie: es war ein Wettstreit zwischen den drei Göttinnen Aphrodite, Hera, Athene, und Paris sollte den Preis dieses Wettstreites erhalten, Helena. Es war ein Bild, aber in dem Bilde fühlte und empfand der Grieche große, geistige Zusammenhänge, die durch die Welt gingen. Der Gegenwartsmensch stellt sich vielleicht überhaupt vor, daß die Griechen aus ähnlichen Motiven heraus, wie man es in der Gegenwart tut, den trojanischen Krieg unternommen hätten, und sich dann jemand hingesetzt und zur dichterischen Erklärung des trojanischen Krieges den ganzen Mythos ersonnen habe. Das ist wiederum eine äußerliche Vorstellung der Gegenwart. Der Mythos war geschaut, er war die imaginative Vorstellung für die tieferliegenden Kräfte, die da walteten. Nun könnte ich selbstverständlich, wenn das nicht zu weit abführen würde von der gegenwärtigen Aufgabe, auseinandersetzen, wie die Helena der Repräsentant war, die Imagination war für das ganze Verhältnis Griechenlands zu Vorderasien, wie der ganze Wettstreit der drei Göttinnen zeigte, was der Impuls des griechischen Seelenlebens war, und wie das griechische Seelenleben sich heraufarbeiten mußte zu demjenigen, was es später in der Welt vorgestellt hat. Aber wie gesagt, die Betrachtung dieses Mythos würde uns zu weit abbringen von unserer jetzigen Aufgabe. Das wollen wir ins Auge fassen, daß da noch Reste eines visionären, nach der Wahrheit in Bildern gehenden Hellsehens lebten, und daß die Dichtung nicht so war, wie sie heute ist, wo sie hingestellt wird als etwas, was ersonnen wird, sondern daß sie etwas visionär Erlebtes war, das sich dann in äußeren Formen auslebte, dem aber nicht eine trockene,  pedantische, rein theoretische Wissenschaft gegenüberstand, die auf ihre Wahrheitsbegriffe stolz gewesen wäre, wie die gegenwärtige theoretische Wissenschaft ist. Zusammenhänge schaute man also noch an zwischen den Menschen. Dies hat sich vollständig verloren. Es mußte sich verlieren, weil der Individualismus heraufkommen mußte. Die Menschen wären niemals zu jenem Individualismus gekommen, für den der große Erzieher die Kultur des fünften nachatlantischen Zeitraumes sein muß, und der sich allmählich während dieses fünften nachatlantischen Zeitraumes entwickeln wird. Die Menschen mußten das alte Hellsehen auch in den letzten Resten verlieren, um ganz losgerissen zu sein jeder einzelne für sich - von dem, was noch wahrgenommen werden kann von den Zusammenhängen. Der Mensch mußte mit seinem seelischen Erleben sozusagen eingeengt werden in seine einzelnen Daseinsformen auf dem physischen Plan. Eingeengt mußte er werden. Das konnte nur so geschehen, daß er alles dasjenige verlor, was ihn über seinen eigenen Leib hinausführte, daß er ganz eingeschlossen wurde in seinen eigenen Leib. Haben Sie von dem, was Sie mit andern Menschen verbindet, eine Vision, so haben Sie Wahrnehmung des sozialen Lebens. Das sollte der Mensch des fünften nachatlantischen Zeitraumes nicht mehr haben. Er wurde ganz darauf angewiesen, was er innerhalb seiner Haut erleben kann. Und so entstand denn der individualistische Begriff des Menschen auf seiner ersten Stufe, auf der, man kann sagen, brutalsten Stufe, auf der er in einer gewissen Weise noch immer steht. Wenn der Mensch heute fühlen will, was er eigentlich ist, so denkt er zunächst - auch wenn er noch so schöne andere Theorien hat - an dasjenige, was er innerhalb seines Leibes, innerhalb seiner Haut ist, wirklich innerhalb seiner Haut. Es ist schwierig, gerade darüber eine deutliche Vorstellung hervorzurufen, weil es wahr ist und in der Gegenwart gar nicht geglaubt wird, weil die Menschen sich gerne allerlei Idealismus vormachen, um sich darüber hinwegzutäuschen, daß sie im Grunde genommen nur an sich glauben, insoferne sie in ihrer eigenen Haut eingeschlossen sind. Dieser Übergang mußte aber stattfinden. Aus dem Grunde mußte er stattfinden, weil der Mensch nach und nach einsehen muß, wie er sich das, was innerhalb seiner Haut ist, in gewissem Sinne und innerhalb gewisser Grenzen aus seinem Karma heraus  selber zubereitet. Dasjenige, was das griechische Schicksal war, hatte sich der Mensch nicht selber zubereitet, das verband ihn mit seiner Generationenreihe. Was der Mensch der Zukunft als Karma empfinden wird, wird ihn in bewußter Weise mit den andern Menschen verbinden. Der Mensch wird sein Karma bewußt als etwas Wirkliches empfinden müssen. Das wird dem heutigen Menschen, wie Sie sich durch eine leichte Erwägung vorstellen können, noch unendlich schwer, das Karma als etwas Bewußtes zu empfinden. Als eine Theorie laßt man es gelten, aber als ein Bewußtes das Karma empfinden, das wird den heutigen Menschen wahrhaftig noch recht, recht schwer. Denn ich habe ja einmal gesagt: Nehmen wir an, wir bekommen von jemandem eine Ohrfeige. Gewiß, äußerlich, insoferne wir in unserem Leib eingeschlossen und Wesen zwischen Geburt und Tod sind, müssen wir uns dagegen wehren. Aber darüber muß der höhere Standpunkt geltend gemacht werden: Wer hat dir denn die Ohrfeige gegeben? Wer hat den, der dir die Ohrfeige gegeben hat, hingestellt, auf daß er dir die Ohrfeige gibt? Er stünde nicht da, wenn du ihn nicht hingestellt hättest durch die Art und Weise, wie du durch das Karma mit ihm verbunden bist. - Denken Sie, wie heillos schwierig das für den Gegenwartsmenschen zu denken ist! Christen glauben ja, die Gegenwartsmenschen zu sein, aber sie werden dem noch wahrhaftig wenig nachfolgen, der ihnen den Rat gibt: Wenn dir einer einen Streich auf die linke Wange gibt, so reiche ihm die rechte hin - in Gedanken, äußerlich wird es ja nicht gehen. Und diesen Unterschied zwischen dem Innerlich und dem Äußerlich machen die Menschen noch nicht. Es wird ihnen ganz heillos schwierig, irgendwie im Karma zu leben. Und dennoch, wenn wir uns so hereinleben von unserer Embryonalzeit durch die Geburt, durch die erste Kindheit in unser Leben, dann ist dasjenige, was mitgestaltet an unserem Leib, unser Karma. Wir haben zwischen unserem letzten Tod und unserer jetzigen Geburt durchlebt und haben es uns sogar angelegen sein lassen zu durchleben, wie wir das Karma zu erfahren haben, und was wir uns für einen Körper zu geben haben, damit er sein Karma ausleben kann. Wir wirken so, knetend, möchte ich sagen, durch die Seelenkräfte auf unseren Leib. Wir wirken sogar lokalisierend, indem wir uns an den Ort der Welt hinstellen, wo  wir unser Karma ausleben können. Wir wirken also mit jenem Bewußtsein, das wir zwischen dem Tod und einer neuen Geburt haben, unser persönliches Schicksal aus. Das ist die der griechischen Schicksalsidee ganz entgegengesetzte Idee. Aber um zu dieser Idee als einer lebendigen kommen zu können, muß der Mensch durchgehen durch den Individualismus, muß er sich zunächst als ein Individuum, ich möchte sagen, in ganz brutaler Weise erfassen. Und auf diesem Wege, sich als ein Individuum zu erfassen, ist der Mensch. Aber er hat, ich möchte sagen, etwas in den Kauf nehmen müssen, richtig in den Kauf nehmen müssen dafür, daß er die Empfindung ausleben mußte: Ich bin innerhalb meiner Haut und meines Fleisches eingeschlossen. Er hat etwas in den Kauf nehmen müssen, der Mensch. Das ist: daß er zum Sklaven, Seelensklaven dieser Leiblichkeit wurde. Er ließ sich versklaven von der Leiblichkeit, und der Leib wurde zunächst der Herr über ein neues, geglaubtes Schicksal. Eine Iphigenie empfand in dem Alter, von dem ich gestern gesprochen habe - jeder einzelne Satz in der gestrigen Darstellung ist richtig: ich habe ungefähr angegeben, wieviel Jahre ihr noch bis zum zwanzigsten Lebensjahr fehlten —, eine Iphigenie, die Visionen hatte bis zu Tantalus hinauf, welche Visionen man heute deutet als Reminiszenzen, durch Vererbung bewirkt, eine solche Iphigenie ist so unmittelbar in unserer heutigen Zeit nicht mehr möglich; eine solche Iphigenie, die vor allen Dingen dasjenige, was in der Generation lebt, bis zu Tantalus hinauf lebt, moralisch, ethisch faßt: «Vernimm! Ich bin aus Tantalus Geschlecht!», das ist heute nicht möglich. Denn heute tritt der Arzt neben sie hin und erklärt ihr: Erbliche Belastung! Solchen und solchen Zustand hat dein Vater, hat deine Mutter gehabt, dein Großvater, deine Großmutter und so weiter, erbliche Belastung! Und davon kommt das alles! - Damit ist aber ausgesprochen, daß die heutige Seele keuchend dahinlebt unter dem Joche der Körperlichkeit, auch in der Anschauung, in der Empfindung keuchend. Im Grunde, meine lieben Freunde, können wir dieses Keuchen unter der Körperlichkeit sehen, wenn wir darauf hinblicken, was aus den Menschen geworden ist unter einer gewissen Weltanschauungsrichtung des 19. Jahrhunderts. Man richtete den Blick nur auf das Leibliche und  bekam, weil man den Blick nur auf das Leibliche richtete, die Abstammung des Menschen rein aus der Tierwelt. Auch wissenschaftlich keucht der Mensch unter dem, womit ihn seine Leiblichkeit verbindet. Und kaum wird es leicht möglich sein, die Menschen aufmerksam zu machen auf dasjenige, was da zugrunde liegt. Denn es können die Leute kommen, wenn man sie auf alles das aufmerksam macht, und können sagen: Glaubst du denn, die berechtigten Seiten des Darwinismus widerlegen zu können? Das ist doch alles gut bewiesen!- Gewiß ist es gut bewiesen, ganz wohl ist es gut bewiesen, aber darum handelt es sich nicht, sondern darum handelt es sich, daß die Wahrheitsempfindung eine andere geworden ist. Im Sinne dieses anders gewordenen Wahrheitsempfindens kann man die ganzen Dinge streng beweisen, selbstverständlich. Man muß schon gegenwartsfremd sein, wenn man nicht empfinden kann, worum es sich da eigentlich handelt. Das alles hat aber seine praktischen Folgen! Mit einer ungeheuren Vehemenz steuert die äußere Kultur darauf hin, die Dinge, die gedacht werden, auch in das praktische Leben umzusetzen und innerhalb des praktischen Lebens überhaupt nicht mehr gelten zu lassen Impulse des Geistig-Seelischen. Und wie nahe ist man heute schon daran, solche Dinge geltend zu machen, zum Beispiel für die Pädagogik oder die Didaktik, für die Erziehung! Wie nahe ist man heute schon daran, solche Dinge für die Erziehung der kleinen Kinder geltend zu machen! Denken Sie aber, wenn es einmal dahin kommen wird, daß man nicht nur diejenigen Dinge fordern wird, welche man heute fordert dem kleinen Kinde gegenüber, sondern noch ganz andere Dinge, wenn es einmal dahin kommen wird, daß es allen Eltern zur Pflicht gemacht wird, ein Kind, das ein bestimmtes Alter erreicht hat - was dann durch wissenschaftlich-statistische Daten festgestellt sein wird -, von einem materialistischen Arzt auf seine vererbten Eigenschaften hin untersuchen zu lassen. Man wird mittlerweile aber das Schulwesen in verschiedene Kategorien eingeteilt haben, und nach der ärztlichen Untersuchung des materialistischen Arztes wird man dann die Kinder je nach ihrer «erblichen Belastung» in diese oder jene Schule stecken müssen, vielleicht auch schon in diesen oder jenen Kindergarten. Heute staunen die Menschen noch, wenn jemand von einer solchen  Perspektive spricht. Aber gerade das ist das Schlimme, wenn man staunt. Man sollte gar nicht staunen über diese Dinge, denn wenn diejenige Form des Darwinismus, die heute theoretisch vertreten wird, wahr wäre, dann müßte es so gemacht werden. Das ist die Hauptsache: dann wäre das das einzige Mittel, und gewissenlos wäre es von den Menschen, wenn sie es nicht so machten. Es könnte etwa die Kleinigkeit passieren, die geringfügige Kleinigkeit, daß, sagen wir, einmal jemand, was weiß ich auf welche Art, den Arzt etwas beschwindelt hätte, und ein Arzt hätte ein Zeugnis ausgestellt, das nach der Ansicht anderer, die aber nicht offiziell dazu bestimmt sind, nicht richtig ist; während man das Kind in Abteilung zwei hätte bringen sollen, wo gewisse «erbliche Belastungen» vorhanden sind, hat man das Kind vielleicht in Abteilung fünf gebracht, wo nach dem ärztlichen Zeugnis die künftigen Genies sind, und dann könnte sich herausstellen, daß das Kind dann gescheiter geworden ist als derjenige, der es untersucht hat! Aber das könnte dann nur durch einen «Irrtum» geschehen. Daß so etwas möglich wäre, das würde ja wenig verschlagen, nicht wahr! Das soll Ihnen nur einen Impuls geben, eine Anschauung darüber zu gewinnen, nach welcher Tendenz hin jene Richtung geht, die heute vielfach noch bloß theoretisch ist. Heute sind es nur die Fettaugen auf der Suppe, aber diese Fettaugen auf der Suppe werden immer mächtiger werden. Da wird immer mehr und mehr materialistisches Fett hineingegeben werden, und dann wird zuletzt der ganze Teller von diesem materialistischen Fett voll sein, und die Menschheit würde es auszulöffeln haben. Hier ist aber gerade der Punkt, wo die Menschen durch eine Weltanschauung dahin werden kommen müssen, die großen Gefahren, die in dem Praktischwerden der gegenwärtigen Theorien liegen, zu überwinden. Wenn einmal dasjenige, was in unserer Geisteswissenschaft ist, in einer großen Anzahl von Seelen innere seelische Lebendigkeit hat, dann wird man dem Menschen, bei dem die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten innere seelische Lebendigkeit erlangt haben, nichts von allerlei «erblicher Belastung» vorreden können, sondern er wird sagen: Mögt ihr mir noch so viel nachweisen, was da meinem Vater, meiner Mutter, meinem Großvater, meiner Großmutter und so weiter gefehlt hat, ich weiß, daß ich außer dem, was ich in meinen Ver erbungsimpulsen trage, noch jene Seele habe, die mit diesen Vererbungsimpulsen nichts zu tun hat, weil in der Zeit, als die vererbende, die vorhergehende Generation da war, diese Seele in der geistigen Welt zwischen dem Tod und der jetzigen Geburt war. Diese Kräfte trage ich ebenso in mir, und ich werde einmal sehen, ob ich die «erbliche Belastung» nicht besiegen werde! - Gewiß, solange man an die Vererbungstheorie glaubt, und solange nicht die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten in Fleisch und Blut übergehen, so lange wird man die Vererbung nicht besiegen können. Besiegen wird man sie erst können, wenn die geisteswissenschaftlichen Begriffe wirklich lebendig werden in den Seelen und in Fleisch und Blut übergehen. Dazu aber muß noch vieles andere geschehen. Gewiß, man kann glauben, daß die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten für diejenigen, die sie durchschauen werden, allmählich eine immer größere Überzeugungskraft gewinnen, aber manches andere wird doch hinzutreten müssen. Ich bin deshalb heute von der Einfügung eines Apercus über die Kunst ausgegangen. Bedenken Sie, wie weit sich das, was man heute die Wahrheit nennt, von Kunst und Dichtung entfernt hat seit der griechischen Zeit, wie im fünften nachatlantischen Zeitraum eine Kluft zwischen dem entstand, was die Menschen Wahrheit nennen und dem, was sie Kunst nennen. Aber das hat viel damit zu tun, wie das gegenwärtige Geschlecht, die gegenwärtige Menschheit sich überhaupt zur Kunst gestellt hat. Und da ist es wirklich nicht ohne Wert, wenn Sie einmal Umschau halten, wie die Menschen heute überhaupt zur Kunst stehen. Es gibt eine Kunst, bei der - weil sie vorzugsweise ihre Bedeutung für den fünften nachatlantischen Zeitraum und seine Folge hat - eben nicht gerade weltgeschichtliche Fehler gemacht werden können, nicht gerade, sage ich, gemacht werden können; bei der die Menschen auch heute gezwungen sind, auf das Künstlerische zu sehen: das ist die Musik. Einzig und allein in der Musik sind die Menschen heute geneigt, das Künstlerische anzuerkennen, weil sie durch die Natur der Musik gezwungen sind, die Musik nicht als eine Abbildung der äußeren Wirklichkeit anzusehen. Denn man kann nur in den alleräußersten Ausläufern des Musikalischen das Künstlerische verkennen. Wenn jemand nur da oder dort horchen würde, ob die Musik nachahmt  ein Wellenrauschen oder ein Windessäusein oder dergleichen, so würde man wissen, daß das, was da nachahmt das Wellenrauschen oder das Windessäusein oder ähnliches, Nebensache ist in der Musik; daß es da auf ganz anderes ankommt, auf innere Gestaltung, die in Wirklichkeit nicht irgendwie äußerlich auf dem physischen Plan beobachtet werden kann. So ist die Musik durch ihre innere Natur davor geschützt, zu stark heruntergezogen zu werden in die Neigungen der fünften nachatlantischen Zeit. Weniger Anlagen hat die Gegenwart schon für die Poesie. Da treten diejenigen Dinge auf, welche vom Künstlerischen in das Nichtkünstlerische führen, und in mancher Betätigung der Poesie treten diese Dinge ganz besonders auf. Wie viele Leute werden heute noch eine wirkliche Empfindung für das Künstlerische in der Poesie haben, so wie man ein Empfinden für das Künstlerische in der Musik haben muß? Die meisten Menschen fragen, wenn ihnen irgend etwas entgegentritt: Stimmt das mit dem oder jenem Vorbilde in der Wirklichkeit draußen? Ja, wir haben eine ganze Kunst des Naturalismus, die alles Poetische nur mehr nach der Übereinstimmung mit der äußeren, physischen Wirklichkeit beurteilt, während es bei der Poesie Nebensache ist, ob irgend etwas mit der äußeren, physischen Wirklichkeit übereinstimmt. Es hat für eine Dichtung genau ebensowenig Wert, ob eine Persönlichkeit darin im äußeren, physischen Sinne wahrheitsgetreu gezeichnet ist, oder ob eine musikalische Leistung Windesbrausen oder Meereswellenspiel nachnahmt. So daß man sagen kann, das gegenwärtige Geschlecht ist für die Poesie schon weniger veranlagt als für die Musik. In Wahrheit kommt es nicht darauf an, ob ich in vier Strophen irgend etwas, was mit der oder jener Wirklichkeit stimmt, schildere, sondern darauf, wie die zweite Strophe aus der ersten, wie die dritte aus den zwei ersten entsteht und so weiter; bei einem Sonett kommt es nicht darauf an, dies oder jenes auszudrücken, sondern, wie verschlingen sich: vier, vier, drei, drei Zeilen; die vier Zeilen, wie verschlingen sich diese? Was leben darin für innere Impulse - ähnlich den Melodien oder dem Harmonischen, aber eben übertragen auf das Gebiet des Vorstellungslebens, auf das Gebiet des Lautes? — Dafür ist sogar recht wenig Empfinden vorhanden.  Eine Frau, eine sehr geistreiche Frau überreichte mir einmal eine Novelle - es ist lange her, etwa dreißig Jahre - und sagte, ich möchte diese Novelle lesen und ihr mein Urteil sagen. Diese Novelle war so geartet — man hatte es mit einer sehr geistreichen Frau zu tun —, daß etwas erzählt war, wie man eben ein äußeres Ereignis erzählt, so daß ich mich genötigt fand zu sagen: Die ganze Sache erfordert, daß Sie vor allen Dingen eine Gliederung vornehmen, daß Sie gewissermaßen drei novellistische Strophen herausarbeiten, eine erste novellistische Strophe - ich meine jetzt im bildlichen Sinne -, eine zweite, eine dritte, und daß da ein inneres Gefüge, eine innere Struktur künstlerischer Art hineinrage. - Sie hätten nur sehen sollen, wie mich die betreffende Dame angeschaut hat - so etwas zu verlangen! Was - sagte sie -, drei Strophen soll ich machen? - so ironisierte sie meinen Ratschlag. Dann die nächste Kunst, für die das gegenwärtige Geschlecht noch weniger Veranlagung hat, das ist die Malerei. Von der Malerei, wie sie sich herauslebt aus Form und Farbe, wie sie das Künstlerische sehen muß und nicht darauf zu sehen hat: Wie ist dasjenige, was da abgebildet ist, dem oder jenem äußerlich physisch ähnlich? Es kann auch in der physischen Ähnlichkeit das Künstlerische liegen, zum Beispiel beim Porträtieren oder bei ähnlichem, aber dann kommt es auf ganz anderes an als auf das Abbildliche. Da kommt es darauf an, daß gerade durch die Art und Weise der Behandlung dieses Künstlerische herauskommt. Und davon ist in der Menschheit gegenwärtig furchtbar wenig vorhanden. Was die Menschen in der Malerei heute zuerst beurteilen, das ist durchaus damit zu vergleichen, wenn man in der Musik die Ähnlichkeit einer Melodieform oder dergleichen mit irgend etwas ÄußerlichNatürlichem beurteilen will. Allerdings, der Herabstieg von der Musik zur Poesie wird auch noch in anderer Weise bemerkt, ist in der Gegenwart auch noch in anderer Weise bemerklich. Für ein musikalisches Genie mag sich jemand halten, aber lernen muß er doch etwas, doch die poetischen Genies betrachten es heute schon als etwas ganz Schreckliches, wenn sie etwas für das feinere Technische gelernt haben sollen. Und fast ist eine ähnliche Neigung schon mit Bezug auf das Malerische oder dergleichen vorhanden. Noch weiter geht man aber allerdings herab in bezug auf das Ver ständnis der Gegenwart, wenn man sich zur Skulptur wendet. Da kommt schon fast gar nichts anderes mehr in Betracht, wenn die Menschen urteilen, als dasjenige, was etwa herauskäme, wenn eine Tonfolge gehört würde und man suchte die ganze Nacht über, welcher Naturerscheinung sie ähnlich wäre. Die meisten Urteile, die über die Plastik, die über die Skulptur gefällt werden, sind eigentlich von dieser Art, und gerade an der Skulptur kann man erst sehen, daß wiederum ein Verständnis für die Skulptur eintreten wird, wenn Geisteswissenschaft in der menschlichen Persönlichkeit lebendig gesucht werden kann. Erinnern Sie sich an manches, was ich hier vorgebracht habe - und gerade absichtlich hier vorbringen mußte - über die Art und Weise des Sich-Einfühlens in den Raum oben und unten, rechts und links, vorne und rückwärts -, erinnern Sie sich an alle diese Auseinandersetzungen. Erinnern Sie sich an jene Auseinandersetzungen, die ich über die linke und rechte Seite des Menschen gemacht habe und gedenken Sie, wie sehr das ausgebildet werden kann, dieses Erleben des Ätherleibes des Menschen, der die physischen Formen erst gestaltet, ein Erleben, das der Grieche instinktiv hatte, das dem fünften nachatlantischen Zeitraum verlorengegangen ist, das wieder erstehen muß. Man kann schon sagen: Die Zeit muß kommen, wo die Skulptur so erfaßt werden wird, daß all das weggelassen wird, was heute die Leute zu ihrem Urteil drängt, und daß all das aufgenommen wird, wozu gegenwärtig die Menschen sich nur in bezug auf die Musik bequemen. Von der Architektur gar nicht zu sprechen! Denn wenn in der Gegenwart die Menschen nicht gezwungen wären, ihre Stühle irgendwo im Zimmer hinzustellen mit dem Tisch, und da eine Hülle drum zu machen, und wenn sie nicht gezwungen wären, irgendwie hineinzugehen in die Zimmer und hinauszuschauen ins Freie, dann würden sie heute überhaupt keine Formen finden, die irgendwie eine architektonische Ausgestaltung bedeuten. Denn was tun schon Architekten? Sie studieren Renaissanceformen, klassische Formen, das heißt, sie ahmen nach, weil man doch nicht überall bloße Würfelformen oder polyedrische oder ähnliche Schachteln hinstellen kann, Kästen hinstellen kann. Daß die Architektur wieder Formen wird gebären können, das wird ganz davon abhängen, daß die Menschen neuerlich lernen zu emp finden, wie sich das Weltschöpferische in die Formen hineinergießt. Denn das mußte verlorengehen in der Zeit des Individualismus. Und so ist es schon notwendig, es wieder zu beleben; notwendig, daß zu dem, was wiederum Leben in die Vorstellungen der menschlichen Seele bringen soll, auch die Auffassung des Künstlerischen hinzutritt, daß das Künstlerische wesentlich mitwirkt. Deshalb ist es gut, daß eine Anzahl unserer lieben Freunde nicht bloß theoretische Vorträge über die Kunst innerhalb unserer geisteswissenschaftlichen Bestrebungen gehört haben, sondern auch tatkräftig mitgewirkt haben an dem Schaffen von gewissen Formen und sonstigem Künstlerischem, wenn auch das, was da entstehen kann, erst ein Anfang für etwas Zukünftiges ist. Ich möchte sagen, die letzte Zufluchtsstätte, welche sich die Weltanschauungsleute der Gegenwart gewählt haben, das ist das, was sie nennen: die von der äußeren Erfahrung belehrte Vernunft. Mit dieser von der äußeren Erfahrung belehrten Vernunft haben die Menschen nun die gegenwärtige Weltanschauung des Materialismus gezimmert, und immer mehr und mehr sollen die rein mechanischen und biologischen, physikalischen, chemischen Begriffe auch für die Weltanschauung maßgebend werden, und man hat keine Neigung, einzugehen auf den Lebendigkeitswert der Begriffe, auf die Art und Weise, wie sie* die Seele beleben können. Ich habe es ausdrücklich betont, daß die großen Fortschritte der naturwissenschaftlichen Forschung von unserer Geisteswissenschaft anerkannt werden müssen, daß wir uns nicht dadurch bloßstellen und blamieren sollen, daß wir immerfort gegen die naturwissenschaftlichen Fortschritte wettern. Man wettert auch nur so lange dagegen, solange man sie nicht kennt. Wenn man sie kennenlernt, bekommt man schon einen imponierenden Eindruck. Und das sollten wir uns wirklich gesagt sein lassen, daß wir nicht sollten schimpfen auf die Naturwissenschaft, weil wir zur Geisteswissenschaft gehören, wenn wir von keiner einzigen Naturwissenschaft einen irgendwie gearteten Begriff haben. Aber wir wollen noch einmal den Blick auf dasjenige wenden, was an Weltanschauungswerten in der gegenwärtigen Wissenschaft ist, oder vielmehr auf die Art und Weise, wie die gegenwärtigen wissenschaftlichen Begriffe gerade die bedeutenden Weltanschauungswerte werden können. Wir leben heute in einer schweren, in einer bedrücken den Zeit. Wir sehen, wie unendlich bedrückend der Tod über weite Flächen schreitet. Wir sehen, wie Leid und Schmerzen sich ausbreiten, ein Bild, das jede Seele heute vor sich hinstellen sollte. Gerade in unserer heutigen Zeit ist es so bedrückend, wenn die Seelen die Blicke ablenken von den großen Weltereignissen und sich so sehr mit ihren eigenen, persönlichen Angelegenheiten befassen. Von diesem Gesichtspunkte aus, meine lieben Freunde, hat es mir zum Beispiel im verlaufenen Jahre so unendlichen Schmerz bereitet, daß so viel Persönliches gerade in unseren Reihen zutage getreten ist in einer Zeit, wo die großen Menschheitsinteressen so intensiv an unsere Seele herantreten könnten. Aber ich will von dem und jenem gar nicht sprechen, ich will nur einmal darauf aufmerksam machen. Wie stehen einem solchen übermächtigen Zeitereignisse die Menschen der Gegenwart gegenüber? Da kann es die einen geben, die sagen: Tritt uns denn nicht die Vergänglichkeit des Physischen gerade in dieser Zeit, wo wir Tausende und Tausende Tode über die Erde hingehen sehen, so sehr vor Augen, daß die Menschen in sich beleben müssen alles dasjenige, was in ihnen an Vorstellungen von den ewigen Kräften der Menschenseele erstehen kann? Sind denn nicht gerade diese Ereignisse geeignet, die menschlichen Gedanken hinzuleiten zu den ewigen Kräften der Menschenseele? Und so könnte man sich denken, daß vielleicht jemand, der schon sehr geneigt war, sich ganz Ahriman, das heißt, dem Materialismus zu ergeben, gerade durch die Gewalt der gegenwärtigen Eindrücke von der Nichtigkeit des Vergänglichen, von dem Hinwelken des Vergänglichen gemahnt würde, die Blicke zum Ewigen hinzuwenden. Denkbar wäre das. Sehen wir aber manches, was in der Wirklichkeit zutage tritt, nehmen wir einen der ausgezeichnetsten naturwissenschaftlichen Weltanschauungsmenschen der Gegenwart, nehmen wir Ernst Haeckel. Welches ist der ungefähre Inhalt der «Ewigkeitsgedanken» Ernst Haeckels? Er sagt: Man sieht in der Gegenwart, wie unzählige Menschen durch den Tod gehen, wie ein unerklärliches Schicksal in das physische Erdenleben des Menschen hereinbricht - ich drücke es jetzt mit unseren Worten aus. Sieht man daraus nicht, wie wertlos jeder Gedanke an die Ewigkeit der Menschenseele ist, wenn man sieht, daß die Menschen so hingemäht werden können? Ist das nicht ein Be weis dafür, daß die naturwissenschaftliche Weltanschauung recht hat, wenn sie sagt: Nichts von einem Sinn ragt über das bloße PhysischLeibliche hinaus? Ist das, was wir jetzt erleben, nicht ein Beweis dafür, daß die unrecht haben, die von einer Ewigkeit der Menschenseele reden? Man kann nicht sagen, daß derjenige, der von den jetzigen Begriffen aus durch die gegenwärtigen Zeitereignisse auf Ewigkeitskräfte in der Menschenseele aufmerksam gemacht würde, logischer wäre als jener, der sagt: Wir sehen doch die Menschen hinsterben durch das, was ich nur Zufall nennen kann! Wie soll man glauben, daß wirklich Sinn in der menschlichen Entwickelung ist oder Ewigkeitswerte da sind! - Man kann nicht sagen, daß der eine logischer oder unlogischer ist von der Gegenwart aus. Sie können nicht die einen Gedanken logisch, die andern unlogisch finden, wenn Sie gerade mit der Logik ernsthaft zu Rate gehen. Denn wer so streitet, erinnert an dasjenige, was in den gegenwärtigen wissenschaftlichen Errungenschaften liegt. Man kann diese wirklich unendlich bewundern. Man kann sagen: Wozu hat es diese chemische, wozu hat es die mechanische Wissenschaft gebracht! Sie hat es vielleicht dazu gebracht, ganz Wunderbares zu leisten, wenn es sich darum handelt, dies oder jenes zum menschlichen Fortschritt herbeizuführen, aber sie hat ihre wunderbaren Errungenschaften ebenso dazu benutzt, um sehr geistvoll greuliche Mordinstrumente zu schaffen. Das eine ist dieser Wissenschaft ganz genau ebenso möglich wie das andere. Diese Wissenschaft kann ganz neutral sein. Sie kann das wunderbarste Instrument herstellen zur Erforschung der Geheimnisse der Natur, und durch dieselben Errungenschaften die greulichsten Mordinstrumente! Und so ist diese Wissenschaft überhaupt. Sie kann beweisen aus den erschütternden Ereignissen heraus, daß die Menschenseelen nicht aufgehen könnten in der Vergänglichkeit, und: daß gerade diese Ereignisse beweisen - das kann sie ebenso gut nachweisen! -, daß diese Seele der Menschen etwas Vergängliches ist. Diese Wissenschaftsbegriffe sind ganz neutral. Es muß etwas Positives kommen, es muß die Botschaft, die Kundschaft, die Offenbarung von den geistigen Welten kommen, und diese geistigen Welten müssen durch ihre innere Kraft wirken! Sie wissen, dasjenige, was durch diese Offenbarungen kommt, wird nicht im Wider spruch, sondern im vollen Einklänge gerade mit den naturwissenschaftlichen Errungenschaften stehen, aber es kann nicht aus ihnen heraus kommen. Deshalb behaupten diejenigen etwas ganz Unsinniges, die glauben, daß sich jemals die naturwissenschaftlichen Begriffe zu einer befriedigenden Weltanschauung heranentwickeln werden. Zu den naturwissenschaftlichen Begriffen hinzu muß die geistige Forschung kommen, und darin liegt der Weg, wie man aus den großen Gefahren der Gegenwart herauskommen kann. Der Blick muß darauf hingelenkt werden, daß die abschüssige Bahn diejenige ist, die gerade mit dem allergrößten Fortschritte verbunden ist, und daß die aufwärtssteigende Bahn diejenige ist, die aus der Offenbarung des geistigen Lebens kommen muß. Allein und einzig in diesem Tatbestand der Weltereignisse müssen wir schon radikal sein. Das ist es, worauf es ankommt. Nur Geisteswissenschaft wird in der Lage sein, wiederum etwas über tieferliegende Geheimnisse zu sprechen. Wahrhaftig, meine lieben Freunde, das ist nicht leicht, daß die Anschauung von dem Karma in die Seelen einzieht. Das wird erst geschehen, wenn eine größere Anzahl von Menschen in der Lage ist, die Eingeengtheit von solchen Begriffen, wie «erbliche Belastung», die Ungültigkeit und Unfruchtbarkeit solcher Begriffe einzusehen und hinzuschauen auf dasjenige, was in den Seelen lebt. Dann, wenn die Menschen kommen und ein Kind sehen werden, von dem der physische Arzt sagt: Das lebt sich so und so aus, aber da ist nichts zu helfen, denn der Vater war so, die Mutter war so, der Großvater war so, die Großmutter so und so weiter, da muß man resignieren -, wenn das der physische Arzt sagt, dann müssen die Menschen ein Empfinden dafür haben, daß auch das wahr sein kann, daß darin eine Seele ist, die zu ganz anderem sich vorbereitet hat, als was der physische Arzt glaubt nach der Vererbung, zu ganz etwas anderem zwischen ihrem letzten Tod und der neuen Geburt, und daß vor allen Dingen das nicht brach liegen darf, sondern überhaupt diese Kräfte entwickelt werden müssen. Stimmen in der Welt müssen die geistigen Erkenntnisse werden, und als gewissenlos wird man es empfinden können, wenn man den Blick nicht hinwendet auf dasjenige, was geistig-seelisch ist. Einsehen wird man müssen, daß diese geistigen Eigenschaften, wenn man während der Erzie hung den Blick nicht darauf hinwendet, eben latent bleiben. Denn in einem gewissen Lebensalter ist die Körperlichkeit schon zum Ausdruck gebracht, da kann der Geist nicht mehr durch, und dann bleibt es für die betreffende Inkarnation brach liegen, was man hätte bemerken müssen. Hier gewinnt Geisteswissenschaft praktische Bedeutung. Das möchte man, daß diese praktische Bedeutung eingesehen werde. Das sind die Dinge, die ich im Zusammenhang mit dem Gestrigen noch vor Ihre Seele heute bringen wollte.  DIE GEISTIGE VEREINIGUNG DER MENSCHHEIT DURCH DEN CHRISTUS-IMPULS Bern, 9. Januar 1916 Im Grunde genommen zielt doch alle Geisteswissenschaft zuletzt darauf hin, den Menschen in seiner Wesenheit, in seinen Aufgaben und Bestrebungen, seinen notwendigen Bestrebungen im Laufe der Entwikkelung kennenzulernen. Die Mißverständnisse, von denen wir oftmals sprechen müssen, die von außen der Geisteswissenschaft entgegengebracht werden, rühren zum größten Teil davon her, daß sich die gegenwärtige Menschheit noch wenig an gewisse Grundwahrheiten gewöhnen kann, welche einfach anerkannt sein müssen, durchschaut sein müssen, wenn man ein irgendwie geartetes Verständnis des Lebens und des Wesens des Menschen gewinnen will. Wovon geht eigentlich - lassen Sie uns heute diese Frage zunächst berühren -, wovon geht eigentlich diejenige Wissenschaftlichkeit aus, deren große, bedeutsame Triumphe in den letzten vier Jahrhunderten voll anerkannt, gerade von der Geisteswissenschaft voll anerkannt werden sollten? - Sie geht aus von demjenigen, was sie im Umkreis des physischen Daseins wahrnimmt, was sich im Umkreise des physischen Daseins zeigt. Nun ist es wirklich eine Selbstverständlichkeit, daß man zunächst Vertrauen hat zu demjenigen, was man als die sogenannte Wirklichkeit in seiner Umgebung wahrnimmt, und daß man versucht, diese Wirklichkeit aus allem zu erklären, was selbst in dieser Wirklichkeit da ist. Es ist natürlich schwierig, sich von vornherein klarzumachen, daß diese Wirklichkeit selber Schein in sich enthalten könnte, daß diese Wirklichkeit selber täuschen könnte. Über diese Klippe muß derjenige zunächst hinwegkommen, der Geisteswissenschaft wirklich verstehen will. Er muß einsehen lernen, daß die Wirklichkeit, so wie sie uns umgibt, täuschen kann, daß sie geradezu verführen kann, in einer falschen Weise ausgelegt zu werden. Und vieles, was wir im Laufe der Jahre auf dem Gebiet der Geisteswissenschaft kennengelernt haben, hat uns die Überzeugung beibringen können, daß diese uns unmittelbar umgebende Wirklichkeit täuschen könne. Wir wollen heute von einem  ganz bestimmten Punkt ausgehen, von einem Punkt, der allerdings erst innerhalb der Geisteswissenschaft gewonnen werden kann. In der Geisteswissenschaft ist es so, daß man die Dinge erst verstehen muß, und dann, wenn man sie verstanden hat, kann man das Verstandene an der Wirklichkeit bewahrheitet finden. Gerade wichtigste Dinge muß man in der Geisteswissenschaft zuerst verstehen, bevor man sie anschauen kann. Es könnte leicht auseinandergesetzt werden, daß dies eine Methode ist, die auch in der äußeren Welt, und namentlich in der äußeren wissenschaftlichen Welt, vielfach Anwendung findet. Allein das wollen wir uns heute ersparen. Man kann nicht immer alle Dinge von Grund auf entwickeln. Eine solche Tatsache, die im eminentesten Sinne geeignet ist, über die äußere Wirklichkeit durch das Aussehen, durch die Physiognomie dieser Wirklichkeit selber zu täuschen, das ist die über den Unterschied, über die Verschiedenheiten der Menschen auf Erden. Wenn wir einen Blick wenden auf die Menschen, wie sie die Erde bewohnen, so sagen wir uns: Es gibt im Grunde genommen nicht zwei gleiche Menschen auf dem physischen Felde. Die Menschen sind alle auf dem physischen Felde voneinander verschieden. — Und dann ist es ganz natürlich, daß man diese Verschiedenheit der Menschen auf Erden als eine Tatsache annimmt - ich meine jetzt die Verschiedenheit des physischen Leibes - und daß man nun davon ausgeht, zu erfahren irgendwie aus den Tatsachen des Erdenlebens, warum die Menschen verschieden sind, warum sie verschieden aussehen. Nun zeigt die geisteswissenschaftliche Betrachtung aber etwas ganz anderes. Sie zeigt uns, daß, wenn wir nur Rücksicht nehmen auf die Betrachtung desjenigen, was aus dem physischen Leib der Erde an Formen werden kann durch die Erdenkräfte, die Menschen gar nicht verschieden sein könnten auf der Erde, sondern sie würden alle gleich sein, alle gleiche Formen haben! Die Kräfte, die auf der Erde vorhanden sind, um dem Menschen die physische Gestalt zu geben, sind tatsächlich so geartet, daß alle Menschen, wenn nur die formenden Kräfte unserer Erde auf sie wirken würden, die gleiche äußere physische Gestalt haben müßten. Dies wird dadurch bewirkt, daß dieser physische Menschenleib genügend vorbereitet ist. Wir wissen, daß er vorbereitet worden ist  durch die Saturn-, durch die Sonnen-, durch die Mondenzeit. Da ist alles so vorbereitet durch Kräfte, die eben gewirkt haben während dieser drei Epochen, daß von den Kräften der Erde selber auf den menschlichen Leib gar nichts anderes wirken kann, als was ihn in einheitlichen Formen über die ganze Erde hin gestalten würde, wenn eben bloß diese Erde in Betracht kommen würde. Ich möchte sagen: Der Mensch ist durch dasjenige, was an Kräften seinem physischen Leibe während der Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit einverleibt worden ist, so gepanzert gegen alle Verschiedenheiten der Erdenkräfte, daß er über die ganze Erde hin, wenn er nur den Erdenkräften überlassen wäre, gleich sein müßte. Geisteswissenschaft muß also ausgehen davon, daß eine gleiche Form durch die Erdenkräfte dem Menschen vorbestimmt worden ist. Wenn wir nun selbst die Verschiedenheit des Männlichen und Weiblichen ins Auge fassen, so gilt auch in bezug auf diese Verschiedenheit des Männlichen und Weiblichen das, was eben gesagt worden ist. Denn auch diese Verschiedenheit ist nicht hervorgerufen durch dasjenige, was von Erdenkräften an dem Menschen geformt ist, sondern durch ganz andere Kräfte, von denen wir gleich sprechen werden, so daß wir eine gewisse Summe von Erdenkräften annehmen können, die formend auf den Menschen wirken und die über die ganze Erde hin nur absolut gleiche Menschengestalten hervorzubringen suchen. Nun können wir uns selbstverständlich fragen: Woher rührt es denn nun, daß die Menschen dennoch so verschieden sind? Wir wissen ja, daß wir es nicht nur zu tun haben mit dem physischen Erdenleib des Menschen, sondern daß hinter dem physischen Erdenleib des Menschen ätherischer Leib steht. Nun zeigt uns die geisteswissenschaftliche Betrachtung, daß, wenn auch in bezug auf den physischen Erdenleib eigentlich alle Menschen gleich sein müßten, sie in bezug auf den Ätherleib verschieden sein müssen, und zwar aus dem Grunde, weil auf den Ätherleib eben nicht bloß Erdenkräfte wirken. Es ist ein völliger Irrtum, wenn man glaubt, daß auf den Ätherleib des Menschen nur Erdenkräfte wirken. Auf den Ätherleib des Menschen wirken aus dem Kosmos, aus dem Universum herein Kräfte, die formen ihn, die gestalten ihn. So daß wir also unterscheiden müssen die gleichförmigen, über die Erde hin wirkenden Erdenkräfte, die alle Menschenformen  gleich machen würden, und die aus dem Universum auf die Erde hereinwirkenden Kräfte, die die Ätherleiber der Menschen verschieden machen. Man kann durch die geisteswissenschaftliche Beobachtung die Verschiedenheit der menschlichen Ätherleiber verfolgen. Da gibt es menschliche Ätherleiber, welche, ich möchte sagen, an einer äußersten Grenze stehen, die starke Kräfte haben, Ätherleiber, bei denen man beobachten kann, daß sie außerordentlich zäh sind, so daß, wenn man sie beobachtet, sie ihre Form fast so beibehalten, wie eine physische Form bleibt. Das ist eine Art der Ätherleiber. Eine zweite Art der Ätherleiber ist die, wo der Ätherleib so beweglich ist, ich möchte sagen, wie ein vollständig Bewegtes, mehr Flatterndes beweglich ist, im Gegensatz zu der festen Form flutend und beweglich ist. Die Ätherleiber dieser beiden Formen zeigen sich namentlich so, daß man sie bezeichnen kann als innerlich ziemlich gleich schattiert. Eine weitere Art von Ätherleibern ist diejenige, die innerlich schattiert sind, innerlich schillernd schattiert sind, die also nicht gleichförmig in ihrer Farbe sind, sondern innerlich schattiert, innerlich tingiert sind. Eine vierte Art von Ätherleibern sind diejenigen, welche zwar durch ihre ganze Substanz hindurch eine Grundfarbe, wenn wir so sagen wollen, zeigen, die sie aber in den aufeinanderfolgenden Zeiten ändern, ohne daß man angeben kann, daß sie von etwas anderem als von innen her geändert wird. Diese sind also nicht schillernd tingiert, nicht mit verschiedenen Farben schattiert, sondern sie sind so, daß sie gleichmäßig sind, aber im Laufe der Zeit immer andere Färbungen zeigen, chamäleonartige Ätherleiber. Dann gibt es solche Ätherleiber, die sehr stark die Neigung haben, sich innerlich aufzuhellen, zu klären, die in gewissen Momenten heller und heller werden. Andere Ätherleiber haben eine sehr starke Fähigkeit, die Sphärenharmonie wiederzugeben. Und dann sind solche Ätherleiber zu beobachten, welche insbesondere auftreten bei erfinderischen, genialischen Menschen, solche Ätherleiber, welche schon Kräfte in sich zeigen, die erdenfremd und erdenseltsam sind. Während die sechs vorherigen Arten des Ätherleibes immerhin zeigen, daß sie so geartet sind, daß man sie bei Menschen, auch wenn sie Durchschnittsmenschen sind, findet, gibt die letztere Art von Ätherleibern diejenige Art von Menschen, welche starke Fähigkeiten haben,  die, von denen man sagt, daß sie nicht «erdgeboren» sind - Dichter, Künstler und dergleichen. Es ist nicht aus einer beliebigen Annahme der Zahl Sieben, daß man solche sieben Formen des Ätherleibes bei den Menschen unterscheidet. Man muß eben abzählen. Man findet keine andern als diejenigen, die ich jetzt als typisch dargestellt habe, und deshalb sind es sieben, aus keinem andern Grunde, sieben Arten des Ätherleibes. Es sind wirklich sieben verschiedene Arten der Ätherleiber der Menschen. In den Ätherleibern haben wir Kräfte, die gewissermaßen nicht irdisch sind, die aus dem Kosmos hereinkommen. Nun wirkt der Ätherleib aber gestaltend auf den physischen Leib, und so kommt es, daß, während in bezug auf den physischen Leib durch die Erdenkräfte die Menschen alle gleich sein würden, schon durch den Ätherleib sie verschieden geformt werden, während die Verschiedenheit zum Beispiel in männliche und weibliche Leiber sogar erst durch den Astralleib bewirkt wird, durch die Kräfte, die der Astralleib erst entwickelt, namentlich im Durchgang zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, wo der Mensch sich vorbereitet zu dem Geschlecht, das er nach dem Karma in der nächsten Inkarnation haben muß. Bleiben wir zunächst bei der Betrachtung des Ätherleibes. Also wir können sagen: Während der physische Leib eigentlich, wenn wir bloß auf die Erdenkräfte Bezug nehmen, veranlagt ist zur Gleichheit über die ganze Erde hin, würden die Menschen in sieben Gruppen zerfallen über die Erde hin dadurch, daß ihre Ätherleiber vom Kosmos aus, von außerhalb der Erde in verschiedener Weise veranlagt sind, in verschiedener Weise durchgestaltet sind, durchsubstanziert sind. Das ist der Tatbestand, das ist dasjenige, wozu man nach und nach kommt, wenn man versucht, das gegenseitige Verhältnis des Ätherleibes des Menschen zu seinem physischen Leib geisteswissenschaftlich zu untersuchen. Nun hängt diese Verschiedenheit, die da auftritt, mit den Anlagen, mit den Verschiedenheiten der Rassen über die Erde hin zusammen. Im Grunde genommen können die Rassen immer wegen dieser Verschiedenheit der Ätherleiber auf die Siebenzahl zurückgeführt werden. Wenn auch manche typischen Formen verkümmern und man vielleicht in der äußeren Wissenschaft weniger als sieben Grundrassen unterscheidet, es sind doch  eigentlich in Wirklichkeit sieben Grundrassenverschiedenheiten im ganzen Menschengeschlecht vorhanden. Aber die sind eigentlich durch die Ätherleiber bewirkt und haben ihren Ursprung nicht in den Erdenkräften während unserer Entwickelung, sondern sie haben ihren Ursprung in kosmischen Kräften. "Wenn wir nun die Entwickelung der Erde selber rückwärts verfolgen bis in die atlantische, bis in die lemurische Zeit hinein, dann zeigt sich uns, daß ursprünglich Anlagen, Impulse vorhanden waren, durch welche die Physiognomie, die der physische Leib des Menschen durch die Gewalt des Ätherleibes bekommen hat-also die Verschiedenheit, die da ausgeprägt worden ist -, sich eigentlich nicht so auf der Erde hätte vollziehen sollen nach den ursprünglichen Anlagen, wie sie sich vollzogen hat. Es hätte nicht so kommen sollen, sondern wenn alles in einer gewissen Weise - wir werden gleich nachher sehen, in welcher Weise gegangen wäre, so würde der siebenfarbige Ätherleib in der Ausgestaltung des Menschen Verschiedenheiten bewirkt haben, aber nacheinander, so nacheinander, daß eine gewisse Form von Menschen dagewesen wäre, durch den Ätherleib bewirkt, in der fünften atlantischen Periode, eine zweite in der sechsten atlantischen Periode, eine dritte in der siebenten atlantischen Periode, eine vierte in der ersten nachatlantischen Periode, eine fünfte in der zweiten nachatlantischen Periode, eine sechste in der dritten nachatlantischen Periode, eine siebente in der griechisch-lateinischen Zeit, der vierten nachatlantischen Periode. Also so wäre es gekommen: nacheinander hätten sich verschiedene Menschentypen gezeigt, nacheinander. Gewissermaßen hätten sich die Menschen so entwickelt, daß man in der fünften atlantischen Periode Menschen gehabt hätte, bei deren physischer Leibesgestaltung eine Form des Ätherleibes besonders stark gewirkt hätte, in der sechsten atlantischen Periode die zweite der charakterisierten Formen und so weiter bis herein in die vierte nachatlantische Periode. Das war eigentlich veranlagt. Dagegen haben sich Luzifer und Ahriman gesträubt, das sollte nicht so kommen. Das war die im regelmäßigen Gang der Menschheitsentwickelung fortgehende Entwickelungstendenz. Dagegen haben sich Luzifer und Ahriman gesträubt. Sie haben die ganze Sache so eingeleitet, daß die Entwickelungen sich verschoben haben, so daß,während eigent lieh die Entwicklung so veranlagt war, daß im wesentlichen eine Form von Menschen hätte erscheinen sollen in der fünften atlantischen Periode, und diese dann sich hätte nach und nach umwandeln sollen in eine andere Form von Menschen, erhielten Luzifer und Ahriman die Form der fünften atlantischen Periode in die sechste hinein, und wiederum von der sechsten atlantischen Periode in die siebente hinein, und wiederum herüber über die atlantische Überflutung. So daß eigentlich dasjenige, was hätte vergehen sollen in der Form, geblieben ist, und statt daß die Rassenunterschiede sich nacheinander entwickelt hätten, wie es hätte geschehen sollen, sind die alten Rassenformen geblieben, stationär geblieben, und die neueren haben sich gleichsam hineingeschoben, so daß sich ein Nebeneinander entwickelt hat, statt eines Nacheinander, das eigentlich bestimmt war. Und so entstand das, daß nun überhaupt solche physisch verschiedenen Rassen die Erde bevölkerten und bis in unsere Zeit herein bevölkern, während also diese Entwickelung hätte so ablaufen sollen, wie ich es geschildert habe. Wir sehen eben überall, schon wenn wir dasjenige, was von der Entwickelung des Ätherleibes herkommt, betrachten, wir sehen überall, daß Luzifer und Ahriman ihre Rolle in der irdischen Menschheitsentwickelung spielen. Nun müssen wir uns einmal fragen: Wie war denn das eigentlich im Weltzusammenhang gemeint, daß die Menschen nacheinander bis in die griechisch-lateinische Zeit hinein sich so herausentwickeln sollten? Wir wissen ja wiederum, daß ungefähr um die Zeit, die ich bezeichnet habe als die atlantische Zeit, die Seelen nach und nach - also von der fünften atlantischen Periode angefangen - heruntergekommen waren von den Planeten, auf die sie hinaufgestiegen waren. Erinnern Sie sich aus meiner «Geheimwissenschaft im Umriß», wie dort dargestellt ist, daß die Seelen hinaufgestiegen und wiederum heruntergekommen sind, daß von dem Zeitpunkte an, da sie hinuntergestiegen sind, so richtig auf der Erde beginnt das Inkarnationsleben! Wir sehen also, daß die Iche der Menschen, die eigentlichen Individualitäten dann durchgegangen wären in den aufeinanderfolgenden Zeiten durch diese verschiedenen Gestaltungen. Unsere Iche wären in der fünften atlantischen Periode durch eine Menschenform gegangen, in der sechsten durch eine Men schenform gegangen, in der siebenten durch eine andere, in der ersten nachatlantischen Periode wieder durch eine andere und so weiter. Man würde diese aufeinanderfolgenden Menschentypen, Menschengestaltungen nach und nach absolviert haben. Und so war es eigentlich veranlagt, daß die Menschen auf diese Weise dasjenige absolviert hätten, was notwendig war zur Schulung der menschlichen Individualität, was notwendig war an Durchgang durch verschiedene Äthergestaltungen, die dann auf die physische Gestaltung unterscheidend gewirkt hätten, daß das alles durchgemacht worden wäre. In der Tat hätte auftreten können ein Menschentypus auf der Erde - das war ursprünglich veranlagt -r, welcher das Ergebnis sieben hintereinander folgender Entwickelungsperioden gewesen wäre, die je etwas zugelegt hätten zur Vollkommenheit. Und die fünfte nachatlantische Periode wäre schon so gewesen, daß ein harmonischer Menschentypus über die ganze Erde hin bestimmt war. Das haben Luzifer und Ahriman vereitelt. Nichts anderes war möglich, als daß die Griechen träumten von einem idealen, außermenschlichen Formtypus, den sie auf die verschiedene Weise - auf die Apolloweise, auf die Zeusweise, auf die Atheneweise und so weiter - zu formen trachteten. Sie haben ihn nicht vollständig umfaßt, weil er nicht in der Wirklichkeit da war. Aber man kann, wenn man ein Empfinden für die griechische Plastik hat, fühlen, wie das Griechentum träumt von dem, was an einheitlichem, vollkommenem, schönem Menschentypus hätte entstehen sollen. Daß das nicht so gekommen ist, das haben Luzifer und Ahriman dadurch verhindert, daß sie die einmal entstandenen Rassenformen immer bewahrt haben, so daß aus dem Nacheinander ein Nebeneinander entstanden ist. So stand die Menschenentwickelung in der vierten nachatlantischen Periode, der griechisch-lateinischen Zeit, vor der Tatsache, daß durch den luziferisch-ahrimanischen Einfluß nicht hat erreicht werden können, wozu die die Erde impulsierenden Götter diese Erde in bezug auf die äußeren Formen eigentlich bestimmt haben. Die Geister aus der Hierarchie der Form haben bewirken wollen, daß aus dem Zusammenwirken der verschiedenen Hierarchien der Form dieser vollkommene Menschentypus an physischer Ausgestaltung hätte wirklich entstehen  können. So konnten die Griechen nur von ihm träumen, konnten ihn nur in der Kunst ausleben. Es hat etwas tief Ergreifendes, wenn man im Verlauf der geisteswissenschaftlichen Forschung darauf kommt, sich zu sagen: Warum haben denn diese Griechen eigentlich in der Plastik ein so Vollkommenes geschaffen? - Weil sie, ich möchte sagen, wie durch ein geistig-seelisches Werkzeug aufgefangen haben die Enttäuschungen, welche Luzifer und Ahriman den guten göttlich-geistigen Wesenheiten bereitet haben, die mit der Menschheit etwas anderes gewollt haben, als es dann hat entstehen können. Was durch die guten göttlich-geistigen Wesenheiten hätte entstehen sollen, das lag den Griechen auf der Seele, und das wollten sie wenigstens formen, nachdem es in dem Äußeren, Wirklichen nicht hat entstehen können. Groß und gewaltig und erschütternd wirkt die Anschauung dieser inneren Kräfte der Menschheitsentwickelung, die da in so etwas auftreten wie in künstlerischen Formen, die festhalten will dasjenige, was in der äußeren Wirklichkeit nicht hat erreicht werden können. Da blickt man noch mit einem ganz andern Sinn hin auf diese griechische Kunst, die gerade in jenem griechischen Zeitalter eine so eigenartige, sich nimmermehr wiederholenkönnende Ausgestaltung erfahren hat. Aber damit war auch die Zeit gekommen, wo durch den luzif erischahrimanischen Einfluß gewissermaßen die Menschheit an eine Krisis gekommen ist. Luzifer und Ahriman haben einmal bewirkt, daß die Rassen, statt hintereinander lebend, nebeneinander lebend lebendig wurden. Aber zu gleicher Zeit waren auch herabgelähmt alle diejenigen Kräfte, die ursprünglich die formenden Geister, die Geister der Form in die Menschheitsentwickelung der Erde hineingegossen haben. Nichts mehr konnten sie machen, als die griechische Phantasie so zu befruchten, daß sie das ist, was ich auseinandergesetzt habe. Es standen gewissermaßen die Geister der Form vor der Notwendigkeit, sich zu sagen: Soll jetzt das Menschengeschlecht sich so weiterentwickeln, daß nimmermehr die Menschen sich zusammenfinden in der Erdenentwickelung? — Denn so hätte es kommen müssen. Wäre die Erdenentwickelung nun von der vierten Periode, der griechisch-lateinischen Zeit an einfach weitergegangen, so wäre sie auseinandergefallen in eine Siebenheit, be wirkt durch luziferische und ahrimanische Kräfte, in sieben Menschengruppen auf der Erde, die auseinandergefallen wären, so verschieden, wie die einzelnen Tiergruppen auseinanderfallen. Wie sich die einzelnen Tiergruppen gegenseitig nicht verstehen, sondern sich untereinander als andere Wesen ansehen, so hätte sich gegen das Ende der vierten Kulturperiode, der griechisch-lateinischen Zeit, und vom fünften Zeitalter an, in dem wir leben, immer mehr und mehr die Anschauung entwickeln müssen - man würde jetzt noch drinnenstehen, es wäre noch nicht bis zur äußersten Vollkommenheit gekommen, was hier die äußerste Unvollkommenheit eigentlich bedeutet, aber es hätte auf der Erde dazu kommen müssen nach und nach -, daß sich auf der Erde sieben Menschengruppen allmählich gebildet hätten, die sich gegenseitig als ganz andere Wesen angeschaut hätten. Der Name «Mensch» für alle Menschen auf der Erde hätte sich gar nicht als der rechte erwiesen, sondern man hätte Bezeichnungen gehabt, sieben Bezeichnungen für sieben verschiedene Wesensgruppen auf der Erde, nicht eine einheitliche Bezeichnung für den Menschen über die Erde hin. Es handelte sich darum, daß gerade in dieser vierten nachatlantischen Periode, dieser griechisch-lateinischen Zeit, gewissermaßen eine Vorkehrung getroffen wurde im Weltenall, damit das so, wie es drohte, sich dennoch im weiteren Verlauf der Erdenentwickelung nicht vollziehen könne, damit nicht kommen könne einstmals der Moment wenn die Erde am Zielpunkt ihrer Entwickelung angekommen ist —, wo sieben Gruppen von Wesen die Erde bewohnen, die verschieden benannt werden, wie verschiedene Tiergattungen verschieden benannt werden, die sich nicht als gleich betrachten, und auf die höchstens übergegangen wäre irgendeine Nachbildung griechischer Formen, wie die der Zeusgestalt, der Apollogestalt, die als etwas Fremdes angesehen worden wären, als etwas, was es niemals auf der Erde hätte geben können. Gegen diese Entwickelung mußte eine Vorkehrung getroffen werden. Aber die physische Entwickelung war schon zu weit vorgeschritten, an der konnte man nichts mehr ändern. So mußte mit Bezug auf den Ätherleib des Menschen eine Vorkehrung getroffen werden. In den Ätherleib des Menschen mußte ein Impuls hineinkommen, welcher entgegenwirkt dieser Zersplitterung der Erdenmenschheit in eine Siebenheit. Und die ser Impuls, der bestimmt war im Weltenplan, dieser Zersplitterung der Erdenmenschheit entgegenzuwirken, dieser Impuls, der bestimmt war, möglich zu machen, daß der Menschenname über die ganze Erde hin eine reale Bedeutung behalte und wohl auch noch immer mehr und mehr annehmen wird, dieser Impuls ist - und da kommen wir auf einen neuen Gesichtspunkt dieser Tatsache - das Mysterium von Golgatha. Der erste Versuch gewissermaßen, der mit der Erdenmenschheit gemacht worden war, bevor der luziferisch-ahrimanische Impuls in die Erdenentwickelung eingegriffen hat, der war der, durch die Gestaltung des physischen Leibes Einheit zu schaffen über die ganze Erde hin in der Menschheit. Dieser Versuch der Geister der Form ist mißlungen. Er ist mißlungen durch den luziferisch-ahrimanischen Einfluß. Aber er durfte nicht in seiner Totalität mißlingen, es mußte etwas vorgekehrt werden, wodurch dasjenige, was Ahriman und Luzifer bewirkt haben, wiederum paralysiert werden kann, ausgeglichen werden kann. Auf den physischen Leib konnte man nicht mehr so wirken, wie es ursprünglich beabsichtigt war. Aber auf den Ätherleib sollte so gewirkt werden. Und das geschah dadurch, daß jenes geistig-göttliche Wesen, von dem wir so oftmals gesprochen haben, das Christus-Wesen, sich mit der menschheitlichen Gestalt in derjenigen Zeit der menschheitlichen Entwickelung vereinte, m der noch am meisten die Möglichkeit vorhanden war, den Urtypus der Menschheit festzuhalten. Welche Zeit ist das in der menschlichen Entwickelung? - Alle die Kräfte, welche der ursprünglichen gleichen Anlage des physischen Leibes entgegenwirken, wirken im Menschen eigentlich so, daß sie in den ersten sieben Jahren wirken können, wo vorzugsweise der physische Leib in einer weichen Entwickelung ist. Da lassen sie ihn nicht gleich werden, da variieren sie ihn von innen heraus. Sie können es auch noch in den zweiten sieben Jahren, bis zur Geschlechtsreife heran. Sie können es auch noch in den dritten und vierten sieben Jahren während der Entwickelung des astralischen Leibes und der Empfindungsseele. Aber wenn es in die Mitte der Verstandes- oder Gemütsseele kommt, gerade desjenigen Gliedes in der menschlichen Entwickelung, das sich vorzugsweise in der vierten nachatlantischen, der griechisch-lateinischen Zeit entwickelt hat, da können die außerirdischen Kräfte am wenigsten an  den Menschen heran, und in der Mitte am allerwenigsten, also in dem Zeitraum des Menschlichen, der zwischen dem achtundzwanzigsten und fünfunddreißigsten Lebensjahre liegt, und da wiederum in der Mitte. Wenn wir zwei Jahre vorher noch dazuzählen und zwei Jahre nachher weglassen, so ist das die Zeit vom dreißigsten bis dreiunddreißigsten Jahre. Nachher kommt die Zeit, wo wiederum außerirdische Kräfte auf den Menschen den größten Einfluß haben; in der Tat, da ist der Mensch so, daß außerirdische Kräfte auf ihn den allergrößten Einfluß haben. Jetzt aber - vom dreißigsten bis dreiunddreißigsten Jahre -, da ist noch am meisten von dem vorhanden, daß nur Erdenkräfte noch auf den Menschen wirken. Und in dieser Zeit, in diesen drei Jahren - auch wenn das bleiben würde an Entwickelungsverschiedenheit, was in den jüngeren Jahren wirkte, und das dazukommen würde, was durch die späteren Jahre auftritt -, wenn jetzt nur das wirken würde, was auf den Menschen in dieser Zeit vom dreißigsten bis dreiunddreißigsten Jahre wirkt, so würden die Menschen schon viel gleicher sein auf der Erde. Diese drei Jahre hat nun der Christus ganz besonders benützen müssen — es sind drei ganz besonders ausgesonderte Jahre -, um nur mit den Erdenkräften in dem Menschen eine Gemeinschaft einzugehen, in denen sich das Irdische am Menschen noch am meisten bewahrt hat. Dazu wurde vorbereitet durch die beiden Jesus-Leiber, wie wir das auseinandergesetzt haben, bis zum dreißigsten Jahre hin der Christus-Leib, und dann, vom dreißigsten bis dreiunddreißigsten Jahre nahm der Christus Besitz von diesem Leib. Da, wo noch am meisten die Erdenkräfte wirken und wo Deformation eintreten konnte, da war die Entwickelung nicht mehr da, da trat eben der physische Tod ein. So ist wirklich in die Erdensphäre hereingekommen diese Christus-Sonnenwesenheit und hat sich dann auf die Art, wie ich ja öfters geschildert habe, mit dem ganzen Ätherleib der Erde vereinigt, ging über in die Erdenaura und wirkt nun in der Erdenaura weiter. Für den Menschen muß sie aber so wirken, daß der Mensch wirklich immer mehr begreift, daß ihm in dem Christus jener Gottesgeist auf die Erde geschickt worden ist, wodurch dasjenige, was durch den Widerpart Luzifer-Ahriman gegen die ursprünglichen Impulse in der Menschheit vereinzelt war, verschieden gemacht war, von innen heraus wiederum aufgehoben werde.  In der äußeren Natur des Menschen wirken die guten geistigen Wesenheiten mit Luzifer und Ahriman zusammen. Dasjenige aber, was dem Menschen ursprünglich beim physischen Erdenanfang vorgesetzt war, von außen zu haben: Gleichheit über die ganze Erde hin, Möglichkeit des Menschennamens über die ganze Erde hin, das sollte durch den Christus-Geist nun von dem innersten Wesen des Menschen aus diesem Menschen gebracht werden. Das war eines aus der viel-, vielsinnigen Bedeutung des Mysteriums von Golgatha, daß mit dem Christus-Geiste der Erde etwas gegeben wurde, was, wenn es im richtigen Sinne verstanden wird, den Menschennamen wiederum möglich macht über die ganze Erdenmenschheit hin. Wenn dasjenige, was wirklich Inhalt des Christentums ist, was zum Teil schon geoffenbart ist durch das Christentum, was diejenigen erkunden werden, die mit Hinblick auf den Christus suchen werden in der geistigen Welt dasjenige, was der Christus fortwährend offenbart nach seinem Wort: «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erdenzeiten», wenn dasjenige nach und nach weiter herauskommt, was im Namen des Christus der Menschheit von innen heraus mitgeteilt werden kann, dann wird immer mehr dasjenige, was durch Luzifer und Ahriman in der Erdenmenschheit bewirkt worden ist, ausgeglichen werden können. Man kann allerdings fragen: Hat es denn nun einen Sinn, daß dieser Umweg gemacht worden ist? - und diese, ich möchte sagen, kindliche Frage wird sehr häufig von den Menschen aufgeworfen, die gescheiter sein wollen als die Weltenweisheit - und das wollen ja viele Menschen sein. Gerade diejenigen Menschen, die gescheiter sein wollen als die Weltenweisheit, sagen: Wenn man an mächtige göttliche Wesen glauben soll, hätten denn diese am Anfange der Erdenentwickelung den luziferisch-ahrimanischen Einfluß nicht ausschalten können, damit ihnen ihr Werk nicht verdorben wäre? - Gewiß, Menschenweisheit ist das, aber im Sinne des Paulus «Torheit vor der göttlichen Weisheit». Menschenweisheit ist das schon. Wir müssen nun in unseren Anschauungen die Dinge so betrachten, wie wir sie eben betrachten. Da erscheint uns selbstverständlich dasjenige, was durch Widerpart entsteht, was von der andern Seite her durch die Gegnerschaft von Luzifer und Ahriman entsteht, nicht wie  etwas absolut Böses, nur wie ein relativ Böses. Nehmen wir nämlich auch die andere Seite der Sache in Betracht. Denken wir uns, der ursprüngliche göttliche Weltenplan mit der Erde wäre erfüllt worden; es wäre wirklich in regelmäßiger Weise, wie ich es angedeutet habe, der griechisch-lateinische Zeitraum herangekommen, und jener schöne, harmonische Menschentypus, von dem die Griechen geträumt haben, wäre nicht nur von den griechischen Bildhauern geformt worden, sondern wäre unter den Menschen umhergegangen und hätte immer mehr und mehr Platz gegriffen über die ganze Erde hin. Es wären nach und nach alle andern Menschenformen verschwunden, und nur dasjenige, was in der Veranlagung des Apollo-, des Zeustypus, des Dianatypus, des Athenetypus lebte, wäre über die Erde gewandelt und hätte, weil es sich erkannt hätte in der äußeren Anschauung, sich den Menschennamen gegeben. Es wäre der Menschenname möglich geworden, es wäre auch die Empfindung möglich geworden von der Gleichheit aller Menschen. Man möchte sagen, ein Menschentum in griechischer Schönheit hätte sich allmählich über die Erde ausgebreitet, und in unserer Zeit würde man schon sehen, wie die Menschheit hintendierte zu immer gleicherem Annähern an diesen griechischen schönen Menschentypus, der in seiner Fülle erreicht worden wäre, wenn die Erde an ihrem Ziel in der siebenten nachatlantischen Periode angekommen und zu anderer Daseinsstufe weitergeschritten wäre. Aber die Menschen würden in Unfreiheit - das müssen wir festhalten - zu dieser menschlichen Gemeinsamkeit gekommen sein. Der Mensch würde gezwungen worden sein, sich über die ganze Erde hin als ein gleiches Wesen anzusehen. All das, was unter die Menschen gekommen ist, sich als ungleich anzusehen, so daß der eine den andern nicht wie sich selber ansieht, der eine den andern nicht liebt wie sich selber, all das ist dadurch möglich geworden, daß eben nicht eine solche gleiche Gestalt gekommen ist. Sie können vielleicht fühlen, wenn wirklich das gekommen wäre, daß im Äußeren sich die Menschen so gleich geworden wären, wie sie hätten durch die ursprünglich göttlich-geistigen Kräfte werden sollen ohne den luziferischahrimanischen Einschlag, dann hätte sich damit auch die Empfindung ausgebildet, daß man den Nächsten lieben muß wie sich selber; man hätte gar nicht anders gekonnt. Es wäre jedes andere ein Unsinn ge wesen, ein Unsinn des Gefühls, ein Unsinn des Empfindens. Dasjenige aber, was nicht von außen kommen durfte, weil es den Menschen wie zu einem automatisch Liebenden gemacht hätte, zu einem solchen, der zwar in dem andern Menschen seinesgleichen geliebt hätte, aber nicht gewußt hätte, welche Kraft ihn zu diesem Lieben antreibt, dasjenige, was also in Unfreiheit gekommen wäre, das wurde gerade zur Freiheit dadurch vorbereitet, daß zugelassen wurde die Gegnerschaft. Dieses Zulassen der Gegnerschaft liegt also im ursprünglichen Weisheitsplane. Man kann sogar sagen: Wenn man weiter zurückgeht in der Erdenentwickelung, so wird erst die Gegnerschaft gegen die gleichmäßig fortschreitenden göttlich-geistigen Kräfte geschaffen, damit dann diese Gegnerschaft da sein könne und die Freiheit bewirken könne. Da sind wir an einem Punkt, wo man einsehen muß, daß die Begriffe etwas anders werden müssen, sobald man aus der physischen Betrachtung hinaufkommt in eine höhere Betrachtung. Es wird vielleicht manchem von Ihnen bekannt sein, daß man in der Philosophie von Antinomien spricht, daß Kant sogar nachgewiesen hat: Man kann mit demselben Recht beweisen «die Welt ist räumlich unendlich», und «die Welt ist räumlich begrenzt»; «die Welt hat einen Anfang genommen», und «die Welt hat nie einen Anfang genommen»; das eine wie das andere kann man in gleicherweise streng notwendig beweisen. Warum? Weil die Logik aufhört, wenn man an dasjenige kommt, was man nicht mehr physisch erfassen kann. Man muß endlich einsehen lernen, daß nicht nur für dasjenige, worauf die Philosophen gekommen sind, diese menschliche physische Logik aufhört, sondern daß sie überhaupt aufhört, wenn man in andere als physische Daseinsformen einen Blick hineinwirft. Man darf sich nicht hinstellen und die Gegnerschaft von Luzifer und Ahriman so betrachten, wie man die Gegnerschaft eines guten und eines bösen Menschen auf Erden betrachtet. Die Fehler entstehen eben dadurch, daß man immerzu das Irdische auf das Außerirdische überträgt. Die meisten Menschen stellen sich unter Luzifer und Ahriman böse Wesenheiten vor, nur recht gesteigert, recht, recht gesteigert ins Unendliche hinaus. Aber so ist die Sache nicht, sondern man muß zugleich wissen, daß gewisse irdische Empfindungsnuancen, die wir mit den Begriffen verbinden, ihren Sinn verlieren, wenn man über  das Irdische hinauskommt. So daß man nicht sagen kann: Da haben wir auf der einen Seite die guten Götter, auf der andern Seite die bösen Götter Luzifer und Ahriman -, und folgert dann, da müßte eigentlich im Weltenall Gericht gehalten werden; da müßte sich nun ein besonders hochgraduierter Weitenjurist auf den Weltengerichtsstuhl setzen und ein für allemal Luzifer und Ahriman einsperren; sie sollten eigentlich eingesperrt sein, damit die guten Götter nur hereinwirken können. Gewiß, das kann im Erdenleben einen Sinn haben, daß man jemand einsperrt. Im Weltenall würde das keinen Sinn haben, denn da verlieren auch solche Begriffe ihre Bedeutung. Diese Gegnerschaften haben sich die guten Götter einst selber geschaffen, allerdings in einer vorigen Zeit, damit auf diese Weise sie ihre volle Kraft einsetzen können für diejenige Entwickelungsrichtung, die ich angedeutet habe. Damit da die Freiheit hineinkommen kann, damit der Mensch nicht durch äußere Anordnung der Formen zu einer unfreien Liebe kommen kann, haben sie das luziferische und ahrimanische Element aufgenommen, damit der Mensch von innen heraus zu einer Einheitlichkeit des Menschennamens über die ganze Erde hin kommen kann, von innen heraus. Sie haben erst die Menschen, ich möchte sagen, zersplittern lassen durch die Gegnerschaft, damit sie ihnen dann, nachdem die Leiblichkeit zersplittert war, in der Geistigkeit, in dem Christus, wiederum die Einheit geben konnten. Und das ist auch mit der Sinn des Mysteriums von Golgatha, die Eroberung der Einheit der Menschen von innen heraus. Verschieden werden die Menschen immer mehr und mehr in bezug auf das Äußere, und das wird gerade bewirken, daß nicht Einförmigkeit, sondern Mannigfaltigkeit ist über die Erde hin. Das wird bewirken, daß die Menschen um so mehr Kraft anwenden müssen von innen heraus, um zur Einheit zu kommen. Rückschläge gegen diese Einheit des Menschen über die ganze Erde hin wird es immer geben. Wir sehen solche Rückschläge auftauchen. Dasjenige, was eigentlich für eine frühere Zeitepoche bestimmt war, erhält sich in eine spätere Zeitepoche hinein. Dasjenige, was bestimmt war, Verschiedenheit zu bewirken für einen bestimmten Zeitraum, stellt sich nebeneinander. Die Menschen bilden verschiedene Gruppen, und während sie sich ihre Einheit über die Erde  erobern durch den Christus-Namen, durch den Christus-Impuls, bleibt die Verschiedenheit als Nachschläge vorhanden und wird immer vorhanden bleiben, indem die Menschen nur nach und nach sich ihre Einheit werden erobern können, und immer daneben die einzelnen Menschengruppen sich bis aufs Blut bekämpfen werden in bezug auf alles äußere Leben. Nachschläge sind da aus früheren Zeiten, die im Grunde genommen gegen den Christus-Impuls, nicht mit dem Christus-Impuls laufen. Allerdings, eine tiefe, tiefe Bedeutung dieses Christus-Impulses geht uns da auf. Aus wirklicher Erkenntnis heraus können wir sagen: Der Christus ist der Erretter der Menschheit von der Zersplitterung in Gruppen. Daß das noch nicht vollständig eingesehen werden kann von der ganzen Menschheit, das rührt eben davon her, daß das Alte nebeneinander sich erhalten hat. Wenn wir heute sehen, wie wenig noch einer der Nerven, die Gemeinsamkeit des Lebens im Christus-Impuls, von der Menschheit verstanden wird, dann hängt dies damit zusammen, daß dieses Begreifen von dem innersten Wesen des Menschen heraus ausgehen muß. Man muß sich darüber klarwerden, wie eigentlich in den nahezu zwei Jahrtausenden, in denen der Christus-Impuls innerhalb der Erdenaura wirkt, dieser Christus-Impuls unverstanden gewirkt hat. Denn vollständig verstanden werden kann er, wie wir oftmals hervorgehoben haben, erst durch dasjenige, was uns die Geisteswissenschaft erobert. Erst wenn eine Anzahl von Menschen immer mehr und mehr begreifen, denken, fühlen werden, was eigentlich in die Erdenentwickelung der Menschheit in dieser vierten nachatlantischen Periode hereingezogen ist, dann wird immer mehr dafür Verständnis kommen. Man kann es von der heutigen Menschheit noch nicht voll fordern. Denn denken Sie, wie wenig Menschen heute geneigt sind, anzuerkennen, daß diese vierte nachatlantische Periode, die griechisch-lateinische Zeit, eine solche prinzipielle, eine solche große Bedeutung hat in der ganzen Menschheitsentwickelung! Denken Sie, wie wenig Menschen heute geneigt sind, überhaupt eine solche nachatlantische Zeit anzuerkennen und das Griechisch-Lateinische in die Mitte hineinzustellen! Dazu ist eben notwendig, daß man aufgenommen hat diese Vorstellungen der Geisteswissenschaft. Man kommt sonst gar nicht darauf, das heißt, man  kann nicht verstehen, wie es sich mit der Entwickelung der Menschheit verhält, wenn man diese Begriffe nicht aufgenommen hat. Dann ist es notwendig, daß man die ganze Bedeutung der Geister der Form aufnimmt, wie diese Geister der Form haben ausbilden wollen ein einheitliches Menschengeschlecht, das sie aber gleichsam versuchen wollten in sieben aufeinanderfolgenden Stufen auszubilden, und wie dieses einheitliche Menschengeschlecht zersplittert worden ist durch Luzifer-Ahriman, und wie durch den Christus-Impuls von innen heraus belebt worden ist diejenige Kraft, die trotz aller äußeren Verschiedenheit den einheitlichen Menschennamen sinnvoll über die ganze Erde hin ausbreiten will bis zum Ende der Erdenzeit. Zu verstehen, wie der Christus mitten darinsteht zwischen Luzifer und Ahriman, was er bedeutet gegenüber Luzifer und Ahriman, das ist eine der Hauptaufgaben der nächsten Zukunft. Daher wird immer wieder und wiederum in der menschlichen Betrachtung das auftreten müssen, daß man Luzifer und Ahriman nennt und den Christus-Impuls als das sie Bekämpfende, als das, was die Erde rettet von dem einseitigen luziferisch-ahrimanischen Impuls. Das wird in dieser Form immer mehr dargestellt werden müssen. Deshalb ist es, daß in unserem Dornacher Bau an der hervorragendsten Stelle der Menschentypus hingestellt wird, wie er veranlagt war und durch den Christus von innen heraus wieder geschaffen werden soll, und das Luziferisch-Ahrimanische um ihn herum. Das wird die Bedeutung gerade dieser Mittelpunktsstatue unseres Dornacher Baues bilden. Man wird, wenn man diese Mittelfigur sich ansehen wird, sich sagen können: Ja, das haben die guten Götter gewollt. Es ist zunächst zersplittert worden, Luzifer und Ahriman erscheinen, aber sieghaft erscheint der Christus-Impuls, der das, was von außen ursprünglich veranlagt war, von innen heraus, vom Inneren des Menschen heraus wiederum herstellt, dadurch in dessen Freiheit herstellt. Dasjenige, was geleistet werden soll an Verständnis der Menschenentwickelung, das ist es, was gerade durch unseren Bau und dasjenige, was darin sein wird, vor die Menschheit gestellt werden soll. Was in der nächsten Zukunft für die Menschheit am allernotwendigsten ist, das ist bezweckt mit diesem Bau, daß abgeschaut, abgelauscht wird der  Menschheitsentwickelung das, was für die nächste Zukunft am allernotwendigsten ist, und daß das gerade hingestellt wird. Gewiß, es gibt viele Einwände, die da gemacht werden können. Solche Einwände sind uns- auch schon gemacht worden. Wenn man die Bildwerke, die Skulpturwerke in unserem Bau betrachtet hat, so haben manche Leute gesagt: Ein richtiges Kunstwerk ist doch nur dasjenige, welches jeder gleich versteht, der es anschaut, wozu man nicht erst eine Erklärung braucht; wenn die Menschen da hineingehen, müssen ihnen die Dinge erst theoretisch erklärt werden. - So sagen einem die Leute gewöhnlich. Wenn die Menschen nur ein klein wenig denken würden! Stellen Sie sich einmal einen Menschen vor, der ganz und gar ein Türke ist und nichts anderes versteht als dasjenige, was im Koran ist, der niemals etwas gehört hat von Christus als dasjenige, daß er das Christentum zu bekämpfen hat, stellen Sie sich so einen richtigen Türken vor; ich will gar nicht einmal sagen einen Chinesen, sondern einen Türken und führen Sie ihn vor die Sixtinische Madonna und präsentieren Sie sie einfach, ohne daß man ihm eine Erklärung gibt, stellen Sie sich das vor! Selbstverständlich kann nur der ein Kunstwerk verstehen, der in der ganzen geistigen Strömung lebt, aus der heraus das Kunstwerk entstanden ist. So werden unsere Idealgestalt mit Ahriman und Luzifer nur diejenigen verstehen können, die in dieser Strömung darin sind. Das aber haben die Kunstwerke in aller Zeit gemein, daß sie nur verständlich sind für diejenigen, die innerhalb dieser Geistesströmung darin sind. Sie können nur innerhalb dieser Geistesströmung echte Kunstwerke sein, aber die geistige Richtung, die muß in ihnen liegen. Gerade so, wie der, der die Sixtinische Madonna versteht oder, sagen wir, die Verklärung des Christus von Raf f ael, wie der irgend etwas aus dieser Geistesströmung wissen muß, aus der das Bild erwachsen ist, so muß selbstverständlich derjenige, der irgend etwas in unserem Bau angeschaut hat, dasjenige in seiner Seele, in seinem Herzen haben, was zu unserer Geistesströmung gehört. Dann aber, wenn man das in der Seele hat, muß das Kunstwerk selber sprechen, dann braucht niemand irgend etwas darauf zu schreiben als Erklärung, einen Namen oder so etwas. Wenn also ein Mensch eines unserer Glasfenster anschaut und er sieht unten eine Art Sarg mit einem Toten darin und weiter hinauf sieht  er an einem Windeweg, an etwas, das er als einen gewundenen Weg erkennt, zum Beispiel einen alten Mann, einen Jüngling, eine Jungfrau und ein Kind stehen. Wenn er unsere Geistesströmung aufgenommen hat, dann wird er sehen, daß das die Rückschau ist. Wenn man unmittelbar die Pforte des Todes durchschritten hat, sieht man das Erdenleben rückschauend. Man muß dies natürlich wissen. Dann aber wirkt das Bild durch das, was es enthält, geradeso wie die Sixtinische Madonna für denjenigen, der die christliche Geschichte kennt, durch das, was das Bild enthält, wirkt, aber nicht wirkt auf den Türken. Ebenso kann natürlich auch dasjenige, was in unserem Bau erscheint, nicht auf denjenigen wirken, der diese Geistesströmung nicht in sich aufgenommen hat. Man muß diese Dinge nur wirklich in der richtigen Weise ansehen. Das wollte ich vorzugsweise klarmachen, daß der Christus im Laufe der Erdenentwickelung derjenige Geist aus dem Weltenall war, der auf geistige Weise dasjenige gebracht hat, was zwar auf äußere Formweise veranlagt werden mußte, was aber auf diese äußere Formweise nicht hat zu Ende kommen können, weil sonst der Mensch ein Automat der Liebe und der Menschengleichheit geworden wäre. Auf dem physischen Plan ist es einmal ein Grundgesetz, daß alles durch Gegensätzlichkeiten, alles durch Polaritäten wirken muß. Nicht hat einfach, wie eben eine kindliche Menschenweisheit sagen könnte, das göttliche Wirken heruntersenden können gleich im Anfange der Erdenentwickelung den Christus, denn dann wäre dieser Gegensatz des äußeren Zerstreuens und des inneren Sammeins nimmermehr entstanden. Unter diesem Gegensatz, unter dieser Polarität muß aber die Menschheit leben. Dann bringt man dem Christus die richtigen Empfindungen entgegen, so daß er immer mehr werden kann dasjenige Wesen, das unser eigenes Ich im Innersten ausfüllt, wenn man ihn ansieht als den Erretter der Erdenmenschheit aus der Zerstreuung heraus. Überall, wo man wirklich diese Vereinigung der ganzen Menschheit durch den Christus über die Erde hin aufzufassen in der Lage ist, da ist Christentum. Es wird in der Zukunft wenig davon abhängen, ob dasjenige, was der Christus ist, auch noch der Christus geheißen wird, aber davon wird viel abhängen, daß man in dem Christus den Vereinheitlicher der ganzen Menschheit auf einem geistigen Wege sucht und daß man sich abfindet mit dem Ge danken, daß äußere Mannigfaltigkeit immer größer und größer werden wird in der Welt. Aber man wird sich auch damit abfinden müssen, daß noch viele Rückschläge gegen diese geistige Erfassung des Christus-Impulses kommen. Dasjenige, was statt nacheinander nebeneinander aufgetreten ist, wird noch lange, lange auf der Erde Kräfte entfachen, die gegen eine geistige Erfassung der Menschheitsgleichheit über die ganze Erde hin ankämpfen. Das wird noch viele, viele furchtbare Stürme geben, und zum großen Teil haben diese Stürme den Sinn, den luziferisch-ahrimanischen Kampf fortzusetzen gegen den Christus-Impuls. Und es wird eine der größten, eine der schönsten, der bedeutendsten Errungenschaften sein, wenn wir schon in unserer Zeit wenigstens ein kleines Häuflein von Menschen sein können, die Verständnis für diesen Vereinheitlichungsgedanken der ganzen Menschheit haben, Verständnis dafür, wie luziferisch-ahrimanische Zurückgebliebenheiten auf der Erde Spezielles erstreben in einzelnen Menschengruppen mit Ausschluß anderer Menschengruppen. Es ist wirklich schwierig, heute schon ein letztes "Wort über diese Dinge zu sagen. Ein letztes Wort über diese Dinge gesprochen, würde heute, so wie die Menschenherzen einmal sind, eher aufreizend, eher bestürzend wirken, eher Widerstand, vielleicht sogar Haß und Schmähung herausfordern, als daß es im Sinne des Christus-Impulses wirkte. Aber so viel eben gesagt werden kann über dieses Prinzip im Christus-Impuls, das die Errettung der Menschheit aus der leiblichen Zersplitterung in die geistige Vereinheitlichung hinein ist, das muß ausgesprochen werden, denn das muß wirksam und immer wirksamer werden innerhalb der Menschheitsentwickelung. Ruhig und mutig muß man entgegengehen können der Vermannigfaltigung der Menschennatur, weil man weiß, man kann in alle die menschlichen Verschiedenheiten hinein ein Wort tragen, das nicht nur ein Wort des Sprechens, sondern das ein Wort der Kraft ist. Mögen Gruppen, die sich gegenseitig bekämpfen, innerhalb des Erdendaseins auftreten, mögen wir der einen oder der andern dieser Gruppen angehören, wissen können wir, daß wir in jede der Gruppen etwas hineintragen können, was sprechen darf: «Nicht ich, sondern der Christus in mir», und das, was der «Christus in mir» ist, das bewirkt keine Gruppierungen, das bewirkt,  daß die Glorie des Menschennamens über die ganze Erde hin sich wirklich ausbreiten kann. Das ist eine der praktischen Seiten, eine der moralisch-ethischen Seiten unserer geisteswissenschaftlichen Bestrebungen, daß lebendig werden kann durch das Verständnis unserer Geisteswissenschaft dies, daß in welche der sich bekämpfenden Menschengruppen wir auch unser Ich hineintragen - wir in die sich bekämpfenden Menschengruppen die Kraft hineintragen, die da kommt von dem Wort «Nicht ich, sondern der Christus in mir». Damit tragen wir etwas hinein, was der ganzen Menschheit, nicht einer einzelnen Gruppe angehört, und das ist dasjenige, was erst zum wahren geistigen Verständnis des Christentums führen kann. Große geistige Weltenwege, sie drücken sich immer darinnen aus, daß sie zuletzt auf einfache Worte gebracht werden. Versuchen wir nun einmal, in welch einfachen Worten im Grunde genommen die ganze Summe des fast zwei Jahrtausende in die Welt gedrungenen Christentums ausgesprochen werden kann. Nur werden diese einfachen Worte erst auf Grundlage von breiten Entwickelungen erreicht. Sie waren nicht gleich da, diese einfachen Worte, in die das Christentum gefaßt werden kann, sie mußten erst errungen werden. Nun, dessen dürfen wir uns ganz klar sein: Wir gehören zu denen, die erst daran arbeiten, daß einmal ganz, ganz einfache Worte werden gefunden werden müssen, die zusammenfassen, in einer ungemein primitiven Weise werden zusammenfassen die Wahrheiten, die wir heute ausbreiten und entwickeln müssen. Aber ohne diese Entwickelung würde das Einfache niemals kommen können. Dessen können wir sicher sein: Wenn wir auch heute noch nicht in der Lage sind, aus irgendeiner Sprache heraus die einfachen Worte formen zu können, die unsere geisteswissenschaftlichen Bestrebungen, ich möchte sagen, auf einer Viertelseite zusammenfassen, so daß sie einleuchten können allem menschlichen Geistesstreben, wie das beim Christentum wirklich geschehen kann, beim Christentum, wie es vor zwei Jahrtausenden entstanden ist, so wird in diesen einfachen Formulierungen doch etwas stecken von dem, was ich gerade heute versuchte, Ihnen anzudeuten, etwas, was den geistigen Blick hinwenden wird auf die Entwickelung der Menschheit, auf die Bedeutung der  griechisch-lateinischen Zeit, auf das Hereinfallen des Mysteriums von Golgatha in diese Zeit, auf den Gegensatz, auf die Polarität von Christus und Luzifer-Ahriman. Das, was in allem erkannt werden kann, wird sich zusammendrängen in wenige Worte, die dann so auf die zukünftige Menschheit gehen werden, wie etwa, wenn wir heute aussprechen «Du sollst Gott über alles lieben und deinen Nächsten wie dich selbst». Wie darin etwas liegt, was in langer Entwickelung erst errungen werden mußte, so wird man in einfachen Worten die Dinge später zusammenfassen. Dann werden sie den Menschen einleuchten. Aber unsere geistige Arbeit ist dazu notwendig, denn das Einfache in der geistigen Entwickelung der Menschheit entsteht erst dann, wenn Menschen sich entschlossen haben, durch längere Zeit hindurch die Einzelheiten kennenzulernen. Zu dem sind Sie aufgerufen, mitzutun an dieser Entwickelung, die dann dazu führt, daß etwas in einfacher, lichter Klarheit vor die Menschheit hintritt, was heute aus dem Grunde, weil wir noch nicht die Worte in den Sprachen dafür haben, noch nicht ausgesprochen werden kann, wohin aber unsere Geisteswissenschaft tendieren muß. Wenn Sie sich in einer solchen geistigen Strömung fühlen und gerne innerhalb dieser geistigen Strömung sind, weil Sie sie für eine Notwendigkeit innerhalb der Menschheitsentwickelung erkennen, dann sind Sie mit dem rechten Sinn in dieser geistigen Bewegung, sind so in dieser geistigen Bewegung, daß Sie das Größte, wohin diese geistige Bewegung tendiert, in der richtigen Weise anschauen aus immer besserem Verständnis der Gegensätzlichkeit des Christus und Luzifer-Ahrimans und der Notwendigkeit dieses Gegensatzes. Das ist es, was ich gerade heute vor Ihre Seelen hinstellen wollte. Es hängt das ja zusammen mit der Frage nach dem Sinn unserer ganzen Erdenentwickelung. So ist es doch, daß, wenn Geister von andern Planeten auf die Erde hinabschauen und fragen: Welches ist der Sinn dieser Erdenentwickelung? - sie diesen Sinn erkennen werden, wenn sie etwas erfahren von dem Mysterium von Golgatha. Denn alles, was im Laufe der Erdenentwickelung geschieht, erlangt erst seinen Sinn durch das Mysterium von Golgatha. Das strahlt hinaus in den Weltenraum und gibt allem andern, was von der Erde hinausstrahlt, seinen Sinn, seinen Mittelpunktssinn!  DIE BEGRIFFSWELT UND IHR VERHÄLTNIS ZUR WIRKLICHKEIT Erster Vortrag, Dornach, IS. Januar 1916 Morgen möchte ich mit einigen Strichen noch zurückkommen auf das Spirituelle in den ersten Zeiten des Christentums und sein Nachwirken. Es wird sich dann einiges ergeben, wodurch wir vertiefen können, was in den öffentlichen Vorträgen der letzten Tage vorgekommen ist. Heute möchte ich dazu eine Art philosophischer Einleitung geben, um Sie mit einigem Geschichtlichen bekanntzumachen, denn es ist gut, wenn wir innerhalb der geisteswissenschaftlichen Bewegung auch einiges von dem wissen, wie sonst in der Welt gestrebt wird, um den Rätseln der Welt nahezukommen, wie gedacht und empfunden wird gegenüber diesen Rätseln in der Welt. Wenn man die Handbücher der Philosophiegeschichte bis in unsere Tage herein vornimmt, findet man im Grunde genommen immer nur gewisse philosophische Strömungen abgehandelt, philosophische Strömungen, die den meisten Philosophen der Gegenwart naheliegen. Allein man würde ganz fehlgehen, wenn man in dem, was man gewöhnlich findet, alles sehen würde, was es an solchen mehr philosophieartigen Forschungswegen in der Gegenwart gibt. So zum Beispiel werden die meisten von Ihnen nicht wissen, daß im Laufe des 19. Jahrhunderts, besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und ganz besonders gegen das Ende des 19. Jahrhunderts, bis in unsere Tage herein ein reges philosophisches Leben innerhalb der katholischen Kirche herrschte, daß innerhalb der katholischen Kirche von der gelehrten Priesterschaft eine ganz eigenartige, von der andern Philosophie der Welt abweichende philosophische Richtung gepflegt wurde und wird von vielen, so daß man auf diesem Gebiet eine reiche Literatur hat, jedenfalls eine so reiche Literatur wie über andere Richtungen philosophischer Betätigung. Und diese Literatur bezeichnet man als die Literatur der Neuscholastik. Ein merkwürdiger Umstand hat dazu geführt, daß die Schule, die in der Mitte des Mittelalters blühte, die im Grunde genommen schon bei  Scotts Erigena anfing und dann über Thomas den Aquinaten, bis in die Zeiten des Duns Scotus lebte, im 19. Jahrhundert wieder auftauchte, und zwar aus einem ganz bestimmten, allerdings von der Gläubigkeit gefärbten Erkenntnisbedürfnis heraus. Besonders vom zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts an sehen wir in katholischen Kreisen diese Richtung der Neuscholastik auftauchen. In allen mittel- und westeuropäischen Sprachen werden Bücher über Bücher geschrieben, um wieder zu verstehen, was in der Scholastik gelebt hat. Und wenn man versucht, den inneren Grund, warum die Scholastik wieder auflebt, zu erforschen, so muß man sich eigentlich einen weiten Umblick eröffnen. Und darauf wollen wir heute ein wenig hinweisen. Ich habe in den in den letzten Tagen gehaltenen Vorträgen immer wieder betont, daß der eine Weg zur geisteswissenschaftlichen Erkenntnis in einer ganz besonderen Behandlung des Denkens, der Begriffe, der Logik besteht; daß der Mensch unter dem Einfluß der Übungen, die zu dieser Entwicklung des Denkens hinführen, dahin gelangt, nicht mehr in seinem physischen Leib zu denken, sondern in seinem Ätherleib zu denken. Dadurch denkt er nicht nur die tote Begriffslogik, sondern er lebt in der Denkbetätigung, das heißt, er lebt und webt in seinem Ätherleib, wie wir es technisch ausdrücken können. Es ist ein Sich-Hineinleben in den Ätherleib, wenn die Logik selber lebendig wird, wenn - wie ich es populär ausgedrückt habe - die Statue, durch welche man die im gewöhnlichen Leben wirkende Logik verbildlichen kann, lebendig wird, wenn der Mensch selber in seinem Ätherleib lebendig wird, das heißt, die Begriffe nicht mehr tote Begriffe sind, sondern jene lebendigen Begriffe anfangen, von denen ich seit Jahren gesagt habe, daß der Begriff Leben gewinnt, so als ob man mit seiner Seele in einem Lebendigen darin wäre. Von diesem Lebendigen als der Wahrheit der Begriffe und Ideen hat die Menschheit im Grunde genommen seit vielen Jahrhunderten in der äußeren Philosophie nichts mehr gewußt. Ich habe auf diese Tatsache hinzudeuten versucht in dem ersten zu der neuen Auflage hinzugeschriebenen Kapitel meiner «Rätsel der Philosophie». Schon in den letzten philosophischen Zeiten des Griechentums hat die Menschheit eigentlich philosophisch nichts mehr gewußt von der möglichen Lebendigkeit der Begriffe und Ideen. Halten wir das fest.  Zunächst hatte der Grieche - Sie können das nachlesen in meinen «Rätseln der Philosophie» - die Begriffe und Ideen so, wie heute der Mensch die Sinneswahrnehmungen hat, eine Farbe, einen Ton oder einen Geruch. Der große Plato, bis zu Aristoteles herauf, und erst recht die älteren Philosophen glaubten nicht, daß sie den Begriff, den Gedanken, innerlich gemacht hätten, sondern daß sie ihn von den Dingen hereinbekommen, wie man Rot oder Blau, also die sinnlichen Vorstellungen, hereinbekommt. Dann kam die Zeit - und ich habe geschildert, wie in Zyklen das fortläuft —, in der man innerlich nicht mehr fühlte, daß die Dinge einem den Begriff gegeben haben, sondern man fühlte nur, der Begriff entstehe in der Seele. Und jetzt wußte man nicht, was man mit dem Begriff, mit der inneren Vorstellung anfangen soll, von der der Grieche noch geglaubt hatte, er bekäme sie von den Dingen. Daher entstanden jene scholastischen Probleme, jene scholastischen Rätsel: Was bedeutet überhaupt der Begriff im Verhältnis zu den Dingen? - Der Grieche konnte nicht so fragen, denn er hatte das Bewußtsein, die Dinge geben ihm die Begriffe, also gehören die Begriffe zu den Dingen, wie die Farben zu den Dingen gehören. - Das hörte auf, als das Mittelalter heraufkam. Da mußte man fragen: Was für ein Verhältnis hat denn etwas, was in unserem Geiste entsteht, zu den Dingen? Und außerdem: die Dinge draußen sind viel und mannigfaltig und individuell, aber die Begriffe sind allgemein, eine Einheit. Wir gehen durch die Welt und begegnen vielen Pferden, wir bilden aus diesen vielen Pferden den einheitlichen Begriff Pferd. Jedes Pferd deckt sich mit dem Begriff Pferd. Heute sagen viele Leute, die mit dem Begriff noch weniger etwas anzufangen wissen als die mittelalterlichen Philosophen, die ihn als scharfes Problem empfanden: Nun, der Begriff ist eben nicht in den Dingen selber darin. Ich habe wiederholt einen Vergleich erwähnt, den mein Freund, der verstorbene Vincenz Knauer, ein guter Kenner der mittelalterlichen Philosophie, öfter für diejenigen Leute gebraucht hat, welche sagen: Da draußen ist nur das Materielle des Tieres, den Begriff macht sich die Seele. - Da sagte der alte Knauer immer: Die Leute behaupten: Das Lamm ist draußen, aber was wirklich ist, das ist nur die Materie. Der  Wolf ist draußen, aber was wirklich ist, das ist nur die Materie. Den Begriff Lamm macht sich die Seele, und den Begriff Wolf macht sich die Seele. - Und der alte Knauer meinte: Wenn da wirklich nur die Materie anwesend wäre, und man einen Wolf einsperrte, der nichts anderes als Lämmer fräße, so würde er schließlich, wenn er seine alte Materie abgelegt hätte, nur Lamm sein, denn er hätte nur Lammmaterie in sich. Aber man würde mit Staunen bemerken, daß er doch noch der Wolf geblieben wäre, daß also außer der Materie noch etwas anderes vorhanden sein müsse. Für die mittelalterliche Scholastik entstand an dieser Stelle ein bedeutendes Problem, ein bedeutsames Rätsel. Die Scholastiker sagten sich: Die Begriffe sind die Universalia, weil sie viele einzelne Dinge umfassen. Und sie konnten nicht sagen, wie der heutige Mensch so gerne sagt, diese Universalia seien nur etwas im Geiste des Menschen Entstandenes, das habe nichts zu tun mit den Dingen. Diese mittelalterlichen Philosophen unterschieden dreierlei Arten von Universalien. Zunächst, sagten sie, seien die Universalien ante rem, vor der Sache, vor dem, was man da draußen sieht, also das Universal «Pferd» gedacht, vor allen möglichen sinnlichen Pferden, als Gedanke in der Gottheit. So sagte die mittelalterliche Scholastik. Dann gibt es Universalia in re, in den Dingen, und zwar als Essenz in den Dingen, gerade das, worauf es ankommt. Das Universal «Wolf» ist das, worauf es ankommt, und das Universal «Lamm» ist das, worauf es ankommt. Sie sind dasjenige, was bewirkt, daß der Wolf nicht zum Lamm wird, auch wenn er lauter Lämmer frißt. Und dann gibt es eine dritte Form, in der die Universalien bestehen, das ist: post rem, nach den Dingen, so wie sie in unserem Geiste sind, wenn wir die Welt betrachtet und sie von den Dingen abgezogen haben. Auf diese Unterscheidung haben die mittelalterlichen Scholastiker großen Wert gelegt, und sie sind durch diese Unterscheidung geschützt worden vor jenem Skeptizismus, vor jener Zerlegerei, welche nicht zu dem Wesen der Dinge kommen kann, aus dem Grunde, weil sie die Begriffe und Ideen, die der Mensch in seiner Seele an den Dingen gewinnt, nur für ein Fabrikat der Seele hält und nichts darunter vorstellt, was für die Dinge selbst eine Bedeutung haben könnte.  Die besondere Ausbildung dieses Skeptizismus findet sich dann in der einen Form bei Hume> in der andern Form bei Kant. Da sind die Begriffe und Ideen überhaupt nur noch dasjenige, was sich der menschliche Geist an Ideen bildet. Da kann der Mensch nicht mehr durch die Begriffe und Ideen an die Dinge heran. Für die Theologen, die zu gleicher Zeit Philosophen sein wollen, die also die Theologie philosophisch durchdringen wollen, entstand nun und wird immer entstehen eine ganz besondere Schwierigkeit. Denn der Theologe ist darauf angewiesen, nicht bloß die Dinge in der Welt zu sehen, sondern sie in einer gewissen Beziehung zu dem göttlichen Urwesen zu denken, und er kommt in Schwierigkeiten, wenn er die Begriffe und Ideen, die er an den Dingen gewinnt und die den Inhalt der einzigen ideellen Erkenntnis bilden - wenn man nicht zur Geisteswissenschaft aufsteigt -, nicht selber in irgendeine Beziehung zur Gottheit bringen kann, das heißt als Universalia ante rem, als Universalbegriffe vor den Dingen denken kann. Nun hängt mit dem, was ich gesagt habe, etwas sehr Bedeutsames zusammen. Es wird immer Menschen geben, die im Begriff nichts sehen können, was mit den Dingen etwas zu tun hat, die also in den Dingen draußen eben nur das Materielle sehen, und auf der andern Seite solche, die in den Begriffen etwas Reales sehen können, was mit den Dingen selber etwas zu tun hat, was in den Dingen darin ist, und was der menschliche Geist aus den Dingen wieder herauszieht, was der Menschengeist aus Universalia in re zu Uni versahen post rem macht. Diejenigen, welche anerkennen, daß die Begriffe eine Realität außerhalb des menschlichen Geistes haben, nannte man im Mittelalter und weiter herauf, namentlich in der katholischen Philosophie, Realisten. Und die Anschauung, daß die Begriffe und Ideen eine reale Bedeutung in der Welt haben, heißt Realismus. Die andere Anschauung, die davon ausgeht, daß die Begriffe und Ideen nur im menschlichen Geiste gleichsam als Worte fabriziert sind, heißt Nominalismus, und seine Vertreter heißen Nominalisten. Sie werden leicht einsehen, daß die Nominalisten eigentlich das Reale nur in der Mannigfaltigkeit, in der Vielheit sehen können. Nur die Realisten können in dem Zusammenfassenden, in dem Universellen auch  etwas Reales sehen. Und da kommen wir eben auf den Punkt, wo für die philosophierenden Theologen eine besondere Schwierigkeit entstand. Diese katholischen Theologen hatten das Dogma von der Trinität, von Vater, Sohn und Geist, den drei Personen in der Gottheit, zu verteidigen. Nach der Entwickelung der kirchlichen Theologie konnten sie nicht anders, als sagen: die drei Personen sind individuelle, abgeschlossene Wesenheiten, aber zugleich sollen sie eine Einheit sein! Wären sie nun Nominalisten, so fiele ihnen die Gottheit immer in drei Personen auseinander. Nur die Realisten konnten die drei Personen noch unter einem Universal zusammendenken. Dazu mußte aber der Universalbegriff eine Realität haben, dazu mußte man Realist sein. Daher kamen die Realisten mit der Trinität besser durch als die Nominalisten, die große Schwierigkeiten hatten, und die sich zuletzt, als die Scholastik schon zu Ende ging und in Skeptizismus ausgeartet war, nur dahinter verschanzen konnten, daß sie sagten: Verstehen kann man nicht, wie die drei Personen eine Gottheit sein sollen; aber deshalb gerade muß man es glauben, muß verzichten auf das Verständnis; so etwas kann nur geoffenbart sein. Der menschliche Verstand kann nur zum Nominalismus, er kann nicht zu irgendeinem Realismus führen. Und im Grunde genommen ist es die Hume-Kantsche Lehre, die auf dem Umwege durch den Phänomenalismus reiner Nominalismus geworden ist. Das Zentraldogma der Trinität, der drei göttlichen Personen, hing also am Realismus oder Nominalismus, an der einen oder der andern Auffassung des Wesens der Universalien. Sie werden daher begreifen, daß, als die Kantsche Philosophie immer mehr die Philosophie der protestantischen Kreise in Europa wurde, sich in den katholischen Kreisen eine Reaktion geltend machte. Und diese Reaktion bestand darin, daß man sich auf diesem Boden sagte, man müsse die alte Scholastik nun wiederum genau durchnehmen, müsse ergründen, was eigentlich die Scholastik gemeint habe. Kurz, man versuchte - weil man nicht auf eine neue Art zu einer Anschauung der geistigen Welt gelangen konnte -, die Scholastik zu rekonstruieren. Und eine reiche Literatur entstand, die sich lediglich die Aufgabe stellte, den Menschen die Scholastik wiederum zugänglich zu machen.  Natürlich lebte diese Literatur nur unter den studierten katholischen Theologen, da aber in einem ausgebreiteten Maße. Und für diejenigen, die sich für alles interessieren, was in der Geisteskultur der Menschheit vor sich geht, ist es durchaus nicht nutzlos, ein wenig in die umfassende Literatur hineinzuschauen, die da zutage getreten ist. Schon aus dem Grund ist es nützlich, in diese neuscholastische Literatur hineinzuschauen, weil man sich dabei einmal eine Vorstellung machen kann, wie Schwarz und Weiß nebeneinander in der Welt leben kann - bitte, das Wort hat jetzt keinen Beigeschmack! Die ganze Art des Denkens, die ganze Art, die Welt anzuschauen, ist anders in der fortschreitenden Strömung der Philosophie, die sich etwa an Kant, Fichte, Hegel, oder schon früher an Cartesius, Malebranche, Hume, bis zu Mill und Spencer anschließt. Das ist eine ganz andere Gedankenforschung, das ist eine ganz andere Art, über die Welt zu denken, als dasjenige, was hervorgetreten ist zum Beispiel bei Gratry und bei den zahlreichen Neuscholastikern, die überall geschrieben haben, in Frankreich, in Spanien, in Italien, in Belgien, in England, in Deutschland; denn es existiert eben eine reiche neuscholastische Literatur in allen Ländern. Und alle Orden der katholischen Priesterschaft haben sich an den Diskussionen beteiligt. Besonders rege wurde das Studium der Scholastik vom Jahre 1879 an, denn da erschien die Enzyklika «Aeterni patris» von Papst Leo XIII. In dieser Enzyklika wurde den katholischen Theologen das Studium des Thomas von Aquino geradezu zur Pflicht gemacht. Seit jener Zeit ist eine reiche Literatur in Anlehnung an die Thomistik entstanden, und die Philosophie des Thomas von Aquino wurde eingehend studiert und interpretiert. Die ganze Strömung hatte aber schon früher begonnen, so daß man heute Bibliotheken anfüllen kann mit dem, was an sehr vielem Geistvollem in dieser Erneuerung des Thomismus entstanden ist. Da können Sie sich zum Beispiel aus einem solchen Buche wie «The origin of the human reason» oder aus manchem französischen Buch oder, wenn Sie das vorziehen, aus zahlreichen Werken der italienischen Jesuiten und Dominikaner unterrichten, mit welchem Scharfsinn diese Philosophie wieder getrieben worden ist. Viel Scharfsinn ist da in allen Ländern auf das Studium der Scholastik verwendet worden - ein  Scharfsinn, von dem die Menschen, auch die, die heute Philosophie studieren, sich gewöhnlich gar keinen Begriff machen, weil sie nicht das nötige Interesse haben, auf alle Seiten der menschlichen Bestrebungen Aufmerksamkeit zu verwenden. Das Bedürfnis war von dieser Seite her entstanden, sich zum Kantianismus zu stellen, der ja dadurch, daß er insbesondere in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts reiner Nominalismus wurde, der katholischen Theologie den Boden unter den Füßen entzieht. Ich spreche jetzt rein historisch, nicht um irgend etwas zu bewerten, nicht einmal irgend etwas zu widerlegen, oder zu irgend etwas zuzustimmen, sondern rein historisch. Und da kann man dann sehen, daß die Menschen im Grunde genommen bis heute auch auf diesem Boden bestrebt sind, dahinterzukommen, was es eigentlich mit dem Begriff, mit dem Denken für eine Bewandtnis hat. Mit dem Begriff im alten Sinne können die Menschen in der heutigen Zeit überhaupt nichts mehr ausrichten. Der muß belebt werden, wenn man weiterkommen will, da müssen noch lange Versuche unternommen werden, um theoretisch, mit dem bloßen Bildbegrif f dahinterzukommen, was eigentlich das Denken für eine Bedeutung für die Göttlichkeit hat. Andere haben sich auf andere Weise bemüht. Da ist zum Beispiel eine sehr bedeutsame Strömung entstanden, die sogar auch den Katholiken sehr nahesteht und von Priestern innerhalb des Katholizismus getrieben worden ist, die aber das Wohlwollen der katholischen Autorität nicht bis zu dem Grade wie die Scholastik gefunden hat. In der Enzyklika «Aeterni patris» waren die katholischen Theologen sogar pflichtgemäß dazu angehalten worden, die Philosophie des Thomas von Aquino zu erneuern, sie wieder aufstehen zu lassen. Eine andere Richtung hat weniger das Wohlwollen der katholischen Autoritäten erlangt: das ist die Richtung von Rosmini-Serbati und von Gioberti. Vorzugsweise Rosmini, der in Rovereto in der Nähe von Trient geboren ist und 1855 im nahen Stresa gestorben ist, hat ja seine Bestrebungen insbesondere in Werken zum Ausdruck gebracht, die eigentlich erst nach seinem Tode veröffentlicht worden sind. Und interessant ist die Art und Weise, wie sich Rosmini durch eine Untersuchung des Realwertes des Begriffes emporarbeiten wollte. Rosmini kam da hinter, daß der Mensch im inneren Erleben den Begriff anwesend hat. Derjenige, der nur Nominalist ist, bleibt dabei stehen, daß er im Inneren den Begriff erlebt und geht über die Frage hinweg, wo der Begriff in Wirklichkeit vorhanden ist. Rosmini aber war genial genug, zu wissen: Wenn sich auch etwas im Inneren der Seele offenbart, so bedeutet das nicht, daß es nur im Inneren der Seele eine Realität habe. Und so wußte er, indem er insbesondere gleich von dem Seinsbegriff ausging, daß die Seele, indem sie die Begriffe erlebt, zu gleicher Zeit miterlebt das in den Begriffen lebende innere Wesen der Dinge. Und so bestand die Philosophie Rosminis darin, daß er innere Erlebnisse suchte, die bei ihm Begriffserlebnisse waren, dabei aber nicht zur Lebendigkeit der Begriffe, sondern nur bis zur Vielfalt der Begriffe kam. Und nun suchte er zu spezifizieren, wie der Begriff zugleich in der Seele und in den Dingen lebt. Das ist insbesondere in dem nachgelassenen Werk von Rosmini, das den Titel «Teosofia» trägt, sehr deutlich zum Ausdruck gekommen. Auf einem ähnlichen Standpunkt standen innerhalb des Katholizismus auch andere, aber Rosmini ist eben einer der Genialsten. Nun ist der katholischen Theologie aber eine solche Richtung wie die Rosminische etwas Ungelegenes und macht ihr etwas Unbehagen, weil es für diese Seite sehr schwierig ist, den Offenbarungsbegriff mit dieser Begriffstheorie zu vereinen. Denn der Offenbarungsbegriff läuft darauf hinaus, daß die höchsten Wahrheiten geoffenbart werden müssen. Sie können nicht innerlich in der Seele erlebt werden, sondern müssen äußerlich im Verlauf der Geschichte der Menschheit geoffenbart werden. Der Mensch kann nur bis zu einem gewissen Grade mit seinen Begriffen an die Wirklichkeit heran, und über dieser Sphäre der Begriffe erhebt sich die Sphäre der Offenbarungen. Auf diesem Gesichtspunkt mußten die Scholastiker stehen. Das verträgt sich auch mit dem, was der Katholizismus heute noch als seinen Nerv anschaut, besser als die Rosminischen erlebten Begriffe. Denn wenn man erlebte Begriffe hat, so ist es eigentlich Gott, der in einem lebt. Und davor hat im Grunde genommen die katholische Theologie eine Art von Grauen, wenn Menschen behaupten: Gott lebe in dem Menschen. Daher kam es auch, daß Leo XIII. die Philosophie Rosminis in den achtziger Jahren durch ein eigenes Dekret als ketzerisch erklärt und es den katholischen  Theologen verboten hat, die Rosminische Philosophie zu studieren und zu lehren, wenn sie nicht eine Bewilligung von ihren ihnen vorgesetzten Behörden haben. Denn so wird ja innerhalb des Betriebs der katholischen Theologen straff vorgegriffen. Ich weiß nicht, ob es ganz ausnahmslos so gehalten wird. In den Veröffentlichungen katholischer Theologen aller Lager wird man jedenfalls überall das Sigill der vorgesetzten bischöflichen Behörde finden. Das bedeutet dann, daß die katholischen Theologen ein solches Werk studieren dürfen. Bei denjenigen, die Universitätslehrer sind, gibt es gewisse Ausnahmen, aber die Dinge werden, wenigstens theoretisch, sehr strenge gehandhabt. So sieht man auch daran den Versuch, sich hineinzuarbeiten in ein Verständnis des Verhältnisses des Denkens zur Welt. Ich mochte hier eine Einschaltung machen, die ganz anderer Natur ist. Solche Einschaltungen sind manchmal notwendig. Viele unserer Freunde glauben, unserer Bewegung etwas ganz besonders Gutes zu tun, wenn sie katholischen Theologen zum Beispiel erklären, daß wir durchaus nicht antichristlich seien, daß wir gerade nach einem ehrlichen Christus-Begriff suchten. Und in ihrer Gutgläubigkeit gehen unsere Freunde dann so weit, daß sie dies oder jenes katholischen Theologen mitteilen aus der Art und Weise, wie wir das Christentum charakterisieren. Denn unsere Freunde glauben dann in ihrer - verzeihen Sie Naivität, erreichen zu können, daß diese Theologen sehen: wir seien gute Christen. Das können sie aber nie zugeben als katholische Theologen! Meine lieben Freunde, wir werden ihnen viel angenehmer sein, wenn wir nicht den Christus suchen, wenn wir uns nicht um den Christus bekümmern! Denn es handelt sich ihnen nicht darum - das muß man immer ins Auge fassen -, daß irgend jemand diesen oder jenen Christus-Begriff sucht, sondern es handelt sich ihnen um die Herrschaft der Kirche. Und gerade wenn man außerhalb der Kirche einen ebenso guten oder besseren Christus-Begriff hätte, so würde man dann am allermeisten bekämpft. Also diejenigen unserer Freunde schaden uns in ihrer Gutgläubigkeit am allermeisten, die etwa zu katholischen Theologen kommen und sie überzeugen wollen, daß wir nicht antichristlich sind. Denn diese werden sagen: Das ist erst recht schlimm, wenn sich außerhalb der Kirche etwa ein Christus-Begriff einnisten könnte. Man  muß die Dinge des Lebens nach den Lebensverhältnissen beurteilen und nicht nach seiner naiven Meinung. Wir werden besonders scharf bekämpft werden, wenn die Theologen die Entdeckung machen sollten, daß wir irgend etwas von der inneren Existenz des Christentums verstehen, das einen überzeugenden Eindruck auf einen größeren Menschheitskreis machen könnte. Aber man sieht eben, daß notwendig geworden war, sich in ein Verständnis über den Begriff und sein Verhältnis zur Realität hineinzuarbeiten. Und da muß schon gesagt werden: Zu dem Glänzendsten, was nach dieser Richtung überhaupt in der neueren Zeit geschehen ist, gehört dasjenige, was in den Schriften Rosminis enthalten ist. Er hat das für alle Gebiete durchgearbeitet, und von ganz besonderem Wert könnte es sein, wenn man die Schönheitsbegriffe, die ästhetischen Begriffe Rosminis studierte. Die Schönheitslehre, die Ästhetik Rosminis ist etwas ganz besonders Wertvolles, auf das man sich einlassen sollte, um zu sehen, wie sich ein moderner Geist heraufarbeitet, der vor der Pforte zur Geisteswissenschaft steht und eben nicht in die Geisteswissenschaft hinein kann. Das ist gerade bei Rosmini in so hervorragendem Maße zu studieren. So werden wir also finden, daß wirklich Geistesströmungen vorhanden sind, die sich hinarbeiten wollen zu einem Verständnis des Begriffes, aber nicht dahin kommen, einzusehen, daß wir jetzt in der Zeit leben, wo der Begriff lebendig werden muß, wenn man in die Realität hineinkommen will. So hat also der Begriff eine gewisse Geschichte durchgemacht. Ich habe mich mit dieser Geschichte zum Teil in meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie» in jenem ersten Kapitel, von dem ich gesprochen habe, auseinandergesetzt. Aber hier möchte ich noch auf ein Weiteres hinweisen. Wir können also sagen, der Begriff entwickelt sich weiter. Es gab eine Zeit, wo der Begriff ein wahrgenommener Begriff ist, wie Farbe oder Ton erfaßt wurde. Dies war bei den Griechen der Fall. Plato ist gerade noch der letzte, der so real von den Begriffen spricht, daß man sieht, in ihm klingt etwas von dem Verständnis für ein solches Erfassen der Begriffe nach. Bei Aristoteles ist es schon anders. Dann kommt das Mittelalter, wo man den Begriff rein rational hat, und wo  man sucht, wie er sich als Universalie zu den Dingen verhält, und wo man zu Brücken greift und zu der Gliederung kommt: ante rem, in re, post rem - vor, in, nach den Dingen. Dann kommt die Zeit, wo der Begriff vollständig nominalistisch aufgefaßt wird. Das geht bis in unsere Zeit herein. Aber die Reaktion macht sich geltend, die Nebenströmungen, die den Begriff als inneres Erlebnis suchen, wie bei Rosmini. Von hier aus (siehe Schema: Rosmini) würde man zu dem Leben oder Erleben des Begriffes kommen. Es würde also der Begriff gewissermaßen an den physischen Leib gekettet werden in dieser Zeit (siehe Schema: vor Plato bis zum Mittelalter), und nun an den Ätherleib übergehen. Es würde der Begriff zum hellsichtigen Erleben des Begriffes führen. Da müßte man aber sagen, daß aus einem atavistischen Hellsehen des Begriffes der ganze frühere wahrgenommene Begriff und der nominalistische und rationale Begriff sich herausentwickelt haben, und daß nun die Art und Weise, wie der Begriff jetzt erlebt werden soll, eine bewußte ist, während sie in früheren Zeiten mehr unterbewußt war. Und in der Tat, gehen Sie von Plato, von den griechischen Philosophen, die den Begriff als Wahrgenommenes hatten, hinüber zu den Nachklängen des Zarathustrismus, so haben Sie diesen atavistisch erfaßten - oder vielleicht braucht man nicht zu sagen «atavistisch», weil dieser Ausdruck erst heute Gültigkeit hat -, also traumhaft-hellseherisch erlebten Begriff. traumhaft hellseherisch erlebte Begriffe i erser Physischer Leib Begriff wahrgenommen vor Plato Begriff rational Begriff nominal _ , . . i .,» . . iviitieiauer xvusmmi Ätherleib Erleben des Begriffes  So haben die vorderasiatischen Philosophien den Begriff als etwas vorgestellt, was sie bildhaft erlebten. Die persische Philosophie sieht im «Pferd im allgemeinen» ein Wesen im Allgemeinen, das sich spezifiziert, differenziert zu derri einzelnen Pferde, noch etwas Lebendiges. Das nannten die Perser «Feruer». Das abstrahiert sich, wird zu der platonischen Idee, Die Feruer der Perser werden zu der platonischen Idee. Immer mehr greift die Abstraktion um sich, weil das Denken nur im physischen Leib erlebt wird. Zurückgekehrt werden muß wieder zum bewußt erlebten Begriff. Sie sehen auf diesem Gebiet einen wunderschönen Zyklus sich vollziehen vom alten Hellsehen des Begriffes durch dasjenige, was der Begriff in dem Zeitalter des physischen Erlebens werden mußte: der bloß rationale Begriff, der bloß begriffene Begriff, der bloß logische Begriff. Ich habe öfter betont, daß die Logik erst durch Aristoteles entstanden ist, als man den Begriff nur noch als Begriff hatte. Vorher, für den erlebten Begriff, brauchte man keine Logik. Und jetzt wird die Logik lebendig, die Bildsäule der Logik geht zum Leben über. Bei diesem einen Beispiel des Begriffs sieht man wiederum, was man sonst im Allgemeinen, im Großen sieht. So müssen wir uns auch im einzelnen in den ganzen Gang der Menschheitsentwickelung hineinarbeiten, denn dann verstehen wir es immer besser, welcher Sinn der Geistesströmung, der wir angehören, zugrunde liegt. Und wir werden durch diese Dinge auch wirklich immer sachlicher, aber das ist auch notwendig. Wo würden wir hinkommen, wenn das Sachliche gar nicht verstanden würde und unsere lieben Freunde immer mehr alles ins Persönliche hineinzerren würden! Sachlich zu arbeiten, das muß unsere Aufgabe sein, und das rein Persönliche muß immer mehr zurücktreten.  DIE BEGRIFFSWELT UND IHR VERHÄLTNIS ZUR WIRKLICHKEIT Zweiter Vortrag, Dornach, 16. Januar 1916 Wir haben gestern versucht, uns in die Entwickelung des Begreifens und Idealisierens, des Werdens von Begriffen über die Welt und von Ideen, zu versetzen, und wir haben gesehen, daß man auch da eine gewisse Entwickelung beobachten kann: daß gewissermaßen aus einer Art hellsichtigen Erlebens der Begriffe sich dasjenige ergibt, was die platonischen Ideen waren, und daß sich nach und nach jene abstrakte Art zu denken entwickelt hat, die noch bis in unsere Tage her eingeht; daß aber die Zeit dazu drängt, gewissermaßen in bewußter Weise wieder lebendiges Leben in den Begriffen zu erreichen, um in die lebendige Geistigkeit überhaupt hineinzukommen, damit das in bewußter Weise wiederum erreicht werde, was als traumhaftes Hellsehen in Begriffen verlassen worden ist. Nun handelt es sich darum, daß wir es genauer ins Augen fassen, wie doch in ganz anderer Weise all die höchsten Angelegenheiten des Weltendaseins erfaßt werden können in einer Zeit, in welcher noch etwas vom Nachklang der alten, hellseherisch erfaßten Begriffe da war, und wie ganz anders die höchsten Angelegenheiten der Menschheit erfaßt werden mußten, als das begriffliche Denken schon intellektuell-rational, abstrakt geworden ist. Denn die Fragen, von denen wir gestern wieder gesprochen haben, die sich gerade der mittelalterlichen Scholastik so bedeutsam ergeben haben, diese Fragen konnten sich eigentlich natürlich nur entwickeln in einem Zeitalter, in dem man ungewiß war über das Verhältnis der Begriffswelt zu der wahren Wirklichkeitswelt. In einer Zeit, die etwa der griechischen Philosophie vorangegangen war, hätte man überhaupt so etwas, wie wir es als Lehre von den Universalien in re, post rem, ante rem betrachtet haben, gar nicht aussinnen können, denn der lebendig besessene Begriff, der führt in die Realität hinein. Man weiß, daß man mit ihm in der Realität darinsteht, und man kann dann die Fragen nicht auf werfen, von denen gestern die Rede war. Sie entstehen gar nicht als Rätselfragen. Nun war in den ersten Zeiten der christlichen Entwickelung aber durchaus etwas von einem Nachklang der alten hellseherischen Begriff swelt vorhanden, und man kann sagen: Als das Mysterium von Golgatha durch die Entwickelung der europäischen Menschheit und der vorderasiatischen Menschheit hindurchgegangen ist, da waren noch viele Menschen wirklich fähig, in Nachklängen von hellseherisch erfaßten Begriffen die Dinge aufzunehmen, die eigentlich doch nur spirituell begriffen werden können, und die sich auf das Mysterium von Golgatha beziehen. Nur so können wir es begreifen, daß für die späteren Zeiten vieles unverständlich sein mußte, was in den ersten Zeiten, in den ersten Jahrhunderten des Christentums an Begriffen entwickelt wurde, um das Mysterium von Golgatha zu erfassen. Wenn die älteren christlichen Lehrer noch Nachklänge der alten hellseherischen Begriffe anwandten, um das Mysterium von Golgatha zu erfassen, so blieben natürlich diese hellseherischen Begriffe ihrem eigentlichen Nerv nach den späteren Jahrhunderten unverständlich, und im Grunde genommen ist das, was man Gnosis nennt, gewöhnlich nichts anderes als das Nachklingen alter hellseherischer Begriffe. Man versuchte, mit alten hellseherischen Begriffen das Mysterium von Golgatha zu begreifen, und hellseherische Begriffe verstand man später nicht mehr, nur abstrakte Begriffe. Daher verkannte man dasjenige, was die Gnosis eigentlich wollte. Nun würde man aber die Sache sehr einseitig ansehen, wenn man einfach sagen würde: Da gab es also eine Gnosis, die hatte noch alte hellseherische Begriffe, die noch bis ins 1., 2., 3. Jahrhundert nach dem Mysterium von Golgatha hereingingen, und dann kamen die unverständigen Leute, die nicht fähig waren, die Gnostiker zu verstehen. Das wäre sehr einseitig, so zu denken. In einem gewissen vollkommenen Sinne mit hellseherischen Begriffen zu arbeiten, gehört einer viel älteren Zeit an als der Zeit, in die das Mysterium von Golgatha hineinfiel, einer viel älteren Zeit. Und diese hellseherisch erfaßten Begriffe waren schon ganz luziferisch infiziert, das heißt: das alte hellseherisch-begriffliche Erfassen war schon luziferisch durchdrungen, und diese luziferische Durchdringung des alten hellseherischen Begriffssystems, das ist  die Gnosis. Es mußte deshalb eine Art Reaktion gegen die Gnosis entstehenden dieGnosis eben die aussterbende alte hellseherische Begriffswelt war, die schon von Luzifer infizierte alte hellseherische Begriffswelt. Das muß man auch ins Auge fassen. Nun will ich von einem Manne ausgehen, der versuchte, in den ersten Jahrhunderten des Christentums gewissermaßen die Strömungen aufzuhalten, die von der luziferisch gewordenen Gnosis kamen, und von diesem Gesichtspunkt aus das Mysterium von Golgatha erfassen wollte. Das ist Tertullian. Er stammte aus Nordafrika, war gelehrt in Angelegenheiten der heidnischen Weisheit. Etwa gegen das Ende des 2. Jahrhunderts nach dem Mysterium von Golgatha trat er zum Christentum über und wurde einer der gelehrtesten Theologen seiner Zeit. Nun ist es ganz besonders interessant, ihn ein wenig zu betrachten, aus dem Grunde, weil er aus seinem Studium der alten heidnischen Weisheit noch etwas von einem inneren Verständnis der alten hellseherischen Begriffswelt hatte, und auf der andern Seite,weil er - seine Bekehrungsgeschichte zeigt das - ganz den christlichen Impuls in sich hatte und gewissermaßen beides so vereinigen wollte, daß das Christentum dadurch voll bestehen könnte. Dazu mußte er das zurückdrängen, was er als luziferisch angehauchte Gnosis bei Basilides, bei Marcion und andern empfand. Und nun tauchten ihm bestimmte Fragen auf. Aus einem ganz bestimmten Grunde tauchten dem Tertullian diese Fragen auf. Sehen Sie, indem wir heute mit der Geisteswissenschaft beginnen, reden wir sehr häufig von der Gliederung der menschlichen Natur, von der Art und Weise, wie der Mensch zuerst seinen dichten physischen Leib hat, den Augen sehen, Hände greifen können; wie dann ein Ätherleib da ist, wie ein astralischer Leib da ist, eine Empfindungsseele und so weiter. Das heißt, wir suchen vor allen Dingen die Konstitution der menschlichen Natur zu erkennen. Aber wenn Sie die geschichtliche Entwickelung des geistigen Lebens in den Jahrhunderten seit dem Mysterium von Golgatha verfolgen, so werden Sie nirgends finden, daß man in einer solchen Art bis in die heutige Zeit herauf, äußerlich, wie wir es zu tun haben, die Konstitution des Menschen betrachtete. Das ging verloren und war schon verloren, als das Mysterium von Golgatha eintrat. Diejenigen, an die der Impuls des Mysteriums von Golgatha  herantrat, wußten nichts mehr von dieser Gliederung des Menschen. Das aber ergab für sie eine ganz bestimmte Schwierigkeit. Um diese Schwierigkeit zu erkennen, meine lieben Freunde, versuchen Sie einmal, an Ihr eigenes Herz, an Ihre eigene Seele anzuknüpfen, um sich etwas zu fragen. Sie wissen, wir haben in der verschiedensten Weise versucht, die Art, wie der Christus durch den Jesus in die Entwickelung der Erde eingegriffen hat, uns klarzumachen. Aber versuchen Sie einmal, wie es Ihnen ergangen wäre, die ganze Sache zu verstehen, wie der Christus die Glieder in dem Jesus durchdrungen hat, wenn Sie von der ganzen Konstitution, von der Wesenheit des Menschen nichts gewußt hätten! Dadurch allein wurde verständlich, wie der Christus als eine Art kosmischen Ichs die Leiber durchdringt, daß Sie erst etwas von diesen Leibern wußten. Für denjenigen, der ein Christus-Verständnis in der Zukunft suchen wird, wird die Kenntnis von der Gliederung des Menschen die wesentliche Vorbereitung sein müssen. In uralten Zeiten, als es noch traumhaft-hellseherische Begriffe gab, wußte man etwas von dieser Gliederung des Menschen; und zu den Gnostikern war etwas, wenn auch in Verzerrung, übergegangen. Daher hatten diese Gnostiker versucht, das Hereinkommen des Christus in den Jesus vori Nazareth mit den letzten Resten der Begriffe über die Menschheitskonstitution zu durchdringen. Aber die andern, zu denen jetzt das Christentum kommen sollte, und die von ihren Kirchenlehrern belehrt wurden, wußten nichts von dieser Gliederung des Menschen, und ihre Kirchenlehrer auch nicht. Und so entstand die große, umfängliche Frage: Wie ist das denn eigentlich mit dem Zusammenwirken der Christus-Natur und der Jesus-Natur? Wie ist möglich, daß dieser Christus als eine göttliche Wesenheit in dem Jesus als einer menschlichen Wesenheit Platz greift? - Und diese Frage ist es, die solche Leute wie Tertullian beschäftigt. Weil sie nicht die Vorbedingung haben, die Sache zu verstehen, geht ihnen das Problem gleichsam postum noch einmal auf - aber an dem einen Christus Jesus geht es ihnen auf zu fragen: Wie ist denn eigentlich das Geistige und Physische und Seelische verbunden? - Wie sie überhaupt bei Menschen verbunden sind, das wußten sie nicht, aber sie mußten irgend etwas herausbekommen, wie es bei dem Christus Jesus verbunden war. Weil nun die Gnosis der  damaligen Zeit luziferisch angehaucht war, kam sie selbstverständlich ihrerseits auch nicht mehr auf das Richtige. "Wenn Sie sich an gewisse Vorträge erinnern, die ich hier in der letzten Zeit gehalten habe, da werden Sie finden, daß ich gesagt habe: die Menschen kommen auf der einen Seite nach dem Materialismus, auf der andern Seite nach einem einseitigen Spiritualismus. Der einseitige Materialismus ist ahrimanisch, der einseitige Spiritualismus luziferisch angehaucht. Die Materialisten kommen nicht zum Geist, und die luziferisch Geistgläubigen kommen nicht zu der Materie. So war es bei den Gnostikern: sie kamen nicht zum physischen Dasein, zum materiellen Dasein. Und wenn man nun einen solchen Menschen wie Marcion betrachtet, so sieht man: für ihn ist ein klarer, ein mehr oder weniger klarer Christus-Begriff da, aber er kann durchaus nicht erfassen, wie dieser Christus in dem Jesus enthalten war. Daher ätherisierte sich ihm der ganze Prozeß. Er brachte es dahin, den Christus noch als Geist, als ätherisches Wesen zu fassen, das zum Schein einen Leib angenommen hat. Aber die richtige Art und Weise, wie der Christus in dem Jesus darin war, konnte er nicht fassen. Marcion kam dazu, zuletzt zu sagen - gerade er ist es, der dazu kam, zu sagen: Christus ist zwar auf die Erde herabgestiegen, aber alles, was der Jesus erlebt, war nur zum Schein erlebt; die physischen Ereignisse sind nur zum Schein erlebt; der Christus hat eigentlich nicht teilgenommen, sondern er war nur wie eine ätherische Wesenheit da, die aber ganz getrennt blieb. Deshalb mußte sich Tertullian gegen Marcion wenden, und gegen die andern, die ähnlich dachten, Basilides zum Beispiel. Und für ihn entstand die große Rätselfrage: Wie war die göttliche Natur des Christus mit der menschlichen Natur des Jesus verbunden? Was war eigentlich der Gottmensch? Was war der Gottessohn? Was war der Menschensohn? - Über diese Begriffe suchte er es vor allen Dingen zur Klarheit zu bringen. Und da bildete er sich zunächst einen Begriff aus, der sehr wichtig war, und der heute noch immer wichtig ist, den man verstehen muß, wenn man einsehen will, wie vielfach die Möglichkeiten des Irrtums für den Menschen sind. Tertullian bildete sich namentlich eine gewisse Art und Weise zu denken aus. Er mußte heraus aus dem alten Hellseherischen, er mußte  über die Begriffe und ihre Beziehungen zu Wirklichkeiten, auch zu höheren, geistigen Wirklichkeiten, ins klare kommen. Ich will hier eine Episode einschalten, aus der Sie ersehen sollen, nicht was Tertullian sich bewußt gemacht hat, aber was in seinem Denken waltete. Ich will eine rein denkerische Episode einschalten, die ich Sie aber bitte, sich recht sehr zu Gemüte zu führen. Ich mache folgendes. Ich schreibe die Zahl 1 und dann ihr Doppeltes 2 2 4 3 6 4 8 5 10 6 12 7 14 8 16 9 18 10 20 Und nun denken Sie sich: ich höre gar nicht mehr auf, ich schreibe immer fort, das heißt, ich schriebe bis ins Unendliche hinein. Wieviel solche Zahlen hätte ich denn da geschrieben? Unendlich viele, nicht wahr! Wieviel habe ich denn aber hier geschrieben? Habe ich zu jeder Zahl links eine Zahl rechts geschrieben? Ganz zweifellos, ich habe genau ebensoviel Ziffern rechts geschrieben, wie ich links geschrieben habe, und wenn ich in alle Unendlichkeit hinein fortfahre, immer würde es zu der Zahl links eine Zahl rechts geben. Aber nun denken Sie sich: Jede Zahl, die hier rechts steht, die steht da links auch. Das heißt aber doch nichts anderes als: ich habe da rechts so viel Zahlen, als ich links Zahlen habe, aber zu gleicher Zeit habe ich nur halb so viel Zahlen rechts als links. Denn es ist doch ganz selbstverständlich, es muß immer zwischen zwei Zahlen, die das Doppelte sind, eine drinnen liegen, ich muß rechts nur halb so viel Zahlen haben als links. Es ist immer eine ausgelassen, das ist doch klar, also kann ich rechts nur halb so viele haben als links. Das ist doch einzusehen. - Aber denken Sie, daß doch immer eine fehlt, daß 1, 3, 5, 7 und so weiter fehlt, also die  Hälfte der Zahlen fehlt rechts! Also habe ich doch rechts nur halb so viel als links. Dennoch habe ich gerade so viele Zahlen als links. Das heißt: Sobald ich ins Unendliche hineinkomme, ist die Hälfte gleich dem Ganzen. Das ist ganz klar: Sobald ich ins Unendliche hineinkomme, ist die Hälfte gleich dem Ganzen - man entkommt dem gar nicht. Sobald man mit seinen Begriffen von dem Endlichen ins Unendliche hineingeht, kommt so etwas von selbst heraus, daß die Hälfte gleich dem Ganzen ist. Sie können hier links alle Zahlen schreiben und rechts alle Quadratzahlen: 1 2 3 4 5 1 4 9 - 16 - 25 Gewiß gibt es zu jeder Zahl eine Quadratzahl, aber so wahr als hier viele Zahlen fehlen, kann hier nur ein Teil sein. Denken Sie sich: es sind ja doch immer nur die Quadratzahlen. Dasselbe können Sie sich noch auf andere Weise veranschaulichen: Ich ziehe hier zwei parallele Linien - ich habe das schon öfter gezeigt. Wie groß ist der Raum zwischen diesen beiden parallelen Linien? Selbstverständlich unendlich, nicht wahr! Man bezeichnet das in der Mathematik, wie Sie wissen, mit diesem Zeichen: oo. Aber wenn ich nun eine Senkrechte darauf ziehe, und genau in derselben Entfernung wieder eine Parallele ziehe, dann ist der jetzige Raum genau zweimal so groß wie der frühere, aber doch wieder unendlich. Das heißt, die neue Unendlichkeit ist = zweimal der früheren Unendlichkeit. Das sehen Sie sogar hier sehr anschaulich:  «• — •%• >«-*^*.;^v<.»iÄV*'">^>^-~~v*»^s«r-.^R!^f-^ .---.»->-- •-» _ — •^•;.&^WffÄ^fc^;^^E**:3*i» @ws«e«^^»*yc.^*jJ.^i^*,ÄÄÄ*'Ä*^'**J*^.-w^..:^-^ * ~ ^.» w>-»f^<^^!^»vi«*a«MÄ»*»i^^ l^rSWjtf«'*®*!**^^ Sie sehen hier durch die allereinfachsten Mittel des Denkens, daß das Denken überhaupt nur im Endlichen gilt. Es ist haltlos und resultatlos, sobald es aus dem Endlichen herauskommt. Es kann gar nichts anfangen mit den Gesetzen, die es in sich hat, wenn es aus dem Endlichen ins Unendliche hinauskommt. Aber dieses Unendliche müssen Sie nicht bloß im Großen oder im ganz Kleinen denken, sondern auch innerhalb der Welt der Qualitäten müssen Sie das Unendliche denken. J /X 7 .* t Das ist ein Dreieck, das ist ein Viereck, das ein Fünfeck (siehe Zeichnung), ich könnte ein Sechs-, Sieben-, Achteck und so weiter machen, und wenn ich dann immer weitergehe, so wird es immer mehr und mehr ähnlich einem Kreis. Wenn ich dann einen Kreis ziehe, wieviel Ecken hat der? Er hat wirklich unendlich viele Ecken. Aber wenn / V [^J*" Ä 3 f cs v /  ich einen Kreis mache, der doppelt so groß ist - der hat auch unendlich viele Ecken, aber er hat doppelt so viele Ecken! Also auch im Begrenzten stecken überall die Unendlichkeitsbegriffe darin, so daß unser Denken überall, auch wo es auftreffen kann auf das Begrenzte, an der Unendlichkeit, an der intensiven Unendlichkeit scheitern kann. Das heißt, das Denken muß sich schon immer klarmachen, daß es ratlos und haltlos ist, wenn es aus dem Endlichen der Sphäre, die ihm zunächst gegeben ist, ins Unendliche hinaus will. Man muß daraus ein praktisches Resultat ziehen. Man muß wirklich das praktische Resultat ziehen, daß man nicht einfach so darauflos denken darf, daß man furchtbar daneben hauen kann, wenn man so darauflos denkt. Und unter den mancherlei negativen Leistungen, die auf Kant zurückzuführen sind, ist die positive, daß er einmal den Leuten ordentlich auf die Finger geklopft hat in bezug auf diesen Unfug: mit dem Denken überall daraufloszuhauen. Haut man darauflos mit dem Denken, so kann man beweisen, daß der Raum irgendwo eine Grenze haben muß, daß die Welt endlich ist; aber ebensogut: daß sie unendlich ist, weil das Denken haltlos wird, sobald Sie aus einer gewissen Sphäre hinauskommen. Und so hat Kant die sogenannten Antinomien zusammengestellt: wie man das eine ebensogut beweisen kann wie das Gegenteil, weil das Denken haltlos ist, einen bloßen relativen Wert hat. Einer kann in bezug auf einen Punkt ganz richtig denken; aber wenn er nicht in der Lage ist, ihn auf das andere auszudehnen, was vielleicht daneben ist, so geht er fehl, wenn er einfach darauflos denkt, oder auch nur darauflos beobachtet. Man kann auf diesem Gebiet wirklich sehen, wie wenig sich die Menschen bewußt sind, daß man nicht daraufloshauen kann, weder mit dem Denken noch mit dem Beobachten und mit manchem Aufnehmen dessen, was da draußen ist. Scheinbar bringe ich stark Metaphysisch-Erkenntnistheoretisches jetzt mit etwas sehr Alltäglichem in Zusammenhang. Aber es ist genau dieselbe Rätselfrage; schade nur, daß wir nicht die Zeit haben, erkenntnistheoretisch auseinanderzusetzen, inwiefern es dieselbe Rätselfrage ist. Herr Bauer hat mich vor einigen Tagen auf etwas sehr Schönes nach dieser Richtung aufmerksam gemacht. Sie wissen, daß der Pfarrer R. bei seinem Vortrage, mit dem er unsere Geisteswissenschaft tot gemacht hat, darauf hingewiesen hat: wenn einer nun nach unserem Bau heraufgehe, so müßte er aus all dem Unverständlichen, was da für Menschen hingestellt sei, sich etwa an den alten Matthias Claudius erinnern. Und der Pfarrer R. wollte sagen, daß der alte, gute, liebe Claudius dastehen und sagen müßte: Da droben walten diese Anthroposophen und wollen dasjenige, was nimmermehr erkannt werden kann, erkennen! Es ist eben für die Menschen nicht zu erkennen. - Und da zitierte er dann aus Matthias Claudius die Worte: Wir stolze Menschenkinder Sind eitel arme Sünder Und wissen gar nicht viel; Wir spinnen Luftgespinste Und suchen viele Künste Und kommen weiter von dem Ziel. Da sind wir also getroffen, weil uns der alte Matthias Claudius sagt, daß die Menschen alle arme Sünder seien und nicht nach dem Unverstandenen und Undurchschaubaren ihren Blick wenden sollen. Nun, und da sagt auch noch der gute alte Matthias Claudius synthetisch, daß der Pfarrer R. ein so gescheiter Mensch ist, der weiß, daß die Menschen arme Sünder sind und nichts wissen von dem, was nicht den äußeren Augen sichtbar werden könne. Herr Bauer nun, der sich nicht begnügt hat, diese Worte von dem Pfarrer R. einfach anzuhören, hat den Matthias Claudius aufgeschlagen und das «Abendlied» von Matthias Claudius gelesen, und das heißt so: Der Mond ist aufgegangen, Die goldnen Sternlein prangen Am Himmel hell und klar; Der Wald steht schwarz und schweiget, Und aus den Wiesen steiget Der weiße Nebel wunderbar. Wie ist die Welt so stille Und in der Dämmrung Hülle So traulich und so hold!  Als eine stille Kammer, Wo ihr des Tages Jammer Verschlafen und vergessen sollt. Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen, Und ist doch rund und schön! So sind wohl manche Sachen, Die wir getrost belachen, Weil unsre Augen sie nicht sehn. Wir stolze Menschenkinder Sind eitel arme Sünder Und wissen gar nicht viel; Wir spinnen Luftgespinste und suchen viele Künste Und kommen weiter von dem Ziel. Da ist wohl der Pfarrer R. der arme Sünder, der weiter von dem Ziel kommt! Er hat nur vergessen, daß die vierte Strophe mit der dritten einen inneren Zusammenhang hat! Sie sehen, es kommt darauf an, daß man versucht, mit seinem Denken, etwas allseitig zu sein. Selbstverständlich kann man aus der vierten Strophe, wenn sie sich auf den Pfarrer R. bezieht - wenn der Pfarrer R. sich mit allen bescheidenen Menschenkindern identifiziert -, das genaue Gegenteil schließen, als man schließen muß, wenn man die dritte Strophe dazunimmt. So ganz ohne Zusammenhang mit dem mehr Metaphysisch-Theoretischen, das ich angeführt habe, ist dieses letztere, triviale Beispiel nicht. Die Notwendigkeit besteht für die Menschen, sich klarzumachen, daß man, wenn man so etwas anschaut und über dieses Angeschaute darauflos denkt, unter Umständen das genaue Gegenteil von dem treffen kann, was wirklich wahr ist. Und das ist es, was einem ganz besonders entgegentritt, wenn der Übergang gemacht werden soll von dem Endlichen zu dem Unendlichen oder von dem Materiellen zu dem Geistigen oder dergleichen.  Nun, solch ein Mensch wie Marcion sagte aus seiner luziferisch infizierten Gnosis heraus: Den Prozeß des Menschenwerdens und so weiter, der sich hier auf der Erde abspielt, den kann doch ein Gott nicht durchmachen, weil ein Gott andern Gesetzen unterliegen muß, die der geistigen Welt angehören. Er fand nicht den Zusammenhang zwischen dem Geistigen und dem Materiellen, dem Sinnlichen. Nun gab es eine nicht mehr vorhandene Auseinandersetzung darüber ~ Marcion ist äußerlich, physisch, nur aus seinen Gegnern, zum Beispiel aus Tertullian, wiederzuerkennen - daß die ganze äußere physische Geschichte des Jesus von Nazareth gar nicht angemessen wäre der göttlichen Weltordnung; wie Gott auf der Erde sein könnte, das kann alles nur Schein sein, das kann alles ohne Bedeutung sein. Der Christus müßte rein geistig erfaßt werden. - Tertullian sagte: Du hast recht, Marcion - das steht jetzt in Tertullians Schriften -, du hast recht, wenn du deine Begriffe so machst, wie du sie machst; das sind ganz verständliche, durchschaubare Begriffe, aber du mußt sie dann auch nur auf das Endliche, auf die Dinge anwenden, die in der Natur vor sich gehen; du darfst sie nicht auf das Göttliche anwenden. Für das Göttliche muß man andere Begriffe haben. Und da kann für den endlichen Verstand absurd erscheinen, was für das Walten des Göttlichen die Regel, das Gesetz ist. Tertullian stand also, ich will nicht sagen, bewußt, aber empfindungsgemäß und unbewußt vor der großen Rätselfrage, wieweit denn das Denken gilt, das der Natur, den Naturerscheinungen angepaßt ist. Und er hielt dem Marcion entgegen: Wenn man nur das Denken, das den Menschen plausibel erscheint, anwendet, dann kann man das behaupten, was Marcion sagt. Aber mit dem Mysterium von Golgatha ist etwas in die Weltentwickelung eingetreten, worauf dieses Denken nicht anwendbar ist, wozu man andere Begriffe braucht. - Daher bildete er das Wort: Es nötigen uns diese höheren Begriffe, die sich auf das Göttliche beziehen, zu glauben, was für das Endliche absurd ist. Man muß schon wirklich, um dem Tertullian nicht unrecht zu tun, nicht bloß den Satz zitieren: Ich glaube was absurd ist, was sich nicht beweisen läßt -, sondern man muß diesen Satz doch im ganzen Zusammenhang, in dem er steht und den ich so jetzt etwas verständlich machen wollte, an führen. Das war das hauptsächlichste Problem, das nun Tertullian beschäftigte: Wie ist die göttliche Christus-Natur mit der menschlichen Jesus-Natur verbunden? - Und da war er sich klar darüber: menschliche Begriffe taugen für das Erfassen dessen, was sich mit dem Mysterium von Golgatha abgespielt hat, nicht. Menschliche Begriffe führen immer dazu, daß man das Spirituelle, das man von dem Christus erfaßt hat, nicht verbinden kann mit dem, was man als Erdengeschichte in bezug auf den Jesus erfassen muß. Aber, wie gesagt, Tertullian fehlte die Möglichkeit, aus der Konstitution des Menschen, wie wir sie heute wiederum zu erfassen versuchen, das Problem zu begreifen. Dadurch brachte er es zunächst nur dazu, zuerst einmal, ich möchte sagen, das Surrogat für jenen Begriff zu finden, den wir uns ausbilden, wenn wir uns etwas an einer bestimmten Stelle unserer geisteswissenschaftlichen Erkenntnis klarmachen wollen. Erinnern Sie sich an eine Stelle unserer geisteswissenschaftlichen Erkenntnis, die Sie zum Beispiel in meiner «Theosophie» finden. Da werden Sie sehen: Es ist zunächst die Rede von dem physischen Leib, Ätherleib, Astralleib, dann: Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele, Bewußtseinsseele, und schließlich die einzelnen Verbindungen mit dem Geistselbst. Da sind verschiedene Auseinandersetzungen darüber, wie sich das Geistselbst in die Bewußtseinsseele hineinarbeitet. Das ist aber genau auch die Stelle, die man ins Auge fassen muß, wenn man in das Verweilen des Christus in dem Menschen Jesus hineinschauen will, wenn man das verstehen will. Das ist die Voraussetzung, daß man weiß, wie in der allgemeinen Menschheit das Geistselbst in die Bewußtseinsseele hineinkommt; das ist Voraussetzung, wie man verstehen kann, wie die Christus-Natur als ein besonderes kosmisches Geistselbst in die Bewußtseinsseeiennatur des Jesus von Nazareth hineinkam. Nur ein Surrogat für dies fand Tertullian, und man kann das, was er sich als einen Begriff ausbildete, so fassen, wie wenn man heute sagte: Es findet keine Vermischung statt - nach Tertullian - zwischen dem Christus, entsprechend dem Geistselbst, und dem Jesus, entsprechend der Bewußtseinsseele und allem, was an niederen Wesensgliedern dazugehört, keine Vermischung, sondern nur eine Verbindung. Und solche Verbindung wird die Menschheit auch nur dann kennenlernen,  wenn das Geistselbst einmal ordnungsgemäß da sein wird. Jetzt leben wir im Zeitalter der Bewußtseinsseele. Jeder Mensch wird etwas viel Loseres im Zusammenhang haben, wenn das Geistselbst im sechsten nachatlantischen Zeitraum regelmäßig entwickelt sein wird. Da werden die Menschen auch besser verstehen, wie anders zum Beispiel die ChristusNatur an die Jesus-Natur gebunden war, als, sagen wir, die Bewußtseinsseele an die Verstandesseele. Die Bewußtseinsseele ist mit der Verstandesseele selbstverständlich innerlich immer vermischt. Aber das Geistselbst ist mit der Bewußtseinsseele verbunden, nicht vermischt. Und diesen Begriff bildete sich Tertullian wirklich aus. Er sagt: Nicht vermischt ist der Christus mit dem Jesus, sondern verbunden. So stellte sich ihm der eine Gottmensch hin, der Christus Jesus, um an ihm sich noch einmal im Zeitalter, in dem dies alte begriffliche Hellsehen nicht mehr da war, zu veranschaulichen, wie das Göttliche und das PhysischSeelische in der Menschennatur miteinander verbunden war. Der Christus tritt gleichsam vor diesen Tertullian wie der Repräsentant der allgemeinen Menschheit hin. An dem Christus studierte er die Konstitution des Menschen, um den Christus Jesus zu verstehen. Der Christus trat in den Mittelpunkt seines ganzen Denkens, das jetzt nicht mehr auf die eine menschliche Natur anwendbar war. Und dadurch, daß Tertullian sich klargemacht hat: Nicht vermischt ist der Christus mit dem Jesus, sondern verbunden - er konnte nicht sagen, wie wir sagen würden: wie das Geistselbst mit der Bewußtseinsseele -, aber er sagte: nicht vermischt, sondern verbunden -, dadurch trat für ihn hervor, daß er sich sagte: Alles dasjenige, womit sich der Christus verbunden hat, das kommt auch aus dem Geiste der Welt heraus; das ist das Vaterprinzip in der Welt. - Das Vaterprinzip wurde für Tertullian dasjenige, was sozusagen zu der irdischen Erscheinung des Jesus gehörte. Da liegt das Vaterprinzip, das schöpferische Prinzip in der Natur, dasjenige, was alles hervorbringt in der Natur. Mit dem vereinigte sich das ChristusPrinzip, das Sohnesprinzip. So wurde es für Tertullian, und durch den Vater und den Sohn, durch Läuterung des Äußeren, Natürlichen, durch den Christus, entsteht nun wiederum der Geist, den er den Heiligen Geist nennt.  So war dasjenige, was in der Zeit des Mysteriums von Golgatha als der Christus Jesus dasteht, als Jesus hervorgehend aus dem Vaterprinzip, wie alles in der Welt aus dem Vaterprinzip hervorgeht. So war dieser Christus Jesus, dadurch, daß er den Christus in sich trug, der aus dem Vaterprinzip hervorgehende Sohn, der einfach später gekommen war, der Bringer des Geistes - des Geistes, der dann erst wiederum von ihm kommt. So suchte Tertullian den Weg von dem einzelnen Menschen zum Kosmos hinaus zu finden: zum Vater-, Sohn- und Geistprinzip. Jesus Vater Christus Sohn Hl. Geist Nun entstand für ihn die große Schwierigkeit, begreiflich zu machen, wie drei eins und eins drei sein könne. Für die alten Zeiten, wo es noch hellseherische Begriffe gab, war es gar keine besondere Schwierigkeit, sich das vorzustellen. Aber für die Zeit, in der durch Begriffe alles auseinanderfällt und nichts mehr recht verbunden werden kann, entstand die Schwierigkeit. Tertullian brauchte einen hübschen Vergleich, um klarzumachen, wie eins drei und drei eins sein kann. Er sagte: Nehmt die Quelle. Aus der Quelle kommt der Bach, aus dem Bach kommt der Fluß. Fragen wir nach dem Flusse, so sagen wir: Er kommt aus der Quelle durch den Bach; aus der Quelle durch den Bach. - Oder nehmet, sagte er, zum Vergleiche die Wurzeln, den Sprossen, die Frucht: die Frucht kommt aus der Wurzel durch den Sprossen. - Noch einen dritten Vergleich brauchte Tertullian, indem er sagte: Das Lichtflämmchen kommt aus der Sonne, durch den Kosmos getragen. So, sagte er, muß man sich vorstellen, daß der Geist aus dem Vater durch den Sohn kommt. Und so wenig diese Dreiheit: Quelle, Bach, Fluß der Einheit widerspricht, die der Fluß der Wirklichkeit nach ist, so wenig widerspricht die Tatsache, daß der Geist aus dem Vater durch den Sohn kommt, dem einheitlichen Sich-Hinentwickeln von Vater, Sohn und Geist. So suchte er sich klarzumachen, wie die drei eins sein können: so wie  Wurzeln, Sprosse und Frucht, so wie Quelle, Bach und Fluß. Und er versuchte auch eine gewisse Formel zu gewinnen. Dadurch, daß er bei dem Vaterprinzip - also bei dem, was immer dasjenige ist, aus dem durch das Sohnesprinzip das Geistprinzip kommt -, daß er bei dem Vaterprinzip dachte: das Natürliche, das äußerlich Geschaffene, das äußerlich Offenbare; bei dem Sohnesprinzip dasjenige, was das äußerlich Offenbare durchdringt; und bei dem Geistprinzip dasjenige, was dann durch beides zusammen für die Erdenentwickelung gebracht wird, dadurch bildete sich ihm eine Lehre aus, die aber im Grunde genommen nur ein einzelner symptomatischer Ausdruck für das war, was in diesen ersten Jahrhunderten des Christentums sich überhaupt ausbildete bei den Leuten, die auf der einen Seite noch etwas von der Gnosis in sich hatten, zu gleicher Zeit all die Schmerzen und Leiden durchmachten, weil die Gnosis verlorengehen mußte, und die nun zugleich mit dem zurechtzukommen suchten, was der Christus Jesus war, was er sein mußte zu dem Ziele des Mysteriums von Golgatha. Tertullian ist nur ein besonders genialischer, aber er ist eben ein Repräsentant desjenigen, was man in diesen ersten Zeiten des Christentums dachte, um wirklich geistig zu durchdringen, was geschehen war. Nun bildete sich dann aus dem Christentum dasjenige heraus, was Sie ja kennen als das Credo, als das Apostolikum, das dann so im 3., 4. Jahrhundert sich festsetzte und dann auch durch die Konzilien festgesetzt worden ist. Wenn man dies studiert, so wie es in der damaligen Zeit war, dann findet man schon heraus: Es ist im Grunde ein Sich-Wehren gegen die Gnosis, ein Ablehnen der Gnosis, weil man den luziferischen Faktor in der Gnosis verspürte. Die Gnosis neigt zu Luzifer hin, das heißt, zu einem einseitigen spirituellen Auffassen. Sie kann daher zu dem Vaterprinzip durchaus nicht kommen, kann es nicht ordentlich würdigen. Das Materielle wird ihr ein zu Verschmähendes, etwas, was sie nicht brauchen kann. Ihr gegenüber muß festgelegt werden: Ich glaube an Gott den Vater, den allmächtigen Vater - der erste Teil des Credos. Gegen die Verachtung des Materiellen ist dieser erste Teil des Credos gefaßt, so gefaßt, daß auch das Äußerliche, das mit Augen gesehen wird, als ein Göttliches, und gerade ein Göttliches, das aus dem Vaterprinzip hervorgeht, gefaßt wird.  Das zweite war: gegen die Gnosis festzulegen, daß es nicht bloß einen ätherischen Christus gab in der Zeit des Mysteriums von Golgatha, sondern daß dieser Christus wirklich verbunden war mit dem Menschen Jesus von Nazareth, nicht vermischt, aber verbunden. Es mußte also auf der einen Seite festgelegt werden, daß der Christus zusammenhing mit dem Geistigen, und auf der andern Seite, daß der Christus zusammenhing mit dem Jesus von Nazareth, der natürlichen Entwickelung auf der Erde, und daß, wenn sich das Leiden, das Sterben, das Auferstehen und alles das vollzogen hat, was noch geschehen wird in Anlehnung an das Mysterium von Golgatha, daß das nicht etwas ist, woran der Christus nicht teilnimmt, sondern daß er wirklich im Leibe leidet. Die Gnostiker mußten leugnen, daß der Christus im Leibe gelitten hat, weil er ja nicht mit dem Leibe verbunden war; es war nur ein Scheinleiden für die Gnostiker, wenigstens für gewisse Gnostiker. - Demgegenüber sollte festgestellt werden, daß der Christus mit dem Leib wirklich so verbunden war, daß er im Leibe litt. Also all die Ereignisse, die sich auf dem äußeren physischen Plan vollzogen hatten, sollten verbunden werden mit dem Christus. Daher: Ich glaube an Jesus Christus, den eingeborenen Sohn Gottes, geboren aus dem Heiligen Geist und Maria der Jungfrau, der gelitten hat unter Pontius Pilatus, gestorben ist, am dritten Tage auferstanden ist, der in den Himmel aufgefahren - das heißt: wieder geistig geworden - ist, der da sitzet zur Rechten des Vaters, zu richten die Lebendigen und die Toten. Man kann nun sagen: Am nächsten kamen die Gnostiker noch dem Geiste, der zunächst als ein bloß Spirituelles anzusehen ist. Aber er ist ein Spirituelles insofern, als er zwar jetzt ein Spirituelles darstellt, aber sich allmählich verwirklichen muß im menschlichen Zusammenleben in dem sozialen Gebilde, das während der Jupiter-, Venus-, Vulkanzeit entsteht, wo der Heilige Geist sich verkörpert, jetzt nicht in einem einzelnen Menschen, sondern in der ganzen Menschheit, in der Konfiguration der Gesellschaft. Aber er ist jetzt erst im Anfang. Doch die Gnostiker konnten am ehesten verstehen, daß etwas nur spirituelles Dasein hat, nicht in das Materielle eingreift. Daher lag im Grunde genommen dem Gott der Gnostiker der Heilige Geist am allernächsten.  Dies Christentum aber, das sich auf die Erde versetzen wollte, das nicht wollte, daß man den Geist verluziferisiert, in ihm nur etwas Spirituelles sieht, dies Christentum mußte jetzt auch den Glauben an den Geist festlegen als etwas, was mit dem Materiellen zusammenhängt: Ich glaube an den Heiligen Geist, an die heilige Kirche. - Das ist jetzt im Apostolikum darin, das heißt: die Kirche als ein großer physischer Leib des Heiligen Geistes. Dieses Christentum durfte auch nicht das Leben im Geiste als etwas bloß Innerliches betrachten, sondern mußte den Geist äußerlich realisiert haben durch die Sündenvergebung, indem die Kirche selber das Amt der Sündenvergebung und außerdem die Lehre von der fleischlichen Auferstehung übernahm: Ich glaube an den Heiligen Geist, an die heilige Kirche, an die Sündenvergebung, an des Fleisches Auferstehung. So ist ja das Credo etwa im 4. Jahrhundert. Es waren also lauter Barrikaden gegen die Gnosis, und es hängt die Art und Weise, wie diese drei Teile des Apostolikums gefaßt sind, eng zusammen, wie so etwas: der Fluß ist aus der Quelle durch den Bach, oder: die Frucht ist aus der Wurzel durch den Sprossen entstanden. - Ein ungeheures Streben ist in jener Zeit, zu erfassen, wie der Geist mit dem Materiellen, das in der Welt sich ausbreitet, zusammenhängt, wie man das Geistige zusammen denken kann mit dem Materiellen, die Trinität zusammen.denken kann mit dem äußerlich im Materiellen sich Ausbreitenden. Das wird gesucht; das wird intensiv gesucht. Aber wenn man sich entgegenhält, was da alles in dem heute völlig unverständlich gewordenen Apostolikum lebt, so muß man sagen: es lebt da darin noch der Nachklang der alten hellseherischen Begriffe, der nur im Ersterben ist, und deshalb gewinnt die Sache nicht die alten lebendigen Formen, die sie hätte gewinnen können, wenn man mit früheren hellseherischen Begriffen die Trinität und das Apostolikum hatte begreifen können, sondern es ist ein Anfang, das Materielle mit dem Geistigen zugleich zu fassen. Es gibt heute sehr viele Menschen, die sagen: Wozu befaßt man sich mit dieser alten Dogma tik? Da haben die Leute doch nur mit allerlei spintisierten Begriffen herumsinniert, aber daraus kann doch kein Mensch klug werden, das ist alles eitel Träumerei. - Wenn man genauer zusieht, so findet man allerdings, daß hinter dieser eitlen Träumerei ein  gewaltiges Ringen steht, um das zu erfassen, was gerade aktuell geworden war für die Welt durch das Mysterium von Golgatha auf der einen Seite und durch das Abhandenkommen der alten hellseherischen Erkenntnis, das sachte Abfluten der alten hellseherischen Erkenntnis auf der andern Seite. Nun geht die Entwickelung weiter, und es geschieht jetzt ein etwas Ähnliches, wie schon in älteren Zeiten geschehen ist, als aus der einen "Wurzel der Mysterien heraus, wo noch Kunst und Religion und Wissenschaft eines waren, sich die drei herausentwickelt haben. Jetzt strebt wiederum dasjenige, was in jener gemeinsamen Wurzel ist, die man durch das Apostolikum zu erfassen suchte, in die Dreiheit auseinander. Ich will nun versuchen, diese weitere Entwickelung so darzustellen, wie man es heute darstellen kann, ohne daß man allzuviel Anstoß erregt. Denn würde ich dasjenige, was da zu sagen ist, so ohne weiteres mitteilen, so würde doch mancher Kopf scheu dadurch werden. In drei getrennten Strömungen entwickelte sich jetzt innerhalb der abendländischen Kultur dasjenige, was von einer Einheit ausging. Das heißt, eine Strömung war besonders geeignet, den Geist, den Heiligen Geist zu erfassen, eine Strömung mehr den Sohn, den Christus, und eine Strömung mehr den Vater. Und das Kuriose ist dabei, daß immer mehr in getrennten Läufen der Entwickelung sich herausbildet die Heilig Geist-Strömung, die Christus-Strömung, und die Vaterströmung, aber einseitig. Denn natürlich, allseitig kann man es nur durchdringen, wenn man alle drei zusammen hat. Bildet man das, was als Dreiheit zu begreifen ist, so einseitig aus, dann entstehen Schwierigkeiten der Entwickelung; dann bleiben manche Dinge aus, und anderes degeneriert. Nun bildete sich das Folgende: Es trennte sich nach und nach die gemeinsame Entwickelung so, daß deutlich weiterging eine Entwickelungsströmung, welche vorzugsweise nach dem Heiligen Geist hingerichtet ist - nicht als zeitlich erste; die zeitlich erste ist natürlich das Zusammengehen -, und das ist diejenige, die heute noch immer wesentlich verkörpert ist in der russisch-orthodoxen Kirche. So sonderbar das ist, so ist das doch das Wesentliche der russisch-orthodoxen Kirche, daß sie vorzugsweise nur des Heiligen Geistes pflegt. Und Sie werden aus der Art und Weise, wie zum Beispiel Solowjew über Christus spricht,  erkennen, daß er vorzugsweise bewandert ist, das Christentum von der Seite des Heiligen Geistes zu fassen. Es kommt nicht darauf an, ob er nun bewußt über Christus spricht oder nicht, sondern, welcher Geist in ihm waltet, welchen Sinn er mit den Dingen verbindet. Auf das Innere kommt es dabei an, insbesondere auch auf die Art und Weise, wie untrennbar er die äußere soziale Ordnung der Kirche im Verhältnis zu dem betrachtet, was gelehrt wird und Kultus ist. Das ist ganz aus dem Wesen des Heiligen Geistes heraus. Die Urkirche hat allerdings dieses bloße Wissen aus dem Heiligen Geist heraus vermeiden wollen, indem sie die Trinitat im Credo aufgestellt hat und zu dem Heiligen Geist den Christus und den Vater hinzugefügt hat. Aber diese drei müssen sich was ja auch Solowjews Ideal ist — wieder zu einer Art Synthesis zusammenfinden. Die zweite Strömung war diejenige, die sich mehr dazu ausbildete, den Christus zu pflegen; die zwar allerlei über den Heiligen Geist brachte, aber im wesentlichen den Christus pflegt. Es ist diejenige Kirche, die sich im Abendland von Rom aus weiter verbreitete und die Tendenz hatte, vorzugsweise den Christus zu pflegen. Denken Sie sich, in bezug auf alle Gebiete, wo diese Kirche tätig war, hat sie im Grunde den Christus pflegen wollen; wo Sie hinschauen: den Christus; wo Sie hinschauen, ist diese Kirche bedeutsam in der einseitigen Pflege des mittleren Glaubensartikels des Credos. Nur in der neueren Zeit versucht diese Kirche dann das Vaterprinzip mit zu durchdringen. Aber weil man nicht den eigentlichen inneren Zusammenhang kennt, so bekommt man kein rechtes Verhältnis zwischen dem Christus und dem Vater heraus. Und dieses nicht richtige Erkennen des Verhältnisses zwischen Christus und dem Vater, das ist dasjenige, was alle Diskussionen im modernen Protestantismus verursacht. Es drängt von dem Christus zu dem Vater hin. Wieder gerade in unserer Zeit kann man das beobachten. Die traurigen Ereignisse der Gegenwart haben auch das gebracht, daß einzelne Seelen, vielmehr zahlreiche Seelen, durch diese Ereignisse von religiösem Bewußtsein durchdrungen worden sind; man kann das nachweisen. Aber, sehr wenig herrscht der Christus bei diesem Aufleuchten des neuen religiösen Bewußtseins; viel mehr das Vaterprinzip, das allgemeine Gottesprinzip, womit das Vaterprinzip gemeint  ist. Der etwas richtig in der Welt beobachten kann, dem kann das überall auffallen. Ich möchte Ihnen nur ein kleines Symptom schildern. Während unseres letzten Aufenthalts in Berlin starb ein liebes Mitglied, das in Berlin kremiert wurde. Ich stellte die Bedingung - aus den obwaltenden Verhältnissen heraus war es notwendig -, daß ein Pastor sprach. Das war ein sehr lieber Mann, der sehr einverstanden war, daß ich nachher etwas sprach. Aber siehe da, er hielt nun wirklich eine seelenergreifende Rede, und man hatte so das Gefühl, wie er von Gott dem Vater sprach, daß er tief innerlich seelisch sprach. Und die ganze Zeit hörte ich ihm zu und stellte fest: Das ist eigentlich eine Bestätigung desjenigen, was einem im allgemeinen die Geisteswissenschaft zeigen muß: Der Christus ist gepflegt worden, jetzt ist man irre geworden; wenn man vom religiösen Leben spricht, kommt man nurmehr zum Vaterprinzip. - Viele Briefe, die aus dem Felde kommen, deren Schreiber sich religiös vertieften, sie sprechen wenig von Christus, überall von dem Prinzip, das man als das Vaterprinzip ansehen muß. - Wer sich damit beschäftigt, kann dies sehen. - Und dann zum Schluß, weil Weihnachten vor der Türe stand, erwähnte der Pastor den Christus. Das war so an den Haaren herbeigezogen, weil er nun als Christ fand, es könnte sich empfehlen, von Christus zu sprechen. Man konnte gar keinen Anklang und Sinn dabei finden. - Und solche Erscheinungen mehren sich jetzt alle Augenblicke. Es gibt eben noch eine dritte Strömung, wo einseitig das Vaterprinzip gepflegt wird. Und nun können Sie sich denken: Die zwei Grundsäulen, die gegen die einseitige Pflege des Vaterprinzips durch das Apostolikum aufgerichtet waren, der Christus und der Heilige Geist, müssen wegbleiben, wenn einseitig bloß das Vaterprinzip gepflegt wird. Andererseits ist das Vaterprinzip hingestellt worden im Apostolikum, um hinzudeuten darauf, daß auch die materielle Welt eine göttliche ist. Das einseitige Vaterprinzip, ganz einseitig, wird in derjenigen Geistesströmung gepflegt, die an Darwin, an Haeckel und so weiter anknüpft. Das ist die einseitige Entwickelung des Vaterprinzips. Und Haeckel mag sich noch so sehr dagegen wehren, daß er aus der Religion herausgeboren ist: er ist nur eben so aus der Religion herausgeboren durch einseitiges Ausbilden des Vaterprinzips, wie andere  Religionsströmungen durch einseitiges Herausbilden des Heiligen Geistoder des Christus-Prinzips geboren sind. Und im Grunde genommen erscheint es einem recht oberflächlich, wenn die Leute davon sprechen, daß man sich bei den ersten Konzilien nur um dogmatische Begriffe herumgeschlagen habe. Diese dogmatischen Begriffe sind nicht bloß dogmatische Begriffe, sondern sie sind das äußere Symbolum für tiefe Gegensätze, die in der europäischen Menschheit leben, für jene Gegensätze, die da leben in denjenigen, die vorzugsweise veranlagt sind als Heilige-Geist-Menschen, veranlagt sind als Christus-Menschen, veranlagt sind als Vatermenschen. Tief ethnographisch in der Natur der europäischen Welt ist auch diese Differenzierung begriffen. Und insoferne in den ersten Jahrhunderten der christlichen Verkündigung die Menschen auf ganz Europa hingesehen haben, haben sie ein Credo aufgestellt, welches die Trinität in sich begreift. Gewiß, jede Einseitigkeit kann die andere Seite mit sich bringen, doch sie muß es nicht. Aber die Menschheit muß durch mancherlei Prüfungen hindurchgehen, muß durch mancherlei Einseitigkeiten hindurchgehen, um aus den Einseitigkeiten heraus sich zur Totalität, zur Ganzheit zu finden. Und man muß dann wohl auch den guten Willen haben, die Dinge in ihrem tieferen Gehalt, in ihrer tieferen Essenz zu studieren. Wenn man drei Schichten, drei Strömungen des europäischen Geisteslebens, die sich so charakterisieren lassen, wie ich es eben getan habe, in ihrer tieferen Essenz studieren wird, dann wird man sehen: Die Differenzierung ist tief in die seelische Faserung der Menschen hineingegangen, und man wird vieles verstehen lernen, was, wenn man es nicht versteht, nur wie ein schmerzliches Rätsel vor uns stehen kann. Man möchte sagen: So, wie vor Tertullian sich die Einheit in der Dreiheit hingestellt hat, so lebten in dem, wie sich das Eine in Drei symptomatisch aussprach, drei hauptsächlichste europäische Menschheitsbedürfnisse, insofern sie sich nach dem religiösen Leben richteten, und so etwas wie die Bildung des Schismas zwischen der weströmischen und der oströmischen Kirche, der römischen und der griechischen, der orthodoxen Kirche, das ist nur der äußere Ausdruck für die Notwendigkeit, die in dem Impuls liegt, der sich nach verschiedenen Seiten hin gabeln muß.  In diesem Sinne wird Geisteswissenschaft so manches im menschlichen Leben begreiflich machen. Indem sie auf diese Weise versucht, immer tiefer hineinzuleuchten in die menschlichen Zusammenhänge, in die Zusammenhänge innerhalb der ganzen Menschheitsentwickelung, steht sie heute natürlich recht unverstanden da. Denn immer mehr und immer deutlicher bildet sich die Zeit heraus in der äußeren Welt, die nichts von Geisteswissenschaft wissen will, eine Zeit, in welcher ein tieferes Verstehen auch des Geschichtlichen gar nicht mehr angestrebt wird; in welcher jeder dem nur nachgeht, was er nach seinem subjektiven Dafürhalten, nach seinen persönlichen Sympathien oder Antipathien eben für wahr halten will. Selbstverständlich muß gerade in einer solchen Zeit Geisteswissenschaft da sein, denn das Pendel der Entwicklung muß nach der andern Seite ausschlagen. Aber ebenso selbstverständlich ist es, daß Geisteswissenschaft in einer solchen Zeit viel mißverstanden werden wird. Und wir müssen wirklich uns klar sein darüber, wie vieles in unserer Zeit lebt dahingehend, daß der Mensch die Objektivität, den Überblick, die Überschau gar nicht sucht, sondern daß er aus seinen Neigungen heraus vorschnell urteilt. Es ist wirklich so, daß im Grunde genommen auf der einen Seite die tiefe Notwendigkeit vorliegen würde, außerordentlich viel aus der geistigen Welt heraus zu sagen, daß es aber außerordentlich schwierig ist, sich gerade in unserer unmittelbaren Gegenwart verständlich zu machen. Niemals so stark wie in unserer unmittelbaren Gegenwart lebten die Menschen gewissermaßen in der allgemeinen Aura, deren sie sich gar nicht bewußt sind. Ich bin tief überzeugt, wenn ich so sage, daß vieles in unserer Zeit ungesagt bleiben muß: Es werden sich viele finden, die das selbstverständlich finden, daß sie nun dazu geeignet sind, vielleicht in einem kleineren Kreise, dasjenige zu hören, was sonst nicht gesagt werden kann. Allein diese Meinung ist ganz irrtümlich. Gewiß können viele die Sehnsucht haben, jetzt manches von dem zu vernehmen, was vielleicht erst in Jahren möglich ist, der Menschheit zu sagen. Aber man muß sich klar sein, daß wir heute in der Zeit leben, wo das Urteil nicht erst gefällt wird, wenn ein Wort mit seiner Bedeutung an unsere Seele herankommt, sondern wo das Urteil schon gefällt ist, bevor das Wort an unsere Seele herankommt. Die Art, wie das Wort aufgenommen  wird, ist in unserer Zeit zum größten Teil schon fertig, wenn das Wort ans Ohr klingt und von der Seele noch nicht aufgenommen ist. Man hat nicht mehr die Zeit, nach der Bedeutung zu fragen, so aufgewühlt sind gegenwärtig die Leidenschaften, die Emotionen der Menschen durch die bedrückenden Ereignisse, in die wir hineinversetzt worden sind, und manches Wort konnte nur geduldet werden dadurch, daß es in unserer Gegenwart ausgesprochen wird. Wir können in unserer Gegenwart nichts anderes tun, als uns dies immer wieder ganz klarzumachen, daß es darauf ankommt, daß sich eine Anzahl von Menschen findet, die feststehen auf dem Boden desjenigen, was wir uns durch unsere Geisteswissenschaft schon erringen konnten; die fest und treu auf diesem Boden stehen und die Hoffnung hegen können, daß dieses fest und treu auf dem Boden der Geisteswissenschaft Stehen für die Entwickelung der Menschheit in einer gewissen Zeit wichtig und wesentlich werden kann. Es wird gewiß die Zeit kommen, wo - da nun einmal schon viele Leidenschaften aufgerührt sind - etwas wie eine große Frage die Atmosphäre, in der unsere geisteswissenschaftliche Strömung lebt, durchziehen wird. Man wird diese Frage nicht deutlich vernehmen, aber vielleicht werden deutlich die Wirkungen sein. Auch die Antworten werden nicht deutlich in Worten gegeben werden, aber in bezug auf die äußeren Geschehnisse werden sie vielleicht sehr deutlich sein. Es wird so etwas, ohne in Worte gefaßt zu sein, durch die geisteswissenschaftliche Strömung raunen, wie: Soll ich mitgehen oder soll ich nicht mitgehen? - Und mit in der Antwort wird das sprechen, was die Menschen getrieben hat aus der Sensation heraus, aus der Sympathie mit den allgemeinen Empfindungen, die aus der Geisteswissenschaft kommen. Aus vielen Nebenempfindungen heraus wird das kommen, was zu der Antwort drängen wird, die nicht klar gefaßt sein wird, die nicht sich einfach ausspricht dadurch, daß man sagen wird: mir hat die Geisteswissenschaft gefallen, jetzt haben sich mir andere Empfindungen hineingemischt, jetzt gefällt sie mir nicht mehr -, sondern man wird in Masken auftreten und allerlei Gründe suchen, die man vielleicht an vielen Seiten auseinandersetzen wird. Das Wesentliche wird daran sein, daß einem früher die Geisteswissenschaft gefallen hat, jetzt nicht mehr gefällt, was sehr viel  mit Schwärmerei zu tun hat, mit Sensation, mit allerlei seelischen Wollustgefühlen und so weiter. In einem gewissen Sinne wird schon gerade aus den Emotionen der Gegenwart heraus immer mehr sich so etwas ergeben, wie: Ich gehe mit - und: Ich gehe nicht mit. - Allein im Inneren ist unsere Geisteswissenschaft unbesiegbar, ganz unbesiegbar. Und das, worauf wir zu sehen haben, ist, daß sich wenigstens einige finden, in deren Herzen sie fest verankert ist, aber verankert nicht aus Sympathie und Vorliebe, aus Gefallen und Sensation heraus, aus Eitelkeit und Schwärmerei heraus, sondern deshalb, weil die Seele mit ihr als mit ihrer Wahrheit verbunden ist, und weil die Seele keine Schwierigkeiten scheut, in den Wahrheitskern der Welt einzutreten. Manches wird ganz abfallen; aber vielleicht wird das, was danach bleibt, um so bedeutsamer und sicherer sein. Dieses ist zu bedenken, wenn jetzt immer wieder betont werden muß, daß wir, bis friedlichere Zeiten über unsere kultivierten Länder heraufziehen, auf sehr vieles verzichten müssen, was vielleicht gerade zum Verständnis unserer Gegenwart sehr nützlich wäre, was aber aus der charakterisierten Art unserer Zeit eben wirklich jetzt nicht vor die Menschheit gebracht werden kann. Diese Worte möchte ich zur Erklärung dessen sprechen, daß manches gerade in den letzten Vorträgen nur andeutungsweise gesagt worden ist. Allein ich möchte noch eines bemerken. Gerade wenn das wahr ist und es ist ja wahr -, daß wir heute in der Zeit leben, wo das Wort schon zum Urteil geführt hat, bevor es noch an die Seele gekommen ist, so können viele mit dem Werkzeuge dessen, was die Geisteswissenschaft ihnen schon gibt, aus den Ereignissen der Gegenwart vieles lernen. Gerade aus dem, was um uns herum geschieht, kann viel gelernt werden, wenn man es tiefer ansieht, wenn man sieht, wie heute der äußeren Menschheit fast ganz abhandengekommen ist die Möglichkeit, nach irgendeiner Objektivität zu urteilen, wie nur aus den Emotionen heraus die Urteile erfließen, die dasjenige durchziehen, was durch die Kulturwelt gegeben ist. Und wenn man nach dem Grund sieht, warum dies so ist, wenn man diesen Grund schwirren sieht in der Menschenaura der Gegenwart und dann weiß, wie das Wort eben schon ein Urteil ist, bevor es in die Seele kommt, dann kann man gerade mit dem Instrument der Geisteswissenschaft auch aus den Ereignissen der Gegenwart  viel lernen. Und lernen sollen wir, wenn wir in die Lage kommen sollen, in Wirklichkeit ein Werkzeug zu werden-als Gesellschaft für diese Geisteswissenschaft. Das Beispiel, das heute angeführt worden ist, wie ein Mensch, der unsere Gesellschaft treffen will, eine vierte Strophe zitiert und die dritte wegläßt, ja, meine lieben Freunde, wenn Sie nach den Gründen der Gegnerschaften, die sich gegen uns erheben, suchen: überall sind sie zu finden. Sie müssen überall in der Oberflächlichkeit gesucht werden, in der ganz ungeheuren Oberflächlichkeit. Überall ist sozusagen eine vierte Strophe gesehen und eine dritte Strophe übersehen, bildlich gesprochen. Nur viele unter uns glauben das noch immer nicht. Viele unter uns glauben noch immer, daß sie gut tun, wenn sie zu dem oder jenem gehen und ihm erzählen: Ich bin doch so geistig geworden durch unsere Geisteswissenschaft, daß ich selbst meinem draußen im Felde kämpfenden Mann vorlese, und ich weiß, daß ihm das hilft. - Dann kommen die Leute selbstverständlich und verwenden das gegen uns. Oder wenn man den Leuten erzählt, was wir hören mußten, was hinausgetragen wurde als die «Nathanaelgeschichte» und so weiter. Daß solche Dinge überhaupt geschehen, daß wirklich aus unserer Mitte diese Dinge hinausgetragen werden, das geschieht zunächst scheinbar aus gutem Willen heraus, aber aus einem guten Willen, der mit einer gewissen Naivität verbunden ist, aber einer Naivität, die grenzenlos hochmütig ist, weil sie sich als Naivität nicht erkennt und nicht erkennen will, sondern sich als Person so wichtig nimmt, daß sie es für das Allernötigste hält, den oder jenen - von dem sie, wenn sie nicht so naiv wäre, wüßte, es ist nichts zu machen — bekehren will. Das ist so unendlich wichtig, daß man einsehen kann, daß zuweilen die Naivität sich in grenzenlosem Hochmut mit einer Mission begabt fühlt. Und niemand nimmt einem in der Regel etwas mehr übel als der Naive, der glaubt, das Allerbeste zu tun, wenn er aus einer gewissen Schwärmerei heraus das Absurde tut. Und es ist ja, wenn Sie die Sache nehmen, schon einmal notwendig, daß wir wenigstens das aus der Geisteswissenschaft heraus gewinnen, daß wir uns bescheiden im Denken. Wenn das Denken wirklich so danebenhauen kann, wie ich es heute klarzumachen versuchte, warum sollen wir denn immer, wenn wir uns dies oder jenes eingebohrt haben  in unser Gehirn, warum sollen wir denn daran durchaus glauben, daß das eine unumstößliche Wahrheit ist? Und warum sollen wir das denn dann gleich, als wie von einer Mission getragen, in die Welt hinausposaunen? Warum sollen wir uns denn nicht entschließen, erst etwas Wirkliches zu lernen und aus der geistigen Wissenschaft einen gewissen inneren Lebendigkeitsimpuls zu bekommen, als nur den, den wir bekommen, wenn wir daran nippen? Daher kann nicht oft genug an den Ernst, an den tiefen Ernst appelliert werden, der uns durchziehen muß, und der uns immer sagen muß: Und glaubst du noch so sehr an dein Urteil nach irgendeiner Richtung, du mußt es prüfen, denn es könnte danebenhauen. - Wenn wir all das berücksichtigen und noch manches andere - es kann ja nicht immer alles gesagt werden -, dann werden wir wirklich nach und nach eine Anzahl von Menschen sein, in deren Innerem das lebt, was so unpersönlich ist, wie die wichtigsten Impulse auch in der Gegenwart doch unpersönlich sein müssen, wenn sie gegen die bloß persönlichen Impulse aufkommen wollen, die heute die Welt durchwellen und durchwallen. Von solchen Empfindungen und Gefühlen wollte ich zu Ihren Seelen sprechen, da wir uns jetzt ein paar Wochen nicht treffen werden. Ich wollte Ihnen auch noch in den letzten Stunden vor diesen Wochen, wo wir nicht miteinander sprechen können, ein größeres Tableau geben, dadurch, daß ich aufrollte eine Seite in der ursprünglichen Entwickelung des Christentums und in ihrem Auseinandergehen in verschiedene Strömungen. Ich bin überzeugt davon, wenn Sie über die Entwickelung des Christentums in den bisherigen Jahrhunderten noch so viel studieren, Sie werden an dem, was heute gesagt worden ist, einen Leitfaden haben, der Ihnen unendlich vieles klarmachen wird in den äußeren Erscheinungen. Und in den äußeren Erscheinungen werden Sie umgekehrt, wenn Sie sie wirklich ernsthaft betrachten, überall die Bestätigung für dasjenige finden, was ich heute nur andeuten konnte. So wäre es gut, wenn wir so etwas wie eine Art Meditationsstoff benützen könnten, der uns Probleme und Rätsel vor die Seele stellen kann, deren Lösung wir, jeder nach seinem Vermögen, versuchen können. Selbstverständlich wird der eine das nur mit flüchtigeren Gedanken tun können, minutenweise, dem andern wird es näherliegen, sich mit etwas bekanntzu machen, was Aufklärung bringen kann über dasjenige, worauf da hingedeutet worden ist. Aber eine Anregung kann jeder dann haben, wenn versucht wird, ich möchte sagen, die wellenden Gedanken zu entwickeln, die durch die Jahrhunderte hindurchgehen und die doch wesentlich an dem beteiligt sind, was in der Gegenwart vor uns hintritt, so daß die Notwendigkeit vorliegt, es zu verstehen. Ich weiß, daß in Wirklichkeit niemand unsere leidvolle Gegenwart versteht, der nicht die Gegensätze alle kennenlernt, die auf ganz naturgemäße Weise im Laufe der europäischen Entwickelung heraufgekommen sind. Aber wenn man dasjenige, was heute über die Weltenlage geurteilt wird, mit dem vergleicht, was objektiv richtig ist und nur erkannt werden kann, wenn man all die Kräfte kennt, die in die Entwickelung eingegriffen haben, und die nur die Betrachtung der Geschichte auch in geistiger Beziehung ergeben kann, wenn man die heutigen Urteile mit dem vergleicht, was zum wirklichen Urteil führt, dann bekommt man tief, tief schmerzliche Gefühle. Nicht nur schmerzliche Gefühle über dasjenige, meine lieben Freunde, was heute geschieht, sondern über die Schwierigkeiten, die sich ergeben, um über das hinauszukommen, was heute geschieht. Und es muß hinausgekommen werden! Und je besser Sie einsehen werden, daß ein tiefes geisteswissenschaftliches Erkennen der Entwickelungskräfte der Menschheit auf allen Gebieten notwendig ist, ohne daß wir dabei unsere Emotionen persönlicher Art mitsprechen lassen, je mehr ein solches Erkennen der Entwickelungsimpulse durch die Geisteswissenschaft erstrebt wird, je mehr Sie erkennen, wie wichtig es ist, durch die Geisteswissenschaft diese Impulse zu erkennen und in Ihrer Seele zu beleben, desto besser werden Sie zu denjenigen Seelen gehören, die feststehen können auf dem Boden, auf dem heute festgestanden werden muß, wenn das erreicht werden soll, was eigentlich vermöge einer inneren, notwendigen Forderung der menschlichen Entwickelungsgeheimnisse geschehen muß. Zu Ihren Empfindungen, Ihren Gefühlen möchte ich sprechen, damit Geisteswissenschaft in diese Empfindungen, in diese Gefühle einziehe und darin fest verankert werde, und es Menschen gebe, wie es sie geben soll und wie es sie geben muß, wenn wir in der Entwickelung der Menschheit weiterkommen wollen. In aller Bescheidenheit müssen wir  dies denken, aber in dieser Bescheidenheit müssen wir es tun, denn es ist nicht geeignet, uns zum Größenwahn zu erziehen, sondern nur geeignet, in uns das Bedürfnis zu erzeugen, möglichst viel Kraft und möglichst viel Intensität darauf zu verwenden, so recht zu durchdringen das, was sich geistig verwirklichen will in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit.  H I N W E I S E Die in dem vorliegenden Band gesammelten Vorträge erschienen erstmals 1968 in dieser Zusammenstellung. Der Titel des Bandes sowie die Titel der einzelnen Vorträge stammen nicht von Rudolf Steiner. Soweit Vorträge des Bandes früher von Marie Steiner herausgegeben wurden (siehe unten), sind die von ihr gewählten Titel übernommen worden. Textunterlagen: Die Vorträge wurden von Helene Finckh mitgeschrieben, der späteren offiziellen Stenographin der Vorträge Rudolf Steiners. Diese Nachschriften gehören zu ihren ersten, noch inoffiziellen Arbeiten und weisen noch einige Mängel auf. Insbesondere der Vortrag vom 15. Januar 1916 enthält einige Lücken, die zum Teil aus einer anderen Nachschrift ergänzt werden konnten. Für die vorliegende Neuauflage wurde der Text mit den Originalstenogrammen verglichen und entsprechend berichtigt. Die Zeichnungen im Text wurden nach den Notizen der Stenographin von Hedwig Frey angefertigt. Originaltafelzeichnungen Rudolf Steiners aus den Jahren 1915 und 1916 sind leider nicht erhalten. Folgende Vorträge wurden in Zeitschriften veröffentlicht: Dornach, 26. Dezember 1915 in «Das Goetheanum» 1928, 7. Jg. Nr. 52 Dornach, 27. Dezember 1915 in «Das Goetheanum» 1935, 14. Jg. Nrn. 50-52 Basel, 28. Dezember 1915 in «Nachrichtenblatt» 1931, 8. Jg. Nrn. 51-52; ferner in «Geger wart» 1959/60, 21. Jg. Nr. 8/9 Dornach, 28. Dezember 1915 in «Nachrichtenblatt» 1936, 13. Jg. Nrn. 3-6 Dornach, 31. Dezember 1915 in «Das Goetheanum» 1931, 10. Jg. Nr. 52 Dornach, 1. Januar 1916 in «Das Goetheanum» 1936, 15. Jg. Nrn. 1-2 Dornach, 2. Januar 1916 in «Nachrichtenblatt» 1949, 26. Jg. Nrn. 1-3 Dornach, 6. Januar 1916 in «Nachrichtenblatt» 1938, 15. Jg. Nrn. 26-27 Dornach, 7. Januar 1916 in «Nachrichtenblatt» 1938, 15. Jg. Nrn. 27-29 Bern, 9. Januar 1916 in «Nachrichtenblatt» 1925, 2. Jg. Nrn. 24-28 Dornach, 15. Januar 1916 in «Nachrichtenblatt» 1937,14. Jg. Nrn. 47-48 Dornach, 16. Januar 1916 in «Nachrichtenblatt» 1937, 14. Jg. Nrn. 49-51 Einzelausgaben: Berlin, 19. Dezember 1915: «Die goldene Legende und ein deutsches Weihnachtsspiel», Berlin 1916; «Der Weihnachtsgedanke und das Geheimnis des Ich. Der Baum des Kreuzes und die goldene Legende. Entstehung der Krippen- und Hirtenspiele», Dornach 1935, 1969, 1977. Dornach, 26., 27. und 28. Dezember 1915: «Über alte Weihnachtsspiele und eine verklungene Geistesströmung der Menschheit», Berlin 1917 Dornach, 31. Dezember 1915, 1. und 2. Januar 1916: «NeuJahrsbetrachtungen», Berlin 1917 Bern, 9. Januar 1916: «Die geistige Vereinigung der Menschheit durch den Christus-Impuls», Freiburg i. Br. 1953  Werke Rudolf Steiners, welche innerhalb der Gesamtausgabe (GA) erschienen sind, werden in den Hinweisen mit der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch die Übersicht am Schluß des Bandes. zu Seite 9 Die einleitenden Gedenkworte sprach Rudolf Steiner während der Kriegs jähre vor jedem Vortrag in den vom Krieg betroffenen Ländern. 12 zu solchen Spielen: Siehe «Weihnachtspiele aus altem Volkstum - Die Oberuferer Spiele», Sonderdruck aus GA Bibl.-Nr. 43; ferner «Ansprachen zu den Weihnachtspielen aus altem Volkstum», GA Bibl.-Nr. 274. 12 ff. Zu der Legende vom Ursprung des Kreuzes: Siehe Rudolf Steiner, «Bilder okkulter Siegel und Säulen. Der Münchner Kongreß Pfingsten 1907 und seine Auswirkungen», GA Bibl.-Nr. 284/285, 1977, S. 185ff.: Sonderhinweis zur «Goldenen Legende» und zu den beiden Säulen sowie «Die Tempellegende und die Goldene Legende», GA Bibl.-Nr. 93, insbesondere den Vortrag vom 29. Mai 1905. 17 in der Weise, wie wir es wissen: Siehe Rudolf Steiner, «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit», GA Bibl.-Nr. 15. «Lasset die Kindlein zu mir kommen»: Matth. 19, 14; Mark. 10, 14; Luk. 18, 16. 18 Karl Julius Schroer, 1825-1900, Germanist. Professor an der Technischen Hochschule in Wien, Lehrer und väterlicher Freund Rudolf Steiners. Siehe «Mein Lebensgang», GA Bibl.-Nr. 28; «Briefe» Band I, GA Bibl.-Nr. 38; «Vom Menschenrätsel», GA Bibl.-Nr. 20; «Methodische Grundlagen der Anthroposophie», GA Bibl.-Nr. 30. 19 Karl Weinhold, 1823-1901, Germanist. «Weihnachtsspiele und Volkslieder aus Süddeutschland und Schlesien», 1853. 21 Heliand: Altsächsische Evangelienharmonie in Stabreimen, um 830 entstanden. Vgl. Rudolf Steiner, «Der Baldur-Mythos und das Karfreitags-Mysterium», 2 Vorträge, Dornach, 2. und 3. April 1915, enthalten in «Wege der geistigen Erkenntnis und der Erneuerung künstlerischer Weltanschauung», GA Bibl.-Nr. 161. 22 Ernst Haeckel, 1834-1919. «Ewigkeit. Weltkriegsgedanken über Leben und Tod, Religion und Entwicklungslehre», Berlin 1915. 27 über Johann Gottlieh Fichte: «Fichtes Geist mitten unter uns», Berlin, 16. Dezember 1915, in «Aus dem mitteleuropäischen Geistesleben», GA Bibl.-Nr. 65. Sonderdruck Dornach 1962. 29 einer hat es mit schönen Worten ausgesprochen: Siehe Fichtes Werke, herausgegeben von LH. Fichte, Berlin 1845-46, 8. Band, Seite 461 ff.; 2 Sonette. 33 Dem Vortrag vom 26. Dezember 1915 ging die Aufführung eines pfälzischen Hirtenspiels und des Oberuferer Dreikönigsspiels voran. - Die Worte zu Beginn des Vortrages, die dem Gedenken der Münchner Zweigleiterin Sophie Stinde gewidmet waren, finden sich im Band «Unsere Toten», GA Bibl.-Nr. 261. 36 Franz von Assisi, 1182-1226. Siehe u.a. Rudolf Steiner, «Das Prinzip der spirituellen Ökonomie im Zusammenhang mit Wiederverkörperungsfragen», GA Bibl. Nr. 109/111; «Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit», GA Bibl.-Nr. 130; «Christus und die menschliche Seele», GA Bibl.-Nr. 155. 37 im vorigen Weihnachtsvortrage: «Das Weihnachtsfest des erneuerten ChristusVerständnisses», Dornach 1935, in «Okkultes Lesen und okkultes Hören», GA Bibl.-Nr. 156. 38- Die drei Weihnachtslieder sind entnommen dem Kapitel «Christus in der geistlichen 41 Dichtung des Mittelalters» aus «Jesus im Urteil der Jahrhunderte» von Gustav Pfannmüller, Berlin/Leipzig 1980. 38 «Des menschgewordnen Gottessohnes Ehre...»: Von Walafried Strabo, Abt von Reichenau, lebte bis 849. 39 «Der Gottessohn, von Ewigkeit erzeugt...»: Sequenz von Notker Balbulus, lebte um 830-912, Abt in St. Gallen. 40 «Er ist gewaltic unde starc...»: Deutsches Weihnachtslied aus dem 12. Jahrhundert aus der Paris-Heidelberger Liederhandschrift. 42 das Wort «Jüngern»: Siehe u. a. Vortrag, Berlin, 7. Dezember 1915, in «Schicksalsbildung und Leben nach dem Tode», GA Bibl.-Nr. 157a. 45 Irenäus, gestorben nach 190, griechischer Kirchenvater. Polykarp, gestorben um 155 als Märtyrer, Bischof von Smyrna. 46 Ambrosius, um 340-397, lateinischer Kirchenlehrer, Gegner der Arianer. Augustinus, 354-430. Deutsche Auswahl seiner Werke in der «Bibliothek der Kirchenväter», seit 1911. Johannes Scotus Erigena, um 840-877, «De divisione naturae», deutsch von Noack, 1870-77. 47 einige spärliche Reste: Siehe «Koptisch-gnostische Schriften», hg. von Carl Schmidt, Leipzig 1905. 53 der Bischof der Materie von Jena ist Ernst Haeckel. 56 Die Zitate aus der Pistis-Sophia sind der im Hinweis zu Seite 38 genannten Sammlung Pfannmüller entnommen. Sie sind in dem von Rudolf Steiner vorgetragenen Wortlaut wiedergegeben, d. h. mit einigen kleinen, von ihm selbst vorgenommenen Ubersetzungsverbesserungen. 60 Valentinus, gestorben um 160, stammte aus Ägypten und wirkte etwa seit 135 in Rom. 62 Clemens von Alexandrien, gestorben 215. «Cohortatio ad Graecos», «Paedagogus», «Stromateis», deutsche Ausgabe von Stählin, 1905ff. Origenes, um 185-254, Schüler des Clemens von Alexandrien, später des Ammonius Sakkas. Deutsche Gesamtausgabe seiner Werke von Lommatzsch, 25 Bde, Berlin 1831-48. 65 Jahve im brennenden Dornbusch: 2. Mos. 3, 2ff. ein Schema von dieser Gnosis: Das von Rudolf Steiner aufgezeichnete Schema ließ sich aus den spärlichen Angaben im Stenogramm leider nicht rekonstruieren.  Weitere Ausführungen über die Gnosis finden sich in Rudolf Steiners Vorträgen Leipzig, 28. und 29. Dezember 1913, enthalten in «Christus und die geistige Welt», GA Bibl.-Nr. 149, sowie Dornach, 15. Juli 1923 in «Kulturphänomene», GA Bibl.-Nr. 225. 66 «Der Mensch im Lichte von Okkultismus, Theosophie und Philosophie», GA Bibl.Nr. 137. 70 Johannes Tauler, um 1300-1361; Meister Eckhart, um 1260-1327. Siehe Rudolf Steiner, «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur modernen Weltanschauung», GA Bibl.-Nr. 7. den ganz umgestalteten ... Christus: Das Wort «umgestaltet» wurde von der Stenographin so übertragen. Es ist im Stenogramm nicht einwandfrei lesbar. 71 Rudolf Eucken, 1846-1926, Gymnasiallehrer, später Philosophieprofessor. Adolf von Harnack, 1851-1930. «Das Wesen des Christentums», Leipzig 1910. in einer Versammlung des Giordano-Bruno-Vereins: Giordano-Bruno-Bund für einheitliche Weltanschauung, Berlin. Näheres konnte nicht festgestellt werden. 72 Einer sagte mir einmal: Max Christlieb, 1862-1916, protestantischer Theologe. «Ecce Deus»: William Benjamin Smith, «Ecce Deus. Die urchristliche Lehre des rein göttlichen Christus», Jena 1911. 75 Karlsruher Vorträge: «Von Jesus zu Christus», GA Bibl.-Nr. 131. 76 der kleinen Schrift: Siehe Hinweis zu Seite 17. 81 haben Sie soeben gehört: Den Ausführungen von Rudolf Steiner war eine Ansprache von Michael Bauer vorangegangen. 82 die bedeutungsvollen Worte: 1. Mos. 2, 16-17. 86 Adalbert Stifter, 1805-1868. «Bergkristall», Erzählung. 98 Traum von Olaf Ästeson: «Welten-Neujahr. Das Traumlied vom Olaf Asteson», in «Der Zusammenhang des Menschen mit der elementarischen Welt», GA Bibl.Nr. 158. Sonderdruck Dornach 1967. 101 im Laufe dieses Herbstes: Siehe «Die okkulte Bewegung im 19. Jahrhundert und ihre Beziehung zur Weltkultur», GA Bibl.-Nr. 254. 102 «Recht und Gesetz...»: Faust I, 1972-1973. 103 Friedrich Albert Lange, 1828-1875. «Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart», Leipzig 1866. 105 Fritz Mauthner, 1849-1923. «Beiträge zu einer Kritik der Sprache», 3. Bde, 3. Auflage, Leipzig 1923. Ich habe Ihnen einige Pröbchen ... mitgeteilt: In den Dornacher Vorträgen 23. August bis 6. September 1915 «Zufall, Notwendigkeit und Vorsehung», GA Bibl.-Nr. 163. «ehrenwerte Männer sind sie alle»: Shakespeare, Julius Caesar, 3. Akt, 2. Szene.  105 daß diese Sinne Zufallssinne wären: «Unsere Sinne gar haben wir als Zufallssinne kennen gelernt, als Zufallsbreschen, welche die Wirklichkeitswelt in die zufällige Organisation des menschlichen Individuums gestoßen hat; und wir haben keine Gewähr dafür, ob der Magneteisenstein mit seinem hochentwickelten Sinn für die Elektrizität in seiner Art das Weltgeheimnis nicht besser miterlebe, als wir es tun können mit unseren sehenden Augen und hörenden Ohren.» «Beiträge» III. Band, Seite 526. 106 ein Nachbeter von Fritz Mautbner: Gustav Landauer, 1870-1919. «Skepsis und Mystik. Versuche im Anschluß an Mauthners Sprachkritik», Berlin 1903, Seite 12ff.: «Die Welt strömt auf uns zu, mit den paar armseligen Löchern unsrer Zufallssinne nehmen wir auf, was wir fassen können, und kleben es an unsern alten Wortvorrat fest, da wir nichts anders haben, womit wir es halten können. ... Diese Welt aber, die Natur in ihrer Sprachlosigkeit und Unaussprechbarkeit, ist unermeßlich reich gegen unsre sogenannte Weltanschauung, gegen das, was wir als Erkenntnis oder Sprache von der Natur schwatzen.» 110f.£?« Beispiel: Svante Arrhenius, 1859-1927. «Das Werden der Welten», 2. Band «Die Vorstellung vom Weltgebäude im Wandel der Zeiten». Aus dem Schwedischen übersetzt von L. Bamberger. 3. und 4. Tausend Leipzig 1909, Vorwort Seite IVff. 112 Verzeiht! es ist ein groß Ergetzen: Faust I, 570ff. 113 Sei er kein schellenlauter Tor: a. a. O. 549. 124 Stück aus der Pistis-Sophia-Schrift: Pistis Sophia, Kap. 58. «Koptisch-gnostische Schriften», siehe Hinweis zu Seite 56. 129 Eduard Engel, 1851-1941, Schriftsteller, schrieb vorwiegend über europäische Literaturgeschichte. Yblil.Nennen wir diesen Arzt... Professor Dr. Lbvius: Der Name dürfte eine Anspielung seix\ auf den Leipziger Nervenarzt und Dozenten Paul Julius Möbius, 1853-1907. Vgl. hierzu den ergänzenden Hinweis zum Vortrag vom 6. Januar 1916, «Die <Pathographie der Tantalidem» in «Nachrichten der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung» Nr. 22, Michaeli 1968, Seite 30. 137 Eduard von Hartmann, 1842-1906. Seine «Philosophie des Unbewußten», Berlin 1869, wurde von Anhängern des Darwinismus scharf kritisiert. Daraufhin veröffentlichte Hartmann anonym die Schrift «Das Unbewußte vom Standpunkt der Physiologie und Deszendenztheorie. Eine kritische Beleuchtung des naturphilosophischen Teils der Philosophie des Unbewußten», Berlin 1872. Nachdem Hartmanns Gegner diese Schrift als sachgemäße Widerlegung der «Philosophie des Unbewußten» begrüßt hatten, ließ dieser eine 2. Auflage unter seinem Namen mit einem entsprechenden Anhang erscheinen. Siehe Rudolf Steiner, «Methodische Grundlagen der Anthroposophie», GA Bibl.-Nr. 30, Seite 49f. 142 Versetzen Sie sich in den einzigen Augenblick: «Iphigenie auf Tauris», Erster Aufzug, Dritter Auftritt. 143 Sophokles, um 496-406 v. Chr. Äschylos, 525-456 v. Chr.  143 Henrik Ibsen, 1828-1901. «Sämtliche Werke» in deutscher Sprache hg. von Georg Brandes, Julius Elias, Paul Schlenter, 10 Bde, Berlin 1898-1905; Volksausgabe, 5 Bde, Berlin 1911. 146 Friedrich Nietzsche, 1844-1900. «Jenseits von Gut und Böse», Leipzig 1886. Vgl. Rudolf Steiner, «Friedrich Nietzsche - Ein Kämpfer gegen seine Zeit», GA Bibl.Nr. 5; «Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887-1901», GA Bibl.-Nr. 31, Seite 480f. 147 Wilhelm Ostwald, 1853-1932, Chemiker, Physiker und Philosoph. «Grundriß der Naturphilosophie», Leipzig 1908. 151 Wenn dir einer einen Streich auf die linke Wange gibt: Matth. 5, 39; Luk. 6, 29. 158 manches, was ich hier vorgebracht habe: Siehe «Der Mensch, ein Ergebnis des Zusammenwirkens von Luzifer und Ahriman». In «Der Zusammenhang des Menschen mit der elementarischen Welt», GA Bibl.-Nr. 158. 159 Schaffen von gewissen Formen: Siehe «Wege zu einem neuen Baustil», GA Bibl.Nr. 286; «Der Dornacher Bau als Wahrzeichen geschichtlichen Werdens und künstlerischer Umwandlungsimpulse», Dornach 1937, GA Bibl.-Nr. 287. 160 Haeckel: Siehe Hinweis zu Seite 22. 175 durch die beiden Jesus-Leiber: Siehe Hinweis zu Seite 17. 176 «Ich bin bei euch alle Tage»: Matth. 28, 20. «Torheit vor der göttlichen Weisheit»: 1. Kor. 3, 19. 178 daß Kant sogar nachgewiesen hat: « Kritik der reinen Vernunft», Riga 1781, Seite 420, 426 f. 181 Mittelpunktsstatue unseres Dornacher Baues: Die neun Meter hohe plastische Gruppe des Menschheitsrepräsentanten, ein von Rudolf Steiner geschaffenes Holzbildwerk, das den Brand des ersten Goetheanums überdauerte und im neuen Goetheanum aufgestellt ist. Siehe insbesondere «Der Baugedanke des Goetheanum», GA Bibl.-Nr. 290. 182 eines unserer Glasfenster: Siehe «Rudolf Steiners Entwürfe für die Glasfenster des Goetheanum», herausgegeben und eingeleitet von Assia Turgenieff, Gesamtausgabe Dornach 1962. 184 «Nicht ich, sondern der Christus in mir»: Gal. 2, 20. 186 «Du sollst Gott über alles Lieben»: Matth. 22, 37-40; Mark. 12, 30-31; Luk. 10, 27; Gal. 5, 14; Jak. 2, 8. 187 in den öffentlichen Vorträgen der letzten Tage: Basel, 12. Januar 1916 «Wie kann die Erforschung der übersinnlichen Wesenheit des Menschen bewirkt werden?», bisher nur gedruckt in «Die Drei» 1930/31, 10. Jg., Heft 12. Basel, 14. Januar 1916 «Die Harmonie zwischen Geistesforschung und Naturforschung und die Mißverständnisse über die erstere und den ihr gewidmeten Bau in Dornach», bisher nur gedruckt im «Nachrichtenblatt» 1939, 16. Jg., Nrn. 41-49.  188 wie ich es populär ausgedrückt habe ... die Statue, durch welche man die im gewöhnlichen Leben wirkende Logik verbildlichen kann: Im Basler Vortrag vom 12. Januar 1916 (vgl. Hinweis zu Seite 187) hatte Rudolf Steiner folgendes ausgeführt: «Das Denken nimmt unter dem Einflüsse der gemachten Übungen einen ganz anderen Charakter an. Es wird wirklich zu einer ganz anderen Seelenkraft. Und ich möchte durch einen Vergleich darauf hinweisen, wie überraschend diese Veränderung der Denktätigkeit wirken kann. Wenn man sich vorstellt, man habe eine Bildsäule, eine Statue, ein Skulpturwerk vor sich; das ist geformt. Man denke sich, es könnte der Moment eintreten, indem diese Bildsäule, dieses Skulpturwerk anfinge zu gehen, zu leben. Dann würde man zunächst etwas finden, was gegen die Gesetze der äußeren Natur verstößt. Das kann selbstverständlich nicht geschehen. Ich wollte das nur als Vergleich anführen, weil im Seelenleben etwas eintritt, das sich wohl damit vergleichen läßt. Bei den Gedanken, die man sonst im gewöhnlichen Leben hat, und die zu Erinnerungen führen, hat man ja vorzugsweise den Eindruck, im eigenen inneren Erleben den Eindruck, daß diese Gedanken passive Bilder sein müssen, die das Äußere abbilden, daß sie gewissermaßen innerlich nicht leben, und würden sie ein eigenes Leben führen, so würde sich das Seelenleben durch das innere Leben, durch das Eigenleben der Gedanken, in Phantasie, in Träumen, wenn nicht in Schlimmerem, wenn nicht in Halluziniertem ausleben. Im gewöhnlichen Seelenleben haben die Gedanken wirklich etwas, was sich vergleichen läßt mit den Formen, die eine Bildsäule hat. Mit der toten Statue kann in gewisser Weise das verglichen werden, was als Logik des Denkens in der gewöhnlichen Tätigkeit des Denkens abläuft, wo wir uns nicht bewußt werden der eigentlichen Tätigkeit im Denken, desjenigen, was die Gedanken verbindet, was sie zueinander bringt, was sie wieder trennt. Während die Statue nicht in Tätigkeit, in Leben übergehen kann, kann aber die innere Logik, das innere Weben und Leben der Gedanken nun ins Bewußtsein übergehen, kann innerlich lebendig werden; es kann gleichsam aus der Statue <Logik> eine innere lebendige logische Wesenheit werden, die man jetzt so fühlt, als lebte man sich in eine ganz andere Welt hinein. Von diesem Augenblick an weiß man: es hat sich dasjenige, was man zuerst von der Erinnerung losgeschält, losgelöst hat, die Denktätigkeit selber losgelöst von dem Angewiesensein auf die körperlichen Organe.» Thomas von Aquino, um 1225-1274, «Summa theologica», deutsch-lateinisch, hg. von H. Christmann, 36 Bde, 1934ff. Johannes Duns Scotus, 1266-1308, «Opera omnia», 26 Bde, Paris 1891-1895. 189 Vincenz Knauer, 1828-1894. Vgl. Titelaufsatz in «Philosophie und Anthroposophie», Bibl.-Nr. 35; «Methodische Grundlagen», GA Bibl.-Nr. 30; «Vom Menschenrätsel», GA Bibl.-Nr. 20. 191 David Hume, 1711-1776. 193 Renatus Cartesius, eigentlich Rene Descartes, 1596-1650. Nicole Malebranche, 1638-1715. John Stuart Mal, 1806-1873. Herbert Spencer, 1820-1903. Alphonse Gratry, 1805-1872.  193 aus einem solchen Buche ... oder aus manchem französischen Buch: Die Namen der von Rudolf Steiner hier genannten Autoren sind in den Aufzeichnungen der Stenographin unleserlich. 194 Graf Antonio Rosmini-Serbati, 1797-1855. Vincenzo Gioberti, 1801-1852. 195 in dem nachgelassenen Werk: «Teosofia», 5 Bde, 1859-1874. als ketzerisch erklärt: Die Schriften Rosminis waren teilweise schon 1849 auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt, 1854 jedoch freigegeben worden. Auf Betreiben der Jesuiten wurden 1887 40 Sätze Rosminis von der Inquisition verdammt. 197 die ästhetischen Begriffe Rosminis: Siehe Karl Werner «Idealistische Theorien des Schönen in der italienischen Philosophie des neunzehnten Jahrhunderts», Wien 1884. 199 Das nannten die Perser «Ferner» ... Die Ferner der Perser werden zu der platonischen Idee: Über die Feruer - auch Farohar, Frawachai oder Fravashi - siehe Otto Willmann, Geschichte des Idealismus, Band 1, Kapitel: Die Magierlehre, sowie Rudolf Steiners Vortrag vom 19. September 1909 in Basel, enthalten in «Das LukasEvangelium», GA Bibl.-Nr. 114. 202 Tertullian, geboren nach 150, gestorben um 222. Ältester lateinischer Kirchenschriftsteller, führte die lateinische Kirchensprache ein. Ausgewählte Schriften in «Bibliothek der Kirchenväter» Bd. 7 und 24, 2. Aufl. 1912-15. Basilides lebte um 120-140 in Alexandria. Marcion gehörte der christlichen Gemeinde in Rom an, aus der er 144 ausgeschlossen wurde. 204 Wenn Sie sich an gewisse Vorträge erinnern: Siehe «Die okkulte Bewegung im 19. Jahrhundert», GA Bibl.-Nr. 254. 208 Antinomien: Siehe Hinweis zu Seite 178. Michael Bauer, 1871-1929. Gehörte 1913-1921 dem Zentralvorstand der Anthroposophischen Gesellschaft an. 209 Matthias Claudius, 1740-1815. Abendlied aus dem «Wandsbeker Boten». 211 Daher bildete er das Wort: «Et mortuus est Dei filius; prorsus credibile, quia ineptum est», «Über das Fleisch Christi» 5, Migne 2, 806. 218 Wladimir Solowjew, 1853-1900. «Ausgewählte Werke». Aus dem Russischen von Harry Köhler (Harriet von Vacano), 4 Bde, Stuttgart 1921-1922. 221 Bildung des Schismas: Der jahrhundertealte dogmatische Gegensatz zwischen Ostund Westkirche führte 867 zum Bruch, nachdem Papst Nikolaus I. versucht hatte, durch seine Einmischung in die Erhebung des Photius zum Patriarchen von Konstantinopel die Vorrangstellung des Bischofs von Rom gehend zu machen. Die endgültige Trennung wurde vollzogen, als drei Legaten des Papstes Leo IX. in der Hagia Sophia mitten im Gottesdienst die Bannbulle gegen den Patriarchen Michael auf den Hauptaltar schleuderten. Vgl. Rudolf Steiner, «Die Grundimpulse des weltgeschichtlichen Werdens der Menschheit», GA Bibl.-Nr. 216, 8. Vortrag.  ÜBER DIE VORTRAGSNACHSCHRIFTEN Aus Rudolf Steiners Autobiographie «Mein Lebensgang» (35. Kap., 1925) Es liegen nun aus meinem anthroposophischen Wirken zwei Ergebnisse vor; erstens meine vor aller Welt veröffentlichten Bücher, zweitens eine große Reihe von Kursen, die zunächst als Privatdruck gedacht und verkäuflich nur an Mitglieder der Theosophischen (später Anthroposophischen) Gesellschaft sein sollten. Es waren dies Nachschriften, die bei den Vorträgen mehr oder weniger gut gemacht worden sind und die wegen mangelnder Zeit - nicht von mir korrigiert werden konnten. Mir wäre es am liebsten gewesen, wenn mündlich gesprochenes Wort mündlich gesprochenes Wort geblieben wäre. Aber die Mitglieder wollten den Privatdruck der Kurse. Und so kam er zustande. Hätte ich Zeit gehabt, die Dinge zu korrigieren, so hätte vom Anfange an die Einschränkung «Nur für Mitglieder» nicht zu bestehen gebraucht. Jetzt ist sie seit mehr als einem Jahre ja fallen gelassen. Hier in meinem «Lebensgang» ist notwendig, vor allem zu sagen, wie sich die beiden: meine veröffentlichten Bücher und diese Privatdrucke in das einfügen, was ich als Anthroposophie ausarbeitete. Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten für das Hinstellen der Anthroposophie vor das Bewußtsein der gegenwärtigen Zeit verfolgen will, der muß das an Hand der allgemein veröffentlichten Schriften tun. In ihnen setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, was an Erkenntnisstreben in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, was sich mir in «geistigem Schauen» immer mehr gestaltete, was zum Gebäude der Anthroposophie - allerdings in vieler Hinsicht in unvollkommener Art wurde. Neben diese Forderung, die «Anthroposophie» aufzubauen und dabei nur dem zu dienen, was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus der Geist-Welt der allgemeinen Bildungswelt von heute zu übergeben hat, trat nun aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was aus der Mitgliedschaft heraus als Seelenbedürfnis, als Geistessehnsucht sich offenbarte. Da war vor allem eine starke Neigung vorhanden, die Evangelien und den Schrift-Inhalt der Bibel überhaupt in dem Lichte dargestellt zu hö ren, das sich als das anthroposophische ergeben hatte. Man wollte in Kursen über diese der Menschheit gegebenen Offenbarungen hören. Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten wurden, kam dazu noch ein anderes. Bei diesen Vorträgen waren nur Mitglieder. Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen aus Anthroposophie bekannt. Man konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorgeschrittenen auf dem Gebiete der Anthroposophie. Die Haltung dieser internen Vorträge war eine solche, wie sie eben in Schriften nicht sein konnte, die ganz für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Ich durfte in internen Kreisen in einer Art über Dinge sprechen, die ich für die öffentliche Darstellung, wenn sie für sie von Anfang an bestimmt gewesen wären, hätte anders gestalten müssen. So liegt in der Zweiheit, den öffentlichen und den privaten Schriften, in der Tat etwas vor, das aus zwei verschiedenen Untergründen stammt. Die ganz öffentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was in mir rang und arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die Gesellschaft mit. Ich höre auf die Schwingungen im Seelenleben der Mitgliedschaft, und in meinem lebendigen Drinnenleben in dem, was ich da höre, entsteht die Haltung der Vorträge. Es ist nirgends auch nur in geringstem Maße etwas gesagt, was nicht reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie wäre. Von irgend einer Konzession an Vorurteile oder Vorempfindungen der Mitgliedschaft kann nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke liest, kann sie im vollsten Sinne eben als das nehmen, was Anthroposophie zu sagen hat. Deshalb konnte ja auch ohne Bedenken, als die Anklagen nach dieser Richtung zu drängend wurden, von der Einrichtung abgegangen werden, diese Drucke nur im Kreise der Mitgliedschaft zu verbreiten. Es wird eben nur hingenommen werden müssen, daß in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet. Ein Urteil über den Inhalt eines solchen Privatdruckes wird ja allerdings nur demjenigen zugestanden werden können, der kennt, was als Urteils-Voraussetzung angenommen wird. Und das ist für die allermeisten dieser Drucke mindestens die anthroposophische Erkenntnis des Menschen, des Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie dargestellt wird, und dessen, was als «anthroposophische Geschichte» in den Mitteilungen aus der Geist-Welt sich findet.