ga252 INHALT
An die Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft (Deutsche Sektion) und deren Freunde, den Johannes- bau in München betreffend
Broschüre, Ende Oktober 1911 17
Der Ursprung der Architektur aus dem Seelischen des Menschen und ihr Zusammenhang mit dem Gang der Menschheitsentwicklung (i)
Vortrag zur 1. Generalversammlung des Johannesbau-Vereins Berlin, 12. Dezember 1911 26
Der «Bau» als Wirkensstätte der Geisteswissenschaft. Tempelkunst in der urpersischen und babylonisch-assyrischen, ägyptischen und griechischen Kultur, der gotische Dom. Der vorderasiatische Tempel, ein sich aufrichtender Mensch. Die in der ägyptischen Pyramide eingeschlossenen Geheimnisse der Menschenseele. Der griechische Tempel, ein auf der Erde stehender, durchseelter Mcnschenleib. Das Rätsel des salomonischen Tempels. Der Tempel der Zukunft: der Mensch, der in seiner Seele den Geist empfängt. Die innere Raumgestaltung. Der aus dem Gesamtgeist des gegenwärtigen Menschheitszyklus zu findende zukünftige Baustil.
Der Ursprung der Architektur aus dem Seelischen des Menschen und ihr Zusammenhang mit dem Gang der Menschheitsentwicklung (ii)
Vortrag zur 2. Generalversammlung des Johannesbau-Vereins Berlin, 5. Februar 1913 47
Die Entwickelung der Architektur im Zusammenhang mit dem Gang der Menschheitsentwickelung. In Felsen eingehauene Höhlen als Vorstadium, entsprechend dem sich Einarbeiten der Empfindungsseele in den Empfindungsleib. Der Pyramidenbau als Ausdruck der ägyptischen Empfindungsseelcnkultur: Wechselvcrhältnis der Seele zu der sie umgebenden Welt. Die griechisch-romanische Baukunst als Repräsentant der Ausweitung und Bereicherung des seelischen Innern und des innerlichen sich Abschließens der griechisch-lateinischen Verstandes- und Gcmütsseclenkultur. Der gotische Dom als Repräsentant der Bewusstseinsseelenkultur durch das Heraustreten der Formen aus sich selbst. Der Johannesbau: Repräsentant des sich Einlcbens der Bewusstseinsseele in das Geistige. Die Erweiterung des Raumes zum Weltenraum durch die Überwindung des Materiellen. Gesichtspunkte zur
baulichen Gestaltung der anthroposophischen Kolonie in Dörnach.
An die Mitglieder der Anthroposophischen
Gesellschaft, den Johannesbau betreffend
Broschüre, basierend auf den Eingangsworten zum Vortrag vom 18. Mai 1913 in Stuttgart 62
Brief Rudolf Steiners an Alexander von Bernus Dörnach, 19. September 1913 70
Worte der Grundsteinlegung des ersten Goetheanums und anschliessende Ansprache
Dörnach, 20. September 1913 72
Der Grundstein als Sinnbild der strebenden Mcnschcnseclc wird zum Zeichen und schließlich in der Erde verhüllt. Die Grundsteinlegung als Gelöbnis. Das einstige urewige Evangelium und seine letzten Erinnerungen in der griechischen Kultur. Das unbestimmte Hoffen auf den Geist in der Gegenwart und die Fortsetzung der Geistesarbeit des Abendlands. Das Wort der Verkündigung aus dem Osten und die Antwort der Erkenntnis aus dem Westen. Das fünfte Evangelium und das makrokosmische Vaterunser.
Wortbeiträge Rudolf Steiners zur 3. Generalversammlung des Johannesbau-Vereins und der 1. ordentlichen Generalversammlung des Johannesbau-Vereins Dörnach
Basel, 22. September 1913 83
Ansprache Rudolf Steiners zur 3. Generalversammlung des Johannesbau-Vereins, zugleich 1. Generalversammlung des Johannesbau-Vereins Dörnach
Basel, 22. September 1913 88
Die Sprache des Karma bei der Grundsteinlegung. Rudolf Euckens Buch Können wir noch Christen sein? Die Antwort auf den Schrei der in Furcht vor dem Wissen sich sträubenden Menschenscele. Das Fünfte Evangelium und das Vaterunser der Erkenntnis gegenüber dem Vaterunser des Erlösungsflehcns.
Gesichtspunkte zur baulichen Gestaltung der Anthroposophenkolonie in Dörnach
Vortrag während der zweiten Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft
Berlin, 23. Januar 1914 94
Die Notwendigkeit, den Bau in Dörnach und die darum herum entstehenden Gebäude zu einem einheitlichen Ganzen zu gestalten. Das Glashaus, das Kesselhaus und die Wohnhäuser der Kolonisten. Der ideale Baustil für die Kolonistenhäuser: die äußere Form als Ausdruck der inneren Harmonie der darin Wohnenden.
Über den Johannesbau in Dörnach
Ansprache vor dem Vortrag am 14. April 1914 in Wien 105
Zum Ausfall der Sommerfestspiele und zur Arbeit am Dornacher Bau durch die Opferwilligkeit der Mitarbeiter. Der Bau als I lulle spiritueller Arbeit, griechischer Tempel, gotischer Dom. Ausblick in die Welt durch Erleben der Form. Spendenaufruf.
Ansprache nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs Dörnach, vordem Vortrag vom 13. August 1914 108
Vertrauen in die Kraft und Wirksamkeit des Geistes angesichts der hereinbrechenden Ereignisse. Der Grundsatz brüderlicher Gesinnung und das Hineinbauen von Friedensgedanken in den Bau durch Festhalten am Geist.
Vortrag am Vorabend des ersten Jahrestages der Grundsteinlegung des Johannesbaus
Dörnach, 19. September 1914 113
Der Bau als Wahrzeichen des Geisteslebens, das die Menschheit braucht; Bescheidenheit des Dienens statt Hochmut und Stolz. Das makrokosmische Vaterunser. Der freie Wille der Menschen als Voraussetzung für die Annahme des geistigen Lebens. Die Verzögerung bei der Fertigstellung des Baus durch den Weltkrieg. Der Glaube an die Sicghaftigkeit des Geistes. Hinweis auf den Volksseclenzyklus in Christiania: innere Konflikte der Wesensglieder. Das Motiv des Tempels der Mysteriendramcn: Jede Persönlichkeit an ihrem Platz. Das Ich im Verhältnis zu den anderen Wesensgliedern. Die Formen des Baus als Buchstaben einer Göttersprache. Die Nationalitätsidee als Folge des Materialismus. Steiners Karma der Heimatlosigkeit. Der libysche Krieg und die napoleonischen Feldzüge. Goethe über Napoleon und die Revolution. Boutroux und Bergson. Ein Artikel von Robert Michel.
Der Panslawismus. Die Kriegsmacht der kriegführenden Nationen. Maeterlincks Wandel. Bestehen der Prüfung durch Aneignung der richtigen Empfindung und Objektivität.
Vortrag zum ersten Jahrestag der Grundsteinlegung
DES JOHANNESBAUS
Dörnach, 20. September 1914 135
Gedenken an Christian Morgenstern und seine Beziehung zur Anthroposophie. Sein Leben nach seinem Tode. Hinweis auf das Schlusskapitel der Rätsel der Philosophie. Die drohende Ödnis und die Sehnsucht nach dem Geist: Hermann Grimm über Reinkarnation und die nötige Erweiterung des Geschichtsbegriffes. Das Christus-Motiv in der Kunst: am toten Punkt. Der Bau als Anfang einer christlichen Kunst. Hermann Grimm über die Signatur der Jahrtausende und den unbekannten Christus. Unerfreuliche Christusdarstellungen. Solowjow über die Halunken und das Publikum. Das Gelöbnis der Treue und der Grundstein im Herzen. Der Verbindung von Menschenseele und Erdenseele.
Diskussionsbeiträge Rudolf Steiners während DER 2. ORDENTLICHEN GENERALVERSAMMLUNG DES Johannesbau-Vereins Dörnach
Basel, 31. Dezember 1914 156
Diskussionsbeiträge Rudolf Steiners während DER 3. ORDENTLICHEN GENERALVERSAMMLUNG DES Johannesbau-Vereins Dörnach
Dörnach, 27. Dezember 1915 160
Rudolf Steiners handschriftliche Korrekturen im Entwurf der Statuten für den Dornacher Kolonistenverein
verabschiedet auf der 3. Generalversammlung des
Johannesbau-Vereins am 31. Dezember 1915 165
Diskussionsbeiträge Rudolf Steiners während DER 4. ORDENTLICHEN GENERALVERSAMMLUNG DES Johannesbau-Vereins Dörnach
Dörnach, 24. September 1916 177
Diskussionsbeiträge Rudolf Steiners sowie Worte ÜBER DIE PLASTISCHE GRUPPE WÄHREND DER J. ORDENTLICHEN Generalversammlung des Johannesbau-Vereins Dörnach
Dörnach, 21. Oktober 1917 183
Anregung, die Namen der Mitarbeiter am Bau zu dokumentieren. Zum Antrag der Umbenennung des Baus in Goetheanum. Das deutsche Wesen als Feind alles Organisierens. Gegen das Missverständnis, der Name Johannesbau deute auf die Johannes-Freimauerei. Die Einheitlichkeit des Baus und die geänderten Umstände bei der Verlegung des Projektes nach Dörnach: Divergenz von Innen- und Außenarchitektur. Zur Bezeichnung der plastischen Gruppe. Darstellung von rein Geistigem statt Naturalismus: Absehen von jedem Modell. Die Selbstvernichtung der Gebäudewände sowie die Gestaltung der Glasfenster und Kuppelmalereicn als Mittel zum Zusammenschluss mit der Welt. Selbstleuchtende Farben. Die Bildung der Haare durch das Licht. Schwierigkeiten bei der Entwicklung der Pflanzenfarben. Die Gruppe als erster Versuch, geistig sich Abspielendes künstlerisch zu gestalten.
Wortmeldung zur i. ausserordentlichen Generalversammlung des Johannesbauvereins Dörnach
Dörnach, I. November 1918 201
Wortmeldung zur 6. ordentlichen Generalversammlung des Johannesbau-Vereins Dörnach
Dörnach, 3. November 1918 202
Ansprache zur 6. Generalversammlung des Johannesbau-Vereins Dörnach
Dörnach, 3. November 1918 204
Dank an den Vorstand. Betonung des Anfangs und des Anfänglichen am Bau und der Anthroposophie. Ein zweiter Bau würde anders aussehen. Das freiere Urteil von Künstlern über die missglückten künstlerischen Versuche innerhalb der Gesellschaft. Künstlerische Formen sind wichtiger als abstrakte Interpretationen. Kunst aus den Wurzeln der Geisteswissenschaft heraus ist kein Ausdruck geisteswissenschaftlicher Ideen. Begründung für die Ablehnung der Anfrage, Rudolf Steiner möge die große Kuppel selber ausmalen. Zur Begründung der Treuhandgesellschaft. Bedeutung der Formalitäten. Persönlichkeiten sollten ihr Ansehen für den Ruf der Gesellschaft nutzen.
Ansprache zur 7. Generalversammlung des
Vereins des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft
Dörnach, 25. April 1920 217
Das Goetheanum als Angelegenheit der Welt. Eurythmie sollte nicht vom Bauprojekt getrennt werden. Zur Gründung des «Vereins des Goetheanismus»; Maxime des Arbeitens aus der Wirklichkeit heraus. Antrag, das Verhandelte zu publizieren. Arbeit an einer Publikation überden Bau für das Interesse der Öffentlichkeit. Zum Rechnungsabschluss: die Valuta der Mittelländer, der USA und der neutralen Länder. Vorblick auf den Herbstkurs und die nötige Unterstützung künftiger Veranstaltungen.
Worte zur Eröffnung des Goetheanums
Dörnach, 26. September 1920 227
Zum Ernst der Stunde. Gegen die Popularisierung der herrschenden Wissenschaft, die mit in den Niedergang hineingetrieben hat. Der Bau als Zeichen des Mitwirkens an der Menschheitsentwicklung. Die Einheit von Kunst, Wissenschaft und Religion in den alten Mysterien. Bewusstes Wiedererringen der verlorenen Geistigkeit. Akosmische Kunst, agnostische Wissenschaft, atheistische Religion. Erschauen des Übersinnlichen in der Kunst, Erfassen des Übersinnlichen in der Wissenschaft, Erleben des Übersinnlichen in der Religion als Aufgaben, denen der Bau gewidmet ist. Verbindung jugendlicher Kraft mit Ernst. Vorblick auf die Veranstaltungen: I lineintragen des Geistes in das Alltagsleben.
Bei der Eröffnung der Hochschulkurse am
Goetheanum
Autoreferat in der Goetheanum-Sondernummer der «Waldorf-Nachrichten«, 3. Jg., Nr. 4/5 (März 1921) 238
Die Opferwilligkeit der Beteiligten. Das Bedürfnis nach einer Einheit von Kunst, Wissenschaft und Religion. Die Natur schafft selbst künstlerisch. Geisteswissenschaft kann Kräfte entwickeln lassen, welche geistig Geschautes in Kunst verwirklichen. Religion als Folgeerleben von Kunst und Wissenschaft. Eine neue Wissensströmung muss in die Hörsäle geleitet werden.
Ansprache zur 8. Generalversammlung des
Vereins des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft
Dörnach, 27. Juni 1921 243
Zum Rechnungsabschluss: Drohender Baustopp aufgrund fehlender Finanzen. Neue Gegnerschaft; Fortschritte auf dem Gebiet der Kurse und der künstlerischen Veranstaltungen, Qualitätsschwund bei den Abenddiskussionen. Probleme bei den Neugründungen; Notwendigkeit des Zusammendenkens, Zusammenfühlens, Zusammenarbeitens mit der Zentrale als Mittel gegen die Gegnerschaft. Beispiel Wcltschul- verein. Abhängigkeit der spirituellen Leistungen von der Arbeit der Mitglieder. Entlastung des Zentrums.
Ansprache zur 9. Generalversammlung des Vereins des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft
Dörnach, 24. Juni 1922 250
Zur Bilanz. Die Verbreitung der Anthroposophie: Rückblick auf den Wiener Kongress. Positive Aufnahme der Eurythmie und Interesse für die Sprachgestaltung, Hemmnisse durch interne abfällige Beurteilung und verleumderische Zeitungsartikel. Sachlicher Erfolg ohne Zunahme der Mitgliedschaft und entsprechender finanzieller Unterstützung. Aufmerksamkeit muss auf die moralischen Untergründe der Bilanz gelenkt werden. Ungenügender Rückhalt für die Wochenschrift Das Goetheanum. Statt Gegner überzeugen zu wollen, sollten die guten Sachen unter die Leute gebracht werden. Schwierigkeiten mit Verklausulierungen beim Herankommen an die Bewegung. Nur Fragen an Steiner über Nebensachen, keine über Hauptsachen. Überschau statt Augenblickseinfälle. Richtiges Ausmünzen des Wiener Kongresses. Überarbeitung der Waldorflchrer statt Erweiterung des Kreises. Finanzielle Probleme bei der Neugründung von Waldorfschulen und der Ausbildung von Lehrern. Bildung einer öffentlichen Meinung. Notwendigkeit, Finanzen außerhalb der Bewegung einzuwerben. Hochmut der Anthroposophen.
Ansprache zur io. Generalversammlung des Vereins des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft
Dörnach, 17. Juni 1923 271
Rückblick auf die Brandkatastrophe. Ernst muss damit werden, dass Erfolg und Misserfolg im Grunde nichts bedeuten, sondern der Glaube an das, was als eigene Kraft geistiger Impulse aus dein Innern kommt. Das erste Goetheanum kann nicht wieder aufgerichtet werden; die Gelder aus der Versicherung sind keine Opfergelder mehr, der Neubau wird ein tragisch gebautes Goetheanum sein. Gegen eine Spende der Versicherungssumme für wohltätige Zwecke. Das Gegengewicht gegen das Tragische. Das scheinbare Verschwinden der Götter. Leben ohne Illusionen.
Ansprache zur internationalen Delegiertenversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft für den Wiederaufbau des Goetheanums
Dörnach, 21. Juli 1923 284
Gegen das abstrakte Broschürenschreiben. Der Bau ist nicht exiliert worden. Kein Hinweis von Steiners Seite aus auf Mächte, die hinter der Brandstiftung stünden. Was in Deutschland gesammelt wird, muss auch in Deutschland wieder ausgegeben werden. Proposition der Summe für den Wiederaufbau. Notwendigkeit einer moralischen Stützung der anthroposophischen Tätigkeit gegenüber der Welt und dem Ansturm der Gegner, insbesondere bei den entstehenden Tochtergründungen braucht es eine kompakte Gesellschaft. Notwendige Antworten als Abwehr gegen Angriffe.
Abschlussworte zur internationalen Delegiertenversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft für den Wiederaufbau des Goetheanums
Dörnach, 22. Juli 1923 293
Kein äußerliches Bild, sondern innerliches Intimwerden durch Liebe zum Wesen Anthroposophie. Der Entschluss zum Aufbau des Goetheanums kam einstmals nicht von Steiner, sondern von Freunden der Anthroposophie. Der physische und der notwendige moralische Fonds für den Wiederaufbau des Goetheanums.
Wortmeldungen Rudolf Steiners während der ii. ordentlichen Generalversammlung des Vereins des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft
Dörnach, 29. Juni 1924 297
Wortmeldungen Rudolf Steiners während der
3. ausserordentlichen Generalversammlung des
Vereins des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft
Dörnach, 29. Juni 1924, 11.00 Uhr 300
Notiz Rudolf Steiners auf der Rückseite des
Typoskriptes mit der Nachschrift der Versammlungen vom 29. Juni 1924
undatiert (nach dem 29. Juni 1924) 315
ANHANG
Dokumente 319
Zu dieser Ausgabe 322
Hinweise zum Text 527
Namenregister 363AN DIE MITGLIEDER DER
THEOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
(DEUTSCHE SEKTION)
UND DEREN FREUNDE, DEN JOHANNESBAU BETREFFEND
Broschüre, Ende Oktober 1911
Im Auftrage des Verwaltungsrates des Johannesbau-Vereins.
Wir sollten uns klar darüber sein: Solange wir gezwungen sind, in solchen Sälen zusammenzitkommen, deren Formen einer untergehenden Kultur angehören, muss unsere Arbeit mehr oder weniger doch das Schicksal dessen treffen, was dem Untergange geweiht ist. Die spirituelle Strömung wird erst die neue Kultur, die sie zu bringen berufen ist, heraufführen können, wenn es ihr vergönnt sein wird, zu wirken bis hinein in das rein physische Gestalten, selbst der Mauern, die uns umgeben. Und anders wird spirituelles Leben wirken, wenn es hinausfließt aus Räumen, deren Maße Geisteswissenschaft bestimmt, deren Formen aus Geisteswissenschaft erwachsen. Und Sie können überzeugt sein, Geisteswissenschaft würde im Sande verlaufen, wenn sie nicht die Herzen solcher Menschen fände, die bereit sind zu den Opfern, die ein Bau, wie der in München beabsichtigte, fordert.
(Aus der Stuttgarter Rede zur Grundsteinlegung des dortigen Logenhauses im Januar dieses Jahres)
Die Geisteswissenschaft kämpft mit Hindernissen, deren retardierende Kraft eine gefährliche geworden ist. Der Strom geistigen Lebens ist breiter und tiefer geworden. Die Zahl der Zuhörer wächst, und was an geisteswissenschaftlichen Wahrheiten heute verkündet wird, hat einen Charakter angenommen, dessen Intimität Weihestätten verlangt, statt der Tanz- und Konzertsäle, die ihrer Verkündigung heute noch dienen. Und wenn auch die starke Kraft, die unter uns wirkt, aller Hindernisse zu spotten scheint: Je stärker sie wirkt, desto mehr empfindet jeder das Widerspruchsvolle der Verhältnisse, und allerorten macht sich das Streben bemerkbar, eigene Räume zu schaffen, die das sich entfaltende Leben würdig aufnehmen und pflegen können.
Das gekennzeichnete Missverhältnis macht sich in München, wo die geisteswissenschaftliche Arbeit in den Mysterienspielen am stärksten auf äußere Hilfsmittel angewiesen ist und wo die größte Zahl der Zuhörer bei den Zyklen zusammenströmt, am stärksten geltend. Die Zyklusteilnehmer kennen aus eigener Anschauung einen Teil, allerdings nur den kleineren Teil unserer Schwierigkeiten; sie haben aber den Schilderungen entnehmen können, welche Hindernisse der Aufführung der Mysterienspiele auf den gemieteten Bühnen entgegenstehen.
Aber selbst wenn man alle diese äußeren Schwierigkeiten gering anschlüge, wenn man es hinnähme, dass viele unserer Freunde dem Zyklus ferne bleiben, weil die Verhältnisse, unter denen wir arbeiten, es ihnen unmöglich machen, mit der gebührenden Aufmerksamkeit zu folgen, wenn wir auch ruhig zusehen wollten, wie die beste Kraft sich in diesem Kampfe mit äußeren Hindernissen aufreibt, so dürfen wir doch nicht vergessen, dass diese Mächte der Hindernisse heute schon den besten Teil der Mysterienspiele unmöglich machen. Vielleicht ist den Zuschauern nicht zum Bewusstsein gekommen, was den Mitwirkenden nicht verborgen bleiben konnte: Mysterienspiele auf einer Bühne, die wenige Stunden zuvor und wenige Stunden nachher der Aufführung einer modernen Operette dient, müssen Spiel bleiben. Mysterien zur Wirklichkeit bringen darf nur in Weihestätten geschehen.
Die geisteswissenschaftliche Arbeit steht an der Stelle, wo sic in ihrer wundervollen Synthese von Kunst, Wissenschaft und Religion am unmittelbarsten und lebendigsten in die Geistigkeit hineinführen soll, vor Schranken, die ein «non licet» bedeuten. Denn die unverbrüchlichen Gesetze der geistigen Welt selbst verbieten weiteres Geben.
So fordern die Dinge in nicht misszuverstehender Deutlichkeit, so fordert die Notwendigkeit, durch die sich dem Goethespruch zufolge Gott offenbart, ein Werk von uns, das größer und schöner nicht gedacht werden kann und das nun, wie es mehr und mehr heraustritt, nicht allein praktischen Zwecken dient, sondern man möchte sagen Selbstzweck wird. Und dieser Selbstzweck ist der tiefere Sinn jener Sprache, in der die Notwendigkeit forderte - wenn anders wir richtig verstehen.
Architektur hat es zu tun mit denselben Kräften, die auch des Menschen physischen Leib gestalten. Der heutige Menschenlcib ist nach den Maßen gebaut, die in der Arche Noah vorgezeichnct waren; und die gotischen Dome präformierten die Körperlichkeit der Mystiker des späteren Mittelalters. So wirkt, was unsere Augen sehen und unsere Hände greifen, hinein in ferne Zukunft, Formen bildend, Schicksal bestimmend. Und es ist nicht gleichgültig, ob zukünftige Formen und Maße von den Prinzipien rein utilitaristischer Gegenwarts-Kultur diktiert werden, die für das, was kommen soll, Hindernisse über Hindernisse bedeuten, oder ob Körperformen gebildet werden, die in Harmonie stehen mit dem, was sich in Zukunft verwirklichen soll.
Und was für den Mikrokosmos gilt, hat seine entsprechende Bedeutung für den Makrokosmos. Wir wissen, dass wir an einem Zeitenwendepunkte stehen, der Außergewöhnliches von uns verlangt. Von dem, was wir tun, hängen Weltenschicksale ab. Es ist nicht gleichgültig, was wir tun.
Es mögen die hier angedeuteten Perspektiven zu kühn erscheinen; aber sie allein erklären die Worte, die im Januar dieses Jahres bei der Grundsteinlegung des Stuttgarter Logenhauses gesprochen wurden und die diesen Zeilen vorangesetzt sind. Diese Worte brachten uns die Verantwortung zu Bewusstsein, die auf uns ruht, die Verantwortung gegenüber den Mächten, welche die Welt gestalten. Und angesichts dieser Verantwortung mussten alle entgegenstehenden Bedenken schwinden.
Wir hören bei jedem Zyklus die Worte: «Wir können das Thema nicht erschöpfend behandeln; wir vermögen bei der Kürze der Zeit nur anzudeuten; wollten wir wirklich in die Intimitäten hineinführen, wir müssten Wochen und Monate zur Verfügung haben.»
Eine wechselnde Zuhörerschaft folgt den geisteswissenschaftlichen Lehren kurze Stunden, und von der kurzen Zeit muss die Hälfte und mehr darauf verwendet werden, Dinge zu sagen, die anderen- ortes schon gesagt wurden, die aber als Grundlagen unerlässlich sind, und so muss mühsam immer wieder fast von Grund auf begonnen werden, um dann erst ein Stück weiterbauen zu können. Und wir sind dankbar gewesen für dieses langsame Aufbauen, das uns erlaubte, die Fundamente einigermaßen zu festigen. Aber was in der Zeit des Elementarunterrichtes nötig war, das wird zum Verderben, wenn wir darangehen sollen, über die ersten Stufen hinaus Wissen und Erkenntnis zu vertiefen und zu erweitern. Und wir sehen uns auch hier vor die ernste Frage gestellt, ob wir die Arbeit an jenen toten Punkt kommen lassen wollen, wo sie wohl noch in die Breite, nicht aber weiter in die Tiefe wirken kann.
Der Gedanke einer Hochschule für Geisteswissenschaft ist die notwendige Konsequenz, die aus der Auslieferung des spirituellen Wissens, dessen unsere Zeit gewürdigt worden ist, gezogen werden muss. Es ist heute schon durchaus möglich, wenn wir die unter uns wirkenden Mitarbeiter Revue passieren lassen, für fast alle Einzelgebiete Lehrkräfte namhaft zu machen, die, soweit Erkundigungen vorliegen, gerne bereit wären, einen Lehrauftrag zu übernehmen. Damit aber würde Geisteswissenschaft erst der Aufgabe gerecht werden können, die ihr von Anfang an gestellt war: alle Gebiete des Lebens zu befruchten. Die Hochschule für Geisteswissenschaft wird das entwicklungsfähige Wissen der Akademien dort aufnehmen, wo seine offiziellen Vertreter es heute im Materialismus erstarren lassen und es hinaufführen zu dem Wissen vom Geiste und hineinleiten in jenen Tempel, in welchem seine Vereinigung mit Kunst und Religion das lebendige Mysterium ermöglicht.
Als im Jahre 1910 gelegentlich des Münchner Zyklus der «theosophisch-künstlerische Fonds» zur Sicherstellung der Mysterienspiele begründet wurde, geschah es mit voller Erkenntnis der Unerlässlichkeit eines eigenen Baues. Die Ausführung schien jedoch bei dem geringen Resultate der Sammlung in weite Ferne gerückt. Erst die Dringlichkeit der Sachlage, die uns durch die Stuttgarter Rede zu vollem Bewusstsein kam, zwang uns andere Wege zu suchen, welche die Ausführung ermöglichen könnten.
Der Gedanke, verzinsliches Kapital aufzunehmen, führte zunächst dazu, eine zinstragende Unterlage zu schaffen in Form von Mietshäusern für Theosophen, welche den beabsichtigten Bau umgeben und gegen die Straße decken sollten. Der Johannesbau-Verein, der sich im April dieses Jahres als eingetragener Verein mit den Rechten einer juristischen Person konstituierte, nahm die Bearbeitung des Projektes in die Hand. Er sah sich nach kurzer Zeit schon in der Lage, auf Grund von Zinsgarantien, die einige seiner Mitglieder bieten konnten, ein geeignetes Grundstück bei geringer Anzahlung, welche der theosophisch-künstlerische Fonds leistete, hypothekenfrei zu erwerben.
So konnte er hoffen, da das Grundstück, soweit es zu den Wohnbauten gehört, für die Belehnung mitrechnet, die Wohnbauten mit der von der Bank zu entnehmenden ersten Hypothek zu bauen und das Kapital der zweiten Hypothek dem «theosophisch-künstlerischen Fonds» für den Johannesbau zuzuleiten. Die Mieten ergeben über die Verzinsung hinaus erhebliche Überschüsse für die Amortisation. Sie stellen, wenn die Hypotheken amortisiert sind, eine dauernde Einnahme dar, welche allein genügen würde, um die Festspiele und den Betrieb der Hochschule für Geisteswissenschaft für die Zukunft sicherzustellen.
Da die Zinshäuser nur von Theosophen bewohnt werden sollen, so schaffen sie für den Zentralbau eine wünschenswerteste Umgebung, innerhalb derer allein ein starkes, spirituelles Zentrum entstehen kann; und sie bieten endlich für die Hochschule die unerlässliche Erweiterungsmöglichkeit.
So erweist der aus unserer Geldnot erwachsene Gedanke der Erstellung von Wohnbauten seine Berechtigung und Notwendigkeit in jeder Beziehung. Die Mitgliederbeiträge des Johannesbau-Vereines ermöglichen die für den Zentralbau aufzubringende Verzinsung und Amortisation. Eine Reihe von Vermächtnissen, die dem Johanncsbau- Vereine in Aussicht gestellt sind, gewähren Sicherheit für die Zukunft.
Trotz der genannten Unterlagen, welche der Johannesbau-Verein zu bieten hat, sind die aufgrund derselben aufgebrachten Kapitalien zur Durchführung des Projektes gänzlich ungenügend und auch der «theosophisch-künstlerische Fonds» bleibt hinter den Erwartungen zurück. Die ihm bei den Spielen 1911 zugeführten Gelder reichten nicht einmal aus, um das Defizit der Festspiele zu decken, sodass es von einem Mitgliede beglichen werden musste.
Wenn wir nach den Gründen dieser Haltung fragen, so müssen wir ja leider bestätigen, was bei der Grundsteinlegungsfeier in Stuttgart so herb an unser Ohr klang: Es fehlt vielfach noch an Verständnis für die Wichtigkeit und Notwendigkeit. Und als der Johannesbau- Verein ins Leben trat, bezeichnete er es als seine vornehmste Aufgabe, Verständnis zu erwerben und zu wecken. Und wir betrachten, soweit ein Werben für die Sache in Frage kommt, unsere Aufgabe als erfüllt, wenn wir Empfinden für die Schönheit und Erkenntnis für den Sinn und die Notwendigkeit des Johannesbaues geweckt haben, und wir müssen es denen, die uns hören, überlassen, ihr Wollen zu entzünden. Denn der Johannesbau soll sein eine freieste Tat höchster Erkenntnis und hingebungsvollster Liebe.
Es ist heute nur möglich, über die dem Johannesbau zugrunde liegenden Ideen einiges beizubringen; denn seine Formen sind uns nur in skizzenhaften Umrissen gegeben worden. Und mir scheint, dass die geistigen Welten erst mehr geben werden, wenn die Aufforderung, welche an uns ergangen ist, Antwort gefunden hat, die Aufforderung, in unserer Weise mitzubauen an der Gestaltung der Zukunft. Die einzige Antwort aber ist die Tat.
Wir durften in diesen Tagen der Einweihung des Stuttgarter Logenhauses beiwohnen. Und wenn es noch einer Bekräftigung unserer Absichten benötigte, so konnte sie bei dieser Feier uns werden. Anders klangen die Worte von den Lippen unseres Lehrers in den Weiheraum, der hervorgewachsen war aus den Gefühlen der Hingabe und Devotion an die Weisheit «des Geistes, dem wir dienen», und die Worte drangen tief hinein in den Raum, wie Hammerschläge, die den Widerhall in den Erdentiefen wecken.
Seit den Tagen der gotischen Dome konnte die Tempelkultur nur «unterirdisch», das heißt im Verborgenen wirken. Unsere Zeit sieht Eingeweihten-Kultur ans Tageslicht treten, und es ist nur logisch, dass der «unterirdische Tempel» zum «Sonnentempel» erhoben werde. Diejenigen, welche die Zeichen lesen, «in welchen sich das Weltenkarma offenbart», haben in nicht misszuverstehenden Worten und Taten zu erkennen gegeben: Es ist an der Zeit.
Unsere Arbeit verlangt zielbewusste geschlossene Einheitlichkeit.
Das Vorbild in Stuttgart soll seine Weiterentwicklung in München erfahren, und auf dieser Grundlage werden dann an anderen Orten gemäß der örtlichen Bedürfnisse die so wünschenswerten eigenen Stätten für die geisteswissenschaftliche Arbeit entstehen können. So dankenswert das Vorgehen Stuttgarts war, ebenso dankenswert ist das vorläufige Zurücktreten anderer Zweige zugunsten des Münchner Zentralbaues, wie es besonders von der Berliner Loge bei Gelegenheit der Einweihungsfeier in Stuttgart betätigt wurde. Damit ist in schönster Weise die Solidarität mit der in München angebahnten Idee bewährt, die seit ihrem ersten Auftreten auf die Mitwirkung aller verfügbaren Kräfte in Deutschland angewiesen war. Die Hochschule für Geisteswissenschaft und die Mysterienspiele sind Sache aller, denen die Durcharbeitung und Vertiefung des geisteswissenschaftlichen Lehrgutes und die Verinnerlichung des spirituellen Lebens am Herzen liegt. An diese alle wenden wir uns mit der Bitte, den großen Baugedanken durchführen zu helfen, dessen Verwirklichung unsere ernste Zeit so dringlich von uns fordert.
So möge auch die Art unserer Arbeit sein ein würdiges Abbild unseres Urbildes in der geistigen Welt.
Organisation:
Der im Jahre 1910 begründete theosophisch-künstlerische Fonds (Depot Fräulein von Sivers, Fräulein Stinde bei der Filiale München der Deutschen Bank) nimmt einmalige Spenden und Jahresbeiträge von beliebiger Höhe an.
Der «Johannesbau-Verein e. V.» nimmt außerordentliche Mitglieder (Jahresbeitrag mindestens 100 Mark) und beitragende Mitglieder (Jahresbeitrag mindestens 50 Mark) auf. Anmeldungen als Mitglied sind zu richten an einen der Vorsitzenden des Johannesbau-Vereins
I) Fräulein S. Stinde, München, Adalbertstrasse 55/s oder II) Herrn Maler Linde, Etzenhausen bei Dachau (Bayern).
Die Jahresbeiträge wolle man an das Schcckdcpot des Johannesbau-Vereins bei der Bayerischen Vereinsbank in München leiten. Die Erwerbung der Mitgliedschaft involviert keinerlei sonstige Verpflichtung oder Haftbarkeit.
Verhandlungen über Hypotheken-Darlehen sind zu pflegen mit dem Kassierer des Johannesbau-Vereins, dem Grafen Otto Lerchenfeld-Köfering, z. Zt. München, Schraudolfstr. 2 a.
Dcrjohannesbau-Vercin nimmt auch verzinsliche Darlehen - jedoch nicht unter 500 Mark auf; Verhandlungen hierüber ebenfalls mit dem Grafen Lerchenfeld. Alle Auskünfte erteilen die Schriftführer des Johannesbau-Vereins: Gräfin P. v. Kalckrcuth, Adalbertstraße 55/111 und Dr. E Peipers, München, Königinstrasse 69.
Wer also ein für alle Mal oder wiederholt in Jahresbeiträgen sein Schärflein liefern will, ohne Verzinsung oder sonstige Gegenleistung als Spende für den Bau und die theosophischen, beziehungsweise künstlerischen Darbietungen, der zahle an den «theosophisch-künstlerischen Fonds» bei der Filiale München der Deutschen Bank.
Wer durch Erwerbung der Mitgliedschaft des Johannesbau-Vereins sich dauernd an den Lasten des Johannesbaues beteiligen will, der leiste seine Beiträge an das Scheckdepot des Johannesbau-Vereins bei der Bayerischen Vereinsbank in München.
Man berücksichtige, dass beide Arten, die Sache zu fördern, notwendig und ersprießlich sind und es zum Beispiel nicht ausgeschlossen ist, dass jemand auf beide Arten zur Förderung beiträgt.
Das finanzielle Bild des Johannes-Baues stellt sich, in runden Summen, heute folgendermaßen dar:
Der Gesamtbedarf muss mit 1.600.000 Mark angenommen werden. Davon entfallen auf:
A. Grundankauf (mit Kosten) 400.000 Mk.
B. Wohnungsbauten 600.000 Mk.
C. Hochschule f. Geisteswissenschaft .... 600.000 Mk.
1.600.000 Mk.
ad. A.: Der größte Teil des Grundes im Gesamtwerte von 300.000 Mark wurde angekauft. Hierzu wurden vorhandene Mittel in der Höhe von 60.000 Mark aus dem theosophisch-künstlerischen Fonds zur Anzahlung verwendet. Der Restbetrag ist mit 4% zu verzinsen und innerhalb zwanzig Jahren abzuzahlen. Als Sicherheit wurde vom Verkäufer persönliche Zinsgarantie einzelner Mitglieder angenommen, sodass das so erworbene Grundstück unbelastet ist.
Ein noch erforderlicher kleiner Platz im Werte von 50.000 Mark ist noch anzukaufen; die Bedingungen sind fcstgelegt. Dieser Betrag soll ebenso wie die Kosten von 50.000 Mark durch zweite Hypothek auf die zu erstellenden Wohnhäuser aufgebracht werden. Der Zinsbedarf beträgt für den gesamten Baugrund mit Kosten inklusive hoher Annuität 22.000 Mk. p.a.
ad. B.: Die Wohnbauten verlangen 600.000 Mk. Kapital, welches in der Hauptsache auf erste Hypothek aufgenommen werden kann, worüber von einer ersten Hypothekenbank günstige Angebote vorliegen. Zinsbedarf incl. Annuität 30.000 Mk. p.a.
ad. C. Der Hochschulbau erfordert den gleichen Aufwand von 600.000 Mark. Von dieser Summe besitzt der theosophisch-künstlerische Fonds 40.000 Mark. Für 160.000 Mark ist hypothekarische Sicherheit, Zins- und Annuitäten-Zah- lung in Höhe von 8000 Mark möglich. 400.000 Mark sind ungedeckt.
Die jährlichen Unkosten sind auf 12.000 Mark berechnet.
Die Beschaffung der genannten Zinsen und Annuitäten im Gesamtbetrag von 75.000 Mark (22.000 + 30.000 + 8.000 + 12.000 Mark) geschieht durch die Mietseinnahmen (ca. 50.000 Mark) und die Beiträge zum Johannesbau-Verein resp. theosophisch-künstlerischen Fonds (gegenwärtig ca. 22.000 Mark).
Für etwaige Ausfälle in diesen Einnahmen stehen uns persönliche Zinsgarantien einzelner Mitglieder in der Höhe von 30.000 Mark zur Verfügung.
Um den Johannesbau zu ermöglichen, muss der ungedeckte Restbetrag von 400.000 Mark durch Spenden an den theosophisch-künstlerischen Fonds aufgebracht werden.
München, Ende Oktober 1911
Der Verwaltungsrat des
Johannesbau-VereinsDER URSPRUNG DER ARCHITEKTUR
AUS DEM SEELISCHEN DES MENSCHEN
UND IHR ZUSAMMENHANG MIT DEM GANG
DER MENSCHHEITSENTWICKLUNG
(I)
Vortrag zur 1. Generalversammlung des Johannesbau-Vereins
Rerlin, 12. Dezember 1911
Meine lieben theosophischen Freunde!
Der Johannesbau, insofern er umschließen soll die Wirkungsstätte unserer Geisteswissenschaft, soll etwas sein, was mit den Entwicklungsbedingungen der gesamten Menschheit rechnet. Und er wird entweder dieses sein, oder wird nicht dasjenige sein, was er eigentlich sein sollte. Bei einer solchen Angelegenheit hat man eine Verantwortung gegenüber alledem, was als geistige Gesetze, als geistige Mächte, als geistige Entwicklungsbedingungen der Menschheit uns bekannt ist und zu unserer Seele sprechen kann. Vor allen Dingen hat man auch eine Verantwortung gegenüber dem Urteil der zukünftigen Menschheit. Ein solches Verantwortlichkeitsgefühl ist in unserer Zeit, in dem gegenwärtigen Menschheitszyklus noch etwas ganz anderes, als es ein ähnliches Verantwortungsgefühl in den verflossenen Zeitaltern war.
Große, mächtige Kunst- und Kulturdenkmäler sprechen in der mannigfaltigsten Weise zu uns herüber aus dem Laufe der Zeit. Wie Kunst- und Kulturdenkmäler aus dem Laufe der Zeiten uns die inneren Verhältnisse der Menschenseelen in jenen Zeiten künden, darüber haben Sie eine schöne, bedeutungsvolle Betrachtung gerade heute Morgen von dieser Stelle aus gehört. Wenn wir in unserem Sinne über etwas sprechen sollen, was all den Menschen, die an jenen Kultur- und Kunstdenkmälern beteiligt waren, ihr Verantwortlichkeitsgefühl in einer gewissen Weise leichter machte, als es uns gemacht wird, wenn wir in unserer Sprache darüber sprechen wollen, dann müssen wir sagen: Diese Menschen der Vorzeit hatten noch andere Hilfen, als unser Zeitenzyklus sic hat; ihnen halfen die Götter, die, diesen Menschen unbewusst, in deren Unter- oder Unbewusstsein ihre eigenen Kräfte einströmen ließen. Und in einer gewissen Weise ist es Maya, wenn man glaubt, dass in den Denkapparaten oder in den Seelen derjenigen, welche die ägyptischen Pyramiden, die griechischen Tempel und andere Kunstwerke gebaut haben, allein diejenigen Gedankenformen, Impulse und Intentionen wirksam waren für dasjenige, was uns entgegentritt, was den Menschen im Laufe der Zeit entgegentrat in den Formen, den Farben und so weiter, denn Götter wirkten mit durch die Hände, durch die Hirne, durch die Herzen der Menschen.
Unsere Zeit ist, nachdem die vierte nachatlantische Kulturperiode vorübergegangen ist, der erste Zeitenzyklus, in welchem die Götter die Menschen auf ihre Freiheit hin prüfen, in welchem die Götter zwar ihre Hilfe nicht versagen, aber den Menschen nur dann entgegenkommen, wenn diese Menschen in eigenem freien Aufstreben aus ihrer individuellen Seele heraus, die sie erhalten haben nun durch genügend viele Inkarnationen, dasjenige aufnehmen, was von oben herunterströmt. Etwas Neues in dem Sinne haben wir auch zu schaffen, dass wir in ganz anderem Stile noch, als es in den verflossenen Zeiten der Fall war, aus den menschlichen Seelen in freier Selbsttätigkeit heraus schaffen müssen. Bewusstsein, das geboren ist mit der Bewusstseinsseele, welche das Charakteristiken unseres Zeitenzyklus ist, das ist die Signatur unserer Zeit. Und mit Bewusstsein, mit voll durchleuchtetem Bewusstsein, in welches nichts aufgenommen werden kann aus dem bloß Unterbewussten herauf, müssen wir schaffen, wenn die Zukunft von uns ähnliche Kulturdokumente erhalten soll, wie wir sie von der Vergangenheit erhalten haben. Daher geziemt es uns wohl, heute den Versuch zu machen, unser Bewusstsein anzuregen mit denjenigen Gedanken, die uns Licht bringen sollen über das, was wir zu tun haben. Und wir können nur etwas tun, wenn wir wissen, aus welchen Gesetzen, aus welchen spirituellen Grundimpulsen heraus wir handeln sollen. Das aber kann sich auf keinem anderen Wege ergeben, als wenn wir im Einklang arbeiten mit der gesamten Evolution der Menschheit.
Versuchen wir jetzt einmal, wenigstens ganz skizzenhaft, einige der Hauptgedanken vor unsere Seele hinzurücken, die uns befruchten können in Bezug auf das, was wir mit diesem neuartigen, nicht bloß neuen Werke schaffen sollen.
In gewisser Beziehung sollen wir ja einen Tempel bauen, der zugleich, etwa wie dies die alten Mysterientempcl waren, eine Lehrstätte ist. «Tempel» benennen wir immer im Laufe der Entwicklungsgeschichte der Menschheit alle die Kunstwerke, die dasjenige umschlossen, was den Menschen das Heiligste war. Und Sie haben ja heute Morgen schon gehört, in weicher Art die verschiedenen Zeiten im Tempel das Seelische zum Ausdruck brachten. Wenn man mit dem von der Seele durchwärmten Auge tiefer eingeht auf das, was man vom Tempelgebäude, vom Tempelkunstwerke kennen kann, so stellt sich denn doch eine große Verschiedenheit dar in den einzelnen Tempelkunstwerken. Und ich möchte sagen: Wie groß ist der Unterschied zu jenen Tempelkunstwerken, von denen allerdings äußerlich nur mehr wenig vorhanden ist, und die wir in ihrer Grundform, in ihrer ältesten Form, eigentlich nur entweder ahnen oder aus der Akasha-Chronik uns rekonstruieren können; jene Tempelformen, die wir als die der zweiten nachatlantischen Kulturperiode, herübergehend dann in die dritte, etwa bezeichnen können als die urpersischen Tempel, von denen nur etwas übergeflossen ist in die späteren Tempel, insofern sie von jener Gegend der Erde in ihrer Konfiguration beeinflusst sind. Ubergegangen ist etwas von ihnen in die babylonische, in die babylonisch-assyrische, überhaupt in die vorderasiatische Tempelkunst. Was war das Bedeutsamste jener Baukunst?
Außere Dokumente sprechen, wie gesagt, nicht gerade viel von dieser Baukunst. Aber selbst wenn man nicht eingehen kann auf die Dokumente der Akasha-Chronik, sondern auf sich wirken lässt, was aus einer späteren Zeit erhalten ist, und hinweist darauf, wie Tempelbauten in einer so frühen Zeit in dem Gebiete, von dem gesprochen worden ist, ausgesehen haben können, so muss man sich sagen: Bei diesen Tempeln kam ungeheuer viel, ja wohl alles auf die Fassade an, auf die Art und Weise, wie einem der Tempel sich präsentierte, wenn man zum Eingänge hin sich ihm nahte. Und würde man durch eine solche Fassade in das Innere des Tempels geschritten sein, so würde man in dem Tempel, je nachdem, ob man zu den mehr oder weniger profanen oder mehr oder weniger eingeweihten Persönlichkeiten gehört hätte, aber auf jeden Fall die Empfindung gehabt haben: Da sagt mir die Fassade etwas, was wie in einer geheimnisvollen Sprache gesprochen ist; und drinnen finde ich dasjenige, was sich ausdrücken wollte in der Fassade.
Und wenden wir den Blick von diesen für die nicht-akashachro- nikmäßige Forschung nur zu ahnenden Tempelbauten hinüber nach gewissen ägyptischen Tempeln oder anderen ägyptischen sakralen Bauten, wie den Pyramiden, so finden wir allerdings einen anderen Charakter. Wir nähern uns einem ägyptischen Tempelbau, und uns treten, geheimnisvoll grandios, Symbole, Kunstgebilde entgegen, die wir erst enträtseln müssen. Sphinxe, selbst die Obelisken, wir müssen sic erst enträtseln. Vor allen Dingen steht das Rätselhafte, dem wir uns in der Sphinx und in der Pyramide nähern, so vor uns, dass ein deutscher Denker, Hegel, diese Kunst geradezu «die Kunst des Rätsels» genannt hat.
In der eigentümlichen pyramidal ansteigenden Form, ohne viele äußere Fensteröffnungen, umschließt sich uns etwas, was schon durch seine ganze Umschließung sich ankündigt als ein Geheimnisvolles, das von außen, jedenfalls zunächst durch die Fassade, nicht anders verraten wird als dadurch, dass uns zunächst ein Rätsel aufgegeben wird. Und wir treten ein und finden, neben den geheimnisvollen Mitteilungen über allerlei Mysterien, geschrieben in der alten Mysterienschrift oder ihrer Nachfolgerin, im Allerhciligsten das, was des Menschen Herz und des Menschen Seele hinführen soll zu dem in tiefster Verborgenheit auch innerhalb des Tempels wohnenden Gott. Wir finden den Tempelbau als Umschließung des heiligsten Geheimnisses der Gottheit und wir finden auf der anderen Seite den Pyramidenbau selbst als Umschließung des heiligsten Geheimnisses der Menschheit: der Initiation, der Einweihung, als etwas, was sich von der Außenwelt abschließt, weil es sich abschließen soll in seinem inneren, geheimnisvollen Gehalte.
Wenden wir von diesem ägyptischen Tempel den Blick hinüber nach der griechischen Tempelkunst, so finden wir dort allerdings festgehalten den Grundgedanken vieler ägyptischer Tempel, indem wir diese griechischen Tempel aufzufassen haben als die Wohnung des Göttlich-Geistigen, aber wir finden zugleich den äußeren Tempelbau selber in der Weise fortgeschritten, dass er in einer wunderbaren Dynamik - nicht etwa bloß der Form, sondern der in den Formen lebenden inneren Kräfte - ein in sich Selbstständiges ist, wie in einer inneren Unendlichkeit, wie in einer inneren Vollendetheit. Da wohnt der griechische Gott in einem Tempelkunstwerk. In diesem Tempelkunstwerk, angefangen von den tragenden Säulen, die in jeder Weise in ihrer Dynamik sich als Träger erweisen und gerade so sind, dass sie das, was auf ihnen liegt, tragen können, ja tragen müssen, finden wir den Gott eingeschlossen in einem in sich Vollendeten; in einem, das innerhalb des Erdenseins ein in sich Unendliches darstellt, angefangen von dem Gröbsten bis in das Einzelnste hinein.
Und wir finden den Gedanken «des Menschen Teuerstes ausgedrückt im Tempelbau» festgehalten, wenn wir herankommen an den christlichen Tempelbau, der zunächst über einem Grabe oder auch über dem Grabe des Erlösers erbaut ist, der sich dann anglicdert dem in die Höhe strebenden Turm und so weiter. Aber hier tritt uns ein merkwürdiges neues Moment entgegen, ein Moment, das im Grunde genommen die spätere Tempelkunst, die christliche Tempelkunst, ganz und gar unterscheidet von der griechischen. Der griechische Tempel ist gerade dadurch ein so Charakteristisches, dass er eben ein in sich Abgeschlossenes ist, ein in sich dynamisch Vollendetes. Das ist keine christliche Kirche. Ich habe einmal den Ausdruck gebraucht: Ein Tempel der Pallas Athene oder des Apollon oder ein Zeus-Tempel braucht keine Menschenseele in seiner Nähe oder in seinem Innern, denn er ist zunächst gar nicht dazu veranlagt, dass ein Mensch in seiner Nähe oder in seinem Innern sein soll; sondern er soll dastehen in seiner grandios einsamen Unendlichkeit, bloß zeigend die Wohnung des Gottes. Der Gott wohnt in ihm, und dieses Wohnen des Gottes in ihm bildet seine in sich abgeschlossene Unendlichkeit. Und je weiter, möchte man sagen, die Menschen im
Umkreise entfernt sind von einem griechischen Tempel, desto echter wirkt ein griechischer Tempel. Lassen Sie mich das Paradoxon aussprechen, denn so ist der griechische Tempel gedacht, und das ist nicht der Fall bei einer christlichen Kirche: Die christliche Kirche fordert den Gläubigen mit seinen Empfindungs- und Gedankenformen; und was wir betreten als Raum, es sagt uns, wenn wir es näher studieren, in jeder dieser einzelnen Formen, dass es aufnehmen will die Gemeinde und die Gedanken und die Empfindungen und die Gefühle der Gemeinde. Und man hätte wohl kaum einen glücklicheren Instinkt entfalten können, als für den christlichen Tempel später das Wort «Dom» zu prägen, in welchem sich ausdrückt das Zusammendringen von Menschen, die «Beisammenheit» von Menschen, um das sonderbare Wort zu gebrauchen. «Dom» ist innig verwandt mit «tum», wie es sich etwa im Wort «Volkstum» als Nachsilbe zum Ausdruck bringt.
Und wenn wir den Blick weiter wenden, zur Gotik hin, wie könnten wir verkennen, dass die Gotik noch mehr dahin strebt, in ihren Formen etwas auszudrücken, was keineswegs so in sich abgeschlossen ist wie etwa der griechische Tempelbau. Man möchte sagen: Allüberall strebt die gotische Form über sich selbst hinaus, überall strebt sie darnach, etwas auszudrücken, was sich in dem Raume, in dem man ist, wie etwas Suchendes ausnimmt, wie etwas, das die Grenzen durchdringen und ins All sich verweben will. Hervorgegangen aus der Empfindung von dynamischen Verhältnissen sind allerdings die gotischen Bogenformen; aber wie selbstverständlich fügt sich in sie ein dasjenige, was über diese Formen selber hinausführt, sie gleichsam durchdringlich machen will, und was in einer gewissen Beziehung dadurch so wunderbar wirkt, dass wir als etwas Naturgemäßes in einem gotischen Bau empfinden können - nicht müssen - die vielfarbigen Fenster, die das Innere mit dem alldurchwebenden Licht geheimnisvoll in Verbindung setzen. Wie könnte es denn im äußeren Raumesweben etwas lichtvoll Grandioseres geben, als wenn wir in einem gotischen Dome stehen und durch die vielfarbigen Fenster das Licht webend in den Staub Wölkchen schauen! Wie könnte man grandioser empfinden das Wirken einer Raumesbegrenzung, die, über sich selbst hinausgehend, nach dem All und seinen Geheimnissen strebt, wie sie sich ausbreiten im großen Werden!
Wir haben den Blick schweifen lassen über eine längere Zeit tem- pelkünstlcrischer Entwicklung und uns ist aufgefallen, wie ganz regelmäßig, gesetzmäßig, die Tempelkunst in der Menschheitsevolution fortschreitet. Aber wir stehen in gewisser Weise vor einer Art Sphinx. Was liegt denn da zugrunde? Warum ist das gerade so geschehen? Gibt es eine Erklärung für die merkwürdige Fassade, die wir in Vor- derasien als die letzten Reste des ersten Stadiums der Tempelbaukunst, die ich anzudeuten versuchte, uns entgegentreten sehen mit den merkwürdigen geflügelten Tieren, mit den geflügelten Rädern, mit den merkwürdigen Säulen und Kapitellen, die uns etwas sagen, etwas Merkwürdiges sagen, und ganz dasselbe sagen in einer gewissen Weise, was wir in der Seele erleben, wenn wir in den Tempel hineintreten? Gibt es vielleicht etwas Rätselvolleres an äußerer Formenkunst als so etwas, wenn wir cs selbst in den Trümmern in einem heutigen Museum erblicken? Was hat denn das gemacht?
Es gibt eines, was uns sofort eine Erklärung gibt, was das gemacht hat. Aber diese Erklärung finden wir nicht anders, als wenn wir hineinschauen in die Gedanken und Kunstintentionen derjenigen, die an diesem Tempelbauen beteiligt waren. Das ist allerdings zunächst eine Sache, die nur mit Hilfe des Okkultismus zu lösen ist. Was ist letzten Endes ein vorderasiatischer Tempel? Wo tritt uns in der Welt ein Vorbild dafür entgegen?
Das Vorbild, das uns sogleich Licht wirft auf das, was hier geschehen ist, das ist in Folgendem gegeben: Sic denken sich einen Menschen am Erdboden liegend und sich mit seinem Vordcrlcibe und seinem Antlitze aufrichtend. Und Sie haben in dem Menschen, der am Erdboden liegend sich aufrichtet, um seinen Körper einfangen zu lassen von den herabströmenden höheren geistigen Kräften, um sich mit diesen in Verbindung zu setzen, dasjenige gegeben, was die anregende Inspiration geben kann für einen vorderasiatischen Tempel. Alle die Säulen, die Kapitelle, alle die merkwürdigen Gestalten dieses Tempels sind Symbole für das, was man empfinden kann, wenn man sich gegenüberstellt einem so sich aufrichtenden Menschen, mit alledem, was sich in seinen Handbewegungen, in seinen Gesten und in seinem Antlitze verrät. Würde man nun mit dem geistigen Blick dieses Antlitz durchbrechen, würde man eindringen in das Innere des Menschen, in den Mikrokosmos, der ein Abdruck ist des Makrokosmos, so würde man finden, insofern das menschliche Antlitz ein voller Ausdruck ist für das, was im Innern des Menschen, des Mikrokosmos ist, dasselbe Verhältnis zwischen dem menschlichen Antlitz und dem Innern wie zwischen der Fassade des vorderasiatischen Tempels und dem, was in seinem Innern war.
Ein sich aufrichtender Mensch ist ein vorderasiatischer Tempel; allerdings nicht kopiert, sondern als Motiv betrachtet mit alle dem, was er in der Seele anregt. Insofern wir physische Menschen sind und die menschliche Leiblichkeit geistig geschildert werden kann durch Theosophie, insofern ist der vorderasiatische Tempel der Ausdruck des menschlichen Mikrokosmos. So ist aus der Erfassung des menschlichen Mikrokosmos mit dem Streben nach aufwärts jener Teil der menschlichen Baukunst erschlossen. Dieser physische Mensch hat seinen getreuen spirituellen Abdruck in jenen merkwürdigen Tempeln, von denen nicht viel anderes mehr als Trümmer erhalten ist. In allen Einzelheiten, bis zum geflügelten Rade und den Urformen dieser Dinge würde man nachweisen können, dass dies so ist. In lauten Tönen sprechen zu uns herüber die Zeiten: Der Tempel ist der Mensch! Und der ägyptische und der griechische Tempel?
Wir können den Menschen nicht bloß vom anthroposophischen, sondern auch vom psychosophischen Standpunkte aus schildern, vom Standpunkte der Betrachtung der Seele. Nähern wir uns dem Menschen, insofern er uns auf der Erde in hauptsächlichster Art als Seelenwesen entgegentritt, dann ist uns dasjenige, was wir, wenn wir dem Menschen gegenübertreten, betrachten in seinem Auge, in seinem Antlitz, in seiner Geste, wahrhaftig zunächst ein Rätsel. Und wie mancher Mensch ist in dieser Beziehung ein großes Rätsel! Wahrhaftig, wenn wir in dieser Beziehung dem Menschen entgegentreten, so ist das nicht anders, als wenn wir dem ägyptischen Tempel entgegentreten, der uns das Rätsel darbietet. Und wenn wir in sein Inneres hineintreten, so finden wir dort des menschlichen Seelischen
Allerheiligstes. Aber wir finden es nur zugänglich denjenigen, die über das Außere hinübergehen und in das Innere eintreten können. Eine Menschenseele ist verschlossen in der innersten Celia, wie des Gottes Heiligtum, wie die Mysteriengeheimnisse selber im ägyptischen Tempel, in der ägyptischen Pyramide.
Aber nicht so verschlossen ist die Seele in dem Menschen, dass sie nicht in der Geste, in alledem, was am Menschen uns entgegentreten kann, sich ausdrücken könnte. Der Leib kann, wenn die Seele ihn durchdringt in ihrer Eigentümlichkeit, zum äußeren Ausdruck der Seele werden. Dann erscheint uns dieser Menschenleib als etwas im höchsten Maße künstlerisch in sich Vollendetes, als ein Durchseeltcs, als ein in sich vollendetes Unendliches. Und suchen Sic sich etwas in der ganzen sichtbaren Schöpfung, das in sich ein so Vollendetes darstellen würde, wie der menschliche Leib es ist, insofern dieser durchseelt ist: Sie werden innerhalb der sichtbaren Schöpfung nichts finden, nicht in Bezug auf Dynamik, außer dem griechischen Tempel, ihn, der den Gott in sich so einschließt, aber auch als Wohnung ihm zum Ausdruck dient in einem in sich vollendeten Unendlichen, wie der menschliche Leib der menschlichen Seele. Und insofern der Mensch als Mikrokosmos Seele in einem Leibe ist, ist der ägyptische, ist der griechische Tempel: der Mensch.
Der sich aufrichtende Mensch, das ist der orientalische Tempel. Der Mensch, der auf dem Erdboden steht, eine Welt in sich rätselvoll verschlossen hält, aber diese Welt einströmen lassen kann in voller Ruhe in sein Wesen und ruhig den Blick horizontal nach vorn richtet, abgeschlossen nach oben und nach unten: Das ist der griechische Tempel. Und wiederum sprechen die Annalen der Weltgeschichte: Der Tempel, das ist der Mensch!
Und wir nähern uns unserer Zeit, jener Zeit, welche ihren Ursprung hat, wie wir unverbrüchlich zum Teil schon bewiesen haben und immer mehr werden beweisen können, in alledem, was hervorgegangen ist aus dem althebräischen Altertum und dem Christentum, dem Mysterium von Golgatha, was aber zunächst sich selber hereindrängen musste in jene Formen, die man übernommen hat von Ägypten, von Griechenland, was aber immer mehr und mehr darnach strebte, diese Formen zu durchbrechen, so zu durchbrechen, dass sie als Raumesgrenzen - wie durchbrochen in sich selber - hinausweisen über den begrenzten Raum in das Weben des unendlichen Alls.
Alle Dinge, die in der Zukunft geschehen, sind in der Vergangenheit schon veranlagt. In einer gewissen Weise rätselvoll veranlagt ist der Tempelbau der Zukunft in der Vergangenheit. Und indem ich über ein immerhin großes Rätsel der Menschheitsentwicklung zu sprechen habe, kann ich kaum anders, als dieses Rätsel selber in einer etwas rätselvollen Form zum Ausdruck zu bringen.
Wir hören von dem salomonischen Tempel bei mancherlei Gelegenheiten als von jenem Tempel, von dem wir wissen, dass in ihm zum Ausdruck kommen sollte der ganze Geist der Menschheitsentwicklung. Wir hören davon; an die Menschen der physischen Erde stellt man aber - und das ist das Rätselhafte an der Sache - die ganz vergebliche Frage: Wer hat jenen salomonischen Tempel, von dem wir als einer grandiosen Wahrheit sprechen, wenn wir überhaupt im Ernst davon sprechen, wer hat ihn mit physischen Augen gesehen? Ja, es ist ein Rätsel, was ich da sage! Herodot hat wenige Jahrhunderte, nachdem der salomonische Tempel aufgebaut gewesen sein musste, Ägypten bereist, hat Vorderasicn bereist. Aus seinen Reiseschilderungen, die sich wahrhaftig über viel Geringeres hermachen als über das, was der salomonische Tempel gewesen sein muss, wissen wir, dass er nur wenige Meilen vorbeigegangen sein musste am salomonischen Tempel, aber er hat ihn nicht gesehen. Den salomonischen Tempel hatten die Leute noch nicht gesehen!
Das Rätselvolle ist nun, dass ich über etwas sprechen muss, was doch da war und was die Leute nicht gesehen haben. Aber es ist so. Nun, es gibt auch in der Natur etwas, was da sein kann und was die Leute doch nicht sehen. Der Vergleich ist aber nicht vollständig, und wer ihn ausnützen wollte, würde ganz danebenschießen. Es sind die Pflanzen, die in ihrem Samen enthalten sind; aber die Menschen sehen die Pflanzen in ihrem Samen nicht. Es sollte aber nun niemand weitergehen in diesem Vergleich, denn wer jetzt darnach den salomonischen Tempel interpretieren würde, der würde gleich etwas Falsches sagen. Soweit ich es selbst gesagt habe, ist der Vergleich durchaus richtig, der Vergleich des Pflanzensamens mit dem salomonischen Tempel.
Was will der salomonische Tempel? Er will dasselbe, was derTcm- pel der Zukunft wollen soll und allein wollen kann.
Man kann den physischen Menschen darstellen in der Anthroposophie. Man kann den Menschen, insofern er der Tempel der Seele selber ist und von der Seele durchseelt ist, darstcllcn in der Psycho- sophie. Und man kann den Menschen darstellen durch Pneumato- sophie, insofern der Mensch Geist ist. Der geistige Mensch, dürfen wir ihn denn nicht so vor uns hinstellen, dass wir sagen: Zuerst erblicken wir den Menschen, der, am Boden liegend, sich aufrichtet; dann den Menschen, der in sich selbst geschlossen wie ein in sich gegründetes Unendliches vor uns steht mit dem gerade vor sich hingerichteten Blick; und dann erblicken wir den Menschen, der nach oben schaut, seelisch in sich gegründet, aber die Seele zum Geiste erhebend und den Geist empfangend.
«Der Geist ist spirituell», das ist eine Tautologie, aber sie kann uns doch klarmachen, was wir zu sagen haben: Der Geist ist das Übersinnliche, die Kunst kann nur im Sinnlichen formen und im Sinnlichen überhaupt zum Ausdruck kommen. Mit anderen Worten: Was die Seele als Geist empfängt, muss in die Form sich ergießen können. So wie der sich aufrichtende Mensch, der in sich gefestigte Mensch zum Tempel geworden ist, so muss die Seele zum Tempel werden können, die den Geist empfängt. Dazu ist unser Zeitalter da, dass es den Anfang macht mit einer Tempelkunst, die laut zu den Menschen der Zukunft sprechen kann: Der Tempel, das ist der Mensch, der Mensch, der in seiner Seele den Geist empfängt! Aber es unterscheidet sich diese Tempelkunst von allen früheren. Und hier schließt sich das, was nunmehr im Inhaltlichen zu sagen ist, an den Ausgangspunkt unserer Betrachtung an.
Den äußeren Menschen, der sich aufrichtet, sieht man, den braucht man nur zu deuten. Den in sich selbst zu deutenden Menschen, den die Seele durchseelt hat, muss man fühlen und empfinden, das Deuten reicht da nicht hin. Er wurde empfunden, wie es Ihnen heute Morgen so lebhaft zum Ausdruck gebracht worden ist, er wurde empfunden, wie wirklich ein griechisches Kunstwerk in uns sich empfinden muss, indem gesagt worden ist, man fühlt die Knochen knacken. Es lebt in uns der griechische Tempel, weil wir es sind, insofern als wir durchseelter Mikrokosmos sind. Aber unsichtbar, übersinnlich ist die Tatsache der Geistempfängnis durch die Seele, und doch: Sie muss sinnlich werden, soll sie Kunst werden!
Kein anderes Zeitalter vermag eine solche Kunst zu entwickeln als das unsrige und das kommende. Aber das unsrige muss den Anfang machen. Alles sind nur Versuche, alles sind nur Anfänge, in der Art etwa, wie der in sich selbst vollendete Tempel gestrebt hat, in der bisherigen christlichen Kirche das Mauerwerk zu durchbrechen und die Verbindung zu finden mit dem unendlichen Weben des Alls. Was müssen wir nun bauen?
Die Vollendung von dem eben Angedeuteten müssen wir bauen! Aus dem, was uns die Geisteswissenschaft geben kann, müssen wir die Möglichkeit finden, jenen Innenraum zu schaffen, der in seinen Farben- und Formenwirkungen und in anderem, was er an künstlerischen Darbietungen in sich enthält, zugleich abgeschlossen und zugleich in jeder Einzelheit so ist, dass die Abgeschlossenheit keine Abgeschlossenheit ist, dass sie uns überall, wo wir hinblicken, auffordert, die Wände mit dem Auge, mit dem ganzen Gefühl und Empfinden zu durchdringen, sodass wir abgeschlossen sind und zugleich in der Abgeschlossenheit der Zelle in Verbindung sind mit der Allheit des webenden Weltgöttlichen.
«Wände haben und keine Wände haben», das ist es, was beantworten wird die Tempelkunst der Zukunft: Innenraum, der sich selbst verleugnet, der keinen Egoismus mehr des Raumes entwickelt, der selbstlos in allem, was er an Farben, an Formen darbieten wird, nur da sein will, um das Weltall in sich hereinzulassen. Wie das die Farben können, inwiefern Farben sein können die Verbindung mit den Geistern der Umgebung, sofern sie in der geistigen Atmosphäre enthalten sind, versuchte ich schon darzustellen bei der Eröffnung unseres Stuttgarter Baues.
In der äußeren physischen Vollendung des Menschen, was ist da der übersinnliche Mensch? Wo tritt uns noch eine Andeutung entgegen von dem überphysischen Menschen in dem äußeren physischen Menschen? Nirgends anders als da, wo der Mensch das, was in seinem Innern lebt, dem Worte einverleibt, wo er spricht, wo das Wort Weisheit und zum Gebet wird und - ohne die gewöhnliche oder irgendeine sentimentale Nebenbedeutung dieser Worte - in der Weisheit und im Gebete dem Menschen sich vertrauend, Weltenrätsel umhüllt! Das Wort, das in dem Menschen Fleisch geworden ist, das ist der Geist, das ist die Spiritualität, die sich ausdrückt auch im physischen Menschen. Und wir werden entweder den Bau schaffen, den wir schaffen sollen, oder wir werden dies nicht tun, sondern es zukünftigen Zeiten überlassen müssen. Wir werden es tun, wenn wir in der Lage sind, unseren Innenraum zum ersten Male in entsprechender Weise zu gestalten, so vollkommen, als es heute geht, ganz abgesehen davon, wie der Bau nach außen sich darstellen wird. Da könnte er von allen Seiten mit Stroh umhüllt sein - das ist ganz gleichgültig. Der äußere Anblick ist für die äußere profane Welt da, die das Innere nichts angcht. Der Innenraum wird das sein, um was es sich handelt. Was wird er sein?
Er wird sich so darbieten, dass jeder Blick, den wir werfen, auf etwas fällt, das uns ankündigt: Dies drückt in den Farben und Formen, in seiner ganzen Farben- und Formensprache, in all dem, was es ist, in all seinem real Lebendigen dasselbe aus wie das, was an diesem Orte getan und gesprochen werden kann, was der Mensch seinem eigenen Leiblichen anvertrauen kann als das Spirituellste an ihm. Und eins wird sein an diesem Bau, was in ihm als Weisheit, als Gebet Menschenrätsel kündet, und dasjenige, was den Raum umschließt. Und naturgemäß wird es sein, dass das Wort, das hinausdringt in den Raum, sich selbst so begrenzt, dass es gleichsam auffällt an den Wänden, und an den Wänden dasjenige trifft, was ihm so verwandt ist, dass es wieder zurückgibt an den Innenraum, was gegeben wird durch den Menschen selber. Von dem Zentrum des Wortes nach der Peripherie des Wortes wird ausgehen die Dynamik, und ein peripherisches Echo der Geisteskundschaft und Geistesbotschaft selber soll das sein, was als Innenraum sich darbietet, nicht als Fenster sich
durchbrechend, sondern an seinen Grenzen, an dem, was er selber ist, zugleich begrenzt und zugleich sich frei öffnend nach den Weiten der spirituellen Unendlichkeit.
Das konnte noch nicht da sein, denn erst die Geisteswissenschaft ist imstande, solches zu schaffen. Aber die Geisteswissenschaft muss einmal solches schaffen. Schafft sie es nicht in unserem Zeitalter, so werden spätere Zeitalter es von ihr verlangen. Und ebenso, wie es wahr ist, dass in die Menschheitsentwicklung eintreten musste der vorderasiatische Tempel, der ägyptische Tempel, der griechische Tempel, die christliche Kirche, ebenso wahr ist es, dass der geisteswissenschaftliche Mysterienraum mit seinem Abschluss vor der materiellen Welt, mit seinem Aufschluss gegenüber der spirituellen Welt, als das Kunstwerk der Zukunft aus dem Menschengeist entspringen muss.
Nichts von dem, was schon da ist, kann an die Idealgestalt mahnen, die da vor uns hintreten soll. Alles muss in einer gewissen Beziehung neu sein. Es wird selbstverständlich in unvollkommener Gestalt erstehen, aber das genügt zunächst, damit wird der Anfang gemacht sein. Gerade damit wird der Anfang gemacht sein für immer höhere und höhere Vollkommenheitsstufen auf demselben Gebiete. Was brauchen die Menschen der Gegenwart, um sich einigermaßen reif zu machen für ein solches Tempelkunstwerk?
Es kann keine Kunst entstehen, wenn sie nicht aus dem Gesamt- geistc eines Menschheitszyklus heraus entsteht. Oft noch klingen mir in den Ohren die Worte, die im zweiten meiner Studienjahre an der Wiener Technischen Hochschule der Architekt Ferstel, der Erbauer der Wiener Votivkirche, gesprochen hatte bei seiner Rektoratsrede, Worte, die mir dazumal wie ein Missklang auf der einen Seite, auf der anderen Seite aber doch wieder wie ein Ton, der unsere Zeit so recht charakterisiert, in der Seele tönten. Ferstel sagte damals die merkwürdigen Worte: Baustile werden nicht erfunden - hinzufügen muss man zu diesen Worten: Baustile werden geboren aus der Eigentümlichkeit der Völker heraus. Nun, unsere Zeit zeigt bisher keinerlei Anlagen, Baustile zu finden in demselben Sinne, wie die alten Zeiten Baustile gefunden haben, und solche wieder vor die Welt hinzustellen. Bau-
Stile werden zwar gefunden, aber sie werden nur gefunden von dem Gesamtgeist irgendeines Menschheitszyklus. Wie können wir uns heute irgendetwas von diesem Gesamtgeiste vor die Seele führen, der den zukünftigen Baustil, den wir heute meinen, finden soll?
Ich werde jetzt von einer ganz anderen Seite und von einem ganz anderen Gesichtspunkte aus etwas zur Charakteristik dieser Sache zu sagen versuchen: Es sind mir im Laufe der theosophischen Wirksamkeit diese oder jene Künstler auf den verschiedensten Gebieten immer wieder und wieder gegenübergetreten, die eine gewisse Furcht, eine gewisse Scheu hatten vor der Theosophie, und zwar aus dem Grunde, weil die Theosophie ein gewisses Verständnis der Kunstwerke und auch der Impulse, welche den Kunstwerken zugrunde liegen, zu eröffnen versucht. Wie oft kommt es vor, dass dasjenige, was uns als Sage und Legende, aber auch als Kunstwerk entgegentritt, durch die Theosophie zu interpretieren versucht wird, das heißt zurückzuführen versucht wird auf die zugrunde liegenden Kräfte. Wie oft kommt cs aber auch vor, dass sich gerade vor einer solchen Interpretation in begreiflicher Weise der Künstler zurückzicht, weil er, insbesondere wenn er auf einem Gebiet produktiv ist, sich sagt: Es geht mir alles Ursprüngliche verloren; was ich in die Form gießen will, alles - Inhalt wie Form - geht mir verloren, wenn ich in irgendein Begriffs- oder Ideengebilde bringe, was mir doch als lebendig erfühltes Kunstwerk oder wenigstens als lebendig erfühlte Intuition vor die Seele tritt.
Es gibt wenig Dinge, die mir Menschen sagen konnten im Laufe der Zeit, die ich besser verstehen konnte als diese Furcht und diese Ängstlichkeit. Denn voll nachempfinden kann man, wenn man dafür Veranlagung hat, das Grauenerregende, das der Künstler empfinden müsste, wenn er einmal da oder dort sein eigenes Werk, oder ein Werk, das er liebt, analysiert fände, vom Verstände übernommen das Kunstwerk! Welch furchtbarer Gedanke für alles, was Künstler in unserer Seele ist! Fast drängt sich uns etwas wie Leichengeruch auf, wenn wir einen Goethe’schen Faust vor uns liegen haben, und unten die Anmerkungen eines analysierenden Gelehrten [lesen], selbst wenn er zu den interpretierenden Philosophen gehört, nicht zu den interpretierenden Philologen bloß! Ja, was sollen wir dazu sagen? Ich möchte cs Ihnen ganz kurz in ein paar Minuten an einem Beispiel klarmachen.
Ich habe hier vor mir die jüngste Ausgabe der Legende von den sieben weisen Meistern, die jetzt bei Diederichs erschienen ist. Diese alte Legende - die in mannigfaltigen Wiedergaben, und auch so vorhanden ist, dass Stücke daraus, fast über ganz Europa zerstreut, immer wieder vorkommen - ist eine höchst merkwürdige Erzählung, die recht schön auch als Kunstwerk gebaut ist. Ich rede jetzt von der dichterischen Kunst, aber was man dieser gegenüber unternimmt, könnte man auch der Baukunst gegenüber unternehmen. Ich kann Ihnen jetzt nicht erzählen, was in zum Teil höchst derben Wendungen in der Legende von den sieben weisen Meistern enthalten ist, aber ich möchte das Gerippe in der folgenden Weise darstellen.
Ungeheuer lebendig ist in aufeinanderfolgenden Erzählungen, an ein Gerippe gehängt, das gegeben, was nun zum Ausdruck kommt. Überschrieben ist das Ganze: «Hier fanget an das Buch, das da sagt von dem Kaiser Pontianus und von seiner Frauen, der Kaiserin, und von seinem Sohne, dem jungen Herrn Dyocletianus, wie er den henken wollte und ihn sieben Meister erlösten, alle Tage, jeglicher mit seinem Spruche.» Ein Kaiser ist vermählt mit einer Frau, von der er einen Sohn hat, der hier als Dyocletian geschildert wird. Die Frau stirbt, und der Kaiser heiratet eine andere Frau. Sein Sohn Dyocletian ist sein rechtmäßiger Nachfolger; von der zweiten Frau hat er keinen rechtmäßigen Nachfolger. Es rückt nun die Zeit heran, wo Dyocletian erzogen werden soll. Es wird ausgeschrieben, dass Dyocletian in der allerbedeutsamsten, befriedigendsten Weise erzogen werden soll durch die weisesten Leute des Landes, und es melden sich dann sieben weise Meister, die nun die Erziehung des Sohnes des Kaisers übernehmen sollen. Die zweite Frau des Kaisers will durchaus auch einen Sohn haben, um in irgendeiner Weise die Nachfolgerschaft des Stiefsohnes zu verhindern. Das gelingt ihr jedoch nicht. Da versucht sie nun, diesen Sohn des Kaisers in jeder Weise bei ihrem Gemahl anzuschwärzen, und sie beschließt endlich, ihn auf irgendeine Weise zu beseitigen. Dazu ergreift sie alle möglichen Mittel. Nun stellte sich heraus, dass Dyocletian unterrichtet worden ist durch sieben Jahre hindurch von den sieben weisen Meistern, dass er Großartiges und vieles in der mannigfaltigsten, das heißt in der siebenfältigen Weise gelernt hat. Aber er war in einer gewissen Weise sogar hinausgewachsen über alles, was an praktischer Weisheit die sieben weisen Meister bezwungen hatten. Und so war es ihm gelungen, einen Stern am Sternenhimmel zu deuten. Dadurch konnte er sich sagen, er müsse während sieben aufeinanderfolgenden Tagen, wenn er wieder zu seinem Vater zurückkäme, stumm bleiben, in keiner Weise etwas reden und wie ein Dummer sich darstcllcn. Nun wusste er aber ebenso, dass die Kaiserin auf seinen Tod sann. Daher bittet er jetzt die sieben weisen Meister, ihn vom Tode zu erretten.
Und nun geschieht in sieben aufeinanderfolgenden Zeiten, in denen sich alles abspielt, das Folgende: Der Sohn kommt nach Hause. Aber die Kaiserin hat dem Kaiser eine Geschichte erzählt, die einen großen Eindruck auf dessen Seele gemacht hat, und die eben den Zweck hatte, den Kaiser zu bewegen, dass er den Sohn henken ließe. Der Kaiser ist auch ganz damit einverstanden, denn die Geschichte hat ihn überzeugt. Der Sohn wird auch schon hinausgeführt zum Galgen, da treffen sie auf dem Wege den ersten der sieben weisen Meister. Nach dem ihm gemachten Vorwurf, dass er den Sohn so dumm gelassen habe, äußert sich dieser erste der Meister und sagt, er wolle dem Kaiser eine Geschichte erzählen. Der Kaiser will sie hören. Ja, sagt der Weise, dann musst du aber erst den Sohn nach Hause kommen lassen; denn ich will, dass der Sohn uns hört, bevor er gehenkt wird. - Der Kaiser willigt ein.
Sie kommen nach Hause, und da erzählt der erste der sieben weisen Meister seine Geschichte. Auf den Kaiser macht diese Geschichte einen solchen Eindruck, dass er den Sohn nicht henken lässt, sondern ihn freilässt. Am nächsten Tage aber erzählt die Kaiserin nun wieder dem Kaiser eine Geschichte, die wieder dazu führt, dass der Sohn zum Tode verurteilt wird. Schon wird er wieder hinausgeführt zum Galgen, da treffen sie auf dem Wege den zweiten der sieben weisen Meister, der ebenfalls dem Kaiser eine Geschichte erzählen will, bevor der Sohn gehenkt wird. Das geschieht, und die Folge davon ist, dass der Sohn wieder am Leben bleibt. Das wiederholt sich in dieser Weise siebenmal hintereinander, bis der achte Tag da ist und der Sohn sprechen kann. Auf diese Weise geschieht die Rettung des Sohnes, die da erzählt ist.
Die ganze Erzählung, wie auch der ganze Abschluss, sind in einer hervorragenden Weise lebendig dargestellt. Ich möchte nun sagen: Man nimmt auf der einen Seite das Buch in die Hand und versenkt sich darin und man hat seine große Freude an den großen, zum Teil derben Bildern; wunderbar geht man auf in der Schilderung von Seelen. Aber eine solche Geschichte fordert es geradezu heraus, erklärt zu werden. Geradezu? - Nein, nur in unserer Zeit, weil wir im fünften nachatlantischen Kulturzeitraum leben, wo der Intellekt die dominierende und immer mehr und mehr dominierende Kraft ist. In dem Zeitalter, in welchem diese Geschichte geschrieben worden ist, hätte sie niemanden zu Erklärungen veranlasst. Wir in unserer Zeit aber sind verurteilt dazu, eine Erklärung dafür zu geben, und dann entschließt man sich, eine solche zu geben. Wie nahe liegt sie? Der Kaiser hat eine Frau gehabt; von der ist ihm ein Sohn geblieben, der dazu bestimmt ist, von sieben weisen Meistern erzogen zu werden, und der seinem Bewusstsein nach herstammend ist aus der Zeit, als die Menschheit noch die hellseherische Seele hatte. Gestorben ist die hellseherische Seele, aber das menschliche Ich ist noch immer geblieben, und kann unterrichtet werden von den «sieben weisen Meistern», die uns in der mannigfaltigsten Gestalt entgegentreten. Ich habe selbst einmal darauf aufmerksam gemacht, dass wir es bei den sieben Töchtern des midianitischcn Priesters Jethro, welche Moses am Brunnen seines Schwiegervaters trifft, aber auch bei den sieben freien Künsten im Mittelalter im Wesentlichen mit demselben zu tun haben.
Die zweite Frau, die nun kein göttliches Bewusstsein mehr entwickeln kann, das ist die jetzige Menschenseele, die deshalb auch keinen Sohn haben kann. Dyocletian, der Sohn, wird in der Verborgenheit unterrichtet bei den sieben weisen Meistern, und er muss zuletzt befreit werden durch die Kräfte, die er sich bei den sieben weisen Meistern erworben hat. Wir könnten so noch weitergehen und ein absolut richtiges Bild geben, und würden unserer Zeit selbstverständlich damit dienen. Aber nehmen wir jetzt unseren künstlerischen Sinn. Ich weiß nicht, inwiefern das, was ich jetzt zu sagen habe, ein Echo finden wird! Aber liest man das Buch, lässt man es auf sich wirken und ist dann sehr klug und erklärt cs ganz richtig auch im Sinne unserer Zeit, wie es unsere Zeit verlangt, so kommt man sich doch so vor, als wenn man eigentlich ein Unrecht, ein schweres Unrecht an dem Buch getan hat, weil man eigentlich ein strohernes Gerippe von allerlei abstrakten Begriffen hingestellt hat an die Stelle des lebendigen Kunstwerkes. Und es ändert nichts daran, ob dies richtig oder falsch ist, geistreich oder nicht geistreich.
Wir können noch weiter gehen. Das größte Kunstwerk ist die Welt, entweder der Makrokosmos oder der Mikrokosmos. In Bildern oder Symbolen, in allerlei dergleichen drückten die alten Zeiten aus, was sie auszudrücken hatten von den Geheimnissen der Dinge, und wir kommen mit der «uralten» Weisheit - die aber nur so alt ist, wie sie sich als Same vorbereitet hat für das fünfte nachatlantische Kulturzeitalter -, wir kommen mit dem Intellekt, wir kommen mit der ganzen Theosophie als einer Welterklärung. Das ist etwas ebenso Abstraktes und Trockenes gegenüber der lebendigen Wirklichkeit wie der Kommentar gegenüber dem Kunstwerk! Trotzdem es Theosophie geben muss, trotzdem unsere Zeit Theosophie verlangt, müssen wir sie in gewisser Beziehung doch empfinden wie ein strohernes Gerippe gegenüber der lebendigen Wirklichkeit. Das ist in einer gewissen Weise nicht zu viel gesagt. Denn insofern Theosophie nur unseren Verstand beschäftigt, insofern wir nur mit dem Intellekt dabei sind, insofern wir Schemen und allerlei Termini technici prägen, besonders in den Teilen, die sich auf den Menschen selbst beziehen, insofern ist Theosophie ein ganz strohernes Gerippe. Und sie fängt erst an, etwas erträglicher zu werden da, wo wir ausmalen können zum Beispiel die verschiedenen Zustände von Saturn, Sonne und Mond und den früheren Erdenzeiten, oder die Tätigkeiten der verschiedenen Hierarchien.
Gräulich aber ist es, davon zu sprechen: der Mensch bestehe aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich - oder gar aus Manas und Kama-Manas - und noch gräulicher ist es, wenn man in Schemen und auf Tafeln diese Dinge zum Ausdruck gebracht hat. Ich kann mir kaum etwas Grauenvolleres denken als den ganzen, in sich grandiosen Menschen, und daneben auf einer Tafel den Menschen mit den sieben Menschengliedern; in einem großen Saal umgeben sein von einer großen Menschenzahl und neben sich zu haben eine Tafel mit der Skala der sieben menschlichen Grundteile. Ja, so ist es! Aber so etwas müssen wir erfühlen. Wir brauchen diese Dinge nicht gerade vor unsere Augen hinzuhängen, denn sie sind nicht einmal schön, aber wir müssen sie vor unsere Seele hinhängen! Das ist die Mission unserer Zeit. Und man mag noch so viel gegen diese Dinge vom Standpunkte des Geschmackes, der künstlerischen Produktivität aus sagen - das gehört in unsere Zeit herein, das ist die Aufgabe unserer Zeit.
Aber wie kommen wir über dieses Dilemma überhaupt hinweg? Wir sollen in gewisser Beziehung auch öde Theosophen sein, sollen die Welt zerpflücken und zerblättern, grandiose Kunstwerke in Abstraktionen hineinziehen und sogar noch sagen: Wir sind Theosophen! Wie kommen wir aus diesem Dilemma heraus?
Nur durch ein einziges Mittel! Und dieses Mittel liegt darin, dass, Theosophie für uns ein Kreuz ist, dass Theosophie für uns ein Opfer ist, dass wir sie wirklich so empfinden, dass sie uns fast alles nimmt, was die Menschheit bisher an lebendigem Wcltinhalt gehabt hat. Und es gibt keinen Grad von Intensität, den ich schildern möchte, um begreiflich zu machen, dass für alles, was lebendig sprosst, auch im Hergänge der Menschheitsentwicklung und der göttlichen Welt, Theosophie zunächst sein muss etwas wie ein Leichenfeld!
Aber wenn wir dann Theosophie als Künderin des Größten, was es in der Welt gibt, so empfinden, dass sie uns der größte Schmerz, die größte Entbehrung wird, sodass wir in uns einen der göttlichen Züge ihrer Mission in der Welt empfinden, dann wird sic zu dem Leichnam, der sich aus dem Grabe erhebt, dann feiert sic die Auferstehung, dann steht sie aus dem Grabe auf!
Keiner wird eine Freude empfinden über die Entblätterung und Verödung des Weltengehaltes, doch keiner kann die Produktivität der
Weltengeheimnisse empfinden wie der, welcher sich mit seiner Produktivität als eine Nachfolge des Christus empfindet, der das Kreuz zur Schädclstätte getragen hat, der durch den Tod gegangen ist. Das ist aber auch auf dem Erkenntnisgebiete das Kreuz der Erkenntnis, das die Geisteswissenschaft auf sich nimmt, um darinnen zu sterben und aus dem Grabe zu erfahren, wie eine neue Welt aufsteigt, ein neues Lebendiges. Wer so umprägt - was dem Intellekt niemals gefallen darf - wie ein lebendiges Inneres sein Seelenwesen, wer wie durch einen Tod durchgeht in der Theosophie selber, der wird auch das Leben fühlen als eine lebendige Kraft zu neuen künstlerischen Impulsen, welche dasjenige in die Wirklichkeit umzusetzen vermögen, was ich Ihnen heute skizzieren konnte.
So eng hängt mit allem theosophischen Empfinden das zusammen, was wir tun sollen, und wovon wir glauben, dass der Johannesbau- Verein ein Verständnis dafür eröffnen wird. Ich glaube kaum nötig zu haben, weitere Worte zu sagen, um begreiflich zu machen, dass dieser Johannesbau für den Theosophen eine Herzensangelegenheit sein kann von jener Art, die als Notwendigkeiten im Zeitenlaufe empfunden werden. Denn für die Beantwortung der Frage, ob in einem gewissen weiteren Sinne Theosophie heute verstanden wird, hängt zunächst außerordentlich viel von einer Antwort ab, die wir nicht mit Worten geben können, die wir nicht mit Gedanken ausdrücken können, sondern davon, dass wir zur Tat übergehen und dass ein jeglicher, wie es ihm möglich ist, in der einen oder andern Weise beitrage zu dem, was, in so schöner Weise verständnisvoll sich hineinstellcnd in die Evolution der Menschheit, unser Johannesbau- Verein will.
DER URSPRUNG DER ARCHITEKTUR
AUS DEM SEELISCHEN DES MENSCHEN
UND IHR ZUSAMMENHANG MIT DEM GANG
DER MENSCHHEITSENTWICKLUNG
(II)
Vortrag zur 2. Generalversammlung des Johannesbau-Vereins
Berlin, 5. Februar 1913
Meine lieben theosophischen Freunde!
Als der Johannesbau-Verein an unsere letzte Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft hier in Berlin eine Sitzung anschloss, hatte ich an Sie einige Worte zu richten über die Art, wie sich der Johannesbau in die ganze Entwicklung der Kunst, namentlich der architektonischen Kunst, hineinstellen soll: dass er sich nämlich, in dem Sinne, wie wir auch sonst dasjenige betrachten, was wir auf dem Gebiete der Theosophie oder Anthroposophie leisten wollen, als etwas Notwendiges hineinstellen soll in den ganzen geistigen Entwicklungsgang der Menschheit, sodass das, was durch Theosophie oder Anthroposophie zu geschehen hat, nicht erscheint als eine Art Willkür, nicht erscheint als etwas, das wir aus uns heraus als eine Art willkürliches Ideal gebären, sondern so erscheint, wie wir dies als Notwendigkeit gleichsam ablesen aus jener Schrift, die uns den notwendigen Gang des menschlichen Geistes durch die Erdenentwicklung hindurch offenbart.
Nun, man kann viele Gesichtspunkte wählen, um diese eben charakterisierte Notwendigkeit darzustellen. Damals habe ich von einem gewissen Gesichtspunkte aus gezeigt, wie dieses in die Menschheitsgeschichte notwendige Hineinstellen desjenigen, was mit dem Johannesbau gewollt wird, zu verstehen ist. Ein anderer Gesichtspunkt soll heute gewählt werden, sodass meine heutigen Betrachtungen in gewisser Beziehung eine Ergänzung bilden zu dem, was hier im Dezember 1911 vor Sie hingestellt worden ist.
Baukunst ist eigentlich an eine ganz bestimmte Voraussetzung gebunden, wenn wir Baukunst in dem Sinne auffassen, dass der Mensch gleichsam die Umhüllung schaffen will mit irgendwelchem Material, durch irgendwelche Formen oder sonstige Maßnahmen, sei es für profanes Wohnen und sich Betätigen, sei es für religiöse Verrichtungen oder dergleichen. In diesem Sinne ist Baukunst, ist Architektur durchaus an das gebunden, was wir Seelisches nennen können, hängt zusammen mit dem Begriff des Seelischen, entspringt aus dem Seelischen und kann begriffen werden, indem begriffen wird der ganze Umfang des Seelischen.
Nun trat uns ja im Laufe der Jahre, in denen wir geisteswissenschaftlich gearbeitet haben, das Seelische immer von drei Gesichtspunkten aus vor Augen: vom Gesichtspunkte der Empfindungsseele, vom Gesichtspunkte der Verstandes- oder Gemütsseele und von dem der Bewusstseinsseele. Dann aber tritt uns dieses Seelische auch auf, indem es sich gleichsam erst ankündigt, aber noch nicht so recht als Seelisches vorhanden ist, wenn wir von dem Empfindungs- oder astralischen Leib sprechen. Und wiederum tritt uns das Seelische auf, wenn wir sagen, das Seelische habe sich so weit entwickelt, dass es einen Übergang sucht zu dem Geistselbst oder Manas. Wenn Sie meine Theosophie anschauen, so werden Sie darin das dreifache Seelische finden als Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewusstseinsseele, aber Sie werden angrenzend finden die Empfindungsseele an den Empfindungsleib, sodass Empfindungsseele und Empfindungsleib wie zwei Seiten eines und desselben erscheinen, die eine Seite mehr seelisch, die andere mehr geistig; und dann werden Sie finden, wieder sich zusammenschließend, Bewusstseinsseele und Geistselbst; die Bewusstseinsseele die mehr seelische Seite darstellen, das Geistselbst dagegen die mehr geistige Seite.
Wer sich als Anthroposoph allmählich in ein solches Erfassen dieser Begriffe hineinfindet, so wie es in diesen Tagen sehr schön unser verehrter Freund Arenson ausgeführt hat, der wird nicht bei den Worten Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Be- wusstscinsscelc stehen bleiben können und nur das Bestreben haben, zu diesen Worten diese oder jene Definitionen zu suchen, sondern er wird als wahrer Anthroposoph die Sehnsucht haben, allmählich in seinem Gemüt vieles, vieles an Begriffen, an Empfindungen, an Anschauungen auszubilden, welche die eine Empfindung zu der anderen hinleitet und so weiter, um zu einem umfassenderen Verständnis zu kommen, das bei diesen Begriffen sich nach den verschiedensten Richtungen hin gliedert.
Für den Seher selbst schließen die angeführten Worte ja, man möchte sagen, ganze Welten ein. Darum wird man auch zu einem entsprechenden Verständnis solcher Begriffe das hinzunehmen müssen, was über die menschliche Entwicklung, zum Beispiel in der nachatlan- tischcn Zeit, dargestellt worden ist: dass der Empfindungsleib ganz besonders seine Entwicklung erfahren hat in der urpersischen Kultur, die Empfindungssecle in der ägyptisch-chaldäischen Kultur, die Verstandes- oder Gemütsseele in der griechisch-römischen Zeit, die Bewusstseinsseele in der Zeit, in der wir selbst leben, und dass wir den nächsten Zeitraum sozusagen als in seiner Entstehung schon jetzt herankommen sehen, ja, dass wir selber mit dem, was wir als Anthroposophie, Theosophie wollen, an dem Herankommen dieses nächsten Zeitraumes arbeiten, der uns in einer gewissen Weise den Zusammenhang von Bewusstseinsseele und Geistselbst oder Manas zeigen soll.
Baukunst, Architektur, wurde gesagt, ist eng geknüpft an den Begriff des Seelischen. Da könnte nun jemand sagen: Müsste dann die Baukunst nicht auch an die Entwicklung des Seelischen, so wie sie jetzt eben charakterisiert worden ist, gebunden sein? Und müssten dann nicht die Formen, die Gestaltungen der Architektur in ihrer Aufeinanderfolge gewisse Eigentümlichkeiten zeigen, die mit dieser eben charakterisierten Entwicklung von Empfindungslcib, Emp- findungsseelc und so weiter Zusammenhängen? Und würde man dann nicht auch für gewisse Zeiten, zum Beispiel den ersten nachatlantischen Zeitraum, der den Atherlcib besonders zur Ausbildung brachte, gar keine Berechtigung haben, so recht von Baukunst zu sprechen? Denn wenn Baukunst an Seelisches gebunden ist, so sollte sie auch erst dann, wenn es sich zu entwickeln beginnt, anfangen aufzudämmern. Also sollte man vermuten, dass sie heraufzukommen beginne beim Empfindungslcib, weil der gleichsam die andere
Seite des Seelischen ist; und vorher müsste man auf Zeiten verwiesen werden, in denen eine eigentliche Baukunst, in dem Sinne, wie wir die Baukunst charakteristisch auffassen, im Grunde genommen gar nicht vorhanden wäre.
Nun ist es schon an sich schwierig, diese Frage vom Standpunkte der äußeren Geschichte zu beantworten, denn alles, was hinter den ägyptisch-chaldäischen Zeitraum zurückweist, ist aus historischen Denkmälern und Überlieferungen kaum mehr zu gewinnen, sondern eigentlich nur der hellseherischen Forschung zu entnehmen. Schon der Zeitraum des Zarathustra, den wir als den urpersischen bezeichnen, liegt so weit zurück, dass historische Forschungen nicht in Betracht kommen, geschweige denn jener Zeitraum, den wir an die Entwicklung des Atherleibes gebunden wissen, nämlich der ursprünglich indische Zeitraum.
Allerdings kann man auch mit dieser Sache sonderbare Erfahrungen machen, wenn man damit an die ganz gescheiten Leute der Gegenwart herankommt. Da hat zum Beispiel jüngst einer von diesen gescheiten Leuten gesagt, dass diese nachatlantischen Zeiträume, wie sie sich zum Beispiel in meiner Geheimwissenschaft verzeichnet finden, nicht haltbar wären, denn wer die Sprachdenkmäler Indiens kenne, der würde niemals glauben, dass die indische Kultur so weit der ägyptisch-chaldäischen vorangegangen wäre, wie es im Sinne dieser Geheimwissenschaft dargestellt wird. Nun, man kann sich nur wundern, dass solche sehr gescheiten Leute der Gegenwart es noch nicht dazu gebracht haben, selbst wenn sie auch manchmal Sanskrit lesen können, ein Buch, das in ihrer Muttersprache geschrieben ist, verständig zu lesen. Denn es ist in der Geheimwissenschaft doch ausdrücklich ausgesprochen, dass diejenige Kultur Indiens, auch die Veden-Kultur, mit welcher es die äußere Wissenschaft zu tun hat, nicht diejenige ist, von der in der Geheimwissenschaft als von der urindischen Kultur, der ersten Kultur der nachatlantischcn Zeit, gesprochen ist, sondern dass man es bei der Vedenkultur mit einer Zeit zu tun hat, die zu der dritten nachatlantischen Kulturperiode zu rechnen ist, die also zeitlich parallel verläuft mit der ägyptisch- chaldäischen Kultur. Die ursprüngliche indische Kultur dagegen war eine solche, von der keine äußeren Dokumente und auch keine äußeren Denkmäler und dergleichen vorhanden sind und von der in den Veden nur letzte Anklänge enthalten sind. Ich will mich dabei nicht weiter aufhalten, sondern sage dies nur, weil der eine oder andere von Ihnen diesen Einwand zu hören bekommen könnte und vielleicht nicht gleich die Begriffe und Ideen bei der Hand hat, die einen solchen Einwand hinwegräumen können.
Also die vorhin angedeutete Frage bleibt bestehen, wonach wir beim ersten nachatlantischen Zeitraum in Zeiten zurückkommen müssten, in denen eine eigentliche Baukunst, wie für die späteren Zeiten, noch nicht möglich sein konnte. Aber dann kommen wir wie an einen merkwürdigen Grenzpunkt, auf den auch die äußere Forschung weist; wir kommen gewissermaßen auf ein Vorstadium der Baukunst: auf das Hincinbauen der Räume für religiöse, für gottesdienstliche Verrichtungen in Höhlen, hineingehauen in das Gestein, wie man es etwa in Indien oder auch in Nubien findet. Das ist in der Tat das Zeitalter, das auf der Grenze der Entwicklung des Seelischen aus dem Leiblichen steht. Diese Höhlenbauten bestätigen, was nach der Geistesforschung in Bezug auf die Entwicklung des Seelischen erwartet werden muss: Erst in der Zeit der Menschheitsentwicklung, in der wir die Seelenentwicklung aus der Leibesentwicklung herauskommen sehen, sehen wir auch erst die wirkliche höhere Baukunst sich herausentwickeln aus dem, was vorher Felsenhöhlen, unterirdische Felsenhöhlen waren, welche man hineingehauen hatte in das Erdreich selber.
Das Erdreich erscheint in dieser Beziehung wie das Leibliche, in das sich das menschlich Seelische erst hineinarbeitet, wie cs ja auch in der Entwicklung des Menschen selber vor sich geht, wo sich das Seelische in das Leibliche, die Empfindungsseele in den Empfindungslcib hincinarbeitct. Und in dem Übergänge von Höhlenräumen zu menschliche Verrichtungen umschließenden Architekturwerken sehen wir zugleich die Wichtigkeit des Überganges von der Kultur des Empfindungsleibes zu derjenigen der Empfindungsseele.
Es werden Zeiten kommen, in denen man das, was Theosophie oder Anthroposophie gibt, ausarbeiten wird für alle Zweige des menschlichen Wissens, für alle Zweige der menschlichen Entwicklung. Und man wird finden, dass alles, was andere menschliche Weltanschauungen einseitig darstellen, zusammengezimmert ist aus irgendwelchen ungenügenden Begriffen und Ideen, während Geisteswissenschaft oder Anthroposophie das Umfassende zeigt, mit dem man überall wird hineinleuchten können. Man kann ganz beruhigt sein, auch wenn das die Leute heute noch nicht glauben. Darauf kommt es nicht an, sondern darauf, dass die Zeit die Beweise dafür liefern wird. Man muss sich nur Zeit lassen. Die Bestätigungen werden nach und nach heranrücken auf allen Gebieten des Lebens und der Entwicklung. Auch auf dem Gebiete der Baukunst.
Und wenn wir jetzt die nachatlantische Entwicklung durchgehen, so sehen wir im Verlaufe der Zeiten die einzelnen Entwicklungsepochen gewissermaßen gebunden an das Seelische, an die Entwicklung der Empfindungsseele, dann an die der Verstandes- oder Gemütsseele und dann an die der Bewusstseinsseele, bis in unsere Zeit herein. Und in unserer Zeit selber sehen wir aufgehen, sich vorbereitend erst, die Zeit, die aus der Bewusstseinsseele das Gcistselbst oder Manas herausarbeitet, sodass wir gleichsam vor einem Umgekehrten stehen wie in derjenigen nachatlantischcn Epoche, da man von dem Leiblichen auf ein Seelisches überging. So wie sich damals aus dem Empfindungsleibe herausarbeitete die Empfindungsseele, so steht uns jetzt eine Zeit bevor, in der wir aus dem Seelischen wieder in ein Geistiges hineinzuarbeiten haben. Für die Baukunst ergibt sich daraus, dass wir das Umgekehrte wieder zu erwarten haben. Das heißt, so wie man in jenen früheren Zeiten in die Felsen Höhlen hineingehauen hat als die Vorstadicn menschlicher Architekturwerkc, so hätten wir jetzt, dadurch dass wir in der jetzt aufgehenden Zeit in den Geist hineinzuarbeiten haben, das Komplement, das Gegenstück dazu zu schaffen.
Versuchen wir nun Folgendes vor unsere Seele hinzustellen, und zwar zunächst ohne genauere Zeitangaben; denn jeder kann sich das, was zum Parallelismus notwendig ist, selber bilden. Nehmen wir einmal die Entwicklung durch Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewusstseinsseele, zunächst also die Entwicklung durch die Empfindungsseele. Indem der Mensch mit der Empfindungsseele begabt ist, setzt er sich in ein Wechselverhältnis zu der ihn umgebenden Welt. Durch die Empfindungsseele geht gleichsam das, was in der Welt als Wirklichkeit vorhanden ist, in die menschliche Seele, in das menschliche Innere selber herein. Das Außere wird zu einem Inneren auf dem Umwege über das Erleben in der Empfindungsseele. Darum müsste es nun in der Entwicklung der architektonischen Kunst etwas geben, das sich gleichsam ganz naturgemäß aus dem Höhlenbau herausbegibt und in sich selber so etwas zeigt, wie es für die Empfindungsseele charakteristisch ist. Das heißt, es müsste gleichsam so gebaut werden, dass man ein Außeres wie ein Inneres repräsentieren will.
Hier brauchen wir uns nun nur an den Pyramidenbau und ähnliche Bauten zu erinnern und können auch sogar neuerer wissenschaftlicher Forschungen gedenken, die gezeigt haben, wie in dem Pyramidenbau, in seinen Abmessungen, sich astronomisch-kosmische Verhältnisse wiederfinden, die man hineingebaut hat, und dann hat man vor sich, um was es sich handelt. Immer mehr und mehr wird man an der Pyramide entdecken die sonderbare Gliederung nach kosmischen Verhältnissen. Astronomische Abmessungen finden sich wieder in dem Verhältnis der Basis zur Höhe zum Beispiel. Und wer die Pyramide studiert, kommt nach und nach zu der Empfindung: Mit der Pyramide haben die Pyramidenpriester dasjenige ausgedrückt, was in einem Bauwerke auszudrücken möglich war als Wahrnehmung kosmischer Verhältnisse. Wie wenn die Erde das, was aus dem Kosmos herein wahrgenommen wird, in sich selber hätte erleben wollen, so wurde die Pyramide hingestellt. Ganz so, wie die Empfindungsseele das äußere Wirkliche in sich belebt, und als Inneres darstellt, was draußen ist, in ihrer Art wiederholt, was draußen ist, so wiederholt die Pyramide in ihren Maßverhältnissen, in ihren Formen äußere kosmische Verhältnisse, zum Beispiel auch dadurch, dass das Sonnenlicht in einer bestimmten Art hereinfällt. Wie die äußere Wirklichkeit durch die Empfindungsseele im Innern des Menschen eine Art Repräsentanz findet, so nimmt sich die Pyramide aus wie ein großes Empfindungsorgan der gesamten Erdenkultur gegenüber dem Kosmos.
Gehen wir weiter. Wie müsste sich die Baukunst in einer Kulturetappe verhalten, in der das Charakteristische die Verstandes- oder Gemütsseelc ist? Die Verstandes- oder Gemütsseele ist im Menschen das innerlich Seelische, das am meisten in sich selber zu arbeiten hat, das auf der ja schon innerlichen Grundlage der Empfindungsseele dieses seelisch Innerliche weiter ausbaut, aber noch nicht so weit geht, es wieder zusammenzufassen zum eigentlichen Ich; also das Seelische gleichsam ausbreitet und ausweitet, ohne es in dem Mittelpunkt des Ich gipfeln zu lassen. Derjenige Mensch, welcher gerade dieses Seelenglied ausgebildet hat, tritt uns entgegen namentlich durch den Reichtum seines Seelenlebens, durch die vielen inneren erkämpften und errungenen Secleninhalte und Seelenerlebnisse; er hat weniger das Bedürfnis, Systeme aus den innerlichen Erlebnissen aufzubauen, sondern gibt sich mehr der Breite dieser inneren Erlebnisse hin. Die Verstandes- oder Gemütsseele ist eben innerlich sich selber tragendes, innerlich sich abschließendes, sich innerlich Koalisierendes Leben der Seele.
Was würde das für eine Baukunst sein müssen, die einem solchen Seelischen entsprechen würde? Es müsste diejenige Baukunst sein, welche weniger wie der Pyramidenbau etwas wie eine Art von Abbild oder Repräsentation der kosmischen Verhältnisse zeigt, dafür aber mehr ein in sich abgeschlossenes, totales Wesen selber sein müsste; etwas, was sich selber trägt, und was sozusagen - ganz der Verstandes- oder Gemütsseele entsprechend - in dem Tragen der einzelnen Teile die Breite der Entwicklung zeigt, und weniger darauf bedacht ist, das, was in der Breite der Entwicklung da ist, zusammenzuschließen. Niemand, der die Eigenart der Verstandes- oder Gemütsseele kennt, wie sie eben charakterisiert worden ist, kann daran zweifeln, dass die griechische und auch noch die römische Baukunst wie ein äußeres Bild des Verstandes- oder Gemütsseelenlebens zu verstehen ist.
Betrachten wir die griechische Baukunst, zum Beispiel den griechischen Tempelbau, wie wir ihn schon öfter betrachtet haben, indem wir ihn auffassten als das Haus des Gottes selber, sodass der Gott darinnen wohnt und das ganze Haus sich darstellt als Wohnung des Gottes, das Ganze innerlich gerundet als eine innerliche Totalität. Wir haben aus der Anschauung des griechischen Tempels heraus sogar sagen können: Dieser griechische Tempel macht keinen Anspruch darauf, dass ein Mensch oder eine Menschengemeinde darinnen ist. Er ist der Wohnsitz des Gottes und kann ganz allein, abgeschlossen, als eine Totalität für sich, dastehen, so wie die Verstandes- oder Gemütsseele eine innerliche Totalität, ein in sich abgeschlossenes innerliches Leben ist, das aber noch nicht zur Egoität hin geht, das aber doch, wenn auch unbewusst, das Darlehen des Gottes im Menschen ist. Und wenn wir dann sehen, wie im griechischen Tempelbau das eine das andere trägt, wie alles darauf beruht, dass die Säulen in die Höhe streben und die Balken tragen, wie die gegenseitigen Kräfteverhältnisse zu einer Totalität zusammengeschlossen sind, ohne dass sich das Ganze in irgendeiner Weise systematisch nach einer Einheit, nach einer Spitze hin gliedert, so finden wir darin - und in der römischen Baukunst ist eigentlich dasselbe der Fall - jene Breite, jene Weite, die wir in der Verstandes- oder Gemütsscele selber finden.
Gerade das ist überall das Auffällige der griechisch-römischen Baukunst, dass sie auf der Statik, auf dieser reinen Statik der einzelnen Kräfte beruht, die tragend oder lastend sich entfalten. Eines aber kann man beim griechischen Tempel vergessen: Man kann vergessen, dass er eine «Schwere» hat. Denn wer naturgemäß empfindet, der wird oder kann wenigstens das Gefühl haben, dass die Säulen etwas sind, was wie aus der Erde herauswächst. Und bei dem, was wirklich aus der Erde herauswächst, bei der Pflanze, hat man nicht das Gefühl der lastenden Schwere. Daher strebt auch die Säule im griechischen Tempel nach und nach dahin, gleichsam dem Pflanzenstängel ähnlich zu werden, wenn es auch erst in der korinthischen Säule sichtbar wird. Und darum liegt für die Empfindung das Lastende nicht bei der Säule, sondern für die Empfindung ist die Säule ein Tragendes.
Aber wenn man dann hinaufkommt zum Balken, zum Architrav, dann hat man unmittelbar das Gefühl: Das lastet auf der Säule, das heißt, das Bauwerk ist innerlich von Statik durchdrungen. Und wer sein Seelenleben in sich herangebildet hat, der hat auch das Gefühl, dass die Empfindungen, Gefühle und Begriffe, zu denen er gekommen ist, die er sich innerlich herangearbeitet hat, sich innerlich ebenso tragen wie die Säule den Balken trägt. Weil in der Zeit, da die griechisch-römische Baukunst entsprungen ist, in der Menschheit die Verstandes- oder Gemütsseele besonders ausgebildet war, deshalb strebte die Seele, wenn sie sich ausdrücken wollte in der Sprache der Architektur, ganz von selbst dahin, das innerlich Erlebte sich stützend in der Statik hervorzutreiben. Nicht in der Absicht, sondern in dem sich Ausleben der Menschenseelennatur lag es, in der Architektur sich ein Abbild des Seelischen zu schaffen.
Und dann ging allmählich die Entwicklung über zur Bcwusst- seinssecle. Der Bewusstseinsseele ist es wesentlich, das, was die Seele erlebt, zusammenzufassen in dem Totalgefühl: «Du bist! Und du bist dieser eine Mensch, diese eine Persönlichkeit, diese eine Individualität.» Indem man in der Verstandes- oder Gemütsseele lebt, lebt der Gott in einem; aber man lässt den Gott gleichsam hineinleben in alle Vibrationen des Seelischen, man ist seiner gewiss, sodass man es nicht zusammenzufassen braucht wie in einem Punkte und sich nicht zum Bewusstsein zu bringen braucht: «Du bist identisch mit deinem Göttlichen.» Das aber muss man in der Bcwusstseinssccle. In dieser ist es nicht so, dass der Mensch innerlich in sich ruht wie in der Verstandes- oder Gemütsseele, sondern in der Bewusstseinsseele strebt der Mensch aus sich heraus, um sein Ich willkürlich zur Realität, zur Existenz zu entfalten.
Wenn man für das Eormen der Worte ein Empfinden hat, so sieht man förmlich, wie die Worte, die jetzt gerade als das Charakteristiken der Bewusstseinsseele ausgesprochen worden sind, sich wie ganz von selbst formen zu dem gotischen Pfeiler und dem gotischen Bogen, wo wir durch die Umschlüsse ein Bauwerk vor uns haben, das nicht mehr das ruhige in sich Beharren ausdrückt, sondern das Streben, durch seine Formen aus der bloß innerlichen Statik herauszukommen. Wie groß ist doch der Unterschied zwischen dem Balken, der in voller statischer Ruhe getragen wird von seiner Säule, und den gegenseitig sich stützenden Bogen, die in der Spitze zusammenkommen und sich halten, wo alles drängt zu einer Spitze, genauso, wie die menschliche Seelenkraft in der Bewusstseinsseele sich zusammendrängt.
Und wer sich hincinversetzen kann in den fortgehenden Gang der Menschheitsentwicklung, der fühlt - besonders beim Verfolgen der italienischen oder französischen Baukunst -, wie bei dem Übergange von der Entwicklung der Verstandes- oder Gemütsseele in die Entwicklung der Bewusstseinsseele hinein es nun nicht mehr auf ein ruhiges statisches sich Stützen und sich Tragen aus der inneren Totalität heraus ankommt, und man nun nicht mehr, wie in der griechischen Baukunst, innerliche Geschlossenheit in der Form anstrebt, sondern wie man ins Dynamische überzugehen sucht, gleichsam herauszukommen sucht aus seiner Haut, um, wie in der Bewusstseinsseele, in Zusammenhang zu treten mit der Realität der Außenwelt. Die gotischen Bogen öffnen sich in langen Fenstern dem Lichte des Himmels. Das ist nicht so in der griechischen Baukunst. Beim griechischen Tempelbau wäre cs für die Auffassung ganz dasselbe, ob Licht hereinfällt oder nicht. Das Licht ist dabei nur zufällig. Für den gotischen Dom ist das nicht gleichgültig; der gotische Dom ist nicht denkbar ohne das Licht, das sich in den bunten Fenstern bricht. Da spürt man, wie die Bewusstseinsseele sich hineinstellt in die Totalität der Welt, wieder hinausstrebt in die allgemeine Existenz. Die Gotik ist also dasjenige baukünstlerische Streben, das charakteristisch ist für das Zeitalter der Entwicklung der Bewusstseinsseele.
Und jetzt kommen wir in unser Zeitalter herein, in dem eine Weltanschauung, die nicht aus der Willkür, sondern aus den Notwendigkeiten der menschlichen Entwicklung heraus arbeiten will, sich klar werden muss, dass sich der Mensch wieder herausarbeiten muss aus dem Seelischen ins Geistige hinein, dass der Mensch im Geistselbst geistig in sich selber ruht. Wie nur der Vorbote dieses Prozesses erscheint dabei der gotische Bau mit seiner besonderen Architektur der durch die Fenster durchbrochenen Wand, mit seinem sich Öffnen für das, was hereinkommen kann, für das, was jetzt kommen muss! Wie der rechte Vorbote dessen, was jetzt kommen soll - wo die Wand notwendig zu einer Gliederung hinführt und in dieser Beziehung auch nur Füllsel, Dekoration ist, nicht das Umschließende, wie die
Wände des griechischen Tempels wie ein Vorbote erscheint dieser gotische Bau zu dem, was nun der neue Bau für die Umschließung der kommenden Weltanschauung werden muss, der neue Bau, dessen wesentliche Eigentümlichkeiten von mir schon da oder dort angedeutet worden sind und von dem einige Wesentlichkeiten sogar schon versucht worden sind, zum Beispiel beim Stuttgarter Bau.
Das Wesentliche wird sein, dass nun das Komplement auftritt zu dem Vorstadium der Architektur, zum Höhlenbau, wo der Felsen selbst materiell das abschloss, was hineingehauen worden ist; dass unser neuer Bau sich wie nach allen Seiten öffnet, dass seine Wände nach allen Seiten offen sind, allerdings nicht nach dem Materiellen, sondern offen sind hin nach dem Geistigen. Und dies werden wir dadurch erreichen, dass wir die Formen so gestalten, dass wir vergessen können, dass außer unserem Bau noch irgendeine Stadt oder dergleichen da ist. Im Stuttgarter Bau ist schon ein solcher Versuch gemacht worden; dessen Wände sind trotz des materiellen Abschlusses offen, dem Geiste nach offen. Auch im neuen Bau werden wir die Formen, das Dekorative, das Malerische so gestalten, dass die Wand durchbrochen ist, sodass wir durch Farbe und Form hindurchempfinden: Trotzdem wir abgeschlossen sind, erweitert sich der geistigseelische Ausblick in die Weltenweiten. Wie man in der Pyramide hereingenommen hatte die Maßverhältnisse des Kosmos, so nehmen wir das, was wir durch Anthroposophie, Theosophie erleben können, und schaffen ihm Formen, schaffen ihm Farben, schaffen ihm Umrisse, schaffen ihm Gestalt, Figurales, schaffen das alles aber so, dass gerade durch das, was wir an den Wänden schaffen und an die Wände hinzaubern, diese Wände selber verschwinden, und das Abgeschlossene von uns so erlebt wird, dass wir überall die Illusion empfinden können: Es erweitert sich hinaus in den Kosmos, in die Weltenräume, so wie die Bewusstseinsseele, wenn sie einmündet in das Geistselbst, sich hinauslebt aus dem bloßen Menschlichen in das Geistige.
So wird in der neuen Baukunst auch die Bedeutung der Einzelsäule zu etwas ganz anderem aufrücken. Hat man es wie beim griechischen Tempel mit statischen Verhältnissen zu tun, mit Verhältnissen, bei denen es hauptsächlich auf die Innerlichkeit ankommt, so ist es selbstverständlich, dass sich die Säulcnformen, die Kapitellformen wiederholen. Denn wie könnte man sich eine Säule an der einen Stelle anders denken als eine andere in der Nachbarschaft, wenn sie ganz genau dasselbe zu tun haben? Sie muss ebenso gestaltet sein wie die andere. Es kann gar nicht anders sein, weil ja jede Säule dieselbe Aufgabe hat.
Haben wir es jetzt bei der neuen Baukunst mit dem Hinausgehen in den Kosmos zu tun, der nach allen Seiten in der verschiedensten Weise differenziert ist, sollen wir vergessen, dass wir in einem In- nenraumc sind, so bekommen die Säulen eine ganz neue Aufgabe, eine Aufgabe, die etwa die ist eines Buchstabens, der über sich selbst hinausweist, indem er mit den andern Buchstaben ein Wort bildet. So schließen sich die Säulen, nicht in einer Verschiedenheit, sondern wie die einzelnen Buchstaben zu einer gewichtigen Schrift zusammen, die hinausweist nach außen zum Kosmos, von innen nach außen. Und so werden wir bauen: von innen nach außen! Und so, wie das eine Kapitell auf das andere vorhergehende folgt, so werden sie sich zusammenschließen und werden etwas aussprechen als eine Totalität. Das wird etwas sein, was über den Raum hinausführt. Und was wir sonst anbringen werden, zum Beispiel innerhalb der Kuppel, das wird so angebracht werden, dass wir nicht das Gefühl haben werden: Wir sind durch eine Kuppel abgeschlossen, sondern dass die ganze Malerei die Kuppel scheinbar durchstößt, sie hinwegschafft ins Unendliche. Dazu wird man allerdings lernen müssen, ein wenig so zu malen, wie Johannes Thomasius malt für das Empfinden Straders, sodass dieser das Gefühl bekommt: «Die Leinwand, ich möchte sie durchstoßen, zu finden, was ich suchen soll.»
Man wird schon einmal einsehen, dass in den Mysterienspielen kein Wort umsonst geschrieben ist, sondern immer aus dem Ganzen heraus, und dass sich alle Dinge, die wir wollen aus den Vorbedingungen unserer Kultur heraus, notwendig zusammenschließen. Heute wollte ich nur ein Gefühl dafür hervorrufen, dass die neue Baukunst in der ganzen Behandlung der Wände, der architektonischen Motive, der Säulen, und in der Verwendung alles Dekorativen auf ein Vernichten des Materiellen gehen muss, gleichsam die Wand überwinden und die Perspektive nach außen öffnen muss, sodass auch das Malerische die Wand überwinden muss; ich wollte ein Gefühl dafür hervorrufen, dass das alles eintreten und versucht werden muss durch die neue Baukunst und dass das eine Notwendigkeit ist gegenüber dem Gang der Menschheitsentwicklung, wie wir ihn als einen notwendigen erkennen.
Allerdings nimmt es sich, angesichts der Notwendigkeit eines solchen Baues aus dem Entwicklungsgang der Menschheit heraus, wie eine Jämmerlichkeit aus, dass es so schwierig ist, den Bau wirklich durchzubringen, und jämmerlich sind auch alle die Einwände, die da gemacht werden von den Behörden in München, auch von den Künstlern, die aufgerufen worden sind, darüber zu urteilen, und die gesagt haben, der Bau erdrücke die Nachbarschaft. Vielleicht haben sie ein kleines Magendrücken bekommen darüber, dass der Bau die Nachbarschaft erdrücken könnte, dass er so aus ihr herauswächst, in eine sehr weite Umgebung hinein. Innerlich drückend werden sie ihn zunächst empfinden.
Solche Einwände, die von Künstlern gemacht wurden, die da glauben, auf der Höhe der Kunst ihrer Zeit zu stehen, sie erscheinen als ein grotesk Komisches, wenn man aus der Entwicklung der Menschheit heraus die Dinge bedenkt. Da hat zu unserm lieben Freunde, der uns als Architekt hier hilft, einer, der ein freier Künstler sein will, gesagt, dass der Baumeister sich nicht niederzwingen lassen müsse vom Bauherrn, sondern als freier Künstler schaffen, so wie er will. Ein schöner Grundsatz ist das, denn nehmen wir an, der Bauherr bestellt ein Warenhaus, so würde er doch nicht sehr zufrieden sein, wenn der «freie Künstler» ihm eine Kirche hinbaute. Nun, solcher Schlagworte gibt es viele. Aber man ist durch Aufgabe und Material beschränkt. Da hat das Wort «freier Künstler» einfach keinen Sinn. Denn ich möchte wissen, was der «freie Künstler» machen wird, wenn er die Absicht hat, aus der freien Künstlerschaft heraus ein plastisches Kunstwerk auszuführen, den Ton formt und eine Venus schaffen will, und statt der Venus daraus ein Schaf wird? Ist er dann ein freier Künstler? I lat das Wort «freie» Kunst den geringsten Sinn, wenn Raffael den Auftrag bekommt, die Sixtinische Madonna zu malen, und cs wäre eine Kuh daraus geworden? Da wäre Raffael ein «freier» Künstler gewesen, aber er hätte keine Sixtinische Madonna geschaffen! So wie man zu gewissen Dingen nur eine Zunge braucht, so braucht es auch hier nur eine Zunge. Denn solches Argumentieren hat nichts zu tun mit den notwendigen realen Bedingungen der Menschheitsentwicklung, sondern es kommt darauf an, ob man eine Wahrheit im Sinne hat, die sich auf Tun, auf Wirken, die sich auf Arbeiten bezieht. Denn Wahrheiten, die fruchtbar sein sollen, die «wahr» sein sollen, müssen so begründet sein in den Notwendigkeiten der Menschheitsentwicklung. Allerdings werden sie immer so sein, dass auf sie anwendbar sein wird, was Schopenhauer gesagt hat in Bezug auf die Wahrheit, die hereintritt in die Menschheitsentwicklung. Denn Schopenhauer hat gesagt: «In allen Jahrhunderten hat die arme Wahrheit darüber erröten müssen, dass sie paradox war, und es ist doch nicht ihre Schuld. Sic kann nicht die Gestalt des thronenden allgemeinen Irrtumes annehmen. Da sicht sie seufzend auf zu ihrem Schutzgott, der Zeit, welcher ihr Sieg und Ruhm zuwinkt, aber dessen Flügelschläge so groß und langsam sind, dass das Individuum darüber hinstirbt.»
Hoffen wir, liebe Freunde, und wollen wir das Unsere dazu tun, weil cs gut sein könnte für unsere Sache, dass unser Schutzgeist sich erbarmt und seine Blicke auf uns wendet, damit wir, erkennend die Notwendigkeit unseres Baues, auch in Bälde imstande sind, diese der Menschheitsentwicklung entsprechende Umhüllung für Anthroposophie oder Geisteswissenschaft wirklich hcrstcllen zu können!
AN DIE MITGLIEDER DER
ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT,
DEN JOHANNESBAU BETREFFEND
Broschüre, basierend auf den Eingangsworten zum
Vortrag vom 18. Mai 1913 in Stuttgart
Meine lieben theosophischen Freunde!
Bevor ich heute mit dem Gegenstände unserer Betrachtung beginnen kann, habe ich Ihnen noch eine Mitteilung zu machen. Sie wissen, meine lieben theosophischen Freunde, dass in Angriff genommen worden ist vor einiger Zeit der Bau einer Art von theosophischem Zentrum für unsere Arbeit, und dass nach mancherlei Bemühungen es gelungen ist, ein Grundstück in München zu erwerben, auf dem unter der Sorgfalt und Führung unseres Johannes-Bauvereins der sogenannte Johannesbau beabsichtigt worden ist, sodass also unseren Absichten gemäß für gewisse Zentralveranstaltungen dieser Johannesbau in München hätte da sein sollen.
Nun stellten sich im Verlauf der Zeit immer mehr und mehr Schwierigkeiten heraus, wirklich mit diesem Bau in München in einer absehbaren Zeit zu Ende zu kommen; und man darf vielleicht die leise Vermutung haben, dass doch einmal, wenn die Dinge eine Weile Zeit hinter sich haben werden, die Geschichte dieses Johannesbaus ein eigenartiges Kapitel zur Beleuchtung des zeitgenössischen Geisteslebens wird bilden können. Ich möchte Ihnen so trocken als möglich, damit wir zur Betrachtung unseres Gegenstandes kommen, das sagen, was zu sagen ist über die Sache. Es könnte leicht die Vorstellung entstehen - da wir uns genötigt finden, um überhaupt mit der Sache zu einem Ende zu kommen in einer Zeit, wo eine Anzahl von uns noch dabei sein kann, mit dem Bau von München fortzugehen und ihn in einem anderen Otte zu errichten - es könnte leicht die Meinung entstehen, dass dabei zumeist ausschlaggebend gewesen wäre die Abneigung der allgemeinen Welt gegenüber unserem theosophischen Geistesleben, die sich vielleicht ausgedrückt hätte in sehr geringem Entgegenkommen, sagen wir: der Verwaltungsbehörden oder dergleichen. Ich möchte ausdrücklich - weil wir ja immer danach trachten müssen, Missverständnisse zu beseitigen - ich möchte ausdrücklich betonen, dass, obwohl ja diese oder jene Wesenheiten der Erde, die man Geister nennt, Erdengeister, Menschengeister notwendig auch das Nötige getan haben durch allerlei wohlwollende Zeitungsartikel oder dergleichen, gegen unseren Bau Stimmung zu machen, um die Verwaltungsbehörden gegen uns einzunehmen, das nicht in Betracht kommt; denn nach der ganzen Lage der Dinge können wir sagen, dass wir keine Hemmung gehabt haben von Seiten irgendwelcher politischen oder Kirchenbehörde. Von dieser Seite würde ich einen Widerstand noch begreiflich gefunden haben. Ich will damit nicht sagen, dass nicht Stimmungen da waren - das wohl! aber ohne dass sie uns in den Weg gekommen wären. Wir hätten allerdings, wenn wir lange noch infolge der anderen Hemmungen gewartet hätten, Hindernisse da finden können, aber es war nicht mit diesen Faktoren zu rechnen bis jetzt als solchen, die uns einen unmittelbaren, greifbaren Widerstand entgegengestellt hätten.
Nein, es kam bis jetzt etwas in Betracht, was uns aber radikal nötigt, nicht weiter an den Bau in München denken zu können, etwas, was, um es genau zu charakterisieren, recht lange Zeit in Anspruch nehmen könnte. Es kam in Betracht, dass Leute, die recht wohl nach ihren Prätentionen uns hätten Verständnis entgegenbringen müssen, uns dieses Verständnis nicht entgegengebracht haben. Würden wir von Verwaltungs-, von Kirchenbehörden Widerstände gehabt haben, wir würden es begriffen haben; womit aber zu rechnen war, und was den Ausschlag geben muss, das ist: dass sich in unserer Gegenwart jede solche Strömung, wie unsere Geistesströmung ist, genötigt sieht, irgendetwas hineinzustellen in das Chaos der übrigen Kultur. Unser Zentralbau muss ja sein, wenn er überhaupt etwas sein soll, was auszuführen wirklich der Mühe wert ist, er muss selbstverständlich etwas sein, was nicht nur hinein sich stellt innerhalb des gegenwärtigen Lebens, sondern etwas, was zum Ausdruck bringt das ganz Neue und das gegenüber der gegenwärtigen Kultur Freie unserer geistigen Strömung.
Wenn von anderer Seite, von Verwaltung oder von kirchlicher Seite so etwas nicht verstanden wird, so braucht man sich darüber nicht zu verwundern. Das Missverstehen kam aber von anderer Seite: Es kam von derjenigen Seite, die sich heute, nun, sagen wir, beilegt, ein Urteil zu haben über dasjenige, was als künstlerisch zu gelten hat in der [Welt oder was] nicht als künstlerisch sich hineinzustellen hat in das, was als äußeres Stadtbild dasteht. Und wenn man heute auf das künstlerische Gebiet zu sprechen kommt, dann merkt man ja am allermeisten, wie wir mitten in einem Kulturchaos darinnenstehen. Aber gerade hier hätte man voraussetzen sollen, dass noch so viel Freiheitsgefühl in den Seelen ist, dass das künstlerische Urteil hätte gefällt werden müssen: «Man müsse eingehen auf so etwas, was sich gewissermaßen aus dem Zentrum eines neuen Geisteslebens heraus erheben will.» Stattdessen machten sich die Widerstände heran, und man konnte sehen, was unter der Flagge künstlerischer Einsicht sich als Künstlertum geltend macht, jenes Künstlertum, das sich so nennt, und das von dem, was wirken soll durch die künstlerische Evolution der Menschheit, nicht das allergeringste Verständnis hat.
Es würde unbescheiden sein, meine lieben Freunde, zu erinnern an die Siebzigerjahre, an die Schwierigkeiten, die eine andere künstlerische Richtung in der neuen Zeit hatte - das wissen alle, dass ich die künstlerische Schöpfung Richard Wagners meine. Aber wenn es auch unbescheiden wäre, dabei einen Vergleich ins Auge zu fassen, so könnten doch durch das Studium der künstlerischen Strömungen die aut den Namen Richard Wagners gebaut werden, die Schwierigkeiten gekennzeichnet werden, Schwierigkeiten, aut die wir stoßen mussten gegenüber denjenigen, die glauben, dogmatisch beurteilen zu können, was Kunst oder künstlerisch ist. Menschen von der Gesinnung waren es, die uns die Knüppel zwischen die Räder geworfen haben, Menschen, die dazumal gegen die obengenannte Geistesrichtung sich aufgelehnt haben, und jetzt, wenn sie alt genug geworden sind, umschmeicheln diese Geistesrichtung.
Urteile konnte man hören, die gefällt sind vom künstlerischen
Standpunkte aus, die einem die Lust vergehen lassen konnten. Diejenigen Menschen, welche das menschliche Geistesleben in seinem Werden erkennen, die wissen ohnehin, dass es natürlich ist, dass auch das so vorkommt. Alle menschlichen Geistesrichtungen, die ein Ursprüngliches darstellen, sie konnten sich alle nicht mitten hineinstellen in das Andere. Ich könnte eine lange Liste aufstellen. Solcher, die sich nur nach einem Grundsätze, der schon in den Evangelien ist, in die Welt hineinstellen konnten. Dasjenige, was man heute vielfach Kunst nennt, was da oder dort sich geltend macht unter den oft absurdesten Urteilen, das ist ein Absterbendes. Und neue Kulturen, sie konnten niemals in dieses Absterbende sich hineinstellen. Gerade da, wo man heute die meisten Blüten vermutet, da ist Absterbendes; und die neuen Kulturen müssen sich mit dem Grundsatz bekannt machen: «Lasset die Toten ihre Toten begraben - ihr aber, folget mir nach.» Dasjenige, was Absterbendes ist, das hat eben für sein Begräbnis zu sorgen, und dasjenige, was lebendig und keimend ist, das findet zunächst dort keinen Platz.
Das ist nicht eine Niederlage, das ist dasjenige, was im normalen Gang der Evolution durchaus begründet ist, und es wäre pedantisch, wollte man heute etwa ankämpfen gegen ein Urteil, das sich mit solcher Lächerlichkeit in die Welt stellt, wie etwa, wenn irgendein Baumeister sagt, die Baukunst müsse frei sein, könnte sich nicht richten nach dem, was da herausströmen soll aus irgendeiner Geistesrichtung. Die Kunst selber müsste frei sein. Ich rate nur solch einem Baumeister, wenn ihm der Auftrag gegeben würde, ein Wohnhaus herzustcllen, einen Bahnhof zu bauen, wenn es ihm gerade einfällt.
Solche absurden Dinge, wie sie heute im sogenannten Künstlertum blühen, das sich in unendlicher Anmaßung überall hervordrängt mit seinem impotenten Urteil, das ist dasjenige, worauf eigentlich nicht scharf genug hingewiesen werden kann. Und unter dem Einflüsse solcher Strömungen ist es eigentlich gekommen, dass wir uns zuletzt, nachdem wir uns genug bemüht haben, die Sache in München aufzustellen, vor der Notwendigkeit sahen, mit nie endenden Zeiträumen rechnen zu müssen; denn wir bekamen einen Bescheid, der ungefähr gleich war mit den Worten: «Wasch mir den Pelz, aber mach mir ihn nicht nass» - etwas, womit man überhaupt nicht rechnen kann, wenn man Pläne zu bearbeiten hat, wie unser verehrter Freund, Herr Baumeister Schmid, der so schön in völligem Einklang mit uns arbeitet. Wir hätten nichts zu machen gehabt als Pläne, wovon der Bescheid gekommen wäre: «Sie entsprechen nicht dem künstlerischen Geschmack», sodass wir immer wieder Pläne auszuarbeiten gehabt hätten, und dann hätte man wieder gesagt, na etwa so wie «fasst die Massen besser zusammen» - nun, ich will nicht weiter auf diese Dinge eingehen!
Es ist nur nötig gewesen, durchaus nötig, um einen wichtigen Schritt zu motivieren. Und. dieser Schritt ist der: dass wir mit dem Johannesbau von München fortgehen werden.
Durch die nicht hoch genug zu schätzende Bereitwilligkeit und das liebe Entgegenkommen unserer Schweizerischen Freunde werden wir in der Lage sein, unseren Bau aufzuführen in der Natur draußen, in Dörnach bei Basel. Und unsere lieben Freunde werden nun, wenn sie hinaus wollen im Sommer, um sich zu erfrischen in der freien Natur, an der Zentralstelle, die dort geschaffen werden soll, Gelegenheit haben, in der freien Natur draußen mit demjenigen, was wir in Abgeschlossenheit treiben, die Eindrücke der Natur und Landschaft zu verbinden, und die Freude haben zu sehen, wie unser Tempelbau sich erheben wird, weit hinausragend in die Lande, ein Monument desjenigen, meine lieben Freunde, was wir vielleicht wollen dürfen, insbesondere wollen dürfen jetzt in dieser Zeit, wo unsere Geistesströmung ganz auf ihren eigenen Füßen stehen muss und sich auch gezwungen sicht, sich in Bezug auf Raum und Ort so frei zu stellen, wie nur irgend möglich. Ich versichere Sie, ich bin im Sommer dort herumgegangen und habe mir es vorgestellt, wie schön man unseren Bau von allen Seiten sehen würde. So hoffen wir, dass sich aus dem freien Leben heraus dasjenige, was unserer Geistesströmung entspricht, unser Zentralbau, an jener Stätte erheben wird.
Nun, meine lieben Freunde, es wird noch mancherlei nötig sein, obwohl durch das Entgegenkommen unserer Schweizerischen Freunde auch mancherlei gerade in materieller Beziehung erspart werden kann, es wird noch mancherlei an Opferwilligkeit von Seiten unserer theosophischen Freunde nötig sein, damit das, was in diesem Werke geschehen muss, geschehen kann. Ich bin überzeugt, dass jeder, der imstande ist, die Tatsache wirklich objektiv zu betrachten, ganz damit einverstanden ist, dass wir aus der Fessel heraus in die Freiheit uns begeben und die Sache so vollenden, wie es nötig ist. Und nötig ist, dass wir in absehbarer Zeit in diesem Zentralbau unsere Sommerspiele absolvieren können.
Wenn wirklich alles gelingt, so werden wir mit der Geister nötiger Hilfe das nächste Mal in dieser Zeit, so wie heute Ihnen die Sommer- festspiele für das Volkstheater in München angesagt wurden, Ihnen ankündigen können, dass die Festspiele in Dörnach stattfinden.
Diesen Zeitpunkt würden wir nicht haben einhalten können, wenn wir den so langweiligen Kampf - langweilig nicht im gewöhnlichen Wortsinne — gegen die nichtssagenden Urteile einer unkünstlerischen Gegenwart hätten kämpfen wollen. Dasjenige, was entgegengestanden hätte von - ich will nicht einmal sagen Irrtum, denn es handelt sich in diesem Falle nicht um Irrtum sondern was uns entgegengestanden hätte von der Anmaßung, das wird uns nicht entgegen- gestellt werden von der herrlichen Natur, die unsere geistige Arbeit umgeben soll. Viele werden ihre Freude haben an dem, was so wird zustande kommen.
Das, meine lieben Freunde, ist, was ich vorbringen musste, um Ihnen erstens eine Tatsache mitzuteilen, zweitens aber diese Tatsache, die einen gewichtigen Schritt bedeutet innerhalb unserer Geistesbewegung, einigermaßen zu motivieren.
Gewiss, es könnte ja Menschen geben, die es kühner gefunden hätten, anzukämpfen gegen Vorurteile und Anmaßung. Aber es kam noch auf etwas anderes an, und gerade dasjenige, was in der letzten Zeit geschehen ist, zeigt, dass es noch auf etwas anderes ankam. Nun, meine lieben theosophischen Freunde, wenn wir berücksichtigen wollen, was uns umgibt, dann brauchen wir die Zeit, und wir dürfen die Zeit nicht verlieren mit allerlei Kampf, sondern müssen sie ausfüllen in der Weise, in welcher der gesunde Menschenverstand einsehen kann, dass es geschehen muss.
Ohne Arger und Groll nur erkennend, dass es notwendig so sein musste, sollte diese Mitteilung gemacht werden. Und betrachten Sie sie nur als den Ausdruck davon zugleich, warum der Johannesbau- Verein behindert war in dem freien vor Sie Hintreten, sodass man immer wieder hören musste: Man vernimmt ja nicht, was geschehen soll; wenn man wüsste, was geschehen soll, so würde man die Mittel viel leichter zusammenbringen können. Jetzt stehen wir anders da, sodass ein jeder weiß, um was es sich handelt. Und was gesagt worden ist, darf so gesagt werden, dass cs in der Richtung zu Ihrem Herzen gesprochen ist. dass Sie den Zentralbau aufnehmen in Ihre Liebe. Betrachten Sie dasjenige, was entstehen soll, als Ihre Sache, als eine Sache, die Sie mitbegründen wollen für das Geistesleben der Menschheit.
Ein jeder wird dasjenige dazu beitragen, was er nach seinen Kräften dazu beitragen kann. Und wir werden künftig nicht mehr gehemmt werden von der Seite her, von der die Rede war, sondern wir werden, je nachdem unsere lieben Freunde uns helfen, in der Lage sein, dasjenige zustande zu bringen, was nach den gegenwärtigen Umständen schnell zustande gebracht werden muss. Ich betone das Wort schnell nicht ohne Absicht, meine lieben Freunde.
Im Anschluss an die vorstehenden Darlegungen macht der Johannesbau-Verein die folgenden sachlichen Mitteilungen:
Das ursprüngliche Programm des Johannesbau-Vereins erleidet bezüglich des eigentlichen Zentralbaues keinerlei nennenswerte Änderung. Im Wesentlichen wird die «Hochschule für Geistes-Wissenschaften» in der für München projektierten Weise in Dörnach erstehen; in Einzelheiten macht die Freiheit, die wir in der Schweiz genießen, eine restlosere Ausgestaltung der beabsichtigten Baugedanken auch im Äußeren möglich.
Dagegen wird die Erbauung der Wohnhäuser in dem für München vorgesehenen Ausmaße nicht erfolgen. Die ländlichen Verhältnisse Dörnachs fordern zu einer weiträumigen Ausgestaltung unserer Ansiedelung auf, sodass die einzelnen Villen inmitten von Gärten entstehen werden. Der Johannesbau-Verein muss es aber der Initiative derjenigen, die in der Nähe des Zentralbaues wohnen wollen, überlassen, diese Villen zu bauen; er wird seine ganze Kraft auf die Ausgestaltung des Zentralbaues allein verwenden.
Es wäre nun wünschenswert, wenn die sich so entwickelnde Ansiedlung unserer anthroposophischen Freunde rings um den an dominierender Stelle liegenden Zentralbau herum gemäß einem einheitlichen Gedanken entstehen würde - ohne dass der Betätigung des Einzelgcschmackcs zu enge Grenzen gezogen werden; «cs sollten gewissermaßen die einzelnen Villen weit im Umkreise sowohl durch ihre Bauart, wie vielleicht auch durch ihre Orientierung zum Ausdruck bringen, dass sie dazugehören».
Um diesen Gedanken durchführen zu können, ist natürlich eine Kenntnis der zugrunde liegenden Ideen und Baugedanken, die sich im Laufe langer Zusammenarbeit ergeben haben, notwendig, eine Kenntnis, die wir gegenwärtig nicht, etwa durch eine Veröffentlichung, unseren Freunden zugänglich machen können, sodass wir uns genötigt sehen, zu bitten, dass die Pläne der in Anlehnung an den Johannesbau auszuführenden Villen dem Bauvereine vorgelegt werden, der alsdann, natürlich ohne irgendwelche entscheidenden Rechte beanspruchen zu wollen, diejenigen Korrekturen in Vorschlag bringen wird, welche das vorliegende Projekt in Einklang mit dem Zentralbaue bringen können. Eine solche Maßnahme kann ja wohl nicht im Sinne einer beabsichtigten Monopolisierung missdeutet werden.
Eine Zentralisierung ist auch für den Landerwerb überaus wichtig. Wir haben es in Dörnach mit einer bäuerlichen Bevölkerung zu tun; der Grund und Boden ist in kleinste Parzellen aufgeteilt, welche im Besitze der einzelnen Bauern sind. Es ist klar, dass die Durchführung der Kaufverhandlungen mit den vielen Besitzern Kenntnis der Verhältnisse und so weiter voraussetzt, und weiterhin ist zu befürchten, dass ein zu frühes Bekanntwerden unserer Projekte zu einer ungeheuren Steigerung des Bodenpreises führen würde.
Unsere Freunde, die beabsichtigen, in der Nähe des Zentralbaues entweder dauernd zu wohnen oder sich einen Sommersitz zu sichern, wollen für die Terrainerwerbungen mit Herrn Dr. E. Groshcintz, Basel, Holbeinstrasse 55 in Verbindung treten.
Dörnach, im Kanton Solothurn, ist in zehn Minuten mit der Bahn und in einer halben Stunde mit der Elektrischen von Basel aus zu erreichen.
Es sei ferner gebeten, vorläufig absolut nichts über die bestehenden Projekte außerhalb der anthroposophischen Gesellschaft verlauten zu lassen, am wenigsten in Dörnach oder Basel selbst.
Wir machen darauf aufmerksam, dass wir eine lochschule für Geisteswissenschaften» zu errichten gedenken, und bitten dringend, alle anderen Bezeichnungen, die die öffentliche Meinung nur irreführen und gegen uns einnehmen können, zu vermeiden.
München, am 22. Mai 1915
Der Verwaltungsrat des Johannesbau-Vereins
BRIEF RUDOLF STEINERS
AN ALEXANDER VON BERNUS
Dörnach, 19. September 1913
Sehr verehrter lieber Herr Baron!
Die Münchener Wochen nehmen so stark, nicht nur meine Zeit, sondern auch meine Gedanken in Anspruch, dass leider während dieser Zeit manches auch von der Art sich von Tag zu Tag hinausschiebt, was so gerne beantwortet sein möchte von mir, wie Ihre so lieben Briefe. Verzeihen Sie diesen Aufschub, bitte, der allerdings fast unverzeihlich erscheint.
Ihr so liebes Anerbieten bezüglich eines Baues in dem Bereich Ihrer Besitzung würde von mir sogleich dankend angenommen worden sein, wenn in dieser Zeit dasselbe noch in einer Beziehung zu dem Bau in Dörnach gedacht werden könnte. Allein dieser Bau kann nicht mehr aufgegeben werden. Das Karma hat so deutlich auf diesen Punkt gewiesen, dass ich in dieser Zeit nicht mehr wagen würde, dem Johannesbau-Verein einen andern Rat zu geben, als da zu bauen, ganz abgesehen davon, dass eine Änderung der diesbezüglichen Dispositionen schon seit Mai nicht mehr möglich ist.
Und ich muss sagen, mit jedem Tage treten mir mehr spirituelle Gründe vor die Seele, welche den uns gewissermaßen aufgedrängten Punkt als den richtigen erscheinen lassen. So kann ich auch nichts mehr dagegen haben, morgen hier - nach Sonnenuntergang - den Grundstein zu legen. Und dies bedeutet für mich in occfulter] Beziehung eine Verantwortung, die mir recht schwer auf der Seele lastet.
Bei alledem erscheint mir Ihr liebes Anerbieten wie ein Geistgeschenk, und ich kann mich durchaus dem Gedanken hingeben, dass sich ganz unabhängig von Dörnach in Heidelbergs Aura ein Schönes für unsere Sache entwickelt. Vieles weist darauf hin. So bitte ich Sie, in den nächsten Tagen Sie besuchen zu dürfen. Ich habe dies seit
lange für die Tage zwischen meiner Dornacher und norwegischen Reise projektiert.
Am 1. Okt[ober] muss ich wieder in Christiania vortragen. Ist Ihnen ein Tag zwischen dem 21. und 24. September genehm, so komme ich da nach Heidelberg. Darf ich darüber um ein Wort bitten. Empfangen Sie nun auch meinen besten Dank für Ihre Gedichte und Spiele. Ich habe das Buch, seit ich es habe, sehr lieb gewonnen. Es sagt auch der Seele wirklich so manches - vom Scclcnnahcn und Seelenfernen, zwischen denen der Mensch sich im Sinnbild der Welt findet.
Es wird mir befriedigend sein, einige Stunden wieder bei Ihnen zu sein. In Gedanken war ich es viel in dieser Zeit. Was ich zu Ihrem Wunsche bezüglich der kleinen Ursula-Pia zu tun [vermag], werde ich gerne tun. Die Kräfte der Zeit beschränken mich wohl an gewisse Grenzen bezüglich alles Zeremoniellen.
So darf ich also nochmals um einen Wink bitten, ob ich an einem der kommenden Tage Sie besuchen darf. Ich denke, Erl. v. Sivers würde mit mir kommen.
Ihrer Frau die herzlichsten Empfehlungen
auch Ihnen beste Grüße
Ihres
Rudolf Steiner
z.Z. Dörnach bei Basel; Haus Brodbeck
19. Sept. 1913WORTE DER GRUNDSTEINLEGUNG
DES ERSTEN GOETHEANUMS UND
ANSCHLIESSENDE ANSPRACHE
Dörnach, 20. September 1913
Wir beginnen unser Werk!
Ihr Seraphim, ihr Cherubim, ihr Lenker der Welt, in der ihr gleich Blitzen durch die geistigen Strömungen aufnehmt die Hüllen der Cherubim, sie vermählend zu schöpferischem Dasein der Welt, ihr hohen Throne, euch rufen wir als Schützer unserer Handlung, und euch, ihr Weisheiten, die ihr hinstrahlet dasjenige, was im Menschen vor aller seiner Eigenwesenheit vorhanden ist, und euch, ihr Bewahrer der ewigen Weltenkräftc, und euch, ihr Former unseres Daseins, die ihr hereinstellt die Gestalt alles Seins in die Strömungen des Daseins: Euch rufen wir an zu Schützern unserer Handlungen. Und euch, ihr Persönlichkeiten des geistigen Stromes, und ihr Helfer, die Archangeloi und die Angeloi, die ihr der Erde die Boten des geistigen Lebens des Menschen seid, euch alle rufen wir zu Schützern und Lenkern dieser unserer Handlung. Herab rufen wir euch über des Menschen Seele, die wir weihen wollen, soweit es an uns ist. Wir treten hin an dieses Menschen Seele, die wir weihen wollen dem Werke, das nach unserer besten Erkenntnis der Zeit seine Dienste leisten soll.
Als Sinnbild der Menschenseele, die sich weiht unserem großen Werk, haben wir geformt diesen Stein. Er ist uns Sinnbild in seiner doppelten Zwölfglicdrigkcit der strebenden, als Mikrokosmos in den Makrokosmos eingesenkten Menschenseele. Anthropos, der Mensch, wie er sich herleitet von Wesenheiten der göttlich-geistigen Hierarchien. So ist Sinnbild dieser unser Eckstein unserer eigenen Seele, die wir einverleiben dem, was wir als richtiges geistiges Streben für die Gegenwart erkannt haben. So werden wir versenken diesen Stein, der geformt ist nach den Weltenbildern der Menschenseele, in das Reich der Elemente. Innerhalb dieses Steines finden sich, dem verdichteten Reich der Elemente entnommen, zwei Gesteine, die am besten ausdrücken, wie Zusammenwirken des Makrokosmos Kräfte im verdichteten Reich der Elemente. Diese Zwölfgliedrigkeit, wir werden sie als das eigentliche Zeichen der Menschenseele versenken an den Ort, über dem sich erheben wird dasjenige, was uns wie ein Zeichen werden soll unseres Wirkens, wenn wir es recht verstehen, meine lieben theosophischen Freunde, am heutigen Abend. Und versenken wollen wir mit diesem Stein dasjenige, durch das wir uns angeloben demjenigen, was wir als Richtiges unseres geistigen Lebens erkannt haben.
Diese Urkunde, sie wird in unsern Stein versenkt; sie trägt die Inschrift:
Im Namen der Seraphim, der Cherubim, der Throne, der Weisheiten, der Beweger, der Former, der Persönlichkeiten, der Archai, der Archangeloi, der Angcloi!
Es lebt als Mikrokosmos im Makrokosmos der Mensch, Anthro- pos, dargestellt auch hier als zweimal zwölfgliedrigcs Abbild, Sinnbild der geistigen Welt. Und innerhalb dieses Sinnbildes drückt der euch, meine lieben Freunde, wohlbekannte Spruch des Rosenkreuzertums den Sinn unseres Strebens aus:
Ex Deo nascimur
In Christo morimur
Per Spiritum Sanctum reviviscimus
Als Angelobeformel, verstehen wir uns recht, steht es auf diesem Stein, der als Eckstein ausdrückt den im Geist sich suchen wollenden, den in der Weltenseele sich fühlen wollenden, im Welten-Ich sich ahnenden Menschen. Diesen Stein versenken wir in der verdichteten Elemente Reich, als Sinnbild der Kraft, nach der wir uns zu streben bemühen durch 3, 5, 7, 12, gelegt vom Johannesbau-Verein Dörnach am 20. Tag des September 1880 nach dem Mysterium von Golgatha, das ist 1913 nach Christi Geburt, da Merkurius als Abendstern in der Waage stand.
Als Baumeister:
Carl Schmid-Curtius
Als Vcrwaltungsrat des Johannesbau-Vereins:
Sophie Stinde Fr. Bürgi
Emil Grosheintz Fr. Schieb
Hermann Linde Fr. Hirter-Weber
Felix Peipers
Pauline Gräfin Kalckreuth
Carl Unger
Emmy Gumppenberg
Als Centralvorstand der Anthroposophischen Gesellschaft: Marie von Sivers
Dr. Carl Unger
und Dr. Steiner als geistiger Leiter der Handlung.
Dieses Dokument, es wird einverleibt dem Sinnbild der Menschenseele, und dann dem verdichteten Reich der Elemente.
[Das Dokument wird dem Kupferblechbehälter eingefügt und dieser verlötet.]
Der Stein, das Sinnbild unserer Seelen, wird in das verdichtete Reich der Elemente gesenkt.
[Der Grundstein wird von Dr. Peipers und vier weiteren Männern in den Grundsteinsockel verbracht. Er wird so gelegt, dass der größere Dodekaeder nach Osten, der kleinere nach Westen liegt, d. i. umgekehrt wie der Bau, dessen größere Kuppel nach Westen und dessen kleinere nach Osten gerichtet ist. Rudolf Steiner steigt anschließend selber in die Grundsteingrube hinab.]
Der Stein als Sinnbild unserer Seele ist in die Erde versenkt; er sei ein Wahrzeichen des Strebens nach Erkenntnis, nach Liebe, nach starkem Handeln, der Menschheit Sinnbild. Unseren Seelen wird er sollen Wahrzeichen sein, dass uns tönt immerdar aus dem tiefsten Sinn des Weltenwortes heraus:
Ex Deo nascimur
In Christo morimur
Per Spiritum Sanctum reviviscimus
Da soll werden aus dem Sinnbild der Menschenseele ein Zeichen der Menschenseele. Zum Zeichen der Menschcnseele weihe ich dich mit den ersten Schlägen, die zu diesem unserem Wahrbau gemacht werden sollen:
[Es erfolgen drei, fünf und sieben Schläge auf den kleinen, dann zwölf Schläge auf den größeren Dodekaeder.]
Der Stein ist damit zum Zeichen geworden aus dem Sinnbild. Und nun wollen wir ihn anvertrauen dem Reich der verdichteten Elemente, der Erde, in die unsere Seele versenkt wurde, um in der Menschheitsevolution dasjenige zu entwickeln, was Erdenmission ist. Zum Verhüllten wird der Stein aus dem Zeichen, indem wir ihn anvertrauen der Erde. Dreifach steigt auf die Menschenseele zu den drei Geheimnissen des Daseins: Sinnbilder sind sie zuerst, Zeichen sind sie dann, indem die Seele liest das ewige Weltenwort, doch die tiefsten Tiefen der Weltengeheimnisse, sie werden lebendig verbunden mit der Seele, wenn diese Seele aus dem Reiche der Hierarchien sich selber zu geben vermag die Hülle.-So werde verhüllt! Ein Verhüllter werde aus dem Sinnbild und dem Zeichen, auf dass du seiest ein fester Eckstein unseres Strebens, unseres Suchens, wie wir es als richtig erkannt haben in der Evolution der Menschheit. So wollen wir den Stein, der da ist das Zeichen unserer Seele, zum Verhüllten machen.
[Architekt Schmid-Curtius und Ingenieur Englert bedecken daraufhin den Stein, auf den Marie von Sivers einen Rosenstrauß gelegt hat - 12 rote und eine weiße Rose - mit Erde. Darauf reicht Herr Dr. Steiner den am Grundstein Anwesenden, Dr. Peipers, Dr. Grosheintz, Frl. von Sivers, Architekt Schmid und Ingenieur Englert die Hände übers Kreuz gefaltet. Alle verlassen die Grundsteingrube und Rudolf Steiner kehrt zu seinem Platz auf der Achse des Grundsteins zurück, auf dem er mit seiner Ansprache begann.]
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Verstehen wir uns heute an diesem Festabend richtig. Verstehen wir uns dahin, dass diese Handlung in einem gewissen Sinne bedeutet für unsere Seele ein Gelöbnis. Unser Streben hat es mit sich gebracht, dass wir hier an diesem Orte, von dem aus wir weit hinaussehen nach den vier Elementarrichtungen der Himmelsrose, aufrichten dürfen dieses Wahrzeichen geistigen Lebens der neueren Zeit. Verstehen wir uns, dass wir uns am heutigen Tage, indem wir unsere Seelen verbunden fühlen mit dem, was wir in die Erde symbolisch versenkt haben, anverloben dieser von uns als richtig erkannten geistigen Evolutionsströmung der Menschheit. Versuchen wir, meine lieben Schwestern und Brüder, dieses Seelengelöbnis abzulegen: dass wir hinwegsehen wollen in diesem Augenblick von allem Kleinlichen des Lebens, von all dem, was uns verbindet, notwendig verbinden muss als Mensch mit dem Leben des Alltags. Versuchen wir in diesem Augenblicke in uns den Gedanken zu erwecken der Verbindung der Menschenseele mit dem Streben in der Zeitenwende. Versuchen wir einen Augenblick daran zu denken, dass, indem wir das getan, wozu wir uns heute angelobt haben, wir das Bewusstsein in uns tragen müssen, hinauszuschauen in weite, weite Zeitenkreise, um gewahr zu werden, wie sich die Mission, deren Wahrzeichen werden soll dieser Bau, einreihen wird der großen Mission der Menschheit auf unserem Erdenplaneten. Nicht in Stolz und Übermut, sondern in Demut, Hingebung und Opferwilligkeit versuchen wir unsere Seelen hinaufzulenken zu den großen Plänen, den großen Zielen des menschlichen Wirkens auf der Erde. Versuchen wir uns zu versetzen in die Lage, in der wir eigentlich sein sollen und sein müssen, wenn wir diesen Augenblick richtig verstehen.
Versuchen wir daran zu denken, wie einstmals hinzog in unsere Erdenevolution die große Kunde und Botschaft, das urewige Evangelium göttlich-geistigen Lebens, wie es hinzog über die Erde, als die göttlichen Geister selber die großen Lehrer der Menschheit noch waren. Versuchen wir, meine lieben Schwestern und Brüder, uns zurückzuversetzen in jene göttlichen Zeiten der Erde, von denen noch ein letztes Sehnen, eine allerletzte Erinnerung uns aufgeht, wenn wir etwa im alten Griechenlande mit den letzten Tönen der Mystericnweisheit und zugleich mit den ersten philosophischen Tönen den großen Plato künden hören von den ewigen Ideen und der ewigen Mülle der Welt. Und versuchen wir zu begreifen, was über unsere Erdenevolution seither gezogen ist an luziferischen und ah- rimanischen Einflüssen. Versuchen wir uns klarzumachen, wie aus der Menschenseele gewichen ist der Zusammenhang mit dem göttlichen Weltendasein, mit dem Wollen, mit dem Fühlen und mit dem göttlich-geistigen Erkennen. Versuchen wir in diesem Augenblick tief, tief in unserer Seele nachzufühlen, was da draußen, in den Ländern im Osten, Westen, Süden heute die Menschenseelen fühlen, die wir anerkennen dürfen als die besten, und die nicht hinauskommen über dasjenige, was wir aussprechen können mit den Worten: ein unbestimmtes, unzulängliches Sehnen und Hoffen auf den Geist. Schaut euch um, meine lieben Schwestern und Brüder, wie dieses unbestimmte Sehnen, dieses unbestimmte Hoffen auf den Geist waltet in der heutigen Menschheit. Fühlet hörend, hier beim Grundstein unseres Wahrzeichens, wie in dem unbestimmten Sehnen und Hoffen der Menschheit nach dem Geiste der Schrei hörbar ist nach der Antwort, nach jener Antwort, die gegeben werden kann da, wo Geisteswissenschaft waltet mit ihrem Evangelium der Kunde vom Geiste.
Versucht in eure Seelen hineinzuschreiben das Große des Augenblicks, den wir durchmachen am heutigen Abend. Wenn wir hören können den Sehnsuchtsruf der Menschheit nach dem Geiste, und errichten wollen den Wahrbau, von dem aus verkündet werden soll immer mehr und mehr die Botschaft von dem Geiste - wenn wir im Leben der Alltags-Welt dies erfühlen, dann verstehen wir uns an diesem Abend richtig. Dann wissen wir - nicht in Hochmut und nicht in Überschätzung unseres Strebens, sondern in Demut, in Hingabe und Opferwilligkeit wissen wir -, dass wir sein müssen in unserem sich bemühenden Streben die Fortsetzer jener Geistesarbeit, die im Abendland ausgelöst worden ist im Laufe einer fortschreitenden menschheitlichen Entwicklung, die aber endlich dazu führen musste durch die notwendige Gegenströmung der ahrimanischen Kräfte, dass heute die Menschheit an einem Punkte steht, wo die Seelen verdorren, veröden müssten, wenn jener Sehnsuchtsschrei nach dem Geiste nicht erhört würde. Fühlen wir, meine lieben Schwestern und Brüder, diese Ängste! So muss es sein, wenn wir weiterkämpfen in jenem großen geistigen Kampf, der ein Kampf ist - durchglüht vom Feuer der Liebe; in jenem großen geistigen Kampf, dessen Fortsetzer wir sein dürfen, der geführt worden ist von unseren Vorfahren, als sie drüben abgelenkt haben den ahrimanischen Ansturm der Mauren.
Wir stehen, durch Karma geführt, in diesem Augenblicke an dem Ort, durch den durchgegangen sind wichtige spirituelle Strömungen: Fühlen wir - am heutigen Abend - in uns den Ernst der Lage. Einstmals war die Menschheit am Endpunkt angelangt des Strebens nach Persönlichkeit. Da in der Fülle dieser Erden-Persönlichkeit verdorrt war das alte Erbstück der göttlichen Leiter des Urbeginnes der Erdenevolution, da erschien drüben in Asien das Weltenwort:
Im Urbeginnc war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Und ein Gott war das Wort.
Und das Wort erschien den Menschenseelen und hat zu den Menschenseelen gesprochen: Erfüllet die Erden-Evolution mit dem Sinn der Erde. Jetzt ist das Wort selber übergegangen in die Erden-Aura, ist aufgenommen von der spirituellen Aura der Erde.
Vierfach verkündet ist das Weltenwort durch die Jahrhunderte, die nun bald zwei Jahrtausende geworden sind. So hat das Wehen- Licht hineingeleuchtet in die Erden-Evolution. Immer tiefer sank und musste sinken Ahriman. Fühlen wir uns umgeben von den Menschenseelen, in denen erklingt der Sehnsuchtsschrei nach dem Geiste. Fühlen wir aber, meine lieben Schwestern und Brüder, wie bei dem allgemeinen Sehnsuchtsschrei diese Menschenseelen bleiben müssten, weil Ahriman, der finstere Ahriman, das Chaos breitet über die erstrebte Geisteserkenntnis der Welten der höheren Hierarchien. Fühlet, dass die Möglichkeit vorhanden ist, in unserer Zeit hinzuzufügen zu dein vierfach verkündeten Geisteswort jenes andere, das ich auch nur im Symbole darstellcn kann.
Vom Osten kam es herüber - das Licht und das Wort der Verkündigung. Vom Osten aus ist es hingegangen nach dem Westen, vierfach verkündet in den vier Evangelien, abwartend, dass vom Westen her kommen wird der Spiegel, der Erkenntnis hinzufügen wird dem, was noch Verkündigung ist im vierfach ausgesprochenen Weltenwort. Tief geht es uns zu Herzen und Seelen, wenn wir vernehmen jene Bergpredigt, die da gesprochen worden ist, als die Zeiten der Heranreifung der menschlichen Persönlichkeit erfüllt waren, da das alte Licht des Geistes geschwunden war und das neue Geisteslicht erschien. Das neue Geisteslicht ist erschienen! Aber da es erschienen war, ging es durch die Jahrhunderte der Menschheits-Evolution vom Osten nach dem Westen, wartend auf das Verständnis für die Worte, die einstmals in der Bergpredigt in die menschlichen Herzen getönt haben. Aus den Tiefen unserer Weltevolution ertönt jenes urewige Gebet, das als Verkündigung des Weltenwortes gesprochen worden ist, da sich das Mysterium von Golgatha vollzog. Und tief tönte hin das urewige Gebet, das dem Mikrokosmos in tiefster Seele künden sollte aus dem Innersten des menschlichen Herzens heraus das Geheimnis des Daseins. Es sollte erklingen in dem, was uns als Vaterunser verkündet worden ist, als es ertönte vom Osten nach dem Westen. Doch wartend verhielt sich dieses Weltenwort, das damals in den Mikrokosmos sich hineinsenkte, auf dass einstmals es zusammenklingen dürfte mit dem fünften Evangelium. Heranreifen mussten die Menschcnseelen, um das zu verstehen, was vom Westen her als das urälteste, weil das makrokosmische Evangelium, wie ein Echo nun entgegenklingen soll dem Evangelium des Ostens. Wenn wir Verständnis entgegenbringen dem gegenwärtigen Augenblick, dann wird uns auch das Verständnis dafür aufgehen, dass den vier Evangelien hinzugefügt werden kann ein fünftes. So mögen denn am heutigen Abend zu des Mikrokosmos Geheimnissen hinzu die Worte erklingen, welche die Geheimnisse des Makrokosmos ausdrücken. Als Erstes des fünften Evangeliums soll hier ertönen das uralte makrokosmische Weltengebet, das verbunden ist mit dem
Mond und dem Jupiter, so wie die vier Evangelien verbunden sind mit der Erde:
AUM, Amen!
Es walten die Übel,
Zeugen sich lösender Ichheit,
Von Andern crschuldete Selbstheitschuld,
Erlebet im täglichen Brote,
In dem nicht waltet der Himmel Wille,
Da der Mensch sich schied von Eurem Reich
Und vergaß Euren Namen,
Ihr Väter in den Himmeln.
Das Vaterunser war als Gebet der Menschheit gegeben worden. Dem mikrokosmischen Vaterunser, das verkündet wurde vom Osten nach dem Westen, tönt nun entgegen das uralte makrokosmische Gebet. So tönt es wieder, wenn es, recht verstanden von Menschenseelen, hinausklingt in die Wcltcnweiten und zurückgegeben wird mit den Worten, die geprägt worden sind aus dem Makrokosmos. Nehmen wir es mit uns, das makrokosmische Vaterunser, fühlend, dass wir damit beginnen, das Verständnis zu erringen für das Evangelium der Erkenntnis: das fünfte Evangelium. Tragen wir von diesem wichtigen Augenblick nach Hause in unserer Seele mit Ernst und Würde unser Wollen, tragen wir nach Hause die Gewissheit, dass alle Weisheit, nach der da sucht die Menschenseele - wenn das Suchen ein echtes ist -, eine Gegenströmung ist der kosmischen Weisheit; und alle in selbstloser Liebe der Seele wurzelnde Menschenliebe aus der in der Menschheitsevolution waltenden Liebe erfruchtet.
Durch alle Erdenzeiten hindurch und in alle Menschenseelen hinein wirkt aus dem starken Menschenwillen, der sich erfüllt mit dem Sinn der Erde, eine Verstärkung durch die kosmische Kraft, welche die Menschheit heute sich erfleht, unbestimmt hin richtend den Blick zu einem Geiste, den sie erhofft, aber nicht erkennen will, weil in die Menschenseele Ahriman eine ihr unbewusste Furcht gesenkt hat überall da, wo heute vom Geiste gesprochen wird. Fühlen wir das, meine Schwestern und Brüder, in diesem Augenblick. Fühlet dieses, so werdet Ihr Euch zu Eurem Geisteswerk rüsten können und Euch als Geisteslichtes Offenbarer «gedankenkräftig auch noch dann bezeugen, wenn über voll erwachter Geistesschau der finstere Ahriman, die Weisheit dämpfend, des Chaos Dunkelheit verbreiten will.»
Erfüllet, meine Schwestern und Brüder, Eure Seelen mit der Sehnsucht nach wirklicher Geist-Erkenntnis, nach wahrer Menschenliebe, nach starkem Wollen. Und versucht in Euch rege zu machen jenen Geist, der da vertrauen kann der Sprache des Wcltenwortes, die uns entgegenhallt aus Weltenfernen und aus Raumesweiten, hereinklingend in unsere Seelen. Das ist, was der wirklich fühlen muss am heutigen Abend, der den Sinn des Daseins erfasst hat: Die Menschenseelen sind an einem Rande ihres Strebens. Fühlet in Demut, nicht in Hochmut, in Hingabe und Opferwilligkeit, nicht in Überhebung Eures Selbstes, was werden soll mit dem Wahrzeichen, zu dem wir den Grundstein heute gelegt haben. Fühlet die Bedeutung der Erkenntnis, die uns werden soll dadurch, dass wir wissen können: Es muss in unserer Zeit in den Raumesweiten die Hülle der geistigen Wesenheiten durchstoßen werden, wenn die geistigen Wesenheiten kommen, uns zu sprechen von dem Sinn des Daseins. Allüberall im Umkreis werden aufnehmen müssen Menschenseelen den Sinn des Daseins. Höret, wie an den verschiedenen Geistesorten, wo von Geisteswissenschaft, von Religion und Kunst gesprochen und in ihrem Sinn gehandelt wird, höret, wie immer öder werden die Strebenskräfte der Seelen, fühlet, dass Ihr lernen sollt, diese Seelen, diese Strebenskräfte der Seele zu befruchten aus den Geistes-Imaginationen, den Inspirationen und Intuitionen heraus. Fühlet, was der finden wird, der richtig hören wird den Ton der schöpferischen Geistigkeit.
Diejenigen, die zum alten Vaterunser hinzu werden verstehen lernen den Sinn des Gebets vom fünften Evangelium, die werden aus unserer Zeitenwende heraus diesen Sinn gründlich erkennen können. Wenn wir lernen werden, den Sinn dieser Worte zu verstehen, so werden wir die Keime aufzunehmen suchen, die da erblühen müssen, wenn die Erden-Evolution nicht verdorren, wenn sie weiter fruchten und gedeihen soll, auf dass die Erde das ihr vom Urbeginn gestellte Ziel durch Menschenwillen erreichen kann.
So fühlet an diesem Abend, dass lebendig werden muss in den Menschenseelen die Weisheit und der Sinn der neuen Erkenntnis, der neuen Liebe und der neuen starken Kraft. Die Seelen, die da w irken werden in der Blüte und der Frucht künftiger Erden-Evolutionen, werden dasjenige verstehen müssen, was wir heute unseren Seelen zum ersten Male einverleiben wollen: die makrokosmisch widerklingende Stimme des uralt ewigen Gebetes:
AUM, Amen!
Es walten die Übel,
Zeugen sich lösender Ichheit,
Von Andern erschuldete Selbstheitschuld,
Erlebet im täglichen Brote,
In dem nicht waltet der Himmel Wille,
Da der Mensch sich schied von Eurem Reich
Und vergaß Euren Namen,
Ihr Väter in den Himmeln.
So gehen wir auseinander, in unserer Seele das Bewusstsein der Bedeutung mitnehmend von dem Ernst und der Würde der Handlung, die wir verrichtet haben, das Bewusstsein, das von diesem Abend bleiben soll, in uns entzündend das Streben nach Erkenntnis einer der Menschheit gegebenen Neuoffenbarung, nach der da dürstet die Mcnschenseelc, von der sie trinken wird. Aber erst dann, wenn sie gewinnen wird furchtlos den Glauben und das Vertrauen zu dem, was da verkünden kann die Wissenschaft vom Geiste, die wiederum vereinen soll, was eine Weile getrennt durch die Menschheitsevolution gehen musste: Religion, Kunst und Wissenschaft.
Nehmen wir dies, meine Schwestern und Brüder, mit als etwas, was wir als ein Gedenken an diese gemeinsam gefeierte Stunde nicht wieder vergessen möchten.
WORTBEITRÄGE RUDOLF STEINERS
ZUR 3. GENERALVERSAMMLUNG
DES JOHANNESBAU-VEREINS UND DER
1. ORDENTLICHEN GENERALVERSAMMLUNG DES
JOHANNESBAU-VEREINS DÖRNACH
Basel, 22. September 1913
[...]
Christian Schuler: Es wird vielleicht vermisst, dass nichts darüber gesagt worden ist, ob die Sache des Baues so in die Hand genommen werden kann, dass er im nächsten Jahr fertig wird. Nach dem, was wir heute gehört haben, sind die verfügbaren Mittel sehr bescheiden. Der Münchner Bauplatz wird nicht leicht zu Geld gemacht werden können. Früher hat man angenommen, die Mittel werden leicht zusammenkommen. Herr Dr. Noll hat seinerzeit durch eine befreiende Tat die Sache in Fluss gebracht. Aber die Frage der Mittel ist nach meiner Auffassung doch noch nicht so in Huss gekommen, dass jetzt schnell gebaut werden kann. Dann finde ich die Zahl von 284 beitragenden Mitgliedern sehr gering. Meiner Auffassung nach sollte jedes Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft auch beitragendes Mitglied des Johannesbau-Vereins sein. Es wird sich ja nur um den geringen Beitrag von Mk. 1.- pro Woche handeln. Arbeiter haben dies schon oft geleistet. Ich weiß nicht, warum bei uns das Geld absolut nicht fließen will. Wenn wir bauen wollen, müssen wir doch Geld haben. Der Landbesitz in München ist totes Kapital. Es freut uns sehr, dass die Schweizer die Sache so energisch in die Hand genommen haben, aber angesichts der großen Verantwortung, die wir haben, müssen energisch Mittel und Wege gesucht werden, um die Sache in Fluss zu bringen, damit man nicht wie in München das Gefühl hat, es sei eine Lähmung eingetreten.
Es ist einmal gefragt worden, ob wir keine Mitglieder hätten, die in irgendeiner Weise selbst etwas [am Bau] machen könnten. Das ist eine Frage des - Bauens in eigener Regie». Darüber ist heute nichts gesagt worden. Alle, die hierhergekommen sind, möchten etwas [Konkretes] hören. Es ist gesagt worden, das Ganze muss im nächsten Jahr fertig sein. Das ist schon vor einigen Jahren gesagt worden. Wenn es so schnell gehen soll, müssen auch die [nötigen] Mittel und Wege dafür gefunden werden, und dies muss energischer geschehen als bisher. Für das Bauen in eigener Regie habe ich mich bisher nicht allzu sehr erwärmen können, weil es in der Regel zu teuer ist. Aber jetzt bin ich anderer Ansicht, da vieles in I lolz wird ausgeführt werden können. Es wäre also vielleicht ganz gut, wenn das eine oder andere gesagt werden könnte, damit Anregungen gegeben werden, wie weitergearbeitet werden soll.
Es sollte alles, was mit den Mitteln des physischen Planes getan werden kann, energisch vorgekehrt werden, damit die Sache in Fluss kommt und schnell fertig wird. Vielleicht könnten die einzelnen Logenvorstände veranlasst werden, in der Sache noch etwas zu tun. Oder der Vorstand des Johannesbau-Vereins sollte sich in kurzen Zirkularen an die einzelnen Vorstände wenden, damit diese immer wieder an den Bau erinnert werden. Dadurch wird noch lange kein Zwang ausgeiibt. Wenn mitgeteilt wird, wir haben jetzt das und das vor, so wird der eine oder andere doch noch fühlen, dass es notwendig ist, das, was getan werden soll, möglichst bald zu tun.
[...]
Rudolf Steiner: Herr Schuler müsste darüber aufgeklärt werden, dass der Johannesbau nicht aus den Geldern hergestellt wird, die hier heute verlesen worden sind. Daraus könnte nie gebaut werden, sondern dass es sich darum handelt, dass das eigentliche Kapital zum Aufbau der theosophisch-künstlerische Fonds gibt, und dass das Münchner Grundstück im Grunde genommen das Allerwenigste ist, aus dem der Bau aufgeführt werden wird. Das Münchner Grundstück kommt nicht in Betracht, da es nur zum Teil dem Johannesbau-Verein gehört. Es würden nur etwa 100 000 Mark übrig bleiben.
Rudolf Steiner: Wenn jemand diese Auskünfte [über den Stand der Arbeiten] abfassen will, so kann man sic in die Mitteilungen aufnehmen.
[-]
Alfred Meebold: Könnten wir etwas mehr über die Symbolik erfahren, die im Bau zum Ausdruck kommen soll? Es wäre besonders auch für die Ausländer sehr wünschenswert.
Sophie Sünde: Über die verschiedenen Holzarten zu sprechen, die zum Bau verwendet werden sollen, das möchte ich ein wenig indiskret finden.
Rudolf Steiner: Dies ist nicht eine Frage der Diskretion oder Indiskretion. Aber die Frage, die hier aufgerührt worden ist, gehört zu denjenigen, die man im Grunde genommen wirklich nicht beantworten kann in bestimmten abstrakten Worten und Begriffen. Wenn etwas wünschenswert wäre, wäre es das, wenn wir einmal so weit sind, dass man vielleicht von verschiedenen Seiten fotografische Aufnahmen macht und vielleicht auch von Punkten im Innern. Aber mit der Art okkulter Zeichendeuterei möchten wir gerade aufräumen, die auf die abstrakte Besprechung von Symbolen ausgeht. Die Dinge sind nicht so, dass man sie in der Weise hinausgeben kann. Man kann sie anschauen. Sie sind künstlerisch-okkultistisch gedacht, nicht theoretisch okkultistisch. Der Fehler soll vermieden werden bei diesem Bau, der im abstrakten theoretischen Okkultismus immer gemacht worden ist in den letzten Jahrzehnten. Man hat eben Dinge, über die man nicht sprechen kann, sondern die man anschaut und im Anschauen auf sich wirken lässt. Alles, was man über die Dinge sagen kann, sind Armseligkeiten.
Nehmen wir ein Beispiel, um das etwas anders zu berühren: Sehen Sie, einer der Haupteinwände, die gemacht worden sind, von einem Mann, der es wissen sollte oder wenigstens beurteilen können sollte, war der, dass man gesagt hat: Ihr wollt eine gute Akustik haben, und baut die Form, die erfahrungsgemäß die schlechteste Akustik bildet. Ein auch uns nahestehender Fachmann, den ich zufällig im Eisenbahnwagen gesprochen habe, sagt wiederum - ich will nur diesen Ausspruch anführen, wie es in Wirklichkeit ist, wissen wir schon, wir brauchen nicht Rat von links oder rechts, nur als historisches Moment will ich es anführen - er sagte, er könne nicht denken, dass ein Fachmann dies sage; höchstens können wir zu viel, nie aber zu wenig Akustik haben.
Dabei kommt eben nicht in Betracht, dass die Säulen verbunden sind durch eine Art von dekorativer Architektur, die es bis jetzt noch nicht gegeben hat. Nach okkulten Prinzipien wird eine Säulenarchitektur dekorativ angewandt, die ihrerseits okkulte Wellenströmungen repräsentiert, die mit der Bewegung des Tones im Raum Zusammenhängen, sodass also die Linie nicht bloß so geformt ist, nur weil man die Gründe hat, die man bisher im Bauen hatte, sondern weil das Wort einen gewissen Weg nimmt, und diesen Linien folgt das Wort. Dieses drückt in unendlich armseliger Weise aus, was gemeint ist, weil eine solche Linie noch eine ganze Menge anderer Forderungen erfüllt. Heute wäre es nicht möglich, über das, was gemeint ist, klar zu werden, ohne dass ganze Bibliotheken geschrieben würden. Aber die Sache ist nicht da, um darüber zu theoretisieren, sondern zum Kosten, zum Anschauen.
Vielleicht geht es, wenn wir einmal soweit sind, in sechs bis acht Wochen, dass wir einzelne Teile fotografieren können, die Fotografien an die Logen abgeben können in zehn bis zwölf Wochen. Es wäre vielleicht gut, wenn wir fotografische Aufnahmen geben könnten. Das wäre eine ins Bild, aber nicht in Worte gekleidete Erklärung. Uber die Sache sprechen, das wäre, wie wenn man mit schwarzer Tinte Striche macht, wo man mit Farben malen sollte.
Marie von Sivers macht auf Nachahmungen des Bauimpulses in anderen Sektionen derTG (England, Frankreich) aufmerksam, die im Vahan publiziert werden, und warnt vor der Verbreitung von Fotografien des Baus.
Rudolf Steiner: Das ist auch noch zu berücksichtigen. Es ist wirklich so, das müssen wir schon ernst nehmen. Das, was heute als Theosophische Gesellschaft in der Welt figuriert, ist wirklich nach den letzten verschiedenen Vorgängen eine Farce mehr oder weniger. Es ist schon wirklich zu berücksichtigen, dass da unendlich viel Falsches gepflegt wird. Sehen Sie, es ist unangenehm, dies zu besprechen. Sie [die Theosophen] haben keine Idee von dem, was hier geschehen soll, weil mit dem Tempel ein Baustil geboren werden soll. Sie haben keine eigenen Ideen, und wenn sie nachmachen, so machen sie törichtes Zeug nach. Bedenken Sie, dadurch, dass wir in Dörnach bauen, sind wir in die Lage versetzt worden, aus Holz zu bauen. Dadurch kommt ein künstlerisches Gesetz zur Geltung. Das kommt erst jetzt zur Geltung, wenn wir uns zurückhalten und fortwährend im Fluss halten.
Der Abstraktling glaubt, es sei gleich, ob der Bau aus Stein oder aus Holz ausgeführt wird. Die Säulen sind jetzt, weil aus Holz hergestellt, kantig; sie wären rund, wenn sie aus Stein ausgeführt worden wären. Man könnte es jetzt erleben, wenn man nur abstrakt die Symbole nachahmt und nicht weiß, dass das Holz kantig sein muss, und Stein rund sein muss, dass man unsere kantigen Säulen in Holz in Stein nachahmt und auch kantig macht, was natürlich ein Stiefel wäre.
Aber cs könnte durchaus passieren, dass man uns nicht nur die Form, sondern auch die Idee nehmen würde und sie in falscher Weise ausarbeiten würde. Wir sind wirklich ein wenig auf das Zusammenfließen der Gefühle angewiesen. Solange der Bau nicht fertig ist, können wir nicht mit Begriffen arbeiten, wir müssen in Gefühlen arbeiten. Wir müssen die Möglichkeit haben, die Sache im Flusse zu halten. Eine Erklärung, die die Sache festlegt, kann nicht sein. Solche Dinge, die im weitesten Umfang in Betracht kommen, können noch die Form ändern. Ich hatte erst gestern jemandfem] gesagt, dass wir erst jetzt ganz sicher sind, dass ein einheitliches Ganzes herauskommt. Denn der Kuppelbau, so wie er ursprünglich projektiert war, der Kuppelbau passt zu der Umgebung. Wäre der Bau nach Tirol gekommen, so wäre die Form nicht beibehalten worden. Diese Dinge sind ungeheuer kompliziert. Es widerstrebt einem, so die Dinge in Worte zu fassen. Vieles von dem, was wir wollen, wird am schönsten, wenn man uns möglichst wenig zwingt, das unangenehme Gefühl zu haben, es künstlich in Worte fassen zu müssen. Wenn man solche Dinge in Worte presst, so spießt sich die Zunge an den Zähnen, es gibt einen außerordentlich bitteren Geschmack im Mund.ANSPRACHE RUDOLF STEINERS
ZUR 3. GENERALVERSAMMLUNG DES JOHANNESBAU-
VEREINS, ZUGLEICH I. GENERALVERSAMMLUNG
DES JOHANNESBAU-VEREINS DÖRNACH
Basel, 22. September 1913
Meine lieben Freunde!
Den Grundstein unseres Dornacher Baues haben wir Sonnabend in die Erde versenkt, und ich darf mit Erlaubnis des Johannesbau-Vereins an dieser Stelle mit ein paar Worten auf diese Handlung hinweisen. Schon aus dem Grunde möchte ich das, weil man empfinden muss, dass diese Handlung eine recht verantwortungsvolle war. Und in einer gewissen Weise dürfen wir doch sagen, dass bei dieser Handlung ein deutliches Karma sprach. Ein Karma, das vielleicht erst nach und nach zum Vorschein kommen wird. Unter anderem darf vielleicht auch aus einem Gespräch, das sich erst nachträglich heute Morgen abgespielt hat, darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Grundsteinlegung genau sieben Jahre, nachdem hier in Basel der Zweig cingeweiht worden ist, erfolgt ist. Da ahnen Sie schon, dass gewissermaßen bei all diesen Angelegenheiten noch viele, erst nach und nach zu entdeckende oder besser gesagt zu benennende Kräfte im Spiele sind.
Als verantwortungsvolle Handlung muss diese Grundsteinlegung schon aus dem Grunde empfunden werden, weil wir ja wirklich mit Recht uns an diesem vorgestrigen Abend erinnern durften - wenn auch, wie gesagt, nicht in Hochmut, sondern in Demut und Bescheidenheit -, damit auch den Eckstein für unser Bewusstsein gelegt zu haben, dass dasjenige, was wir wollen, sich einreiht - in aller Bescheidenheit sei es gesagt - in das, was wir als die Erdenmission empfinden. Und dann gewährt wirklich ja dasjenige, was wir getan haben, jenen Ernst und jene Würde, auf die ich bei der Grundsteinlegung vorgestern versucht habe aufmerksam zu machen.
Mit dem Stein, mit dem wir da hantiert haben, verbinden wir doch zunächst das Symbolum unserer Seele, die wir gewissermassen der Erdenmission an vertrauen. Und auch das durfte bei dieser Gelegenheit mit Recht betont werden, dass dasjenige, dessen Eckstein dieser Stein sein soll, wirklich wie eine Antwort uns sein muss auf einen allgemeinen Schrei, der gegenwärtig durch das Geistesleben der Menschheit geht. Der Schrei ist da wie eine Frage der geängstigten Menschheit. Er wird ja nicht immer erfasst, meine lieben Freunde. Aber er kann erfasst werden, meine lieben Freunde, in den verschiedensten Symptomen, die nur in ihrem rechten Lichte angeschaut zu werden brauchen.
Nehmen Sie so etwas in die I land - ich sage da nur mit anderen Worten, was ich bei der Grundsteinlegung gesagt habe - wie das Büchelchen eines der gegenwärtig berühmtesten Forscher, des Dr. Eucken, jenes Buch: Können wir noch Christen sein?, so werden Sie aus einem solchen Büchelchen nicht bloß die Seele eines einzelnen Menschen hören, sondern die geängstigte, unwissende Seele der sich heute wissend dünkenden Menschheit, die geängstigte, die sich vor den wahren Antworten fürchtende und doch unwissende Seele der Menschheit. Es geht durch das ganze Buch, das so schon genügend langweilig ist, immerfort das Gerede von Geist und Geistesstreben, und zugleich ist dieses Buch ausgerüstet mit dem deutlichen Grundzug, der typisch ist für unsere heutige Zeit, dass der Verfasser nicht weiß, wovon er redet. Es kann einem weh tun, aber man findet, der Ruf nach Wahrhaftigkeit tut der Menschheit not. Die Menschen lesen die schönen Phrasen, das klingt manchmal ganz theosophisch, aber man muss solche Dinge, wenn man ihre Bedeutung für das Geistesleben verstehen will, noch ein wenig tiefer lesen. Und da möchte ich mit ein paar Worten darauf hindeuten, wie man sie lesen kann. Der Ruf nach Wahrhaftigkeit gegenüber der verlogenen Kultur der Gegenwart wird in einer die Menschen bestürzenden Weise erhoben. Aber es muss eine Stelle dieses Buches mit zwei anderen Stellen verglichen werden.
An einer Stelle des Buches finden wir zum Beispiel von demselben Rudolf Eucken ausgesprochen, wie das gegenwärtige Menschheits- bewusstscin es nicht mehr aushielte, dass ihm von gewisser religiöser Seite her von Dämonen gesprochen wird. Dass von Dämonen gesprochen wird, wird als eine Sache hingenommen, gegenüber der das gegenwärtige Menschheitsbewusstscin nur die Achseln zucken kann. Darüber ist es selbstverständlich längst hinaus. Von Dämonen reden wir nicht mehr, das ist kindisch. Vergleichen wir nun das mit einer anderen Stelle des Buches, die gar nicht weit davon steht, die nur so weit entfernt ist, dass die sich wissend dünkende Gelehrsamkeit das vergessen kann, was in der ersten Stelle gesagt ist. Diese zweite Stelle besagt: Durch das Berühren des Göttlichen mit dem Seelischen des Menschen entstehen dämonische Mächte. Das sagt derjenige, der mit dem Nobelpreis ausgezeichnet ist, der größten Auszeichnung, die für Leistungen auf dem Gebiete der Seelenforschung gegeben werden kann.
Die heutige Wissenschaft wird nicht aufmerksam darauf, welche unendliche innere Verlogenheit darin liegt, wenn man auf der einen Seite sagt: Über Dämonen sind wir längst hinaus, und auf der andern Seite: Durch das Berühren des Göttlichen mit dem Seelischen des Menschen entstehen dämonische Mächte. Die tiefe Verlogenheit, die unbewusste tiefe Verlogenheit unseres ganzen Denkens, Fühlens und Wollens drückt sich darin aus. Und der Autor schreit dann wiederum an einer dritten Stelle nach der Wahrheit und der Gestaltung der Wahrheit in unserer Kultur.
Man muss ein wenig auf die Intimitäten eingehen, dann wird man inne, was mit dem Worte gemeint ist, dass der Schrei der Menschenseele in unbewussten Seelenticfen vorhanden ist, dass aber Antwort nur da gegeben werden kann, wo das Geistesleben wirklich vorhanden ist, wo konkret aus dem Geiste geschrieben wird, nicht aber da, wo nur allgemein von dem Geiste geschrieben wird, wie es von den Besten unserer Gegenwart noch geschieht.
Da wird man fühlen, wofür der Eckstein gelegt worden ist zu unserem Wahrbau. Man muss geradezu sagen: Man verwundert sich, wie die Menschenseelen der Gegenwart, die nach Verständnis suchen des Bewusstseins der Gegenwart, nicht bestürzt sind, wenn sie diese Dinge wahrnehmen. Aber sie sehen es nicht, auch dann nicht, wenn sie so eine überall gelesene Wochenschrift in die Hand nehmen und ein Doktor in dieser Zeitschrift der Gegenwart davon spricht, dass man solche Dinge wie das Spinozische Geistesleben im Film darstellen solle, damit cs den Menschen anschaulich werde, und wie das im Film gruppiert werden solle. Unmöglich, die abstrakten Begriffe im Film zu behandeln, damit die Menschheit endlich ein anschauliches Bild des Spinozischen Weltbildes bekommen soll!
Das sind Dinge, die nur Bestürzung hervorrufen in denjenigen Seelen, die den Ablauf des Geisteslebens verstehen. Aber ich sehe diese nicht, und wir werden noch lange nicht jene Bestürzung sehen, die wir haben müssen, wenn wir uns gewöhnen, im tiefsten Ernst dasjenige aufzunehmen, wofür der Eckstein gelegt sein sollte! Dann werden wir die Empfindung aufnehmen, dass wir mit diesem Stein für uns dasjenige zum Wahrzeichen gemacht haben, was der Gegenwart so notwendig tut: die Antwort auf den Schrei der in Furcht vor dem Wissen sich sträubenden Menschheitsseele. Dann werden wir diesen Ernst erst empfinden, der in Frage kommt.
Wir wissen, was wir zu tun haben, und warum dieser Stein, der Erkenntnis, Liebe und starke Kraft bedeuten soll, für zahlreiche Gegner auch ein Stein des Anstoßes und des Ärgernisses wird werden müssen. Geben wir uns keiner Täuschung hin, dass die Zeiten der Schwierigkeiten abgelaufen seien; diesen Glauben möchte ich nicht hervorrufen. Dagegen möge uns das Vertrauen in den Seelen wachsen, dass wir die Schwierigkeiten überwinden werden. Die Krötennaturen werden von allen Seiten hervorkommen, und ihnen wird dieser Bau ein Stein des Anstoßes und des Ärgernisses sein. Daher werden wir richtige Wachsamkeit brauchen und mutig stehen auf unserem Posten!
Vielleicht wird dieses Legen des Steines erst der Anfang sein dessen, was wir für die Wahrheit und für das Ausleben der Wahrheit zu leisten haben. Deshalb war es mir darum zu tun, dasjenige, meine lieben Freunde, noch in Worte zu gestalten, was ich Ihnen zum ersten Mal bei dieser Grundsteinlegung mitteilen durfte, was man den makrokosmischen Widerhall jenes Gebetes nennen könnte, das als das wichtigste Ereignis des vierten Zeitraumes unserer nachatlantischen Entwicklung angesprochen werden kann. Dann wird nach und nach entdeckt wei den aus der geheimnisvollen Schrift das fünfte Evangelium, das hinzukommen muss im fünften Zeitraum zu den andern Evangelien.
Dann wird das ewige Gebet, das im Mikrokosmos erklingt als das Vaterunser und das den Evangelien eingerciht ist, uns entgegendringen aus dem fünften Evangelium als das Vaterunser der Erkenntnis gegenüber dem Vaterunser des Erlösungsflehens. Ja, was das Erlösungsflehen ist im vierten Zeitraum, das ist die Erkenntnis im fünften. Wenn die Menschheit im fünften Zeitraum die Erkenntnis des Spirituellen nicht aufnehmen würde, so könnte es sein, dass sic verdorren müsste, dass anstelle des Glaubens, der Befriedigung des Spirituellen, der Unglaube, die Leerheit tritt. Und dieses Vaterunser der Erkenntnis lautet ungefähr in den Worten unserer Sprache:
Amen,
Es walten die Übel,
Zeugen sich lösender Ichheit,
Von Andern erschuldete Selbstheitschuld,
Erlebet im täglichen Brote,
In dem nicht waltet der Himmel Wille,
In dem der Mensch sich schied von Eurem Reich
Und vergaß Euren Namen,
Ihr Väter in den Himmeln.
So klingt es, wie von rückwärts nach vorne tönend, aber den Ton auf das Makrokosmische umsetzend, dasjenige, was als Vaterunser der Erkenntnis in unsere Seelen wird einziehen müssen. Wie innere Seligkeit im vierten Zeitraum gekommen ist vom Vaterunser, so wird dasjenige, was die Menschheit vom gegenwärtigen Zeitpunkt ab braucht, aus diesem Vaterunser der Erkenntnis quellen können, das uns im Aufbau seiner einzelnen Sätze zeigt, warum die Übel walten, warum der Mensch seinen Leib neu aufzubauen braucht.
Was bedeuten Übel im Angesicht der Ewigkeit, durch die der Mensch seinen physischen Leib aufbaut aus dem täglichen Brot? Wir wissen, dass er in diese tiefen Sphären heruntergestiegen ist, und wir müssen zu verstehen suchen, wie ein Mensch sich herausarbeitet im Lauf der Erdenevolution - als Ichheit herausarbeitet - in der Weise, wie es aus der Freiheit heraus sein muss, um wiederum zum Verständnis für die durch die Welt webenden göttlich-geistigen Mächte zu gelangen.
Weil ich in dieser Weise auf den Ernst der Zeit hinweisen wollte, und weil ich darauf aufmerksam machen möchte, dass wir erst im Beginn der Schwierigkeiten leben und unsere Arbeit mit Ernst und Würde, aber auch mit fester Zuversicht auf den geistigen Sieg beginnen wollen, deshalb habe ich vom Johannesbau-Verein auch heute noch einmal erbeten, dasjenige zu wiederholen, was ich versucht habe am Sonnabend angesichts der waltenden Elemente unter freiem Himmel unseren versammelten Freunden in die Seele zu schreiben, damit dieser Ernst und diese Würde in den Seelen leben, und damit wir es mitnehmen in dieser Zeit als etwas, was wir nicht vergessen wollen.GESICHTSPUNKTE ZUR
BAULICHEN GESTALTUNG DER
ANTHROPOSOPHEN KOLON IE IN DÖRNACH
Vortrag während der zweiten Generalversammlung
der Anthroposophischen Gesellschaft
Berlin, 23. Januar 1914
Meine lieben theosophischen Freunde!
Es hat sich ja im Zusammenhänge mit der Errichtung unseres Johan- nesbaues in Dörnach ergeben, dass eine Anzahl unserer Freunde, unserer Mitglieder, den Wunsch gefühlt haben, sich um diesen Johan- nesbau herum, beziehungsweise in der Nähe desselben, irgendeine Heimstätte zu schaffen, und es haben schon eine Anzahl von Mitgliedern dort sich für das Erwerben von Besitzungen angemeldet und in Aussicht genommen, für das ganze Jahr oder für einige Zeit im Jahr bleibende Heimstätten zu schaffen. Selbstverständlich, meine lieben Freunde, sind die Worte, die ich gerade in diesem Moment, im Anschluss an das eben Gesagte, vorbringen möchte, nicht so gemeint, als ob ich mich auch nur im Geringsten hineinmischen möchte in das, was von diesen Kolonisten um unsern Johannesbau in Dörnach herum unternommen wird. Es ist ja selbstverständlich, dass nach der ganzen Art, wie wir unsere anthroposophische Bewegung auffassen, die Freiheit jedes einzelnen Mitgliedes im ausgiebigsten Maße gewahrt werden muss. Um also nach der einen oder anderen Richtung einen Zwang auch nur anzudeuten, habe ich nicht zu sprechen; aber um Wünschenswertes zum Ausdruck, zu bringen, darf ich vielleicht doch zu Ihnen sprechen.
Nicht wahr, wir werden also jetzt in Dörnach den Johannesbau als solchen haben, für den wir uns bemüht haben, eine ja doch wirklich in ganz neuem Sinne gehaltene Architektur zu finden, um einmal in den Bauformen das auszudrücken, was wir wollen, und um einmal etwas zu schaffen, was in dem schon öfter angedeuteten Sinne eine nicht nur würdige, sondern auch richtige Umhüllung für unsere Sache darstellen kann.
Herr Dr. Grosheintz hat Ihnen in verschiedenen Abbildungen vorgeführt die Anstrengungen, die zu diesem Ziele gemacht worden sind. Es werden sich, wenn dazu die Gelder ausreichen, Baulichkeiten unmittelbar um den Johannesbau herum finden, einzelne Häuser, von denen Sie ja schon gesehen haben, dass sie in unmittelbarer Nähe des Johannesbaues liegen werden. Und diese Häuser werden so zu bauen versucht werden, dass sie wirklich auch in ihrer künstlerischen Ausgestaltung ein Ganzes geben können mit dem Plane des Johannesbaues selbst.
Es ist mancherlei notwendig, um ein solches Ganzes herzustellen. Wir haben ja - das lag in der Natur der Sache, denn weiter brauchten und konnten wir auch nicht sein -, wir haben ja bis jetzt nur die Möglichkeit gehabt, die eben charakterisierte Idee für das kleine Häuschen durchzuführen, das Sie dort (im Modell) an einer Stelle sehen, und das zunächst dazu dienen soll, dass in ihm die Glasfenster hergestellt werden sollen; sodass also Herr Rychter und vielleicht sonst noch jemand darin sich unterbringen können, und in den übrigen Räumen die Glasfenster hergestellt werden können. Als Zweites, was schon gewissermaßen eine ganz definitive Form hat, haben wir das sogenannte «Kesselhaus» anzusehen. Dieses Kesselhaus musste ja auf das moderne Material Eisenbeton hin gedacht werden. Und so war das Problem zu lösen, wie man einen solchen Riesenschornstein - der selbstverständlich, wenn er so dastehen würde, wie heute Schornsteine in der Nähe von Gebäuden stehen, eine Scheußlichkeit wäre -, wie man einen solchen Schornstein im Zusammenhänge mit dem Gebäude architektonisch auf das entsprechende Material hin gedacht durchführt.
In der kleinen Figurenform, die Sie hier sehen (im Modell), und in dem, was Herr Dr. Grosheintz als Abbild dieses Kesselhauses gezeigt hat, werden Sie gesehen haben, dass versucht worden ist, auch die Architektur dieses Bauwerkes zu lösen. Und wenn es einmal dastehen wird und namentlich, wenn es einmal beheizt sein wird - denn das Hervorgehen des Rauches aus dem Schornstein ist mitgedacht in der Architektur dann wird man vielleicht empfinden können, dass diese Formen sinngemäße Schönheit trotz ihres prosaischen Zweckes haben. Man wird vielleicht gerade dadurch, dass die Aufgabe des Gebäudes wirklich auch in den Formen zum Ausdruck kommt, empfinden können, dass diese Formen nicht nur rein nach den Prinzipien der alten Utilitätsbaukunst gebildet worden sind, sondern zugleich so, dass eine innere ästhetische Formung stattgefunden hat. In dem Zusammendenken der beiden Kuppeln mit einer Ausweitung, die nach den verschiedenen Seiten hin verschieden geformt ist, und am Schornstein in einem Aufspringen von, man kann nicht sagen «blattähnlichen» Gebilden, denn ein Mitglied, das dieses Modell gesehen hat, hat sie zum Beispiel «ohrenartig» gefunden - aber man braucht es nicht als solche Formen zu definieren, die Formen müssen nur richtig sein -, durch all diese Formen wird wohl erreicht werden können, dass man empfinden wird, dass selbst ein solches, ganz modernen Zwecken der Heizung dienendes Gebäude - der Johannesbau und die unmittelbar um ihn herumliegenden Gebäude werden von hier aus geheizt werden - in ästhetisch befriedigende Formen gebracht werden kann.
Zu einer solchen Sache nun - die anderen Dinge sind also nur provisorisch und es wird sich ergeben können, inwiefern sie provisorisch sind -, damit man weiß, was man zu diesen Formen braucht, ist notwendig, dass man zuerst kenne eine genaue, spezifizierte Angabe alles dessen, was in dem Gebäude drinnen geschehen soll, zu welchem Zwecke es dienen soll. Ich möchte sagen: Weiß man, wie viele Räume, zu welchen Zwecken dienende Räume gebraucht werden, wie viele Arten des Aufganges, wie viele Arten der Aussicht und so weiter jemand haben will, und weiß man ferner genau den Ort, wie das betreffende Gebäude zum Johannesbau liegt, nach Norden oder Süden, dann kann man für jede solche Angabe eine entsprechende Architektur finden.
Darum also wird es notwendig sein, dass alle diejenigen Freunde, die Kolonisten werden wollen und daran denken, sich in der Nähe des Johannesbaucs etwas zu erbauen, wirklich sich ein wenig, wenigstens in einem weiteren Sinne, anschließen an das, was für die Gebäude in der unmittelbaren Nähe des Johannesbaues verfolgt werden muss, wenn wir unseren Prinzipien nicht untreu werden wollen. Denn als Erstes liegt ja vor, dass durch die äußere Bauart, durch den ganzen Stil für die Außenwelt wird hervortreten sollen, dass alle diese Häuser gewissermaßen zusammengehören, ein Ganzes bilden. Selbst dann, wenn andere Häuser dazwischen liegen sollten, würde es dennoch wünschenswert sein, dass gerade diejenigen Häuser, die von Kolonisten erbaut werden, so gebaut werden, dass man es den Häusern ansieht: Sie gehören zu diesem Ganzen. Man wird vielleicht in der Außenwelt sagen: Das sind verdrehte Menschen! Nun gut, aber man soll es spüren - gleichgültig, ob man es bejahend oder verneinend ansieht -, und wir sollen Veranlassung dazu geben, dass man spürt, dass in dieser Weise - wenn auch vielleicht gestört durch manches andere, was dazwischen steht - der Komplex der zum Johannesbau hingebauten Gebäude ein ideelles Ganzes bildet.
Das ist der eine Gesichtspunkt, der wirklich notwendig ist zu berücksichtigen. Der andere aber ist der, dass wir ja wirklich etwas wollen, was eine gewisse Bedeutung hat in der Kulturentwickiung der Gegenwart. Wir wollen, meine lieben Freunde - und das sehen Sie ja an den Formen des Johannesbaues selbst -, dass tatsächlich einfließe unsere geisteswissenschaftliche Gesinnung auch in den Baustil und in die künstlerischen Formen auf allen Gebieten. Ebenso wenig wie wir in der Lage wären, wenn uns heute jemand fragen würde: Wie übt man die Kunst des Tanzes am besten aus?, zu sagen: Gehen Sie zu dem oder jenem, der hat diese oder jene Methode -, sondern geradeso, wie wir da genötigt wären, unser Eigenes zu suchen in der Eurythmie, so müssen wir auch verstehen lernen, in den anderen Kunstformen unser Eigenes zu suchen und dadurch für die, die verstehen wollen, etwas hinzustellen, was vielleicht wirklich nur einer so produktiven Geistesströmung möglich ist, wie sie die geisteswissenschaftliche Gesinnung gibt.
Ich habe öfter schon darauf aufmerksam gemacht, wie es mir bleibend in den Ohren nachklingt, was der Architekt Wilhelm Ferstel, nachdem er die Wiener Votivkirche gebaut hatte und zum Rektor der Wiener Technischen Hochschule gewählt worden war, sagte, als er einen Vortrag hielt über Baukunst, wie sein eigentlicher Tenor in diesem Vortrag war: Baustile werden nicht erfunden! - Man kann gegen diesen Satz viel einwenden, man kann ihn auch beweisen, beides kann gleich richtig sein. Sie werden nicht erfunden, die Baustile, aber aus der Richtigkeit des Satzes, dass sie nicht erfunden werden, folgt durchaus noch nicht, dass man einfach den gotischen Baustil nimmt, wie ihn Ferstel genommen hat, und das etwas vergrößerte Konditorwerk, dieses Zuckerwerk der Wiener Votivkirche hinstellt. Es folgt auch durchaus noch nicht aus jenem Satze, dass Baustile deshalb auch in unserer Gegenwart nur dadurch gebildet werden dürfen, dass man gleichsam im eklektischen Sinne alte Baustile modifiziert, immer wieder und wieder sie zusammenschweißt und auf diese Weise das oder jenes dann zustande bringt.
Gerade die geisteswissenschaftliche Gesinnung soll zeigen, dass es möglich ist, vom Innern des Geisteslebens aus wirklich Kunstformen in den Baustil hineinzubringen. Und dass dies auch beim Privathaus möglich ist, sollten wir der Welt beweisen. Wir sollten Verständnis für unsere Sache von diesem Gesichtspunkte aus gewinnen können. Wir werden dadurch, dass wir von diesem Gesichtspunkte auszugehen vermögen, einen ungeheuer bedeutsamen ideellen Wert für unsere Kultur schaffen.
So würde es gewiss, ohne dass auf die Freiheit irgendeines Mitgliedes ein Einfluss ausgeübt werden soll, schön sein, wenn sich die Kolonisten zusammenfänden und aus ihrem eigenen freien Willen, aber mit der Erkenntnis unserer Grundsätze etwas Einheitliches zustande bringen würden. Müssen wir ja schon, da dies sich zunächst einmal nicht ändern lässt - es wird vielleicht später anders werden -, mit dem Faktor rechnen, dass in der Nähe des Johannesbaues ein Haus steht, das jetzt noch nicht beseitigt werden kann und die Schönheit nicht erhöhen wird; aber es steht nun einmal da und es kommt ja nicht darauf an, dass wir alles «schön» machen, sondern dass wir das, was wir machen, in unserem Sinne schön machen.
Daher hat es mich in einer gewissen Weise wirklich betrübt, möchte ich sagen, als mir in den verflossenen Wochen Baupläne, Bauvorschläge über Häuser zu Gesicht gekommen sind, die von den Kolonisten dort gebaut werden sollen. Sie waren selbstverständlich in der allerbesten Absicht gedacht, aber sie wiesen durchaus alle Scheußlichkeiten, Scheusäligkciten eines furchtbaren Baustiles auf. Es kann wirklich anders gemacht werden, wenn man den guten Willen dazu mitbringt. Es ist ja selbstverständlich, dass mit mancherlei Hemmnissen und Hindernissen wird gerechnet werden müssen, allein, welche neue Strömung, die sich in die Welt einzuleben hat, findet keine Hemmnisse oder Hindernisse?
In das, was durch die Vereinigung der Mitglieder der Kolonie - der Kolonisten also selber - etwa morgen entstehen könnte, will ich mich nicht hineinmischen; aber es würde mir betrüblich erscheinen, wenn etwas anderes entstehen könnte oder würde als das, was im Sinne der eben ausgesprochenen Worte gelegen ist. Es wird ja durchaus möglich sein, wenn wir alle unsere Sorgfalt darauf verwenden, dass das eben Charakterisierte in Erfüllung geht. Wenn freilich Kolonisten nicht die Geduld haben könnten, um abzuwarten, bis der Zeitpunkt erst da ist, in dem eventuell angegeben werden kann, wie das eine oder das andere gut zu machen wäre, dann wird sich nichts Günstiges machen lassen.
Sosehr einzusehen ist, dass es mancher von den Kolonisten eilig haben könnte damit, sein Bauprojekt zu bekommen, so wäre es doch wünschenswert, dass die Kolonisten, die es ernst meinen mit unserer Sache, sich ein wenig in Geduld fassen, um die Dinge im Einklänge mit den Intentionen entstehen zu lassen, von denen ich nicht sagen kann, dass sic die unsrigen sind durch unseren Willen, sondern dass sie sich ergeben aus dem, was wir aus der geisteswissenschaftlichen Gesinnung herausholen müssen. Es könnte dadurch in der Tat etwas entstehen, wovon vielleicht die Welt zunächst einen Eindruck empfängt, über den sie lacht. Mag sie es tun! Aber die Zeit, wo man darüber lacht, wird schon aufhören. Wenn man niemals etwas so Geartetes unternehmen würde, so würde man in der menschheitlichen Entwicklung nie vorwärtskommen.
Es braucht niemand zu glauben, dass er auch nur für das Allergeringste Unbequemlichkeiten in seinem Hause haben müsse, wenn die Grundsätze eingehaltcn werden, von denen ich gesprochen habe.
Aber eines wird allerdings dazu notwendig sein: dass nicht jeder der Kolonisten sozusagen seinen eigenen Weg geht, sondern dass das, was getan wird, in einer gewissen Harmonie getan werde, dass man sich gegenseitig besprechen und aneinander halten kann.
Was in dem Baustil der Kolonistenhäuser die ganze Kolonie als eine ideelle Einheit erscheinen lassen wird, das wird ja ein äußerer Abdruck sein einer Harmonie, die eine innere sein wird. Ich sage das, was ich jetzt sage, teilweise als Wunsch, teilweise als Hypothese, teilweise als etwas, ja, ich weiß selbst nicht, was ich für ein Wort wählen soll: Es soll eben ein Abdruck sein der inneren Harmonie der in dieser Kolonie Wohnenden!
Es wird dem Sinne der Anthroposophischen Gesellschaft nach ja unmöglich sein, dass in dieser Kolonie jemals die geringste Unfriedlichkeit oder gegenseitige Unverträglichkeit oder auch nur ein böses Wort von einem Mitglied der Kolonie zu einem andern gehe, oder auch nur ein schiefes Gesicht von einem zum andern jemals gezogen werde. Und das wird schön sein, wenn sich das auch in den äußeren Formen sozusagen wie der personifizierte Friede über alles ausgießen wird. Aber auch selbst dann, wenn es wirklich einmal vorkommen sollte, dass durch eine Kleinigkeit im Gemüte der eine oder andere zu einem schiefen Mund oder einem schiefen Gesicht veranlasst sein könnte, so wird er, weil Formen Gedanken anregen, die Augen in diesem schiefen Gesicht auf die gemeinsamen friedlichen Formen lenken und es wird gleich ein friedsames Lächeln über das verzogene Gesicht streichen.
Wenn wir dies alles bedenken, dann haben wir ja wirklich die Gründe für den Impuls, dort etwas Einheitliches zu schaffen. Glauben Sic ja nicht, dass dieses Einheitliche bedingen wird, dass ein Haus so sei wie das andere. Im Gegenteil. Die Häuser werden sehr voneinander verschieden sein und alles wird einen sehr individuellen Charakter tragen müssen. Ein menschlicher Organismus kommt ja auch nicht dadurch zustande, dass man sagt: Ein Arm ist so, eine Hand ist so ... [Lücke im Text], Würde man jemals den Arm oder die Hand oben statt dem Kopf draufgesetzt haben, so würde niemals ein Organismus entstehen können. Ebenso wird die Form eines Hauses, die nach der einen Seite hin richtig sein wird, nicht nach der andern Seite hin richtig sein. Das alles wird aber tief durchdacht sein müssen für unsere Zwecke.
Und dann, wenn wir in der Lage sind, das alles wirklich in Szene zu setzen, dann sind auch noch andere Gesichtspunkte zu betrachten. Denken Sie einmal, wir waren hier in dieser Woche vereinigt. Am Montag tagte da drüben im Nebensaal irgendeine theosophische Gesellschaft mit einem Vortrag von dem und jenem; an einem andern Tag tagte wieder eine andere Gesellschaft mit etwas anderem und an einem dritten Tag sogar eine «Anthropos»-Gesellschaft und so weiter. Denken Sie nun einmal, wenn es vorkommen könnte, dass der Sohn, die Tochter, der Enkel oder Neffe oder irgendso jemand von einem unserer Mitglieder sich irgendeiner «Anthropos»-Gesellschaft oder gar irgendeiner theosophischen Gesellschaft anschlösse, und es dahin käme, dass einmal später Häuser unserer Kolonie sich vererben würden an solche Mitglieder einer Familie, so würden wir nicht nur so «nachbarlich» die Vorträge der anderen Gesellschaften haben, sondern auch mitten unter uns drinnen die Gesinnungen und so weiter dieser Gesellschaften haben.
Man muss also schon heute wohl bedenken, welche Schwierigkeiten im Laufe der Zeit erwachsen können und wie man diesen Schwierigkeiten begegnen kann. Man wird ihnen nur begegnen können, wenn man eine solche Vereinigung der Kolonisten schafft, durch die Mittel und Wege gefunden werden können, dass die Besitztümer der Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft auch wirklich bei Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft in Zukunft verbleiben. Dass dies nur durch die verschiedensten Wege wird möglich sein, das wird sich dann für Sie morgen beim Durchsprechen der praktischen Grundsätze herausstellen. Selbstverständlich dürfen Erben niemals beeinträchtigt werden, aber man kann auch ohne Beeinträchtigung der Erben die Möglichkeit schaffen, dass gerade das, was man dort in der Kolonie besitzt, nicht auf solche Erben jemals übergehen könnte, die nicht Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft sind.
Diese Kolonie als eine solche von Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft in alle Zukunft zu erhalten, das wäre denn doch schon sehr wünschenswert; nicht aber bloß daran zu denken, wie schön es ist für sich selber, dort zu wohnen, wie es nett ist, es nicht weit zu haben zu den Veranstaltungen des Johannesbaues und dort mit Anthroposophen zusammen zu sein. Bloß daran für sich zu denken, das würde noch weniger als für irgendetwas anderes gerade bei dieser Sache im Sinne unserer Geistesströmung liegen. Dass heute unsere Geistesströmung noch mit gewissen Opfern verbunden sein muss, das stellt sich ganz besonders dann heraus, wenn die Prinzipien, die Impulse unserer Geistesströmung in die praktische Wirklichkeit umgesetzt werden müssen. Dass wir nicht von jedem beliebigen, ganz außerhalb unserer Sache stehenden Architekten unsere Häuser bauen lassen können, das sollte mehr oder weniger selbstverständlich sein. Dass wir den anthroposophischen Charakter der Kolonie zum Ausdruck bringen wollen, das sollte wiederum selbstverständlich sein.
Das sind gewisse Gesichtspunkte, die ich Ihnen vorlegen möchte, selbstverständlich, wie ich schon sagte, nicht um einen Zwang auszuüben, aber als etwas, von dem Sie bei näherer Überlegung zugeben werden, dass man es nicht umgehen kann, wenn irgendetwas dabei herauskommen soll aus der ganzen Sache unseres Johannesbaues und damit unserer anthroposophischen Sache dienen soll.
Sehen Sie, wir mussten von München fortgehen, weil wir dort kein Verständnis fanden, zunächst rein für das, was wir künstlerisch wollen. Da draußen in Dörnach, wo wir nun sein können, können wir uns in die Lage versetzen, in gewisser Beziehung Modell zu bilden für das, was unsere Geistesströmung der Zukunft bringen soll. Und es wäre ein Missverstehen unserer Bewegung, wenn wir es nicht tun wollten, wenn wir uns durch kleinliche Rücksichten oder durch irgendetwas anderes davon abhalten lassen würden, die Gesichtspunkte einzuhalten, die besprochen worden sind. Es sollte im Grunde genommen jeder, der dort bauen will, einsehen, dass es für ihn eine Notwendigkeit ist, sich einer Vereinigung der Kolonisten wirklich anzuschließen. Vielleicht würde es sogar das Allerbeste sein, wenn gerade das Künstlerische der Sache einer Art Komitee oder Kommission unterworfen würde. Man braucht diese Sache nicht zu erzwingen,
aber wie schön wäre es, wenn wirklich alle Kolonisten darin zusammenstimmen würden, dass sie sich sagen: Man unterwirft am besten einer Art von Kommission das, was da an Häusern und so weiter zustande kommen soll. Wenn wir das wirklich durchführen können, dass wir, insofern wir Kolonisten sind, zeigen: Wir können einmal eine Reihe von uns mit einem gemeinsamen Willen durchdringen und können diesem Willen die Richtung geben, die durch unsere anthroposophische Gesinnung vorgezeichnct ist, dann werden wir dort etwas Musterhaftes schaffen. Und es wird das, was dort entsteht, eine Probe dafür sein, wie gut oder wie schlecht unsere Sache verstanden worden ist. Von einem jeden Haus, das als Scheusal hingebaut wird von einem beliebigen Architekten, wird man sagen: Ein neuer Beweis dafür, wie wenig man heute in unserer Gegenwart noch verstanden wird in Bezug auf unsere anthroposophische Bewegung! Und von jedem Haus, das ein Formausdruck unserer anthroposophischen Gesinnung sein wird, wird man sagen: Wie froh kann es einen machen, dass doch schon ein inneres Verständnis bei dem einen oder andern für das da ist, was wir wollen!
Es wäre mir so sehr lieb gewesen, wenn das, was ich beabsichtigt habe für diese Generalversammlung, hätte zustande kommen können. Wir wollen sehen, was davon morgen noch zustande kommen kann, wenn aufgrund der Thesen: Wie sollen wir, jeder Einzelne von uns, unter unseren Mitmenschen am besten anthroposophisch arbeiten und wie können wir unsere anthroposophische Gesinnung am besten zeigen und unsere Erfahrung in den Dienst der Welt stellen? eine recht anregende Diskussion bei dieser Generalversammlung in freier Aussprache zustande gekommen wäre. Aber, meine lieben Freunde, dadurch, dass wir uns bemühen, just bloß das Weisheitsgut der anthroposophischen Bewegung an den Mann oder die Frau zu bringen, tun wir allein noch nicht dasjenige, was wir tun müssen, wenn wir unserer Bewegung in der Welt Boden schaffen wollen. Wir müssen wirklich dafür sorgen, dass dasjenige, was uns als Geistesgut gegeben ist, in sachgemäßer Weise der Welt entgegentritt in der Verkörperung desjenigen, was außen von uns geschaffen wird, so wie die alten Baustile Verkörperungen der alten Kulturideen waren.
Wenn cs uns gelingt, etwas recht Einheitliches dort zu schaffen und dieses Einheitliche recht gut als etwas der anthroposophischen Bewegung zu Bewahrendes auch juristisch zu sichern, dann haben wir den Beweis geliefert, dass wir unsere Bewegung verstehen. Möchte das wirklich so eintreten, dass recht viele solcher - auch in Bau- und sonstigen Formen - künstlerischen Elemente bei dieser Gelegenheit, wo es sein kann, uns einen Beweis dafür liefern: Die anthroposophische Bewegung wird schon verstanden!
Wahrhaftig, eine Sekte, irgendeine Gemeinschaft, die diese oder jene Dogmen vertritt und verbreitet, wollen wir ja nicht sein. Wir wollen etwas sein, das es mit den Kulturaufgaben ernst nimmt. Das können wir aber nur dann für den Fall des Johannesbaues und der damit verbundenen Kolonie, wenn wir im Sinne des jetzt Ausgesprochenen handeln.
Ich denke, meine lieben Freunde, dass in diesen kurzen Worten vielleicht einige Gesichtspunkte für Ihre Maßnahmen bei der Kolonisierung um den Johannesbau herum gegeben sein könnten.ÜBER DEN JOHANNESBAU IN DÖRNACH
Ansprache vor dem Vortrag am 14. April 1914 in Wien
Meine lieben theosophischen Freunde!
Bevor ich heute zu dem Vortrag selbst komme, möchte ich ein paar Worte an Sie richten, die nur besagen wollen, dass wir in diesem Jahre leider nicht, so wie in den verflossenen Jahren, in der Mitte des Sommers die Veranstaltungen haben werden, die sonst in München stattgefunden haben, da die nächste derartige Veranstaltung eben schon im Johannesbau stattfinden soll und dieser Bau sich etwas länger hinauszieht, als ursprünglich hat gedacht werden können. Es steht zu hoffen, dass wir in den letzten zwei Monaten dieses Jahres so weit sein werden, dass dann eine feierliche, festliche Eröffnung des Johannesbaues stattfinden kann. Dieser Bau macht uns ja mehr Arbeit, als man sich gewöhnlich vorstellt, und Sie werden es daher begreiflich finden, dass jetzt schon einmal eine gewisse Zeit hindurch die persönlichen Besprechungen ausfallen mussten.
Für unsere lieben österreichischen Freunde ist es ganz gewiss in vieler Beziehung nicht leicht gewesen, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass der Johannesbau in so großer Ferne liegt. Allein, trotzdem ich jetzt nicht in der Lage bin, das des Weiteren auseinanderzusetzen, denn dazu mangelt die Zeit, so war cs eben schon einmal so, dass uns das Karma dazu geführt hat, den Johannesbau dort zu errichten, wo er errichtet wird; und das wird gut sein.
Es wird uns ja schon vor Augen stehen müssen, dass wir in diesem Bau eine Art Zentralstätte und Wahrzeichen unserer spirituellen Bewegung sehen. Was für den einen weit ist, ist für den anderen nahe; das ließ sich von vornherein nicht anders machen. Es steht aber doch wohl zu hoffen, dass auch unsere österreichischen Freunde Mittel und Wege finden, durch persönliche Anwesenheit bei der entsprechenden Veranstaltung des Johannesbaues dieses Wahrzeichen unserer anthroposophischen Bewegung als das ihrige, ich möchte ausdrücklich sagen, zu erleben. Es ist in Wirklichkeit nicht nur ein Wahrzeichen durch das, was es sein wird als Monumentalbau, sondern es ist gewissermaßen ein Wahrzeichen dadurch, dass es, wenn es wirklich zustande kommt, nur zustande kommen kann und konnte durch das, was als große Opferwilligkeit einiger unserer Freunde geleistet wurde, die wirklich das Äußerste an Opferwilligkeit geleistet haben, um den schwierigen und vor allen Dingen kostspieligen Bau, so wie er nun einmal sein soll, zu Ende zu bringen.
Was entstehen soll, das soll in jeder Beziehung eigentlich zum Ausdruck bringen, was unsere spirituelle Bewegung sein wird. Und dem muss der ganze Baustil auch entsprechen. Alles, was in den Bau hineinfließt, muss so sein, dass es nicht in symbolischer oder allegorischer Art und Weise hineinkommt, sondern es muss in wirklich künstlerischer Weise in diesen Bau hineinfließen. Vor allen Dingen war dieses notwendig: einmal einen solchen Bau aufzuführen, der in allen seinen Formen eine Verkörperung des spirituellen Wesens ist, dem wir zugetan sind. Die verschiedenen Zeiten, die verschiedenen Kulturen der Menschheitsentwicklung hatten auch die ihnen entsprechenden eigenen Bauten. Der Bau, der in Dörnach aufgerichtet werden soll, der soll in allen seinen Formen, aus denen er zusammengesetzt ist, und mit denen er gleichsam eine Hülle unserer spirituellen Arbeit bilden soll, durch die Art, wie diese I fülle sich nach außen und nach innen ein- und abschließt und zusammenschließt, zeigen, dass in ihren Formen sich etwas ausdrückt, das etwas ist, wie cs für einen solchen Bau im Grunde in der Architektur noch nie gedacht war.
Wie der griechische Tempel dasteht, um eine Wohnung des Gottes zu sein, der darinnen ist, wie der gotische Dom dasteht, um zusammen mit der Gemeinde, die darin versammelt ist, ein Ganzes zu bilden, so soll unser Bau sich so darstellen, dass die Formen unmittelbar, ich möchte sagen, in spiritueller, geisteswissenschaftlicher Beziehung den Bau so gestalten, dass er spirituell durchsichtig ist. Das heißt, wenn man in dem Bau drinnen sein wird, so wird man durch die Architektur und durch dasjenige, was von der Architektur in die Plastik übergeht, das Gefühl haben: Diese Wände sind nicht so, wie andere architektonische Wände bisher waren, abschließend, bloß anschließend, sondern sie sind zugleich die Kommunikatoren, welche das geistige Leben eröffnen in unendliche spirituelle Weiten. Es sind Wände, die sich zu gleicher Zeit durch ihre Formen selbst aufheben, die zu gleicher Zeit eben nicht da sind in dem, was sie physisch sind. Das soll erreicht werden, dass jeder, der drinnen ist und nach und nach sich gewöhnen wird, diese Formen, aber nicht allegorisch und symbolisch, sondern in lebendiger Empfindung zu verstehen, etwas hat wie einen Ausblick in die Welt, von der wir sprechen, einfach durch das Erleben der Form.
Das ist ja natürlich etwas ganz Neues in der Architektur, das ist etwas Ungewöhnliches, und das braucht Zeit und Arbeit. Und wie es schon einmal in unserer Zeit ist - verzeihen Sie den harten Ausdruck das braucht auch und hat gebraucht: Geld! Und dazu war die Opferwilligkeit einzelner unserer Freunde uns wirklich so entgegengekommen, dass wir sagen können: Auch diese Opferwilligkeit ist in gewisser Beziehung ein Wahrzeichen für die Art, wie unsere spirituelle Bewegung in das Verständnis der Seelen eingedrungen ist.
Nur das wollte ich mit diesen Worten erwähnen, dass Sie diesen Bau in Ihr Herz aufnehmen, dass Sie ihn wie einen Mittelpunkt unserer Bewegung erfühlen, sodass Sie sich mit ihm vereint denken können, und dass Sie Ihre persönliche Anwesenheit ihm gönnen, so viel das von der Eröffnung ab in der Zukunft einmal wird der Fall sein können.ANSPRACHE NACH DEM AUSBRUCH
DES ERSTEN WELTKRIEGS
Dörnach, vordem Vortrag vom 13. August 1914
Meine lieben theosophischen Freunde!
Wir, die hier versammelt sind um unseren Bau, der da werden soll ein Wahrzeichen des Geistes, wir stehen zweifellos alle unter dem Eindruck derjenigen Ereignisse, die hereingebrochen sind über Europa, während wir noch an unserem Bau vollauf beschäftigt sind. Diejenigen der lieben Freunde, welche manches sich genauer angehört haben, was in den letzten Jahren gesprochen worden ist innerhalb unserer Kreise, wissen ja, dass wir unter dem Eindruck dessen, was jetzt so furchtbar hcreingebrochen ist, immer schon in gewissem Sinne standen, und dass manches gesprochen worden ist mit der Perspektive dessen, was über die Völker Europas kommen musste und was aus gewissen Gründen nicht früher gekommen ist - aus Gründen, die zu erörtern gerade in diesem Augenblick überflüssig sein wird.
Aber wie wir hier auf der einen Seite in unserer unmittelbaren Nähe die schmerzlichen Ereignisse haben, und auf der anderen Seite vor ihnen wie geschützt sind durch dasjenige, was sich in dem Lande abspielt, in das uns unser gutes Karma mit unserem Bau getragen hat - wir, die in unmittelbarem Anblick und doch geschützt vor den Ereignissen dastehen, wir dürfen und müssen eigentlich in diesem Augenblick zweierlei Gedanken recht ernstlich vor unsere Seele stellen. Den Gedanken, welchen wir ja versuchten, in der letzten unserer hier gehaltenen Betrachtungen auszusprechen, - den Gedanken, welcher uns im tiefsten Herzen beseelen kann: des unerschütterlichen Vertrauens in die Kraft und Wirksamkeit des Geistes, in den Sieg des Geistes und seines Lebens. Und wir würden schlechte Mitglieder unserer spirituellen Bewegung sein, wenn wir diesen Gedanken nicht in unserer Seele hätten, wenn wir ihn uns nicht errungen hätten im
Laufe der Jahre, in denen wir gestanden haben innerhalb unserer Bewegung, nicht in uns tragen die feste Sicherheit: Was auch kommen mag an ernsten Prüfungen, was auch immer uns treffen mag, wir halten in uns das unerschütterliche Vertrauen in die Kraft und Sieghaftigkeit des geistigen Lebens! - wenn wir nicht fühlen: Zuletzt wird der Geist siegen!
Aber ein anderer Gedanke muss sich zu alledem, was uns so an Vertrauen durchseelt, hinzugesellen. Das ist der Gedanke an - es braucht nicht missverstanden zu werden, aber es darf doch ausgesprochen werden und kann verstanden werden - die gegenwärtige physische Kraftlosigkeit dessen, was für den Geist getan werden kann. Denken wir, um uns das recht vor die Seele zu stellen, an einen Kontrast, der schauerlich unsere Herzen bedrücken mag in dieser Zeit, denken wir, dass wir drei Grundsätze haben, und dass der erste dieser Grundsätze sein muss, einen Keim von Menschen mit brüderlicher Gesinnung über alle Nationen hinaus in uns selbst heranzubilden. Zweifellos, das Vertrauen, das wir in den Geist haben, wird uns klar durchdringen mit dem Bewusstsein, dass auch dieses Ideal ein berechtigtes, ein großes ist.
Aber vergleichen wir mit diesem Ideal die Gegenwart, in der wir leben; vergleichen wir es aber nicht in abstrakter Form, sondern in der unmittelbaren, konkreten Form, die uns, jeden Einzelnen von uns, angeht: Und dann können wir zu dem Gedanken kommen, wie wenig es uns bis zur Gegenwart noch möglich war, auch nur etwas beizutragen zu der Verwirklichung dieses unseres aller-allerersten Gedankens! Wir brauchen nicht im Einzelnen ins Auge zu fassen, was über die Ereignisse jetzt verbreitet wird, aber die Stimmung des Gemütes ist etwas, was wir sehr ins Auge fassen müssen. Und da werden wir empfinden: Wir reisen in der Welt herum, eine große Anzahl von uns, von Land zu Land, überall liebevoll aufgenommen, überall fühlen wir, wie notwendig es ist, den geistigen Keim überall hinzutragen, und wir sehen jetzt, wie über die Grenzen und Gebiete, in denen wir also liebevoll gedacht, gelebt und gesprochen haben, wie über diese Grenzen Stimmungen von Hass und Antipathie in so ausgesprochenem Maße einander zugesandt werden!
Da steht der Kontrast vor unserem Seclenauge, wie groß die Forderungen des Geistes sind, und wie wenig wir haben tun können für unsern aller-allerersten Gedanken. Und könnten wir etwa in unseren eigenen Reihen, die wir jetzt hier versammelt sind um unseren Bau, der ein Ausdruck sein soll unseres geistigen Strebens, könnten wir jetzt ein Musterbild und Modell hineinerzwingen in unsere Herzen, in unser gegenseitiges Verhalten, ein Modell der brüderlichen Gesinnung, so müsste es dieser Gedanke sein.
Möge er dazu dienen, dass er erzeuge in dem Herzen eines jeden Einzelnen von uns die Anerkennung jedes Einzelnen von uns! Es kann ja doch nur alles Einzelne, was an unserem Bau geschehen muss, mit blutendem Herzen geschehen, da wir wissen, wie wenig das, was geschieht, dem entspricht, was geschehen sollte. Wir mögen uns trösten, dass unser Ideal, das wir in Bezug auf unseren Bau haben, in der Zukunft sieghaft durch die Welt ziehen wird: Das ist kein Gedanke der Schwäche, er wird sich wandeln in uns in den Gedanken der Stärke.
Manches wird sich wandeln müssen, meine lieben Freunde, wenn wir wiederum an die Gemüter, die draußen in diesem furchtbaren Leben stehen, herantreten können. Da werden wir manches verwandelt finden, manches Gemüt wird uns anders entgegenkommen als bisher, und manches, was getan ist in unserer Bewegung, wird in Zukunft anders getan werden müssen. Und wenn wir aus den Wirren, die sich entwickeln werden, etwas für den Geist werden tun wollen, dann dürfen wir nicht fortfahren in der gleichmäßigen Pflege alter Gedanken. Wir werden neue Gedanken brauchen; solche werden sich entwickeln, die das Angedeutete notwendig macht. Aber stark werden wir nur sein, wenn wir uns rüsten mit dem Gedanken: Wohin uns auch immer die Ereignisse stellen werden, was sie auch immer von uns fordern werden, wir werden es tun im Vertrauen auf die Sieghaftigkeit des Geistes.
In friedlichen Gedanken und in friedlicher Arbeit ragt unser Bau empor. In diesen Zeiten, wo alles erschüttert zu sein scheint, wollen wir uns doch bestreben, eine Schar zu sein, die Frieden und Harmonie in eines jeden Herzen hegt und pflegt, sodass ein jeglicher über einen jeglichen die besten Gedanken hat, ohne Neid, ohne Zwietracht. Das, meine lieben Freunde, wird das Einzige sein, das bei dem Hereinragen der schmerzlichen Ereignisse möglich macht, das fortzuführen, was fortgeführt werden muss. Denn es muss und wird fortgeführt werden unser Werk, trotz alles sich Auftürmens von Hindernissen. Es wird geschehen, was geschehen muss im Sinne unserer Bewegung. Es wird geschehen, was auch an Hindernissen uns erscheinen mag!
Es kann aber nur geschehen, wenn wir versuchen, in unseren Herzen I.iebe und Frieden zu halten, die aus dem Festhalten an den Geist in unseren Herzen erzeugt werden sollten. Ohne dieses kann auch draußen die Welt nicht weiterkommen; es ist aber für die Schar, die hier versammelt ist, noch eine ganz besondere Pflicht, Liebe, Frieden und Harmonie in den Herzen zu halten. Denn was an unserem Bau geschehen soll, es wird gestört, wenn es nicht in diesen Gefühlen der Liebe und des Friedens geschieht; cs wird durch Neid und Zwietracht gestört. Nur wenn in die Formen, an denen wir arbeiten, Harmonie- und Friedens- und Liebegedanken hineingebaut werden, werden sie das sein, was sie sein sollen für die Menschheit, dann, wenn wieder Friede über die Welt gezogen sein wird. So viel wir an Gesinnung der Harmonie aufbringen in unseren Herzen, so viel wird sozusagen haften an diesen Formen und Ausdrucksmitteln, die unser Bau an sich hat. Wenn wir dieses wirklich einsehen, dann wird es vielleicht möglich sein, dass wir im Innersten uns durchdringen mit der Gesinnung, die ja das Ideal unseres geistigen Strebens ist.
Diese Worte wollte ich heute vorausschicken als Worte, welche rechtfertigen sollen, dass wir in diesen Zeiten hier in aller Ruhe Weiterarbeiten, und nicht heraustreten, um da oder dort teilzunehmen an den Ereignissen, die sich draußen abspielen werden. Zu dem aber, wozu der Einzelne aufgerufen wird in dieser Beziehung, kann nur gesagt werden, dass der Einzelne seine Pflicht tue. Wenn wir nun in aller Kraft und in Mut und Zuversicht an diesem unseren Ideal fcsthalten, dann wird es sich ja auch immer mehr vergrößern und wird, wenn wieder Friede über die Welt gezogen ist, seine Mission erfüllen können. Freilich wird in einem viel, viel höheren Maße notwendig sein, als es in unseren Reihen geschehen ist, dass wir versuchen, das eigene, persönliche Streben zurückzustellen, dass wir das anstreben, was wie ein geistiges Herzblut durchdringen soll unsere ganze spirituelle Bewegung.
Wie diese Worte tief aus meinem Herzen kommen, meine lieben Freunde, so möchte ich, dass sie tief in Ihre Herzen hereindringen!VORTRAG AM VORABEND DES ERSTEN
JAHRESTAGES DER GRUNDSTEINLEGUNG
DES JOHANNESBAUS
Dörnach, 19. September 1914
Meine heben Freunde!
Zu den Dingen, die mir sonst immer schwierig werden, trotzdem man das vielleicht nicht glaubt, gehört das Reden, und es bedeutet für mich, trotzdem es so oftmals sein muss, immer eine Art schweren Entschlusses, zu reden. Ganz besonders schwierig erscheint es mir in dieser unserer Zeit, in dieser Zeit, in welcher das Herz und die Seele so unendlich vieles belastet und beschwert.
Allein, nicht nur, dass es mich drängt, nach längerer Zeit wieder mit Ihnen, meine lieben Freunde, zusammenzusein, sondern es ist auch heute eine ganz besondere Veranlassung zu diesem Zusammensein. Wir haben heute den Vorabend des Jahrestages unserer Grundsteinlegung. Auf den Tag, Sonnabend, ist es genau ein Jahr; dem Datum nach wird es morgen, Sonntag, ein Jahr sein. Wir werden uns deshalb heute und morgen versammeln, und ich bitte die lieben Freunde, auch morgen, um sechs Uhr, sich in diesem Raume einzufinden. Es wird da nicht, wie cs nach der Gepflogenheit der Zeit, in der ich nicht anwesend war, gewesen ist, das Drama gelesen, sondern wir werden versuchen, morgen in anderer Weise den Abend zuzubringen. Das Dramalesen kann wieder in der nächsten Zeit stattfinden.
Heute aber möchte ich Sie vor allen Dingen erinnern an diejenigen Ideen, Empfindungen und Gefühle, die durch unsere Seele gezogen sind, als wir Vor jahresfrist hier auf diesem Hügel den Grundstein zu diesem Gebäude legten. Wenn auch wenige der äußeren, physischen Persönlichkeit nach von Ihnen, meine lieben Freunde, damals anwesend waren, den Herzen und den Gefühlen nach waren Sie es ja alle. Und alle diejenigen, die seit jener Zeit so liebevoll, so aufopfernd mitgewirkt haben an diesem Bau, die haben für sich erlebt und auch gezeigt, wie innig verbunden sie sind mit den Gefühlen und Empfindungen, die dazumal ganz glühend, im schönsten Sinne des Wortes glühend, nämlich von göttlichem Feuer glühend, durch unsere Seelen gezogen sind, als wir - es musste so sein; durch die Zeitumstände war es herbeigeführt - im kleinen Kreise den Grundstein legten.
Wir versuchten dazumal, mit wenig Worten uns vor die Seele zu führen, welches Geistes Wahrzeichen dieser Bau sein soll. Wir versuchten, uns zu vergegenwärtigen, wie wir blicken konnten, von diesem Hügel aus, nach Nord, Süd, Ost und West, und wie wir sein wollen Diener jenes Geisteslebens, von dem wir die Überzeugung haben, dass es die Menschheit im Norden, Süden, Osten und Westen braucht, wenn die Erdenentwicklung in entsprechender, von den geistigen Hierarchien intendierter Weise vorwärtsgehen soll.
Wahrhaftig, ich glaube auch hinlänglich darauf hingewiesen zu haben, dass es keine Art von stolzem Gefühl ist, mit dem wir gerade unsere Sache von der Auffassung des Geisteslebens als diejenige hinstellen, welche mit dem Heil der Menschheit innig verbunden sein muss. Es ist vielmehr dieses Betonen wirklich verbunden mit dem Gefühl demütiger Bescheidenheit, dass wir nur Diener desjenigen Geisteslebens sein wollen, das einfließen will, durch die Friedens- harmonicn der höheren Hierarchien, in die heilsame Entwicklung des Menschengeschlechts.
So fassen wir ja die Sache auf, dass wir uns nicht in Hochmut erheben, weil wir glauben, etwas Besonderes zu erkennen, sondern dass wir uns von den göttlich-geistigen Wesen begnadet fühlen, begnadet fühlen, Diener sein zu dürfen in der Entwicklung des Stromes von geistigem Leben, an dem unsere Seele, unser Herz, unser ganzes menschliches Wesen hängt.
Und dazumal war es, meine lieben Freunde, dass ich zum ersten Male die Worte sprechen durfte, von denen ich nicht nur zu wissen vermeine, sondern - mit all den Sicherheiten, mit denen man so etwas wissen kann - wirklich zu wissen glaube, dass sie gehört wurden aus den göttlich-geistigen Höhen von jener Wesenheit, die der Träger des die Menschen harmonisch zusammenführenden Christus werden sollte.
Es gehört, meine lieben Freunde, zu den erhebendsten Augenblicken, die ich erleben durfte im Laufe unserer Bewegung, als ich zum ersten Male sprechen durfte die Worte:
Amen,
Es walten die Übel,
Zeugen sich lösender Ichheit,
Von Andern crschuldcte Selbstheitschuld,
Erlebet im täglichen Brote,
In dem nicht waltet der Himmel Wille,
In dem der Mensch sich schied von Eurem Reich
Und vergaß Euren Namen,
Ihr Väter in den Himmeln.
In diesen Worten ist ja - derjenige wird es allmählich finden, der diese Worte oft genug betrachtet - so groß und erhaben enthalten, was Menschenherzen und Menschenseelen bewegen kann. Es ist in diesen Worten aber auch dasjenige enthalten, was als Menschenschmerz und Menschenleid durch Menschenherzen und Menschenseelcn ziehen kann. Und es ist in diesen Worten enthalten, wenn man sie in der richtigen Weise in seiner Seele wirken lässt, dasjenige an Kraft, was uns im Sinne unserer geistigen Strömung aufrechterhalten kann, mit innerer Sicherheit begaben kann, in welcher Lage des Lebens wir uns auch befinden mögen, welchen Lebensverhältnissen wir auch gegenüberzutreten genötigt sind.
Was, meine lieben Freunde, beseelte uns denn, als wir - Vorjahren war es schon - die Gedanken richteten auf einen solchen Bau, wie er jetzt als Wahrzeichen teilweise vor uns steht? Es beseelte uns die Überzeugung, dass der Menschheit Heil abhänge davon, dass einfließe in diese Menschheit nicht nur die theoretische Erkenntnis, die theoretische Überzeugung von dem Vorhandensein der geistigen Welten, sondern das unmittelbare Miterlebcn, das in der Seele Vereinigt-Sein mit den geistigen Welten.
Der Glaube durchdringt uns, meine lieben Freunde, dass dieses geistige Leben in der Welt da ist allüberall, dass es aber an den Men- sehen ist, es zu begreifen, weil der Mensch frei sein soll in der Welt, und dieses geistige Leben sich ihm nur unter der Bedingung naht, dass er es will, dass er es in seinen Willen aufnehme. Das rechtfertigt, dass wir uns von Karma die Notwendigkeit auferlegt finden, alles dasjenige zu tun, was diesen heiligen Menschenwillen lösen kann aus den Tiefen der menschlichen Natur, worin er beschlossen ist, oftmals so verborgen beschlossen ist, damit er, losgelöst, sich vereinigen könne mit dem zusammenströmenden Willen der Hierarchien, die die Erde dann ausersehen werden zur Stätte eines Kosmos, wo in Zukunft heiliges, geistiges Christus-Sonnenlicht erstrahlt, wenn die Menschheit es will, wenn die Menschheit sich dazu reif machen will.
Der Gedanke ging uns vor Jahresfrist bei der Grundsteinlegung durch die Seele - er lebte dann aber nicht mehr lange, aber das ist unser Karma-, dass mit den letzten Tagen des Juli dieses Jahres unser Bau fertig da stünde, damit in ihm gesprochen werden könne in dem Sinne, der eben als der von der Wirklichkeit des geistigen Lebens und seiner Entgegennahme durch den Menschen angedeutet worden ist.
Gewiss, das Karma hat es anders gewollt, und in Notwendigkeiten sich zu fügen, das muss gerade durch die Geisteswissenschaft die Mcnschenscclc lernen. Wäre der Gedanke verwirklicht worden von dem Fertigwerden im Juli, dann, meine lieben Freunde, würde jetzt von uns empfunden werden können, wie während des ganzen Aufbaus des unserer heiligen Sache gewidmeten Hauses hinuntergesehen werden konnte - wie wir dazumal bei der Grundsteinlegung hinuntersahen nach Nord, Süd, Ost und West - auf Frieden, der unter den Menschen waltete.
Nun, das ist nicht so gekommen. Die letzte Arbeit unseres Baues muss hinuntersehen auf eine ganz andere Welt, meine lieben Freunde, auf eine andere Welt, welche wahrhaft tiefe Leidgefühle aufrufen kann gerade in denjenigen Herzen, die sich schon bis zu einem gewissen Grade erfüllt haben mit dem Sinne des Geisteslebens, das wir meinen.
Allein, wie ich es schon angedeutet habe, als ich das letzte Mal von dieser Stelle aus zu Ihnen sprach, es wäre ein Zeugnis der Schwachheit für die, welche darinnenstehen im geistigen Leben, wenn wir der gegenwärtigen Lage nicht gerade dadurch uns gewachsen finden würden, wenigstens in unserm Innersten, dass wir in uns den Glauben entwickelt haben an den einen großen Sieg, der da kommen muss - möge er auf welche Art immer kommen -, an den Sieg und die Sieghaftigkeit des geistigen Lebens. Wir dürfen, meine lieben Freunde, das Jahresfest feiern eines Baues, der im eminentesten Sinne dazu dienen soll, Menschenseelen über die Erde hin harmonisch zusammenzuführen. So ehrlich und aufrecht das nur geschehen kann, sollte es geschehen, damit entspreche die Art, wie wir zu unserem Baue stehen, demjenigen, was ja der erste Grundsatz unserer Geistesströmung ist, und was sich ausdrückt im Grunde in jeder einzelnen, auch künstlerischen Form unseres Baues.
Wenn man sich einmal die Mühe machen wird, die einzelnen künstlerischen Formen unseres Baues zu studieren, wird man finden, dass neben alledem, was ich mir erlaubt habe, im Laufe der Vorträge in diesem Raume über den Sinn der Formen unseres Baues auseinanderzusetzen, in jeder Einzelheit der Ausdruck dafür liegt, in dem Sinne des wahren Christusimpulses, alle Menschenherzen, wie sie sich finden unter den Völkern und Rassen der Erde, zusammenzufassen. Denn, meine lieben Freunde, das Geistesleben der Menschheit, das Leben im Geiste ist eines; und aus den Worten, die ich das letzte Mal hier gesprochen habe, werden Sie haben entnehmen können, wie gerade dies in der ernstesten, in der würdigsten Weise aufgefasst werden muss.
Das Geistesleben der Menschheit ist eines. Aber wir werden, wenn wir diesen Satz gerade in der unmittelbaren Gegenwart so ganz zu dem unsrigen machen wollen, manches von dem, was wir im Laufe unserer Geistesarbeit, seit den Jahren, in denen wir diese Arbeit leisten, haben lernen dürfen, ernst, tief, tief ernst nehmen müssen.
Und, verhehlen wir uns nicht, dass es für manche Seele schwierig sein wird, die Dinge, welche sozusagen im tiefsten Frieden hingenommen worden sind als Wahrheit, in der unmittelbaren Gegenwart mit derselben Intensität als Wahrheit zu empfinden. Aber auf der anderen Seite, seien wir dessen eingedenk, dass das gerade unsere Prüfung in der gegenwärtigen Zeit ist: ernst nehmen die Dinge.
Nun lassen Sie uns, meine lieben Freunde, einmal ein Beispiel betrachten. Es war in der Zeit des tiefsten Friedens, da sprach ich vor einer Anzahl unserer Freunde im Norden, in Christiania, über das Wesen der Volksseelen und ihre Bedeutung in der Evolution der Menschheit. Es ist ganz zweifellos, dass die Vorträge, die dazumal gehalten worden sind über das Wesen der Volksseelen, von unseren lieben Freunden in objektiver Weise aufgefasst worden sind; aber es ist auch ebenso zweifellos, dass viele andere Menschen in der Welt, die außer unserer Gesellschaft stehen, in der damaligen Zeit diese Vorträge auch in objektiver Weise hätten auffassen können.
Es ist nicht in der gleichen Weise vorauszusetzen, dass wir, ohne dass wir [uns] in unserem Innern wahrhaftig erregen, heute mit derselben Objektivität gerade solche Vorträge hinnchmen könnten. Und dennoch, wie, ich möchte sagen lehrreich für den heutigen Tag, für die unmittelbare Gegenwart könnte dasjenige sein, was damals in Christiania über das Wesen der Volksseelen gesprochen worden ist! Vielleicht darf im Kreise unserer Freunde an einiges, vielleicht gerade in der Gegenwart Wichtige aus den damaligen Vorträgen erinnert werden, vielleicht gerade deshalb erinnert werden, weil es gesprochen worden ist in der Zeit des tiefsten Friedens - wenigstens des größten Teils der europäischen Völker.
Meine lieben Freunde, bevor ich darauf aufmerksam mache, was im Verlaufe dieser Vorträge über die Volksseelen Europas gesagt worden ist, wollen wir einer Tatsache gedenken, einer Tatsache, die gewissermaßen innig zusammenhängt mit einer richtigen, tiefen und ernsten Auffassung unserer Geisteswissenschaft. Das ist dieses: Unser Seelenwesen selber, unser individuelles Seelenwesen ist keineswegs jenes einfache Wesen, als welches es die exoterische Wissenschaft aus Bequemlichkeit hinstellen möchte. Es gehört zum Einfachsten, das wir erkennen müssen, wenn wir uns auf den Boden der Geisteswissenschaft stellen, dass wir einsehen, welch kompliziertes Wesen in unserem eigenen Innern wirkt und west. Wir lernen sogleich kennen in unserem Seelenwesen: Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewusstseinsseele, und wie in ihm veranlagt ist das Ich und das Hinaufstreben zu den höheren Gliedern. Sogleich tritt uns entgegen eine Fünfheit wirksamer Wesensgiieder.
Es gibt heute noch Menschen, die über diese Darstellung der Seelenglieder lachen. Es wird aber eine Zeit kommen, wo man die Kompliziertheit des menschlichen Seelenlebens einsehen wird, wo man den Blick richten wird - weil das Leben immer schwieriger und schwieriger werden wird im Verlaufe unserer Erdenentwicklung - aut das, was in so unwiderleglicher Weise die Vielfachheit unserer [Seelenglieder] zeigt. Das ist, dass unsere Seelenglieder in inneren Konflikt, in inneren Seelenkrieg kommen können.
Wir wissen ja, wie die Menschenseele in diesen oder jenen Zeiten schon im Alltagsleben sich in sich selber gespalten fühlen kann. Je mehr man hineinwirkt in das seelische Leben, desto bedeutsamer und bedeutsamer wird es, wenn die einzelnen Seelenglieder im Inneren des Menschen gewissermaßen sich gegeneinander auflehnen. Man gewahrt, wie sie im Inneren des Menschen, man kann nicht anders sagen: kämpfend gegeneinanderstehen. Und die Art und Weise, wie wir gestimmt sind, wie unsere Seelenverfassung ist, ob wir mehr geneigt sind, uns mit dem Gefühlselement oder mehr in verstandesmäßiger Geistesverfassung in eine Sache einzuleben, findet sich wieder in der Formengliederung unseres Baues, die das zum Ausdruck bringen soll.
Allerdings, richtig verhalten werden sich die Seelenglieder nur dann, wenn ein jedes sein entsprechendes Gewicht findet, mit dem es sozusagen den Menschen zur eigentlich wahren, von den geistigen Hierarchien geforderten Erdenaufgabe hinzieht, wenn die Seelenglieder harmonisch sich zusammenfinden. Das werden sie im höchsten Sinne dann, wenn sie die Schwierigkeiten überwinden, die im gegenseitigen Kampfe der Seelenglieder liegen.
In einem der Mysteriendramen findet sich eine Stelle - in der Prüfung der Seele -, wo im eminentesten Sinne hingewiesen wird auf dieses innere Wirken, Wogen und Weben; aber auch auf das sich Bekämpfen der einzelnen Seelenfkräfte].
Aber es findet sich auch eine Darstellung - und es bildet diese Darstellung das Schlusstableau der Pforte der Einweihung, des ersten Mysterienspiels -, wo dasjenige, was im Grunde genommen in der einzelnen Seele lebt, verteilt ist auf das, was in dem Schlusstableau vor uns steht. Da stehen Maria und Thomasius, Luzifer und Ahriman, die Hierophanten und so weiter. Sie sprechen miteinander, und auf ihre Stimmen ist verteilt, was im Grunde genommen in der einzelnen Menschenseele spricht. Als des Menschen Geistesziel ist hingestellt, dass in einem solchen Verein, wie es sich dort in dem Schluss-Tempel-Tableau dargestellt findet, jede einzelne Seelenkraft und in dem Tableau jede einzelne Persönlichkeit an ihren richtigen Platz gestellt ist und jede dazu beiträgt, was in ihrem Wesen liegt.
Ich möchte hindeuten auf des Menschen Vielgliedrigkeit und hindeuten darauf, wie versucht worden ist, in den verschiedenen Darstellungen und Auseinandersetzungen zu zeigen, was da im Menschenwesen wirkt und webt im Zusammenhänge mit der Vielgliedrigkeit der Menschenseele, wie wir hinblicken können in unserer eigenen Seele in wahrer, nicht theoretischer Selbsterkenntnis auf so manchen inneren Krieg und Kampf und wie wir hinblicken können auf das hehre Sonnenideal, das errungen sein will in menschlicher, harmonischer Zusammenwirksamkeit. Im Grunde genommen ist in unserer geisteswissenschaftlichen Literatur alles enthalten, was uns auch in den schwersten Lagen des Lebens nicht nur Trost, sondern Sicherheit und Halt und Kraft, wenigstens für das Innere unserer Seele, geben kann.
Nun wurde in jenem Vortragszyklus in Christiania gezeigt, wie gleichsam verteilt über die Volksseelen Europas dasjenige ist, was wir sonst in der Einzelseele finden. Lesen Sie nach in dem Vortrage, ich glaube, es ist der vorletzte, wie hingewiesen wird darauf, wie die drei westlichen Volksseelen zu der mittleren und wiederum zu der östlichen Volksseele stehen. Lesen Sie es nach und berücksichtigen Sie dabei den Umstand, dass in der Evolution der Menschheit alles auf Wiederholung beruht, berücksichtigen Sie den Umstand, dass in der Volksseele, die waltet auf der italienischen und spanischen Halbinsel, in besonderer Weise zum Ausdruck kommt dasjenige, was wir als das Wesen der Empfindungsseele kennen - eine Wiederholung dessen, was in atlantischen Zeiten mit dem Wesen der Empfindungsseele verknüpft war. Lesen Sie nach, was über die Schattierungen, Nuancen der französischen Volksseele und ihr Verhältnis zur Verstandcsseele, was über die britische Volksseele in ihrem Zusammenhang mit der Bewusstseinsseele gesagt worden ist. Lesen Sie ferner nach und sehen Sie, dass im mittleren Europa vor allem die Nuancierung des Ich besteht, das da waltet in den drei Volksseelen.
Wenn einmal die Geschichtsschreiber im Zusammenhänge mit der Geisteswissenschaft Geschichte schreiben werden, dann werden sie das Walten des Ich in Mitteleuropa objektiv darzustellen vermögen, von dem Augenblicke an, wo das Heer der Goten und Alarichs wilde Horden durch diese Länder gezogen sind, durch alle Phasen bis in unsere und noch spätere Zeiten hinein, die aufleuchten sollen in Europas Osten: Dann werden sic darstellen, was einmal einer fernen Zukunft zuerteilt sein wird.
Ja, so sicher, meine lieben Freunde, so beruhigt möchte ich sagen, konnte man das vor ein paar Jahren sagen und dabei wissen, dass in keiner Seele der Zuhörer die geringste Empfindlichkeit bemerkbar werden konnte, dass vielmehr eingesehen werden konnte, wie dasjenige, was die Menschheit erreichen soll, in der Gemeinsamkeit erreicht werden soll, aber in solcher Gemeinsamkeit, die aus der objektiven Erkenntnis, aus der Erkenntnis fließt, die aus der Geisteswissenschaft kommt.
Und jetzt nehmen Sie zusammen dasjenige, was wiederholt gesagt worden ist über den Charakter unserer Zeit, wie unsere Zeit der Zeitraum in der nachatlantischen Kulturentwicklung ist, der dahin strebt, die Bewusstseinsseele zu kultivieren, wie Zusammenarbeiten müssen alle Seelenkräfte, um gerade unserer Zeit die Nuancierung mit der Bewusstscinsseele zu geben. Das menschliche Ich muss sich so geltend machen, dass es einen Weg findet durch die Bewusstscinsseele hindurch, die notwendigerweise die größte egoistische Kraft entfalten muss, damit sie den Weg finden kann in das Geistselbst hinauf. Nicht nur tiefere Gedanken, sondern tiefere Empfindungen, Empfindungen des Verständnisses für Mcnschencntwicklung und Zeitencharaktere können durch unsere Seele ziehen, wenn wir solche Dinge, wie sie damals gesprochen worden und als Vortragszyklus gedruckt worden sind, mit Ernst und Würde vor unsere Seele treten lassen.
Wie tritt es vor unsere Seele, dieses Ich im Verhältnis zur Bewusstseinsseele und Verstandesseele, hinaufstrebend zu höheren Gebieten, durch Kampf und Krieg den Weg sich bahnend? Offen gestanden, meine lieben Freunde, könnte man nicht in so ernster Zeit, wie es die unsere ist, diese Wahrheiten, die dazumal ausgesprochen und in tiefster Seele empfunden worden sind, wieder berühren; sie wären umsonst gesprochen, sie wären aufgefasst worden wie ein kindliches Spiel mit Verstandesbegriffen und theoretischen Wissenschaftsvorstellungen.
Doch bedeuten diese Dinge nicht allein, dass unsere Seele mit ihnen spielt und eine theoretische Anregung findet, eine Erkenntnisneugier befriedigt. Die Bedeutung dieser Dinge liegt darin, dass dasjenige, was in ihnen liegt, wirklich zur Kraft unserer Seele werden kann. Wird es zur Kraft in unserer Seele, dann finden wir uns zurecht, finden die Möglichkeit, uns zu verstehen, wenn diese Dinge uns das ernste Antlitz entgegenhalten, finden die Möglichkeit, sie so weit zu verstehen, wie wir sie zu verstehen haben durch die Kraft und das Bewusstsein unserer Seele. Ich weiß, dass dies auch die Gedanken sein müssen, mit denen ich nach Jahresfrist der Grundsteinlegung diesen unseren Bau begrüßen möchte: dass er werde ein Wahrzeichen für die Kraft, die wir gewinnen können in dem Sinne, wie die eben gesprochenen Worte gemeint sind.
«Gehören wir nicht zu diesem Bau?», könnte vielleicht gefragt werden. Wir gehören in anderer Weise, als dies bei der gotischen Kirche und der Gemeinde der Fall ist, zu dem Bau.
Es ist schon einmal auseinandergesetzt worden, dass wir in derselben Weise den Kehlkopf bilden, wie die Götter sprechen. Aber wenn wir uns reif machen und aufmerken in unserer Seele, sodass wir die Wissenschaft des Zurechtfindens, die Wissenschaft des Orientierens geoffenbart erhalten, dann werden wir in den Formen, aus denen unser Bau zusammengesetzt ist, die Buchstaben einer Göttersprache erkennen. Man wird manches anders zu sprechen lernen im Verlaufe der Menschheitsentwicklung, wenn man nach und nach diesen Bau begreifen wird.
Die Zeit selbst drängt, ich möchte sagen, aus der Konfiguration unserer Worte noch oft heraus, was nicht mehr in unseren Worten stehen sollte. Aber es wird alles kommen, was im Sinne unserer Geisteswissenschaft liegt, wenn wir nur das ehrliche Bestreben haben, dieser Geisteswissenschaft mit allen Kräften unserer Seele und unseres Gemütes nachzugehen. Wundern sollten wir uns nicht - höchstens über den Zeitpunkt, in dem die Sachen hereingebrochen sind, und dieser Zeitpunkt wird mir erklärt durch einige okkulte Erkenntnisse, die mir in letzter Zeit zuteilgeworden sind -, wundern wollen wir uns nicht, insbesondere nicht auf dem Boden unserer Geisteswissenschaft, dass diese Ereignisse hercingebrochen sind.
Meine lieben Ercunde, wie oft, wie oft wurde das Wort gesprochen, dass im Grunde genommen zwei Strömungen durch die Evolution der Menschheit gehen. Die eine Strömung ist noch dünn, es ist die spirituelle Strömung, an der wir hängen wollen mit ganzem Herzen und ganzem Gemüte. Die andere ist eine solche, die [einen] materialistischen Charakter trägt. Uber die vielen Formen dieses materialistischen Charakters habe ich oftmals in den verflossenen Jahren zu Ihnen gesprochen. Aber lernen konnten Sie aus alledem, was ich über das Materialistische unserer Zeitkultur gesprochen habe, dass in alle einzelnen Haupt- und Nebenströmungen der Materialismus hincinwirkt. Der Materialismus geht nicht nur in die theoretischen Anschauungen hinein. Wie oft wurde das betont, wie zum Beispiel im letzten Haager Vortragszyklus. Der Materialismus geht hinein in das ganze Zusammenleben der Menschen. Er hat eine starke Kraft, die keineswegs erschöpft ist, die fortwirken wird auf einem Gebiete - meine lieben Freunde, es ist gut sich klarzumachen, wie der Materialismus sich äußert; nach den Worten, die ich vorausgeschickt habe, darf ich voraussetzen, dass die Worte nicht missverstanden werden können, die ich in Kürze werde folgen lassen müssen - [die] fortwirken wird auf dem Gebiet des menschlichen Zusammenlebens.
Da macht sich unter anderem der Materialismus geltend seit längerer Zeit dadurch, dass - ja, es ist schwierig, für solche Dinge Worte zu finden - eine Idee aufgekommen ist im europäischen Völkerleben, die eigentlich keine Idee ist, die in gewisser Beziehung gegen frühere Zeiten ein großer Rückschritt ist: Es ist dasjenige, was häufig als die Nationalitätsidee bezeichnet wird.
Es müsste viel gesprochen werden, wenn über diese Nationalitätsidee, die gar nicht so genannt werden dürfte, erschöpfend geredet werden sollte. Aber cs kann eine Empfindung von dem, was auf diesem Gebiete waltet, durch unsere Seele ziehen, wenn wir uns an frühere Zeiten erinnern, an Zeiten, die unserer vermeintlich aufgeklärten Menschheit so rückschrittlich erscheinen. Erinnern wir uns daran, dass eine Zeit der unsrigen vorangegangen ist, die man die finstere Zeit des Mittelalters nennt, in der die Menschen aller Nationen - man mag sonst denken über diese Zeit, wie man will - für religiöse Ideen gekämpft haben, für Ideen, die über die Idee der Nationalität hinausgegangen sind.
Das, was als Ideeninhalt im Geiste ist, kann gegenwärtig werden im Geiste, kann den Menschen als solchen ergreifen. Es ist etwas, was in die Formel hineingekommen ist, die das letzte Mal hier dargestellt worden ist als das Gespräch des Einzelmenschen mit seinem Volksgcist. Aber das Geistesleben ist zurückgegangen. Naturwissenschaftliches Denken und naturalistisches Fühlen haben die Menschheit ergriffen. Wie sich das auf dem Gebiete der Philosophie darstellt, ist dargestellt in den Rätseln der Philosophie, die Sie behandelt finden in meinem neuesten Buche; der zweite Band bringt auch einen Ausblick auf die Anthroposophie.
Wie ist denn hcraufgezogen - ich möchte sagen wie eine Widerspiegelung der Verdunklung des spirituellen Lebens - dasjenige, was man die Nationalitätsidee nennt? Sobald man auf das Nationale kommt - bitte nehmen Sie das ganz objektiv hin - sobald man auf das Nationale kommt, treten die Kräfte, die nicht mehr überschaut werden können von dem spirituellen Kern unseres Seelcnwcsens, in Aktion. Die durchpulsen ahrimanisch-luziferisch den menschlichen Organismus und lösen sich [auf] in dem, was man Ideen nennt, was aber keine Ideen sind.
Es darf hier gesagt werden: Je mehr sich der Mensch frei macht von diesem Nationalen, desto mehr kommt er dazu, die geistige Welt anzuschauen.
Ich sage es nicht aus Überhebung, meine lieben Freunde, sondern, ich möchte sagen, in innerer Demut. Ich bin aufgewachsen in einem Land, in dem die verschiedensten Nationalitäten nicht einmal so weit getrennt sind wie hier in der Schweiz, sondern ganz durcheinander leben, in dem man alles dasjenige schon als Kind erleben konnte, was mit dem Aufstieg des nationalen Prinzips, der nationalen Impulse verknüpft ist. Ich habe eines nicht, gerade durch diesen Umstand - ich sage es objektiv, man mag es beurteilen, wie man will -, ich habe keine Heimat und ich kenne eigentlich aus dem subjektiven Fühlen heraus wahrhaftig das nicht, was man Heimatgefühl nennt. Es ist mit einer gewissen eigenartigen inneren Tragik verknüpft, die vielleicht schwer verständlich ist für einen anderen, wenn man durch sein Karma zur Heimatlosigkeit bereitet ist. Aber alles das machte mich fähig, den Kopf oben zu halten, schon als Kind, in einem Lande, in dem die einzelnen Seelenkräfte wie die einzelnen Menschen zueinander standen.
Mitten im Bilde der aufeinandcrprallenden Nationalitäten stand ich in meiner Jugend in Österreich darinnen. Man lernte da kennen anders heraufkommen die Nationalitätsidee, als man es lernen kann, wenn man in einem homogenen Volkskörper lebt. Ich habe mir auch nicht durch Mitarbeiten aneignen können dasjenige, was man im gewöhnlichen Sinne des Wortes - hier ist es ja erlaubt, auch diese Dinge zu sagen, denn wir sprechen miteinander in einem neutralen Staate -, was man im gewöhnlichen Sinne des Wortes «Patriotismus» oder «nationalen Enthusiasmus» nennt; auch nicht zu dem Volke, dessen Sprache ich spreche, aus dem Grunde, weil in der Zeit, in welcher man sich diese Gefühle aneignet, in welcher man diese Gefühle erlebt, das Volk, in dem ich lebte, von einem Hass erfüllt war, der wirklich «Deutschenhass» genannt werden kann. Nirgends war der Deutschenhass intensiver als in der Gegend in Österreich, in der ich aufwuchs. Ich habe ihn kennengelernt in der eigenen Familie. Ich bin nicht in der Liebe zum Deutschtum aufgewachsen oder erzogen.
Vielleicht erkennen einige von Ihnen, dass ich gerade aus dieser Heimatlosigkeit heraus berechtigt war, auch in unserer Gegend zu sprechen über Dinge, über welche ich sonst schweigen müsste. So ist es in meinem Gefühle, so ist cs, wenn man sich durch das Leben und seine Klippen hindurchwindet. Und ein Urteil findet man ja in der eigenen Seele erst berechtigt, wenn man cs Jahrzehnte hindurch wahrhaft erkämpft hat. Ich würde aus all den Studien, die ich auf die gegenwärtige europäische Lage verwendet habe, mir gar nichts machen, würde nicht glauben, dass ich die Sache überschauen könnte, wenn ich mich nicht berechtigt fühlte, über diese Dinge in kurzen Worten so zu sprechen, wie ich es eben getan habe.
Man muss sich den Notwendigkeiten fügen. Wie nahe aber liegt es, große Situationen wie diejenige, vor der wir stehen, nach einzelnen Erfahrungen, die man da oder dort macht, zu beurteilen. Wie nahe liegt cs, wie sehr nahe liegt cs, ein ganzen Volk zu beurteilen aus einzelnen Erfahrungen, die noch vielleicht - wie es nicht anders sein kann in der jetzigen Zeit - recht schlecht beglaubigt sein müssen.
Aber wir dürfen uns zuweilen auch, ich möchte sagen, ein wenig auf einen Hügel erheben, wie er symbolisiert ist in dem Hügel, auf dem unser Bau steht, und die Sache mit dem Seclenauge betrachten, das uns der jahrelange Betrieb der Geisteswissenschaft geben kann. Vielerlei wäre da zu sagen und vielerlei wird auch vielleicht, wenn die Zeiten ruhig geworden sind, gesprochen werden können. Allein, das eine von den zwei Dingen, die ich besonders hervorheben möchte am heutigen Abend, ist, meine lieben Freunde, wie - ich möchte sagen - diejenigen Impulse, die sich jetzt in einer so herzzerschmetternden und oftmals grauenvollen Weise entladen, sich vorbereiteten innerhalb der europäischen Menschheit. Man konnte herannahen sehen, gleichsam sehen, wie mit heute noch überlegenen Kräften dasjenige, was sich in unserer Zeit zum Ausdruck bringt, alles packte, was - aus gutem Willen heraus, aber weniger aus Einsicht — nach dem wahren Ziel der Menschheit hinstrebt, denn aus Einsicht strebt doch nur die Geisteswissenschaft. Das sage ich ohne Uberhebung, denn sie strebt unter der Devise: «Die Weisheit ist nur in der Wahrheit.»
Meine lieben Freunde, eine Friedensbewegung breitete sich aus über die verschiedenen Länder. Als der libysche Krieg ausgebrochen war, da vereinigten sich die Mitglieder derselben in Mailand - und fassten die Resolution zugunsten des libyschen Krieges. Dem
Minister, der diesen Krieg entfesselt hatte, drückten sie ihr Vertrauen aus. Auf Tatsachen kommt es an, nicht auf Meinungen. Und wie ist es anders zu hoffen gewesen, als dass es so kommen musste, wie es jetzt in Europa ist, da doch, ich möchte sagen seit Jahrhunderten der in die verschiedensten Lebensverhältnisse hinein wurzelnde Materialismus die Impulse zeitigte, die jetzt da sind. Der Anfang des 19. Jahrhunderts hat noch hingehen sehen über den europäischen Boden die napoleonischen Feldzüge. Ich will nicht von ihnen sprechen, aber ich will auf eines aufmerksam machen, was wir uns in die Seele schreiben müssen, wenn wir hingerissen werden von dem, was der Einzelne hört: auf einen Ausspruch, den Napoleon dem österreichischen Staatskanzler Metternich gegenüber getan hat:
«Sic, Metternich, waren nie Soldat und wissen deshalb nicht, was in der Seele eines Soldaten vorgeht. Ich bin auf dem Schlachtfclde erwachsen; ein Mensch meines Schlages kümmert sich nicht im Mindesten darum, ob eine Million Soldaten ins Gras beißen müssen. Die Franzosen habe ich, wo ich konnte, geschont. Unter den 300000 Mann, die Moskau mich gekostet hat, waren nur 30000 Franzosen. So lange es ging, schickte ich Deutsche und Polen ins Feuer ...»
Ich denke, wir sind doch etwas weiter gekommen, als wir waren zu der Zeit, da Napoleon von den 300000 Menschen, die ihn Moskau gekostet hat, nicht Franzosen, sondern Deutsche und Polen ins Feuer schickte.
«Jede schwächliche Schonung von Menschenleben ist im Krieg ein gefährlicher Fehler. Dass Ludwig XIV. die Pfalz zur Brandstatt machte, war nicht, wie unsere elenden Historien schwatzen, Tadels, sondern höchsten Lobes wert. Aber der Ruhm dieser Tat gebührt nicht dem König, sondern dem Minister Louvois.»
Goethe, der zweifellos innig zusammenhängt mit dem ganzen modernen Geistesleben, war nicht dazu geneigt, den Mann zu verkennen, der diese Gesinnung hegte. Goethe, dem kleinere Geister deshalb Unpatriotismus vorgeworfen haben, schleuderte allen denen, die ihm dieserhalb Vorwürfe machten, die Worte entgegen: «Der Mann ist Euch zu groß.»
Ja, meine lieben Freunde, es gibt eine Objektivität. Als Hegel an seiner Phänomenologie des Geistes schrieb, rollte der Donner der französischen Kanonen vor Jena; und als er Napoleon an seinem Fenster vorüberreiten sah, sagte er: «Es ist doch ein erhebendes Gefühl, die Weltseele zu Pferde an seinem Fenster vorüberreiten zu sehen.» Er war der große Meister, dessen militärische Schriften und Gesinnung auch heute noch in allen europäischen Kriegsakademien studiert werden, um zu erfahren, was er über den Krieg dachte. Man darf nicht vergessen, wie Europa den Krieg gelernt hat.
Goethe dachte anders über die Revolution als die deutschen Fürsten. Das geht hervor aus den Worten, die er 1792 in Verdun geschrieben hat:
«Zwischen Ordnung und Unordnung, zwischen Erhalten und Verderben, zwischen Rauben und Bezahlen lebe man ja immerhin, und dies mag es wohl sein, was den Krieg für das Gemüt eigentlich verderblich macht. Man spielt den Kühnen, Zerstörenden und dann wieder den Sanften, Belebenden; man gewöhnt sich an Phrasen mitten in dem verzweifelten Zustand, Hoffnung zu erregen und zu beleben. Hierdurch entsteht eine Art von Heuchelei, die einen besonderen Charakter hat und sich von der pfäffischen, höfischen - oder wie sie sonst heißen mögen - ganz eigen unterscheidet.»
Meine lieben Freunde, das Sicherheben zu der Erkenntnis der großen Notwendigkeit der Geisteswissenschaft kann das in unsere Seele pflanzen.
Einsehen können wir, welche geschichtlichen Notwendigkeiten vorliegen, einsehen können wir, wie Ich und Bewusstseinsseele, Verstandes- und Gemütsscele unter dem Einflüsse der Impulse, von denen gesprochen worden ist, der Welt ein solches Bild geben konnten, wie wir es jetzt vor uns haben. Unrichtig ist es, den Alltagsmaßstab an diese Dinge anzulegen, und wehmütig, möchte ich sagen, darf es einem gerade dann ums Herz werden, wenn man erlebt hat, was ich Ihnen schon in bescheidener Weise anführte.
Dieses Buch, der zweite Band meines Werkes Die Rätsel der Philosophie, war fertig bis zur Seite 206. Von Seite 199 bis Seite 204 behandelt es die französische Philosophie in ihren Repräsentanten Boutroux und Bergson. So weit war das Buch fertig. Es konnte erst während des Krieges gedruckt werden. Ich hoffe, dass Sie sich überzeugen werden, dass, geradeso wie alles Übrige, objektiv behandelt worden ist die französische Philosophie der Herren Boutroux und Bergson.
Es wird einem wehmütig ums Herz, wenn man die Worte hören muss, wie sie vom Westen gesprochen werden, und sieht, was in Europa geschieht. Man merkt dann, wie viel zu tun ist für das geistige Leben und wie viel, um sich durchzuringen zur Objektivität.
Aber es treten einem noch andere Dinge entgegen, meine lieben Freunde. Ich habe in den letzten Wochen vieles durchzumachen gehabt, habe manches gesehen und erlebt. Es ist merkwürdig, wie Karma ersichtlich wird in den geringsten Einzelheiten des Tages.
Als ich auf einer Reise von Wien nach Salzburg fuhr, fiel mir zufällig auf einem Bahnhof eine österreichische Zeitschrift in die Hände, datiert vom 1. September 1914. In dieser Zeitschrift findet sich neben manchem anderen ein Artikel von Robert Michel, der im Felde geschrieben worden ist. Ein im Felde stehender Soldat hat also diesen Artikel verfasst. Er schildert, wie die Soldaten einwaggoniert wurden, wie sie, ins Feld geschickt, zum Kampfe schritten, wie viele verwundet wurden und fielen, wie die Samariter kamen und so weiter. Ich brauche das nicht weiter anzuführen. Aber der Schluss dieses Artikels spricht tief zu meinem Herzen. Ich will Ihnen diesen Schluss im Zusammenhänge vorlesen. Geben Sie auf einen Satz acht und hören Sie aus diesem Satz das Merkwürdige, was uns da entgegentönt:
«Aber jeder einzelne Zurückgebliebene in der Monarchie hat die Pflicht, nach besten Kräften unterstützend zu wirken, bis die siegreiche Entscheidung gefallen ist. Alle die guten Worte, herzhaften Zurufe und Segenswünsche, die den Truppen beim Auszuge zuteilgeworden sind, vermehrten ihren Mut und ihre Zuversicht, sie waren winzige Splittcrchcn von Kraft, die keineswegs verloren gegangen sind. Dieser Zuschuss an seelischer Kraft muss auch weiterhin der Armee zuteilwerden und der Wille zum Sieg muss von jedem Einzelnen herüber- zittem zu den Kämpfern an der Front. Drum raste niemand vor der Entscheidung, die sich im Norden vorbereitet. Wer das Glück hat, tatkräftig nachhelfen zu können, spanne seine Kräfte bis zum Äußersten. Wer aber der ungeheuren Kraftleistung von Heer und Reich untätig zuschauen muss, der trachte auf dem Wege, den seelische Kräfte gehen, sein Scherflein beizutragen: Wen Gott erhört, der bete; wer nicht beten kann, der sammle alle seine Gedanken und Willenskräfte zu dem inbrünstigen Wunsche nach dem Siege; und wer nichts anderes vermag, der drücke die Daumen in die Handflächen und spreche: Wir müssen siegen, wir müssen siegen! ... So wird auch der Geringste und Schwächste beigetragen haben zu dem Sieg, den wir uns anschicken zu erkämpfen, und sei es mit Hingabe unseres letzten Tropfen Blutes!»
Welche Erziehung! Wir haben jahrelang gesprochen von der Realität der Gedanken- und Willenskräfte. Wie ein Echo tritt es uns hier entgegen: «Wer nicht beten kann, sammle alle Gedanken- und Willenskräfte in dem inbrünstigen Wunsche nach dem Siege.»
Ich muss an das denken, was ich das letzte Mal zu Ihnen gesagt habe. Ich habe gesagt, die Menschheitsevolution muss vorschreiten; bis zu einem gewissen Zeitpunkt muss etwas Gewisses erreicht werden. Dazu ist notwendig, dass in unserer Zeit eine gewisse Summe von Selbstlosigkeit und Aufopferwilligkeit erreicht wird. Unsere Geisteswissenschaft weiß, dass dies kommen muss, aber ob man sie hört, das ist eine andere Frage. Was geschehen muss, muss geschehen.
Da tritt nun der zweite große Lehrmeister ein. Und lehrt er nicht die Menschen dasjenige, was wie ein Echo erscheint von dem, was wir jahrelang von Seele zu Seele gesprochen haben - den Appell an die Realität der Gedanken- und Willenskräfte?
Wir müssen nur durch alle Anstrengungen und durch ein nicht sich überhebendes Wesen die Möglichkeit finden, uns zu der Größe zu erheben, die das Problem unserer Zeit stellt.
Wie sollte denn, meine lieben Freunde, nicht ganz selbstverständlich das in der äußeren Welt eintreten, was auch unter einzelnen Menschenseelen als Kräftewirkungen hin und her eintritt und was wir uns bewahren müssen, damit wir das Große zugleich beurteilen können mit einem gesunden Blick, das ist der Sinn für Gerechtigkeit und für Wahrheit.
Die Wahrheit über die Dinge, die geschehen sind, wird die Welt erst nach und nach erfahren. Unsere Geisteswissenschaft gibt uns überall Richtlinien, wenn wir sie nur benutzen wollen, um die richtigen Gefühlstöne und Gcfühlsnuancen in unserer Brust zu finden, soweit es möglich ist von jeder Kritik entfernt. Aber verstehen muss man doch, meine lieben Freunde, wie unter dem Einfluss der anderen Impulse sich die Konstellation so ergeben hat, dass auf der einen Seite dasjenige, was als Materialismus gekommen ist, weder anders sich ausleben noch anders bekämpft werden kann, als wie es geschieht.
Wir müssen die Dinge objektiv nehmen, müssen uns klar sein darüber, dass nur der Mangel spiritueller Impulse nach und nach dazu geführt hat, die in den Instinkten und nicht im Spirituellen liegenden Nationalitätsprinzipien an die Oberfläche zu bringen. Wir müssen uns klar sein, dass allein das Freiwerden von diesem Tnstinktleben uns vorwärtsbringen kann.
Wie sollen denn die von unserem ganzen Herzen umfassten russischen Freunde nicht bedenken, dass sich das edle russische Volk heute insbesondere in die Seele zu schreiben hat dasjenige, was aus der Geisteswissenschaft kommen kann, damit derjenige, der objektiv und klar schauen will die Dinge, wirklich die große Aufgabe dieses Volkes unterscheiden lernt von dem, was heraufbeschworen ist durch einen ins Maßlose gehenden Imperialismus, durch einen ins Maßlose gehenden Materialismus, der nur durch den Angriff auf die europäische Kultur eine Schlappe auswetzen will, was heraufbeschworen ist durch das töricht-verlogene Gerede von einem Panslawismus. Das gerade werden die von unserem ganzen Herzen umfassten russischen Freunde als ihre Überzeugung aus der Geisteswissenschaft gewinnen müssen, dass sie unterscheiden müssen die edlen Kräfte, die in ihrem Volkstum liegen, und das Zusammenarbeiten mit dem nicht ihrer Volksseele zugrunde Liegenden, dem, was in so furchtbarer Weise geschehen ist, das zu rechtfertigen einen Mangel an innerer Objektivität darstellen würde.
Finden werden sie [Sie?] sich im Herzen und im Gemüt, wenn sie [Sie?] den Blick offen halten für die Objektivität, für das Objektive.
Ich weiß es, meine lieben Freunde, dass es den Weg gibt und dass es den Boden gibt - wenn man ihn nur sucht -, auf dem unsere englischen Freunde ebenso urteilen können über den Staatsmann Grey, wie ich urteile. Diesen Boden gibt es, und es ist die heiligste Aufgabe, die allerheiligste Aufgabe, diesen Boden zu finden. Finden wir ihn, so werden wir diesen Bau verstehen, die wir Vorjahresfrist den Grundstein dazu gelegt haben. Wir werden die Wege finden von Seele zu Seele, von Herz zu Herzen.
Die Gegenwart schafft sich noch durch etwas anderes Ausdruck. Ich brauche nur Zahlen anzuführen, dann haben wir diesen Gegensatz vor uns. Nicht als ob ich gegenüber diesen Zahlen eine Kritik üben wollte; das soll nicht der Fall sein. Aber wir müssen uns Zahlen vor Augen halten, denn Zahlen sprechen, und ich will, da wir in einem neutralen Lande leben, die Angaben dieses neutralen Landes gebrauchen.
Meine lieben Freunde, wir stehen einander gegenüber nach unserem Grundsatz: Herz zu Herz, Seele zu Seele. Was steht in Europa gegenüber? Darin liegt nicht eine Ablehnung, liegt keine tadelnde Kritik. Es stehen in Europa [einander] auf dem Felde gegenüber, auf das - als ein so friedliches Feld — wir vor Jahresfrist herausblickten, kämpfende Heere in ihrer Kriegsstärke, und diese Kriegsstärke spricht eine deutliche Sprache. Da haben wir zunächst eine Kriegsstärke von 4 372000 Mann bei Frankreich, an zweiter Stelle von 4 350000 Mann bei Deutschland, an dritter Stelle von 3 615 000 Mann bei Russland, an vierter Stelle von 1 872 178 Mann bei Österreich-Ungarn, an fünfter Stelle von 1 081 294 Mann bei England.
Um einige Anhaltspunkte zur Statistik zu haben, seien gegen- übergestellt Deutschland - Österreich - Ungarn und Frankreich - Russland - England. Deutschland - Österreich - Ungarn, in denen sich das Ich auslebt, haben demnach eine Gesamt-Kriegsstärke von 6222 178 Mann. Frankreich - Russland - England eine solche von 9068694 Mann. Die Friedensstärke gibt etwas andere Zahlen. Sie betrug damals, als noch Frieden war, für Deutschland 655 899 Mann, Österreich-Ungarn 414679 Mann, zusammen 1 070578 Mann, welchen gegenüberstehen für Frankreich 609 865 Mann, Russland 1 384000 Mann, England 254 968 Mann, zusammen 2248 833 Mann. Die letzteren drei Reiche hatten also mehr als doppelt so viel als Deutschland und Österreich-Ungarn in der Friedenszeit.
Meine lieben Freunde, ich will, weil das in dieser Zeit schwierig ist, zu diesen Zahlen lieber gar nichts hinzufügen. Es ist wirklich notwendig, dass wir diese offiziellen Zahlen, die ich keinem der einzelnen Staaten entnommen habe, sondern diesem zu unserer Befriedigung neutralen Lande, in dem wir uns mit Dankgefühl mit unserem Bau befinden dürfen, auf uns wirken lassen. Ich will nichts zu diesen Zahlen hinzufügen. Sie sprechen von der Notwendigkeit, in der die Welt jetzt steht. Notwendig haben wir, objektiv zu sein. So trivial diese Wahrheit klingt, ich scheue mich nicht, immer wieder und wieder diese Wahrheit zu betonen, denn ich weiß, wie schwer cs wird, in dieser Zeit objektiv zu sein, berechtigt schwer; selbstverständlich schwer; entschuldbar schwer! Man kann ja schließlich auch nur das Nächste sehen.
Aber, meine lieben Freunde, lassen wir die Geisteswissenschaft in uns eine Wahrheit sein! Vergessen wir doch nicht, dass es kein Spiel ist, was wir durch Jahre hindurch uns erarbeitet haben. Vergessen wir nicht, meine lieben Freunde, dass wir kein Recht haben, nachdem wir das alles durchgemacht haben und hineinschauen in das Gefüge der Volksseelen-Zusammenhängc, einzufallen in die Worte, die ein Maeterlinck sprechen konnte, der seine Weisheit erst genommen hatte aus Novalis und jetzt in so merkwürdiger, undankbarer Weise zu den gegenwärtigen Vorkommnissen Stellung nimmt. Es ist herzzerreißend, wie er das widerspiegelt, was er aus Novalis geschöpft hat. Herzzerreißend ist es, aber ohne Bitterkeit sage ich es. Und ohne Bitterkeit darf es auch empfangen werden, wenn uns auch heute selbstverständlich in der äußeren Welt das entgegentritt, was wirklich nach jedem Kriegsausbruch aufgetreten ist: dass immer der andere die Schuld daran gehabt hat. Das war immer so und ist selbstverständlich auch heute so. Das ist begreiflich.
Aber uns soll es sich nicht handeln um die Schuld des anderen, sondern um die Erkenntnis der Notwendigkeit des Daseins und in zweiter Linie darum, was sich aus unserem geistigen Streben notwendig ergibt. Es soll sich handeln darum, dass wir unterscheiden lernen zwischen denen, die den Krieg gemacht haben - das werden nicht die Völker sein, sondern einzelne Menschen, Cliquen und so weiter -, und denjenigen, die den Krieg erdulden müssen.
Ich will das heute lieber nur als Frage andeuten, meine lieben Freunde. Bauen wir auf das, was uns die Geisteswissenschaft geben kann. Wir werden in ihr die Möglichkeit finden, über alle Grenzen hinweg, von Seele zu Seele, uns zusammenzufinden, und wir werden immer mehr und mehr erstarken in dem Knüpfen dieses Bandes, das von Seele zu Seele führt. Wir werden nicht darin erstarken, wenn wir gegen die einzelnen Nationen ungerecht sind, unobjektiv sind, sondern [wir werden erstarken,] wenn wir wirklich den Hügel finden, den geistigen Hügel, aut dem unser Urteil steht und unsere Empfindung, [so] wie unser Bau, zu dem wir Vorjahresfrist mit heiligen Gefühlen den Grundstein legten, symbolisch auf einem Hügel steht.
Immerzu ist das jetzt meine Sehnsucht, der Gedanke, dem ich nachgehe und von dem ich so gern möchte, dass er sich mitteilt an diejenigen unter unseren Freunden, die einiges auf dasjenige geben, was ich glaube aus der geistigen Welt an Erkenntnis gewonnen zu haben.
Sie wissen, ich will nicht die Autorität in Anspruch nehmen, aber dasjenige werde ich immer und immer wieder sagen, was in mir selber lebt als mein Glaube, meine Überzeugung, meine Erkenntnis, als dasjenige, was ich selber erlebt habe und erleben muss an jedem Tag und zu jeder Stunde aufs Neue: Es möge unsere geistige Strömung die Prüfung bestehen, die jetzt zu bestehen ist, durch Aneignung der richtigen Empfindung und Objektivität gegenüber den Ereignissen, die wir jetzt erleben; durch die Aneignung von Empfindungen, die Ungerechtigkeit ausschließen gegenüber den einzelnen Völkern, die einander jetzt kämpfend gegenüberstehen.
Das ist einiges von dem, was ich in dem gegenwärtigen Zeitpunkte zu Ihnen sprechen wollte.
VORTRAG ZUM ERSTEN JAHRESTAG DER
GRUNDSTEINLEGUNG DES JOHANNESBAUS
Dörnach, 20. September 1914
Meine lieben Freunde!
Den Betrachtungen, die sich mir ergeben haben im Anschlüsse an die Grundsteinlegung unseres Baues, möchte ich heute einiges vorausschicken. Wir wollen auch an hiesiger Stätte noch einmal gedenken des Mannes, der so innig mit allem, was unsere Gcistcsbcwcgung betrifft, zusammenhängt: Christian Morgenstern.
Es ist, meine lieben Freunde, nicht ohne einen inneren geistigen Zusammenhang, dass gerade bei dem Gedenken an unsere Grundsteinlegung Christian Morgensterns gedacht wird. Die letzte Sammlung der Gedichte Christian Morgensterns, welche ja erst erschienen ist, nachdem er den physischen Plan verlassen hat, sie trägt ja den im Grunde genommen nur in unseren Kreisen bis ins Einzelnste verständlichen Titel Wir fanden einen Pfad. Den Pfad, den Christian Morgenstern meint, den fand er, indem er sich näherte, immer mehr und mehr dem näherte, und endlich völlig darinnenstand in dem, was wir unsere spirituelle Strömung, was wir unsere geistige Wissenschaft und unser geistiges Leben nennen. Und ganz erfüllt ist ja das, was in jenem Bande zum Ausdruck kommt, von den Empfindungen, von den lebendigen Ideen, die Christian Morgenstern in Zusammenhang mit unserer Geistesbewegung durchlebt hatte. Es bedeutete ja bei ihm viel, dass er gerade diesen Titel wählte: Wir fanden einen Pfad.
Aber Christian Morgenstern hatte auch Empfindung dafür, symbolisch zum Ausdruck zu bringen, wie er mit unserer Bewegung zusammenhängt. Und das ist es, was eben auch in unseren geistigen Zusammenhang hinein sich stellt, wenn wir unserer Grundsteinlegung gedenken. Es ist dann ja nicht dazu gekommen, aber diese letzte, mit dem Hinweggehen von dem physischen Plane Christian Morgensterns erschienene Gedichtsammlung hätte eigentlich tragen sollen nach der Meinung Christian Morgensterns - es hat sich dann nicht ausführen lassen - eine Abbildung unseres ja noch nicht vollendeten Haupteinganges. Und Wir fanden einen Pfad hätte sollen symbolisch zum Ausdruck können in dem Titelbilde, gleichsam sagend: Wer da eintritt in die Empfindungen, die hier in diesem Buche niedergelegt sind, der findet den Weg durch das Tor, durch das man in den Dornacher Bau eintritt.
So also ist Christian Morgensterns Seele innig, ja innig mit demjenigen verbunden, mit dem wir uns auch so innig verbunden fühlen. Ich weiß nicht, ob alle unseren lieben Freunde gehört haben, was ich in manchen unserer Zweige zu sagen hatte, einige Zeit nachdem Christian Morgenstern den physischen Plan verlassen hat. Es mag so sonderbar erklingen, weil es vielleicht ein zu einfaches Wort ist für die Sache, die ich meine: Bei Christian Morgenstern trat es mir so lebendig vor die Seele, wie man Menschen noch ganz anders kennen lernen kann als im physischen Leben, wenn man in die Lage kommt, sie zu schauen, nachdem sic den physischen Plan verlassen haben. Es gibt mancherlei, was meine Seele der Seele Christian Morgensterns jetzt nahe fühlt. Ich möchte nicht das Gedichtchen zur Vorlesung bringen, das hier in das für mich bestimmte Exemplar der Gedichte, mit den schönen Zügen Christian Morgensterns, in Bleistift von ihm geschrieben am 13. Mai 1912, durch Margareta Morgenstern hineingefügt ist. Aber ohne die Bescheidenheit zu verletzen, darf ich vielleicht die zwei letzten Zeilen dieses ungedruckten Gedichtes in einem gewissen Zusammenhang hier mitteilen, im Zusammenhang mit mir. Wie gesagt, cs ist nicht aus Unbescheidenheit, sondern weil ich auf ein okkultes Faktum zu sprechen kommen will, sei es gesagt. In Zusammenhang mit mir, insofern ich Christian Morgenstern gegenüber durch meine Persönlichkeit diese Geistesbewegung zu vertreten habe. In Bezug darauf schließt das Gedichtchen mit den Worten
Und schrieb in meine Viergestak ihr Kreuz wie einen stillen Halt.
Ja, meine lieben Freunde, es war eine der schönsten, eine der erhebendsten und erhabensten Aufgaben unserer geistigen Bewegung, in diese Viergestalt das heilige Kreuz, das Symbolum unserer Bewegung, als stillen Halt einzuschreiben. Und jetzt muss ich Christian Morgenstern oftmals meditierend finden. Und diese Zeilen mit denen, die diesem Gedichtchen vorangehen, sie bilden sozusagen immer dasjenige, was eine Vermittlung des Weges ist zu dieser Seele. Und bei mancherlei ist diese Seele meditierend zu finden. Das war ja die Eigentümlichkeit dieser Seele, dass sie wirklich durch das Tor, dessen Symbol auf der letzten Gedichtsammlung sein sollte, in der würdigsten und ernstesten Weise den geistigen Weg zu unserer geistigen Strömung suchte. Und das klingt nach, auch jetzt.
Und anzuschlagen brauchte ich nur ein Gedicht, das schon in der Sammlung erschienen ist, die Christian Morgenstern 1911 veröffentlicht hat, um diese Seele dann in der Regel in ihrem jetzigen Zustand zu finden. Allerdings ein Gedicht, das in seiner Anspruchslosigkeit - ich möchte sagen, um das Goethe’sche Wort zu gebrauchen - «offenbar geheimnisvoll» das eigentümliche Darinnenstehen Christian Morgensterns in unserer Bewegung zeigt. War ja Christian Morgenstern doch im Grunde so vorbereitet wie nur möglich für unsere Bewegung, bevor er in ihre Wirklichkeit eintrat, voller Sehnsucht nach dem spirituellen Leben, und zu gleicher Zeit bereit, es in vollen Zügen aufzunehmen. Ich möchte sagen, dieses Gedicht ist dasjenige, was Licht wirft auf das vorhergehende und nachfolgende Leben Christian Morgensterns. Es ist so herausgenommen aus seinem ganzen Wesen, wie dieses Wesen vor seinem Eintritt durch unser Tor war, und doch in der letzten Zeile so, dass cs in einer gewissen Weise das herrliche irdische Ende vor das Seelenauge stellt. So heißt dieses Gedicht:
Das Tier, die Pflanze, diese Wesen hatten noch die un-menschliche Geduld der Erde; da war ein Jahr, was heut nur noch Sekunde.
Jetzt geht ihr nichts mehr rasch genug vonstatten.
Der Mensch begann sein ungeduldig Werde.
Sie spürt: «Jetzt endlich kam die große Stunde:
auf die ich mich gezüchtet Jahrmillionen.
Jetzt brauch ich meinen Leib nicht mehr zu schonen, jetzt häng ich bald als Geist an Gottes Munde.
Ich habe es betonen müssen, meine lieben Freunde, wie die Formen unseres Baues erstreben, dass unsere Seele an der Götter Munde hänge. Die Seele Christian Morgensterns, ihr eigenes Schicksal charakterisierend, sic spricht die Worte am Schluss des Gedichtes: «Jetzt häng ich bald als Geist an Gottes Munde.»
Wahrhaftig, gut vorbereitet war diese Seele, um hineinzutragen in die geistigen Welten, was sie in so vollen Zügen hier in der irdischen Welt aufnehmen konnte. Und so erschien denn auch Christian Morgensterns Geistleib mir so, dass eingewoben ist seinem geistigen Kleide jetzt nach dem Tode dasjenige, was an kosmischen Wahrheiten und Geheimnissen aus unserer geistigen Bewegung von ihm hier auf Erden aufgenommen worden ist. Das ist jetzt wie sein Leib, und es gehört zu dem Tiefsten, was ich erleben durfte in den geistigen Welten: dasjenige, was ich mich bemüht habe in dieser Erdeninkarnation zu finden in den geistigen Welten, ausgebreitet zu sehen über dem Felde der höheren Welten wie in einem künstlerischen Gemälde, verwoben es zu sehen in Christian Morgensterns geistigem Kleide. Wie das Bild eines genialen Malers uns etwas gibt neben der Natur, so gibt der geistige Leib eines Menschen etwas neben dem, was auf dem Feld des geistigen Lebens ausgebreitet ist. Wahrhaftig, diese Seele bleibt mit uns, das darf gesagt werden, und begleitet auch dasjenige, was das Sinnbild unseres geistigen Lebens sein soll, wozu wir vor einem Jahre den Grundstein gelegt haben.
Diese Worte wollte ich vorausschicken, und jetzt sollen einige der gerade aus dem unmittelbaren geistigen Leben heraus inspirierten Gedichte Christian Morgensterns vorgetragen werden; und am Schluss werde ich mir erlauben, dann noch eine Betrachtung anzustellen, die geeignet sein kann, unsere Gedanken mit dem heutigen Gedenktage der Grundsteinlegung etwas zu beleben.
[Es folgte eine Rezitation von Gedichten Christian Morgensterns.]
Wenn es mir darum zu tun war, an Christian Morgenstern gerade heute zu erinnern, so hängt das zusammen mit der ganzen Art und Weise, wie Christian Morgenstern aus seinem eigenen Geistesleben, das er durchlebt hat, bevor er unserer Strömung beigetreten ist, sich genaht hat dieser unserer geistigen Bewegung. Und diese Art Christian Morgensterns, sie ist ja in gewisser Beziehung nur ein Einzelfall, ein repräsentativer Fall für Impulse, für Kräfte und Elemente, die im ganzen modernen Geistesleben zu verspüren sind, und welche gerade damals mir vor der Seele schwebten, als wir heute vor einem Jahre den Grundstein legten für unseren Bau.
Draußen an der Stelle, wo unser Grundstein gelegt wurde, hatte ich dazumal hinzuweisen darauf, wie etwas getan, wie etwas errichtet werden sollte mit diesem Bau, das entgegenkommt den Sehnsüchten, den geistigen Hoffnungen einzelner Menschen in der Gegenwart, und immer mehr und mehr cs tun wird in der Zukunft. Unbewusst, so musste betont werden, schwebt die Sehnsucht nach dem geistigen Leben, das in unserer Geistesströmung enthalten ist, in den Seelen. Die Seelen sehnen sich nach diesem Geistesleben, nur wissen sie es nicht. Und gegeben werden möchte etwas, so wurde betont, nicht aus der Willkür eines Menschen oder einer Gesellschaft heraus, sondern aus den Zeichen der Zeit heraus, aus dem, wonach die Zeit hintreibt, wonach die Seelen der Zeit hinstreben, unbewusst vielleicht am meisten, denjenigen Seelen, welche sogar aus diesem oder jenem Grunde sehr ablehnend gegen die Form sich gebärden, in welcher zunächst das neuere Geistesleben, die neuere spirituelle Strömung in die Weltgeschichte ihren Einzug halten muss.
Als ich den zweiten Band meiner Rätsel der Philosophie fertigzustellen hatte, da handelte es sich ja darum, dass nach nunmehr bald dreizehnjährigem Bestand unserer geistigen Strömung, auch nach außen hin, das letzte Kapitel einen Hinweis enthalten solle auf unsere Anthroposophie. Selbstverständlich konnte auf [den] wenigen Bogen, die gewidmet sein konnten der eigentlichen Geisteswissenschaft, nur auf einiges aus dem reichen Inhalte hingedeutet werden, der durch so viele Jahre durch unsere Seele gezogen ist. Die Frage selbstverständlich musste vor mir auftauchen: Was ist das Wichtigste, was zunächst einziehen muss in die modernen Mcnschcnscclen?
Das Wichtigste, was einziehen muss, ist die Erkenntnis, dass es ein Geistesleben gibt, das unabhängig vom Menschenleibe im Menschen west und webt, und dass dieses Geistesleben dasselbe ist, das von Verkörperung zu Verkörperung in wiederholten Erdenleben sich abspielt. Wenn man von allem Übrigen absieht, was durch unsere Seele gezogen ist, so sind diese beiden Wahrheiten solche, die, man möchte sagen, wie etwas ganz Fremdes noch hereinziehen in das moderne Geistesleben. Töricht, phantastisch erscheinen sie dem materialistischen Sinn, widersprechend allem wissenschaftlichen Geist der neueren Zeit. So erscheinen sie dem materialistischen Sinn; in vollen Zügen aber schlürft sie ein diejenige Seele, die wirklich teilgenommen hat an den Sehnsüchten und Hoffnungen, an den Kräften und Impulsen des modernen geistigen Lebens, jene Seele, die gejauchzt hat nach der Wiederkehr geistiger Verkündigung, und die gekrankt hat an dem geistigen Leben unserer Zeit, an der Unmöglichkeit, dem äußeren Leben etwas zu entnehmen, was berechtigt, von einer geistigen Welt zu sprechen, trotz aller modernen Wissenschaft.
Eine Weile nur bleibt eine solche Sache, man möchte sagen, in der Atmosphäre des Geistigen schweben, eine Weile nur. Dann aber kommt das Zeitalter, wo eine solche Sache herausdringt in die Sphäre selbst des alltäglichen Lebens hinein. Und hier ist der Punkt, wo die Sache unserer geistigen Bewegung sich unmittelbar als das ankündigt, was uns im intimsten Sinne des Wortes Herzenssache der Menschheit werden muss. Heute kann man noch so sprechen, als ob unsere geistige Bewegung nur einzelne Seelen, die sich dafür interessieren, anginge, als ob sie nur wäre für die Seelen, die empfinden könnten das, was in das moderne Geistesleben hineinkommen muss. Aber schon stehen die Zeiten vor uns, wo die Seelen veröden werden, weil die geistige Atmosphäre unter dem Einflüsse des Materialismus diesen Seelen keine Lebenskraft gibt.
Sie, meine lieben Freunde, Sie haben alle das Alter erreicht, wo noch so viel zurückgeblieben ist von den mehr oder weniger spirituellen Impulsen einer spirituelleren Vergangenheit, dass Ihre Seelen noch nicht so verödet sein können, dass Ihre Seelen noch suchen nach der geistigen Welt, aber nicht kennen die Verödung, die eintreten wird schon bei der nächsten Generation, wenn nicht der spirituelle Impuls der Geisteskultur in die Menschheit einfließt. Diejenigen, die heute junge Kinder sind, sie werden einem Leben entgegengehen, das unablässig an sie - nicht theoretisch, sondern im Leben selbst - die Frage stellen wird: Wozu leben wir? Wozu dieses öde Dasein?
Und schauerlich stehen in Zukunft vor unserer Seele die bleichen, von Lebensnot und Lebenssorge verzerrten Antlitze derer, die heute junge Kinder sind, denen durch das materielle Leben nichts hcrcin- glänzen kann, was der Seele Trost gibt gegenüber jener Verödung, die einzig und allein Platz greifen kann im Leben des Menschen, wenn nur der Materialismus bestehen würde. Da kommt dann, meine lieben Freunde, jenes große Mitleid, jenes umfassende Mitgefühl, das in der Seele anschwilk, jenes Mitempfinden mit denen, die da kommen werden, und die nur dann die Erde lebenswert werden finden können, wenn zubereitet ist in der geistigen Atmosphäre dieser unserer Erde dasjenige, was die spirituelle Wissenschaft zu geben vermag.
Oh, die Verkündigungen der Vergangenheit, sie waren stark und kräftig; in ihnen pulsierte jenes spirituelle Leben, das heute noch immer im Leben draußen die Menschen, die nicht in das Bewusstsein aufnehmen wollen die Kunde von der spirituellen Welt, aufrechterhalten kann. Aber wir leben in dem Zeitalter, in dem das vorbeigeht, in dem das aufhört. Der Zukunft haben wir schaffen wollen die Formen, aus denen unser Bau sich zusammensetzt. Wahrhaftig, wir erblicken sie, die Sehnsüchte und Hoffnungen, von denen gesprochen worden ist, wenn wir nur eben hineinschauen in die Seelen der modernen Menschen.
Ich sagte: Zu dem Wichtigsten von dem, was zunächst die Menschheit begreifen muss, gehört die Lehre von den wiederholten Erdenleben. Eine Zeit wird kommen, wo der Mensch, der nicht wissen wird von den wiederholten Erdenleben, der nichts davon gehört hat, vor dem Leben stehen wird als vor dem ödesten. In einzelnen Seelen, die Zusammenhängen mit dem ganzen modernen Geistesleben, tauchte sie daher auf, diese Idee; gleichsam so tauchte sic auf, dass, wenn man beschreiben will, wie sie auftauchte, man sagen muss: Es gibt Seelen, die fragen sich: Wie kommen wir zurecht mit dem Leben in den eigentümlichen Erscheinungen, die uns entgegentreten, wenn wir es überschauen? Wie kommen wir zurecht?
Dann kommen solche Seelen, die gerade so recht darinnenstehen im modernen Geistesleben, und sagen sich: Ach, wenigstens in meiner Phantasie muss ich mir etwas ausmalen von einer Unsterblichkeitsidee, die zunächst dem materialistischen Zeitbewusstsein ganz ferne liegt! An merkwürdigen Stellen des modernen Geisteslebens tritt uns diese Unsterblichkeitsidee manchmal entgegen. Auf eine solche Stelle möchte ich wie auf ein Symptom hinweisen. Bei anderer Gelegenheit habe ich bei derselben modernen Persönlichkeit hingewiesen darauf, dass diese Unsterblichkeitsidee bei ihr zwar auftaucht. Aber gleich bei dem ersten Satz werden Sie sehen, in welcher Weise sie auftaucht!
Herman Grimm, der ausgezeichnete Kunstdarsteller der neueren Zeit, eine Persönlichkeit, mit der ich manches Wort sprechen durfte, schrieb einmal - man möchte sagen, merkwürdigerweise - in einem Aufsatz, der eigentlich von einem ganz andern Thema sprach, die folgenden Worte:
Es ist der Zustand denkbar, dass der Geist eines Menschen, losgelöst von den körperlichen Banden, etwa wie ein bloßer Spiegel des Geschehenden über der Erde schwebte.
Nun kommt gleich, man möchte sagen, das Zagen:
Ich stelle hier keinen Glaubensartikel auf, es ist nur eine Phantasie.
Aber diese Phantasie ist notwendig:
Nehmen wir an, für einige Menschen gestalte sich die Unsterblichkeit in dieser Weise, dass sie unbeengt von dem, was sie früher verblendete, über die Erde hinschweben und ihnen alle Schicksale der Erde und der Menschen von der Geburt des Planeten an sich offenbarten. Die Vergangenheit wäre ihnen ein Gewebe von harmonischer Schönheit. Jeder Gedanke eines Herzens wäre ein notwendiger Teil davon, jede Tat, die wir gut nennen oder die wir verdammen, das Fallen eines Baumblattes und das Zusammenbrechen ganzer Städte, unter denen sich der Boden zu bewegen anfängt, alles hätte gleichen Rang unter den Begebenheiten, weil es dieselbe einzige Kraft war, die alles bewegte. Nun plötzlich, träumen wir weiter ...
Herman Grimm getraut sich nicht, den Gedanken als Realität zu fassen -
... wäre dieser Geist, der so frei die Dinge überschaute, gezwungen, sich wieder dem Körper eines sterblichen Menschen zu verbinden. Wenn diesem Menschen die höchsten Talente jeder Art verliehen wären, würde dennoch selbst nur die Erinnerung des vorherigen Zustandes möglich sein?
Die Wiederverkörperungsidee! Nun spinnt er den Gedanken aus, wie die Seele, die er sich erst über der Erde schwebend gedacht hat im körperlosen Zustand, wieder in einen Erdenleib zurück müsste.
Er würde in einem bestimmten Zeitalter geboren sein. Er würde Vater und Mutter haben, ein Vaterland, einen Stand, ein Herz, das liebt und hasst, Eitelkeiten, Schmerzen, Freude, Verdruss, Verzweiflung, Entzücken - wann, auch nur in einem Augenblicke, wäre er der freien Klarheit fähig, die ehemals sein Element war? Er würde zu zweifeln beginnen, ob er wirklich jemals die Freiheit genoss, und das Andenken daran bald zu einer dunklen Ahnung zusammengedrückt tief in seiner Seele verborgen wohnen. Während er sonst die Herzen der Menschen wie einen gläsernen Bienenkorb vor Augen hatte, wo er die Gedanken ein- und ausfliegen und arbeiten sah, muss er sie nun als Geheimnisse erraten.
Und so weiter. Das sind solche Stellen, meine lieben Freunde, in denen uns die Sehnsucht entgegentritt des modernen Menschen nach dem, was wir ja wollen, und was in der Gestalt, in der es zunächst vor die Menschheit treten muss, dieser Menschheit so unwahrscheinlich erscheint. Unser Bau und unsere Arbeit daran ist gleichsam das Gelöbnis, dass wir hingebungsvoll arbeiten möchten, die Sehnsüchte und die Hoffnungen der modernen Menschen zu studieren, um aus der geistigen Welt das zu finden, was diesen Sehnsüchten, diesen Hoffnungen entgegenkommen kann. Das musste ich aussprechen, als vor einem Jahre der Grundstein gelegt worden ist.
Auch eine andere Stelle gerade bei Herman Grimm möchte ich noch anführen. Betrachten doch die Menschen heute die Geschichte der Vergangenheit, das geschichtliche Leben und Werden rein nach dem Verlauf der «äußeren Tatsachen, und immer mehr und mehr hat es auch der Materialismus dazu gebracht, dass dieses geschichtliche Leben und Werden so betrachtet wird. Ja, wenn man das, was heute Geschichte genannt wird, neben das stellt, was wir zu schildern versuchen als das aufeinander folgende Leben in der nachatlantischen Zeit, dann wird es begreiflich, wie wenig heute noch in der materialistisch gestimmten Zeit verstanden werden kann von uns - auch in geschichtlichen Dingen - dasjenige, was doch kommen muss und wofür ein Wahrzeichen sein soll unser Bau. Aber die Sehnsucht darnach ist vorhanden, die tiefe Sehnsucht! In einem wenig bekannten Aufsatze Herman Grimms sind die Worte enthalten, die mir besonders wertvoll sind, weil sie im Grunde genommen ein Gespräch wiedergeben, das ich in Weimar einmal mit Herman Grimm hatte. Da sagte Herman Grimm, eine Ausdehnung des Begriffes Geschichte stehe bevor:
Es vollzieht sich heute vor unsern Augen ein welthistorischer Umschwung, wie er in keiner Epoche der Geschichte, soweit wir sie zu überblicken vermögen, erlebt worden ist. Die Völker Europas verlangen plötzlich, für sich zu sein. Der wechselseitige Einfluss der Rassen aufeinander soll in der Theorie ganz geleugnet, in der Praxis auf ein Minimum beschränkt werden. Und zwar nicht die Frucht einer von den Gebildeten aufgebrachten Lehre, sondern die eines die Völker bis in ihre Tiefen durchbebenden Naturtriebes ist diese neue Anschauung. Nicht in den Einzelnen tritt sic hervor, sondern die Massen bewegt sie. [ ] Es ist heimlich etwas reif geworden und die letzten Ereignisse sind der Sturm, der es vom Baum schüttelt. Es waltet ein Wcltgcsetz, nach welchem große Völkermassen sich abstoßen und anziehen, zusammenhängend mit ihrer Fähigkeit, den allgemeinen geistigen Fortschritt entweder durch ein Zusammengehen oder durch ein Sich-Absondern hervorzubringen, [ J Was wir heute im Allgemeinen Geschichte nennen, ist die Kunde vom Zusammenleben der Völker, welche die sich westlich an Asien anhängende Halbinsel Europa im Laufe der letzten drei- oder viertausend Jahre innehatten.
Gerade über die Auffassung der Geschichte sagt einmal Herman Grimm, er sehe eine Zeit voraus, in welcher alle die, welche als Größen des 19. Jahrhunderts angesehen werden, nicht mehr als solche Größen angesehen werden, sondern ganz andere, die aus dem Dämmerdunkel der Zeit treten werden. Gerade die Geschichte ist so hergerichtet, dass so, wie sie im Laufe der Zeit geworden ist, heute zu ihrer Beurteilung eine Umwandlung der Menschenseelc nötig ist, eine Umwandlung bis in die tiefsten Wurzeln ihres Lebens hinein. Von diesem Gesichtspunkte aus habe ich das immer wieder betont, aber man kann es nicht oft genug sagen.
Ja, meine lieben Freunde, unmöglich ist es, aus dem, was das moderne Geistesleben ohne unsere geistige Wissenschaft gibt, das zu gewinnen, wonach hier die Sehnsucht geht. Nach einer neuen Geschichte wird gestrebt, nach einer neuen Anschauung des geschichtlichen Werdens, die mit den Worten charakterisiert werden, die ich eben vorgelesen habe. Aber Erfüllung dieser Sehnsucht, nirgends kann sie werden, weil die Elemente, die Kräfte, die Impulse dazu fehlen. Man möchte sagen: Als Sehnsucht ist dasjenige vorhanden, in den Besten unserer Zeit vorhanden, was wir anstreben als Erfüllung dieser Sehnsucht.
Besonders tief aber geht mir der Zusammenhang dieser Sehnsucht mit dem, was wir in aller Bescheidenheit anstreben, wenn ich bedenke, wie die Kunst selber diesen Gang durch die Menschheit genommen hat; wenn ich bedenke, dass ihm [Herman Grimm] die Geschichte eine Entwicklung der Phantasie war. Dass es Imaginationen in der Menschheit gibt, die unbewusst in die Menschheit einfließen, um sich umzusetzen in menschliche Tätigkeit, dass die Geschichte auf Inspiration und Intuition beruht, konnte ihm nicht aufgehen. Phantasiearbeit der Völker war ihm das. Er konnte nur dazu kommen, allmählich Maja abzulösen durch dasjenige, was er Phantasiearbeit der Völker nannte, nicht dazu, was sich dem menschlichen Geiste darbieten muss, wenn er den Aufstieg aus der physischen Welt in die geistige finden will. Man wird wirklich erst später verstehen, was es für das 19. Jahrhundert bedeutete, wenn Herman Grimm sagt: Was kann uns das, wie die Geschichte Julius Cäsar wiedergegeben hat, besonders interessieren? Julius Cäsar - meint Herman Grimm - interessiert mich viel mehr, wie er von Shakespeare dargestellt ist. Das ist wahrer als alles, was ein Geschichtsschreiber von heute über ihn schreibt.
Immer wieder verwies er darauf, wie gern er Tacitus liest: weil er ein Mensch ist, der lebendig zu machen weiß aus der Seele heraus, was er zu schildern hat, es ins Geistige zu verwandeln weiß. Lind so, aus solchen Voraussetzungen heraus, entstand dann ein so wunderbarer Gedanke wie der, den Herman Grimm in den neunziger Jahren niedergeschrieben hat und der in seinem Homer-Buche steht, ein Gedanke, der wirklich so recht wie eine Erwartung dasteht dessen, was als Kunde von den Hierarchien kommen sollte.
[Lücke im Text]. Wie diese Kunst ihren Ausgangspunkt genommen hat von den spirituellen Offenbarungen, die in der Völker Urkultur von den geistigen Vätern selber zu den Menschen heruntergekommen waren, wie dann befruchtet worden ist dasjenige, was in der Völker Urkultur lag, von dem Christusimpuls, wie dieser Christusimpuls seinen Einzug gehalten hat auch in die künstlerischen Formen, wie wir aber dann auf einen toten Punkt gekommen sind, auf jenen toten Punkt gerade der künstlerischen Entwicklung, auf dem die Menschheit jetzt steht. Mit Schmerzen habe ich mich eingelebt in das Leben jener Künstler, die aus dem Grunde ihres Herzens heraus versuchten, dasjenige für die moderne Kunst zu finden, was der modernen Kunst wieder Geist gibt. Tragisch ist das Leben gerade ernster Künstler geworden, und tragisch steht es selbst vor der Weltgeschichte da, weil das Suchen nach etwas vorlicgt, was auch in die Formen hineingehen kann, und weil diesem Suchen nur entsprechen dasjenige kann, was aus einer wirklichen, realen Erfassung der geistigen Welt kommt. Wie findet sich die menschliche Sehnsucht, wie sie in tieferen Empfindungen gerade desjenigen wurzelt, der an der modernen Kultur leidet, wie findet sie sich harmonisch zusammen mit dem, was unsere geistige Bewegung zu geben vermag! Wir müssen zurückdenken an den Stuttgarter Zyklus <Vor dem Tore der Theosophie», wo ich gesprochen habe von der Christlichen Einweihung und als erste Etappe die Fußwaschung gegeben habe.
Viele Jahre liegt das jetzt hinter uns, wo gesprochen wurde aus dem Geistigen heraus, wie die Pflanze sich neigen müsse zu dem Stein, wie sie ihm verdankt den Boden des Daseins; ebenso neigt sich das Tier der Pflanze, und der Mensch dem Tier, bis zu den Hierarchien der Geister hinauf! Das lebte auch in Christian Morgensterns Sehnsucht, sie vereinigte sich harmonisch mit dem, was also gesprochen wurde, und wir hören widerklingen dasjenige, was der Sehnsucht gegeben wurde, was die spirituelle Wissenschaft der Sehnsucht zu geben vermochte, wir hören es widerklingen in dem Gedichte, das wir ja auch heute gehört haben, die Fußwaschung: «Ich danke dir, du stummer Stein ...»
Ein Bild gibt es mir von der Art, wie zusammenwachsen wird dasjenige, was der besten Menschen Sehnsucht in dieser modernen Zeit ist, mit dem, was Geisteswissenschaft uns zu geben hat. Einströmen werden diese Sehnsüchte in die Vorstellungen, in die Ideen, in das ganze intellektuelle Leben. Aber wie gesagt, in Schmerz muss ich hinschauen auf diejenigen Künstler, die suchten nach Inhalt für ihre Kunst. Carstens steht mir vor Augen, Overbeck, Cornelius: Sie suchten den Christus-Impuls hineinzubringen in ihre Kunst - vergebens war es. Man studiere einmal ein so tragisches Leben, wie das des Cornelius ist, dem gerade Herman Grimm so nahe stand: Er suchte in der Form, die das Christentum angenommen hatte, das lebendige Christusleben zu finden, in der Form, wie sie seine Seele durchdringen konnte, um in seine Kunst auszufließen. Aber er lebte in dem toten Punkt. Man sehe sich die moderne Architektur an: Wir wandeln durch das künstlerisch nicht [neu] Geschaffene, sondern durch das konservierte, präparierte Herbarium alter Kunststile. Allein die lebendige Verbindung mit dem Christus-Impuls wird diesen Kunstformen Leben einflößen können, aber eben das Lebendige des Christusimpulses, der eindringt in die Formen durch das, was durch das Mysterium von Golgatha eingeflossen ist in die Menschen. Denn nicht durch bloßes Sprechen von ihm beleben sich die Formen, ohne die das Menschenleben auch in der Kunst tot ist.
Nichts weiter als ein Anfang ist dasjenige, was wir machen konnten, sowohl mit unserer Geistesbewegung als auch mit unserem Bau; der allererste Anfang eines Baustiles, der einmal kommen soll, der einmal kommen muss. Aber gerade das ist es, das wir versuchen mit unserer geistigen Bewegung: den Impuls des Mysteriums von Golgatha in unsere Seelen aufzunehmen, ganz aufzunehmen, und so aufzunehmen, wie ihn die Menschheit der Zukunft brauchen wird.
In diesem Zusammenhang muss ich auch eines Wortes gedenken, das gerade wiederum Herman Grimm gesprochen hat in einem Aufsatz, worin er die Menschhcitscntwicklung so teilt - schon in dem Haager Zyklus habe ich das erwähnt dass er drei Jahrtausende unterscheidet: eines vor dem Mysterium von Golgatha, dann das Jahrtausend des Mysteriums von Golgatha, und eins nachher. Worte, mit denen Herman Grimm das zweite Jahrtausend charakterisiert, möchte ich gerade heute vor Ihre Seelen rufen, denn wiederum zeigen diese Worte etwas von den Sehnsüchten des modernen Menschen. Es sind Worte, die tief in die Seele eindringen können, wenn man gerade hinblickt auf das, was in den Hoffnungen der neuen Zeit lebt, und was im Grunde genommen nur durch die Geisteswissenschaft befruchtet werden kann.
Das zweite Jahrtausend: Christus steht uns in doppelter Gestalt hier vor Augen. Zunächst so, wie die Glaubensbekenntnisse der Religionen ihn erscheinen lassen:
[...] Christus darf nicht als historische Persönlichkeit in eine Reihe mit anderen großen Männern treten. Er überragt sie und ist mit einem Scheine von Unbe- rührbarkeit umgeben. Viele behandeln deshalb die großen Erscheinungen der Geschichte außer der Christi besonders. Sie setzen Christi Verhältnis zu allem andern als anerkannt voraus. Umgehen aber können wir ihn, etwa als zu erhaben, doch nicht, da er selbst und mit ihm zusammenhängende Persönlichkeiten uns auf Schritt und Tritt begegnen, und da auch die vor Christus lebenden übermächtigen geistigen Gewalten, ich nenne Sokrates oder Plato, nur in Vergleichung mit ihm heute begriffen werden können.
Von Ranke soll ein ihn verehrender hochgestellter Mann gefordert haben, es müsse Christus als Urheber aller menschlichen Schicksale in die Weltgeschichte cingeführt werden. Dies Verlangen, berichtet man, habe bei dem Gelehrten heftige innere Kämpfe hervorgerufen, sei endlich aber damit abgelehnt worden, es müsse bei der gegebenen Erklärung sein Bewenden haben. Christus stehe uns in der Weltgeschichte in doppelter Gestalt gegenüber: als Begründer des Christentums und als übermenschlich alles vermögender Sohn Gottes, wie die Kirche lehrt.
Ich halte diese Doppelgestalt Christi für eine historisch nicht durchführbare. Wir haben Christus nicht zu erklären, sondern ihn und die Wirkung seiner Lehre als Tatsache hinzunehmen. Christi Werke sind in den Bericht über den Gang der Weltereignisse einzureihen. In die politische römische Geschichte gehört die Geburt und der irdische Wandel Christi als Ereignis von weltumgestaltender Kraft hinein, und ist nicht in die Kirchengeschichte als besonderes Kapitel zu verweisen. Die Lehre Christi ist von Christi Erscheinen ab wirksam gewesen.
Nicht bloß ihretwegen hat Titus Jerusalem zerstört, sondern sic ist schuld daran, dass von Augustus’ Regierung ab die lateinische und griechische Dichtung und bildende Kunst von der Höhe herunter abwärts sich bewegten, weil der innerste Lebensnerv ihnen von da ab fehlt.
Die Versuche, Christus als schönsten, göttlichsten Menschen darzustellen, nahmen nun bald ihren Anfang, bis sie in Raphaels Gemälden das Höchste erreichen. Viele Jahrhunderte dauerte das; die Richtung zu diesem Ziel aber ist erkennbar. Raphaels Bedeutung würde bei anderer Auffassung der Geschichte mit gerechtem Maße nicht zu ermessen sein, während zugleich doch niemand, der die neuere Geschichte in dieser Weise auffasst, weder als Schreiber noch als Leser genötigt wäre, seine eignen Gedanken über Christus zu bekennen oder auch nur anzudeuten, wenn er nicht will.
Denn diese Dinge in uns mit uns allein abzutun ist menschliches Recht. Gelehrte, deren Arbeit in Untersuchung der griechischen Geschichte bestand, haben diese im weitesten Umfange mit solcher Begeisterung betrachtet, dass Eiferer ihnen den Vorwurf heidnischer Glaubensüberzeugungen machen könnten. Nichts wäre ungerechter. Die Entwicklung des griechischen Geistes ist ebenso schön und wissenswert als die des sich bewegenden Weltganzen, oder die einer Blume, oder die irgendeines Gesetzes auf dem Gebiete der Chemie.
Wenn wir den Grund suchen, warum Ranke eine Zeit lang doch in Zweifel gewesen sein konnte, ob nicht an der doppelten historischen Gestalt Christi festzuhalten sei, so handelt es sich hier vielleicht auch um besondere Neigungen, die bei jedem Geschichtsschreiber wohl zu beachten sind [...] Er hebt uns dann leicht auf die Höhe, aber diese Höhe ist nicht die höchste [...] Man müsste einmal herausfinden, was er in seiner Geschichte der Päpste absichtlich unerwähnt ließ [,..] Er ließ sich vielleicht schmeicheln von solchen, die durch ihn empor wollten, verzichtete aber auf erkauftes Lob und liebte stille unbe- tretcnc Pfade, auf denen er niemand begegnete. Umfasst ein solcher Mann, uralt werdend, alles Geschehene, so ist seine Weltanschauung von dauerndem Werte. Die Zukunft aber enthüllt sie nicht.
Neue Weltverhältnisse, fühlen wir, bilden sich. Nichts Geistiges bereits ist von ihnen unberührt geblieben. Ein Schleier legt sich schon über das 19. Jahrhundert: ein Etwas, das eine empfindbare Scheidewand zwischen uns und der nächsten Vergangenheit bildet. Immer wieder ertönt insgeheim und laut die Frage: Wohin wollen wir, wohin müssen wir? Auf allen Gebieten menschlicher Existenz herrscht diese Ungewissheit. Seltsame neue Betrachtungen erzeugt sie. Umgestaltungen vollziehen sich vor unseren Augen [...].
Denken Sie, meine lieben Freunde: ein Mensch, der strebt, geistiges Leben im Leben der Menschheit zu finden, dem der Christus sogar in doppelter Gestalt vor Augen schwebt, der aber nicht möchte von der Gestalt sprechen, die nicht die einfach menschliche ist! Denn Herman Grimm sagt weiter:
Ich glaube, dass für die Geschichte der Zukunft die Anfänge der von ihm begründeten Gemeinschaft als das eigentlich Lebendige der Menschheitsgeschichte, auf den Christus als aut eine historisch fest gebaute Macht höchsten Ranges hinweist. [ ] Die Geschichte Christi, die wachsende Autorität seiner Gedanken und der allgemeine politische Fortschritt machen ein in sich verschlungenes Gewebe aus. Raphaels innerer Drang, Christus selbst und seine Erlebnisse dar/.u- stellcn, entsprang keinen Zufälligkeiten, sondern seiner national-italienischen Natur [...] Wir sehen das heute am weitesten verbreitete, in allen Sprachen der Welt übertragene Buch: das Neue Testament, verträglich mit anderen Büchern nationaler Abkunft. Diese anderen Bücher sind zugleich mit den Evangelien als Quelle unserer geistigen Erhebung und Forterziehung anerkannt, obgleich eine nicht zu überbrückende Kluft zwischen ihnen und den Evangelien zu klaffen scheint.
Diese anderen Bücher haben, im Gegensätze zu den zweifelhaften Verfassern der Evangelien, bestimmte Urheber, die zugleich mit ihren Werken fortleben. Die vornehmsten derselben waren Dichter, andere sind bildende Künstler gewesen, neben diesen stehen die die Natur beobachtenden Philosophen, und den Schluss der Reihe bilden Staatsmänner und Feldherren. Diese Männer nationalen höchsten Ranges walten über den Völkern bis in deren weiteste Vergangenheit zurück, und ihr Verhältnis zum Volkscharakter und zu den Lehren des internationalen Christentums bedingt überall heute Gegenwart und Zukunft. Ein wunderbarer Gegensatz.
Christus kennt nur die unterschiedslose Menschheit, deren Erlösung er sich geopfert hat. [ ] Die mächtigsten Männer, welche die Jahrtausende menschlicher Geschichte kennen, sind fünf vor und nach Christus lebende Dichter gewesen: David, Homer, Dante, Shakespeare, Goethe. Ein Orientale, ein Grieche, ein Italiener und zwei Germanen. In ihren Laufbahnen und in der dichterischen Kraft sehr verschieden, sich gleichend aber im Umfange der immer noch zunehmenden Wirkung ihrer Werke. Auch darin sich gleichend, dass wir in ihre Seele kritisch am tiefsten eindringen. Denn diese fünf kennen wir von allen Menschen früheren Lebens am besten. Ja, man könnte sagen, wir kennen sie allein. Denn Christus kennen wir nicht. Ihn staunen wir an.
Aber wo ist die Möglichkeit, den Christus also in einer neuen Gestalt vor die Menschheit hinzustellcn? - so hinzustellen, dass man nicht mehr zu sagen brauchen wird: «Diese fünf kennen wir von allen Menschen früheren Lebens am besten. Ja, man könnte sagen, wir kennen sie allein. Denn Christus kennen wir nicht. Ihn staunen wir an.»
Wenn einmal die Menschheit sich entschließen wird, die geisteswissenschaftliche Gestalt des Christus in die Herzen aufzunehmen, dann wird die Epoche gekommen sein, nach der sich die Menschen sehnen, weil sie noch nicht die Gestalt schauen können, die der Christus annehmen muss, wenn er ihren Sehnsüchten entsprechen soll. Man wird, wenn man den Pfad betreten wird, der zur Geisteswissenschaft führt, die Möglichkeit finden, über den Christus so zu sprechen, dass dadurch wiederum Leben, Inhalt, Sicherheit in die Menschenseelen einziehen wird, jene Sicherheit, welche zugleich die Sicherheit des Friedens selber ist. Denn ist es nicht wie eine Frage, die gestellt wird, aber ohne Antwort noch dasteht, wenn Herman Grimm sagt: er glaube, dass - für die Geschichte der Zukunft - das sich Bilden der ersten Christengemeinde als das eigentliche Lebendige der Menschheitsgeschichte, auf den Christus als auf eine historisch fest gebaute Macht höchsten Ranges hinweist.
Geisteswissenschaft ist die Antwort auf solche Fragen, diejenige Antwort, die heute gegeben werden muss. Denn gerade mit Bezug auf die Christus-Betrachtung ist die Menschheit hier an einem toten Punkt angekommen. Wahrhaftig ist es, was Herman Grimm fühlt, der nur die Fragen hatte, aber nicht die Antwort! Zurückhalten wird man die Antwort so lange müssen, solange sie nicht geisteswissenschaftlich fest fundiert ist.
Aber wie ist es auch, meine lieben Freunde, mit dem Hineinstellen dieser Christusgestalt in die Kultur der Gegenwart noch beschaffen! Wie ferne ist noch dasjenige, was durch die gegenwärtigen Seelen pulsiert, von dem, was wir suchen müssen als diese Christusgestalt! Ja, man muss vielmehr sagen, dass das Unerfreuliche, von dem Herman Grimm sprach in Bezug auf die Christus-Biografen, uns immer mehr und mehr entgegentritt. Denn wie die Menschen der Gegenwart den Christus zu begreifen suchen aus dem heraus, was das äußere Kulturleben der Gegenwart noch kennt, das hat allerdings immer mehr und mehr des Unerfreulichen. Die Töne sind abgebraucht, können in der modernen Seele nicht mehr leben, mit denen man in vergangenen Jahrhunderten den Christus charakterisiert hat. Gerade dazu sind neue Töne, sind neue Weisen nötig. Daher sehen wir, wie immer unerfreulicher und unerfreulicher die Christusdarstellungen werden, wenn diese Christusdarstellungen nicht schöpfen können aus demjenigen, was Geisteswissenschaft der Menschheit erschließen soll. Immer unerfreulicher und unerfreulicher werden sie, je mehr sie der Gegenwart zugehen. Haben wir ja erlebt das Unerfreulichste, möchte ich sagen, an einer Christusdarstellung in dem ganz schlimmen Drama eines Großfürsten, das eine Blasphemie darstellt auf alles, was durch und um Christus herum geschehen ist, und das so recht den Tiefstand in der Darstellung desjenigen, was durch den Christus geschehen ist, beweist. Wie unser Geistesleben nach den Mitteln der Gegenwart einmündet in das Unmögliche: Das zeigt gerade dieses abscheuliche Christusdrama, das eigentlich ein Anti-Christusdrama seiner ganzen Gesinnung nach ist. Aber aus dem Geistesleben der Gegenwart entwickeln sich die Sehnsüchten, die ein guter Boden sind, und immer mehr und mehr ein guter Boden werden, aus dem aufsprießen kann dasjenige, was wir in ihn als Samenkörner zu legen uns bemühen, in diesen Boden voller Hoffnungen und Sehnsüchten, in diesen Boden, darin sich verwandeln müssen zu Gewissheiten die Hoffnungen und Sehnsüchten derjenigen, die heute schon als junge Kinder leben, und unglücklich zu leben verurteilt sind, wenn nicht Geisteswissenschaft unter die Menschheit kommt.
Wir sehen überall die Sehnsüchten, wir sehen sie auch auf dem Boden, aus dem das unglückselige Christusdrama entsprossen ist, von dem ich gesprochen habe. Wir sehen auch die Sehnsucht nach dem Verständnis dieses Christusimpulses, aber wir sehen sozusagen auch noch den Unverstand, der dieser wahren Sehnsucht nach dem wahren Verständnis entgegengebracht wird. Ich muss gestehen: Es hatte für mich etwas ganz Sonderbares, als ich die Worte las, die Solowjow geschrieben hat. Ich habe sie erst vor Kurzem entdeckt; sie haben mir einen besonderen Eindruck gemacht. Sie können sich denken warum! Die verschiedensten Angriffe sind von dieser oder jener Seite gekommen in der letzten Zeit: Jesuit wurde ich von der einen Seite her genannt; als Jude an anderem Orte ausgeschrien; ich musste meinen Taufschein deshalb fotografieren lassen.
Nun, meine lieben Freunde, das macht nichts, das sind notwendige Begleiterscheinungen dessen, dass man gezwungen ist, wenn auch nur mit stammelnden Worten, dasjenige zu sagen, was die Menschheit braucht. Aber auch jene andern, die von den Sehnsüchten nach einem rechten Christusverständnisse sprechen, haben von einem merkwürdigen Verständnis berichten können, das man ihnen entgegengebracht hat. Deshalb die Worte des Solowjow, die er 1886 sprach: «Ich werde buchstäblich verfolgt, meine Schriften werden verboten, weil sie schädlich sein sollen für Russland und die Orthodoxie. Heute soll ich Jesuit sein, morgen Jude, und so weiter ..., sodass man auf alles gefasst sein muss.»
Meine lieben Freunde, manches von dem, was zu sagen ist als dasjenige, was entgegenkommt den tiefsten, aber auch den notwendigsten Sehnsüchten und Hoffnungen des Lebens, manches von dem wird schon schädlich befunden, und man ist der Meinung, dass es nicht gestattet werden darf! Dann erst, wenn die Menschen der Gegenwart dazu kommen werden, dasjenige, was an so schmerzlichen Ereignissen in der Gegenwart geschieht, als eine Prüfung aufzufassen, und in dem Sinne, wie ich es gestern andeuten durfte, sich führen lassen zu einem spirituellen Leben, dann wird man auch die Notwendigkeit dieser gegenwärtigen schmerzlichen Ereignisse einsehen und sie anders beurteilen lernen als nach dem unmittelbaren Eindruck. Ja, meine lieben Freunde, mit Menschen, die so sprechen wie Solowjow, wird sich immer verständigen lassen, man wird den Weg zu ihnen finden über alle nationalen Unterschiede hinweg. Aber ich bin es ja nicht, sondern Solowjow ist es, ein Angehöriger des russischen Volkes, von dem ich gestern gesprochen habe, derselbe Solowjow, der Worte gesprochen hat für diejenigen, mit denen so innig zusammenhängt das, was uns heute so schmerzlich bedrückt, er ist es, der diese Clique charakterisiert mit den Worten: «Unsere staatlichen, kirchlichen und literarischen Halunken sind so dreist und das Publikum ist so töricht, dass man auf alles gefasst sein muss.» Selbstverständlich spricht er von denjenigen, die seine Schriften «unbedingt verboten» haben.
Meine lieben Freunde, nehmen wir heute erneut, da wir vor dem unvollendeten Bau stehen, zu dem wir vor einem Jahr den Grundstein legten, das Gelöbnis in uns auf, dass wir treu halten wollen zu dem, was Geisteswissenschaft uns geben kann. Nehmen wir das Bewusstsein in uns auf, dass Geisteswissenschaft den Sehnsüchten und Hoffnungen, den Notwendigkeiten der Menschheit entgegenkommen kann. Nehmen wir das Bewusstsein in uns auf, dass Geisteswis- scnschaft es der Menschheit möglich machen wird in einer Weise, von der sogar Freigeister wie Herman Grimm nicht zu sprechen wagten, so wie es notwendig ist, über den Christusimpuls zu sprechen, besonders unter dem Eindruck der schmerzlichen Ereignisse von heute. Und nehmen wir das Bewusstsein in uns auf, dass, wenn wir recht lernen über den Christus zu sprechen, wir recht lernen, über die Menschheitsgeschichte zu sprechen. Denn der Christus gehört nicht einem Volke, der Christus gehört allen Menschen an, der Christus hat nicht zu den Angehörigen eines Volkes gesprochen: Du bist mein Bruder ... Er hat es zu den Angehörigen der ganzen Menschheit gesprochen. Wir finden dann den Weg zu jedem Menschen und zu den Friedenschören aller höheren Hierarchien, und finden den Weg zu dem Christus.
Das, meine lieben Freunde, muss auch ein Grundstein sein, den wir legen wollen in unser Herz, auf dem wir aulbauen wollen den unsichtbaren Bau, für den der sichtbare Bau das äußere Symbolum ist. Möge dieses äußere Symbolum in primitiver, elementarer Weise, aber zu einem Teil wenigstens erfüllen dasjenige, was wir vor einem Jahr versuchten bittend zu erflehen von den Weltenmächten! Möge es zu unserm Heile sich erfüllen, dass man in diesen Formen ersieht, wie der Geist, der durch das Mysterium von Golgatha sich der Erde mitgeteilt hat, durch unsere Formen strömt, die Formen ergreift, mit dem Christusimpuls durchdringt, sodass das Bewusstsein die Seele durchziehe, welches in den Worten zum Ausdruck kommt, die immer noch nicht tief genug aufgefasst werden: Nicht ich, der Christus in mir! Möge auch dieser Bau auf die Menschen - wenn er auch nur unvollkommen das, was gewollt wird, darstellt -, möge er wenigstens in geringem Maße das erreichen, was er will: auf die Menschenseelen, die ihn betreten, den Eindruck machen: Nicht ich, nicht mein Eigen ist das, was durch die äußeren Formen auf das Auge einen Eindruck macht... sondern der Christus will sprechen, der durch das Wort der höheren Flierarchien einen Ausdruck, eine Offenbarung sucht. Und der Mund soll dieser Bau sein!
Mögen dann die Seelen, in dem Geiste dieses Baues sich findend, von einer ähnlichen Empfindung ein wenig sich durchdrungen fühlen, die man nennen kann: Empfindung von der Verbindung der einzelnen Menschcnscelc mit der Erdensecle, und von der Empfindung, wie diese Erdensecle heute lebt, wie sie gelebt hat seit dem Erdenurbeginn, wie sie lebt in allen Seelen! Möge dann diese Seele sich fühlen als Geist an Gottes Munde, möge diese Seele sprechen wie Christian Morgenstern:
Das Tier, die Pflanze, diese Wesen hatten noch die un-menschliche Geduld der Erde; da war ein Jahr, was heut nur noch Sekunde.
Jetzt geht ihr nichts mehr rasch genug vonstatten.
Der Mensch begann sein ungeduldig Werde.
Sie spürt: Jetzt endlich kam die große Stunde:
auf die ich mich gezüchtet Jahrmillionen.
Jetzt brauch ich meinen Leib nicht mehr zu schonen, jetzt häng ich bald als Geist an Gottes Munde.
Mögen solche Empfindungen in die Seelen von immer mehr und mehr Menschen einziehen können, wenn sie in unsere Bauformen sich einleben! Dazu ist unser Bau da. Niemals soll Anspruch darauf gemacht werden, dass er dasjenige, was er sein soll, auch nur mit einem geringen Grade von Vollkommenheit darstelle: In höchster Unvollkommenheit stellt er dar, was er vorstellen kann für die Hoffnungen und Sehnsüchten der neueren Zeit. Aber wenn wir uns auch niemals vermessen werden, von der Stunde der Grundsteinlegung zu sprechen als von der großen Stunde des Weltendaseins, sondern von ihr sprechen wollen als von der kleinen Stunde des Weltendaseins, wenn wir auch sagen, dass wir nur ein Kleines, ein Geringes beitragen dürfen zur Evolution, zu den großen Aufgaben der Menschheit, so wollen wir doch die großen Aufgaben des Daseins empfinden, denen, wenn auch mit kleinen Mitteln, dasjenige gewidmet sein soll, wozu wir vor einem Jahre den Grundstein gelegt haben.
DISKUSSIONSBEITRÄGE RUDOLF STEINERS
WÄHREND DER 2. ORDENTLICHEN GENERAL-
VERSAMMLUNG DES JOHANNESBAU-VEREINS
DÖRNACH
Basel, 31. Dezember 1914
(...) Alfred Gysi meldet sich zu Wort. Er wünscht Aufklärung über den in dem Kassenbericht des Herrn Lissau erwähnten Theosophisch-künstlerischen Fonds und dessen Verhältnis zumJohannesbau-Verein, welches ihm nicht klar ist. (...)
Rudolf Steiner: Was Herr Gysi wissen will, ist das Folgende. Zuerst gab es einen Theosophisch-künstlerischen Fonds - der war allein. Dieser führte in den Theatern die Mysterienspiele auf und [finanzierte] sonstige künstlerische Unternehmungen. Er war noch klein; er war ja das Ursprüngliche. Und nun, während seines Daseins, entstand die Idee, ein eigenes Haus zu bauen, in welchem demnächst die Mysterienspiele und die übrigen Dinge gemacht werden könnten. Es handelt sich also darum, dass außer dieser Tätigkeit, die nur in der Veranstaltung der Mysterienspiele bestand, die Absicht entstand, einen Bau zu errichten. Dann wurde - aus Rücksicht auf die Behörden - der Johannesbau-[Verein] gegründet. Der Theosophischkünstlerische Fonds blieb aber und gab sein Geld für den Bau, sodass es die Gelder des Theosophisch-künstlerischen Fonds sind, die für den Bau verwendet werden. Die [Erstellung des] Baus ist nur eine temporäre Erscheinung, die Gelder werden später zu anderen Zwecken verwendet.
Der Theosophisch-künstlerische Fonds stellt jetzt alle seine Gelder dem Johannesbau-Verein zur Verfügung, und dieser wird durch all diese Darlehen Schuldner des Fonds. Das ist gut. Der Johannesbau-Verein wird ja später Mitgliedsbeiträge haben, und diese werden an den Fonds zurückfließen und zu anderen künstlerischen Unternehmungen dienen. Dieses Verhältnis [zwischen dem Fonds und dem Verein] ist dadurch entstanden, dass der Fonds zuerst da war und seine Kapitalkraft zur Verfügung stellte. Man könnte höchstens sagen:
Warum wird nicht der Johannesbau-Verein als der allgemeine Geldsack betrachtet? - Das ist aber nicht wünschenswert, sondern nur das Incinandergrcifen der Verantwortlichkeiten, damit keine Zentralisierung da ist; es führt sonst leicht zur Einseitigkeit. Ist das verständlich?
Alfred Gysi kann es noch nicht ganz begreifen.
Rudolf Steiner: Der Verein ist dazu da, um den Johannesbau zu bauen. Der Fonds ist für die künstlerischen Unternehmungen im Allgemeinen da, und eine dieser Unternehmungen ist der Johannesbau. Nehmen wir an, cs wird im Johannesbau etwas aufgeführt. Dafür ist nicht der Bauverein verantwortlich, sondern der Theosophischkünstlerische Fonds. Nehmen wir den radikalen Fall an - der ja nicht eintreten wird -, der Bauverein beschließe: Wir wollen im Bau nicht die Mysterien aufführen, sondern Offenbach’sche Operetten. Ein solcher Fall wird ja nicht eintreten, aber der Theosophisch-künstlerische Fonds muss die Möglichkeit haben, für eine fortgehende künstlerische Arbeit zu sorgen und die in den Bau hineingesteckten Kapitalien herausziehen zu können, sodass wir uns damit ein neues Haus bauen könnten. Die Verantwortlichkeiten sollen nicht zentralisiert werden, sondern nebeneinander laufen; das ist besser, als wenn alles zentralisiert wird.
Albrecht Wilhelm Sellin: Es herrscht, scheint’s, in weiten Kreisen wenig Klarheit über das Verhältnis zwischen dem Theosophisch-künstlerischen Fonds und dem Johannesbau-Verein. Die Erörterung zeigt, dass die Vorstellungen präzisiert werden müssen, und ich beantrage, eine schriftliche Definition zu geben über dieses gegenseitige Verhältnis, und diese den Mitgliedern weiterzureichen, damit die Sache endgültig klargemacht ist.
Emil Grosheintz wiederholt den Antrag zur Besprechung.
Rudolf Steiner: Es besteht der Theosophisch-künstlerische Fonds und der Johannesbau-Verein. Ersterer hat Letzterem Gelder zur Verfügung gestellt, und dieser ist Schuldner des Fonds geworden. Das ist mit drei Worten klarzumachen.
Albrecht Wilhelm Sellin wünscht, dass den Mitgliedern das in gedruckter Form mitgeteilt wird, weil in weiten Kreisen hierüber keine Klarheit herrscht.
Rudolf Steiner: Alle Spendengelder fließen dem Theosophisch- künstlerischen Fonds zu und erscheinen [im Soll] als Einnahmen [und im Haben als Schulden] des Johannesbau-Vereins. Daher ist der Theosophisch-künstlerische Fonds Gläubiger des Johannesbau- Vereins.
Emil Grosheintz. verliest einen eingegangenen Zettel mit der Frage, ob gegenüber der Steuerbehörde die Schuld des Theosophisch-künstlerischen Fonds von Wert sei.
Emil Grosheintz bejaht dies und meint, es wäre dies nicht ungünstig.
Rudolf Steiner: Ja, günstig ist es schon, obgleich es eigentlich egal ist, ob nun der Fonds oder der Johannesbau-Verein Steuern zahlen muss.
Emil Grosheintz hofft, dass vom Johannesbau-Verein nur ein bestimmter Steuerbetrag gezahlt zu werden braucht - eine Pauschalsumme - und dass er ein diesbezügliches Abkommen mit der Behörde treffen kann.
Ernst Gimmi hält eine Mitteilung an die Mitglieder, wie sie Herr Direktor Sellin wünscht, nach den Erläuterungen von Herrn Dr. Steiner nicht für nötig.
Emil Grosheintz meint, der Vorstand werde zusehen, dass sich der Antrag Sellin doch ausführen ließe, und fragt Herrn Direktor Sellin, ob Abstimmung gewünscht wird.
Albrecht Wilhelm Sellin wünscht Abstimmung.
Ernst Gimmi beantragt, dies dem Vorstande zu überlassen.
Rudolf Steiner: Der Antrag ist in dieser Form nicht möglich; technisch ist er nur möglich in der Form: «Der Vorstand des Johannesbau-Vereins wird ersucht, über sein Verhältnis zum Theosophisch-künstlerischen Fonds zu berichten.» Technisch kann der Johannesbau-Verein nur berichten über sein Verhältnis zum Theosophisch-künstlerischen Fonds.
Robert Lissaii bemerkt, dass doch der Theosophisch-künstlerische Fonds die erste Sammelstelle war, noch vor dem Johannesbau-Verein, und dass man, wenn man die Spenden direkt an den Johannesbau-Verein zahlt, den Fonds damit doch ignoriert.
Emil Grosheintz verliest nunmehr die zwei Anträge und bringt den weitergehenden Antrag des Herrn Gimmi auf Ablehnung des Antrages Sellin zur Abstimmung.
Der Antrag Gimmi wird mit Stimmenmehrbeil angenommen, wonach alles dem Vorstande überlassen bleibt.
Ernst Kober beantragt, eine Kommission zu wählen, welche den Mitgliedern bei ihren Angaben gegenüber der Steuerbehörde beratend zur Seite stehe.
Dieser Antrag wurde dadurch erledigt, dass Robert Lissau erklärte, es werde den Mitgliedern auf dem Büro des Johannesbau-Vereins gern jede gewünschte Auskunft und Aufklärung über Steuerangelegenheiten erteilt. Durch einen Anschlag an der Schwarzen Tafel in der Kantine sei darauf schon seit längerer Zeit aufmerksam gemacht worden.
Der Antrag wurde daraufhin zurückgezogen.
Weitere Anträge und Anfragen lagen nicht vor. Emil Grosheintz erklärte daher die Sitzung für geschlossen.
Der Protokollführer: [sign.] Hermann LindeDISKUSSIONSBEITRÄGE RUDOLF STEINERS
WÄHREND DER 3. ORDENTLICHEN GENERAL-
VERSAMMLUNG DES JOHANNESBAU-VEREINS
DÖRNACH
Dörnach, 27. Dezember 1915
Emil Grosheintz: Es ist insofern schon nötig, [über das Verhältnis der sich aut dem Dornacher Hügel entwickelnden Kolonie zum Johannesbau-Verein] hier zu verhandeln, weil der Johannesbau-Verein das größte Interesse hat an der gedeihlichen Entwicklung der Kolonie und weil er eben dahin strebt, die Interessen der Kolonisten mit den Interessen unserer ganzen Sache in Einklang zu bringen - abgesehen davon, dass das, was hier vorgebracht wurde von I lerrn de Jaager, sich ja direkt an den Johannesbau-Verein gerichtet hat.
Wünscht sonst noch jemand das Wort zu dieser Angelegenheit?
Es scheint also, dass alle hier zufrieden sind, dass keine Stimmung gemacht worden ist, dass man nie gesagt har, es hänge vom guten Willen von Dr. Grosheintz oder von Frau Dr. Grosheintz ab, ob man etwas hier tun könne, ob man ein Stück Land bekomme und so weiter.
Rudolf Steiner: Es ist nur schade, dass diese Dinge, wie wir sie gehört haben, weitergesagt werden, denn die Schwierigkeit liegt immer beim Übergang von einer Spezialsache zu Allgemeinheiten, zu allgemeinen Sätzen - meine ich. Nicht wahr, wenn cs sich dann herausstellt, dass zwar irgendeine einzelne Sache höchst unbefriedigend ist, der Satz aber doch so formuliert wird, als ob grundsätzlich Gegensätze bestünden zwischen der Kolonie und dem Johannesbau-Verein, und wenn ein solcher Satz weitergesagt wird, dann macht er in der Öffentlichkeit böses Blut und Verwirrung in den Köpfen. Das ist doch etwas, was wir auf jeden Fall vermeiden sollten.
Stellen wir uns vor, welchen Gang eine solche Sache nimmt. Also, gehen wir von der Hypothese aus, es seien wirklich alle so ein Herz und eine Seele - was sich ja dann auch herausgestellt hat, nicht wahr -, aber trotzdem wird dann in einem Falle gesagt: Ja, Ihre Interessen als Kolonistin und die des Johannesbau-Vereins sind zwei verschiedene Sachen, zwei ganz verschiedene Sachen. Gut, wenn man die erste Sache hat und dann unmittelbar hernach die zweite Sache sagt als einen Nachsatz, dann mag Ihnen die Sache harmonisch erscheinen, aber es wird [eben nicht] so erzählt. Es geht nämlich weiter: Die einzelne Sache, um die es sich handelt, die bleibt ganz weg, aber übrig bleibt der Satz, der überall herumerzählt wird: Die Interessen des Johannesbau-Vereins und der Kolonie sind zwei ganz verschiedene Sachen. Und von diesem Satze gehen dann alle möglichen Anschuldigungen aus, sodass man aus den gegenseitigen Beschuldigungen gar nicht mehr herauskommt.
Bedenken Sie doch, es handelt sich nun einmal darum, wie man eine Sache sagt und was als Interpretation daraus folgt. Nicht wahr, darum handelt es sich! Nehmen wir an, irgendjemand hätte in Form eines Feuilletons dargestellt bekommen, wovon die ganze Diskussion hier ausgegangen ist - nehmen wir einmal an, es wäre so. Wenn Sie darüber nachdenken, werden Sic sich sagen müssen: Man braucht die Worte nur ein klein wenig schärfer zu fassen, als sie in diesem Feuilleton stehen, dann kommt ein ganz anderer Schluss heraus. Wenn es zum Beispiel in diesem Feuilleton heißen würde: «Bei der bevorstehenden Festsetzung der Statuten der Kolonie wäre es unseren Mitgliedern wertvoll, das Verhältnis zum Johannesbau-Verein zu klären», und weiter: «Die Kolonie strebt ein festes Zusammensein, eine innige Verbindung, ein Einssein an mit jenen, die geistig arbeiten in dem jetzigen Johannesbau-Verein, der in der Zukunft eine andere Bedeutung haben wird», so erkennen Sie jetzt den beabsichtigten Weg: Es soll in Zukunft die Kolonie alles Materielle übernehmen, nur das Geistige nicht. Und es wird dann heißen, die Arbeit des Johannesbau-Vereins dürfe nur eine rein geistige, eine inspirierende sein. Er dürfe sich in keiner Weise unterstehen, irgendetwas in der Welt draußen zu unternehmen, ohne die Vermittlung der Kolonie, die alle Angelegenheiten der Welt gegenüber zu vertreten haben werde. Die Kolonie dürfe es dann zu ihren Pflichten rechnen, die einzelnen Bauten herzustellen, eine Universität zu gründen sowie das Land zu besitzen und so weiter.
Nachdem die Kolonie so den Sieg über den Johannesbau-Verein davongetragen habe, würde sie als das Organ des Johannesbaus in der Welt erscheinen; sie würde sich nun bemühen, alle Ideale des Johannesbau-Vereins zu verwirklichen. Die Geldmittel seien aber nicht von den Kolonisten zu liefern, sondern durch freiwillige Beiträge aufzubringen. Also, der Johannesbau-Verein hätte zu verschwinden, das heißt er wäre auf die Errichtung des Johannesbaues beschränkt, und das weitere Wirken des Johannesbau-Vereins würde auf die Kolonie übergehen. Es würden sich also sozusagen zwei Glieder ergeben: eine Johannesbau-Kolonie und ein Johannesbau- Rat mit beratender, nicht mit beschließender Stimme. Mit beratender Stimme: das sind diejenigen, die man anhört und die man reden, aber nicht abstimmen lässt; abstimmen dürfen nur die anderen. Die Mitglieder des Johannesbau-Vereins können dann weiterwirken als Johannesbau-Beirat, die Mitglieder der Kolonie aber als ausführende Macht, als Großmacht, könnte man sagen.
Nicht wahr, man braucht es nur in eine etwas verschärfte Form zu bringen und hcrumzutragen, dann wird selbstverständlich, nach der Art und Weise, wie wir es hier erlebt haben, erzählt: Ja, der Johannesbau-Verein, das ist so eine verschrobene Sache, die muss möglichst bald von praktischen Leuten übernommen werden. Diese praktischen Leute werden dann dieses Verschwommene, das, was jene verdummt haben, schon in Ordnung bringen. Und das wird dann als eine Stimmung so verbreitet. Und sehr bald wird man dann hören, dass es so geschehen müsse.
Ich meine, es geht wirklich darum, wie man von der einen Sache zur anderen übergeht. Weil Fehler in dieser Beziehung gemacht wurden, kam es, dass in letzter Zeit diese Dinge so vielfach herumgetragen wurden; ich meine, dieses Wort, es sei ein Gegensatz zwischen dem Johannesbau-Verein und der Kolonie, hätte gar nicht fallen dürfen. Nicht wahr, so etwas hätte gar nicht gesagt werden dürfen, es hat eigentlich keinen Inhalt. Ich meine also: Warum ist es nötig, Schwierigkeiten zu schaffen, die gar nicht da zu sein brauchen?
Wenn es wirklich so ist, dass alle ein Herz und eine Seele sind, dass niemand gegen irgendjemanden Misstrauen hat, dann müsste auch wirklich alles getan werden, um dieses Vertrauen zu bekräftigen, um es auf eine sichere Basis zu stellen. Gerade dies ist etwas, womit wir als mit einer großen Schwierigkeit zu kämpfen haben: dass diejenigen, die sich gewissermaßen opfern für unsere Sache, die all ihre zu erübrigende Arbeitskraft auf unsere Sache verwenden, dass die - ja, ich kann es nicht anders sagen - oftmals in allerschärfster Weise missverstanden werden. Man hört dann da und dort solche Worte wie: Es herrscht eine schreckliche Wirtschaft, man weiß nicht, was alles dahintersteckt! Solche Worte sind schon gefallen; selbstverständlich lohnt es sich nicht, dem nachzugehen, wer sic gesagt hat. Dass solche Worte gesagt wurden, stimmt schon, und sie werden weitergetragen. Aber warum wird dies nicht vermieden, gerade von denen, die es vermeiden könnten? Warum sehen sie nicht darauf, das Vertrauen zu bekräftigen, wie es sich ja auch gehört? Warum wollen sie nicht sehen, wie sich die Vorsitzenden des Johannesbau-Vereins unserer Sache widmen und ihre ganze verfügbare Arbeitskraft in den Dienst der Sache stellen? Warum will man nicht das Vertrauen festigen und bekräftigen, wenn man es in der Hand hat? Warum tut man stattdessen Dinge, die geeignet sind, Missverständnisse hervorzurufen?
Es ist in gewisser Beziehung schon wichtig, meine lieben Freunde, dass eine solche Sache, wie wir sie eben gehört haben, nachher besprochen wird, damit man sieht, wie falsch die Sachen herauskommen können. Es ist selbstverständlich falsch, wenn solche Schriftstücke ausgedacht werden, wie sie uns heute vorgelesen worden sind. Und das Falsche hört auch nicht damit auf, falsch zu sein, wenn man hinterher sagt: Ich habe es nur aus idealistischen Gründen gemacht. Es mag derjenige, der das Schriftstück aufgesetzt hat, einen idealistischen Grund gehabt haben, es mag auch noch ein Zweiter einen solchen haben, aber wenn man einen solchen Brief hinaussendet, dann ist man verantwortlich für das, was man gemacht hat. Man ist nicht bloß verantwortlich für das, was man beabsichtigt hat, sondern auch für alles, was daraus folgt. Nicht wahr, selbstverständlich kann der beste Wille dahinterstehen, aber das ändert die schlechte Wirkung nicht. Und es steckt auch nicht eine sehr gedankenvolle Arbeit hinter einem solchen Schriftstück. Man sollte wirklich achtgeben auf das, was man sagt.
Ich sage das alles unter der Voraussetzung, dass nun wirklich vollste - lichtvollste! - Harmonie hier herrscht. Warum entsteht der Anschein, als ob es nicht so wäre? Da liegen eben doch Dinge vor, die geschehen sind, aber nicht zu geschehen brauchten.RUDOLF STEINERS HANDSCHRIFTLICHE
KORREKTUREN IM ENTWURF DER STATUTEN
FÜR DEN DORNACHER KOLONISTENVEREIN
verabschiedet auf der 3. Generalversammlung des
Johannesbau-Vereins am 31. Dezember 1915
Korrekturen Rudolf Steiner kursiv in Klammern und gegebenenfalls mit Durchstreichungen gekennzeichnet
Statuten des Vereins
«Anthroposophen-Kolonie Dörnach»
(«Johannesbau-Colonie Dörnach»}
§L
Unter dem Namen «Anthroposophen-^/. 5.-)Kolonie-Dornach» besteht in Dörnach (Kanton Solothurn, Schweiz) ein Verein im Sinne von Art. 60ff. des Schweiz. Z.G.B. Er ist im Handelsregister des Kantons Solothurn einzutragen.
§2.
Der Verein hat den Zweck, eine Anthroposophen-Kolonie in Dörnach ins Leben zu rufen und zu entwickeln, sowie die ideellen Interessen der Kolonisten zu wahren und zu fördern. Dabei stellt er sich die weitere Aufgabe, zu erreichen, dass die innerhalb der Kolonie erstellten Bauten in ihrer äußern architektonischen Gestaltung zum Johannesbau als ihrem Zentrum in Beziehung stehen.
(yVird aus Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft gebildet und bezweckt, mit dem Johannesbau als räumliches Zentrum eine Kolonie zu begründen und durch deren Gestaltung zur Verwirklichung der Intensionen der anthroposophischen Bewegung beizutragen.}
§3.
Der Verein sueht diesen Zweck durch namentlich folgende Mittel zu erreichen:
a) durch Beschaffung von geeignetem Bauland, sei cs durch Erwerb zu Eigentum oder durch Erwerb zu Baurecht. (Art. 675 & 779 Z.G.B.),
b) durch Erstellung von Straßen-, Kanalisations- und Beleuchtungsanlagen,
c) durch Erwerb von Quellen, Zuleitung von Wasser, Gas und Elektrizität,
d) durch Erstellung von Wohngebäuden, sonstigen Baulichkeiten und Anlagen, die zur Verwirklichung des Vereinszweckes, (insbesondere durch möglichstes Einhalten des durch den Johannesbau gegebenen Baustiles) dienen können,
e) durch Erwerbung bestehender Baulichkeiten, durch deren Abtragung oder Umbau die Gesamtanlagcn der Anthroposophen- (/oZ><tnnesZ’4iw-)K.olonie-Dornach wesentlich verbessert werden können,
f) durch Abgabe von bebauten oder unbebauten Parzellen an seine Mitglieder zu beschränkter Verwendung,
g) durch Vermietung von Baulichkeiten zu Verwendungen, welche das Leben in der Kolonie nicht stören.
§4-
Das Land und die Gebäulichkeiten der Anthroposophen-!/. ZQKo- lonie Dörnach» sollen dauernd der Sache der anthroposophischen Bewegung erhalten werden und deshalb möglichst im Eigentum der Kolonie selber oder ihrer Mitglieder (oder desJohannesbau-Vereins) verbleiben. Um dieses zu erreichen, sind bei Abgabe von Land oder Gebäulichkeiten folgende Normen einzuhalten:
a) Land und Gebäulichkeiten sind bei der Abgabe zugunsten der Anthroposophen-Kolonie (Landparzelle Nr.) mit einer Dienstbarkeit zu belasten, dass auf und in denselben niemals eine Wirtschaft
oder ein Gewerbe betrieben werden darf, welches die Nachbarschaft durch Lärm (Ausnahmen können vom Vorstände y.ugestanden werden), Staub, Rauch, Ruß, Geruch belästigt, oder mit Feuers- oder Explosionsgefahr verbunden ist, sowie, dass auf und in denselben keine Tiere gehalten werden dürfen, welche der Nachbarschaft durch Lärm oder üblen Geruch lästig werden. (In Bezug auf Lärm können Ausnahmen von dem Vorstande zugebilligt werden.)
b) Die Abnehmer von Land oder Gebäulichkeiten haben der Anthroposophen-Kolonie Dörnach ein Kaufrecht einzuräumen, des Inhaltes, dass nach Ausscheiden des Abnehmers aus dem Vereine die Anthroposophen-Kolonie zu jeder Zeit berechtigt ist, Land und Gebäulichkeiten zu dem durch eine gemeinsame Expertise festge- stellten Werte zu im Voraus vereinbarten Bedingungen mit einjähriger Räumungsfrist käuflich zu erwerben. Dieses Kaufrecht soll im Grundbuch eingetragen und ein Jahr vor seinem Ablauf jeweilen im zehnten Jahre (bei sonstigem Verlust der Mitgliedschaft) erneuert werden.
Die Anthroposophen-Kolonie wird von diesem Rechte nur dann Gebrauch machen, wenn das Verbleiben des früheren Mitgliedes als Eigentümer der betreffenden Parzelle für die Kolonie oder die anthroposophische Bewegung namhafte Inkonvenienzen zur Folge hat, worüber eine Vereinsversammlung in geheimer Abstimmung mit absolutem Stimmenmehr sämtlicher Vereinsmitglieder entscheidet; der Betroffene hat das Recht, gegenüber diesem Vercinsbeschlusse innert Monatsfrist seit dessen Mitteilung das in § 19 vorgesehene Schiedsgericht anzurufen.
Im Falle des Ausscheidens aus dem Verein durch Tod jedoch gegenüber den Nachkommen in der ersten Generation erst ausgeübt werden, wenn diese Nachkommen bis zum erlangten dreißigsten [Lücke im Text]
c) Ebenso haben die Abnehmer von Land oder Gebäulichkeiten der Anthroposophen-Kolonie Dörnach ein (dingliches) Vorkaufsrecht einzuräumen, dass bei einem Verkaufe an einen außerhalb der Anthroposophen-Kolonie Dörnach stehenden Käufer die Anthro- posophen-Kolonie Dörnach berechtigt ist, in den betreffenden Kaufvertrag einzutreten. Auch dieses Vorkaufsrecht soll im Grundbuche eingetragen und (ein Jahr) vor seinem Ablauf jeweilen (bei sonstigem Verlust der Mitgliedschaft) im zehnten Jahr erneuert werden.
d) Endlich haben sich die Abnehmer von Land oder Gebäulichkeiten der Anthroposophen-Kolonie Dörnach zu verpflichten, dass sie Gebäulichkeiten nur an Vereinsmitglieder vermieten unter einer Con- ventionalstrafe von 10000.- Frs. (zehntausend Franken), wofür eine Grundpfandverschreibung auf der betreffenden Liegenschaft eingetragen werden soll, welche in ihrem Range den zur Zeit der Kaufregelung bestehenden Pfandrechten unmittelbar nachfolgt, und zwar mit dem Rechte des Nachrückens bei Teilabzahlungen an die vorgehenden pfandversicherten Forderungen. Der Vorstand kann jedoch im einzelnen Falle in freier Weise auf Zusehen hin & mit jederzeitiger Widerruflichkeit die Bewilligung erteilen, auch an Nichtmitglieder zu vermieten. (Anstreichung des Absatzes mit Anmerkung: geändert)
§5.
Zur Aufnahme in den Verein ist erforderlich, dass die aufzunehmende [Person) Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft ist. Es können aber auch Vereinigungen von Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft (Vereine, Gesellschaften, Ortsgruppen, Landesgruppen und so weiter) in den Verein aufgenommen werden; dieselben haben einen ersten und zweiten Vertreter zu bezeichnen, von denen der erste, bei dessen Verhinderung der zweite, die Mitgliedschaftsrechte für die Vereinigung ausübt.
Die Aufnahme erfolgt aufgrund eines schriftlichen an den Vorstand gerichteten Aufnahmegesuches (nach erfolgter Debatte) m geheimer Abstimmung durch einen Vereinsbeschluss mit dem absoluten Mehr sämtlicher Vereinsmitglieder.
Über den Verein die Gründe, die für die Aufnahme oder Ablehnung von den am Vereinsbeschluss beteiligten Personen (vorgebracht werden), sowie über die Namen der Für- oder Gegenkandidaten haben die Teilnehmer (an den Abstimmungen) nach außen Stillschweigen zu beobachten und dieses nur zu brechen, [Lücke im Text - Rest des handschriftlichen Textes aus dem Text der gedruckten Statuten rekonstruiert] wenn ein berechtigter Anspruch dazu nach Ansicht des Vorstandes der Kolonie geltend gemacht wird. Wer auf ein Grundstück oder auf eine Baulichkeit oder auf beides vom Johannesbau-Verein ein Nutznießungsrecht übertragen erhält, genießt die vollständigen Rechte, einschließlich aller Stimmrechte eines Mitgliedes, und hat dessen Pflichten zu erfüllen.)
Eingefügte Liste mit Mitgliedern am 1. Dezember 1915 [abgekürzt, hier ohne Vor- und Ortsname]:
(Frau Dr. Grossheintz), Levy, Ehmck, Ostermayer & Lutz, Greber, Rebstein, Liedvogel, Peelen, Meebold, Peet, Muntz, Grossheim, Hilverkus, Gatey, Hagemann-Maquet, Ruffner, Collison, Smit, Herwarth, Freund, Strakosch, Richmond, Eiffe, Johannesbau-Verein, Gruppe Holland, Laute. Handschriftlich hinzugefügt: Wilson, deJaa- ger, Mutach, Weigele theos. Künstl. Fonds: Mackenzie (4 Bau-Ausschuss: de Jaager, Peelen, Mutach, Eiffe, Frau Grossheintz, v. Herwarth)
Der Aufgenommene ist verpflichtet, ein Baugrundstück oder ein Haus innerhalb der Kolonie zu haben oder innerhalb Jahresfrist zu erwerben. (!!) Diese Verpflichtung besteht nicht für aufgenommcnc Vereinigungen; es genügt für sie, dass eines ihrer Mitglieder ein Baugrundstück oder Haus innerhalb der Kolonie hat oder erwirbt oder dauernd mietet. Nichteinhaltung dieser Verpflichtung hat Ausschluss oder Stillstellung zur Folge.
Durch die Aufnahme unterwirft sich der Aufgenommene allen Bestimmungen dieser Statuten und allen Abänderungen derselben, welche in rechtmäßiger Weise zustande kommen werden.
§6.
Der ordentliche Jahresbeitrag beträgt für alle Vereinsmitglieder Fr. 30.- (Dreißig Franken).
Die außerordentlichen Jahresbeiträge werden jährlich von der ordentlichen Vereinsversammlung beschlossen. Für deren Erhebung sind die Mitglieder nach Maßgabe des Flächeninhaltes ihres Grundbesitzes (der Grundsteuerschätzung ihrer Liegenschaft) in drei Klassen eingeteilt (1. Klasse bis 1500 m2 (15,000 Franken), II. Klasse von 1500 bis 3000 m2 (15,000 bis 50,000 Franken), 111. Klasse über 3000 m2 50,000 Franken), wovon Mitglieder der 1. Klasse den einfachen, solche der II. Klasse den doppelten, solche der III. Klasse den dreifachen Ansatz entrichten. (Für die Kostenverteilung der Straßen-, Kanalisations-, Wasserleitungs-, Gas- und Elektrizitäts-Anlagen wird ein besonderes Regulativ aufgestellt.) Die Vereinsversammlung setzt jeweilen den Einheitssatz fest, die Einteilung der Mitglieder in die Klassen erfolgt durch den Vorstand. Mitglieder, welche noch keinen Grundbesitz erworben haben oder solchen nur mietweise innchaben, bezahlen den einfachen Ansatz. Nutznießer im Sinne des § 5 werden für alle Rechte und Pflichten des § 6 den Eigentümern gleichgestellt.
§7.
Die Mitgliedschaft geht verloren durch Austritt, welcher zu jeder Zeit offen steht, durch Verlust der Mitgliedschaft der Anthroposophischen Gesellschaft, (durch Ableben) und durch Ausschluss.
Ein Mitglied kann auch auf bestimmte Zeit in der Ausübung der Mitglicdschaftsrechtc, namentlich in der Teilnahme an Vereinsversammlungen, Abstimmungen und Wahlen, stillgestellt werden; jedoch werden dadurch seine Rechte am Grundbesitz innerhalb der Kolonie nicht betroffen.
§8.
Der Ausschluss oder die Stillstellung erfolgen durch Vereinsbeschluss; es müssen dafür wichtige Gründe vorliegen, welche dem Betroffenen schriftlich mitzuteilen sind. Der Ausgeschlossene oder Stillgestellte kann innert Monatsfrist durch Einreichung eines schrift- liehen begründeten Rekurses den Entscheid des Schiedsgerichtes (§ 19) anrufen.
§9 .
Für die Verpflichtungen des Vereins haftet nur das Vereinsvermögen; eine persönliche Haftung der Mitglieder ist ausgeschlossen.
§ 10.
Das Vermögen wird namentlich gebildet:
a) durch die ordentlichen und außerordentlichen Mitgliederbeiträge, b) durch freiwillige Beiträge, Schenkungen und Vermächtnisse, c) durch Land und Gebäulichkeiten, welche der Verein erwerben
wird, und deren Erträgnisse,
d) durch Erlöse aus Land und Gebäulichkeiten, welche der Verein verkauft und deren Zinsen,
e) durch Rückstellungen (§ 17).
§11.
Die Organe des Vereins sind:
1. Die Vereinsversammlung,
2. der Vorstand,
3. der Bauausschuss,
4. die Rechnungsrevisoren.
§ 12-
Die {ordentliche) Vereinsversammlung tritt ordentlicherweise jährlich einmal in der Regel im Monat August zusammen.
Eine außerordentliche Vereinsversammlung kann jederzeit vom Vorstande einberufen werden; es muss dies geschehen, sobald ein Fünftel (z. g. B.) sämtlicher Vereinsmitglieder unter Angabe des Vcr- handlungsgegenstandes solches schriftlich verlangt.
Die Einberufung der Vereinsversammlungen erfolgt durch den Vorstand mittels eingeschriebener Briefe an die Mitglieder, welche Ort und Zeit und die Vcrhandlungsgegenstände angeben; diese Einladungen sind bei ordentlichen ('Verezns-)Versammlungen spätestens 30 Tage, bei außerordentlichen spätestens 3 Tage vor der Versammlung zu erlassen.
Die Vereinsversammlung wird durch den Vorsitzenden des Vorstandes oder den vom Vorstande ernannten Stellvertreter eröffnet und geleitet; er ernennt den Protokollführer und die Stimmenzähler.
An den Vereinsversammlungen kann sich ein Mitglied durch ein anderes vertreten lassen. Der Vertreter hat zu Beginn der Versammlung die schriftliche Vertretungsvollmacht abzugeben.
Die Beschlüsse werden mit absoluter Mehrheit der anwesenden Mitglieder gefasst, Vorbehalten die Bestimmungen für Aufnahme (§ 5), Auflösung (§ 20), Statutenänderung (§ 21), Ausübung des Kaufrechts (§ 4 b).
Jedes Mitglied hat eine Stimme. Bei Stimmengleichheit hat der Leiter der Versammlung den Stichentscheid.
Die Abstimmungen erfolgen offen, wenn nicht die Mehrheit der Versammlung geheime Abstimmung beschließt oder solche dttreh die Statuten vorgeschrieben ist (§ 4b, §5).
Die Protokolle der Vereinsversammlungen werden vom Versammlungsleiter und Schriftführer unterzeichnet.
Die schriftliche Zustimmung aller Mitglieder zu einem Antrag ist dem Beschlüsse einer Vereinsversammlung gleich gestellt (Art. 66 Z. G. B.).
§ 13.
Der Vereinsversammlung sind namentlich folgende Geschäfte Vorbehalten:
a) Wahl des Vorstandes und seines Vorsitzenden, sowie Abberufung derselben,
b) Wahl des Bauausschusses,
c) Wahl der Rechnungsrevisoren,
d) Bestimmung des außerordentlichen Mitgliederbeitrages,
e) Genehmigung der Jahresrechnung,
f) Aufnahme, Ausschluss und Stillstellung von Mitgliedern, g) Beschlussfassung über Ausübung des Kaufrechts (§ 4b), h) Genehmigung genereller Baupläne,
i) Statutenrevision, k) Auflösung des Vereins.
Außerdem hat ihr der Vorstand wichtige Geschäfte, welche im einzelnen Fall eine Verpflichtung oder eine Ausgabe von mehr als Fr. 10,000 (zehntausend Franken) zur Folge haben, zur Besprechung und Beschlussfassung vorzulegen.
§ 14.
Der Vorstand besteht aus (mindestens) 5 —7 Mitgliedern und wird jedes Jahr an der ordentlichen Vereinsversammlung gewählt. Scheidet während des Amtsjahres ein Vorstandsmitglied aus, so hat der Vorstand für den Rest der Amtsdauer das Recht, eine Zuwahl vorzunehmen.
Der Vorstand konstituiert sich selber durch Wahl des stellvertretenden Vorsitzenden, des Schriftführers und des Kassiers.
Zu einer gültigen Beschlussfassung des Vorstandes ist die Mitwirkung der absoluten Mehrheit der Vorstandsmitglieder nötig; die Beschlüsse werden gefasst mit dem absoluten Mehr der Anwesenden.
Es können auch Beschlüsse auf dem Cirkulationswege gefasst werden; für deren Zustandekommen ist die schriftliche Zustimmung der absoluten Mehrheit der Vorstandsmitglieder nötig, jedoch muss die Cirkulation bei sämtlichen Vorstandsmitgliedern erfolgt sein.
Der Vorstand ist das ordentliche Organ für die Geschäftsführung; in seine Kompetenz fallen alle die Erreichung des Vereinszweckes betreffenden Geschäfte, welche nicht durch Gesetz oder die Statuten (§ 13) der Vercinsversammlung, oder durch die Statuten dem Bauausschuss (§ 15), den Rechnungsrevisoren (§ 16) oder dem Schiedsgerichte (§ 19) vorbehalten sind. Er bereitet die Geschäfte der Vereinsversammlung vor und vollzieht ihre Beschlüsse.
Er bezeichnet diejenigen Vorstandsmitglieder, welche für den Verein die rechtsverbindliche Unterschrift fuhren sollen (§ 18).
Der Vorstand ist befugt, bestimmte Obliegenheiten an einzelne Mitglieder zu übertragen, sowie für die Prüfung und Begutachtung wichtiger Geschäfte Sachverständige zuzuziehen, welche nicht Mitglieder des Vereins sein müssen; (jedoch sollen außerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft Stehende als solche Sachverständige nur berufen werden, wenn für die in Frage kommenden Fälle keine Sachverständige innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft zu finden sind).
Wenn der Vorstand ein Geschäft mit einer Verpflichtung oder einer Ausgabe von mehr als Franken 10,000 (zehntausend Franken) abschließt, ohne nach § 12 letzter Absatz die Genehmigung der Vereinsversammlung einzuholen, so werden diejenigen seiner Mitglieder, welche nicht nachweisbar gegen einen solchen Abschluss gestimmt haben, dem Vereine für allen daraus entstehenden Schaden haftbar und können selbst zur persönlichen Übernahme des betreffenden Geschäftes angehalten werden; hierüber haben die ordentlichen Gerichte mit Ausschluss des in § 19 vorgesehenen Schiedsgerichtes zu entscheiden.
§ 15.
Der Bauausschuss besteht aus fünf Personen (Mitgliedern), wovon vier dem Vereine angehören und eines dem «Johannesbau-Verein Dörnach» entnommen wird.
Der Bauausschuss entscheidet über die äußere architektonische Gestaltung der Bauten, welche die Vercinsmitglicder innerhalb der Kolonie ausführen wollen. Er hat seinen (motivierten) Entscheid innerhalb drei (sechs) Wochen nach Einreichung der betreffenden Baupläne zu treffen und dem Baugesuchsteller mitzuteilen. Bei Nichtgenehmigung hat der Bauausschuss innert spätestens drei Monaten dem gesuchstellenden Bauherrn die Planabänderungen in Form ausgearbeiteter Projekte zuzustellen.
Der Bauausschuss hat nur die äußere architektonische Gestaltung der Bauten zu beurteilen, die Grundrissaufteilung bleibt dem Bauherrn vorbehalten.
Für Begutachtung der Baupläne und Beratungen hat der Bauausschuss fachmännisch oder künstlerisch gebildete Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft beizuziehen.
§ 16
Alljährlich in der ordentlichen Vereinsvcrsammlung werden zwei Vcreinsmitglicder zu Rcchnungsrevisoren gewählt. Sie prüfen die Jahresrechnung und geben darüber einen Bericht zuhanden der Vereinsversammlung ab. Ohne diesen Bericht darf von der Vereinsversammlung die Jahresrechnung nicht genehmigt werden.
§17 .
Auf Ende jeden Kalenderjahres ist vom Vorstande nach kaufmännischen Grundsätzen die Jahresrechnung aufzustellen. In derselben sind für Sicherung des ordentlichen Betriebes einer Geschäftsstelle und für außerordentliche Vorfälle angemessene Rückstellungen zu machen.
§ 18.
Die rechtsverbindliche Unterschrift für den Verein führen die vom Vorstande aus seiner Mitte bezeichneten Mitglieder gemeinsam je zu zweien.
§19 .
Alle Streitigkeiten zwischen dem Vereine einerseits und seinen Organen und Mitgliedern anderseits, ferner alle Streitigkeiten zwischen Organen einerseits und andern Organen oder Vereinsmitgliedern anderseits, endlich Streitigkeiten zwischen Vereinsmitgliedern unter sich über Vereinsverhältnisse, werden endgültig unter Ausschluss der ordentlichen Gerichte durch ein Schiedsgericht entschieden, bestehend aus drei Schiedsrichtern, welche für jeden einzelnen Fall vom Centralvorstand der Anthroposophischen Gesellschaft gewählt (Vorstand des Johannesbau-Vereins designiert) werden. (Zu diesen Schiedsrichtern können auch Mitglieder des Vorstandes des »Johannesbau-Vereins» designiert werden.)
Lehnt der Centralvorstand im einzelnen Falle die Bildung des Schiedsgerichtes ab, so haben die ordentlichen Gerichte über den betreffenden Streitfall materiell zu entscheiden.
Das Schiedsgericht bleibt auch zuständig für die Streitigkeiten zwischen dem Vereine und einem ausgeschiedenen Mitgliede bzw. seinen Rechtsnachfolgern, solange nicht eine endgültige Regelung des Verhältnisses des Ausgeschicdenen zum Vereine stattgefunden hat, so namentlich für die Ausübung des Kaufrechts (§ 4b).
Nicht zuständig ist das Schiedsgericht zum Entscheide über die Haftbarkeit von Vereinsorganen und deren Mitgliedern gemäß § 14, letzter Absatz.
§20 .
Zur Auflösung des Vereins bedarf es eines Vereinsbeschlusses, welcher mit Mehrheit an einer Vereinsversammlung gefasst wird, an welcher mindestens % sämtlicher Mitglieder anwesend oder vertreten sind.
Das nach der Liquidation verbleibende Vereinsvermögen fällt dem Johannesbau-Verein in Dörnach zu.
§21 .
Die Revision dieser Statuten kann in einer ordentlichen oder außerordentlichen Vereinsversammlung, an welcher mindestens % sämtlicher Mitglieder anwesend oder vertreten sind, mit % Mehrheit beschlossen werden.DISKUSSIONSBEITRÄGE RUDOLF STEINERS
WÄHREND DER 4. ORDENTLICHEN GENERAL-
VERSAMMLUNG DES JOHANNESBAU-VEREINS
DÖRNACH
Dörnach, 24. September 1916
Auszug aus dem Protokoll der Aussprache über die Goesch-Sprengel-Angriffe
Dr. Steiner: Gerade mit Rücksicht auf das - nur formell - möchte ich etwas sagen, etwas einwerfen, nur formell. Nicht wahr, ich möchte da einiges bemerken: Ich möchte einwerfen, ob viele Mitglieder nachgedacht haben darüber, welche Absichten eigentlich bestehen, um Dinge herbeizuführen, sagen wir zunächst bei Dr. Gösch, und vielleicht auch bei Frl. Sprengel, welche Absichten bestehen, um Dinge herbeizuführen, die irgendwie schadenbringend für die Anthroposophische Gesellschaft sind. Nicht wahr, solche Dinge, wie diejenigen sind, die uns da entgegentreten, sind verhältnismäßig leicht zu behandeln, wenn man sein subjektives Urteil ins Feld führt und sagt: Wir sind in dieser Weise angegriffen worden; solche Angriffe erfordern, dass man sie nach einiger Zeit ignoriert.
Gewiss, man ist entrüstet über solche Ansichten, und es ist ein berechtigtes subjektives Urteil, dass man sie ignoriert. Das kann man ja tun, selbstverständlich. Aber die Frage ist doch diese: ob man nicht bei einer solchen Sache die wirkliche, objektive Frage studieren müsste: Was kann aus solchem Verhalten eigentlich erfolgen? Und da kann man nur eine Antwort finden nach den Erfahrungen, welche auf einer gewissen okkulten Grundlage stehende Gesellschaften in solchen Fällen gemacht haben, wo einem solche Dinge gegenübergetreten sind.
Dasselbe, was geschehen ist, um okkulte Gesellschaften zu ruinieren, wird natürlich auch in diesem Falle angestrebt, mehr oder weniger bewusst oder unbewusst angestrebt. Ich will es heute noch nicht bezeichnen, weil es mir lieber wäre, wenn aus dem Schoße der Gesell- schäft der eine oder andere finden würde, was eigentlich beabsichtigt ist mit dem ganzen Angriffe. Wirklich, bei diesem Angriff handelt cs sich viel weniger darum, was nun in dem einen oder in dem andern Schriftstück gesagt wird, oder nicht gesagt wird, sondern, dass abgesehen davon [etwas] beabsichtigt wird dadurch, dass man den einen oder anderen Satz, in dieses oder jenes Schriftstück hineinstellt. Nicht wahr, Dr. Goesch ist ein Jurist außerdem, neben allem Übrigen, und er setzt seine Sätze in seinen Schriftstücken nicht bloß aus dem Grunde, aus dem viele in ihren gegnerischen Schriften sie, ich möchte sagen, in naiver Unbefangenheit und in holder Unschuld setzen, sondern Dr. Goesch weiß, welcher Satz in einem bestimmten Schriftstück stehen muss, wenn er diese Schriftstücke später irgendwie in einem juristischen Kampfe verwenden will. Er weiß, wie man das macht, wenn in irgendeinem Satzteil das oder jenes dazwischen eingesteckt ist: Die haben sich zu diesem oder jenem so verhalten. Also, dass wir den einen oder andern Satz zurückweisen, darauf kommt es weniger an, sondern dass wir studieren, was hinter diesen Attacken eigentlich steht, und was aus allen diesen Attacken heraus mehr oder weniger bewusst oder unbewusst eigentlich beabsichtigt wird.
Gewiss, es kann ja alles gemacht werden. Aber würde der Brief, den Frau Dr. Grosheintz schreiben möchte, so ohne Weiteres abgeschickt, dann würden daraus wiederum einige Monate hingehen, mit Briefeschreiben darüber, dass in diesem Briefe das Wort «böse» steht, und nicht das Wort «schlecht», nach den verschiedenen Dispositionen, die bei ihm gepflogen worden sind. Es steht bei ihm das Wort «böse», Sic haben das Wort «schlecht» gebraucht. Nach den Argumentationen von Dr. Goesch würde das einer langen Diskussion bedürfen; er würde sich streng dagegen verwahren, «schlecht» gesagt zu haben, sondern «böse» gesagt zu haben, und Sie würden verstrickt werden in das, was in ein wenig geschmackvollerer Weise in diesen Tagen eine «Seeschlange» genannt worden ist; über dieses Wort «schlecht» und «böse» würde wiederum eine lange Diskussion entstehen können, Diskussionen, die beabsichtigt sind, in ganz anderer Weise verwertet zu werden, als in bloßer Rede und Gegenrede.
Also ich meine: Bedenken Sie, studieren Sie einmal okkulte, oder okkult sein wollende Bewegungen. Ein besonders interessantes Kapitel dürfte Ihnen sein, wenn Sie z. B. die Leipziger Bewegung studieren, auch die Theosophische Bewegung, wobei Sie zurückgehen könnten z. B. bis zur Coulomb-Geschichte. Denken Sie doch nur einmal, dass es nicht eigentlich herausgekommen ist, nicht wahr, dass nichts eigentlich herausgekommen ist, trotz aller Sachverständigenurteile, trotz aller Gerichtsverhandlungen. Ich weiß nicht, ob es zu sehr zahlreichen Gerichtsverhandlungen kam oder nicht, nie ist es herausgekommen, was eigentlich in der Coulomb-Geschichte gespielt hat. Und was in der Coulomb-Geschichte gespielt hat, das wissen nur wenige. Aus solchen Dingen ist nur Weniges herausgekommen. Herr Direktor [SellinJ, Sie werden wissen, dass durch alle Verhandlungen nichts herausgekommen ist eigentlich.
Also es ist unter Umständen selbstverständlich auch in diesem Falle, dass für die Öffentlichkeit, die angestrebt wird, nichts herauskommt selbstverständlich; aber, nicht wahr, nachdenken aus der Geschichte solcher Bewegungen sollte man, wie es gemacht würd, wenn man die Bewegungen ruinieren will. Das ist dasjenige, was man den Handlungsweisen zugrunde legen muss.
Ich mache Sie zum Beispiel darauf aufmerksam, um, wie gesagt, nicht ganz in geheimnisvoller Weise zu reden, nicht wahr, dass ich das alles nur ins Unverständliche kleide, ich mache Sie darauf aufmerksam, wie die Dinge gehen. Es handelte sich also bei der Coulomb- Geschichte 1884 darum, dass beschuldigt wurden Frau von Blavatsky und ihre Anhänger, gewisse Kundgebungen dadurch hervorgebracht zu haben, dass Schiebetüren in Wänden waren. Also nehmen wir an, es war ein Raum zunächst vorbereitet, ein Raum, in dem diejenigen, denen die Mitteilungen gemacht werden sollten, versammelt waren. Von diesem Raume sollte eine Schiebetüre - unsichtbare Schiebetüre, sagen sic - in einen Schrank gehen; der Schrank sollte hinter der Wand gestanden haben im Schlafzimmer der Frau von Blavatsky, und man sollte haben hineinschieben können Briefe in den Schrank ihres Schlafzimmers, die Frau von Blavatsky herausnehmen konnte und als Kundgebungen irgendwelcher Mahatmas verbreiten. Das ist, kurz angedeutet, eine lange Geschichte.
Nun, nicht wahr, lagen ja die zwei Möglichkeiten vor: Erstens lag die Möglichkeit vor - nun, in diesem Falle ist die Sache zu wichtig, als das man auf irgendjemand Rücksicht nehmen sollte cs lag die Ansicht vor zum Beispiel von dem verstorbenen Dr. Hartmann, Ansichten, die Dr. Hartmann gehabt hat in den achtziger, neunziger Jahren, die dahin gingen, dass gewisse Unzukömmlichkeiten sich herausgebildet haben zwischen Frau von Blavatsky und einigen Hintermännern, die nun wiederum hinter den Coulombs standen. Die Coulombs waren so, dass sie befreundet waren mit Frau von Blavatsky - Herr Coulomb als Bibliothekar und Frau Coulomb als so eine Art Haushälterin in Adyar und diese Coulombs sind hineingeritten worden von den Hintermännern, und namentlich hineingeritten worden. Frauen spielen ja in diesen Fällen eine gewisse Rolle. Natürlich, christliche Missionare haben die Dinge geschürt selbstverständlich; die reden ja jetzt immer noch darüber; Missionare lassen dicke Bücher über die Sachen erscheinen.
Nicht wahr, man kann die Ansicht haben, dass also die Coulombs beschwatzt worden sind, zu Feinden von Frau von Blavatsky gemacht worden sind, und dass Emma Coulomb nachträglich die Schiebetür eingefügt hat, die ursprünglich nicht drinnen war, und dadurch die Kommissionen, die hinterher gekommen sind, die Schiebetüre gefunden haben natürlich. Dieser Ansicht war Dr. Hartmann: dass nämlich die Welt getäuscht sein will, und dass also Blavatsky ein gewisses Recht hatte, die Welt zu täuschen, als also die Schiebetüre drinnen war. Nicht wahr, das hat er ja ausdrücklich in einer sehr ausführlichen Weise beschrieben.
Nun kann man ja selbstverständlich zwei Meinungen haben, wenn man so etwas hört, aber nicht wahr, beide Dinge sind da, sind ja eben doch da, nicht nur verteilt auf verschiedene Persönlichkeiten, sondern nur auf eine; und ein und dieselbe Persönlichkeit hat in dieser Tatsache zweierlei Meinungen gehabt. Wie sollen denn überhaupt durch irgendwelche Untersuchungen die Dinge geklärt werden, nicht wahr? Machen Sie sich nur klar also, was man eigentlich gegenüber solchen Gesellschaften, die auf einer okkulten Basis stehen, was man da gewollt hat in einem solchen Falle, was da eigentlich vorliegt, was da beabsichtigt ist, mehr unbewusst; und davon natürlich muss die Handlungsweise abhängig sein.
Ich habe das gerade an dieser Stelle eingefügt, weil es von diesem Gesichtspunkte aus durchaus nicht ganz gleichgültig ist, ob ein Brief geschickt wird, direkt, durch die Post, an Herrn Goesch und Fräulein Sprengel, oder ob durch Vermittlung von weiteren Persönlichkeiten. Denn das ist wiederum eine Tatsache, die ins Leben gerufen wird, dass man durch andere Persönlichkeiten diesen Brief schickt. Diese Tatsachen können alle eine ganz gewaltige Rolle spielen später; zum Beispiel ließen sich denken Vorgänge, in denen eine ganz ausführliche Rolle spielen würde die Tatsache, dass auf dem Umwege durch andere Persönlichkeiten diese Briefe an deren Adresse geschickt worden sind!
Und das alles, nicht wahr, rückt aber erst in das rechte Licht, wenn man in Erwägung zieht, was eigentlich beabsichtigt worden ist. Und wie gesagt: Das Studium der Leipziger Gesellschaft, das Studium der Theosophischen Gesellschaft, kann Ihnen da manche Anhaltspunkte bieten, um klar zu sehen. Denn es lässt sich der Wahrheit gegenüber wirklich nicht das Prinzip anwenden: Dieses oder jenes beleidigt mich; dies oder jenes entrüstet mich, und auf das oder jenes muss dann dies oder jenes erfolgen, entweder ignorieren, oder eine Klage, oder irgendetwas, das man zurückwirft. Nicht wahr, vertreten lässt sich von vornherein der Standpunkt des Ignorierens ebenso gut wie der Standpunkt des Zurückweisens. Ich bin nicht ganz einverstanden mit Herrn Bauer, wenn er sagt: Wenn man nicht trifft, so unterlässt man das lieber. Es handelt sich darum, nicht wahr. Sie wissen schließlich, gewisse Duelle werden auch nur ausgeführt unter der Voraussetzung, dass eigentlich nicht getroffen wird. Ich will hier nicht als Verteidiger auftreten, aber selbstverständlich wissen Sie alle, dass einer derselben von vornherein weiß, er schießt in die Luft - um den Vergleich heranzuziehen. Also es könnte durchaus gerechtfertigt sein, einmal einen Luftschuss zu machen. [Als] Luftschüsse, mehr oder weniger werden ja alle diejenigen Dinge entwickelt, die man nach dieser Seite unternehmen kann, [um] eine Überzeugung hervorzurufen. Wer sich dieser Überzeugung also hingibt einer Besserung oder eines Friedens, der ist auf einer falschen Fährte. Aber es handelt sich ja darum, das Richtige zu tun aus den Erfahrungen einer okkulten Gesellschaft heraus. Also ich möchte wirklich fragen, ob nicht die Mitglieder sich darauf einlassen wollten, zu sehen, was eigentlich hinter dieser Sache steckt, was eigentlich gewollt wird.
Das ist ein abstrakter Satz, dass man sagt, die Leute wollen der Bewegung schaden. Also darum kann es sich nicht allein handeln, sondern: Wie wollen sie - das ist ja das Wichtige - verhindern, dass man der Bewegung nicht schadet? Das wird ihnen ja gewiss nicht gelingen. Aber dasjenige, was sie tun wollen, um das zu tun, das dann unter Umständen größere Schädigungen hervorbringt, [das sollte] verhindert werden können, wenn man selber richtig herausfindet, was zu tun ist.
Also ich will nur dieses einwerfen: Wollen nicht einige Mitglieder sich auf den Pfad des Nachdenkens darüber begeben, was eigentlich im Konkreten beabsichtigt ist, was die Leute tun wollen, herbeiführen wollen, um die Bewegung zu schädigen?DISKUSSIONSBEITRÄGE RUDOLF STEINERS
SOWIE WORTE ÜBER DIE PLASTISCHE GRUPPE
WÄHREND DER 5. ORDENTLICHEN
GENERALVERSAMMLUNG DES
JOHANNESBAU-VEREINS DÖRNACH
Dörnach, 21. Oktober 1917
Emil Grosheintz: Wünscht jemand zum Bericht des Kassiers und zum Rechenschaftsbericht das Wort?
Rudolj Steiner: Ich möchte gern etwas fragen. Also nicht wahr, diese Valuta-Abschreibung, die berechnet ist auf Franken 23 354,65, ist das ein ungefähres Äquivalent oder hat das einen ganz anderen Zusammenhang? Nicht wahr, wir haben immer angegeben die Frankenbeiträge entsprechend den Markbeträgen, was ja heute eine rein illusorische Sache ist. Entspricht nun dem etwas als Äquivalent oder ist ein anderer Zusammenhang?
Herr Lupschewitz: Die Darlehen standen ursprünglich mit 123 per 100 Mark zugut. und wir haben unsere sämtlichen Markbeträge auf die 100 reduziert, und daher ist dieser Kursausgleich.
Rudolf Steiner: Gewiss, das meine ich aber nicht. Ich meine, ob beide Posten einander äquivalieren, einen Zusammenhang haben.
Herr Englert: Nein, diese Franken 23354,65, die sind der Ausgleich, weil diese Darlehen zu 123 gerechnet waren.
Herr Lupschewitz: Die Umrechnung von dieser Summe liegt schon in diesem Betrage drinnen.
Herr Englert: In der Zahl 100 liegt der Zusammenhang.
Rudolf Steiner: Gewiss, nur meine ich, wenn wir hier im Bilanz- Konto, auf der linken Seite nicht die Franken 23 354,65 haben, so würden wir ein illusorisches Bilanz-Konto haben, wegen dieser Fr. 23354,65.
Herr Englert: Das ist der Ausgleich von Soll und Haben.
Rudolf Steiner: Das andere, was ich gerne gefragt hätte, ist dieses: Nicht wahr, es ist bei der Filiale München ein Konto eröffnet. «Die dort vorhandenen Markbeträge sind für uns unter den heutigen Umständen für spätere Zeit eine Reserve.» Sind sie für die gegenwärtige Zeit nicht verwendbar, und können sie gar keine Ablösung finden? Können sie nicht bezogen werden?
Herr Englert: Ja, aber wir hätten dann einen Valuta-Verlust.
Rudolf Steiner: Also gesetzlich wäre es durchaus möglich, dieses Konto herüberzubringen, und es ist nur wegen des Valuta-Verlustes?
Herr Englert: Ja, bis zu 2000 Mark auf einmal. Ich war in Berlin auf einem Bankbureau, und da wurde es mir gesagt.
Rudolf Steiner: Ich wollte dies nur sagen, damit die Mitglieder sich klar sind, dass dieses Bankguthaben in München zunächst liegen bleibt, nicht wegen der gesetzlichen Unmöglichkeit, cs herüberzubringen, sondern nur wegen der Valuta.
Emil Grosheintz: Wünscht noch jemand das Wort? Wenn dies nicht der Fall ist, so erteile ich das Wort den Herren Rechnungs-Revisoren.
[...]
Emil Grosheintz: Wünscht jemand zu dem Berichte der Vorsitzenden das Wort?
Rudolf Steiner: Was ich sagen will, verehrte Freunde, das ist nicht etwa so aufzufassen, als wollte ich die Berichte der verehrten Vorsitzenden irgendwie ergänzen oder lückenhaft finden, sondern ich möchte nur eine Anregung geben zu einer Sache, die mir schon seit langer Zeit aufgefallen ist. Wer bekannt ist mit der Forschung, die angestellt wird über dasjenige, was auf solchen Gebieten früher geschehen ist [und noch heute] - zum Beispiel bei unserem Bau - geschieht, der weiß, wie groß die Schwierigkeiten für die späteren Analysten sind, manche Einzelheiten herauszubekommen, die Historie richtig festzustellen. Ich betone, dass man zum Beispiel heute noch nicht mit vollständiger Gewissheit angeben kann, wann Raffael von Florenz nach Rom gezogen ist. In den Büchern schwanken die Angaben zwischen 1505 und 1508. In solchen Dingen kann man aber der Zukunft ein wenig zu Hilfe kommen - und das würde schon allein die Objektivität erfordern.
Ich möchte die Anregung geben, dass in den Berichten, die in unseren Generalversammlungen gegeben werden und die doch die Grundlage für die Geschichte der Baubewegung bilden werden, wirklich neben der Bewegung der Geldmittel, neben anderen Dingen, auch die Namen unserer treuen Mitarbeiter verzeichnet werden, und zwar wirklich im Einzelnen. Wer da weiß, wie unendlich viel Arbeitskraft hineingeflossen ist in die ganze Bauarbeit, der wird es eigentlich als etwas Selbstverständliches betrachten, dass in den Berichten in erster Linie all die treuen Mitarbeiter, auch mit Bezeichnung ihrer Arbeit und so weiter, auftauchen. Es wird dies vielleicht gerade auch unter den gegenwärtigen Verhältnissen von außerordentlicher Bedeutung und Wichtigkeit sein, ganz abgesehen davon, dass, wie ich meine, die objektive Berichterstattung dadurch die Dankesschuld an jene abzutragen hat, die eben eine wirklich gar nicht hoch genug zu schätzende, gar nicht zu bemessende Fülle und Summe von Arbeit zur Fertigstellung der Gruppe und unseres Baues geleistet haben.
Wenn zum Beispiel betont wurde, wie an der Gruppe gearbeitet worden ist, so möchte ich hervorheben, dass man dabei durchaus eines ins Auge zu fassen hat: Diese Gruppe hätte ohne die treue Mitarbeiterschaft derjenigen, die eben ihre Arbeitskraft der Sache widmen, nicht zustande kommen können; sie hätte absolut nicht zustande kommen können, am allerwenigsten unter den gegenwärtigen Zeitverhältnissen. Sie wissen ja, wie oft ich verhindert war, hier an Ort und Stelle zu sein, und wie viel hat gearbeitet werden müssen, ohne dass ich irgendwie habe dabei sein können. Der Satz zum Beispiel, dass Raffael selbstverständlich auch ohne Flände Raffael wäre, ist ja ein sehr schönes Paradoxon, aber ob wir von Raffael Bilder hätten, wenn Raffael ohne Hände geboren worden wäre, bitte ich Sie doch genauer zu bedenken. Ebenso bitte ich Sie, doch genauer zu bedenken, wie viel von dem ganzen Bau da sein würde, trotz aller Ideen und so weiter, wenn wir nicht eine solch große Anzahl treuer, hingebungsvoller Mitarbeiter [hätten], wahrhaftig hingebungsvoll nicht nur mit ihrer äußeren Arbeitskraft, sondern hingebungsvoll mit ihrer ganzen Seele, ihren Erfindungskräften und ihrem ganzen Künstlertum.
Meine lieben Freunde, wir haben viel zu klagen über manches, was gerade aus den Reihen der Mitglieder gegen unsere Gesellschaft, gegen unsere Bewegung unternommen wird, und cs wird vielleicht auch dieses paradox erscheinen, aber cs ist doch nicht so ganz ohne Zusammenhang damit, dass es eben die Kompensation ist für manches, was ein bisschen fehlt in unserer Bewegung. Und das ist: Man versteht in unserer Bewegung nicht, dankbar genug zu sein für Leistungen; man versteht nicht genug, die Leistungen anderer anzuerkennen. Und wenn wir das Karma verbessern wollen, welches uns gerade aus den Reihen der Mitglieder so merkwürdige, verantwortungslose, ja unglaubliche Gegnerschaften bringt, so kann einiges zur Verbesserung beigetragen werden, wenn wir verstehen, wirklich dankbar zu sein für solche der Bewegung treu geleistete Dienste. Ich bitte die Vorsitzenden, dies durchaus nicht als eine Kritik ihrer Berichte aufzufassen, sondern nur als eine Anregung, die ich gern geben möchte. Ich würde sehr gerne sehen, wenn in unseren Berichten vor allen Dingen auch eine Würdigung der treu geleisteten Dienste unserer Mitglieder enthalten wäre.
Im Anschluss an die Aussprache zum Antrag Mieta Wallers, den Johannesbau in Goetheanum umzubenennen:
Emil Grosheintz: Wir können heute nach unseren Statuten keinen Beschluss fassen; wir können uns nur aussprechen, wir können nur sondieren, ob es überhaupt wünschenswert ist, dass der Name geändert wird, und wenn ja, wann er geändert werden könnte. Oder möchte jemand vielleicht noch einen anderen Namen Vorschlägen? Goethe hat ja in seinen Geheimnissen den Namen «Hu- manus» gebraucht. Könnte man nicht an diesen Namen anknüpfen?
Albrecht Wilhelm Sellin: Verehrte Freunde, die Sache ist für uns, die wir hier anwesend sind, auch neu. Die da draußen in den Zweigen wissen noch gar nichts davon. Es scheint mir nun aber doch rücksichtsvoller zu sein, es zunächst in den Zweigen zu verbreiten, was hier verhandelt worden ist, nämlich dass die Absicht besteht, unseren Bau «Goetheanum» zu nennen. Wir würden die Mitglieder draußen, wenn wir einen Beschluss fassen würden, ja vor eine fertige Tatsache stellen. Mein Antrag geht also dahin, dass wir erst im nächsten Jahre einen Beschluss fassen und inzwischen in den Zweigen daran arbeiten, das Verständnis für diesen Beschluss vorzubereiten.
Rudolf Steiner: Gleich wieder einen übereilten Beschluss zu fassen ist gewiss durchaus nicht nötig. Und außerdem wäre es wünschenswert, dass Statutarisches gerade in solche Dinge nicht zu stark hineinspielt, dass nichts Reglementmäßiges, sondern das lebendige Leben in diese Dinge hineinspielt. Sehen Sie, meine lieben Freunde, ein Beschluss würde heute ohnedies außerordentlich schwierig sein und müsste unter den gegenwärtigen Zeitverhältnissen sehr einseitig gefasst werden, denn mir scheint, dass, wenn der Beschluss heute gefasst würde, eine große Anzahl von Mitgliedern nicht mitstimmen könnten. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen könnten heute nur die Mitglieder neutraler Länder und der Ententemächte mitstimmen; die deutschen Mitglieder wären ja ausgeschlossen. Es würde ein sehr einseitiger Beschluss gefasst werden müssen, nicht wahr. Es kommt aber gar nicht darauf an, einen Beschluss zu fassen, sondern vielmehr darauf, zu wissen, ob Sic wirklich entgegenkommen wollen der Intention, die ich in den letzten Tagen in dem öffentlichen Vortrage ausgesprochen habe, die meine subjektive Intention, meine subjektive Überzeugung ist, denn ich spreche niemals etwas anderes aus als meine Intention, als meine Überzeugung. Wenn man dem entgegenkommen will, so wird es sich vielmehr darum handeln, diese Sache populär zu machen, sodass sie sich einlebt.
Dies entspricht ja überhaupt mehr der Sphäre, aus der diese Anregung hervorgeht - wenn man das eine Anregung nennen will, denn, nicht wahr, Goethe ist ja neben dem, dass er international ist, auch ein Deutscher, und das kommt unter den gegenwärtigen Verhältnissen ja sehr in Betracht. Und, nicht wahr, man darf vielleicht auch noch sagen, dass man einen solchen Vorschlag ja auch nicht aus deutschem Chauvinismus - was ja nicht mit der Gesinnung, sondern mit der Abstammung zu tun hat -, sondern aus deutscher Geistigkeit heraus macht. Und da muss ich gestehen, dass, wenn man so richtig aus deutschem Temperament heraus so etwas sagt, so ist es schon verknüpft mit einer gewissen Eigenschaft im Deutschen, die ja weniger bekannt ist. Das wirkliche deutsche Wesen ist ein Feind allen Organisierens, ein Feind aller Organisation, ein Feind alles Reglementmäßigen, denn das [wirkliche] Deutschtum entspricht nicht dem Reglement, dem Überall-Statuten-Aufstellen und so weiter. Ich betrachte das Vorhandensein von Statuten, von Statutarischem, als ein notwendiges Übel gegenüber der Außenwelt, aber als den Fluch eines jeden gesellschaftlichen Wirkens, das auf lebendigem Zusammenleben basieren muss. Und dies ist eigentlich im Grunde genommen die deutsche Auffassung, denn dass das Deutsche auf Reglementmäßigem, auf Organisation und so weiter beruhe, ist ja eine der unglaublichsten Verleumdungen des deutschen Wesens, das in Wirklichkeit in seinen Tiefen gerade auf den gegenteiligen Eigenschaften fußt.
Daher lege ich persönlich wirklich keinen Wert darauf, ob in den Statuten, die ja schließlich nicht für uns gemacht sind, sondern für die Vertretung der Sache nach außen, ob in diesen der Name «Johannes- Bau» oder «ABC-Bau» oder «Goethe-Bau» oder irgendein anderer Name steht. Ich meine, dass es darauf ankommt, wie wir die Sache ansehen und was wir [zu leisten] vermögen für uns und für die Sache, nicht für das Statutarische, um sie in der Welt in dieser Weise populär zu machen.
Nicht wahr, diese zwei Dinge wurden leider immer viel zu wenig von uns unterschieden, viel zu wenig auseinandergehalten. Die anthroposophische Bewegung gewinnt wirklich nur ihre Bedeutung, wenn sie auf lebendigem Wirken beruht, auf dem unmittelbar lebendigen Wirken. Meine lieben Freunde, für die anthroposophische Bewegung ist es höchst gleichgültig, ob sie diese oder jene Statuten hat, ob sie diesen oder jenen Namen trägt, aber für die anthroposophische Bewegung ist es von allergrößtem, von dem denkbar größten Werte, wenn sie wertvolle Mitglieder hat, die aus vollem Herzen und aus vollem Verständnis heraus überall da, wo sie können, wo es in ihrer Macht und in ihrem Karma liegt, in die gegenwärtigen Kulturströmungen eingreifen. Auf dem menschlich Persönlichen der Mitglieder beruht eigentlich unsere Bewegung. Und das ist es, was durchaus berücksichtigt werden muss: dass jeder die Sache in seinem Herzen trägt, ganz gleichgültig, welchen Namen sie hat. Schwierigkeiten sind verbunden damit, wenn wir den Namen «Johannesbau» ändern, Schwierigkeiten sind damit verbunden, wenn wir ihn behalten.
Von den Schwierigkeiten, die sich in der nächsten Zeit für die anthroposophische Bewegung ergeben und die sich in allen Einzelheiten äußern werden, von diesen Schwierigkeiten machen sich ja leider nicht alle unsere Mitglieder einen gehörigen Begriff. Es sind gewiss solche Schwierigkeiten vorhanden wie jene, die von Mademoiselle Payen erwähnt worden sind. Auf der anderen Seite werden sich ganz gewiss mächtige Schwierigkeiten ergeben, wenn wir den Namen «Johannesbau» beibchalten, schon aus dem einfachen Grunde, weil es in der nächsten Zeit - ich mache nur auf einen Punkt unter vielen aufmerksam - unter Umständen sehr wichtig sein kann, auch einen Namen zu haben, der in der Öffentlichkeit keine Missverständnisse hervorruft. Der Name «Johannesbau» ruft nicht nur das Missverständnis hervor, dass er von Johannes dem Täufer, Johannes dem Evangelisten oder gar Johannes Thomasius seinen Namen habe; es denken vor allen Dingen eine große Anzahl von Menschen bei dem Namen «Johannesbau» an die Johannes-Freimaurerei. Und dass wir uns von der Johannes-Freimaurerei unterscheiden, dass wir nichts mit ihr zu tun haben, das kann unter Umständen etwas sein, was für die nächste Zeit, gerade auch in den jetzigen Kriegsverhältnissen, eine große Bedeutung hat. Die Dinge, die sich da entwickeln aus unserem gegenwärtigen Kulturbrci und Kulturchaos, die werden in alle Einzelheiten viel mehr hineinspiclen, als man denkt. Da können sich natürlich manche Schwierigkeiten ergeben, wenn immer wieder das Missverständnis obwaltet, dass hier irgendein Ableger der Johannes-Maurerei sich auf diesem Dornacher Hügel aufgebaut habe, was nach der ganzen Natur und Sache unserer Bewegung eben nicht der Fall ist.
Alle diese Sachen sollen nur darauf hinweisen, dass es Schwierigkeiten gibt, ob wir nun den Namen belassen oder ob wir ihn ändern. Es geschieht schon viel, unsere Sache aus dem Missverstehen herauszuhalten, wenn sich nicht solche Dinge wiederholen, wie ich sie vor vier Jahren in mir so unangenehmer- und unsympathischerweise zu bekämpfen hatte. Damals kamen, von einer gewissen Seite ausgehend, in die ganze europäische Presse Artikel über unseren, wie cs dort hieß, «Tempelbau». Die Tendenz, Missverständnis über Missverständnis hervorzurufen, das Ganze in ein sektiererisches Getriebe hineinzupressen - natürlich unbewusst, mit dem besten Willen diese Tendenz, die dazumal jenen Artikeln zugrunde lag und die ich scharf bekämpfen musste, diese Tendenz darf sich nicht wiederholen. Hätte dazumal die Aktion gegen diese Dinge eine größere Unterstützung gefunden - selbstverständlich sollte das alles auf freundschaftliche Weise geschehen so wäre das auch schon sehr gut gewesen. Es ist sehr fatal gewesen, dass dazumal diese Dinge von dem «Dornachcr Tempel» und so weiter durch die ganze Welt gingen.
Also, was wir tun können, persönlich, um die Sache ins rechte Licht zu stellen, um jedem eine klare Vorstellung zu geben, das sollten wir tun. Das ist aber aus unseren Kreisen heraus keineswegs überall geschehen, weil ja nun wirklich vielfach ganz andere Tendenzen vorlagen. Wie oft musste von mir gesagt werden - was mir eigentlich nicht sympathisch ist da und dort vertritt jemand etwas, womit ich durchaus nicht einverstanden bin, wovon er aber sagt, dass ich es selber gesagt hätte. Diese Dinge, die hängen mit einem gewissen Zug bei den Mitgliedern zusammen: Man möchte irgendetwas vertreten, aber nicht die Verantwortung dafür übernehmen.
Klarheit zu schaffen, das sollte unsere Aufgabe sein. Vielleicht kann das Ganze eben gerade dann zu einem günstigen Ende geführt werden, wenn man jetzt gar nicht, sozusagen wie hypnotisiert, den Sinn darauf richtet, eine Statuten- und Namensänderung herbeizuführen, sondern wenn man sich darauf konzentriert, persönlich überall Klarheit zu schaffen, und vor allem dieses Faktum, dass es ja wirklich der Sache entspricht, wenn man vom «Goetheanum» redet, ins gehörige Licht zu setzen. Das ist zum Beispiel in der unbefangensten Weise aufgetreten in dem Bericht unseres lieben, verehrten Herrn Sellin, der Name «Goetheanum» ist da [wie selbstverständlich] aufgetreten. Und wenn dieser Wunsch nun nicht übermorgen wieder vergessen wird, sondern wenn in dieser Richtung gearbeitet wird, so wird man der Sache viel mehr dienen, als wenn man jetzt sofort einen Beschluss fasst. Dadurch ruft man [sonst] nur hervor, dass der eine draußen «Johannesbau» sagt, der andere «Goetheanum», während ein Dritter meint: Ja, ich weiß schon nicht mehr, wie der Name eigentlich ist, der eine sagt so, der andere sagt so. Nicht wahr, es wird viel mehr nützen, wenn wir die Sache ins Leben umprägen, als wenn wir sic - was wirklich gar nicht in Goethes Sinn läge - organisieren und reglementieren und so weiter, sondern wenn wir versuchen, sie zu verlebendigen.
Ich glaube, so ist das eigentlich gemeint gewesen, was da an Anregung gegeben worden ist, sonst würde es ja heute wirklich schwierig sein, das Richtige zu treffen. Denn es ist ja auch eine Taktfrage, wer da [ab]stimmen und wer da nicht [ab]stimmen kann, denn über diese Dinge haben die verschiedenen Gebiete der Erde in ganz selbstverständlicher Weise sehr verschiedene Ansichten, sehr verschiedene Empfindungen. Ich denke mir zum Beispiel - ich möchte damit niemandem zu nahe treten Wenn eine «Goethe Society» auf den Britischen Inseln noch nicht bestünde und heute dort begründet würde, so würde sie vielleicht nicht allzu viele Mitglieder finden. Aber wenn in Deutschland heute eine Shakespeare-Gesellschaft begründet würde - sie ist ja schon da so würde sie endlos mit der Füllung der Mitgliederlisten zu tun haben, denn man würde heute in Mitteleuropa gerade einer Shakespeare-Gesellschaft in großer Zahl beitreten.
Über solche Dinge existieren natürlich verschiedene Empfindungen, verschiedene Auffassungen, und in diese Wespennester hineinzustechen, das gibt natürlich allerlei Schwierigkeiten. Das ist eben so. Aber, wie gesagt, würde man heute in Deutschland den Impuls zu einer Shakespeare-Gesellschaft geben, so würde diese große Popularität haben und zahlreiche Anhänger finden. Sie braucht aber nicht mehr gegründet zu werden, denn sie ist ja schon seit Jahrzehnten vorhanden.
Emil Grosheintz: Wünscht noch jemand, etwas zu dieser Sache zu sagen? Jedenfalls sind wir heute so weit gekommen, dass niemand gehindert sein soll, in unserem «Johannesbau» ein «Goetheanum» zu sehen.
Wenn niemand mehr das Wort verlangt zu dieser Sache, so bitte ich, mir zu sagen, ob unter «Diverses» noch irgendetwas hier vorgebracht werden soll.
Wenn dies nicht der Fall ist, erkläre ich die heutige Versammlung für geschlossen und bitte Herrn Dr. Steiner noch um einige Worte.
Rudolf Steiner: Es wird gewünscht, dass ich noch einige Worte anfüge über den Sinn der Gruppe, von der ja in den verschiedenen Berichten gesprochen worden ist.
Nun, man wird vielleicht am besten hineinkommen in die Gedanken, welche den Sinn dieser Gruppe und schließlich den Sinn unseres ganzen Baues zum Ausdrucke bringen, wenn man jene Gedankengänge fortsetzt, die ich gerade am letzten Montag geäußert habe in Anknüpfung an die künstlerische Entwicklung Europas in der Zeit des Überganges von der vierten zur fünften nachatlantischen Zeit. Es ist das Bestreben gewesen, diesen Bau so auszuführen, dass er in allen seinen Gliedern, allen seinen Teilen ein Einheitliches darstellt. Und wenn man absicht davon, dass diese Einheit etwas beeinträchtigt worden ist durch die Geschichte des Baues, so wird man dann, wenn er fertig dasteht, diese Einheit schon bemerken können, und auch bemerken, dass diese Einheit etwas beeinträchtigt worden ist durch die Geschicke, die sich um den Bau abgespielt haben. Das ist auch etwas, was natürlich zu den Dingen gehört, die durch unsere Mitglieder ein wenig populär gemacht werden sollten.
Man muss bedenken: Der Bau sollte ursprünglich in München ausgeführt werden. So wie er in München gedacht war, ging dieser Gedanke hervor aus dem Umstande, dass er ausgeführt werden sollte in einer Stadt, unter anderen Häuserkomplcxen und dergleichen. Selbstverständlich konnte nicht daran gedacht werden, einen solchen Baugedanken anzuschließen an gegenwärtige gewohnte Baustile und Bauformen. Daher war cs dazumal notwendig, den Bau in erster Linie als Innenarchitektur zu denken, nach außen hin ihn so einfach wie möglich zu gestalten, unscheinbar. Ich habe es öfters ausgesprochen in der Münchener Zeit, als der Bau noch in München gedacht war - natürlich sind solche Dinge paradox, aber es kommt nicht darauf an dass es mir am sympathischsten gewesen wäre, wenn man den Bau in seinen Grundgedanken erst sehen würde als Innen-Architektur, nachdem man ihn durch das Tor betreten hat, und wenn er außen als Hügel erscheinen würde, mit Gras bewachsen, sodass man darübergehen könnte; außen hätte man nur einen Hügel, würde überhaupt nichts sehen, und darinnen hätte man nur Innen-Architektur. Das ließ sich ja selbstverständlich nicht durchführen, schon aus dem Grunde nicht, weil man so etwas mit Gras bewachsen Lassen von etwas Verborgenem nicht dulden kann, und wegen der Witterungseinflüsse selbstverständlich. Und es wurde daher versucht, die Sache in einer etwas modifizierten Weise zu machen, dahingehend, dass man den Bau in die Mitte des Terrains stellen wollte und ringsherum hohe Wohnungsgebäude aufrichten, sodass man eigentlich von der Straße, von der Umgebung aus, von dem Bau als einer Außenarchitektur nichts gesehen hätte.
Wie gesagt, dies und manches, was damit zusammenhing, war berechtigt dazumal, als man den Bau mitten in einer Stadt aufzuführen gedachte. Als dann die Notwendigkeit sich ergab, den Bau nach Dörnach zu übertragen, ihn zu errichten als einen Bau auf einem Hügel, der weithin sichtbar ist, da war es notwendig, zur Innen- Architektur wenigstens eine Art Außenarchitektur hinzuzubekommen. Denn jetzt war ja der Bau von allen Seiten sichtbar; jetzt war von dem Bau zu verlangen, dass er in gewissem Sinne mit der Landschaft in Einklang dastehe.
Unsere Mitglieder haben dazumal, in dankenswertester Weise selbstverständlich, die Tendenz gehabt, die Sache so schnell wie möglich in Szene zu setzen. Umzudenken den Gedanken der Innenarchitektur so, dass nun wiederum vollständige Einheit vorhanden gewesen wäre zwischen Innenarchitektur und Außenarchitektur, restlos, das war in der Geschwindigkeit nicht möglich. Daher ist im Wesentlichen der innenarchitektonische Gedanke, wie er ursprünglich bestanden hat, geblieben, und die Außenarchitektur ist dann um ihn herum gestaltet worden. Dies sieht man natürlich, wenn man mit künstlerischem Auge auf ihn blickt, heute dem Bau an, und man muss betonen, dass dadurch der einheitliche Gedanke beeinträchtigt ist.
Allein, man wird ja immer gut tun, wenn man den Menschen gegenüber, die mit künstlerischem Sinn an diesen Bau herantreten, klarmacht, dass ja ein Anfang mit diesem Bau gegeben werden soll, dass dadurch nicht irgendetwas Vollkommenes von uns mit diesem Bau gedacht ist. Eine Anregung sollte gegeben werden. Wenn spätere Zeiten das, was an Baustil - vielleicht ist der Ausdruck nicht richtig —, sondern an Bauformen, an Baugedanken hier inauguriert wurde, in solchen etwa wiederholten Bauten zum Ausdruck bringen werden, so wird natürlich manches unendlich viel vollkommener zum Vorschein kommen, als es beim ersten Versuch auch nur im entferntesten der Fall sein kann. Insofern natürlich ist das Einheitliche nicht ganz zum Ausdrucke gekommen; aber man sieht schon die Intention; denn es ist natürlich später, unter mancherlei Schwierigkeiten, versucht worden, die Einheit doch in irgendeiner Weise aufrechtzuerhalten.
Wenn nun gesagt wird, dass die Gruppe in einer gewissen Weise eine Art Krönung des ganzen Baues ist, so ist das durchaus richtig. Nur wird man bedenken müssen, dass gerade bei der Ausgestaltung dieser Gruppe der ganze Grundimpuls unserer Bewegung in Betracht kommt, dass daher gerade bei dieser Gruppe alles Traditionelle, alles nur Historische in den Hintergrund treten muss gegenüber dem Zukunftsschöpferischen, Anregung Gebenden. Wer der Gruppe den Namen einer Christus-Gruppe geben will, der muss es tun aus seiner eigenen persönlichen Überzeugung heraus, wenn die Sache auf ihn den Eindruck macht, dass er die Mittelfigur als Christus ansprechen kann. Auch da ist cs nicht gut, von vornherein dokumentarisch irgendetwas festzusetzen.
Was einem entgegentritt, ist zunächst der Repräsentant der Menschheit, allgeistiges, verinnerlichtes Menschentum. Natürlich wird mancher sofort dieses verinnerlichte Menschentum in Zusammenhang bringen mit der Christuswesenheit. Er wird recht tun. Aber wiederum [zu] stigmatisieren, die Gruppe Christus-Gruppe zu nennen und dergleichen, das wird nicht gut sein. Überlassen Sie das jedem selbst, der diese Gruppe sich interpretieren will, der sie ansieht, mit welchem Namen er sie belegen will. Die Kunstwerke sind ja immer die weniger guten, welche Namen brauchen, damit sie deutlich werden.
Ein Kunstwerk muss durch sich selbst sprechen. Dieses Kunstwerk müsste auch - cs ist ganz paradox, wenn ich dieses sage, es kann natürlich nicht sein, aber zur Charakteristik ist cs schon gut, wenn man es sagt dieses Kunstwerk müsste auch dann wirken, wenn die Geschichte des Christentums nicht da wäre, wenn man es nicht durch die Geschichte kennen würde, nur durch dasjenige, was in den Raum hineingcstellt ist. Als Kunstwerk muss cs wirken. Es muss für sich selbst sprechen. Jede Interpretation ist schon von Übel.
Daher musste natürlich auch abgesehen werden von allen traditionellen Christus-Physiognomien und dergleichen, die sich ja im Laufe der Zeit - ich habe darüber in Vorträgen öfter gesprochen - sehr geändert haben. Und vor allen Dingen musste hei der ganzen Gruppe eines berücksichtigt werden, was mit dem Impulse unserer Bewegung innig zusammenhängt. Die Christus-Darstellungen haben immer mehr und mehr eine Form angenommen, die den Christus hincinstellcn in das physische Getriebe der Menschen. Besonders in der letzten Zeit, im Zeitalter des Naturalismus, des Materialismus, begrüßte man cs überall als sympathisch, den Christus so nahe wie möglich an die Menschheit heranzurücken. «Komm, Herr Jesus, sei unser Gast»: Die Leute sitzen um den Tisch herum, Jesus tritt herein als ein Mensch unter Menschen, sich möglichst wenig unterscheidend! Die Theologie strebt ja auch so etwas an, den «schlichten Mann aus Nazareth», der möglichst wenig Göttliches hat. Denn das Göttliche stört die Menschen der Gegenwart.
Bei unserer Figur musste für den Menschheitsrepräsentanten das genaue Gegenteil angestrebt werden. Wir haben es zu tun mit etwas, was rein im Geistigen sich vollzieht. Wir haben cs zu tun mit dem in die Menschenwesenheit tief eingreifenden Kampf des Menschheitsrepräsentanten mit Ahriman und Luzifer, mit etwas, was also ganz nach der entgegengesetzten Richtung hingeht, als die ist, welche der Zeit gerade sympathisch ist. Die Zeit - herunter will sie alles haben in den Naturalismus herein, in das unmittelbare Alltagsleben hinein! Wir mussten in Gemäßheit der Impulse, die in der anthroposophischen Bewegung sind, so viel wie möglich heraus aus den Sympathien der Gegenwart, mussten eine Erzählung, eine Handlung, ein
Geschehen verkörpern, das sich der äußeren sinnlichen Beobachtung vollständig entzieht, mussten das außerdem in Plastik tun. Unmöglich wäre es gewesen, es mit einem andern Material zu versuchen als mit dem Holz. Denn aus wirklich sehr geheimnisvollen Gründen lässt sich das Geistig-Seelische plastisch am besten in Holz formen, überhaupt zum Ausdruck bringen. Und dasjenige, was vielleicht gerade als Regeln gelten müsste für die Plastik, wie sie heute vielfach üblich ist, das musste durchbrochen werden, musste durch anderes ersetzt werden beim Schaffen dieser Gruppe.
Solche Gestalten wie Ahriman und Luzifer, und auch in gewissen Grenzen die Gestalt, die in der Mitte steht, solche Gestalten müssen aus dem Inneren heraus, aus dem Selbstschöpferischcn des Geistig- Seelischen heraus geschaffen werden, mit Absehen von jeglichem Modell im gewöhnlichen Sinne des Wortes.
Dies ist aber überhaupt die Hoffnung für die Kunst. Denn nach Modellen ist schon genug geschaffen worden. Und das gerade schließt das Tote der gegenwärtigen Kunst ein, dass sie immer wieder und wiederum aufs Modell zurückgeht. Ich habe ja in Betrachtungen ausgeführt, dass die Griechen sich nicht aufs Modell gestützt haben, sondern aus anderen Untergründen heraus geschaffen haben. Schaffen nach dem Modell ist nur ein Übergang, ein Zwischenzustand künstlerischer Entwicklung. Und so musste gerade mit dieser Gruppe ein Anfang gemacht werden, aus der lebendigen Geistigkeit selbst heraus zu schaffen, alles Naturalistische zu überwinden.
In diesen Dingen liegt vielleicht etwas von den Hauptwerten dieses Versuchs bei dieser Gruppe. Es ist aber dieses beim ganzen Bau so der Fall. Wenn Sie bedenken, dass der ganze ßaugedanke auf etwas Entgegengesetztem beruht, als bisher bei Baugedanken gültig war, so werden Sie eine Grundlage haben für das, was Sie als Mitglieder der anthroposophischen Bewegung eigentlich in Bezug auf diesen Bau populär machen sollen.
Sehen Sie, ich habe heute aus wirklich tiefstem Herzensbedürfnisse heraus diesen Wunsch ausgesprochen, die Leistung der einzelnen Mitwirkenden an den künstlerischen Arbeiten zu berücksichtigen, weil in der Arbeit, in dem sich Stellen, in dem sich zur Verfügung
Stellen für die Arbeit gerade an diesem Bau, wirklich eine große Selbstlosigkeit nötig war, und für die Künstler am allermeisten nötig war. Es musste in gewissem Sinne jeder, der seine Arbeit zur Verfügung stellte, Opfer bringen in Bezug auf alles dasjenige, was sonst von ihm gefordert wird, wenn er zum Beispiel als Künstler oder sonst in der äußeren Welt wirkt.
Nehmen Sie nur das Eine: Jeder Bau aus der architektonischen Auffassung, die bis jetzt geltend war, jeder Bau beruht darauf, dass ein Innenraum Wände hat und diese Wände abschließen. Das Abschließen, ob nun im Altertum das Götterbild oder der Gott selbst abgeschlossen wurde in dem Tempel, ob im Mittelalter in dem gotischen Bau die Gemeinde abgeschlossen wurde, es beruhte alles auf dem Abschlicßen, auf dem Auffassen der Wand als Abschluss, als nach innen zudecken, den Raum abzudecken. Bei uns ist, selbstverständlich nur, wenn man sich im Innern des Raumes befindet, das Gegenteil der ball: Bei uns ist das der Fall, dass die Wände mit allem, was plastisch und architektonisch für diese Wände gedacht ist, keinen Abschluss geben, sondern ein sich selber Aufheben. Sodass, wenn man drinnen ist, man durch die Wände das Gefühl bekommt, mit dem Unendlichen verbunden zu sein, nicht durch eine Wand abgeschlossen zu sein nach außen, sondern dass man durch die Wand fortgesetzt ist ins Unendliche hinein. Die Wand hebt sich selber auf; die Wand vernichtet sich in sich selbst durch ihre Formen.
Wenn man einmal dies einsehen wird, in den Formen, dann wird man erst wissen, worauf eigentlich der Baugedanke in diesem Fall gerade ruht. Er ist [das Entgegengesetzte von dem, wie solche Baugedanken bisher waren. Es wird dieses auch durchaus bei anderen Bauten möglich sein. Wenn Sie das Haus Duldeck betrachten in seinen Grundformen, so werden Sie sehen, dass dieses auch, wenn es einmal bewohnt werden wird, ein Gefühl geben wird vom Zusammenschließen mit der Welt, vom Hinausstreben aus dem Wohnen im Eingesperrtsein, aus dem Abgeschlossensein.
Mit gewissen Dingen der unmittelbarsten Gegenwart stimmen ja unsere Prinzipien durchaus nicht überein. Die Erlebnisse der unmittelbaren Gegenwart, die sind recht sehr vom Alten hergenommen.
Nicht wahr, man konnte nicht einmal mit dem Auge durch die alten Wände, mit einem «Augenpass» durch die alten Wände, man musste eben da an der «Grenze» mit dem Auge stehen bleiben. So waren die Formen, alles das, was angebracht war. Nun, das ist ja heute allgemeiner Usus, nicht wahr: Die Menschen sperren sich gegeneinander ab. Mit diesen Dingen kann natürlich unsere Bewegung keine Übereinstimmung zeigen; sic durchbricht alles durch die Form selber. Sie hält nicht das Auge auf, sondern wenn Sie die Formen verstehen, die am Bau sind, so werden Sie überall sehen: Solch eine Form, die können Sie sich da denken, wo sie ist, Sie können sie sich aber ebenso gut fünfzig Meilen weiter denken, nur wird sie vielleicht in der Perspektive etwas größer sein, Sie können sic in den Wcltenraum denken. Wenn Sie sie in den Weltenraum hineinversetzt sich denken, können Sie plötzlich den Gedanken kriegen: Es wächst und wächst und hört eigentlich nur beim Firmament zu wachsen auf, und setzt dort in entsprechender Größe an. Die Formen hindern Sie nicht, sic beliebig zum Ausfüllen des Makrokosmos, zum Ausfallen des Weltenalls zu benützen. So sind die Formen gedacht. Und so ist selbstverständlich alles hineingestellt in diese Formen.
Wenn Sie sich in die Glasfenster vertiefen, so werden Sie wiederum finden, dass in diesen Glasfenstern schon dieses Verwobensein mit der Welt zum Ausdruck gebracht ist. Denn diese Glasfenster sind ja so, wie sie dastehen, gar nicht fertig für sich durch ihr Material, auch nicht durch das, was der Künstler daran gemacht bat, sondern der Künstler hat geschaffen in eine Bundesgenossenschaft hinein, in die Bundesgenossenschaft mit der Sonne! Die Sonne muss kommen und muss hindurchschauen, dann ist das Kunstwerk erst fertig. Der Künstler und die Sonne zusammen machen dasjenige, was eigentlich auf uns Eindruck macht bei den Glasfenstern! Da sehen Sie, wie die Sonne angerufen wird durch jede einzelne Form, wie man mit dem Sonnenlicht zusammen schafft, wie man wirklich das Licht als seinen Bundesgenossen betrachtet.
Sehen Sie sich die Kuppelmalereien an. Alle diese Kuppelmale- reicn haben nicht die Tendenz in sich, den Raum besonders zu respektieren, auf dem sie angemalt sind, sondern sic haben selbstständige,
makrokosmische Wesenheit. Und Selbstlosigkeit von Seiten der Künstler war aus dem Grunde vorhanden, weil ja auch da etwas ganz Neues in Betracht kam. Diese Figuren mussten von innen heraus durch sich selber leuchten. Während man gewohnt ist, sonst das auffallende Licht, das dann reflektiert ist, im Bilde wiederzugeben, musste hier das aurische Selbstleuchten ins Auge gefasst werden, also wiederum etwas, was die gegenwärtige Kunst ganz und gar nicht als ihre Aufgabe betrachtet. Für den heutigen Maler zum Beispiel leuchtet ja nicht der Mensch aurisch, sondern das Sonnenlicht fällt auf, reflektiert ihn, und er malt das reflektierte Sonnenlicht. Der Modellmensch ist immer nur die Gelegenheit, dieses reflektierte Sonnenlicht zu malen. Wir malen das Leuchten des Menschen selber von innen heraus, und den Zusammenhang dieses Leuchtens mit den Lichtbewegungen, mit dem Lichtimpulse des Kosmos.
Daher das Bestreben, dass die Dinge, die am Menschen auftreten an Beleuchtungseffekten und so weiter, zusammenwachsen mit dem, was Umgebung ist. Das Licht kommt heran an den Menschen, bildet ihm die Haare, wie cs während der Sonnenzelt noch wirklich der Fall war. Denn die Haare sind nicht aus dem Menschen herausgewachsen, sondern hineingewachsen - ich habe das öfters ausgeführt -, sind eigentlich kristallisierte Sonnenstrahlen, die hineinversetzt worden sind. Alle diese Weltengeheimnisse sind natürlich nicht dogmatischwissenschaftlich, sondern in lebendig-künstlerischer Empfindung als Versuche zur Ausführung zu bringen in der Kunst. Und so ist es wirklich in allen Einzelheiten bei dieser Mittelgruppe angestrebt.
Die Schwierigkeiten, die von den einzelnen Künstlern übernommen werden mussten, sind ja wirklich ungeheure. Nicht wahr, wir brauchten zum Beispiel auf der einen Seite die Verwirklichung dieses Prinzips, mit Pflanzenfarben zu malen. Nun, man kann schon sagen: Natürlich würde man sehr viel leichter gewisse Effekte herauskriegen, wenn man mit den traditionellen Malmitteln und Farben malen könnte. Viele Dinge lassen sich, weil die Bereitung der Farben noch nicht so weit ist, als wir eigentlich mit ihr sein müssten, nicht so ausdrücken. Man muss das selbstlos auf sich nehmen, schlechter zu malen, als man eigentlich malen könnte. Es hängt nicht nur davon ab, wie gut einer malt, oder malen kann, sondern es hängt ab davon, wie weit unsere Mittel schon ausgestaltet sind, und so weiter.
Also diese Dinge, die beweisen eben, welche ungeheure Dankesschuld man hat gegenüber denjenigen, die da mitgearbeitet haben, die wirklich ihre Kunst und ihr Können in den Dienst dieser Sache gestellt haben, die notwendigerweise sich für die Außenwelt kompromittieren mussten, weil die Außenwelt nicht von vornherein solche Dinge anerkennt.
Von der Christus-Gruppe hoffe ich gerade am allermeisten, was ich allerdings für den ganzen Bau auch erhoffe, dass man sehen wird: Es ist ein erster Versuch. Es ist ja auch bei dieser Gruppe, die in verschiedenen Holzformen, Holzarten auszuführen gedacht war, so, dass wir sie wegen des Krieges nur in einer Hoizgattung ausführen konnten. Von dieser Christus-Gruppe hoffe ich gerade, dass man sehen wird: Es ist ein erster Versuch, solche Dinge, die sich im Geistigen abspielcn, künstlerisch zu gestalten, solche Dinge wirklich in größerem Umfang nach allen Seiten hin zu gestalten. Wenn sie nach dieser Richtung hin eine Art Anregung geben könnten gerade dem künstlerischen Schaffen, dann würden sie neben den Dingen, die sie dem Bau leisten sollten, auch der Welt einen gewissen Dienst leisten können.
Ich glaube, wenn diese Gruppe im Bau drinnenstehen wird, dann werden auch manche künstlerischen Vorurteile fallen müssen, die schon heute durchaus noch begreiflich und verständlich sind gegenüber dieser Plastik, denn sie ist schließlich nicht so, wie man sich vorstellt, dass ein Kunstwerk sein muss. Aber man hat sich auch in früheren Zeiten natürlich nicht vorgestellt, wie spätere künstlerische Schaffensformen im Verlaufe der Menschheitsentwicklung immer wurden.
Das sind so ein paar Worte, mit denen ich dieses heutige Zusammensein auf den Wunsch unseres verehrten Vorstandes abschließen möchte. Es wäre natürlich noch viel zu sagen über diese Gruppe, allein das können wir ja auf spätere Gelegenheiten verschieben.
WORTMELDUNG
ZUR i. AUSSERORDENTLICHEN GENERAL-
VERSAMMLUNG DES JOHANNESBAU-VEREINS
DÖRNACH
Dörnach, 1. November 1918
Zur Umbenennung des Johannesbau-Vereins anlässlich der Umbenennung des Johannesbaus in «Goetheanum»
von Heydcbrandt: Aber das Wort «Verein ...»
Rudolf Steiner: Aber das ist ja doch nur für die Spießer. Warum soil’s denn nicht sein? Wer drinnen ist, hat die Sache.
Es wird darüber abgestimint: «Verein des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft» bei einer Stimmenthaltung. Für den anderen Vorschlag [«Verein der Hochschule für Geisteswissenschaft Goetheanum»] hat sich keiner gemeldet.WORTMELDUNG
ZUR 6. ORDENTLICHEN GENERALVERSAMMLUNG
DES JOHANNESBAU-VEREINS DÖRNACH
Dörnach, 3. November 1918
Albrecht Wilhelm Sellin: Verehrte Freunde! So wie im Vorjahre, so haben wir Rechnungsrevisoren, Günther Wagner und ich, auch für dieses Jahr zu bestätigen, dass die Bücher mit großer Übersichtlichkeit und Klarheit geführt worden sind, sodass wir die einzelnen Posten in sehr schneller und eingehender Weise nachprüfen konnten. Wir haben keinerlei Schwierigkeiten dabei gefunden und können nur zum Ausdruck bringen, was ich Ihnen jetzt vorlesen möchte über unseren tatsächlichen Befund der Kassenverhältnisse.
Rudolf Steiner: Es ist nicht das Wort zum Kassenbericht gegeben worden. Ich möchte nur bemerken: Wir haben in der Bilanz Franken und Mark gleichgesetzt, also pari, während das doch eigentlich nicht stimmt. Es gibt ein Bild, das augenblicklich nicht stimmt.
Martin Lupschewitz: Das lässt sich nicht anders machen!
Albrecht Wilhelm Sellin: Das ist nicht anders zu machen!
Rudolf Steiner: Dass es eigentlich nicht stimmt, das muss beim Kassenbericht besprochen werden.
Martin Lupschewitz: Es ist das aus der Erwägung heraus geschehen, dass wir keine Erwcrbsgescllschaft im eigentlichen Sinne des Wortes sind. So hat cs für uns keinen Zweck, wenn wir immer die Mark nach dem eigentlichen Kursstand einsetzen würden; das würde immer ein Hin und Her ergeben.
Rudolf Steiner: Ich habe gar nichts dagegen - nur möchte ich, dass das etwas ins Gedächtnis gerufen wird, dass da auf der einen Seite Mark, auf der anderen Seite Franken sind; ich hätte gern gehabt, dass allmählich ein wenig Nachdenken entsteht über die für viele ja so uninteressanten Dinge, die aber eigentlich interessant sind. Gegen den Grund haben wir gar nichts.
Albrecht Wilhelm Sellin: Wir haben diesen Fall mit Englert und Lupschewitz besprochen und haben cingesehen, dass cs nicht gut anders geht, als die Buchung so vorzunehmen. Wir stehen nun einmal jetzt unter diesen Schwierigkeiten der großen Kursdifferenz, und da lässt es sich nicht anders machen, als dass etwas Einheitliches angenommen wird, von dem man ausgehen kann. Das ist rechnerisch eigentlich gar nicht anders möglich. Wir haben alle die einzelnen Positionen durchgenommen und die Sache in Mark und Franken geprüft und haben eine vollständige Übereinstimmung gefunden.
Rudolf Steiner: Ja, es wäre gewiss rechnerisch schon noch möglich, dass zum Beispiel der Unterkurs [der Mark] als Debet, [als Aufwand,] aufgeführt wird, dann hätte man ein wirkliches Bilanzkonto, so nur ein ...
Albrecht Wilhelm Sellin: Ja aber ...
Rudolf Steiner: Man könnte die Zahlen gleich haben, und als Debetposten könnte man den Kursunterschied haben. Aber, nicht wahr, ich habe nichts dagegen einzuwenden; nur rechnerisch wäre es auch anders möglich.
Albrecht Wilhelm Sellin: Ich habe also folgenden Bericht zu erstatten:
«Die Unterzeichneten haben die Rechnungs- und Kassenführung geprüft und in Ordnung gefunden. Die aus der letzten Jahresrechnung stammenden Saldi sind richtig auf die neue Rechnung vorgetragen. Der durch das Kassenbuch sich ergebende Kassenbestand für 30. Juni 1918 ist bei Gelegenheit der Kassenrevision als richtig befunden. Der Effektenbestand stimmt mit dem in der Bilanz aufgestellten Betrag überein, ebenso die Summe der einzelnen Bankkonten. Auch sind alle weiteren Konten geprüft und richtig befunden worden. Aufgrund dessen beantragen die Unterzeichneten die Entlastung der Rechnungs- und Kassenführung und zeichnen: Günther Wagner. Sellin.»
ANSPRACHE
ZUR 6. GENERALVERSAMMLUNG DES
JOHANNESBAU-VEREINS DÖRNACH
Dörnach, 3. November 1918
Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden, dem Bericht über die technischen Arbeiten, dem Rechenschaftsbericht und einem Meinungsaustausch zwischen den Mitgliedern ergreift Dr. Steiner das Wort.
Nun, wenn niemand mehr das Wort wünscht, dann will ich nur noch ein paar aphoristische Bemerkungen hinzufügen, in Anknüpfung an die Sitzung des Vereins des Goetheanum.
Berühren möchte ich die moralische Seite unserer Sache. Zunächst möchte ich im Anschlüsse an das, was gesagt worden ist, vor allen Dingen betonen, dass derjenige, welcher eine Aufgabe darinnen sieht, an der Vollendung des Goetheanum mitzuarbeiten, auch, wie es ja im Grunde genommen selbstverständlich ist, auch durchdrungen ist von einem Dankbarkeitsgefühl gegenüber den leitenden Vorstandspersönlichkeiten, welche sich nun schon jahrelang in hingebungsvoller Weise in einer oftmals recht schwierigen Lage der Aufgabe gewidmet haben, die Grundlage für die ganze Unternehmung mit ihrer Persönlichkeit und ihrem Wirken zu liefern. Ich glaube, es wird nicht immer bedacht, was es doch bedeutet, dass wir hier zum Beispiel in Dr. Grosheintz selbst und allem, was zu ihm gehört, eine Persönlichkeit haben, welche, schon früher verbunden mit der Gegend, auf welcher der Johannesbau steht, sich verbunden hat mit der Idee, hier den Johannesbau entstehen zu lassen, der sich dann in das Goetheanum verwandelt hat, und welche in so aufopferungsvoller Weise sich seit vielen Jahren dieser Arbeit, die hinter allem stehen muss, gewidmet hat. Und so möchte ich ihm und all denjenigen, die in ähnlicher Weise wie er, vorstandsmäßig und damit zusammenhängend, ihre Kraft, ihre Zeit selbstlos widmen dieser hier auszuführenden Leistung, jenen Dank aussprechen, der gewiss aus Ihrer aller Herzen kommt, vor allen Dingen auch die Hoffnung betonen, dass wir gerade von dieser Seite auch weiterhin eine solche vornehm sich gebende und verständnisvolle Unterstützung finden können. [Beifall]
Wenn von unseren künstlerischen Arbeiten hier geredet wird, so wäre es immer von ganz besonderer Bedeutung, wenn nicht aus dem Auge verloren würde, in welcher Art das Künstlerische gerade des Goetheanum sich jetzt in die Welt hineinstellen soll. Wenn ich selbst Gelegenheit habe, irgendwelche außenstehende Besucher hier durch den Bau zu führen, dann wiederhole ich bis zum Überdruss immer wieder und wiederum, fast an jeder Stelle, wo man den Leuten irgendetwas sagt und erklärt, dass es mit Bezug auf alles, was künstlerisch und sonst für den Bau in Betracht kommt, sich zunächst um einen Übergang handelt, um eine Intention handelt, von der man zu denken hat, dass sie eine Fortsetzung finden soll.
Dies ist ja ganz besonders wichtig, dass wir uns für sehr viele Dinge, die mit unserer Bewegung Zusammenhängen, eben als einen Anfang betrachten. Das ist ja auch ganz besonders wichtig, immer wiederum der heute so harthörigen Welt beizubringen, damit von diesem Gesichtspunkte aus die Urteile gebildet werden können, die über dieses Goetheanum und alles, was damit zusammenhängt, gefällt werden.
Nicht wahr, unsere geisteswissenschaftliche Bestrebung ist ja selbst ein Anfang. Und wenn das verkannt wird, so werden immer wieder und wieder falsche Urteile in der Welt gebildet werden. Daher liegt es mir in allen Einzelheiten immer wieder daran, dass dieses betont werde: Auf Intention, auf Anfang, auf die Absichten, welche in der Welt weitere Ausführung, selbstständige Bearbeitung finden sollen, auf dieses kommt es an. Bei jeder Einzelheit versuchte ich, dies irgendwie zu vertreten.
Ich will eine der letzten Einzelheiten, eine der leider verunglückten Einzelheiten erwähnen. Als wir in die sehr befriedigende Lage kommen sollten, in Zürich eine eurythmische öffentliche Aufführung zu veranstalten, da handelte es sich darum, für - na, wie soll ich sagen, cs liegt mir immer so auf der Zunge, da etwas Respektloses zu sagen - für das einzuladende Philisterium, einleitende Worte, die dann gedruckt werden könnten, zu beraten. Und da war es mir auch darum zu tun, für diese ganz gewiss einmal für die Welt außerordentlich wichtige Sache der Eurythmie zu betonen, dass man mit dem, was jetzt vor die Öffentlichkeit treten soll, eben einen Anfang, eine Intention hat, die ausgearbeitet werden soll, die ihre Entwicklung durchmachen soll, die weiterkommen soll. Kritik von Anfängen wird sich nur in der Richtung einstellen können, wenn man sich dessen eben immer bewusst bleibt, dass es Anfänge sind.
Und so glaube ich, dass mancher Tratsch, welcher ja auch geleistet wird in Anknüpfung an unsere Bewegung, dadurch ersetzt werden könnte, dass von unsern lieben Freunden selbst in ausgiebiger Weise der heute so harthörigen Welt gerade das eingetrichtert würde, dass wir durchaus nicht so albern sind, irgendetwas auch nur annähernd Vollkommenes nach irgendeiner Richtung in die Welt zu setzen, sondern dass wir eben einen Anfang geben wollen, etwas, das eine Intention ist, das von uns selbst durchaus nicht als etwas Vollkommenes angesehen wird. In der neueren Zeit - wie gesagt, wenn ich Gelegenheit habe, die Leute herumzuführen - betone ich immer wieder und wiederum, dass jetzt, nachdem die Sache so weit gediehen ist, ich die Fehler am allergenauesten erkenne, und dass ein zweites Mal, wenn ein solcher Bau aufgerichtet werden sollte, es nicht gemacht würde, wie es jetzt gemacht worden ist, und wie es jetzt natürlich auch entsprechend fortgesetzt werden muss, da man nicht einander sich Widersprechendes übereinandertürmen kann.
Vor allen Dingen ist dann aber auch im Zusammenhang damit etwas anderes notwendig. Nicht wahr, ich muss es immer und immer wiederum betonen, weil es zu demjenigen Verständnis führen soll, welches gerade hinausgetragen werden soll einerseits von den Mitgliedern der anthroposophischen Gesellschaft, namentlich aber andrerseits von all denjenigen Freunden, die sich für den Bau interessieren. Es handelt sich darum, dass ja das innere Gefüge des Baues, das künstlerische innere Gefüge des Baues, in einer gewissen Beziehung - warum sollten wir, wenn wir unter uns sind, nicht ganz frei von der Leber reden? -, dass das künstlerische Gefüge eigentlich nur in einer Art von Kampf allmählich bis zu dem Stadium gebracht werden konnte, bis zu welchem es heute gebracht ist.
Wir dürfen nicht vergessen: Durch ein eigentümliches Karma, über das ich vielleicht in diesen Tagen noch sprechen werde, ist ja äußerlich herausgewachsen die anthroposophische Gesellschaft - nicht die Anthroposophie, aber die anthroposophische Gesellschaft - aus der Theosophischen Gesellschaft. Es ist mir nicht einmal, sondern immer wieder und wiederum in den Jahren, in denen wir noch «Theosophische Gesellschaft» waren, von Künstlern ein gewisser Einwand in Bezug auf die Gesellschaft gemacht worden, und das Urteil von Künstlern ist, das betone ich, mir auch jetzt vor allen Dingen wertvoll, aus dem Grunde, weil Künstler selber nur in den wenigeren Fällen, will ich sagen - ich will einmal höflich sein in den wenigeren Fällen ganz ergriffen werden von der allgemeinen Durchphilistrierung, Durchphilistrosität der Welt.
Der Künstler, insofern er Künstler ist, behält sich immer - ich will gar nichts darüber sagen, insofern er Mensch ist - er behält, denn sonst könnte er künstlerisch nicht schaffen, immer etwas zurück von einem gewissen noch freieren Urteil, das ja jetzt zu den Seltenheiten in der Welt gehört. Und so darf man sagen, dass namentlich in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts und in dem, was bisher im 20. Jahrhundert verflossen ist, er zu einer Zeit allgemeinster Philistrosität mit Bezug auf das öffentliche Urteil auf allen Gebieten doch schon ausgebildet hat etwas - oder viel - freiere, unabhängigere, mit dem Geistigen mehr zusammenhängende Urteile. Es ist dies doch noch in der Künstlerwelt vorhanden gewesen. Und auf künstlerischem Gebiete gibt es auch heute noch Erscheinungen literarischer Art, wissenschaftlicher Art, kritischer Art, die man gerne verfolgt; während einem selbst die tüchtigsten Arbeiten auf technischem, namentlich auf wissenschaftlichem Gebiete, die man ja selbstverständlich als große Errungenschaft der Zeit anerkennen muss, durch die Art und Weise, wie sie sich heute philiströsierend in die Welt stellen, geradezu zum Halse heraushängen. Denn selbst das Tüchtigste, was auf diesen Gebieten geleistet wird, was auf diesen Gebieten notwendigerweise geleistet werden muss, auf Wissenschaft- liehen, auf technischen Gebieten, das tritt so in die Welt, in einer solchen philiströsen Art, in einer solchen Denkungsweise, dass es einem eben wirklich zum Halse heraushängen kann, wenn man es zu verfolgen genötigt ist.
Anders ist das mit Bezug auf vieles, was da aus der Künstlerschaft kommt. Damit hängt es zusammen, dass es mich immer geschmerzt hat, wenn in den Jahren unserer Zugehörigkeit zur Theosophischen Gesellschaft Künstler immer wieder und wiederum versuchten, manchmal sehr gutwillig, das anzuschauen, was da als solches Zeug an den Wänden hing, nicht wahr, so riesige Rosenkreuze mit den richtigen sieben Rosen, bei denen immer gefragt wurde: Wie soll man diese Rosen anbringen? Wie soll man das und das machen? Wie ist es richtig symbolisch? und so weiter Wenn sie sich dann diese Sachen angesehen haben und gesehen, was da eigentlich geleistet worden ist, sind selbstverständlich künstlerische Naturen immer gekommen und haben gesagt: Ja gewiss, gegen diese geistige Bewegung der Theosophie kann man gar nichts einwenden, das interessiert einen; aber man wird so stutzig, wenn solches künstlerische Botokudentum gerade innerhalb der theosophischen Gesellschaft herrscht. Und natürlich, es war schmerzvoll, weil ich am allerwenigsten geneigt sein konnte, einem solchen Urteile zu widersprechen. Denn es war ein solches Urteil in allerumfänglichstem Sinne in Bezug auf das, was als künstlerische Impulse in den Theosophen lebte, durchaus berechtigt.
Nun, selbstverständlich, es war nur möglich, dagegen anzukämpfen - nicht theoretisch, nicht durch Lehre, da kann man ja auf diesen Gebieten nichts bewirken-, sondern langsam und allmählich musste das geschehen. Wir haben natürlich nur etwas bewirken können dadurch, dass wir eben auch wirklich künstlerische Naturen in unserer Mitte haben. Ich brauche ja nur zu denken an eine Persönlichkeit, an die immer wieder gedacht werden muss, die unvergesslich bleiben muss für alle diejenigen Dinge, die als lebensvolle Dinge auf gewissen Gebieten innerhalb unserer Bewegung unternommen worden sind und unternommen werden. Ich brauche nur an Fräulein Stinde zu erinnern, könnte aber an andere auch noch erinnern. Ich will nur sagen: durch das sich Zusammenfügen mit dem, was da war nach der künstlerischen Seite hin, war es möglich, den Kampf aufzunehmen gegen all das symbolisierende, all das abstrakte ideelle Zeug im Ausgestalten unserer Dinge. Und natürlich ist heute noch immer die Notwendigkeit vorhanden, sich dagegen zu wenden, wenn die Leute immer wieder und wiederum kommen und fragen: Was bedeutet das? Was bedeutet dies? In dem Sinne, wie die Leute fragen: Was bedeutet das?, bedeutet bei uns überhaupt nichts irgendetwas! Worauf cs ankommt beim Goetheanum - wenn das eben auch nur ein Anfang ist, und ein recht unvollkommener Anfang -, das ist, tatsächlich wirklich künstlerisch in die Welt zu stellen dasjenige was in Farbe, Formen und so weiter lebt.
Nicht darauf kommt es an, da wo künstlerisch empfunden wird - ich sage es immer wieder und wiederum, wenn die Leute kommen und unsere [plastische] Gruppe drüben [im Bau] ansehen -, dass in der Mitte der Christus steht, und da oben Luzifer und unten Ahriman. Das ist Privatempfindung, das hat mit dem künstlerischen Empfinden und mit dem ganzen Werke im Grunde genommen gar nichts zu tun. Gewiss, es kann angesehen werden als aus dem Künstlerischen herausgeholte Erörterungen, um die Sache selbst noch zu erklären; aber es hat mit der Sache als Kunstwerk selbst nichts zu tun. Die Linie, die angefügt worden ist, um den herabstürzenden Luzifer auszudrücken, die Linie, die da ihren Bruch abgibt in ihrem Zusammenstimmen mit dem ganzen Gebilde in seinem Organismus, ist unendlich viel bedeutungsvoller als das künstlerisch eigentlich langweilige Auseinandersetzen: Das ist Luzifer, das ist Ahriman, und so weiter und so weiter. Irgendeine Linie, die von rechts nach links geht und die empfunden ist als Linie, das ist wichtig!
Ich könnte in dieser Richtung natürlich noch lange fortreden und könnte aufmerksam auf so manches machen, das ja tatsächlich in der Beurteilung dieser Dinge vorkommt, wodurch ich aber niemand kopfscheu machen möchte. Selbstverständlich, menschlich wird alles nur liebevoll angehört, was auch gesagt wird, selbst wenn es mal vorkommt, dass es jemandem passiert, die aufgehobene Hand des Ahriman für seinen Kopf zu halten, weil er den Ahriman für eine Schlange hält und so weiter: Das ist ja sogar unter Umständen im
Einzelnen recht interessant; aber nicht wahr, es zeigt eben doch, dass mit Bezug auf dasjenige, was eigentlich hier angestrebt werden soll durch den Bau, mancherlei nachzuholen ist. Und dasjenige, worauf es ankommt, das ist - ich habe es für ein Gebiet in meinem ersten Mysteriendrama zum Beispiel ausgesprochen, dass die Form der Farbe Werk ist und so weiter.
Das Aussprechen von solchen Dingen hat ja natürlich keinen besonderen Wert, aber es hat einen Wert, wenn wirklich die Möglichkeit gegeben wird, solche Dinge in Realität, in Wirklichkeit umzusetzen. Das ist es aber, was ich betonen möchte. Ich habe tatsächlich auf diesem Gebiete eine reichliche Erfahrung gemacht, nicht nur auf dem künstlerischen Gebiete, sondern zum Beispiel auch auf den Gebieten der einzelnen wissenschaftlichen Leistungen. Mein Bestreben war immer, Geisteswissenschaft, aber als lebendig, nicht als etwas Totes, auch in die verschiedenen Zweige des Lebens hineinzuführen.
Wenn Sie irgendeine geisteswissenschaftliche Idee in einer äußeren Form ausdrücken, so töten Sic die Idee. Dasjenige, um was cs sich handelt, ist, dass [man] aus der Intensität der geisteswissenschaftlichen inneren Errungenschaften ein anderer Mensch wird, der in Bezug auf alles, was an ihm ist, anders empfinden lernt, als man irgendwo heute lernen kann. Dann überlässt er sich auf dem betreffenden Gebiete, auf dem er sich zu betätigen hat, dem, was als Impuls in ihn gelegt ist, und da entsteht dann eine andere Kunst aus den Wurzeln der Geisteswissenschaft heraus, aber immer auf dem Umwege durch die menschliche Seele hindurch, so auf dem Umwege durch die menschliche Seele hindurch, dass alles Ideelle, was an der Geisteswissenschaft ist, erst verschwindet, in der menschlichen Seele sich umwandelt und in der Umwandlung erst Kunst wird. Sehen Sie noch irgendwelchen Formen, die geschaffen werden, irgendetwas von dem an, was als Idee gegeben werden muss in der Geisteswissenschaft, so ist das künstlerischer Unfug, ist das nicht wirkliche Kunst.
Das ist es, was ich betonen möchte. Und deshalb wäre mein Ideal auf diesem Gebiete - wie gesagt, ich will die moralische Seite unserer Versammlung heute betonen -, es wäre mein Ideal, wenn möglichst dadurch, dass jeder nachdenkt: Was ist da gewollt? Was ist nicht erreicht? Wie könnte das erreicht werden, was eigentlich gewollt ist?, wenn da geradezu befruchtend vor allen Dingen auf das künstlerische Urteil gewirkt würde, wenn wirklich die Absicht bestünde, sich künstlerisch zu erziehen an demjenigen, was dieses Goetheanum will. Das ist etwas, was bisher noch von den Gemütern vieler unserer Freunde - meine lieben Freunde, ich muss es schon sagen - abgelehnt wird. Und es besteht eben schon die Gefahr, dass man einmal sich dafür interessieren wird: Warum stehen da sieben Säulen, warum just sieben Säulen? und so weiter. All das will wirklich sekundär sein gegenüber dem, was man empfinden sollte. Und dann muss eben das dazukommen, dass man das Anfangsmäßige an der Sache empfindet.
Meine lieben Freunde, was unser sehr lieber Herr Linde mit Bezug auf meinen Anteil an der kleinen Kuppel gesagt hat, das schätze ich selbst nicht so ganz besonders hoch und stehe auch da sehr auf dem Boden, dass es recht sehr ein Anfang ist, ein Anfang, der so ein bisschen malerische Schmierage ist, aber ein Anfang vielleicht doch darinnen, dass man gerade daran sehen kann, was eigentlich gewollt wird, vielleicht besser an diesem, als man sonst es hätte sehen können. Und ich darf Ihnen wohl das Geständnis ablegen, dass ich ja vielleicht dasjenige, was ich will, erreichen würde, wenn ich nicht heute achtundfünfzig Jahre alt wäre, sondern wenn ich noch fünfunddreißig Jahre lernen könnte, um dann ungefähr das auszufuhren, was ich gerne ausführen möchte und was ich gern möchte, dass es in der kleinen Kuppel ist. Das wird Ihnen auch begreiflich machen, dass ich selber nicht so ungeheuer stark lechze, auch nun in der großen Kuppel etwas zu tun.
Ich werde natürlich gegenüber jedem einzelnen Teil des Baues dasjenige tun, was im gegebenen Fall wünschenswert ist, was ich für meine Pflicht erachten darf, und will durchaus überall da Hand anlegen, wo es nur irgendwie möglich ist. Aber ich möchte auch da, dass jeder weiß, wie ich selber denke über diese Dinge, die ich auf der einen Seite recht bescheiden betrachte, aber auf der andern Seite ein bisschen stark unbescheiden: weil ich allerdings glaube, dass dasjenige, was nach langer Zeit in selbstständiger Arbeit von den Menschen geleistet werden könnte, nach langer Zeit, wenn wir selber nicht mehr dabei sein können, in einer in der Zukunft fruchtbaren Weise, durch diesen Bau allerdings intendiert, inauguriert, initiiert werden soll. Sodass man von dem, was hier gewollt wird, doch sehr viel haben könnte, wenn man es gerade nach dieser Richtung hin auffasste.
Ob es freilich äußere Möglichkeiten gibt, auch in der großen Kuppel einzugreifen, das hängt ja jetzt von Mächten ab, die ich natürlich nicht gerade geneigt bin die weisen Weltenmächte zu nennen, aber die einem gegenwärtig sozusagen aufnötigen, von Tag zu Tag zu leben, in deren Treiben - na, ich nenne es eben nicht die weisen Wcltenmäch- tc - in deren Treiben man nicht so unmittelbar eingreifen kann. Ich werde selbstverständlich alles tun, um so viel als möglich bei diesem unsern Bau zu sein; aber man kann ja nicht einmal wissen, ob man in den nächsten Wochen nicht verhindert sein könnte durch die jetzigen Ereignisse [und] wiederum eine Zeitlang abwesend sein [muss]. Nun, auf irgendeine Weise wird es ja vielleicht sich machen lassen, dass die Morgenröte einer neueren Zeit auch hier eine größere Freiheit bringt. Aber vorläufig kann man ja gerade in dieser Beziehung schon aus diesem äußeren Grunde nichts besonders Bestimmtes sagen. Ich kann nur sagen, dass ich alles dasjenige tun werde, was nötig ist, um diesen Bau so zu machen, wie er werden soll, und wie er nach dem, was angefangen ist, werden kann.
Dann möchte ich noch ein paar Worte über die von mir mit so großer Freude begrüßte Treuhandgesellschaft sagen, meine lieben Freunde. Der erste Gedanke dieser Treuhandgesellschaft tauchte vor mir auf durch ein Gespräch, das Herr Molt aus seiner Initiative heraus in Stuttgart am Anfang dieses Jahres mit mir führte. Ich brauche Ihnen den Inhalt dieses Gespräches nicht mitzuteilen, denn der Inhalt wurde ja dann praktisch in der wirklichen Begründung der Treuhandgesellschaft und in dem, wovon Ihnen heute mitgeteilt worden ist. Ich will nur sagen, dass ich dazumal mit einer ungeheuer großen Befriedigung die Begründung dieser Treuhandgesellschaft begrüßte, und zwar aus dem folgenden Grunde.
Verstehen Sie mich nur ganz recht, meine lieben Freunde, ich begrüße es mit tiefer Freude, wenn recht, recht viele Idealisten und
Spiritualisten im besten Sinne des Wortes innerhalb unserer Gesellschaft sind - auch wenn cs viele recht unpraktische Menschen sind, die nicht immer die sogenannte Praxis, namentlich nicht die Geschäftspraxis an ihrer Nase herumtragen - wenn also recht viele Menschen innerhalb dieser Gesellschaft sind, die ihre Intentionen von einem gewissen idealistischen Standpunkte aus bekommen. Allein Sie brauchen ja nur dieses Finanzkonto anzuschen, so werden Sie verstehen, dass der Johannesbau, der jetzt zum «Goetheanum» geworden ist, etwas ist, was doch auch ein recht starkes Eingreifen praktischer Lebensimpulse nötig macht. Daran können unsere Freunde, die sich zunächst aus ihrem Idealismus heraus dem Johannesbau zugewendet haben, nicht immer denken. Und ich werde der Allerletzte sein, welcher auch nur irgendwie einen Misston hineinbringen möchte in die ganz tiefe, ehrliche Dankbarkeit, die ich denjenigen entgegenbringe, wie ich es im Anfang meiner Worte gesagt habe, die sich mit ihrer Arbeit gewissermaßen im Hintergründe dem Johannesbau vorstandsmäßig gewidmet haben.
Allein, meine lieben Freunde, der Fortgang der Arbeit in den Jahren zeigte schon, dass eben notwendig ist das Eingreifen einer gewissen Praxis. Es ist so schwierig, beim einzelnen Menschen Idealismus und Praxis zusammenzubringen. Wie gesagt, ich will nicht den geringsten Misston hincinbringen. Aber die verehrte, liebe Vorsitzerschaft wird es nicht übel nehmen, wenn ich jetzt zum Beispiel so ein kleines, aber wirklich ganz gütig gemeintes Dämpferlein einfließen lasse, das ich empfunden habe während der Sitzung. Das berührt durchaus nicht meine tiefe, ehrliche Dankbarkeit. Aber nicht wahr, ich, der ich gewohnt bin, Sitzungen in der Weise verlaufen zu sehen, wie es sein muss, ich zuckte gleich innerlich zusammen, als versäumt worden ist, den allerersten notwendigen Punkt der Tagesordnung zu berühren und dazu aufzufordern, das Protokoll der vorigen Generalversammlung zu verlesen oder wenigstens zur Abstimmung zu bringen, ob man’s verlesen soll oder nicht. Diese Formalitäten dürfen nicht ausgelassen werden. Und so gibt es gar mancherlei, was unbedingt berücksichtigt werden muss. Nicht wahr, man muss schon im rechten Momente auch ein Pedant sein, und Sie nehmen mir nicht übel, dass ich solche Dinge sage. Es ist nur ein persönlicher Apercu, und es schadet ja wirklich in praxi nichts heute. Aber es ist halt so bei diesen und anderen Dingen.
Nun, meine lieben Freunde, da trat im Februar dieses Jahres eben diese Idee der Treuhandgesellschaft an mich heran, und ich will Ihnen jetzt ganz offen sagen, warum ich sie mit besonderer Freude begrüßt habe. Sehen Sie, alles das, was da gesagt wird, Darlehensverzinsung und so weiter, ist ja gewiss sehr schön, aber das versteht sich eigentlich von selbst, wenn man eine Treuhandgesellschaft begründet; was soll man denn tun, wenn man das nicht einmal täte? Das ist es aber nicht, meine lieben Freunde, was mir imponiert hat dazumal an der Idee von der Treuhandgesellschaft, von der ich glaube, dass sie zur Ausführung kommen wird, und die vielleicht doch ganz besonders wichtig sein könnte für unsere Zeit. Was mir wichtig war, das ist, dass sich gerade diejenigen Persönlichkeiten in unserer Gesellschaft einmal unter einem gewissen Gesichtspunkt zusammentun, welche irgendwie in der übrigen Welt darinnenstehen, durch das eine oder andere sozial darinnenstehen.
Eine solche Sache wie die unsere, wenn sie so greifbar vor die Welt hintritt wie der Johannesbau, kann nur gedeihen, wenn die Mitglieder sie nicht nur so betreiben, wie ja viele allerdings es tun. Ich tadle es nicht, es ist eben so; sie sind sozusagen im Geheimen für ihre Person Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft oder des Johannesbau-Vereins, aber sie mögen nicht, dass das irgendwie bekannt wird, nicht wahr. Ich glaube, dass es so manchen gibt, der sogar ganz gern zu den Vorträgen der Anthroposophischen Gesellschaft kommt, aber es recht ungern hat, wenn man in seinem Bankbüro erfährt, dass er Mitglied ist, und so weiter. Na also, es gibt ja solche Sachen. Aber damit kommt man nicht weiter. Man kann natürlich eine ideelle, ideale Gesellschaft haben, aber man kommt damit nicht weiter, wenn man etwas wie das Goetheanum in die Welt setzen will, das geschäftsmäßig geführt werden muss. Da kommt man nur weiter, wenn die Persönlichkeiten, die dazugehören, auch ihre sonstigen sozialen Affinitäten, die sie haben, wirklich ausnützen in der Welt draußen, also wenn jemand dies oder jenes ist, dass er das Ansehen, das er in seinem Kreise hat, gerade dazu verwendet, um einen Boden, einen realen Boden zu schaffen für dasjenige, was da zum Heile der Menschheit entstehen soll.
So habe ich die Treuhandgesellschaft begrüßt als ein Zusammcn- Tun von Persönlichkeiten, welche in der übrigen Welt eine Stellung haben und diese Stellung geradezu im Interesse des Goetheanum ausnutzen. Deshalb, meine lieben Freunde, war mir auch sofort plausibel, dass der Name «Goetheanum» auftauchte gerade in Verbindung mit unserer Gesellschaft. Idealisten in unserer Gesellschaft wird’s zahlreiche geben, denen es nicht gefällt, dass der biblische schöne Name, oder was immer es ist, «Johannesbau» umgewandelt wird in den Namen «Goetheanum». Aber, meine lieben Freude, was sachlich hier für die Menschheit geleistet wird, kann ja jeder in seinem Herzen tragen. Vor der Welt ist die Sache so zu vertreten, dass die Welt sie möglichst einfach versteht. Und einen Wert darauf zu legen, dass etwas anderes geschieht als das, wodurch der Welt etwas einleuchtet, das halte ich für sehr verderblich für unsere Sache. Deshalb war es von der Trcuhandgesellschaft ganz richtig, sich zu sagen: Nennen wir uns «Johannesbau», so denkt jeder: Naja, das ist so was, na «so was» halt! Und nennen wir uns «Goetheanum», so knüpft das doch an etwas [Anerkanntes] an, und diejenigen Leute, die bei «Johannesbau» eben sagen würden: na, das ist halt «sowas», würden sich jedenfalls schämen, sich nicht zu Goethe zu bekennen.
Ich überschätze durchaus nicht unsere Zeitgenossenschaft, denn, nicht wahr, sie dürfen ja in ihrem Herzen ebenso gut das «Goetheanum» als «so was» betrachten, aber sie genieren sich dann ein bisschen. Und auch solche Impulse unserer verehrten Zeitgenossen muss man eben durchaus gewärtigen. Es kommen eben die verschiedensten Dinge zusammen. Warum man im Übrigen aus spirituellen, geistigen Gründen «Goetheanum» heute sagen soll, das habe ich in meinen Vorträgen ja genügend auseinandergesetzt. Dass aber auch da ein ganz praktischer Beweggrund vorliegt, das wollte ich gerade am Beispiel der Treuhandgesellschaft anführen. Und wenn bei der Treuhandgesellschaft besonders in der jetzigen, schwierigen Zeit, wo wir solchem Chaos entgegengehen, jeder Einzelne dasjenige benützt, wodurch er in der Welt steht, mit ihr zusammenhängt und in den Johannesbau hineinbringt, der ja gewiss auch eine schwierige Stellung in der Welt haben wird, dann wird durch die Treuhandgesellschaft etwas Gutes getan. Sonst würde es ja natürlich notwendig sein, später wieder eine Übertreuhandgesellschaft für die Treuhandgesellschaft zu gründen, sodass ebenso, wie der Johannesbau sich zu der Treuhandgesellschaft verhält, die Übertreuhandgesellschaft sich zu der Treuhandgesellschaft verhalten würde, na und so weiter.
Emil Grosheintz: Wünscht sonst noch jemand das Wort? - Wenn das nicht der Fall ist, so möchte ich die heutige Versammlung schließen.ANSPRACHE
ZUR 7. GENERALVERSAMMLUNG DES VEREINS DES
GOETHEANUM, DER FREIEN HOCHSCHULE
FÜR GEISTESWISSENSCHAFT
Dörnach, 25. April 1920
Dr. Grosheintz eröffnet die Versammlung, begrüßt die Anwesenden und gibt den Bericht über den Fortgang der Bauarbeiten. Er schließt mit den Worten: «Mit innigen Dankgefühlen und ehrfurchtsvollem Staunen sehen wir, wie Herr Dr. Steiner in nie rastender Tätigkeit aus dem unerschöpflichen Quell geistiger Erkenntnis uns lebendige Kräfte übermittelt, auf dass wir sie fruchtbar machen in der Welt.» - Im Anschluss an den technischen Bericht spricht Herr Hermann Linde über die künstlerische Ausgestaltung des Baues. Es folgen die Worte Dr. Steiners:
Meine lieben Freunde!
Sie haben die Berichte des Vorstandes gehört; es steht uns dann noch der Kassenbericht in Aussicht. Und vielleicht darf hier einiges eingeflochten werden, damit Sie, gerade vor der Entgegennahme des Kassenberichtes, über einige Verhältnisse orientiert werden. Ich meine, man muss gerade jenen Stellen des heutigen Berichtes eine besondere Bedeutung beimessen, welche auf die Verbindung des ganzen Goetheanum-Baus mit der allgemeinen Zeitkultur hinweisen. Der Vorstand hat in sehr dankenswerter Weise gerade diese Bedeutung in seinem Bericht hervorgehoben, und es wird gut sein, gerade diese Seite des Goetheanum auch einer größeren Öffentlichkeit vorzulegen. Ich werde nachher einen kleinen Antrag nach dieser Richtung stellen.
Was ich vor allen Dingen Sie ins Auge zu fassen bitte, das ist, dass wir gewissermaßen das Goetheanum nicht bloß als eine pro- domo-Angelegenheit der anthroposophischen Gesellschaft oder des Bauvereins betrachten, sondern dass wir cs betrachten als eine Angelegenheit der Welt. Und damit hängt zusammen, dass an unserm Bau wirklich nicht bloß Geld arbeitet. Selbstverständlich, zunächst arbeitet das Geld. Aber in diesem Gelde steckt heute doch schon ein großer Teil jener Energie, die zu dem großen öffentlichen Interesse führt, das um unser Goetheanum herum sich in der breiten Öffentlichkeit entwickelt hat. Wir müssen darauf sehen, dass dieses Interesse immer größer und größer werde! Eben mit diesen Intentionen hängt es zusammen, dass in der letzten Zeit so etwas wie die Eurythmie gerade hier von Dörnach aus mit aller Energie ausgebaut und auch propagiert worden ist.
Die Eurythmie ist etwas, was vielen Menschen rein um ihrer selbst willen einleuchtet. Und durch die Eurythmie wird wiederum - das ist ganz unausbleiblich - auch das Interesse für unsere allgemeine Sache gefördert. Daher sind solche Dinge wie die Eurythmie, oder wie es auch die Vorträge waren, welche vor kurzer Zeit hier für die Öffentlichkeit veranstaltet worden sind, und jene, die noch hinzuzukommen haben - ein länger dauernder Vortragszyklus, den wir innerhalb dieses Jahres schon veranstalten werden - es sind alle diese Dinge etwas, was nicht mehr getrennt betrachtet werden darf von der ganzen Bau-Angelegenheit, die sich hier abspielt. Alle diese Dinge sollen in innigem Zusammenhänge betrachtet werden. Und man sollte sich bewusst werden, dass dadurch, dass zunächst hier die Eurythmie gefördert wird, auch im Wesentlichen alles dasjenige gefördert wird, was mit der Fertigstellung unseres Baues zusammenhängt.
Wenn man diese Dinge hier auch nicht im Einzelnen rechnerisch nachweisen kann, so liegt aber doch die Tatsache vor, dass es so ist. Daher wird es sich darum handeln müssen, dass unsere Freunde nach allen Seiten hin ihre Aufmerksamkeit richten und versuchen, ihr Interesse zu einem möglichst allgemeinen zu machen.
Es war ja naturgemäß, dass im Beginn unserer Tätigkeit in Dörnach diese eine ausstrahlte; doch im Laufe der Zeit wird sich immer mehr die Notwendigkeit einstellen, dass einzelne Tätigkeiten, ich möchte sagen, sich assoziieren, dass immer mehr aus den Sachen selbst heraus gearbeitet werde. Und im Zusammenhang mit dem Bericht des Vorstandes möchte ich deshalb erwähnen, wie dieser «Verein des Goetheanismus» gedacht ist, von dem gesprochen worden ist.
Der «Verein des Goetheanismus» der Freien Hochschule für
Geisteswissenschaft geht nun zunächst nicht von der Idee aus, eben einen kleinen Verein zu begründen, sondern von einer ganz konkreten Tatsache. Sie kennen alle das, was nicht bloß für Dörnach vorliegt: die gewaltige, die große Weltkalamität der Wohnungsnot. Es ist notwendig zum Beispiel, wenn wir überhaupt Weiterarbeiten wollen, dass wir Wohnungen für unsere Mitarbeitenden errichten. Wir würden nicht damit ausreichen, dass wir etwa Häuser kauften; dadurch würden wir bloß die andern Leute daraus vertreiben, das wollen wir aber gerade nicht. Wir kommen nur dadurch vorwärts, dass wir uns Wohngelegenheiten gründen, welche besonders für unsere hier Mitarbeitenden, nicht bloß die Arbeiter, sondern überhaupt die an unserem Bau arbeitenden Freunde, Wohnungen erstellen.
Damit ist zunächst ein Anfang gemacht worden, indem mir persönlich vertrauensvoll eine Summe übergeben worden ist, wodurch zunächst drei kleinere Häuser für mitarbeitende Freunde gebaut werden könnten, in denen sehr bescheidene Wohnungen zu finden sein werden. Diese Sache wird als solche jetzt so liegen, dass sic meine allerpersönlichste Angelegenheit sein wird: Ich werde zunächst mit Herrn Bay den Beginn der drei Häuschen besorgen. Und diese Häuser sollen, wie gesagt, als meine persönliche Angelegenheit hier aufgerichtet werden. Dazu ist notwendig, weil solche Dinge sofort eine Angelegenheit werden, die mit Gesetz und Behörde zu tun hat, den «Verein des Goetheanismus» zu schaffen. Dieser Verein umfasst zunächst diejenigen drei Persönlichkeiten, die sich entschlossen haben, mir bei diesem Vorhaben, soweit ich es für nötig erachten muss, zur Seite zu stehen: Herr Dr. Boos, Herr Etienne und Herr Ballmer, die werden zunächst diesen Verein bilden.
Dieser Verein des Goetheanismus ist aber dazu bestimmt, sich nach und nach auszuwachsen. Aber das darf nicht dadurch geschehen, dass man ihm etwa für alles Richtlinien gibt, wie sie ja besonders auch in der alten theosophischen Gesellschaft so stark gewuchert haben. Man hat für alles Mögliche sich eigentümliche Statuten gemacht, schöne Vorsätze gefasst, hat die Statuten in die Schatulle gelegt. Das Komitee hat bestanden, hat aber weiter nichts gemacht; darin bestand die Haupttätigkeit. Aber es handelt sich darum, dass wir jetzt in einem
Stadium der Arbeit sind, wo so etwas nicht weitergeht, sondern nur zum Ruin führen würde. Was wir jetzt brauchen, ist, dass wir die schon begonnene Arbeit, wirklich Existierendes, nach und nach zusammenschließen.
Bedenken Sie, wir haben auf der einen Seite, vielleicht mehr, als die Betreffenden sich klargemacht haben, eine ausgebreitete Tätigkeit in der eurythmischen Kunst. Und wir haben zweitens den Beginn zu verzeichnen durch Vorträge, die hier gehalten worden sind von Dr. Boos und anderen, ein Beginn, ein Anfang zu etwas, was zunächst darin seinen Ausdruck finden soll, dass im Spätherbst, durch einige Wochen hindurch, nicht bloß einzelne Vorträge, sondern schon abzuhaltende größere Kurse für die große Öffentlichkeit stattfinden sollen vor einer größeren Anzahl von Freunden, insofern sie in ihren betreffenden Gebieten Fachleute sind. Es ist notwendig, dass diese Öffentlichkeit etwas davon erfährt, dass also eine gewisse Aktivität vorher für diese Kurse entfaltet wird. Das ist ein Zweites: Eurythmie das Erste, die Kurse das Zweite. Dazu werden im Laufe der Zeit andere Dinge kommen, die sich an diejenigen, die schon real da sind, die sich real entwickelt haben und bis zu einem gewissen Stadium gediehen sind, anschließcn werden. Diese Dinge werden sich schon einmal zusammenschließen.
Aus diesen Dingen wird dasjenige erstehen, was sich ergeben muss aus diesem «Verein für Goetheanismus», der immer in innigem Einvernehmen zu arbeiten haben wird mit dem Bauverein des Goetheanum, der ja dadurch wahrhaftig nicht weniger Tätigkeit zu entfalten haben wird, dessen Tätigkeit immer mehr wachsen wird. Aber notwendig ist es, dass nicht von einem schon Bestehenden aus peripherisch gegriffen wird, sondern dass die Dinge, die aus sich selbst sich entwickeln, sich vor allen Dingen durch die Personen, die daran arbeiten, zusammenschließen. Man wird später im «Verein für Goetheanismus» alle die Leute drinnen haben, die jetzt schon irgendeine bestimmte Tätigkeit leiten, sodass nicht Leute designiert werden zu einer bestimmten Tätigkeit, sondern dass die Leute sich zusammenschließcn, die jetzt schon eine bestimmte Tätigkeit leiten. Das ist auf einem besonderen, speziellen Gebiet auch ein Arbeiten aus dem Konkreten, aus der Wirklichkeit heraus. Und das muss unsere besondere Maxime sein: überall aus der Wirklichkeit heraus, nicht aus Theorien und Programmen oder aus dem Statut heraus zu arbeiten. Wir müssen mit denen arbeiten, die als Persönlichkeiten herauswachsen, die vorher bis zu einem gewissen Grad eine Tätigkeit entwickelt haben, und dann erst sich zusammenschließen. Dem muss ja insbesondere bei so etwas Rechnung getragen werden: dass man einfach damit beginnt, dass irgendetwas schon da ist. Das muss überhaupt unser Prinzip werden. Dann wird es möglich sein, gerade diese unsere Bestrebung, die Art unserer Bestrebung vor einer größeren Öffentlichkeit zu vertreten.
Nicht dass ich das als unberechtigt bezeichnen möchte, aber mir ist immer wieder entgegengetreten, zunächst von Seiten unserer Freunde, dann aber auch von Seiten auswärts stehender Menschen, dass man eigentlich nicht genügend kennt, was hier geschieht. Wie gesagt, diese Sache ist bis zu einem gewissen Grade berechtigt. Man hat eben in den verflossenen Jahren mit andern Sachen zu tun gehabt und ist nicht so recht dazugekommen, diese Dinge gehörig zu verbreiten. Zunächst wird es sich also darum handeln, die Welt wirklich bekannt zu machen - ich möchte wortwörtlich sagen: bekannt zu machen - mit dem, was hier geschieht. Deshalb möchte ich gerade für das, was heute verhandelt wird, namentlich für die schon verlesenen Berichte, den Antrag einreichen, dass diese Dinge in extenso gedruckt werden, und dass diesmal davon abgesehen werde, diese Dinge nur unter unseren Mitgliedern zu verbreiten, sondern dass sie der Welt bekannt gemacht werden.
Ich arbeite schon seit einiger Zeit an der Druckfertigstellung dessen, was ich jetzt hier mehrere Male über den Bau vorgetragen habe, sodass man eine Art von Bild bekommen wird über die künstlerischen Intentionen dieses Baues. Es wäre vielleicht nicht uneben, dies zu machen. Ich bitte, dies zu erwägen. Nicht wahr, wenn wir verstehen würden, gerade aus diesen beiden Dingen eine ordentliche Veröffentlichung herzustellen: erst diese Darstellung des Baues, zubereitet für die Öffentlichkeit, im Zusammenhang mit den übrigen Berichten, was ein einziges Büchelchen geben würde, das wir auch den Besuchern verkaufen könnten statt eines Entrees: Es würde das die Möglichkeit geben, wirklich ein intimeres Interesse in der größeren Öffentlichkeit hervorzurufen.
Dann möchte ich vielleicht doch auch zur Erwägung geben, dass es nicht uneben wäre, wenn - wenigstens in der Hauptsache, die Details können wir noch im engeren Kreise besprechen - wenn in der Hauptsache auch die Zahlen, die Sic nachher im Rechnungsabschluss hören werden, der Öffentlichkeit bekannt würden. Wir haben ja doch sonst immer die Misere, dass man durch Klatsch und Tratsch von den «Millionen» spricht, die der Bau kostet. Wir brauchen nicht davor zurückzuschrecken, den Leuten zu sagen: Wir haben bis jetzt soundso viel verbaut, und die Fertigstellung des Baues macht noch soundso viel aus. Ich glaube, wir haben nicht nötig, vor der großen Öffentlichkeit etwas zu verbergen. Wir sind imstande, gewissermaßen einen Rechnungsabschluss zu geben vor aller Welt, und auch Präliminarien für das, was nötig sein wird, vor der Welt zu vertreten. Ich gebe das zur Erwägung. Ich glaube, dieses einer kleinen Broschüre einzuverleiben, das könnte gar keinen schlechten Dienst tun! Es würde sich eben nur darum handeln, dass wir uns jetzt dazu entschließen. Nach meiner Meinung könnte uns das in nächster Zeit baulich helfen.
Und ich möchte dies gewissermaßen als die Unterlage benützen, um, soweit ich das darf, den Teil-Antrag jetzt schon zu stellen, der dahin gehen soll, dass die besondere Tätigkeit unseres verehrten Vorstandes in weitestem Umfange anerkannt, gewürdigt werde, und dass bei dieser heutigen Gelegenheit ja nicht vergessen werden soll, den Beschluss zu fassen, unserem verehrten Vorstand in der intensivsten Weise zu danken für seine Bemühungen in den letzten Geschäftsmonaten und -jähren, den Vorjahren, und diesen Dank auch im Protokoll zum Ausdruck zu bringen. Das ist das, was ich zur Sache zu sagen habe.
Der Vorsitzende dankt Herrn Dr. Steiner für seine Worte und Anregungen und das entgegengebrachte Vertrauen. Es erfolgt die Erstattung des Kassenberichts und die Anfrage, ob jemand zum Kassenbericht etwas zu sagen habe. Dr. Steiner sagt dazu das Folgende:
Sic, verehrte Freunde, werden gerade bei diesem Kassenbericht die Notwendigkeit empfinden, ihn recht genau zu studieren; denn er enthält wirklich außerordentlich wichtige Angaben über das Verhalten gegenüber der zukünftigen Betätigung, namentlich der finanziellen Betätigung hier am Bau. Sie haben gehört, dass unter allen eventuell für die Zukunft Beitragenden die Mittelländcr fast ausscheiden müssen! Die Valuta der Mittelländcr ist gründlich zerstört, und da ja die Bedingungen zu einer dauernden Besserung durchaus nicht vorhanden sind, so können wir selbstverständlich für die nächsten Verhältnisse mit einer wesentlichen Besserung der Valuta der Mittelländer nur rechnen, wenn wir Illusionäre sind! Sodass diese als Beitragende mehr oder weniger ausscheiden.
Es kommt noch dazu, dass es den Angehörigen der Mittelländcr immer schwieriger wird, hierherzukommen, um auch tcilzunehmcn an den Segnungen, die sich an den Bau knüpfen. Von den andern Freunden sind diejenigen am besten dran, die neutralen Ländern angehören, und jene, die aus den Vereinigten Staaten sind. Die sind gegenwärtig in Valutaverhältnissen, denen gegenüber man sagen muss, sie werden nach einiger Zeit, wenn sie jetzt recht ausgiebig für den Bau sorgen, sich sagen: Wir haben unser Geld wenigstens für eine Kulturangelcgcnheit der Menschheit angewendet! Denn Sie dürfen ja ganz sicher sein, dass die Illusion eben eine Illusion ist, es könnten die günstigen Verhältnisse der Valuta der Vereinigten Staaten und der neutralen Länder sehr lange so bleiben, wie sie sind, respektive dass sie lange so gelassen werden können, wie sie sind. Das hängt alles zusammen mit der ganzen Entwicklung unserer internationalen Ar- beits- und Versorgungsverhältnisse. Und in dieser Beziehung werden ja, mit Bezug auf die finanzielle Lage, die Vereinigten Staaten und die im Krieg neutral gebliebenen Länder ein ganz anderes Schicksal erleben, und wiederum ein anderes Schicksal die der eigentlichen Entente.
Die Ersteren, also die Angehörigen der Vereinigten Staaten und der neutralen Gebiete, die werden sich wirklich nach einiger Zeit sagen können: Wir haben wenigstens zu einer Kulturtat etwas beigetragen, bevor wir in anderer Weise unser Geld losgeworden sind. Diejenigen,
ANSPRACHE
ZUR INTERNATIONALEN DELEGIERTENVERSAMMLUNG
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT FÜR
DEN WIEDERAUFBAU DES GOETHEANUMS
Dörnach, 21. Juli 1923
Liebe Freunde!
Ich könnte höchstens, da nun eine Pause entsteht, ein paar Bemerkungen machen, die mir wichtig erscheinen. Ich hoffe, dass es nur die Ausfüllung einer Pause ist. Denn es ist ja klar, dass die Diskussion über die Angelegenheit nicht zu Ende ist.
Da will ich eben als erste Zwischenbemerkung diese machen, dass ich bitten möchte, die Debatten über diejenigen Dinge, um die es sich bei dieser wichtigen Versammlung handelt, möglichst in den einzelnen Punkten bis zur Präzision zu bringen. Und selbst auf die Gefahr hin, missverstanden zu werden, möchte ich als ersten Punkt anführen, dass mit Abstraktionen, wie etwa, man solle eine Broschüre zustande bringen, zunächst in dieser abstrakten Form ja gar nichts anzufangen ist. Man muss wirklich bei solchen Dingen sich immer ganz bestimmte Gedanken machen; nicht von außen eine Sache charakterisieren, sondern man muss gerade bei einer solchen Sache auf die Verhältnisse cingchen. Es ist bei den verschiedensten Angelegenheiten, welche die anthroposophische Bewegung betroffen haben, immer wieder und wieder der Vorschlag aufgetaucht, man solle eine Broschüre schreiben. Wir stehen heute nicht zum ersten Mal vor diesem Vorschlag; und ich habe meistens mich außerordentlich zurückhaltend verhalten zu diesem Broschürenschreiben, weil ich ja wusste, dass dabei, wenn nicht die Broschüre ein ganz besonderes Kunstwerk ist, aus der Individualität eines Einzelnen hervorgehend und durch die Individualität des Einzelnen gerechtfertigt, ein real Wirksames dabei kaum herauskommen kann. Der Gedanke liegt nämlich nahe, so etwas zu machen, weil man gewöhnt ist, nicht Wirklichkeit zu denken, sondern eben irgendetwas zu denken in nicht einmal allgemeinen Umrissen, sondern in allgemeinen äußeren Richtungen. Deshalb würde ich bitten, wenn der Vorschlag irgendwie weiter berücksichtigt werden sollte, über ihn so zu diskutieren, dass man etwas dabei verstehen kann. Denn vorläufig kann ich mir unter dem, was gedacht ist, nicht gerade irgendetwas vorstellen. Das ist das Erste, was ich bemerken möchte.
Dann ist es dieses, dass ich nicht möchte, dass gerade im gegenwärtigen Momente falsche Vorstellungen auftauchen. Falsche Vorstellungen sind innerhalb einer geistigen Bewegung, insbesondere einer solchen Bewegung, die einmal steht unter der Devise: «Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit», falsche Vorstellungen sind immer mit einem zerstörenden Impuls verknüpft, und man muss sehr achtgcben, dass nicht falsche Vorstellungen Platz greifen.
Eine solche falsche Vorstellung würde es geben, wenn etwa die Meinung verbreitet würde, man könne heute sagen, dass der Bau, der Goetheanum-Bau, von Deutschland durch bestimmte Mächte exiliert worden sei. Wenn man darüber Anschauungen hat, so müssen diese natürlich ganz genau präzisiert werden. Denn äußerlich lagen die Tatsachen nicht so, dass der Bau durch Mächte exiliert worden ist, die in irgendeiner Weise etwa gar mit dem Brande in Zusammenhang gebracht werden können. Äußerlich lagen die Dinge so, dass ein gewisser Bauplan in München fertig war, und dieser nicht etwa so abgelehnt worden ist, dass man sagen könnte: Es haben Mächte auf die deutschen Gesetze Einfluss genommen, dadurch sei der Bau exiliert worden, und man hätte in Gebiete gehen müssen, wo nach dieser Richtung freiere Gesetze herrschen. Sondern rein äußerlich lagen die Dinge so, dass es im Wesentlichen die Münchener Künst- lerschaft war, die auf die Beurteilung eines solchen Planes Einfluss hatte, und die als Künstlerschaft, wirklich als Künstlerschaft, eben einfach auf die Sache nicht eingehen konnte, nichts Rechtes dazu zu sagen wusste. Und eines Tages hat man vor der Tatsache gestanden, dass nachdem man hintereinander, was weiß ich, so ein paar Dutzend Pläne ausgearbeitet hatte, auch dann immer noch keine bestimmte ist, ein Leichtes, so etwas zu tun, wenn er nicht selber gerade arm ist. Aber den Angehörigen der Mittelstaaten selber wird es zunächst fast ganz unmöglich sein, überhaupt hierherzukommen, wenn ihnen nicht unter die Arme gegriffen werden kann. Also ich will nicht vorschlagen: Solche Dinge sollten gemacht werden, will nicht einen Rat geben, will nur sagen, dass, wenn solche Dinge mit einer riesigen Erfindungsgabe auftreten würden, wenn solches mit einer riesigen, in der Wirklichkeit wurzelnden Phantasie in der nächsten Zeit geschehen würde, mir diese Dinge sehr gefallen würden!
Nach einigen Besprechungen der Mitglieder über laufende Angelegenheiten teilt Dr. Steiner mit, dass Dr. Boos noch einiges berichten werde, was von Interesse sein könne im Hinblick auf das prinzipiell von ihm selbst Gesagte.
Dr. Boos spricht über Arbeitsmöglichkeiten, die geschaffen werden müssen von Seiten derjenigen, die diesen Verein des Goetheanismus begründeten und darin Zusammenarbeiten. Er enthält im Gegensatz zu gewissen anderen Bestrebungen, welche Dokumente von 72 Foliosciten mit ihren Regeln und Paragrafen füllen, nur vier kurze Paragrafen; denn er wolle nicht Vorschriften machen, sondern Aktivität entfalten, damit diejenigen, die noch schlafen, zum Aufwachen gebracht werden. Der Verein verpflichtet sich, im engsten Kontakt mit Dr. Steiner zu arbeiten aufgrund der Einsicht in die Notwendigkeit des von ihm gegebenen Kultureinschlags, und aus dem freien Willen heraus, diesem Eingesehenen zu dienen. Dr. Steiner, der nie Gehorsam fordert, vermag die Einsicht zu vermitteln, in der nächsten Zeit werde hauptsächlich an der Vorbereitung der Herbstkurse gearbeitet werden müssen. Zu den Aufgaben des Vereins gehört die Arbeit im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organismus und der Ansätze zu einem gesunden Wirtschaftsleben. Wenn von allen Seiten her solche Kräfte ans Werk treten, wird sicher in einiger Zeit das, was als Goetheanum dasteht, als ein wirkliches Zentrum alle gesunden Kräfte sammeln können, die aus dem Zusammenbruch Neues aufbauen wollen, und den Tendenzen entgegenwirken, die Europa auf das Niveau des finstersten Afrika hintreiben.
Dr. Grosheintz: Sie haben durch Ihren Applaus kundgegeben, wie sehr Sie den Worten von Dr. Boos bcipflichten. Ich bitte nun Herrn Molt, sich zu äußern.
Herr Emil Molt schlägt vor, die Verhandlungen am Nachmittag fortzusetzen und die von Dr. Boos gegebenen Anregungen weiter zu bedenken.
WORTE ZUR ERÖFFNUNG DES GOETHEANUMS
Dörnach, 26. September 1920
Meine sehr verehrten Anwesenden !
Aus bewegter Stimmung heraus und mit ernster Seele spreche ich jetzt dieses erste der Worte, die in diesem Raume der Geisteswissenschaft gewidmet sein sollen. Ernst muss die Stimmung sein. Die Not der Zeit steht im Flintergrunde und alles dasjenige, was aus negativem Geistesleben heraus in diese Not der Zeit hineingeführt hat. Aber vor meiner Seele steht heute auch alles dasjenige, was auch aus einer solchen Zeit heraus von verstehenden und für die Entwicklung der geistigen Menschheitszukunft begeisterten Seelen getan worden ist, damit dieser Bau, in dem wir jetzt den ersten Hochschulkursus für Geisteswissenschaft beginnen, wenigstens bis zu diesem Stadium hat geführt werden können. Dankbarst muss aus dem Geiste der hier gemeinten Wissenschaftsrichtung heraus gedacht werden jener schönen Gesinnung und ihrer Kraft, die da war bei all den materiellen und geistigen Helfern zu dem, was hier zustande kommen soll. Und vor allen Dingen möchte ich mich jetzt auch an diejenigen zahlreichen Freunde unserer Sache wenden, welche zu diesem Kursus hier erschienen sind. Diejenigen, die zu diesem Kursus hier erschienen sind, zeigen ja damit, dass sie wenigstens erwarten von dem, was hier getrieben wird, etwas, das die ernste Not unserer Zeit, das die besondere Artung unseres Geisteslebens in der Gegenwart fordert.
Sie kündigen, indem Sie hier erschienen sind und den Kursus hören wollen, in einem gewissen Sinne an, wie Sie erwarten, dass aus diesen geistigen Erlebnissen heraus hier der gewaltige Ruf der Zeit zu hören versucht wird, und dass man sich bestreben will, den Aufgaben zu dienen, nach denen dieser Ruf der Zeit hinweist. Es kann in diesem feierlichen, ernsten Augenblicke, meine sehr verehrten Anwesenden, nicht meine Aufgabe sein, etwa die erste der Vorlesungen zu halten, welche dieser Kursus darbieten soll. Alles dasjenige, was unsere anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft bringen will, es soll durch den Kursus selbst zunächst in einer vorläufigen Gestalt vor Verstehende hingestellt werden. Nur von den Absichten und Zielen, die hier walten sollen, möchte ich sprechen.
Wer heute empfindet, dass aus einem neuen Geiste heraus der sozialen Not, der ganzen Not der Menschheit überhaupt abgeholfen werden müsse, der denkt zugleich oftmals: Holen wir die Wissenschaft, die seit langer Zeit in den Lehrsälen gepflegt worden ist, heraus, popularisieren wir sie, bringen wir sie dem Volke, das aus Unkenntnis heraus in das Chaos hineintreibt, und es wird sich zeigen, dass aus der Verbreitung des Geisteslebens ein Aufstieg unserer Zivilisation erfolgen müsse.
Demjenigen, was hier getrieben werden soll, liegt eine andere Überzeugung zugrunde, die Überzeugung, dass jene Wissenschaft, die in ihrer Richtung seit drei bis vier Jahrhunderten geherrscht hat, und die wesentlich mit hineingetrieben hat in den Niedergang, nichts fruchten wird, wenn man sie aus ihren engen Räumen hinausträgt in die Weiten der Volksbildungsstättcn, Volkshochschulen und dergleichen. Hier ist die Überzeugung wirksam, dass aus neuen geistigen Forschungsquellen heraus in die Hörsäle hineingetragen werden muss, in alle einzelnen Disziplinen, ein neuer Geist der Wissenschaft. Würden wir diese Überzeugung nicht hegen, man könnte uns mit Recht für eine der Sekten halten, die sich in der heutigen verwirrenden Zeit so zahlreich auftun, um sich gewissermaßen hinzustellen neben das, was sonst an geistigem Leben getrieben wird. Solch eine Sekte wollen wir nicht sein. Und alle unsere Bestrebungen sind nicht daraufhin veranlagt, solch eine Sekte zu sein. Alle unsere Bestrebungen sind daraufhin veranlagt, hineinzuwirken in das lebendige Geistesleben, hineinzuwirken in all dasjenige, was in weiten Kreisen mitkraftet an der Entwicklung der Menschheit.
Ein äußeres Zeichen dafür ist schon dieser Bau. Er steht nicht da als gewählt aus irgendeinem der überkommenen Baustile heraus. Er steht da seinen Formen, seiner künstlerischen Sprache nach als ein ursprüngliches Geschöpf aus dem Geiste dieser Geistesforschung heraus, die in ihm getrieben werden soll. Und so wie dasjenige, was hier als materielle Umhüllung die Worte umgeben wird, die gesprochen werden, so soll dasjenige, was gesprochen wird, lebendige Kraft genug haben, um weit hinauszudringen in alle diejenigen Lebenssphären, die erneuert, die metamorphosiert werden müssen, wenn wir den drohenden Niedergang überwinden und zu einem neuen geistigen Aufstieg kommen wollen. Das ist der Grund, warum in der letzten Zeit herausgetrieben worden ist aus dem, was hier genannt wird anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, ein breites soziales Streben. Nicht in theoretischer abstrakter Abgezogcnheit soll hier gestrebt werden, sondern in einem Einklänge mit allem, was die Menschheit auf irgendeinem Gebiete vorwärts bringen kann.
Das, meine sehr verehrten Anwesenden, hängt zusammen mit der Tragik unserer Zeit, dass eine solche Einheit nicht gesucht worden ist im Grunde genommen, dass das Suchen nach einer solchen Einheit schon seit Jahrhunderten allmählich verloren gegangen ist, und dieses Verlorengehen gerade in der Gegenwart seinen höchsten Gipfel erreicht hat. Wenn man solcher Dinge gedenkt, muss man eigentlich, man kann nicht anders, einen Blick zurückwerfen in jene Urzeiten der Menschheitsentwicklung, in denen aus einer instinktiven Urweisheit heraus geboren wurde dasjenige, was uns jetzt als eine Dreiheit entgegentritt: Kunst, Wissenschaft und Religion. Es gab Zeiten der Menschheitsentwicklung - und ich hoffe, der Beweis für dasjenige, was ich jetzt nur andeutend sage, wird innerhalb des Kursus selbst erbracht werden können - es gab Zeiten der Menschheitsentwicklung, da waren nicht abgesonderte Unterrichtsanstalten, nicht abgesonderte Kirchen, nicht abgesonderte Kunstanstalten [vorhanden, sondern] da war ein einheitliches Wirken, das ein künstlerisch erkennendes und zu gleicher Zeit religiös geartetes war. [Da waren] Stätten, die man Mysterien nennen kann, in denen gepflegt wurde eine Kunst, die zu gleicher Zeit Religion und Wissenschaft war, in denen gepflegt wurde eine Religion, die in ihren Kulten das Kunststreben der damaligen Zeit aussprach, in denen gepflegt wurde eine Wissenschaft, die aus jener Geistigkeit heraus, aus der sie entsprang, unmittelbar hinführtc zu jenen göttlichen Quellen des Menschen- und Welten- dascins, die im religiösen Empfinden erlebt werden sollen.
Von dem, was da in einer Einheit lebte, es hat sich, ich möchte sagen, am engsten an die ursprüngliche Gestalt, die es gehabt hat, angeschlossen: an die Kunst. Bis in die jüngsten Zeiten herein ist die Kunst geblieben, ich möchte sagen, das jung gebliebene Kind der alten Mysterien, jenes Kind, durch welches unsere Kultur einverleiben will dem äußeren Stoff, der äußeren Materie die Geistigkeit, in der der Mensch leben kann. Alle diejenige Geistigkeit, die aus ursprünglichen Menschheitsinstinkten hervorgegangen ist, sie musste abgelähmt werden im Laufe der Kulturentwicklung. Sie muss wieder errungen werden. In Freiheit, mit vollem Bewusstsein muss wieder errungen werden, was die Menschheit einstmals in Instinkten besessen hat, was sie in dieser Form verlieren musste, damit aus Freiheit heraus der Mensch es wieder erstreben könne.
Kunst, gewissermaßen das kindlich gebliebene Kind der alten Mysterien, cs wurde aber auch von der allmählichen Lähmung der inneren menschlichen Geistigkeit in der letzten Zeit ergriffen. Sodass sich gewissermaßen diese Kunst allmählich flüchten musste in die Unwirklichkeit, während einstmals alles dasjenige, was der Mensch erlebt hat an Tiefen religiösen Empfindens und Wollens, alles dasjenige, was der Mensch erlebt hat an Tiefen geistiger Erkenntnis, hineingclegt wurde in seine künstlerischen Schöpfungen, sodass ihm aus seinen künstlerischen Schöpfungen geistige Wirklichkeit entgegen sich offenbarte. All das, es ist nichts mehr, wohin eine heutige Wissenschaft geht, nichts mehr, wohin eine heutige Religiosität geht. Die Kunst verkörperte nach und nach den Geist, aber man hatte den Geist nicht mehr als ein Lebendiges. Und so empfand man dasjenige, was die Kunst darbot, zwar als etwas Geistiges, aber als etwas Unwirkliches, als etwas, was der bloßen Phantasie entspringen sollte. Ich möchte sagen, im Anklange das griechische Wort gebrauchend, aus einem Kosmismus ist unsere Kunst allmählich geworden ein Akosmismus, dasjenige, das sich von der Schönheit des Weltenalls im Glauben entfernte. Dass man im Naturalismus, in der Nachahmung einer äußeren sinnlich-physischen Wirklichkeit, einen Ausweg für die Kunst suchte, beweist nur, dass man den Zugang zu jenen Quellen des Geisteslebens verloren hatte, aus denen heraus doch der
schöpferische Künstler gestalten muss auf jedem Gebiete der Kunst, wenn die Kunst eine Offenbarung im geistigen Leben sein soll.
Und so haben wir eine akosmische, eine unwirkliche Kunst heraufkommend in unserem neuesten Zeitalter und bis zur Gegenwart herein. Warum kam sie herauf? Weil aus der ursprünglichen, künstlerisch-religiös erkennenden Einheit sich gebildet hat die Dreiheit, die allmählich den Zusammenhang verlor: Kunst, Wissenschaft, Religion. Die Wissenschaft, die sich abgegliedert hat vom alten Mysterienwe- sen, von ihrem Geschwisterpaar Religion und Kunst, sie drängte allmählich dahin, wo für sie der eine Naturalismus vorhanden ist, wo sie nicht mehr aus einer Geistigkeit in der Menschenseele heraus die der Natur zugrunde liegende Geistigkeit erfassen kann, wo sie nur im Experiment oder in der Beobachtung die äußere sinnlich-physische Tatsache zu erfassen imstande ist. Diese Wissenschaft, sie wurde aus dem, was einstmals aus den Instinkten heraus nach Erkenntnis des Geistes hinter der Natur strebte, eine Wissenschaft, die man bezeichnen kann als Agnostizismus. Und dieser Agnostizismus, der eigentlich durch die Beobachtung der Natur und durch das Experiment über die Natur dazu kam, nur feststellen zu können für sich: Ich bin nicht mehr exakt, ich bin nicht mehr wirklich verstehend naturforschend, wenn ich mich in geistige Regionen erhebe, dieser Agnostizismus, er kann nicht jene Wärme verleihen der Seele, er kann dem Geiste nicht jenes Licht geben, die hinführen zu einer wirklichen, aus dem Geiste heraus geschöpften Kunst. Akosmismus in der Kunst bekam allmählich als zur Seite stehend Agnostizismus in der Wissenschaft.
Dasjenige, was einstmals mit Kunst und Wissenschaft vereint als Religion in den Mysterien lebte, es sonderte sich, es wurde eine bloß innerliche Angelegenheit der Seele immer mehr und mehr. Und wenn wir verfolgen seinen Gang - dieser Kursus soll ihn ja darstellen -, so finden wir, dass dasjenige, was einstmals einen so reichen religiösen Inhalt dem Menschen allerdings in alter Art bot, einen so reichen Inhalt, dass die Menschenseele, nachdem sie physisch geboren in der Welt dastand, sich wiedergeboren fühlte, wiedergeboren aus Seele und Geist heraus neben der physischen Geburt, dieser religiöse Impuls, er verlor den Inhalt. Und das ist gerade die Tragik der Gegenwart, dass neben einer akosmische Kunst, neben einer agnostischen Wissenschaft immer mehr und mehr sich eine atheistische Religion gerade bei denjenigen geltend macht, die dieser neuen Unkunst, dieser neuen Unwissenschaft zuneigen, sodass während einstmals zusammengehört haben Urkunst, Urreligion und Urwissenschaft, jetzt allmählich immer mehr und mehr nebeneinanderstehen Akosmismus, Agnostizismus, Atheismus im weitesten Sinne.
Dasjenige, was heute vielleicht in seiner ganzen Bedeutung und Stärke erst wenige vernehmen - diejenigen, die begründen möchten die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, sie empfinden es stark. Daher wollen sie eröffnen die Quellen einer Geistesforschung, welche hinführt wiederum in Bezug auf dasjenige Leben, das der Mensch mit seiner Umgebung lebt, zum Schauen, zum Schauen eines Geistes hinter der Wahrnehmung der Sinneswelt. Aus diesem Schauen des Übersinnlichen im Sinnlichen wird wiedererstehen die Kraft, eine schöpferische Kraft der Kunst einzupflanzen. Man möchte so gerne, dass man empfinden könnte, wie allerdings ein erster schwacher Versuch gemacht worden ist in diesem Bau, aus dem lebendigen Erfassen und lebendigen Schauen der geistigübersinnlichen Welt den äußeren Formen Geistgehalt einzupressen. Und verbinden soll sich mit diesem Schauen des Übersinnlichen im Sinnlichen, das zur Kunst führen soll, das Erkennen, das Erfassen des Übersinnlichen durch den Menschengeist in der Wissenschaft. Geistig soll wiederum unsere Wissenschaft werden, dann wird sic, indem sic erkennt, innerlich zünden in der Mcnschenseele, damit aus dieser Mcnschenseele heraus nicht abstrakte Ideen erwachsen, nicht abstrakte Naturgesetze bloß erwachsen, sondern jenes lebendige geistige Erleben, das sich ausspricht in Ideen, das aber zugleich mächtig und fähig ist, in der Kunst sich zu gestalten.
Hinstellen muss sich neben eine solche schauende Kunst, neben eine solche geistige Wissenschaft dasjenige, was man nennen kann eine religiöse Stimmung und Empfindung, die aus all dem hervorgeht und sich wieder einheitlich mit all dem verbindet. So wie die Kunst werden muss ein Schauen des Übersinnlichen, die Wissenschaft ein Erkennen des Übersinnlichen, so muss die Religion werden ein Erleben des Übersinnlichen. Wie könnte auch eine Wissenschaft, die in der Kunst zum Schauen des Übersinnlichen führen will, die im Begreifen zum Erfassen des Übersinnlichen führen will, anders handeln, als eine religiöse Stimmung erzeugen, welche zum Erleben des Übersinnlichen führt. Aus einer solch religiösen Stimmung heraus wird der Mensch neuerdings begreifen lernen das Mysterium von Golgatha, das sich hingestellt hat vor die Menschheitsentwicklung, um durch die auf der Erde erschienene Göttlichkeit des Christus den Menschen zu offenbaren, wie dasjenige, was sinnlich geboren ist, im Übersinnlichen wiedergeboren werden muss, damit es völlig ein menschwürdiges Dasein erlangt.
Drei neue Kräfte möchten wir aus geistigen Quellen heraus schöpferisch zur Offenbarung bringen: eine schauende Kunst wiederum, ein Erkennen des Übersinnlichen als Geisteswissenschaft, ein Erleben des Übersinnlichen zur Wiedergeburt der Seele und des Geistes in jener Religion, deren Stimmung sich hcrausgestaltcn muss aus dieser Kunst und dieser Wissenschaft. Dasjenige, was so als eine Kraft geboren werden soll, wir haben nicht nur die Überzeugung, sondern wir haben, die wir hier arbeiten, ein Erkennen davon, dass wir hineintragen können in die einzelnen Zweige des menschlichen Kulturlebens, in alle Einzelheiten unseres jetzigen bebenden sozialen Lebens dasjenige, was aus der neuen Dreiheit, der schauenden Kunst, der geistig erfassenden Wissenschaft, der die Wiedergeburt neu im Übersinnlichen erlebenden Religion, was aus alledem für das lebendige Dasein der Menschheit hervorgehen kann. Dieser Aufgabe sollte gewidmet sein dieser Bau.
Wie schön wäre es, wenn ich heute davon sprechen könnte, dass dieser Bau vollendet sei, dass dieser Bau übergeben werden könnte seinem Zwecke, dass gewissermaßen nach siebenjähriger Arbeit - denn vor sieben Jahren haben wir den Grundstein zu diesem Bau hier gelegt - dass nach siebenjähriger Arbeit dieser Bau seinen Zielen übergeben werden konnte. Das kann ich nicht. Denn vieles wird noch zu tun sein, viele Opfer werden noch zu bringen sein, bis dieser Bau seine Vollendung wird erlangen können. So stehen wir heute vor keiner Eröffnung dieses Baues, Aber wir wollen dasjenige, was wir aus unserer geistigen Strömung heraus glauben, der Welt zu sagen zu haben, in diesem Hochschulkurs zunächst provisorisch vor die Welt hinstellcn auch in diesem unfertigen Bau.
Und so werden diejenigen, die zu diesem Kursus erschienen sind, eben nicht in den fertigen Bau geführt, sondern, ich möchte sagen, zunächst hereingeführt, damit sie vielleicht - wie wir erwarten, zuversichtlich erwarten - aus dem, was sie hier vernehmen werden, die Überzeugung gewinnen werden: Ja, der Bau muss fertig werden. Und so dürfen wir hoffen, dass von denjenigen, an denjenigen, bei denen wir vielleicht Verständnis finden, uns Helfer erwachsen in jeder möglichen und notwendigen Form zur Vollendung dieses unseres Baues.
Deshalb danke ich nicht minder dankbar aus dem Geiste unserer Geisteswissenschaft heraus all denjenigen, die diesen Bau bis zu seinem heutigen Stadium gebracht haben. Aus diesem Dank und aus dieser Befriedigung heraus wende ich mich zunächst an diejenigen, die als alte oder jüngere Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft hier heute so zahlreich erschienen sind, um mit uns zu arbeiten dasjenige, was aus einem neuen Geiste heraus für den Fortschritt der Menschheit gearbeitet werden soll.
Insbesondere aber wende ich mich an diejenigen Besucher unseres Kurses, die der Studentenschaft der verschiedenen Länder angehören. Ihnen, diesen Studenten, möchte ich sagen, dass es mir die tiefste Befriedigung gewährt, sie gerade hier zu sehen, weil ich glaube, trotzdem cs lange her ist, dass ich der Studentenschaft angehört habe, ich mich noch immer in rechtem und besten Sinne unter ihnen fühlen darf. Denn dasjenige, was so strebt, wie zu streben hier charakterisiert worden ist, das muss in erster Linie aus jugendlichem Geist und jugendlichem Feuereifer heraus erstrebt werden. Verbinden Sie Ihre jugendliche Kraft mit dem Ernste, der in denjenigen sitzt, die hier für Geisteswissenschaft aus ernster Zeitennot heraus arbeiten, und es muss dasjenige gelingen, dessen Gelingen die Not der Zeit so sehr fordert. Seien Sie daher vor allen Dingen willkommen!
Es hat sich ja in manchem auch schon praktisch gezeigt, wie in das menschliche Gemüt unserer Zeitgenossen dasjenige hineinwirkt, was hier als ein Geist der Geisteswissenschaft waltet. Wir haben es oftmals bemerken müssen, und in den letzten Tagen ganz besonders wurde cs hier bemerkt, wie diejenigen Arbeiter, die schwere Arbeit entweder unten im Unterkunftshause zu leisten hatten oder auch hier oben an dem Bau, damit alles so weit hergestellt werden könne, dass unsere Freunde hier sein und der Kursus beginnen könne, wir haben gesehen, wie diese Arbeiter, die schwer zu arbeiten haben, mit denjenigen, die hier geistig arbeiten, einträchtig und brüderlich mit ihnen arbeiten wollen, wirklich in reichlichen Überstunden arbeiteten, damit dasjenige zustande kommen könne, was heute hier beginnen soll. Es ist besonders in unserer sozial aufgewühlten Zeit mit großer Befriedigung zu begrüßen geradezu als eine Zcitcrschei- nung, dass solches aus dem Geiste der Arbeit heraus gerade hier möglich geworden ist.
Und so wird man sehen, dass hier im Grunde genommen aus alledem, was hier aus geistigen Quellen geschöpft ist, Friede und Harmonie sprießen werden, wenn man sie nur sprießen lassen wird. Disharmonie und Uneinigkeit zu stiften können wir ruhig anderen überlassen.
Ein anderes Zeichen der Zeit, meine sehr verehrten Anwesenden, ist das doch schon, dass zu diesem Hineintragen unseres Geistes in alle einzelnen Wissenschaften fünfunddreißig Persönlichkeiten sich zusammengefunden haben, die in unserem Kursus von den verschiedensten Gesichtspunkten aus Geisteswissenschaft treiben werden. Fünfunddreißig Dozenten werden dasjenige, was hier als geistiger Impuls gegeben werden soll, man darf sagen: in siebzehn verschiedene Zweige des menschlichen Wissens und Empfindens und Arbeitens hineintragen. Wir werden hören vortragen über spezielle Teile der Geisteswissenschaft, wir werden hören vortragen über Philosophie, Theologie, über Geschichte, über Sprachwissenschaft, über Physik und Mathematik, über Chemie und Medizin, über Indologie, über Jurisprudenz und Pädagogik. Wir werden hören dasjenige, was künstlerische Naturen überden geistigen Untergrund und die geistigen Kräfte ihrer Kunst zu sagen haben. Wir werden hören, was aus der Dichtung heraus der schöpferische Geist über seinen Zusammenhang mit dieser unserer Geisteswissenschaft zu sagen hat.
Persönlichkeiten der Technik werden sprechen, und was besonders zu begrüßen ist als ein Erfreuliches, es werden Praktiker der Nationalökonomie, Praktiker des Gcschäftslcbens sprechen. Und es gehört zu den Fortschritten, die wir vor allen Dingen anstreben, dass das Leben als Einheit aufgefasst wird, dass dasjenige, was in philosophische Höhen hinaufführt, eine Einheit bilde mit demjenigen, was der Fabrikdirektor in seiner Fabrikpraxis bis in die Einzelheiten hinein im praktischen Leben zu verwerten hat, dass Fabrikpraktiker innerhalb unseres Kursus sprechen werden, wir begrüßen es mit ganz besonderer Freude.
Denn, meine sehr verehrten Anwesenden, nicht diejenige Kulturrichtung ist wirklich geistig, die da sagt, man muss den Geist in Wolkenhöhen fern von aller Materialität suchen, diejenige Kulturrichtung enthält wirklichen Geist, der aus diesem Geiste heraus die Kraft wird, ihn, diesen Geist, überall in das materielle Leben hineinzutragen, hineinzutragen in das Alltagsleben, hineinzutragen in die Schwierigkeiten der Maschine, hineinzutragen in die Schwierigkeiten des kaufmännischen Lebens. Das erst ist geistig, was in die Materie den Geist hineinzutragen versteht.
Deshalb wird hier innerhalb dieses Kursus stehen neben philosophischen Vorträgen so etwas wie dasjenige, was mit besonderer Freude zu begrüßen ist: «Der Industrielle in Vergangenheit und Zukunft vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft.» Es wird hier stehen außerdem dasjenige, was zu sagen haben Praktiker vorn kaufmännischen, Praktiker vom nationalökonomischen Standpunkte. Wenn wir die Liste unserer Vorträge, die Liste unserer Dozenten durchschauen, dann dürfen wir schon sagen, meine sehr verehrten Anwesenden, einiges an Früchten hat diese geisteswissenschaftliche Bestrebung schon gebracht. Sie hat schon zündend gewirkt in einer Anzahl Persönlichkeiten, die die Kraft in sich fühlen, nun einmal den Versuch zu wagen, die einzelnen Wissenschaften und auch praktische Lebenszweige im Lichte dieser Geisteswissenschaft nicht nur zu zeigen, sondern zu zeigen, wie das Praktische noch praktischer, das Erkennende noch kraftvoller wird durch den Impuls von Geisteswissenschaft, der hier gegeben werden soll.
Selbstverständlich, es soll hier - das wäre gegen den Geist der Geisteswissenschaft - nicht unbescheiden gedacht werden, aber ein rechtes Wollen entspringt nur aus einer echten Überzeugung, aus einer erkennenden Überzeugung. Deshalb ist es vielleicht nicht Unbescheidenheit, sondern es ist nur dasjenige, was, ich möchte sagen, mit Selbstverständlichkeit aus den aus Geistesforschung gewonnenen Kräften fließt, wenn gesagt wird demjenigen gegenüber, was Not der Zeit ist, demjenigen gegenüber, was heute schon von erleuchteten Geistern als notwendige Niedergangsströmungen gekennzeichnet wird, was geradezu so gekennzeichnet wird, als ob es mit Notwendigkeit in den Niedergang der ganzen abendländischen Zivilisation hineinführte, es soll aus der Kraft eines künstlerischen, eines erkennenden, eines religiös innigen und sozialen Wollens hier etwas ent- gegengestellt werden, was zum Aufstieg, zum Aufbau einer neuen Zivilisation führen kann.
Deshalb sei allen denjenigen, die wir heute hier so gerne sehen, die sich mit uns zur Arbeit vereinigen wollen, aus Bescheidenheit, aber zugleich wohl aus der aus der Geisteswissenschaft selbst heraus gewonnenen Überzeugung, zugerufen das Wort, das nur ausdrücken soll, in welchem Geiste, in welchem Sinn wir uns hier zusammenfinden wollen:
Zum Lichte uns zu wenden
In dunkler Zeiten Not,
Zum Geistesmorgenrot,
Die Scelenblicke senden:
Menschenwollen sei es hier
Und bleib es für und für.
BEI DER ERÖFFNUNG DER HOCHSCHULKURSE
AM GOETHEANUM
Autoreferat in der Goetheanum-Sondernummer
der Waldorf-Nachrichten 3. Jg., Nr. 4/5 (März 1921)
In dem Folgenden gebe ich einige der Gedanken wieder, die ich bei der Eröffnung des Hochschulkurses am Goetheanum in Dörnach ausgesprochen habe.
Mit bewegtem Herzen spreche ich die ersten Worte in diesem Goetheanum. Denn das ernste Ziel steht vor meiner Seele, dem dieser heute noch unvollendete Bau in der Zukunft dienen soll. Nach der Geistesanschauung hin soll hier gestrebt werden, welche allen denen als eine Forderung der Gegenwart und der nächsten Zukunft erscheint, die materielle und geistige Opfer für den Bau gebracht haben.
Dieser Opferwilligkeit soll zuerst gedacht sein. Aus ihrem verständnisvollen Eindringen in dasjenige, was gegenwärtig der Menschheit nottut, ist die Errichtung dieser Goethestätte begonnen worden. Durch sie ist es möglich geworden, dass hier in den nächsten Wochen über viele Gebiete des wissenschaftlichen, künstlerischen und praktischen Lebens gesprochen wird. Durch Persönlichkeiten mit ähnlicher Geistesrichtung wird dieses Goetheanum in der Zukunft vollendet werden können.
Diese Opferwilligen haben den Gedanken ergriffen, der aus der Erkenntnis erflossen ist, dass die Menschheitsentwicklung an einem Punkte angelangt ist, in welchem eine tatkräftige Hinorientierung nach einer Geisterkenntnis angestrebt werden muss.
Aus diesem Gedanken heraus ist vor sieben Jahren der Grundstein dieses Baues gelegt worden; aus diesem Gedanken heraus werden nunmehr hier dreißig Persönlichkeiten über Wissenschaft, Kunst, praktisches Leben sprechen. Sie wollen ihre Versuche vor die Öffentlichkeit hinstellen, um zu zeigen, wie die verschiedenen Gebiete des Lebens durch diejenige Geisterkenntnis, die hier angestrebt wird, befruchtet werden können.
In der gegenwärtigen Zivilisation übt dasjenige, was wir Wissenschaft nennen, einen gewaltigen Einfluss aus. Und neben die Wissenschaft stellen sich Kunst und Religion hin, um ihre eigenen Wege zu gehen. Doch die menschliche Seele fühlt heute mächtiger als noch vor kurzer Zeit den Trieb nach einer Einheit ihres Erlebens. Dieses Gefühl macht sich immer unwiderstehlicher geltend. In ihm drückt sich eine der ernstesten Forderungen der gegenwärtigen Zivilisation aus.
Man muss unter dem Einflüsse dieses Gefühls derjenigen Zeiten menschlicher Entwickelung gedenken, in denen Wissenschaft, Kunst und Religion noch nicht getrennte Wege gegangen sind. Die heute anerkannte Wissenschaft will von dieser Form der Menschheits- Zivilisation nicht viel wissen. Die Geisteswissenschaft, von der in den nächsten Wochen hier gesprochen werden soll, muss aus ihren Erkenntnissen heraus sie als Tatsache hinstellen. Es hat Zeiten gegeben, in denen Wissenschaft, Kunst und Religion eine Einheit bildeten. Man forschte in diesen Zeiten nicht so bewusst wie heute; man entwickelte ein mehr instinktives Wissen. Aber man sprach dieses Wissen nicht in der abstrakten Gedankenform aus, die gegenwärtig die unsrige ist. Man drückte, was man intuitiv wusste, in Bildform aus. Und man konnte diese Bildformen auch vor die äußeren Sinne hinstellen. Man konnte das Wissen sinnlich anschaulich machen. Vor den Sinnen erstand die wissenschaftliche Erkenntnis als anschauliche Kunst. Und das Gemüt konnte verehrend anbeten, was es als künstlerisch gestaltete Erkenntnis vor sich hatte. In religiöser Hingabe wurde die als Schönheit sich offenbarende Weisheit erlebt.
Die Menschheit konnte in ihrer Entwicklung nur fortschreiten, indem Wissen, künstlerisches Schaffen, religiöses Erleben sich trennten. Das Seelenleben wurde durch diese Trennung reicher. Dem forschenden Denken, dem künstlerischen Fühlen, dem religiösen Versenken mussten gesondert die Kraftströme des Lebens geschenkt werden.
Die Menschheit ist an dem Zeitabschnitte angekommen, in dem die drei Strömungen Zusammengehen wollen. Die weitere Sonderung würde das Seelenleben der Gesundheit berauben.
Die Wissenschaft, die in der neuen Zeit zur Blüte gelangt ist, sie konnte das äußere Leben gewaltig bereichern; sie konnte dem Erkennen der äußeren Natur unbegrenzte Dienste leisten. Dem Streben nach der Einheit von Wissen, Kunst und Religion kann sie nicht entgegenkommen.
Goethe hat schon vorempfunden, was in der Gegenwart und noch mehr in der nächsten Zukunft als tiefstes Bedürfnis der Menschheit angesprochen werden muss; dass in der Kunst wieder auf einer höheren Stufe als in der Instinktzeit der Seele Erkennen zu erleben ist. Er hat die Einheit von Wissenschaft und Kunst gefühlt, indem er ausgesprochen hat, wem die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen beginnt, der empfinde die tiefste Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst.
Mögen immerhin aus heute doch schon veralteten Denkgewohnheiten heraus Theoretiker sagen: Wissenschaft müsse sich von allem Künstlerischen fernhalten, so verwische man die Gebiete und verwirre das menschliche Streben. Die so sprechen, können nicht recht haben, wenn sich herausstellen sollte, dass die Natur selbst in künstlerischen Formen schafft, und dass man von ihren Geheimnissen fernbleibt, wenn man sich nur in denkerischer Form aussprechen will.
Die in diesem Goetheanum anzustrebende anthroposophische Geisteswissenschaft will so streng wissenschaftlich sein wie nur irgendeine anerkannte Wissenschaft der Gegenwart. Aber sie führt zu der Erkenntnis, dass aus den Tiefen des menschlichen Seelenlebens herauf in streng methodischer Art Kräfte entwickelt werden können, welche das bloße Denken zum Schauen eines wirklichen geistigen Weltinhalts hinführen. In diesem offenbart sich eine den Sinnen und der gewöhnlichen Vernunft nicht zugängliche Welt. Aber eine Welt, durch die das Sinncsgcbict erst verständlich in einem höheren Sinne wird. Durch dieses Schauen wird ein Daseinsbereich erschlossen, der sich wieder künstlerisch erleben lässt. Was der Urmenschheit durch den Instinkt zuteilgeworden ist, die Möglichkeit, das erkenntnisgemäß Erforschte in künstlerische Gestaltung umzuwandeln: Das kann in voller Bewusstheit wieder erreicht werden. Nicht unkünstlerische Symbolik und Allegorienspiel ist dabei gemeint, sondern das anschauende Erleben von Daseinskräften, die das eine Mal durch die Idee als Geisteswissenschaft ausgedrückt, das andere Mal durch elementares künstlerisches Gestalten geoffenbart werden. Wer Gedanken der logischen oder beobachtenden Erkenntnis verbildlicht, wirkt nicht künstlerisch. Wer das durch geistiges Schauen Erlebte in Kunst verwirklicht, der schafft nicht anders als der wahre Künstler. Denn er kleidet das Geistgeschaute nicht in Sinnbilder ein, sondern er gestaltet als Künstler dasjenige, was nach der einen Seite ideengemäß, nach der anderen bildgemäß sich durch sein eigenes Wesen offenbaren kann.
Wie Goethe sagen konnte, dass zur Kunst sich wenden muss, wem die Natur ihre offenbaren Geheimnisse zu enthüllen beginnt, so darf ein im Goethe’schen Sinne weiter Strebender wohl auch sagen: Wem die Natur ihre offenbaren Geheimnisse durch geistiges Schauen zu offenbaren beginnt, sodass er sie ideengemäß ausdrücken und künstlerisch gestalten muss, den drängt das Innerste seines Gemütes darnach, das Erschaute und in Gestaltung Festgehaltene mit religiösem Sinne zu verehren. Für ihn wird Religion das Folge-Erleben von Wissenschaft und Kunst.
Den ganzen Menschen, den erkennenden, künstlerisch fühlenden, religiös gestimmten Menschen durchkraftet die Geisteswissenschaft, die in diesem Goetheanum gepflegt werden soll. Deshalb darf sie auch hoffen, den dringenden sozialen Nöten der Gegenwart dienen zu können. Diese Nöte rühren ja doch davon her, dass die Wissenschaft, welche bloß dem Intellekt Befriedigung gibt, der Stoßkraft ermangelt, die der Mensch braucht, wenn er sich bewusst als soziales Wesen betätigen soll. Es gibt heute schon so viele Menschen, die sich der Einsicht nicht mehr verschließen, dass weder das staatliche noch das wirtschaftliche Leben aus sich selbst gesunden können; dass vielmehr neue Anregungen auf geistigem Felde in Staat und Wirtschaft hineinwirken müssen. Hier im Goetheanum soll dieser Gedanke völlig zu Ende gedacht werden. Man bleibt auf halbem Wege stehen, wenn man meint, die heute nötigen geistigen Anregungen könnten dadurch gegeben werden, dass durch Volkshochschulen, Volksbildungsbestrebungen usw. das in den Hörsälen Gepflegte in die breiten
Volksmassen getragen werde. Wer das glaubt, der durchschaut nicht, dass der kleinere Kreis der Gebildeten, dem diese Geistesfrucht zuteil geworden ist, die Menschheit in die furchtbare Katastrophe hineinge- trieben hat. Soll das, was bei wenigen zu solchen Ergebnissen geführt hat, nun auch durch die weitesten Kreise wirken?
Die Geistesart, die hier im Goetheanum gepflegt werden soll, ruht auf der Überzeugung, dass nicht der alte Geist der Hörsäle in die breiten Massen zu tragen ist, sondern dass aus Geisterkenntnis heraus eine neue Wissensströmung zunächst in die Hörsäle geleitet werden muss. Was aus solcher Erkenntnis fließt: Das wird als Geistesleben auch wahre Volksbildung und Kraft zu sozialer Gestaltung sein. Aus solchen Gedanken heraus ist vor sieben Jahren dieser Goethe- Bau begonnen worden; in solcher Gesinnung darf ich heute unsere Hochschulkurse eröffnen; mögen sich zu den Opferwilligen, die uns alles dies ermöglicht haben, andere der gleichen Gesinnung finden, damit dieses Goetheanum möglichst bald in seiner Vollendung besucht werden könnte.ANSPRACHE
ZUR 8. GENERALVERSAMMLUNG DES VEREINS
DES GOETHEANUM, DER FREIEN HOCHSCHULE FÜR
GEISTESWISSENSCHAFT
Dörnach, 27. Juni 1921
Meine lieben Freunde!
Was von meiner Seite zu sagen ist, ist ja in den letzten Jahren bei diesen Anlässen hier gesagt worden, deshalb wird cs nur Weniges sein, was ich heute zu dem Gange der Verhandlungen hinzuzufügen habe. Zunächst habe ich all den Freunden, die künstlerisch, wissenschaftlich und auf andere Art am Zustandekommen des Goetheanum und seiner Arbeit mitgewirkt haben im verflossenen Jahre, herzlichst zu danken. Es ist ja tatsächlich auch in diesem Jahre wiederum die hingebungsvolle Art einer großen Anzahl von Freunden gerade in der Mitarbeiterschaft zur Fertigstellung dieses Goetheanum in einer außerordentlichen Weise zutage getreten. Dieser Dank, er entspringt dem Bewusstsein der Wichtigkeit dieser Arbeit für unsere ganze gegenwärtige Zivilisation. Diejenigen, an die dieser Dank gerichtet ist, wissen, wie er gemeint ist, und sie werden diesen Dank in dem Sinne hinnehmen, dass er entspringt aus dem Bewusstsein von laut sprechenden Kulturnotwendigkeiten.
Dasjenige aber, was ich hauptsächlich zu sagen habe, ist dieses: Sie haben einen Bilanzrechenschaftsbcricht ablegen gehört; Sie haben Berichte sonstiger Art gehört. Wenn man aber, wie ich, vor allen Dingen darauf sehen muss, dass dasjenige, was gewollt wird und was gewollt werden muss mit diesem Goetheanum, vollendet werde, dann hat man in einer etwas anderen Weise zu rechnen mit den Bilanzverhältnissen. Nicht wahr, es ist ja ein verhältnismäßig günstiger Rechnungsabschluss, der nunmehr geliefert worden ist für den 31. Dezember 1920; aber der kann ja heute weniger interessieren. Wir brauchen den Rechnungsabschluss vom 27. Juni 1921; und es kann denjenigen, der vor allen Dingen an der Weiterführung der Sache interessiert ist, interessieren die Augenblicksbilanz. Diese Augenblicksbilanz kann ich nicht anders berechnen als dadurch, dass ich Ihnen sage: Es fehlen gegenwärtig effektiv in der Kasse des Goetheanum etwa dreihundertachtzig- bis dreihundertneunzigtausend Franken. Wenn man diese nicht in den nächsten Monaten haben wird, so werden wir trotz aller sonstigen in Worten oder leeren Gefühlen geoffenbarten guten Gedanken die Weiterführung des Baues nicht leisten können. Wir werden die unvollendete Sache vor uns haben und mit der Arbeit schließen müssen.
Über diese Tatsache, auf die ich schon öfter hingewiesen habe, sollte gar keine Illusion bestehen. Ich wiederhole sie daher noch einmal ganz deutlich: Für die Weiterführung des Baues - das bedeutet selbstverständlich keine Buchunterbilanz - für die Weiterführung dieses Baues aber, das heißt für das lebendige Schaffen hier, fehlen in der Kasse des Goetheanum nahezu vierhunderttausend Franken; und wenn diese nicht geschafft werden in den nächsten Monaten, so muss die Fertigstellung des Baues unterbleiben. Es muss die Instandsetzung des Baues einfach unterbrochen werden.
Es ist ja vorhin bei der Rechnungsablegung gesagt worden, dass die Dornacher Sache einem Organismus gleicht, in dem das Blut allmählich in Ablähmung begriffen ist. So ist es auch. Und, nicht wahr, viele der Appelle, die ich im Laufe des letzten Jahres gerichtet habe an die Mitgliedschaft und die Welt, insbesondere nach dieser Richtung, dass es notwendig ist, gerade einzutreten für ein weitergehendes Interesse an dem Zustandekommen des Goetheanum, sind in leere Luft verhallt. Sie sind nicht mit Interesse aufgenommen worden; und das ist dasjenige, was heute am Goetheanum, wenn ich Überschau halte, mir die allergrößte Sorge macht. Es macht mir die allergrößte Sorge, weil noch eine andere Tatsache vorliegt.
Wir waren in der Lage, die geistige Betätigung des Goetheanum zu beginnen. Kurse aus allen Wissenschaftsgebieten sind gehalten worden. Es wurde auch versucht zum Beispiel, die ja am Goetheanum selbst in schöner Weise zutage tretende künstlerische Betätigung durch das Hinaustragen der curythmischen Kunst in die Welt zu verbreitern. Da zeigt sich, wie von gewissen Seiten aus eine - letzthin wurde sie in der Dreigliederungszeitung «pöbelhaft» genannt - eine unschöne Gegnerschaft sich geltend macht. Ich will jetzt nicht davon sprechen, von welcher Seite diese pöbelhafte Gegnerschaft ausgeht. Jeder kann da die Wahrheit leicht sehen, der sehen will. Doch brauchte man selbstverständlich keine Furcht zu haben, wenn das Interesse in den eigenen Kreisen sich konsolidierte in dem Maße, in dem das Gegeninteresse, das Interesse an der Opposition in den anderen Kreisen wächst.
Allein man nehme nur einmal, ich möchte sagen als symptomatisch, das Folgende: In anderen Dingen ist es nicht anders, aber nehme man einmal die beiden Kursveranstaltungen vom September und Oktober des vorigen Jahres und diejenigen zu Ostern dieses Jahres. Wir haben einen wesentlichen Fortschritt zu verzeichnen. Es ist das natürlich mein subjektives Urteil; aber zunächst stehen ja auch als meine subjektive Sorge die vierhunderttausend Franken da, die in der Kasse fehlen. Wir haben also diese beiden Kurse, und wir haben in diesen Kursen einen wesentlichen Fortschritt zu verzeichnen an Güte der Vorträge, an dem Fortschreiten im Inhaltsvollen der Geisteswissenschaft. Man kann sagen, dasjenige, was drüben im Hauptbau und hier vom Podium herunter getan worden ist, das weist zu Ostern 1921 einen wesentlichen Fortschritt auf gegenüber dem, was im Herbst 1920 hat geleistet werden können. Wie gesagt, das Gleiche kann man in künstlerischen Dingen sehen. Wir haben in uns durchaus auf diesem Gebiete die Möglichkeit äußeren Fortschreitens. Wenn wir auf Weiteres sehen, so darf erwähnt werden, dass das geistige Wirken, die geistige Arbeit in der Stuttgarter Waldorfschule wesentlich fortgeschritten ist, dass der Gesamtgeist, die Aktivität der Waldorfschule und die Durchdringung dieser Aktivität mit dem Geiste, der drinnen sein soll, wesentliche Fortschritte gemacht haben.
Stellen wir dagegen symptomatisch die Abenddiskussionen im Herbste und zu Ostern auf. Nun, sie waren im Herbst schon auf einem Niveau, das man wirklich nicht loben konnte. Zu Ostern aber: Ich muss gestehen, sie waren etwas Fürchterliches, diese Abenddiskussionen. Da zeigte sich so recht, wie die Bewegung als eine geistige durchaus fortschreiten kann, wie ein kleiner Kreis betätigt ist in dem Fortschreiten der Bewegung, wie das Wissenschaftliche, das Künstlerische wächst, und wie dagegen das allgemeine Interesse innerhalb der Mitgliedschaft einfach einschläft. Das hat sich durch das Heruntergehen des Niveaus in unseren Diskussionen von dem Herbste des vorigen Jahres bis zu diesen Ostern gezeigt.
Wenn ich in diesen Dingen schon einmal von meinem subjektiven Gesichtspunkte aus sprechen muss, so habe ich an eine gewisse Tatsache zu erinnern. Diejenigen, die hier sitzen, sind ja zum großen Teile wahrscheinlich bei dem Abspielen dieser Tatsachen dabei gewesen. Als hier gesprochen worden ist vor einiger Zeit über alle möglichen äußeren, mit der anthroposophischen Bewegung zusammenhängenden Gründungen, da sagte ich: Die Ideen zu diesen Gründungen sind gut, sind außerordentlich bedeutsam, und wenn es sich um die Ideen und die inneren Möglichkeiten handelt, so bin ich durchaus nicht besorgt. Aber wenn ich sehe auf das Menschenmaterial der Gegenwart, das namentlich im praktischen Leben sich betätigen will, wenn ich sehe, wie wenig heute der sogenannte praktische Mensch auf der Höhe seiner Aufgaben steht, so macht mir das Sorge gegenüber solchen Gründungen.
Nun, ich bitte, mich nicht misszuverstehen. Damit soll durchaus nicht gesagt sein, dass diejenigen Dinge, die da begründet worden sind, etwa schlecht seien von ihrem eigenen Standpunkte aus. Sie arbeiten ja ganz gut; und man braucht sich von einem äußeren Gesichtspunkte aus durchaus nicht um sie zu sorgen. Aber ein anderer Standpunkt ist der, dass für mich die Dinge eben nichts anderes sind als eine Vergrößerung der Sorgcnbilanz, dass sie für die Arbeiten, die notwendig sind, um das Goetheanum weiterzuführen, nichts anderes sind als etwas, was meine eigene Arbeitskraft in einer starken Weise abzieht von andern notwendigen Dingen, weil mir zu viele Sorgen erwachsen durch dasjenige, was sich angegliedert hat, ohne dass in diesem Angegliederten bisher auch nur im Geringsten ein Mitdenken für das Weiterkommen der eigentlichen Zentrale, die sich im Goetheanum hier kristallisiert, bemerkbar wäre.
Auch alle die äußeren Gründungen sind ja doch schließlich entstanden auf der Grundlage des anthroposophischen Wirkens, das sich im Goetheanum kristallisiert. Und dasjenige, was sich an der Peripherie bildet, hat eine Berechtigung eigentlich nur durch das Hcrvorquellen aus dieser Wurzel; und es wäre daher notwendig, dass ein wirkliches Zusammendenken und Zusammenempfinden, Zusammenfühlen und Zusammenarbeiten aller dieser einzelnen Zweige sich herausstellte. Es würde gar nichts anderes möglich sein, wenn dieses Nichtzusammenempfinden, Nichtzusammenarbeiten so fortdauern würde, wie es sich bisher herausgestellt hat, als dass die eigentliche zentrale Arbeit in der herbsten Weise darunter leiden würde.
Wie gesagt, die geistige Bewegung ist fortgegangen. Die Lehrerschaft zum Beispiel an der Waldorfschule, sie wird, ich möchte sagen, immer mehr und mehr eine wirkliche Inkarnation jenes Geistes, der in pädagogischer Richtung aus der Anthroposophie heraus wirken soll. Ebenso ist es mit dem Künstlerischen. Und man würde auch fertig mit der Gegnerschaft, wenn die innere Konsolidierung in der eigenen Mitgliedschaft wirklich fortschreiten würde, wenn wirklich in dieser Richtung etwas getan würde. Sehen Sie, wodurch haben wir denn im vorigen Jahre die bessere äußere Bilanz gehabt? Dadurch, dass wir in der Lage waren, einzelne wenige Persönlichkeiten dazu zu veranlassen, die Verbesserung der Bilanz in die Hand zu nehmen. Das meiste ist ja durchaus durch persönliches Wirken von einigen wenigen Persönlichkeiten, die herumgereist sind, zustande gekommen. Es hätte sich darum gehandelt, fortzusetzen dieses Wirken für die Sache. Das ist aber unterblieben. Und deswegen erleben wir, was ich kennzeichnen musste. Ich möchte ein Beispiel dafür anführen, wie wenig auf meine Intentionen eingegangen wird. Sehen Sie, es war Ende April, da soll jemand in Holland gesagt haben: Ja, Weltschulverein, den kann man nicht so rasch populär machen, als ihr da meint, dazu braucht man fünf bis sechs Monate.
Nun, rechnen Sie zurück. Ich habe am Ende des letzten Herbstkurses mit aller Wucht, möchte ich sagen, darauf hingewiesen, dass damals der Zeitpunkt war, wo man persönlich eintreten sollte für diesen Wcltschulverein. Ich sagte, dass es nach der Zeitlage zu spät wird, wenn man das nicht tut. Nehmen Sie also den Ausgangspunkt des Hinweises dazumal, sagen wir Oktober. Dann rechnen Sie nach: November, Dezemberjanuar, Februar, März, April - sechs Monate. Da waren sechs Monate verflossen, seit ich die Notwendigkeit betont habe. Hätte man also im Oktober des vorigen Jahres begonnen, dann hätte man die sechs Monate gehabt. Stattdessen sagt man nach sechs Monaten, man brauche sechs Monate. Ja, wenn wir in dieser Weise eben weiterdenken und Weiterarbeiten, dann werden wir in drei bis vier Monaten in Bezug auf die äußere Bewegung eingeschlafen sein, und das gerade in dem Momente, wo wir in Bezug auf das Geistige und das Spirituelle vielleicht die größten und die besten Aussichten hätten.
Das ist nicht bloß aus dem Grunde gesagt, weil man diese Dinge bejammern will, sondern aus dem Grunde, weil Arbeitskraft dadurch in Anspruch genommen wird, die in anderer Richtung wirken sollte. Man hat ja natürlich für diese Dinge zu sorgen, wenn andere nicht dafür sorgen. Und da die Arbeitskraft beansprucht wird, so ist es selbstverständlich, dass dann wiederum die ideelle und spirituelle Arbeit darunter leidet und eben nicht auf die Höhe kommen kann, auf die sie eigentlich kommen sollte. Es ist ja wohl eine Hypothese, wenn ich sage, wir könnten vielleicht in drei bis vier Monaten auf einem Höhepunkt unserer spirituellen Leistungen sein; denn dieser Höhepunkt hängt davon ab, dass die Mitglieder das Rechte tun.
Es müsste für die nächste Zeit, nicht morgen, sondern heute müsste irgendwie tatkräftig gewirkt werden wollen für das Administrative unserer Sache. Es müssten vor allen Dingen diejenigen Gründungen, die entstehen konnten an der Peripherie, die starke Verpflichtung fühlen, mitzuwirken für das Zentrale, für das Ganze; sie müssten, trotzdem sie für sich ja durchaus gut stehen mögen - niemand soll das missverstehen -, die Verpflichtung fühlen, dasjenige zu stützen, zu tragen und vor allen Dingen auch an äußerer materieller Arbeit zu entlasten, was das Zentrum der Sache ist.
Und so unangenehm, wie gesagt, es mir ist, dass dieses hat ausgesprochen werden müssen, es musste heute wiederum geschehen. Aufmerksam darauf gemacht worden ist ja oft in den letzten Jahren, aber cs ist verhallt, in leere Luft verhallt. In demselben Maße, in dem die Markkontos zurückgegangen sind, begreiflicherweise zurückgegangen sind, in demselben Maße sind überhaupt die Aussichten auf die Weiterführung unserer Sache allmählich geschwunden. Es ist jetzt der große Schwund der Frankenkontos da, nachdem cs ja Markkontos überhaupt nicht mehr gibt. Das ist dasjenige, was das effektive Resultat ist, das ich eben doch nur zusammenfassen kann in die Worte: In der Kasse des Goetheanum fehlen heute vierhunderttausend Franken für die nächsten Monate. Wenn Aussicht vorhanden sein soll, die Arbeit des Baues und die administrative Arbeit fortzusetzen, so müssen diese geschafft werden.
Das ist mir eine große Sorge. Ich habe es im vorigen Jahr mit aller Schärfe gesagt; und ich bedaure, dass ich es in diesem Momente wiederum aussprechen muss.ANSPRACHE
ZUR 9. GENERALVERSAMMLUNG DES VEREINS
DES GOETHEANUM, DER FREIEN HOCHSCHULE FÜR
GEISTESWISSENSCHAFT
Dörnach, 25. Juni 1922
Meine lieben Freunde!
Gestatten Sie ein paar Worte, die durchaus aber gemeint sind gewissermaßen als Interpretation der moralischen und finanziellen Bilanz, die Ihnen heute vorgelegt worden ist. Ich möchte dabei allerdings an verschiedene Dinge anknüpfen, von denen ich der Überzeugung bin, dass sic mit dieser Bilanz ganz innig Zusammenhängen, aber es kann nicht immer gleich, wenn man die Dinge nicht gründlich betrachtet, der Zusammenhang gesehen werden.
Ich möchte von etwas sehr Naheliegendem ausgehen, möchte auch hier auf etwas noch einmal aufmerksam machen: darauf, dass ja die anthroposophische Bewegung, deren äußerlicher Repräsentant das Goetheanum hier ist, dass diese anthroposophische Bewegung in der letzten Zeit, ohne dass sie eigentlich sehr viel unmittelbar mit der Absicht der Popularisierung dazu getan hat, eine weite Verbreitung gefunden hat. Nach und nach ist Anthroposophie tatsächlich, und zwar indem man von außen von ihr Kenntnis erhielt und sich mit ihr beschäftigte, eben durchaus etwas weithin Berücksichtigtes geworden. Dadurch steht sie wirklich heute schon drinnen in all den verschiedenen Bestrebungen und auch Kämpfen, die heute innerhalb der Zivilisation geführt werden. Das kann man eben ganz deutlich sehen. Daran hätten wir auch nichts ändern können. Denn gerade für das Verbreitetwerden in den Kreisen, in denen heute in weitem Umfange viel von Anthroposophie gesprochen wird, haben wir ja im Grunde nichts getan, sondern wir haben uns bemüht, die ursprünglichen Impulse aufrechtzucrhalten, in positiver Weise immer mehr und mehr hinzuzuarbeiten zum gegebenen Schatze. Und da wäre cs dann natürlich anders gegangen - trotz mancher aus der Bewegung heraus erwachsenen Feindschaften - es wäre anders gegangen, als es jetzt geht, wo wir in so außerordentlichem Maße der allerbreitesten Öffentlichkeit ausgesetzt sind. Aber mit diesem Faktor muss einfach gerechnet werden, und in dieser Beziehung war ja der in jüngster Zeit abgehaltene Wiener Kongress ganz besonders charakteristisch. Da standen wir, wenn ich so sagen darf, in voller Öffentlichkeit, und standen auch in der Öffentlichkeit vor zahlreichen Leuten, die sich in Bezug auf dasjenige, was zum Aufbau der Zivilisation, zum Neuaufbau der Zivilisation nötig ist, schon auch durchaus Fragen stellen.
Es ist ja heute ganz deutlich - in diesem Kreise muss auch das gesagt werden - cs ist heute ganz deutlich eines bemerkbar, wenn man das Leben im Großen verfolgt. Es ist heute bemerkbar, dass in den Ländern des Westens eine, wenn auch vielleicht noch nicht sehr starke, aber doch sich deutlich bildende Überzeugung vorhanden ist, dass die alten Kulturen, welche innerhalb Mitteleuropas sich ausgebildet haben, Fermente sein müssen zu einem geistigen Neuaufbau. Es wird immer weniger und weniger mit Antipathie von dem Westen aus auf das geistige Leben in Mitteleuropa gesehen werden, während die politischen Gegnerschaften ja gegenwärtig noch in starkem Zunehmen sind. Wenn auch andere Symptome scheinbar dagegen sprechen, aber die politischen Antipathien sind im stetigen Zunehmen begriffen. Nicht so verhält es sich - wenn das auch wiederum weniger bemerkbar ist - mit den Sympathien für dasjenige, was im Geistigen in Europa wirksam werden kann zu einem gesunden Aufbau der Zivilisation.
Ja, meine lieben Freunde, da kommt doch manches in Betracht. Ich will zunächst nur auf eine Einzelheit aufmerksam machen. Ich will herausgreifen die besondere Aufnahme, welche in Wien nun die drei Eurythmie-Aufführungen gefunden haben. Man kann schon in solchen Dingen, wenn man ein Ohr hat für diese Dinge, unterscheiden. Die Eurythmie-Aufnahme in Wien war die denkbar wärmste, die bisher vorhanden war; wenn auch nicht vielleicht die äußerlich schreiendste, so eben doch die allerwärmste, weil man in der Lage war, auf das Künstlerische im Allgemeinen zu sehen, und weil einem dabei gar nicht einfielcn alle diejenigen Dinge, die ja von uns selbst - und zwar von mir bei jeder Einleitung zu den Vorstellungen - betont werden; weil einem das gar nicht einfiel, weil man aus einem unmittelbar für das Künstlerische veranlagten Herzen heraus die Sache in der Totalität aufzunehmen in der Lage war. Die Aufnahme der Eurythmie in Wien ist eigentlich im Grunde genommen etwas, was ein epochemachendes Ereignis innerhalb der anthroposophischen Bewegung ist.
Und dabei muss berücksichtigt werden, dass allerdings ein starker Drang nach der Ausbildung des künstlerischen Elementes in der Anthroposophie heute vorhanden ist. Wir können ja, wegen unserer Arbeitsverhältnisse, wegen des Abgezogenwerdens durch dasjenige, was schon zu tun ist, selber auf viele Dinge gar nicht einen direkten Einfluss nehmen. Wenn aber zum Beispiel jetzt gerade auftritt bei einer Anzahl von jüngeren Leuten das Bedürfnis, sich in der rezita- torischen und deklamatorischen Kunst, auch in den Elementen der dramatischen Kunst sich auszubilden, wenn es notwendig geworden ist, dass Frau Dr. Steiner demnächst hier einen Kursus abhält für jüngere Leute gerade in rezitatorischer, deklamatorischer und mimischer Kunst auf Verlangen der Jugend, dann ist es immerhin ein Zeichen, dass das Streben, mag es auch heute noch so wenig klar hervortreten, dass dieses Streben vorhanden ist.
Alle diese Dinge müssen mit einer außerordentlich starken Sachlichkeit behandelt werden, denn selbstverständlich können gerade die Impulse, die in solchen Dingen leben, auch nach der negativen Seite hin zum Ausdruck kommen, und in dem Augenblicke, wo zum Beispiel das Künstlerische nur ein wenig auf eine schiefe Ebene geführt wird, in dem Augenblicke sind sogleich auch alle möglichen luziferischen und ahrimanischen Kräfte los, und die Sache führt in ein falsches Fahrwasser hinein.
Deshalb ist es notwendig, dass gerade in diesem Punkte darauf geachtet werde auf die bis jetzt gemachten Erfahrungen, wie eben solche durch den bisherigen Betrieb gemacht werden konnten. Aul diese Erfahrungen muss sorgfältig hingesehen werden, und es muss vermieden werden, gerade auf diesem Gebiete, die immer hemmende Kritik und sogar abfällige Besprechung, die sehr häufig gerade in unserm Kreise ist, und die doch zu nichts anderem führt, als dass man in der wirklichen Fortführung der Sache gehemmt wird. Denn selbstverständlich kann gegen alles etwas eingewendet werden, und der Kritiker, der kann es immer etwas besser wissen. Ich meine das gar nicht ironisch; es kann manchmal durchaus theoretisch besser sein, aber man kann es nicht ausführen aus den Bedingungen heraus, die uns einmal gegeben sind. Man kann es aber überhaupt nicht ausführen, weil es bloße Theorie ist, und nicht wirklich künstlerische Praxis.
Solche Dinge müssen durchaus berücksichtigt werden: dass auf dasjenige hingesehen werde, was die Persönlichkeiten bisher an Erfahrungen gemacht haben, und was sie sich bilden konnten an Ideen [darüber], wie die Sache fortgehen könne, Persönlichkeiten, die eben bisher hauptsächlich in den Dingen drinnengestanden sind. Und die andern sollten ihnen mehr helfen, damit sie nicht auf Schritt und Tritt Hemmungen erfahren durch Besserwissen und dergleichen, was ja immer sehr leicht da sein kann. Das sind Dinge, die viel mehr Zusammenhängen mit dem, was eigentlich Ihnen hier in der Bilanz entgegengetreten ist, als man gewöhnlich glaubt.
Ich will noch auf eine andere Tatsache hinweisen. Sehen Sie, es ist jetzt selbstverständlich sehr natürlich, dass überall [darüber] gesprochen wird, wenn solche Kongresse oder Hochschulkurse und dergleichen in Szene gesetzt werden, wie das in besonders ausgeprägtem Maße in Wien der Fall war. Es ist sehr natürlich, dass da von der Waldorfschul-Pädagogik gesprochen wird, dass die Grundsätze dieser Waldorfschul-Pädagogik auseinandergesetzt werden und so weiter. Der Wiener Kongress ist deshalb von solch großer Bedeutung, weil der Erfolg, den wir gehabt haben zunächst vor der breitesten Öffentlichkeit, wenn er in der richtigen Weise ausgemünzt wird, tatsächlich zum großen Segen der anthroposophischen Bewegung werden kann. Wenn er nicht ausgemünzt wird, kann er natürlich - weil es einmal dazu geführt hat, dass die Dinge in so breiter Öffentlichkeit leben - dazu führen, dass sich gerade alle die Dinge, die damit jetzt auch aus allen Ecken herauskommen, die Gegnerschaften gründlich mehren.
Sie müssen nur einmal in diesem Zusammenhänge berücksichtigen: Es sind in Wien, trotzdem solche Dinge nicht gesucht worden sind - im Gegenteil, man etwas scheu sich vor ihnen zurückgehalten hat es sind in Wien von Außenstehenden schon doch ganz objektive Schilderungen desjenigen, was beim Kongress vor sich gegangen ist, erschienen. Aber Sie müssen nicht vergessen, dass in dem Augenblicke, wenn so etwas auf einer Seite auftritt, die hämische und die schadenstiftende Gegnerschaft erst recht, und zwar im ausgiebigsten Maße sich geltend macht.
Ich will nur ein Faktum erwähnen. Als ich zurückgefahren bin, hatte ich in Linz etwas längeren Aufenthalt, kaufte mir dort ein Zeitungsblatt. Man macht cs ja in der Weise, dass man zum Kiosk geht, ein Zeitungsblatt in die Hand nimmt, und die interessantesten Erfahrungen machen kann. Darinnen war ein Artikel «Steinerismus», und zwar war der Artikel so gehalten, dass er darstellen wollte, dass der Kongress in Wien dasjenige, was die schädlichen Seiten des Steinerismus sind, ganz besonders zeigen kann, weil wenn man nach Deutschland geht, dort etwas strammer gearbeitet wird, da kommen dann mehr die segensreichen Seiten heraus. Wenn man aber nach Wien kommt, da ist alles - ich vertrete die Ansicht natürlich nicht - da ist alles in Schlampigkeit getaucht, sagt der Artikel-Schreiber, und da nimmt man also die besondere Form des schlampigen Steinerismus wahr. Und da kann man aber sehen an dem schlampig gewordenen Steinerismus gerade so recht dasjenige, was eigentlich gewollt wird. Und cs wird dann herausgeschält, was in der Waldorfschul-Pädagogik eigentlich angestrebt wird, und zwar in der Form, dass gesagt wird: Das Wesen der Waldorfschul-Pädagogik besteht in Homosexualität.
Nun, sehen Sie, meine lieben Freunde, das wird in allen Einzelheiten durchgeführt, und es wird also damit in einer verhältnismäßig außerordentlich weit verbreiteten Tageszeitung den Leuten das Urteil beigebracht: Bringt ja nun nicht irgendwie Opfer für diese Waldorfschul-Bewegung, denn das ist ja doch nur eine Maske zur Verbreitung der Homosexualität.
Nun, meine lieben Freunde, auf diese Dinge muss natürlich sorgfältig hingesehen werden. Dasjenige, was ich Ihnen da sage, das könnte ich auch an anderen Beispielen illustrieren. Man braucht nur einmal - ich weiß nicht, wie ich cs sagen soll - durch den Zufall oder durch sein Karma dazu geführt werden, auf solche Dinge aufmerksam zu werden. Ich musste zum Beispiel einmal auf etwas, was zu tun war in den letzten Tagen in Wien, etwas warten, musste in ein Kaffeehaus gehen, um nicht auf der Straße zu warten; da nahm ich mir, wie ich das als das Nützlichste noch finde bei einer solchen Gelegenheit, einen ziemlichen Stoß von Zeitungen. Der Kongress war eben abgeschlossen. Die Zeitungen hatten sehr viel nach dem Abschlüsse des Kongresses zu sagen. Da war aber ein großer Teil desjenigen, was da nun an Berichten erschien, durchaus in einem zwar nicht so grotesken Stile gehalten wie der Artikel, den ich dann in Innsbruck gefunden habe - doch nicht in einem Innsbrucker-, sondern in einem Wienerblatt diese groteske Weise ist zwar nicht erreicht worden, aber dennoch nette Dinge waren da von den verschiedenen Seiten her erreicht worden. Und manches der Blätter, die vorher objektive Berichte gebracht haben, die donnerten dann aus einer ganz anderen Ecke heraus.
Ich betone das aus dem Grunde, weil eben eingesehen sein sollte, dass doch das Wort eine viel größere Bedeutung hat; dass ich immer sage, man sollte wissen, wie die Dinge in unserm Zeitalter leben, wie die Dinge wirken, sonst kann man sich ja eigentlich [in den Realitäten nicht auskennen]. Gewiss, in der Anthroposophie liegen die Impulse [so stark da], dass man gar nicht seine Ohrstöpsel herauszunehmen braucht, sondern mit Ohrstöpseln durch die Welt gehen kann. Aber das kann man nicht mehr, wenn eben, ohne unser Zutun, die anthroposophische Bewegung eine solche Verbreitung gewonnen hat. Und da muss eben durchaus darauf gesehen werden, dass wir selber finden die Möglichkeit, unter fortdauernder Wachsamkeit, unter fortdauernder Berücksichtigung alles desjenigen, was geschieht, unsere Wege zu finden - ich sage nicht zu gehen, sondern zu finden. Wir müssen eben dahin kommen, unsere Wege zu finden. Es ist dieses durchaus einem ganz stark entgegentretend, wenn man den Zusammenhang der Dinge betrachtet. Dass heute so nicht weitergegangen werden kann mit der Zivilisation, wie es zahlreiche Menschen denken, das wird andern Menschen vollständig klar. Daher begründen sich mit den schönsten Programmen heute die schönsten Bündnisse.
Nun bin ich vollständig von Folgendem überzeugt worden in der letzten Zeit: Wir haben ganz gewiss auch bei unserm Wiener Kongress eine gewisse Anzahl von Menschen gefunden, die durch diesen Wiener Kongress aufmerksam darauf geworden sein werden, dass man mit dem alten Denken heute nicht vorwärtskommt, dass es notwendig ist, dass ein ganz neuer, und zwar geistiger Einschlag komme. Gerade durch dasjenige, was am Wiener Kongress ausgeführt worden ist und getan worden ist, sind zahlreiche Menschen, ganz gewiss genügend zahlreiche Menschen für einen solchen Kongress zu dieser Überzeugung gekommen.
Wenn diese Menschen nun zu dieser Überzeugung gekommen sind, und nun diese Überzeugung ins praktische Leben überführen wollen, dann, meine lieben Freunde, stellt sich auch wieder das heraus, was im Kleinen schon immer da war: Diese Leute treten nicht in die Anthroposophische Gesellschaft ein, sondern sie treten in ein anderes der Bündnisse ein, deren äußere Führung, deren äußere Organisation, deren äußeres Zusammenwirken der Mitglieder ihnen besser gefällt. Sodass wir eigentlich - wir können es doch aussprechen, und heute spreche ich es ganz dezidiert aus, weil es mir eben in der letzten Zeit so dezidiert entgegengetreten ist — sodass wir tatsächlich jetzt vielfach so arbeiten, dass wir die Leute für das, was sachlich ist, durchaus gewinnen, dass sie aber nicht bei uns eintreten, sondern in die andern Bündnisse eintreten, die eben gegenwärtig gestiftet werden. Also der sachliche Erfolg bleibt eigentlich nicht aus, Sie können nicht einmal sagen, die Leute wollen die Anthroposophie nicht, sie wollen sie nämlich, und diejenigen, die in die anderen Bündnisse eintreten, sind manchmal ganz gute Anthroposophen, sie treten nur nicht bei uns ein. Über die Gründe nachzudenken überlasse ich jetzt Ihnen, denn das wird gerade das Nützliche sein in der einzelnen Erarbeitung eines Urteils.
Aber nun möchte ich zu rechnen beginnen. Ich glaube, dass sehr ausgebreitete Summen heute dazu verwendet werden, um solche Bündnisse in Szene zu setzen, da hinein fließen gar nicht wenige
Gelder. Diese Gelder könnten wir, das ist meine Überzeugung, bei richtiger Führung unserer Sache haben. Wir kriegen sie nicht. Wir könnten damit das Goetheanum sehr gut bauen und weiter im Betrieb fortführen, wenn wir nur verstünden, dass die Leute sich wirklich uns anschließen, und nicht, nachdem sie von uns sogar überzeugt worden sind, in andere |Gesellschaften] eintreten.
Dazu aber müssen wir aut das einzige Konkrete wirklich achten, wir dürfen nicht an dem einzelnen Konkreten vorübergehen. Und so muss eben gesagt werden: Andere Bündnisse sind verhältnismäßig doch glücklich darinnen, Summen zustande zu bringen, zusammenzubringen aus breitesten Kreisen heraus. Wenn Sie im Einzelnen sehen würden, wie in der letzten Zeit uns die Möglichkeit geboten worden ist, an dem Goetheanum weiterzuarbeiten, so ist - außer allerdings guten respektablen Anfängen in dem Zusammenbringen von größeren Summen aus einzelnen kleineren Posten - aber doch die Hauptsache desjenigen, was uns durchgreifend geholfen hat, von einzelnen ganz wenigen Menschen stammend, an die immer wieder und wiederum herangetreten werden muss, und die tatsächlich ihr Letztes gegeben haben. Sodass wir uns nicht täuschen lassen sollen dadurch, dass wir eine Statistik nach Ländern und so weiter aufstellen. Es sind einzelne Menschen, die bis jetzt uns eigentlich ausschlaggebend geholfen haben. Und das ist dasjenige, was mich veranlasst, mit einem außerordentlichen Dankesgefühl an diejenigen einzelnen Persönlichkeiten zu denken, welche sich wirklich in einer außerordentlich opferwilligen Weise dazu verstanden haben, die Weiterführung des Goetheanum-Baus und dessen, was damit zusammenhängt, zu ermöglichen.
Aber da meine Überzeugung die ist, dass mancher Mensch, der in dieser Weise in außerordentlich opferwilliger Art gewirkt hat, eigentlich sein Letztes hingegeben hat, so glaube ich auch, dass wir gegenwärtig in einer ganz besonders kritischen Lage sind, und dass die Aufmerksamkeit eben auch, ich möchte sagen, auf die moralischen Untergründe unserer Bilanz gelenkt werden muss, in der Art, dass wir eben solche Dinge berücksichtigen sollten, wie diejenigen sind, von denen ich eben jetzt gesprochen habe.
Sehen Sie, meine lieben Freunde, die Sache ist so, dass durch un- sern Mitgliederstand es absolut möglich wäre, dass die Zeitschrift Das Goetheanum, die hier erscheint - die ja von außen angesehen natürlich im Verhältnis dazu, wie sonst Zeitschriften aufkommen, ganz respektabel aufgekommen ist, dass aber eine solche Zeitschrift, die nun tatsächlich von Woche zu Woche ein außerordentliches gutes Bild gibt von demjenigen, was geistig hier geschieht, es wäre möglich durch unsern Mitgliederbestand, dass diese Zeitschrift heute zehnmal mehr Leser hätte, als sie in Wirklichkeit hat, wenn sie genügend berücksichtigt würde. Wenn man genügend sich dessen bewusst würde, was eigentlich darinncnstcckt in der einfachen Tatsache, dass diese Zeitschrift Das Goetheanum da ist und eine so ausgezeichnete Führung hat wie die unseres lieben Freundes Steffen, wenn man sich dieser ganzen Tatsache bewusst wird, die für unsere anthroposophische Verwaltung, möchte ich sagen, darinnenliegt, dann würde man durch diese moralischen Antriebe, möchte ich sagen, etwas außerordentlich Gutes tun können.
Denn ganz zweifellos kann natürlich da auch wieder jemand sehr leicht sagen, er wisse die Sache besser: Der eine Artikel hätte erscheinen sollen, der andere hätte nicht erscheinen sollen, und so weiter. Ich gebe nicht demjenigen unrecht, der so etwas sagt, selbstverständlich. Aber würde der nötige Rückhalt da sein, der eben einfach darinnen bestände, dass wir im Zuge drinnen wären, Das Goetheanum nun wirklich zu einer außerordentlich verbreiteten Zeitschrift zu machen, dann würde auch wiederum durch den Rückhalt, der dadurch geboten würde, es ja natürlich möglich sein, es immer besser und besser zu machen. Das sind natürlich Dinge, die auf Entlegenes hinweisen, die aber mit dem Zusammenhängen, was eigentlich vor allen Dingen berücksichtigt werden muss: dass wir nun in unserem Sinne die Welt interessieren, sodass die Leute auch wissen lernen, wie es in Wirklichkeit mit so etwas ist wie der Waldorfschul-Pädagogik und dergleichen.
Unterschätzen Sie das nicht: Wenn von - nun, ich kann in dieser Beziehung vielleicht nicht etwas sehr Maßgebendes sagen -, aber wenn von meinetwillen hunderttausend Menschen gelesen wird, nachdem der Wiener Kongress abgeschlossen ist: Es ist in Wien ganz klar herausgekommen, dass die Waldorfschul-Pädagogik auf Homosexualität beruht. So ist es eben von hunderttausend Menschen gelesen worden, und helfen tut es nur, wenn wir nicht diese hunderttausend Menschen, sondern andere hunderttausend Menschen haben, die nun an die Dinge herankommen, wie sie richtig sind. Es handelt sich viel weniger darum, immer wieder sich mit den Menschen zu beschäftigen, die ja doch nicht zu überzeugen sind, sondern es handelt sich darum, an die anderen heranzukommen, die eben das entgegenstehende Gift nicht in dieser Weise aufnehmen. Man hat gar nicht nötig, sich so intensiv mit denjenigen zu beschäftigen - wenn es eben nicht die Pflicht der Verteidigung ist -, die etwa solche Ansichten aufstellen. Man wird doch nicht glauben, dass man jemals einen Menschen überzeugen kann, der solche Ansichten aufstellt.
Nicht wahr, ich habe cs bei den verschiedensten Gelegenheiten besprochen; ich habe es sehr deutlich besprochen, als irgendein Mensch einmal die Torheiten hier verbreitet hat über meine zauberischen Wirkungen auf den deutschen Kaiser und so weiter: Sich zu beschäftigen mit jenen Menschen, von denen man von vornherein weiß, was sie wert sind, weil sie solche unmoralische Grundlagen haben in ihrem Urteilsfällen, sich mit diesen Menschen zu beschäftigen hat gar keinen Zweck. Sowenig Zweck dieses hat, wenn es nicht zum Zwecke der Verteidigung geschieht, ebenso notwendig ist es natürlich, dass wir auf der andern Seite unsere guten Sachen nach jeder Richtung hin unter die Menschen bringen. Und nach dieser Richtung können wir doch nicht sagen, dass dasjenige, was die erste Bedingung ist, das Bewusstsein für diese Dinge, vorhanden ist. Es ist kein Bewusstsein vorhanden von dem, was es eigentlich bedeutet, so etwas zu haben wie die Zeitschrift Das Goetheanum. Also ich meine, die Dinge sind schon absolut notwendig einmal zunächst sich zum Bewusstsein zu bringen, dann werden wir auch wirklich vorwärts kommen. Unsere Art der Arbeit beginnt eben bei dem: es sich zum Bewusstsein bringen.
In Wien ist besprochen worden mit den Freunden, die aus den verschiedensten Ländern da waren, die Möglichkeit, den Bau des
Goetheanum so weit zu finanzieren, dass eben die Summe jährlich vorhanden ist, die nicht nur zum Ausbau, sondern auch dazu notwendig ist, dass nun nicht etwa für alle Einzelheiten wie zum Beispiel für Eurythmie immerfort mit dem Klingelbeutel herumgegangen werden muss, um Einzelnes zusammenzubringen; dass die Mysterien[dramen] wieder aufgeführt werden können und so weiter. Wobei es wirklich zunächst notwendig ist, diese Dinge so ins Auge zu fassen, dass man nicht sagt: Es sollen die Mysterien aufgeführt werden. Die werden schon aufgeführt werden in dem Augenblick, wo es möglich ist. Aber zu dieser Möglichkeit gehört eben auch wirklich, dass man nicht, ich möchte sagen, je von acht Tagen zu acht Tagen immer zu sorgen hat dafür, in welcher Weise aufgebracht werden kann dasjenige, was zum Bau notwendig ist, oder wie man strecken muss und so weiter.
Sondern es wäre eben notwendig, dass wir ebenso die Möglichkeiten fänden, an die Menschen [heranzutreten], die heute, ich möchte sagen, wie die Pilze aus der Erde schießen; cs schießen die Menschen auf, die da sagen: Mit all dem wirtschaftlichen Gekrächze und mit all dem, was die Politiker tun, ist eben nichts anzufangen; cs handelt sich heute darum, dass man geistige Bewegungen schafft. Die Menschen, die das sagen, schießen heute wie die Pilze aus der Erde. Gewiss, sie sind mit dem einen oder andern nicht einverstanden; sie geben dem sachlichen Wirken der Anthroposophie durchaus recht, aber wenn es sich darum handelt, ob sie bei uns eintreten, oder woanders, dann treten sie woanders ein, weil sie ja, nicht wahr, [Lücke im Text]. Denken Sic nur selber nach über die Dinge, wie manchmal so merkwürdig herankommen die Dinge, wie das oft so merkwürdig verbarrikadiert, verklausuliert ist, selbstverständlich nicht in den Grundsätzen, aber in der praktischen Handhabung. Es ist eben manchem schwer, durch manches durchzukommen, was ihm dann entgegentritt, wenn er sich nähern sollte unserer Bewegung.
Darauf müssen wir natürlich wirklich sehen, wenn wir nicht das letzte Jahr Gelegenheit haben sollen, den Bericht des Geschäftsführers so beginnen zu müssen, dass gesagt wird: Im vorigen Jahre wurde aufmerksam gemacht, dass die Progression zurückgeht, dass man nur über einen Zugang an Immobilienwert des Goetheanums über rund 290.000.- Franken sprechen kann. Seitdem der Bau des Goetheanums eingestellt worden ist, haben wir nur noch über die Verwaltung der restlichen Summen bis zu den letzten Monaten, wo der Bau des Goetheanums eingestellt worden ist, jetzt Rechenschaft abzugeben vor denjenigen Menschen, die sich heute noch für das Vergangene interessieren. Fassen Sie das durchaus nicht als eine Übertreibung auf. Eine solche Sache kann, wenn die Dinge nicht wirklich energisch in die Hand genommen [werden], durchaus auch einmal da sein, dass ein Rechenschaftsbericht einmal so beginnt. Denn dieser kritische Augenblick, auf den ich hingewiesen habe, der ist durchaus gekommen. Aber ich habe schon auch in vorhergehenden Jahren eben auf diese, ich möchte sagen, mehr geistige Grundlage unserer Bilanzführung hier hinweisen müssen.
Es ist mir ja immer außerordentlich wenig sympathisch, dann so etwas anzuschlagen, das von manchen Seiten doch eine Philippika genannt wird, aber es ist eben schon durchaus notwendig, und es ist nach meiner Überzeugung auch voll vereinbar damit, dass ich von allertiefsten Dankesgefühlen erfüllt bin gegen diejenigen, die am Goetheanum mitarbeiten. Es ist ja in der anthroposophischen Bewegung so, dass tatsächlich in der allerhingebungsvollsten Weise ein Kreis von Mitarbeitern auf allen Gebieten, künstlerischen und nichtkünstlerischen Gebieten, sich gefunden hat, der nun in der opferwilligsten Weise arbeitet, sodass eigentlich ein Widerstand in der Arbeitsleistung bei diesem Kreise niemals im Ernste gefunden werden kann. Es tritt mir sehr häufig die mich immer etwas schrecklich berührende Tatsache entgegen, dass wenn ich da oder dort sage: Ja, warum ist denn das oder jenes nicht geschehen, mir dann immer geantwortet wird: Wir haben nicht daran gedacht! Es wird dann am nächsten Tage ausgeführt; cs ist immer durchaus der Wille da, dass man die Dinge ausführe. Aber nicht wahr, cs handelt sich darum, dass vor allen Dingen das in Erwägung gezogen werde, dass rationeller, ökonomischer gearbeitet werde.
Sehen Sie, wenn ich von mir selbst sprechen darf: Sehr hoch liegen die Korrekturen für meine Bücher da! Ich kann nicht dazu kommen, aus dem einfachen Grunde, weil immer andere Sachen da sind. Es ist ganz selbstverständlich, dass andere Sachen da sind; aber wenn man einmal in ausgiebigerem Maße manches durchschaut, so liegt die Sache so, dass ich sehr häufig bei denjenigen Dingen, die irgendwo im Keime begriffen sind, die irgendwo getan werden, im entscheidenden Moment gar nicht gefragt werde. Dann geschehen sie. Dann, nach einiger Zeit, gehen sie nicht weiter, und dann wird man über die Einzelheiten gefragt. Das ist dann natürlich eine endlose Sache.
Ich bin durchaus nicht irgendwie ungehalten darüber, wenn ich über alles Mögliche gefragt werde, aber es müssen die Hauptsachen sein. Es müsste nicht die Politik zuweilen sein, dass ich über die Hauptsachen nicht gefragt werde, und dann überall über die Nebensachen mit zu verhandeln habe in endlosen Sitzungen, womit ich nicht etwa bloß diejenigen meine des «Kommenden Tags» und des «Futurum»; das ist gar nicht der Fall, dass ich diese gerade in erster Linie meine. Sondern ich meine, dass es notwendig ist, dass bei uns jetzt schon, wo wir wirklich solchen ungeheuren Anforderungen der Öffentlichkeit gegenüber stehen, dass bei uns jetzt die Dinge mit einer gewissen Ratio gemacht werden, dass sie bedacht werden, und dass sie so gemacht werden, dass sie nicht bloß aus den Augenblickseinfällen heraus gemacht werden, sondern dass sie mit einer gewissen Überschau wirklich gemacht werden. Es stellt sich sonst das heraus, was heute schon innerhalb der anthroposophischen Bewegung zu einer Kalamität geworden ist.
Sehen Sic, bei so etwas wie dem Wiener Kongress tritt es einem ja ganz besonders deutlich entgegen. Der Wiener Kongress schließt; die dringendste Anforderung ist da, ihn auszumünzen. Dieses Ausmünzen besteht natürlich darinnen, dass man ein richtiges Urteil hervorruft in der Welt, was für einen Inhalt der Wiener Kongress gehabt hat. Und da handelt es sich dann darum, dass das von Leuten gemacht wird, die Mitarbeiter sind. In dem Augenblicke, wo man neue Mitarbeiter braucht, weil die alten einfach überarbeitet sind, da geht es nicht. Bei uns stockt die Sache sehr häufig an der Tatsache, dass wir eine Anzahl von außerordentlich guten Arbeitern
haben auf einem bestimmten Felde; wenn deren Zahl eine bestimmte Größe erreicht bat, dann kommt es nicht dazu, dass sich der Kreis erweitert, sondern cs kommt dann dazu, dass sich die Leute überarbeiten, wie das also bei solchen Körperschaften durchaus der Fall ist, sagen wir, wie die Waldorfschul-Lchrerschaft und dergleichen. Die Leute überarbeiten sich; und selbstverständlich wird der Mensch nicht elastischer dadurch, dass er sich überarbeitet, sondern er wird unelastischer.
Heute liegt ja die sehr erschwerende Tatsache vor, dass wenn es sich darum handeln würde, neue Waldorfschulen zu begründen, so würde man vor einer großen Schwierigkeit stehen. Wenn heute jemand mir, sagen wir, fünfzig Millionen Franken geben würde, um neue Waldorfschulcn augenblicklich zu begründen, dann ließe sich die Sache sehr gut machen. Wenn aber fortwährend die Bestrebung auftritt, man solle, ohne dass man fünfzig Millionen Franken in der Hand hat, meinetwillen durch die Begründung des Weltschulvereins und dergleichen, man solle ohne die fünfzig Millionen Waldorfschulen begründen, dann steht man vor der größten Schwierigkeit, die cs nur gibt, denn man kann keine Lehrer finden. Wenn man heute Waldorfschulcn begründen soll, muss man die Lehrer, die wirklich fähig sind, geradezu aus dem Boden herausstampfen, und es ist sogar schon außerordentlich schwierig, den Lehrkörper der Waldorfschule in entsprechender Weise zu vergrößern.
Meine lieben Freunde, ich möchte es Ihnen bildlich veranschaulichen, woran das liegt: Sehen Sic, cs ist einfach bei dem heutigen Stand der anthroposophischen Bewegung nicht möglich, dass ich mich mit jedem einzelnen Lehrer so viel beschäftige, auch nicht mit zweien, auch nicht mit dreien, nicht einmal mit fünfen so viel beschäftige, als notwendig ist, um heute einen einzelnen Lehrer da oder dort einzustellen. Es ist absolut ausgeschlossen. Das geht nicht. In dem Augenblicke, wo man in der Lage ist, einen gemeinschaftlichen Kursus wieder abzuhaltcn für sagen wir für hundert Lehrer oder dreihundert Lehrer, in dem Augenblicke ist die Sache in Ordnung, dann kann man das wiederum so machen, wie cs im Anfang der Gründung der Waldorfschule in Stuttgart gemacht worden ist. Dann ist die Sache fertig; dann kann eben weiter gemacht werden. Aber da müssen wirklich Kurse abgehalten werden können, ich möchte sagen, aus dem Großen und Ganzen heraus. Man kann unmöglich, so wie die Bewegung heute steht, die Kräfte so zersplittern, wie sie sich zersplittern, wenn eben die Dinge so gehen, wie sie heute gehen.
Wenn also auf irgendeine Weise fünfzig Millionen da sind zur Begründung der Waldorfschulen, dann kann man viele begründen; denn Lehrer sind da, man muss sie nur erst ausbilden. Man braucht eine seminaristische Vorbildung und so weiter. Und diejenigen, die die allerbesten Lehrer heute in der Welt draußen sind, die müssen erst ausgebildet werden. Wenn heute einer Lehrer werden will, sagt er: Er möchte den Kursus lesen, der damals für die Waldorfschule gehalten worden ist. Nun schön, aber das ist nicht dasselbe, als wenn auch nur drei Wochen wirklich seminaristisch gearbeitet wird! Dann hat man wieder die Möglichkeit, eine ganze Reihe von Waldorfschulen zu begründen. Aber wenn man inzwischen nebenbei etwas machen soll, da steht man vor den größten Schwierigkeiten, dann geht es einfach nicht. Und so wird man einfach dazu kommen, dass man bei diesen fortwährenden kleinen Vorstößen immer wieder antworten muss: Ich habe ja keine Lehrer.
Worauf es ankommt, das ist nicht eine Utopie, die ich hier entwerfe, sondern ich bin ganz fest überzeugt, es kann schon gemacht werden; aber gerade die wichtigsten Dinge fallen ja immer ins Wasser, sie werden abgelehnt. Der Weltschulverein wurde ja ganz deutlich abgelehnt in seiner Begründung. Man wollte ihn nicht haben. Der aber hätte uns helfen können, denn wenn wir wirklich so den Welt- schulvercin lanciert hätten, wie es dazumal gemeint war, dann hätten wir nicht Mitgliedsbeiträge für den Wcltschulvcrcin für fünfzig Franken, sondern für fünf oder auch einen Franken. Wenn dann die nötige Realität dahinter ist, dann kommt man weiter, kommt man zur Bildung einer öffentlichen Meinung, und von der muss cs ausgehen. Da muss die Sache liegen. Wir müssen in der Lage sein, eine öffentliche Meinung zu bilden. Jetzt stockt die Sache immer dadurch, dass wir bis zu einer gewissen Weite Persönlichkeiten an die Plätze hinstellen können, wo sie hingestellt werden müssen, dass sic sich da überarbeiten, und dass wir von außen gar nicht Kräfte heranziehen können, weil das ja natürlich von den mannigfaltigsten Verhältnissen abhängt.
Aber, meine lieben Freunde, zu diesen Verhältnissen, zu diesen Bedingungen gehört auch, dass man in jedem einzelnen Fall vor der Frage steht, wenn man diese oder jene Persönlichkeit heranziehen will: Wie besoldet man sie? Und da hört cs gleich auf. Man kann sie eben nicht besolden unter den gegenwärtigen Verhältnissen. Man muss sie ziehen lassen. Das sind die Dinge, die also berücksichtigt werden müssen.
Marie Steiner: Ich möchte erwähnen, dass für die Eurythmie noch nie mit dem Klingelbeutel herumgegangen worden ist, damit keine Missverständnisse entstehen. Für Theologen, für alles Mögliche sei man schon mit dem Klingelbeutel gegangen, nur nicht für die Eurythmie.
Rudolf Steiner: Das ist nicht ganz so gemeint. Wenn man sagt «mit dem Klingelbeutel gehen», so ist damit nicht gemeint, dass man nun mit dem Klingelbeutel wirklich herumgeht von einem zum andern.
Marie Steiner: Aber es entsteht leicht die Meinung. Ich möchte bei der Gelegenheit noch erwähnen, dass oft die Lehrer gebeten werden für Eurythmie in den verschiedensten deutschen Städten, man macht alles ab, man macht sogar zu ziemlich niedrigen Entschädigungen ab, und ist cs dann soweit, dann schreibt man: Nein, wir brauchen das Geld für die Theologen oder für die Schulen oder für die Vortragenden, bitte bleiben Sic zu Hause.
Rudolf Steiner: Mit dem Klingelbeutel herumgehen bedeutet, dass dadurch das Geld aufgebracht wird aus Ecken heraus, die sonst nichts geben, sondern die eben aufgesucht werden müssen auf eine solche Weise, weil man nicht daran denkt, dass diese Dinge auch entsprechend versorgt sein müssen. Mit dem «Klingelbeutel» meine ich eben, es müssen die Mittel herbeigeschafft werden. Wenn nun der unglückselige Fall, der immer wieder eintritt, kommt, dass man eine Eurythmistin da oder dorthin bestimmt und die Leute schreiben dann ab, wenn sie merken, wie viel das kostet, so muss man eben aut irgendeine Weise das Geld aufbringen, wenn man sie doch hinsenden will. Auf diese Weise meine ich das, dass man die fortwährende Sorge hat, für die wichtigsten Dinge das Geld zusammenzuschaffen.
Marie Steiner; Es würde gar nichts nützen, weil für die Leute alles andere wichtiger ist als die Eurythmic. Man hat sogar gefunden, dass etwas, was schon für die Eurythmie bestimmt war, in die Schule hineingchen muss!
Rudolf Steiner: Es ist schon so, dass fortwährend die Dinge in dieser Weise gemacht werden müssen.
Marie Steiner; Es wird mir sogar mitgeteilt, dass die Kleider nicht schön genug seien auf der Bühne.
Rudolf Steiner: Aber sie sind doch sehr schön!
Marte Steiner: Ich benutze die Gelegenheit, um das auch einmal vorzubringen.
Rudolf Steiner: Diejenigen, die schimpfen, die können ja die Rechnungen bezahlen! Nicht wahr, es ist schon tatsächlich so, dass wir für die wichtigsten Dinge mit dem Klingelbeutel herumgehen müssen - ich meine das nicht in abträglichem Sinne dass man sammelnd herumgeht. Man muss schon für die wichtigsten Dinge mit dem Klingelbeutel herumgehen. Wenn ich jetzt nach dieser Richtung mich ausspreche, dann wird der Klingelbeutel auch abgeschafft, aber glauben Sie nicht, dass es einen sehr erhebenden Anblick bietet, wenn ich den Klingelbeutel nun wirklich jedes Mal, wenn ich die Schreinerei verlasse, an der Tür vor mir habe! Ich will ja nicht sagen dass - Ausnahmefälle abgerechnet - etwas Erhebliches hineinkommt, das ist nicht gerade zu bemerken. Aber jedenfalls ist es kein erhebender Anblick. Ich füge aber stark hinzu, wenn ich eine solche Bemerkung mache, dass es nicht dazu fuhren soll, dass man nun den Klingelbeutel an der Tür noch extra abschafft oder auch nur für sich abschafft.
Ja, es ist so, dass in der letzten Zeit eben für alles Herz gefasst ist, nur nicht für dasjenige, worauf die anthroposophische Bewegung aufgebaut worden ist. Für manches Peripherische hat man sich ein Herz gefasst, aber nicht für dasjenige, worauf die anthroposophische Bewegung aufgebaut worden ist, und das wäre natürlich dasjenige, was in einschneidender Weise zu berücksichtigen wäre.
Ich mache mir ja keine großen Hoffnungen, wenn ich das auch ausspreche, weil ich es fast jedes Jahr hier ausgesprochen habe und man es einfach nicht glaubt. Man meint, es sei eine Propagandarede, wie man sie schon hält! Nun aber, da hinein wirken ja dann die Dinge, die auf der einen Seite außerordentlich erfreulich sind, aber die nun wirklich nicht in der Weise angesehen werden, wie sic angesehen werden sollten.
Gestern ist mir zum Beispiel eine Tatsache entgegengetreten, die wirklich ganz viel spricht. In der allerschönsten Weise ist mir eine Tatsache entgegengetreten, sodass ich es anerkennen muss, dass sie mir entgegengetreten ist; aber sie hat eben ihre Schattenseiten. Es wurde mir gestern gesagt: Es wäre wirklich angebracht, dass vor Schweizer Lehrern ein pädagogischer Kursus gehalten würde. Das sei etwas, was zu der allergrößten Notwendigkeit gehöre.
Ja, meine lieben Freunde, ich habe in Basel vor nicht zu langer Zeit einen pädagogischen Kursus für Schweizer Lehrer gehalten. Es war fast niemand drinnen. Hier ist zu Weihnachten auch ein solcher Kursus angeschlossen worden. Es ist alles da gewesen; man hat nur unterlassen, überhaupt auf die Dinge hinzusehen, zu berücksichtigen, dass sie da gewesen sind! Man hat sich gar nicht darum gekümmert. Aber nicht wahr, man kann doch nun wirklich nicht gleich wiederum einen pädagogischen Kursus für Schweizer Lehrer halten, bei dem wiederum gewiss eine Anzahl Leute ja darinnen sein würde. Aber zu dem, was ich vorhin angcdcutet habe - dass man nun wirklich Lehrer gewänne und weiterkommen könnte in der Schweizerischen Schulbewcgung -, würde es dennoch nicht führen.
Es muss ein Echo, ein Rückhalt da sein innerhalb unserer Bewegung. Man muss sich interessieren für dasjenige, was geschieht. Und dieses Interesse fehlt eben natürlich, trotz alledem, es ist nicht da. Und daher wird nicht zum Beispiel so etwas verzeichnet werden, bekannt werden in der Welt, dass die Eurythmie in Wien einen solchen elementaren Erfolg gehabt hat und dergleichen. Da gehen unsere Mitglieder auch hin, sind Zeugen von solchen Dingen. Aber sie finden höchstens, dass die Kleider nicht schön genug waren, dass sic noch schöner sein könnten, bezahlen aber dann die teuren Kleider nicht. Man findet nicht das Positive heraus, das nun wirklich vor der Welt vertreten werden soll, wenn wir auf der andern Seite genötigt sind, vor die große Öffentlichkeit hinzutreten.
Gewiss, es liegt ja an manchen Dingen, die schon einmal mit unserer anthroposophischen Bewegung verbunden sind! Aber man muss cs immer wieder betonen, damit doch etwas nach dieser Richtung gedacht werde, damit man also wirklich auch einsieht, wenn so etwas von uns verlangt wird, dass wir unter den ungünstigsten Verhältnissen arbeiten müssen. Es wird schon gearbeitet werden. Aber es werden die Schäden hervortreten, und die Schäden liegen dann nicht in der Sache, sondern darinnen, dass wir immer nur die Möglichkeit haben, einen kleinen Kreis von Mitarbeitern haben zu können, der sich überarbeitet, der zum Schluss nicht japsen kann. Und dass wir dann kein Interesse dafür finden, dass die Sachen so sind, sondern dass dann die Kritik einsetzt, und dass dies eben doch als in der Sache liegend betrachtet wird, nicht als in den umliegenden Verhältnissen liegend.
Das ist dasjenige, was ich doch gar sehr bitte zu propagieren, möchte ich sagen, den Leuten immer wieder zu sagen. Sonst kommt eben so ein Rechenschaftsbericht: Nachdem wir den Bau des Goetheanum vor so und so vielen Monaten abgeschlossen haben, können wir bei der diesjährigen Jahresversammlung nur berichten über die Verwaltung der letzten Gelder. Die Reparaturen können nicht mehr besorgt werden, da wir kein Geld haben. Daher stehen wir auch noch vor der traurigen Tatsache, dass das schon Aufgerichtete verfallen wird und so weiter.
Es müsste doch ernsthaftig daran gedacht werden, wie ein solcher Rechenschaftsbericht verhindert werde! Ich bedaurc, auch dieses Jahr wieder aus einem solchen Ton heraus gesprochen zu haben. Diejenigen, die nun auf allen Gebieten ganz hingebungsvolle Mitarbeiter waren, sollen aber meinen innigsten, herzlichsten Dank cntgegennchmen. Denn es handelt sich ja dabei durchaus nicht darum, dass nicht außerordentlich viel gearbeitet würde, sondern es handelt sich wirklich darum, dass wir uns an allen Ecken und Enden eben gehemmt sehen, wenn es dazu kommen soll, die Konsequenzen dessen, was man beginnt, wirklich zu ziehen. Es ist schon so, dass die Dinge ja gut sind, die gemacht werden. Aber wenn irgendeine Sache - ich will nicht eine positive nennen - wenn irgendeine Sache auftritt, die aus der anthroposophischen Bewegung heraus entstehen soll, dann muss man das Geld dazu außerhalb suchen, bei denjenigen, die außerhalb stehen. Aber die Begründungen werden immer so gemacht, dass nun mit jeder neuen Gründung die Anthroposophen neuerdings ausgesackelt werden und dadurch natürlich kein Geld haben für dasjenige, worauf eigentlich die anthroposophische Bewegung gebaut worden ist.
Ich will, um nicht Missverständnisse herbeizuführen, nicht die einzelnen Dinge nennen, aber es kommt doch immer wiederum dazu, dass das oder jenes begründet wird, und dass man sagt: Es ist eine dringende Notwendigkeit der Zeit. Wenn cs eine dringende Notwendigkeit der Zeit ist, dann soll man an diejenigen Menschen herangehen, die nun nicht gerade just Anthroposophen sind, sondern für die man eine dringende Notwendigkeit erfüllen will! Und wenn man dann auf diese dringende Notwendigkeit hinweist, dann kommen die Leute zurück und sagen: Kein Mensch hat uns viel gegeben, das sind ganz minimale Beträge; aber bei den Anthroposophen haben wir immer wieder die Möglichkeit gefunden, das oder jenes hcrauszuschlagen. Das ist so an der Tagesordnung gewesen in der letzten Zeit. Dann kommt es dazu, dass für alles Geld da ist, nur für dasjenige nicht, auf was die anthroposophische Bewegung eigentlich begründet ist.
Wir sind vor die Öffentlichkeit hingestellt und müssen die Bedingungen der Öffentlichkeit erfüllen, müssen dahin kommen, meine lieben Freunde, dass diejenigen Menschen, die an uns herantreten, sagen: Nun ja, über diese Anthroposophen wird ja so schrecklich viel Böses in der Welt geredet, aber eigentlich sind es doch ganz nette Leute, und man kann sogar mit ihnen reden, während doch alle meinen: Das sind so hochmütige Menschen, dass man gar nicht mit ihnen reden kann. Man kann sich überzeugen: Es ist mit ihnen zu reden.
Aber in der Regel ist es nicht so, sondern man hört immer wieder und wiederum von außen: Ich habe ja den besten Willen gehabt, mit dem oder jenem mich auseinanderzusetzen, ich bin ihm auch nahe getreten, aber, o weh! Er hat mir meine Hühneraugen arg zugerichtet! Ja, das ist etwas, womit ich Ihnen in Bildform dasjenige andeute, was ich doch vielfach finde, nämlich dass die Leute sagen: Die Anthroposophen halten die Köpfe immer so hoch, die sind so hochmütig, dass sie dann nicht wissen, wo sie hintreten, und dann treten sie einem in der Regel immer auf die Hühneraugen. Da gehen wir doch lieber dorthin, wo man einen Knicks macht und uns nicht auf die Hühneraugen tritt.
Das ist, in ein ganz kleinliches Bild gefasst, was sich immer wieder herausstellt. Das Kapitel «Der Hochmut der Anthroposophen», das ist etwas, worüber man ganz dicke Bücher, nicht bloß einzelne Aufsätze schreiben könnte. Und wenn ich Ihnen Genaueres sagen würde - ich werde mich wohl hüten -, aber wenn man frägt: Wer ist denn wieder hochmütig gewesen?, dann werden einem diejenigen genannt, die, wenn ich im Allgemeinen hier von dem Hochmut spreche, furchtbar erstaunt darüber sind, wie das nur sein kann! Das ist, was man sehr häufig als eine Erfahrung macht.
Betrachten Sic diese Ansprache nicht als ein Philippika, sondern als eine vertrauliche Mitteilung, die eben nicht deshalb gemacht werden soll, weil man irgendjemandem etwas auf den Pelz hinaufhauen will, sondern weil man gern haben möchte, dass sie in der richtigen Weise mitarbeiten, und man von ihnen glaubt, dass sie in der künftigen Zeit doch weniger an ihren Kopf und an manches andere noch, sondern an die Hühneraugen der anderen Leute denken.
Emil Grosheintz: Da sich sonst niemand mehr zum Worte gemeldet hat, glaube ich, dass man die Versammlung schließen kann.
ANSPRACHE
ZUR 10. GENERALVERSAMMLUNG DES
VEREINS DES GOETHEANUM, DER FREIEN HOCHSCHULE
FÜR GEISTESWISSENSCHAFT
Dörnach, 17. Juni 1923
Meine lieben Freunde!
Auch an mir wird es ja sein, anders und mit anderen Untergründen heute zu Ihnen zu sprechen, als das in den verflossenen Jahren bei diesen Versammlungen geschehen konnte. Denn wir stehen ja bleibend unter dem Eindrücke des Hinganges unseres geliebten anthroposophischen Baues, des Goetheanum. Es braucht wohl nicht immer wieder auch von mir hervorgehoben zu werden, was das eigentlich bedeutet. Es ist Ihnen in den schönen Worten des Herrn Vorsitzenden dies heute nahegebracht worden; und ich bin ja überzeugt davon, dass diese Worte aus der Seele eines jeden von Ihnen gesprochen waren. Es ist ja auch tatsächlich so, dass ein über ein bestimmtes Maß hinausgehendes Unglück im Grunde genommen nur in stummer Sprache sich offenbaren kann und dass Worte wirklich nicht hinreichen, um dasjenige zum Ausdruck zu bringen, was gerade für uns mit dem Goetheanum verloren worden ist.
Ich habe in den Vorträgen, die ich gelegentlich der Generalversammlung der Schweizerischen Anthroposophischen Gesellschaft und der Generalversammlung des Goetheanum-Vereines in der Zwischenzeit zwischen den beiden Versammlungen und im Anschlüsse an sie zu halten hatte, über alles dasjenige zu sprechen gehabt, was mir gerade zu sagen in dieser Zeit obliegt.
Im Grunde ist ja sehr vieles von dem, was ich in dieser Zeit zu sagen habe, gerade im Hinblick auf den großen Schicksalsschlag gesagt, der uns betroffen hat. Es darf auch durchaus nicht verkannt werden, wie sehr dieser Schicksalsschlag gezeigt hat, dass ein gemeinsames Fühlen innerhalb der Glieder der Anthroposophischen Gesellschaft in einem herzlichen Maße vorhanden ist. Allein, meine lieben Freunde, dasjenige, was, ich möchte sagen, in einer für uns selbstverständlichen Weise zum Ausdrucke kam dazumal, als wir unter dem unmittelbaren augenblicklichen Eindrücke des Goethe- anum-Brandes standen, dass wir die Kontinuität der Arbeit unseres Geisteslebens durchaus nicht aufgeben wollten, das muss uns ja immer beseelen. Und darauf kommt es ganz besonders an, dass wir uns tatsächlich zu verhalten wissen im Sinne des gestern von mir Gesagten: arbeiten aus dem Zentrum des Geistigen heraus und sich selbst durch die schmerzlichsten, wie ja auch durch die erhebenden Eindrücke der Außenwelt in dieser eigentlichen inneren, aus dem Zentrum herauskommenden Arbeit und Gesinnung nicht beirren lassen. Davon hängt doch die wirkliche Perspektive der anthroposophischen Bewegung ab. Sie hängt nicht davon ab, wie viele und wie geartete Schicksalsschläge von außen kommen. Diese müssen mit derjenigen Gesinnung hingenommen werden, die sich aus der anthroposophischen Lebensanschauung von selbst ergibt. Aber dass trotz aller Schicksalsschläge, auch trotz aller günstigen Schicksalsschläge, die innere Energie im Herausarbeiten aus dem Zentrum des Geisteslebens nicht erlahmt, davon hängt dasjenige ab, was mit der anthroposophischen Bewegung erreicht werden soll und auch erreicht werden kann.
Aber dasjenige, was notwendig ist zu einem solchen Arbeiten, das müssen wir uns immer wieder und wieder vor die Seele führen, müssen es ganz besonders in dieser für uns so ernsten Zeit.
Ich möchte da nur bemerken, dass es in einer so gearteten geistigen Bewegung, wie es die anthroposophische ist, wirklich ernst damit werden muss, wenn sie den rechten Weg finden soll, dass Erfolg und Misserfolg eigentlich im Grunde nichts bedeuten, dass allein dasjenige etwas bedeutet, was aus der inneren Kraft und den inneren Impulsen der Sache selbst hervorgeht. Da kommt aber sehr viel an auf das Bewusstsein derjenigen, die in der Anthroposophischen Gesellschaft vereint sind.
Meine lieben Freunde, Sic müssen nur das Folgende bedenken: Gesinnungen, Bewusstseinsimpulse, realisieren sich nicht von heute auf morgen. Man kann nicht sagen heute, welches die Erfolge der Bewusstseinsimpulse und der Gesinnungen von vorgestern sind. Wenn man das täte, würde man in ein ganz anderes Fahrwasser hincinkom- men, als das anthroposophische sein kann. Man würde zum Beispiel, wenn man in dieser Weise äußerlich die Sache nehmen würde, sagen können: Wir verlassen uns auf unser gutes Glück. Dann aber würde man, wenn dieses Glück einmal in der Art, wie man es sich vorstellt, nicht da ist, auch sagen: Wir verlieren den Mut, die Energie. Ich hätte mir ja denken können, dass es in der Zeit, als uns das furchtbare Unglück betroffen hat, Seelen hätte auch unter Anthroposophen geben können, die gesagt hätten: Ja, warum haben uns in diesem Falle die guten geistigen Mächte nicht geschützt? Kann man denn an die Schlagkraft einer Bewegung glauben, die in dieser Weise verlassen wird von den guten Geistern?
Solch ein Gedanke, meine lieben Freunde, knüpft eben an Äußeres an, knüpft nicht an dasjenige an, was unbeirrt durch Äußeres, lediglich aus dem inneren Zentrum der Sache heraus kommt. Wenn man dieses ernst nehmen will, dass Gesinnungen, Gedanken, namentlich Bewusstseinsimpulse Realitäten sind, dann muss man an sie selbst glauben, an diese Bewusstseinsimpulse, an diese Gedanken, an diese Empfindungen, nicht an die Hilfen, die sie von außen haben können, sondern an ihre eigene Kraft. Dann muss man sicher sein, dass dasjenige, was man aus solchen Impulsen herausschöpft, trotz alles äußeren Scheinmisserfolges zu seinem richtigen Ziele kommt, zu dem Ziele, das ihm vorgeschrieben ist in der geistigen Welt; selbst dann, wenn es eines Tages durch die äußeren Umstände in der äußeren Welt zunächst ganz vernichtet würde.
Derjenige, der jemals den Glauben haben kann, dass ein Geistiges, das recht gewollt wird, durch irgendetwas in der äußeren Welt ganz vernichtet werden kann, wenn auch in der äußeren Maja die Vernichtung da ist, der glaubt nicht in Wirklichkeit an die Schlagkraft der geistigen Impulse, an die Schlagkraft der geistigen Energie. Man muss noch sagen können in dem Augenblicke, wo alles Äußere zugrunde geht: Demjenigen, was aus dem Innern gewollt wird, ist der Erfolg sicher. Aber man darf dann vom Erfolg nur in der Weise sprechen, dass man dasjenige meint, was im Sinne der inneren Impulse, der Gedanken, der Bewusstseinsabsichten selber liegt. Die Dinge, die in der äußeren Welt sich vollziehen, vollziehen sich in der Regel in einer Weise, die oftmals erst erklärlich wird nach Jahrzehnten, vielleicht nach noch längerer Zeit. Und nach den augenblicklichen Konstellationen die, wenn ich so sagen darf, Regierung der geistigen Welt beurteilen, hieße kleinmütig sein gegenüber dieser geistigen Welt. Die geistige Welt muss sich selbst ihre Stärke und Schlagkraft geben. Nun gibt es innerhalb der Erdenwelt nichts anderes als die Menschengemüter, in denen diese Schlagkraft ein Heim haben kann, ein Verständnis finden kann; nicht Einrichtungen, nicht Institutionen, und wären sie noch so schön oder noch so hässlich, können irgendwie beweisend oder widerlegend sein für dasjenige, was aus dem Geiste heraus wirklich gewollt wird.
Wer aus Äußerem die Wahrheit oder die Unwahrheit des Geistigen beweisen oder widerlegen will, befindet sich auf einem falschen Wege; denn er steht nicht innerhalb des Zentrums der geistigen Impulse, sondern außerhalb. Für die Beurteilung desjenigen, was da in Frage kommt, ist einzig und allein das Innerste des Menschengemütes, niemals irgendwie ein äußerer Zusammenhang maßgebend. Das aber bedingt auf der anderen Seite, dass die Menschen, die Träger sein wollen einer solchen geistigen Bewegung, eben dahin kommen müssen, wenigstens immer mehr und mehr diese innere Stärke anzustreben und Verständnis zu haben für dasjenige, was es eigentlich heißt, aus dem inneren Zentrum einer geistigen Bewegung heraus zu arbeiten. Gerade in diesem Momente scheint es mir dringend notwendig zu sein, meine lieben Freunde, dass wir uns voll bewusst werden, wie schwer dieses ist und wie es nicht mit dem genügend erfüllt werden kann, was man oftmals dadurch ausdrückt, dass man sagt, ich habe die anthroposophische Gesinnung, ich habe den anthroposophischen Willen, dass es nicht mit dem irgendwie genügen kann.
Und da möchte ich kommen auf ein Wort, das ich öfters ausgesprochen habe, öfters seit dem Goethcanum-Brand ausgesprochen habe, und von dem ich wünschen würde, dass cs tatsächlich ein wirklich gründliches Verständnis fände; ich habe es oftmals ausgesprochen: Das erste Goetheanum, die Form des ersten Goetheanum, dieses Heim der Anthroposophie, als Bau, wie er da stand, ist ja nicht wieder aufzurichten, kann nicht wieder aufgerichtet werden.
Sehen Sie, meine lieben Freunde, wenn solch ein Wort, das aus dem Geiste heraus gemeint ist, ausgesprochen wird, so muss man es als Realität empfinden, so muss man die Voraussetzung machen, dass man es von den verschiedensten Seiten anschauen kann, wie man Realitäten von den verschiedensten Seiten ansehen kann, dass man oftmals erst von einem gewissen perspektivischen Ausgangspunkte aus den richtigen Anblick gewinnen kann für ein solches Wort. Denn ein solches Wort ist ja zunächst aus einer geistigen Verpflichtung heraus gesprochen worden. Und man braucht in dem Augenblicke, wo das Wort aus einer geistigen Verpflichtung heraus gesprochen wird, durchaus nicht auf den physischen Händen herumzutragen all die Gründe, die sogenannten Gründe, die für ein solches Wort vorliegen.
Heute in dieser Stunde obliegt es mir weniger, von den äußeren Verhältnissen zu sprechen, sondern ich möchte heute besonders auf etwas zu sprechen kommen, das mit dem inneren Impuls dieses Wortes: Das erste Goetheanum kann nicht wieder aufgerichtet werden, zusammenhängt. Und zwar gestatten Sie mir schon, dass ich davon mit allem Ernste spreche; denn es kann ja nur dieser Ernst gegenüber der Aufgabe für den Wiederaufbau den Freunden die rechte Stellung geben.
Sehen Sie, eine äußere Tatsache können wir ja heute verzeichnen. Diese äußere Tatsache ist diese, dass nun die juristischen Untersuchungen, die sich angeschiosscn haben an den Goethcanum-Brand, abgeschlossen sind; man kann sagen, so abgeschlossen sind, dass nun von behördlicher Seite der Entschluss gefasst werden konnte, uns die Versicherungssumme von drei Millionen und einigen hunderttausend Franken auszuzahlen. Die Auszahlung ist erfolgt. Diese drei Millionen sind da; und es kann diese Tatsache zunächst heute verzeichnet werden. Seit dem 15. Juni haben wir also diese drei Millionen.
Nun, meine lieben Freunde, könnte cs sich hcrausstcllcn, dass Seelen freudig aufatmen würden angesichts der Tatsache, dass wir nun diese drei Millionen für den Bau haben und höchstens noch weitere drei Millionen durch die Opferwilligkeit der Freunde aufzubringen haben. Man könnte die Tatsache so charakterisieren. Man könnte nun diesen 15. Juni als ein außerordentlich freudiges Ereignis in der Entwicklung der anthroposophischen Bewegung verzeichnen.
Meine lieben Freunde, das ist er nicht. Und wenn ich also heute von einer ganz im Sinne des anthroposophischen Lebens gemeinten Seite her die Sache vor Ihnen beleuchten soll, so muss ich noch anders sprechen. Mir zum Beispiel ist diese Tatsache, die vielleicht von da oder dort als eine außerordentlich freudige bezeichnet wird, eine außerordentlich schmerzliche, eine außerordentlich traurige. Und zu denjenigen Leidempfindungen, die ich hatte seit dem Goetheanum- Brande, gehört diese ganz besonders, dass ich mir sagen musste: Das, was jetzt geschehen ist, muss ja herbeigeführt werden, muss in der besten und energischsten Weise, muss eben notwendig geschehen; aber es muss etwas herbeigeführt werden, was eigentlich gar nichts zu tun hat mit dem Zentrum der anthroposophischen Bewegung, was ganz außerhalb des Zentrumwirkcns dieser Bewegung liegt.
Denn sehen Sie, meine lieben Freunde, der Ausspruch: Das erste Goetheanum kann nicht wieder aufgeführt werden, hat ja nicht nur einen ästhetischen, nicht nur einen opportunistischen, nicht nur einen äußerlich-historischen Hintergrund, sondern auch einen anthroposophisch-moralischen. Und über diesen anthroposophisch-moralischen Hintergrund lassen Sie mich einige Worte sprechen heute.
Sehen wir zurück in die Zeit [von] 1913, 1914, und fragen wir uns: Aus welchen Untergründen heraus ist dazumal der Entschluss zum Bauen und die Inangriffnahme dieses Baues des Goetheanum erfolgt? Was damals und im Weiteren bis zum 31. Dezember 1922 beziehungsweise 1. Januar 1923 verfolgt worden ist, stand auf der Grundlage, dass jeder einzelne Franken, der in das Goetheanum eingebaut worden ist, geflossen ist aus der Opferwilligkeit derjenigen, die sich in irgendeiner Weise zur anthroposophischen Bewegung bekannt haben. Das Goetheanum ist gebaut worden durchaus aus innerem Verständnis heraus. Jeder Franken floss aus innerem Verständnis für die Sache heraus.
Meine lieben Freunde, das Folgende ist Wahrheit, ist reale Wahrheit, weil die Wirklichkeit mit dem Inneren der Sache übereinstimmt: Wir hatten in dem Momente, wo der letzte Vortrag im Goetheanum gehalten worden ist, eine Heimstätte für die Anthroposophie, die mit den Opferpfennigen, mit den Opfercentimes derjenigen gebaut worden ist, die mit ihrem innersten Verständnis bei der Sache waren. Vom Dornacher Hügel herunter schimmerte ein Bau, der in jedem Kubikzentimeter Holz, in jedem Kubikzentimeter Stein eingebaut hatte anthroposophischen Willen, anthroposophische Opferwilligkeit. Diese moralische Substanz war in das erste Goetheanum hineingebaut.
Meine lieben Freunde, nun werden wir zu bauen beginnen mit drei Millionen Franken, von denen viele Franken aus den Taschen derjenigen stammen, die nicht nur etwa kein inneres Interesse an dem Goetheanum haben, sondern ein Interesse daran haben, dass dieses Goetheanum nicht sei. Und wenn das Goetheanum vom Dornacher Hügel wiederum herunterschimmern wird, dann wird nicht allein anthroposophische Opferwilligkeit hineingebaut sein, dann wird hineingebaut sein dasjenige, was außerhalb des Anthroposophischen im Gefüge der gegenwärtigen Welt gang und gäbe ist.
Dann, meine lieben Freunde, wird ein ganz anderer Bau da sein, vom inneren geistigen Gesichtspunkte aus angesehen. Es wird ganz sicher Leute geben, die dasjenige, was nun einmal nach dem sozialen Zusammenhänge, der jetzt besteht, aus ihren Taschen herauskommt und in das Goetheanum hineingebaut wird, nicht nur mit keiner tiefen Sympathie, sondern vielleicht sogar mit einer Art Verfluchung begleiten werden.
Ich habe es oft gesagt: Innerhalb einer solchen Bewegung, wie die anthroposophische ist, handelt es sich darum, wach zu sein, nicht zu schlafen. Dieses, was ich Ihnen jetzt gesagt habe, sagt man sich nicht im schlafenden, sondern im wachenden Zustande. Für uns dürfen Worte wie «Segen einer Sache», «Zusammenhang des Segens mit schönen Eigenschaften des Menschengemütes» keine Phrase sein, für uns müssen sie Tatsache sein. Und daher erfolgte der erste Bau des Goetheanum mit dem inneren Gefühle, dass man etwas tat, was aus seinen rechten Ursachen heraus den Weg nach vorwärts so nimmt, dass dieser Weg der der Ursachen selbst ist. Jetzt bauen wir das Goetheanum auf in einer Richtung, meine lieben Freunde, die tragisch ist. Ein tragisch gebautes Goetheanum ist etwas anderes als das Goetheanum, das wir 1913, 1914 in Angriff nehmen konnten.
Sehen Sie, meine lieben Freunde, der Anthroposophie wird oftmals der Vorwurf gemacht, dass sie zu intellektuell sei. Nein, sie führt durch das, was in ihren wirklichen Impulsen liegt, zu den tieferen Empfindungen des Menschtums. Man konnte mit freudigem Herzen 1913 zu bauen beginnen; beginnt man heute, dann ist es fast notwendig, dass man das unter Tränen beginnt. Ich gebe Ihnen damit eben eine solche Schilderung, die aus dem inneren Zentrum eines geistigen Denkens stammt; und ein solches unterscheidet sich eben ganz wesentlich von dem Denken, das seine Impulse von äußeren Tatsachen hernimmt. Ein Denken, das sich an die äußere Tatsache knüpft, würde wahrscheinlich die Worte, die ich eben ausgesprochen habe, nicht aussprechen; sondern es würde freudig erregt sein darüber, dass der 15. Juni uns die drei Millionen gebracht hat.
Meine lieben Freunde, ich habe oftmals, wie es vielleicht vielen von Ihnen ungerechtfertigt erscheint, davon gesprochen, dass eine innere Opposition innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft vorhanden ist gegen dasjenige, was ich manchmal aus dem Zentrum der Anthroposophie heraus zu vertreten habe; heute möchte ich diese Opposition nicht wieder charakterisieren; aber ich möchte nur die Frage stellen: Ist denn überall im Laufe der letzten Monate, seit dem Goetheanum-Brande, die Empfindung vorhanden gewesen, die ich eben jetzt zum Ausdruck gebracht habe? Wenn eine andere vorhanden gewesen ist, so war sie eben ein Beispiel von innerer Opposition. Es war dann eine Empfindung, auf die eigentlich nicht mehr hätte zu rechnen sein sollen, nachdem die anthroposophische Bewegung die drei Perioden ihres Daseins durchgemacht hat.
Als wir am ersten Tage nach dem Brande schmerzgebeugt hier auf dem Dornacher Hügel standen, da die Flammen draußen noch züngelten, da versammelten sich manche Anthroposophen um den noch brennenden Bau. Der oder jener hat etwas gesagt. Schließlich kam es mir wirklich gar nicht darauf an, was irgendjemand gesagt hat, denn der Inhalt der Worte ist ja für den eigentlichen spirituellen Untergrund immer nur ein Symptom; aber ich möchte sagen, in zweierlei Hinsicht unterschied sich dasjenige, was an diesem ersten Tage nach dem Ausbruche des furchtbaren Unglücks gesagt worden ist. Da sprachen Anthroposophen das Wort zum Beispiel aus: Jetzt haben wir das Goetheanum nicht mehr, jetzt wollen wir es in unsern Herzen aufbauen. Es war eine elementare Empfindung, die schon etwas zu tun hatte mit dem Zentrum der Bewegung. Aber es waren andere Stimmen, die sprachen so: Das Goetheanum ist doch versichert; wird man es mit der Versicherungssumme wieder aufbauen können?
Meine lieben Freunde, ich will Sie in keinem Punkte des Lebens selbstverständlich zur Unpraxis verführen. Ich habe gar nichts dagegen selbstverständlich, dass diese Dinge so praktisch wie möglich angesehen werden. Aber es kommt auf die Intentionen an. Es kommt darauf an, ob man den Unterschied merkt zwischen dem, was früher da war, und demjenigen, was jetzt notwendigerweise wird gebaut werden müssen. Denn das darf auf anthroposophischem Felde niemand sagen: Ach, cs sei gleichgültig, wie die Gesinnungen sind, wenn nur das Goetheanum wieder aufgebaut wird. Gesinnungen und Ge- dankenimpulsc, namentlich Bewusstseinsimpulse wirken eben nicht von heute auf morgen, sondern sie bewegen sich fort in der Strömung der geistigen Welt und müssen nicht nach den bloßen äußerlichen Tatsachen beurteilt werden, die für sie nur Symptome, nicht eine unmittelbare Realität sind.
Nun versuchte ich bisher, in allem, was nach dem Brande geschehen musste - verzeihen Sie, dass ich das auch erwähne - , soweit es eben unter dem Einflüsse der notwendigen Tatsachen ging, unser Wirken aus dem Zentrum der Sache heraus zu gestalten. Daher beruhigte ich die Freunde, welche gleich in den ersten Tagen als das Notwendigste ansahen, uns aller möglichen Hilfen zur Wahrung unserer Interessen - zum Beispiel während der Verhandlungen wegen der Versicherung - zu bedienen. Ich versuchte so weit wie möglich alles dasjenige aus unserem Handeln wegzubringen, was nicht aus dem Kern der anthroposophischen Bewegung selbst herauskommt.
Muss denn nicht, meine lieben Freunde, so gedacht werden, dass wir lernen müssen, unsere Angelegenheiten in die eigenen Hände zu nehmen, dass wir lernen müssen, nicht so vorzugehen, wie eben auf unanthroposophischem Boden vorgegangen wird? Wahrhaftig nicht, um mir noch mehr Arbeit aufzuerlegen, war es, dass ich versuchte, nun alle Verhandlungen so zu führen, dass sie von unserer Seite nur von uns selbst geführt werden.
Ich wusste, dass ich eine Verantwortung den Freunden gegenüber damit übernehme. Denn wenn der 15. Juni schlimmer ausgegangen wäre, so würde man natürlich gesagt haben: Hättet ihr dazumal die richtigen Advokaten genommen, so wäre es anders geworden. Aber solche Verantwortungen muss man eben übernehmen, wenn es sich um die höheren Pflichten aus dem Zentrum des anthroposophischen Wirkens heraus handelt. Die muss man ernst nehmen. Und man nimmt sie eben nicht mehr ernst, wenn man nicht im konkreten Falle, soweit es möglich ist, innerhalb des bezeichneten Zentrums stehen bleibt. Man schildert ja sofort seine Ohnmacht, wenn man in einzelnen Fragen sich außerstande erklärt, die Angelegenheiten, die die eigenen sind, selber führen zu können aus dem Zentrum anthroposophischer Impulse heraus. Natürlich können wir niemals uns heute vornehmen, dasjenige zu tun, was eigentlich, ich möchte sagen, als Radikalstes getan werden müsste: die drei Millionen zu irgendeinem wohltätigen Zwecke zu verwenden, und das Goetheanum aufzubauen wiederum nur aus der Opferwilligkeit der Freunde heraus.
Meine lieben Freunde, betrachten Sie mich, wie gesagt, nicht als einen Menschen, der Sie zur Unpraxis verführen will. Aber es handelt sich mir jetzt nicht darum, die äußeren Taten bloß ins Auge zu fassen, es handelt sich mir darum, einmal die Worte auszusprechen, ganz unverhohlen auszusprechen, die gesinnungsbildend unter uns sein müssten. Wenn wir sie gesinnungsbildend machen, dann werden sie auch, im edleren Sinne gesagt, die richtigen Erfolge haben.
Diejenigen würden natürlich jetzt unrecht haben, die sagen: Also müssen wir die drei Millionen zu wohltätigen Zwecken verwenden und müssen warten, bis der Bau aus Opferwilligkeit auferbaut werden kann. Die würden ja wieder nach der anderen Seite verwechseln dasjenige, was geschehen muss, mit demjenigen, was den eigensüchtigen, ehrgeizigen Absichten entspricht. Nicht darin besteht die Energie und die Kraft, dass man den bequemsten Weg wählt, auch wenn der bequemste Weg als ein im egoistischen Sinne außerordentlich moralischer geschildert werden kann; sondern darinnen besteht die Energie, dass man, auch wenn der Weg ein tragischer sein muss, sich eben, wenn ich so sagen darf, in die Tragik hineinstürzt. Das darf aber nicht schlafend geschehen, sondern man muss mit Bewusstsein sich in die Tragik hineinstürzen und wissen, dass man in einem Gebiete steht, in dem man nicht das rein Anthroposophische machen kann; man muss wissen, dass man also dasjenige, was man machen muss, trotzdem es nicht anthroposophisch ist, auf der anderen Seite es durch ein umso stärkeres Anthroposophisch-Sein ausgleichen muss. Wenn man etwas wiegt, so nimmt man ja auch nicht von der Waagschale, bei der sich ergibt, dass etwas zu schwer ist für die Gewichte auf der anderen Seite, von dem weg, das zu wiegen ist, sondern man gibt die Gewichte auf der andern Seite hinzu.
Das werden auch wir nötig haben. Wir werden gegen das, in das wir tragischerweise hineingeführt werden als in etwas, was zum größten Teil, vielleicht zur Hälfte unanthroposophisch geschehen muss, die Gegengewichte schaffen müssen durch ein umso stärkeres Anthroposophisch-Sein. Ich kann ja sagen, auch mir wäre es vielleicht am bequemsten gewesen zu sagen: Ich reiche meine Hand zum Aufbau des Goetheanum nur dann, wenn die drei Millionen Versicherungssumme zu wohltätigen Zwecken verwendet werden und der Baufonds ganz und gar wieder durch Spenden geschaffen wird. Es wäre nämlich das Bequemere gewesen, weil es weniger Schmerz verursacht hätte. Man darf auch den Schmerz nicht scheuen, meine lieben Freunde, wenn man im Gebiete der Wirklichkeit arbeiten will. Aber man darfauch den Schmerz nicht verschlafen wollen. Man darf nicht immerfort sich nur sagen wollen: Wir tun ja dasjenige, was das Allerschönste, was das Beste ist. Das kann man in der irdischen Welt nicht tun, in der Gegenwart am allerwenigsten. Deshalb den Kopf sinken lassen und zu sagen: Dann sinkt mir überhaupt der Mut, das geht nicht. Wenn es von den Göttern einmal scheint, als ob sie verschwänden, als ob sie nicht da wären, als ob die Menschheit von ihnen verlassen wäre, da besteht die Weisheit der Götter darinnen, dass die Menschen die Impulse bekommen sollen, sic an den Orten, wo sie sich verborgen haben, erst recht zu suchen, nicht aber über ihr Verschwinden und über ihre Untätigkeit zu klagen. Die Erde nur als ein sanftes Ruhebett haben wollen und nur dann sie göttlich finden, wenn sie sich so zeigt, dass sie immer dem entspricht, was man gerne hätte, das kann niemals die Gesinnung einer geistigen Bewegung bilden, denn das ist nicht Kraft, das ist Kraftlosigkeit. Und aus Kraftlosigkeit werden wir das tragisch-kolorierte Goetheanum nicht aufführen, sondern nur mit Kraftentwickelung, mit dem Bewusstsein davon, dass, wo die Götter scheinen sich zurückgezogen zu haben, sie erst recht gesucht werden müssen von uns an ihrem Orte, an dem sie scheinbar verborgen sind.
Meine lieben Freunde, ich wollte Aufbaugedanken entwickeln. Und da es recht schwierig ist, zwischen den Zeilen zu sprechen, so habe ich heute manches in die Zeilen selber hineingefügt, ich möchte sagen, mit einer gewissen Deutlichkeit. Aber desjenigen, was ich in diese Zeilen hineingefügt habe, bedarf es wirklich, wenn wir in der nächsten Zeit für den Wiederaufbau des Goetheanum und auch noch für andere Sachen die rechte Gesinnung entwickeln wollen. Es würde gar nichts helfen, uns einzulullen in diese oder jene Illusion; sondern es hilft einzig und allein, sich schleierlos mit den Augen der Wahrheit gegenüberzustellen, in diesem Falle der inneren Wahrheit, die aus der moralischen Seite der Anthroposophie fließt.
Dann allerdings, wenn das geschehen kann, dann würde das eintreten, was eigentlich eintreten sollte, dass die Anthroposophische Gesellschaft inmitten des heutigen Weltgeschehens eine Stätte wäre, wo man sich einmal nicht den Illusionen hingibt, in denen heute alle leben. Denn für vieles, was in der Gegenwart geschieht, können Sie die Illusionen aufdecken. Seit 1914 leben die Menschen mit einer gewissen Wollust in Illusionen, weil sie gar nicht innerlich tapfer genug sind, sich die Wahrheiten zu gestehen. Wenn das erreicht werden könnte, dass die Anthroposophische Gesellschaft, dass der Verein des Goetheanum inmitten einer Illusionen hegenden Welt wachende
Seelenkraft entwickelt, dann, meine lieben Freunde, wäre der tragischen Situation, in der wir jetzt stehen und der gegenüber wir uns keiner Illusion hingeben sollen, dasjenige eingefügt, was jeder wirklichen Tragik eingefügt ist.
Studieren Sie die Tragiker aller Zeiten. Sic werden sehen, es besteht die Tragik darinnen, dass alles Äußere zusammenzubrechen scheint und dass nur im Innern selber die Kraft ist, die über die Katastrophe hinausführt. Wenn das in der Kunst auftritt, schauen es manche I.eute gern an, obwohl heute schon nicht mehr viele, weil die Tragödien nicht mehr sehr beliebt sind. Aber wenn es in der Wirklichkeit eintreten soll, dann müssen eben die Dinge so geschehen, wie ich sie charakterisiert habe. Dann muss etwas geschehen, durch das sich die Anthroposophische Gesellschaft, der Goetheanum-Verein ausnehmen in ihrer innerlich auf das Geistige bauenden Gesinnung wie eine Inselbildung innerhalb einer auf Illusionen bauenden Welt. Dann kann ausstrahlen in die auf Illusionen bauende Welt dasjenige, was eine wirkliche Kraft ist.
Meine lieben Freunde, wenn wir die Worte in der richtigen Weise nehmen, die ich zu Ihnen sprechen musste, dann wird viel Vorsatz, viel Vornahme, viel Anstreben eines anderen Zustandes, als in dem wir sind, in unserem Empfinden liegen. Dann wird nicht viel von Befriedigung, namentlich nicht viel von Selbstzufriedenheit uns blenden. Wir werden die Gedanken von Befriedigung und Selbstzufriedenheit aus uns wegschaffen und in uns diejenigen Gedanken erregen, die aus einer rein geistigen Anschauung der Dinge hervorgehen können. Dann werden wir rechte Aufbaugedanken aus dem Geiste heraus haben.
Meine lieben Freunde, das wollte ich in allem Ernste, aber, wie ich glaube, auch mit aller Objektivität gerade am heutigen Tage zu Ihnen sprechen. Und ich danke dem Vorstand des Goetheanum-Vereines, dass er mir Gelegenheit gegeben hat, gerade innerhalb dieser Veranstaltung diese Worte zu sprechen von dem, was so eng verknüpft ist mit dem Schicksal des Goetheanum, des vergangenen und des eventuell kommenden Goetheanum.
ANSPRACHE
ZUR INTERNATIONALEN DELEGIERTENVERSAMMLUNG
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT FÜR
DEN WIEDERAUFBAU DES GOETHEANUMS
Darnach, 21. Juli 1923
Liebe Freunde!
Ich könnte höchstens, da nun eine Pause entsteht, ein paar Bemerkungen machen, die mir wichtig erscheinen. Ich hoffe, dass es nur die Ausfüllung einer Pause ist. Denn es ist ja klar, dass die Diskussion über die Angelegenheit nicht zu Ende ist.
Da will ich eben als erste Zwischenbemerkung diese machen, dass ich bitten möchte, die Debatten über diejenigen Dinge, um die es sich bei dieser wichtigen Versammlung handelt, möglichst in den einzelnen Punkten bis zur Präzision zu bringen. Und selbst auf die Gefahr hin, missverstanden zu werden, möchte ich als ersten Punkt anführen, dass mit Abstraktionen, wie etwa, man solle eine Broschüre zustande bringen, zunächst in dieser abstrakten Form ja gar nichts anzufangen ist. Man muss wirklich bei solchen Dingen sich immer ganz bestimmte Gedanken machen; nicht von außen eine Sache charakterisieren, sondern man muss gerade bei einer solchen Sache auf die Verhältnisse eingehen. Es ist bei den verschiedensten Angelegenheiten, welche die anthroposophische Bewegung betroffen haben, immer wieder und wieder der Vorschlag aufgetaucht, man solle eine Broschüre schreiben. Wir stehen heute nicht zum ersten Mal vor diesem Vorschlag; und ich habe meistens mich außerordentlich zurückhaltend verhalten zu diesem Broschürenschreiben, weil ich ja wusste, dass dabei, wenn nicht die Broschüre ein ganz besonderes Kunstwerk ist, aus der Individualität eines Einzelnen hervorgehend und durch die Individualität des Einzelnen gerechtfertigt, ein real Wirksames dabei kaum herauskommen kann. Der Gedanke liegt nämlich nahe, so etwas zu machen, weil man gewöhnt ist, nicht Wirklichkeit zu denken, sondern eben irgendetwas zu denken in nicht einmal allgemeinen Umrissen, sondern in allgemeinen äußeren Richtungen. Deshalb würde ich bitten, wenn der Vorschlag irgendwie weiter berücksichtigt werden sollte, über ihn so zu diskutieren, dass man etwas dabei verstehen kann. Denn vorläufig kann ich mir unter dem, was gedacht ist, nicht gerade irgendetwas vorstellen. Das ist das Erste, was ich bemerken möchte.
Dann ist es dieses, dass ich nicht möchte, dass gerade im gegenwärtigen Momente falsche Vorstellungen auftauchen. Falsche Vorstellungen sind innerhalb einer geistigen Bewegung, insbesondere einer solchen Bewegung, die einmal steht unter der Devise: «Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit», falsche Vorstellungen sind immer mit einem zerstörenden Impuls verknüpft, und man muss sehr achtgeben, dass nicht falsche Vorstellungen Platz greifen.
Eine solche falsche Vorstellung würde es geben, wenn etwa die Meinung verbreitet würde, man könne heute sagen, dass der Bau, der Goetheanum-Bau, von Deutschland durch bestimmte Mächte exiliert worden sei. Wenn man darüber Anschauungen hat, so müssen diese natürlich ganz genau präzisiert werden. Denn äußerlich lagen die Tatsachen nicht so, dass der Bau durch Mächte exiliert worden ist, die in irgendeiner Weise etwa gar mit dem Brande in Zusammenhang gebracht werden können. Äußerlich lagen die Dinge so, dass ein gewisser Bauplan in München fertig war, und dieser nicht etwa so abgelehnt worden ist, dass man sagen könnte: Es haben Mächte auf die deutschen Gesetze Einfluss genommen, dadurch sei der Bau exiliert worden, und man hätte in Gebiete gehen müssen, wo nach dieser Richtung freiere Gesetze herrschen. Sondern rein äußerlich lagen die Dinge so, dass es im Wesentlichen die Münchener Künstlerschaft war, die auf die Beurteilung eines solchen Planes Einfluss hatte, und die als Künstlerschaft, wirklich als Künstlerschaft, eben einfach auf die Sache nicht eingehen konnte, nichts Rechtes dazu zu sagen wusste. Und eines Tages hat man vor der Tatsache gestanden, dass nachdem man hintereinander, was weiß ich, so ein paar Dutzend Pläne ausgearbeitet hatte, auch dann immer noch keine bestimmte
Meinung von Seiten der betreffenden Expertenkommission zu erhalten gewesen wäre.
Um nun den Bau möglichst rasch irgendwo hinzustellcn, wurde eben der Entschluss gefasst, ihn hierher zu stellen, wo uns der Bauplatz zur Verfügung gestellt war, und wo die sehr schöne Aussicht vorhanden war, dass unter dem Nichtvorhandensein eines Baugesetzes so gebaut werden konnte, wie man eben dazumal wollte. Also es müssen in einem solchen Falle nicht etwa, ich möchte sagen, Theorien heute verbreitet und Vorstellungen hervorgerufen werden, die nicht genau übereinstimmen würden mit demjenigen, was sich damals zugetragen hat. Denn es geschieht ja immer das Merkwürdige in der anthroposophischen Bewegung, dass von irgendeiner Seite Behauptungen aufgestellt werden, und dann erscheint irgendetwas Gegnerisches, was diese Behauptungen mir selbst unterschiebt und mich wegen dieser Behauptungen eigentlich angreift. Daher bin ich in der Zukunft verpflichtet, die Behauptungen, die ich nicht seiber gemacht habe, ausdrücklich als solche hinzustellen, die nicht von mir selber gemacht worden sind.
Ebenso können Sie ganz sicher sein, dass in der Zukunft irgendwo die gegnerische Bemerkung wiederum auftauchen wird: Dr. Steiner hat nun trotz allem und allem wiederum sich nicht zurückgehalten, auf gewisse Mächte hinzudeuten, die beim Dornacher Brand im Hintergründe standen. Und ich möchte bemerken, dass von allem Anfang an, von der Brandnacht an, von mir niemals auf solche Mächte hingedeutet worden ist. Nur diese Tatsache möchte ich erwähnen, und möchte sozusagen auf diesem Gebiete etwas zur Vorsicht mahnen. Wir sind heute viel mehr von lauernden Gegnern umgeben, als es beim Aussprechen solcher Dinge - ich meine natürlich mehr die Art des Aussprechens - gewöhnlich bewusst wird. Also auch mit solchen Ideen, wie diese ist, dass hingedcutet wird auf irgendwelche Flintergründe, möchte ich heute schon bemerken, dass ich nicht damit identifiziert werden möchte.
Ich halte es für außerordentlich notwendig, dass hier gerade in dieser Versammlung versucht werde, genau zu sprechen, und dass auch genau gesprochen werde über die Unmöglichkeit, überhaupt irgendetwas an Werten aus den deutschen Grenzen hierherzubringen. Denn so wie die Dinge heute stehen, liegt die absolute Unmöglichkeit vor, irgendwelche Werte von Deutschland hierherzubringen. Welche Möglichkeit sich ergeben könnte, liebevoll angebotene Arbeit zu akzeptieren, das wird sich, wie so vieles andere, während des Bauens selbstverständlich ergeben. Darüber mache ich jetzt keine Bemerkung. Aber die Tatsache, sic muss in aller Schärfe klar sein, weil sic sonst unabsehbare Folgen haben könnte: Es muss in aller Schärfe klar sein, dass dasjenige, was in Deutschland meinetwillen anlässlich des Wiederaufbaus des Goetheanum gesammelt wird, auch innerhalb Deutschlands gesetzlich verbleiben muss, dort ausgegeben werden muss, wenn ich mich deutlich ausdrücken will. Also alles das, was in Deutschland gesammelt wird, muss auch innerhalb Deutschlands ausgegeben, besser gesagt, dort verzehrt werden, innerhalb Deutschlands verzehrt werden.
Für jene Seite kommen also vor allen Dingen nur die moralischen Opfer in Betracht, ein seelisches Opfer. Ein materielles Opfer, wenn ein solches nicht in irgendeiner Weise durch eine andere Kompensation bewirkt wird, kann gar nicht in Betracht kommen. Und wenn die Dinge nur so ausgesprochen werden, wie sic bisher besprochen worden sind, dann ist wiederum Tür und Tor geöffnet für alle möglichen gegnerischen Absichten, sodass gesagt wird: Da steht ja in Aussicht, dass just Dr. Steiner das Ergebnis einer bestimmten Sammlung von Deutschland ins Ausland trägt! Sie können ganz sicher sein, dass diese Version sehr bald erscheint, wenn nur in der Weise über die Sache gesprochen wird, wie bisher darüber gesprochen worden ist.
Nicht wahr, wir müssen schon als Anthroposophen uns klar sein darüber, dass das [materielle] Denken nicht in erster Linie steht, aber wenn es sich um praktische Angelegenheiten handelt, so müssen diese durchaus bedacht werden. Es muss klar gedacht werden, Und bei dieser Gelegenheit darf ich ja wirklich auf eines hinweisen, meine lieben Freunde: Es ist heute selbstverständlich außerordentlich bedeutsam, dass der Wille besteht, viele Opfer zu bringen für den Wiederaufbau eines Goetheanum. Es ist auf der anderen Seite auch wünschenswert, dass dieser Aufbau des Goetheanum nicht ins
Unbestimmte hinausgeschoben werde, dass er möglichst bald zustande kommt. Beabsichtigen wir aber, Bestimmtes uns vorzunehmen, so wäre es sehr gut, wenn bedacht würde, dass eigentlich doch durch diese Versammlung gewissermaßen dem Aufbau selbst eine Art Proposition gemacht werde. Es sollte sichtbar sein am Ende dieser Versammlung, wie das Goetheanum aufgebaut werden kann.
Meine lieben Freunde, man kann das Goetheanum aufbauen mit einer Million Franken, dann bleiben von der Versicherungssumme noch zwei Millionen Franken für andere Zwecke. Man kann das Goetheanum aufbauen mit zwei Millionen, man kann es aufbauen mit drei Millionen, mit vier Millionen. Wenn man es mit einer Million aufbauen wird, so wird eben als Andenken an das alte Goetheanum eine Art Scheune dastehen, aus Beton gebaut. Wenn zwei Millionen verwendet werden, so wird es ja doppelt so schön sein als eine Scheune; aber es wird halt dann eben so sein, wie es für zwei Millionen aufgebaut werden kann, und so weiter. Und dasjenige, was angesichts der gegenwärtigen Lage, in der wir sind, notwendig ist, das wäre doch dies, dass gewusst werden könnte möglichst bald, mit einer wie großen Summe zu rechnen ist. Wird gewusst am Ende des morgigen Tages, es ist zu rechnen mit 5 Millionen, so wird ein Goetheanum aufgebaut für fünf Millionen. Das ist dasjenige, was man sich jetzt praktisch vornehmen kann.
Und da ich ja selbstverständlich voraussetze, dass in jeder Seele die Tendenz lebt, das Goetheanum so schön als möglich zu haben, so scheint mir, dass ja immerhin etwas sehr Beträchtliches, auch wenn man diese Absicht ganz ernst nimmt, entstehen kann. Aber es ist doch einmal notwendig, dass wir die Sache in der Form auffassen, dass bis zum Ende dieser Tagung eine Art Proposition gemacht werde, und dass dann diese Proposition eben als ein Festes angesehen werden kann, und dass man sich sagen kann: Im Sinne dieser Proposition wird eben hier auf dem Dornacher Flügel an die Stelle des alten Goetheanum etwas hingestellt. Ich meine, die Zeiten sind viel zu ernst, als dass wir uns in Unstimmigkeiten einlassen. Es ist vielleicht notwendig, dass wir uns in der allerbestimmtcstcn Weise unmittelbar orientieren. Meine lieben Freunde, es ist wirklich nicht meine Absicht, so vielem Schönen immer auch ein kleines Unangenehmes hinzuzufügen; aber wenn es halt von keiner andern Seite geschieht, so muss ich cs eben immer tun, damit versucht werde, aus den Dingen ein Ganzes zu bilden. Es tut mir ja furchtbar leid!
Nun möchte ich bemerken, dass dasjenige was ich eben jetzt auseinandergesetzt habe, äußerlich zunächst gewiss, für einen äußeren Bau also in Betracht kommt. Aber etwas anderes kommt durchaus noch in Betracht. Und zwar, dass in der Zukunft möglichst auch daran gedacht werde, dass es notwendig ist, die ganze anthroposophische Tätigkeit auch in irgendeiner Weise gegenüber der Welt moralisch zu stützen, moralisch irgendwie sozusagen einen Beitrag zu geben. Und solche moralischen Beiträge sind jetzt doch sogar das Notwendigere! Denn schließlich, wir werden irgendetwas ja hier bauen können, also die Möglichkeit, dass hier ein geistiges Zentrum geschaffen werde für die anthroposophischen Angelegenheiten, die müsste und wird gegeben sein. Aber es müsste auch gedacht werden daran, wie eine moralische Stützung versucht werden könnte. Und da muss doch immer wieder und wiederum darauf aufmerksam gemacht werden, dass nach dieser Richtung hin außerordentlich viel zu tun wäre! Wenn einmal von Seiten der Anthroposophischen Gesellschaft etwas getan würde in ausgiebiger Art, sichtbarlich getan würde, was dahin tendierte, vor der Welt die Anthroposophische Gesellschaft selbst so hinzustellen, dass man gar nicht anders kann, als sie als etwas tief Ernstes zu nehmen, wenn geradezu dies, ich möchte sagen, als Absicht hier entstehen würde, eine Art moralischen Fonds zu schaffen, an dem nun gerade diejenigen mitwirken könnten, die gegenwärtig sozusagen ihre Wertobjekte innerhalb ihrer Grenzen lassen müssen, wenn eine Art moralischer Fonds geschaffen werden könnte, dann wäre manches von dem erfüllt, von dem ich immer wieder und wiederum spreche.
Sehen Sie, in gewissem Sinne möchte ich schon darum gern wünschen, dass über diese Broschüre, die erstklassig sein soll, wie gestern gesagt worden ist, hier gesprochen würde, weil ja damit in gewissem Sinne auch ein Urteil ausgesprochen ist über alle die Produktionen, die bis jetzt erschienen sind, und weil man damit das Urteil ausspricht, dass man all das, was bis jetzt an Produktionen erschienen ist, eigentlich nicht gebrauchen kann! Also ich würde schon ganz gerne im Genaueren, Konkreten hören, wie sich das Erstklassige zu dem bisher geleisteten Zweitklassigen oder Drittklassigen verhalten würde.
Diese Dinge, die liegen dann immer in Untergründen. Nun können Sie sagen, es sei ganz schlimm, dass man solche Dinge nun aus den Untergründen hervorholt. Ja, meine lieben Freunde, wenn man diese Dinge einfach unbedacht ausspricht, und gar niemand aufmerksam macht, wie solche Dinge oftmals innerhalb unserer Reihen ausgesprochen werden, dann braucht man sich nicht zu verwundern, dass die Gegner sie aufgreifen. Die Gegner werden schon bemerken, um was es sich handelt bei solchen Dingen. Und gegen den ganzen Ansturm der Gegner ist heute ja auch der Bau des Goetheanum durchzuführen! Der Bau des Goetheanum kann nicht nur mit Geld durchgeführt werden, sondern der Bau des Goetheanum muss durchgeführt werden gestützt auch auf einen moralischen Fonds der Anthroposophischen Gesellschaft. Anders geht es gar nicht. Dieser moralische Fonds muss da sein.
Und darüber müssen wir uns klar sein: Das Wirken nach außen hat heute schon eine sehr merkwürdige Gestalt angenommen. Auch das darf nicht im Unbewussten bleiben. In einer gewissen Beziehung ist alles dasjenige, was mit Anthroposophie zusammenhängt, wie in einer belagerten Festung. Und denken Sie darüber nach, welche Ideen die Menschen bekommen, wenn man einem so äußerlich sagt: Geht hinein in eine belagerte Festung. Das Erste, was der Mensch heute von Anthroposophie hört, wenn er ganz guten Willen hat, das ist dasjenige, was die Gegner sagen. Jedem, der mit dem besten Willen an Anthroposophie herangeht, werden heute die Schriften der Gegner, Aussagen der Gegner, die Verleumdungen der Gegner entgegengebracht. Und das ist eine Sache, die gerade dann außerordentlich schwer ins Gewicht fällt, wenn es sich um so etwas handelt wie den Bau des Goetheanum.
Ja, meine lieben Freunde, wenn es sich heute handeln würde um Verbreitung der Anthroposophie, dann würde ich sagen: Es braucht nichts anderes als den guten Willen, für die Anthroposophie einzutreten. Würde es sich heute bloß um Verbreitung der Anthroposophie in der Welt handeln, dann würde ich meinerseits mit absolutem Gleichmut an fünfzig gegnerischen Verleumdungsbroschüren und Aussagen in der Welt vorbeigehen, sie absolut mit Gleichgültigkeit hinnehmen, mich um sie nicht kümmern, sondern nur im Positiven Weiterarbeiten. Denn allein durch das positive Weiterarbeiten wird Anthroposophie verbreitet. Wenn es sich allein handelt um eine geistige Strömung, dann brauchten wir vielleicht überhaupt solche Versammlungen nicht; da könnten uns alle Gegnerschaften gleichgültig lassen. Wenn es sich aber darum handelt, dass heute Anthroposophie in sich schließt, wenn man nur ihren Namen nennt, eine ganze Fülle von äußeren Gründungen, zu denen dann natürlich auch der Bau des Goetheanum gehört, dann muss eben gesagt werden: Solche Dinge kann man nicht machen, wenn nicht eine kompakte Gesellschaft dastcht, welche in der Lage ist, unwirksam zu machen den Umstand, dass derjenige, der hcrankommt an die Festung, zunächst die gegnerischen Schriften in die Hand nimmt. Man muss durchaus unterscheiden zwischen den einzelnen Begründungen und dem, was die geistige Bewegung der Anthroposophie ist. Die trägt sich selber, die können Sie heute mit einem Schutt zudecken, der fünfzig Kilometer hoch ist, sie kann unwirksam gemacht werden meinetwillen für Dezennien: Wird in einer richtigen Art gearbeitet, so wird sie ihren Weg durch die Welt machen! Wenn aber über Dinge, die eben auch unbegriffen vor die Außenwelt hingestellt werden, und unbegriffen sind alle die einzelnen Begründungen, die heute an die Anthroposophie sich anlehnen, wenn die hingestellt werden vor die Außenwelt, dann bedarf es der geschlossenen, kompakten Gesellschaft.
Und das, meine lieben Freunde, muss vor allen Dingen bedacht werden in dem Augenblicke, wo man Vorschläge macht, die von der Anthroposophischen Gesellschaft aus an die Außenwelt treten sollen. Wirklich, ich kann es ja begreifen, wenn immer wieder diese Dinge überhört werden, die ich sage. Es tut mir ja furchtbar leid, dass ich das erwähnen muss, aber ich möchte, dass sie nicht überhört werden! Dass man sich dessen bewusst werde, wie man nicht auf einem Beton-, sondern auf einem Glasboden steht, wenn man für diese Sache Vorschläge macht, und dass man es schon notwendig hat, auch den moralischen Fonds zu schaffen.
Sehen Sie, hier in diesem Saal habe ich vor ganz kurzer Zeit, vor einer viel kleineren Zahl von Mitgliedern als heute, darauf aufmerksam gemacht, wie im Journal de Geneve darauf hingewiesen worden ist, dass auch den Schweizern von mir das Geld aus der Tasche genommen werden soll für den Aufbau des Goetheanum. Die Antworten dürfen nicht fehlen, die eine wirksame Abwehr gegen solche Angriffe sind. Und so darf auch selbstverständlich nicht fehlen, dass vom ersten Momente an, wo so etwas auftaucht, jeder Mensch in der Lage sein müsste zu wissen, dass es sich gar nicht darum handeln kann, irgendwie nur einen Centime aus den deutschen Grenzen in die Schweiz hereinzubringen. Uber dieses muss mit Bestimmtheit gesprochen werden. Denn so liegen die Dinge heute.
Liebe Freunde, ich habe natürlich am allerbesten ein Gefühl für das, was Begeisterung ist. Aber man muss heute wirklich mit den realen Möglichkeiten, vor allen Dingen mit den Realitäten selbst rechnen. Nicht um irgendetwas abzustoppen, sondern um geradezu zu bitten, dass mit diesen realen Möglichkeiten auch schon beim Aussprechen der Worte gerechnet werde, nur deshalb wollte ich diese Pause, die entstanden ist, ausfüllen. Denn mir hat es gewissermaßen wehgetan, dass wiederum Dinge von der einen Seite besprochen werden, denen nicht gleich die Spitze genommen wird, damit auf der andern Seite nicht eine Handhabe für die Gegner dadurch geboten werde.
Schluss der Sitzung
ABSCHLUSSWORTE
ZUR INTERNATIONALEN DELEGIERTENVERSAMMLUNG
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT FÜR DEN
WIEDERAUFBAU DES GOETHEANUMS
Dörnach, 22. Juli 1923
Es ist heute in einer äußerlichen Weise darauf hingedcutet worden, dass man von der Anthroposophie ein Bild oder dergleichen ausführen sollte. Ist sie denn nicht in ihrer Realität da? Brauchen wir noch ein Bild? Aber was wir bedürfen, das ist: durch unsere eigene innerliche Ehrlichkeit intim werden mit Anthroposophie. Dann dringt sie in das innerste Gewebe unseres Seelenlebens und Seelenwesens ein. Nicht in einer äußerlichen Weise sollen wir versuchen, uns ein Bild zu machen. Aber innerlich sollen wir intim werden mit dieser lebendigen Wescnsgestalt, die als Anthroposophie, ich möchte sagen, überall zwischen unseren Reihen hindurchgehen soll, wenn wir als Menschen, die solche Dinge verstehen, vereint sind.
Wenn wir also mit Anthroposophie als einer realen Wesenheit, die unter uns in einem höheren Sinne herumgeht, real selbst leben, wenn wir real Menschen sind, wenn wir mit dieser Anthroposophie intim werden, dann wird in uns der Impuls aufgehen, das wirklich zu erleben, was die Menschheit so sehr nötig hat in unserem Zeitalter zu erleben: nicht bloß für das Seelenauge ein Bild, sondern für das Herz eine Liebe zum Wesen Anthroposophie. Das ist es, was wir brauchen, und das wird am meisten ein Impuls unseres Zeitalters sein können.
Damit aber habe ich versucht, hinzuzufügen zu der gezeichneten physischen Perspektive der Anthroposophie und zu der gezeichneten seelischen Perspektive die geistige Perspektive. Die geistige Perspektive ist nicht ein äußerliches Verfolgen des Geistes, die geistige Perspektive ist im Gegenteil gerade das Erleben der Anthroposophie im tiefsten, intimsten Innern der menschlichen Seele und des menschlichen Herzens. Und dieses tief intime Erleben von Anthroposophie in der menschlichen Seele und im menschlichen Herzen, das ist jene Meditation, die uns hinführt zur Begegnung, zur realen Begegnung mit Anthroposophie.
Damit ist versucht worden, die drei Perspektiven, welche die Anthroposophie eröffnen kann, zu charakterisieren: die physische, die seelische, die geistige Perspektive. Und es obliegt mir nur noch zum Schlüsse dieser Tagung, zu der von den Weiten der Welt viele unserer Freunde hierhergekommen sind zu einem Tun, das ihnen so sehr auf der Seele liegt, im Namen dieser Anthroposophie die tiefste Befriedigung über dasjenige, was sie mit Bezug auf den Bau des Goetheanums verhandeln wollten, auszusprechen.
Es wird ganz zweifellos eine denkwürdige Zusammenkunft sein, meine lieben Freunde, wenn nun hervorgehen kann aus ihr der Aufbau eines neuen Goetheanums. Und es wäre schön, wenn dieses neue Goetheanum so werden könnte, dass es auch wieder in seinen Formen uns dasjenige entgegenstrahlen könnte, was durch das Wort auf dem Boden der Anthroposophie der Menschheit gesagt werden soll. Damit werden Sie für die Anthroposophie sehr viel getan haben.
In allen diesen Dingen darf ich in diesem Momente unpersönlich sprechen. Auf mich kommt es dabei wirklich nicht an, auch möchte ich nicht sprechen über den Beschluss, der zustande gekommen ist, des Inhaltes, dass es mir überlassen werden solle, die inneren Dispositionen über den Bau zu treffen. Denn indem ich gebeten habe, den Bau, wenn ich ihn aufführen soll, unter diesen Bedingungen aufführen zu können, so geschah dies aus dem Umstand heraus, dass ich die Verantwortung für den Neuaufbau eben nur unter dieser Bedingung übernehmen kann, und es bleibt dies alles innerhalb des Objektiven liegen.
Anerkennenswert bleibt es in ganz objektivem Sinne, dass man diesem Ansinnen verständnisvoll entgegengekommen ist. Es wird das, was daraus entsteht, schon der anthroposophischen Bewegung als solcher zugute kommen. Und so möchte ich eigentlich, indem ich am Schlüsse dieser Tagung den hierhergekommenen Freunden herzlichsten Gruß sage, nur der Interpret des anthroposophischen Verständnisses sein. Und die Rückwirkung dieses anthroposophischen Verständnisses aus der geistigen Welt heraus wird nicht ausbleiben
für alle, die dieses Verständnis haben. Es ist in Wahrheit so, dass cs kinderleicht zu sehen war, ein wie schweres Opfer unsere Freunde für den Wiederaufbau des Goetheanums bringen. Aber es ist eben das Gefühl eingezogen in unsere Reihen, dass das Wollen dessen, was da als Ideal vor dem Seelenauge steht, nicht zu verwirklichen ist ohne solche großen Opfer.
Sehen Sie, heute Morgen ist das Wort ausgesprochen worden, dass da oder dort gesagt wird: Ja, wozu eigentlich diesen Bau? Nun, wir wollen ihn aufführen, weil ihn Dr. Steiner will. Ich habe es sehr dezidiert gerade in meiner Darstellung der Goctheanum-Verhältnisse nach dem Brande in der Zeitschrift Das Goetheanum ausgesprochen, dass der Entschluss zu dem Bau einstmals von Freunden der Anthroposophie ausgegangen ist, und dass ich sozusagen nur das dienende, ausführende Glied war. Und es hätte eigentlich nicht irgendwo die Meinung entstehen sollen, dass damit ein Wollen von mir irgendwie in Betracht kommt; auch könnte darin kein rechter Segen liegen, dass man einem solchen Wollen folgt. Denn der rechte Segen wird bei dem Goetheanum nur dann liegen, wenn diejenigen wollen, welche die Opfer bringen, und wenn die Opfer aus einem heiligen Wollen heraus kommen.
Aber es darf schon die Schönheit, der schöne Ernst dieses Wollens, ich möchte sagen, durch den Interpreten der Anthroposophie hiermit als ein herzlicher Abschiedsgruß vor Ihnen ausgesprochen werden. Es würde mir selbst ja eine gewisse Befriedigung gewährt haben, wenn zu den Besprechungen über den physischen Fonds auch eben Besprechungen über den moralischen Fonds noch hinzugekommen wären. Denn dessen kann ich Sie versichern: Man wird das Goetheanum, nachdem nun die Opfer zustande gekommen sind, nach bestem Können, in Gemäßheit dieser Opfer aufbauen.
Der Aufbau dieses zweiten Goetheanums wird stärkere, herbere und härtere Kämpfe kosten, als der Aufbau des ersten gekostet hat; und ein moralischer Fonds zu dem physischen hinzu wäre schon im höchsten Maße nötig. Aber darüber herrschen eben vielleicht andere Ansichten, als ich sie haben muss, und deshalb dürfen Sie nicht glauben, dass ich irgendwie einen Schatten fallen lasse von dem, was ich zuletzt gesagt habe gegenüber dem Erstgesagten. Wenn ich dasjenige ins Auge fasse und durch mich sprechen lasse, was Anthroposophie sein soll in der Welt, dann bin ich doch eben im Namen der Anthroposophie denjenigen herzlich dankbar, die hierhergceilt sind, um in dieser wichtigen Angelegenheit zu verhandeln und zu tun. Und wenn es so ist, dass das richtige Verständnis immer mehr und mehr um sich greift, dann wird ja in einem gewissen Sinne der Segen auch nicht ausbleiben können, und dann wird man ruhig entgegensehen können den schweren Kämpfen, die gerade dieses Werk nach sich ziehen wird.
Deshalb möchte ich auch heute in einer besonders ernsten, aber auch in einer besonders herzlichen Weise den lieben Freunden, die zu diesen Verhandlungen und zu diesen Taten hierhergekommen sind, hiermit den Abschiedsgruß sagen.WORTMELDUNGEN RUDOLF STEINERS
WÄHREND DER II. ORDENTLICHEN GENERALVERSAMMLUNG
DES VEREINS DES GOETHEANUM, DER FREIEN HOCHSCHULE
FÜR GEISTESWISSENSCHAFT
Dörnach, 29. Juni 1924, 10 Uhr
Emil Grosheintz eröffnet die Generalversammlung:
Verehrte liebe Freunde und Mitglieder des Vereins des Goetheanum! Ich eröffne hiermit die elfte ordentliche Generalversammlung und bitte Herrn Dr. Steiner im Namen des Vorstandes, das Tagespräsidium zu übernehmen.
Rudolf Steiner: Auf die so liebenswürdige Aufforderung des Vorsitzenden des Vereins des Goetheanum erlaube ich mir hiermit, den Vorsitz dieser Versammlung zu übernehmen, und beginne sofort mit der Tagesordnung, da wir ja zuerst die ordentliche Generalversammlung zu Ende zu führen haben, und nach einer Pause die wichtige außerordentliche Generalversammlung, bei der wir über Veränderungen des Vereins des Goetheanum zu beschließen haben werden, seine Stellung zur allgemeinen anthroposophischen Gesellschaft, seine Stellung innerhalb des öffentlichen Lebens und so weiter, und diese Versammlung dann um 11 Uhr beginnen soll, beginnen wir jetzt ohne Weiteres damit, die Traktandenliste der ordentlichen Generalversammlung zu absolvieren, und ich darf vielleicht Herrn Dr. Grosheintz bitten, uns den Bericht des Vorsitzenden hiermit zu geben.
Emil Grosheintz: Ich habe zunächst zu berichten über die Mitgliederbewcgung. Am 1. Januar 1923, also zu Beginn des Berichtsjahres, hatten wir 496 außerordentliche und 563 beitragende Mitglieder, im Ganzen 1059 Mitglieder. Im Laufe des Jahres 1923 haben wir einen Zuwachs von 26 außerordentlichen und 90 beitragenden Mitgliedern erfahren, also im Ganzen einen Zuwachs von 116 Mitgliedern, sodass am 31. Dez. 1923 die Zahl der Mitglieder bestand aus 522 außerordentlichen, 653 beitragenden Mitgliedern, im Ganzen 1175.
Verehrte liebe Freunde!
Über das Jahr 1923 ist eigentlich wenig zu berichten. Dieses Jahr 1923 war für den Verein des Goetheanum das Jahr der Trauer. Am ersten Tage dieses Jahres standen wir schmerzbewegt vor den Trümmern des zerstörten lieben Goetheanums. ein unwiederbringlicher Verlust. Aber der Wille zur Weiterarbeit war ungebrochen, und die Sehnsucht war da, möglichst bald wieder durch Herrn Dr. Steiner ein neues zweites Goetheanum zu erhalten.
Dazu waren zwei Voraussetzungen notwendig, eine materielle und eine spirituelle. Die materielle, finanzielle Voraussetzung, die wurde zum Teil erfüllt dadurch, dass Vertreter aller Länder, in denen Anthroposophische Gesellschaften bestehen, hier zusammengekommen sind im Juli [des] letzten Jahres und Beschlüsse gefasst haben, worin in erfreulicher Weise die Opferwilligkeit aller Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft zu diesem neuen Goetheanum zum Ausdruck gekommen ist. Aber es muss auch heute von dieser Stelle aus ein kräftiger Appell an alle Mitgliederder Anthroposophischen Gesellschaft in der Welt, in den verschiedenen Ländern gerichtet werden, diese Mittel noch reichlicher fließen zu lassen, denn wenn das erreicht werden soll, wenn das entstehen soll, was geplant ist und was entstehen muss für die Anthroposophische Gesellschaft hier in Dörnach, brauchen wir noch recht viele Mittel. Ich lege Ihnen also dies ganz besonders an Herz. Mögen Sie, diejenigen, die nicht hier wohnen, die von weither gekommen sind, wenn Sie zurückkehren in die Kreise, in denen Sie wirken, mögen Sie auch wirken besonders dafür, dass an diesem Orte ein wirkliches zweites Goetheanum errichtet werden kann. Die spirituelle Voraussetzung kam durch die Weihnachtstagung.
Auf dieser Weihnachtstagung ist mit neuen Statuten eine neue Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft konstituiert worden, an deren Spitze Dr. Steiner selber trat, umgeben von einem aktiv arbeitenden Vorstande.
Nun war Dörnach, bisher der Sitz des Vereins des Goetheanum, der Zentralsitz der Anthroposophischen Gesellschaft geworden, und das durch Herrn Dr. Steiner zu erbauende Goetheanum ist direkt eine Angelegenheit der Anthroposophischen Gesellschaft dadurch geworden. Die Neugestaltung der Anthroposophischen Gesellschaft bedingt naturnotwendig auch eine Neugestaltung des Vereins des Goetheanum, und der Verein des Goetheanum darf nun unter dem direkten Vorsitz von Herrn Dr. Steiner in neuer Gestalt als eine Abteilung der Anthropos. Gesellschaft weiter bestehen. Davon werden wir dann in der außerordentlichen Generalversammlung, die auf diese ordentliche Generalversammlung folgen soll, Weiteres hören.
Wie Sie wissen, liegen die Pläne für das neue Goetheanum bereits vor. Sobald die behördliche Genehmigung eingetroffen sein wird und abgeräumt ist mit dem Schutt, der noch da ist, wird mit dem Wiederaufbau mit Hilfe der Opferwilligkeit der Mitglieder des Vereins des Goetheanum und der Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft begonnen werden.
Rudolf Steiner: Meine lieben Freunde! Sie haben den Bericht des Vorsitzenden über das abgelaufcne Geschäftsjahr gehört. Ich bitte diejenigen Freunde, die etwas dazu zu bemerken haben, das Wort zu ergreifen. Ich möchte aber sogleich sagen, dass wir über alle Fragen, die mit der weiteren Gestaltung des Vereins des Goetheanums Zusammenhängen, in der darauffolgenden außerordentlichen Generalversammlung werden zu sprechen haben, sodass ich bitte, jetzt die Wortmeldungen ausschließlich auf die Berichterstattung zu beschränken.
Ist jemand, der in dieser Richtung das Wort wünscht? Wenn das nicht der Fall ist, schreiten wir zu der Berichterstattung des Kassenberichtes weiter, und ich darf vielleicht Herrn Binder bitten, den Kassenbericht zu erstatten.WORTMELDUNGEN RUDOLF STEINERS
WÄHREND DER 3. AUSSERORDENTLICHEN GENERAL-
VERSAMMLUNG DES VEREINS DES GOETHEANUM, DER
FREIEN HOCHSCHULE FÜR GEISTESWISSENSCHAFT
Dörnach, 29. Juni 1924, 11.00 Uhr
TAGESORDNUNG
Neugestaltung des Vorstandes und Satzungsänderung.
Emil Grosheintz: Die dritte außerordentliche Generalversammlung des Vereins des Goetheanum in Dörnach ist eröffnet. Ich ersuche Herrn Dr. Steiner, das Tagespräsidium zu übernehmen.
Rudolf Steiner: Herr Dr. Grosheintz als Vorsitzender des Vereins des Goetheanum fordert mich in liebenswürdiger Weise auf, den Tagesvorsitz dieser außerordentlichen Generalversammlung zu übernehmen. Ich übernehme ihn hiermit dankend und begrüße alle erschienenen Freunde und auch den Vertreter der Behörde auf das herzlichste.
Die außerordentliche Generalversammlung ist damit eröffnet, und es wird sich dar[um] handeln, dass wir dasjenige verhandeln, was für die Gestaltung des Vereins des Goetheanums notwendig geworden ist durch die Weihnachtstagung des letzten Jahres hier am Goetheanum in Dörnach.
Diese Weihnachtstagung, meine lieben Freunde, sollte ja durchaus einen neuen Zug in die ganze anthroposophische Bewegung bringen, und es sollte vor allen Dingen bei diesem neuen Zug in der Zukunft vermieden werden, dass die Dinge bei uns auseinanderstreben, und es sollte bewirkt werden, dass sie in der Zukunft eigentlich wirklich auch aus der anthroposophischen Bewegung geleitet werden.
Sie wissen, es wurde damals ein Vorstand am Goetheanum hier bei dieser Weihnachtstagung eingesetzt, der nun in voller Verantwortung, als initiativer Vorstand mit voller Verantwortung sich gegenüber dem fühlt, was in der Anthroposophischen Gesellschaft geschieht. Und die Durchführung dieser Intention ist nur möglich, wenn die Anthroposophische Gesellschaft in der Zukunft auch gegenüber der vollen Öffentlichkeit als dasjenige dasteht, was real die Dinge macht, was real sich auch voll verantwortlich fühlt für alles dasjenige, was ist. Das kann nur erreicht werden, wenn wir in der gegenseitigen Beziehung der einzelnen Betätigungen nun auch eine einheitliche Konstituierung herbeiführen. Und da ist denn für den Verein des Goetheanums Dörnach zwischen dem bisherigen Vorsitzenden, Dr. Grosheintz, und mir abgesprochen worden, dass erstens, weil namentlich seit der so schmerzlichen Goetheanum-Katastrophe die Ordnung der Angelegenheiten doch mir zugefallcn ist, dass in der Zukunft deshalb auch mir möglich sein muss, mit voller Verantwortung für dasjenige, was hier geschieht, einzutreten.
Ich musste ja die Verhandlungen führen, die fast ein halbes Jahr dauerten, über das Unglück in Dörnach, insofern das im Zusammenhänge stand mit den Maßnahmen der verschiedenen Versicherungsgesellschaften, mit alledem, was dazumal die Behörden an diesem Unglücksfalle interessierte. Dann, nachdem das geordnet war, musste daran gedacht werden, wie wir zum Wiederaufbau des Goetheanums kommen. Natürlich war das nicht im Handumdrehen zu machen. Die Überlegungen, mögliche Pläne für den Wiederaufbau zustande zu bringen, dauerten schon einige Zeit. Da muss man in der verschiedensten Weise mit sich zu Rate gehen.
Es handelt sich ja um ein ganz neues Material, das verwendet wird, denn wir wollen ja natürlich nicht wiederum die Möglichkeit eines so leichten Brandes herbeiführen. Es ist ganz selbstverständlich, dass der Bau, da er nun ausgeführt werden soll aus dem vollständig feuersicheren Material des Eisenbetons, in ganz anderer Weise gedacht werden muss, als er als Holzbau gedacht gewesen ist. Die Stilform, die ganze Haltung des Baues musste dadurch eine andere werden, und wir werden ja auch, wenn die entsprechenden Verhandlungen mit den Behörden angeschlossen sind, in dem neuen Goetheanum einen wesentlichen anderen Bau vor uns haben, als der alte Holzbau gewesen ist.
Aber es ist eben fortgearbeitet worden, und wir sind jetzt soweit, dass, wenn wir auf der einen Seite den Schutt weggeräumt haben, wenn wir auf der anderen Seite die behördliche Genehmigung, die ja nicht lange mehr ausstehen wird, erhalten haben werden, und die, wie wir hoffen dürfen, eine günstige sein wird, wenn wir diese behördliche Genehmigung haben werden, zu bauen, werden wir auch mit dem Bauen beginnen. Und es wäre tatsächlich mein Wille, diesen Bau so rasch als möglich zu fördern, sodass - ich denke noch immer daran, wenn auch vielleicht unseren Architekten dabei, wenn ich diese Worte ausspreche, ein leises Herzklopfen überkommt, aber doch trotz alle- und alledem: Unser Architekt ist ein sehr entgegenkommender Mann, und er wird sich überlegen müssen, wie die Dinge sich gestalten, die ihm dann von meiner Seite entgegentreten werden im Laufe der nächsten Betätigung - ich denke noch immer daran, dass schon zu Weihnachten in dem neuen Bau Versammlungen drinnen abgehalten werden könnten, wenn eben die Bewilligung schnell kommt, dass wir die günstige Bauzeit dazu verwenden können.
Nehmen Sie das aber nicht als ein Versprechen, sondern nehmen Sie es nur durchaus als einen Wunsch von meiner Seite, dem sich natürlich manche Hemmnisse entgegenstellen können, selbstverständlich. Aber schwierig sind in der Regel bei solchen Dingen in erster Linie für mich die Vorurteile. Dann natürlich können die Hindernisse äußerliche werden, die man manchmal nicht in der Hand hat, zu bewältigen. Aber wir werden uns jedenfalls alle Mühe geben, die Sache zu bewältigen.
So sehen Sie, dass es in der nächsten Zeit gar nicht anders geht, als dass dasjenige, was zwischen Emil Grosheintz und mir verabredet worden ist, wirklich auch zur Ausführung kommt, dass ich selber mit dem Vorsitze des Vereins des Goetheanums beauftragt werde. Ich kann das natürlich nur unter der Bedingung tun, dass Emil Grosheintz, der ja bisher den Verein des Goetheanums in einer so schönen, aufopferungsvollen Weise geführt hat, dann zweiter Vorsitzender ist, und dass wir Zusammenarbeiten können. Das würde das Eine sein.
Dann aber wird es nötig sein, dass aus dem ganzen Geist der Anthroposophischen Gesellschaft heraus, wie sie jetzt besteht, diese Anthroposophische Gesellschaft als der eigentlich eingetragene, han- delsregisterlich eingetragene Verein funktioniert, also nach außen hin diejenige Institution ist, welche alles hier in Dörnach zu vertreten hat. Es wird also notwendig sein, dass da bestehen werden die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft als handelsregisterlich eingetragener Verein. Innerhalb dieser Anthroposophischen Gesellschaft werden vier Unterabteilungen zu begründen sein. Diese vier Unterabteilungen sind von mir in der Weise projektiert, dass ich dabei durchaus keine programmatischen Dinge berücksichtige, sondern nur die rein realen Dinge berücksichtige. Wir haben seit dem Jahre 1919 viel mit Programmatischem gearbeitet, aber von dem Augenblicke an, da ich den Vorsitz der Anthroposophischen Gesellschaft zu Weihnachten übernommen habe, kann ich selber mit dem Programmatischen nicht verantwortlich arbeiten, aus dem einfachen Grunde, weil mir alles Programmatische, alles Theoretisierende, alles, was mit Paragrafen arbeitet, nicht aus einem persönlichen Grunde, sondern aus dem ganzen Grundwesen unserer anthroposophischen Bewegung wirklich ganz zuwider ist. Es kann nur aus dem Realen gearbeitet werden.
Reale, vom Anfänge an in lebendiger organischer Tätigkeit wirkende Institutionen haben wir in vier, ich möchte sagen vier Strömungen, die da vorliegen: Erstens in der anthroposophischen Gesellschaft selber, die ja sogar, als die programmatischen Dingen begannen, vielfach angefochten worden ist; die wird also als anthroposophische Gesellschaft im engeren Sinne - ich werde jetzt historisch vorgehen, indem ich die Dinge aufzähle - die wird als anthroposophische Gesellschaft im engeren Sinne, als die erste Unterabteilung, fortbcstchen. Sie ist ja völlig unabhängig von alledem, was seit 1919 an Programmatischem aufgetreten ist.
Als Zweites innerhalb unserer Bewegung haben wir den Philosophisch-Anthroposophischen Verlag, der ja jetzt nach Dörnach übersiedelt ist und der nicht anders behandelt werden kann [denn] als ein integrierender Teil der anthroposophischen Bewegung selber.
Es trat ja immer wiederum und wiederum die Bestrebung auf, diese Anschauung, die eigentlich im Wesen der Sache ist, von da- oder dorther zu durchkreuzen. Es trat immer wieder und wieder die Meinung auf, der Philosophisch-Anthroposophische Verlag sei diejenige Institution, der man vor allen Dingen zur Hilfe kommen müsse, weil sie ja nicht ordentlich geführt werde, und dergleichen. Aber wenn ich, während die Möglichkeit vorhanden war dazu, wenn ich auf nationalökonomischem Gebiete die eine oder die andere Sache mit irgendeiner aus dem Realen, und nicht aus dem Programmatischen heraus arbeitenden Sache belegen wollte, so konnte ich doch nur immer wiederum den Philosophisch-Anthroposophischen Verlag anführen, der nicht aus einem großen Programm sich entwickelt hat, sondern vom Kleinen auf, indem man mit zwei Büchern angefangen hat, und dann ganz langsam weitergearbeitet hat, sodass er fortwährend aus dem Realen heraus arbeitete und niemals von irgendeiner Seite her einen anderen Zuschuss erhalten hat als einen solchen, der aus der Sache entsprang, und der die Deckungsmöglichkeiten absolut in reeller Weise hatte. Sodass in Bezug auf nationalökonomische Führung dieser Philosophisch-Anthroposophische Verlag schon damals sogar als ein Beispiel angeführt werden konnte, an das man sich halten konnte, wenn man Nationalökonomie aus dem Leben heraus begründen will. Das würde die zweite Unterabteilung sein.
Die dritte Unterabteilung - wie gesagt, ich zähle historisch auf — sie würde der Verein des Goetheanums in Dörnach selber sein, der als dritte Institution entstanden ist, und auch in sich nur gearbeitet hat aus anthroposophischen Prinzipien heraus, unberührt von irgendeiner Seitenströmung her. Er würde also auch eine Unterabteilung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft bilden können.
Und als Viertes würde sich dann eingliedern das Klinisch-therapeutische Institut, das ja von Frau Dr. Wegman begründet worden ist aus anthroposophischen Grundgedanken heraus. Und indem ich zu rechtfertigen habe dasjenige, um was es sich dabei handelt - dass man es dabei wirklich mit einer realen anthroposophischen Sache zu tun hat wenn ich das begründen will, so muss ich es in der folgenden Weise tun. Ich muss Ihnen auseinandersetzen, dass ein gewaltiger Unterschied besteht zwischen diesem Klinisch-therapeutischen Institut und andern ähnlichen Instituten. Es sind mancherlei Dinge entstanden seit 1919 unter dem Einfluss dessen, dass man dazumal in mehr oder weniger berechtigter Weise glauben konnte, dass man von irgendeiner Seite her gewisse Dinge bei uns tragen könne, tragen könne besser, als sie aus der anthroposophischen Bewegung heraus selber sich tragen.
Wenn wir manche Institutionen ins Auge fassen, so können wir sagen, sie wären eben nicht da heute, wenn nicht diese Bewegungen, die in Zusammenhänge mit der Dreigliederungsbewegung damals entstanden sind, wenn nicht diese Bewegungen entstanden wären, und die Institutionen dann von sich aus geschaffen hätten. Das ist bei dem Klinisch-therapeutischen Institut von Frau Dr. Wegman nicht der Fall. Man kann geradezu sagen, man trifft damit das völlig Richtige: Wenn gar nichts von all den programmatischen Einrichtungen entstanden wäre - dieses Klinisch-therapeutische Institut, das aus den Intentionen der Anthroposophie hervorgegangen ist, selbstverständlich aus ärztlichen Intentionen, dieses Klinisch-therapeutische Institut wäre dann doch da.
Denken wir uns alles dasjenige weg, was seit 1919 entstanden ist. Das Klinisch-therapeutische Institut hat nicht nur keine Notwendigkeit gehabt, jemals auf all das Rücksicht zu nehmen, sondern im Gegenteil ist sogar für die andern Dinge in einem entscheidenden Momente in ganz erheblichem Maße eingesprungen, sodass also wir hier eine Institution haben, die sich unterscheidet in ihrer ganzen Entstehung und in ihrem ganzen Bestände, auch in der Art und Weise, wie sie sich darlebt. Sie ist nämlich eine fruchtbare Institution, eine solche, die sich selbst trägt, die in sich selbst auch ökonomisch besteht, aussichtsvoll ökonomisch besteht.
Sodass also diese Institution durchaus hineingehört in diejenigen, die jetzt Unterabteilungen der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft sein sollen. Deshalb wird auch durch die Anthroposophische Gesellschaft selbstverständlich mit dem Verein des Goetheanums Dörnach die Klinik als solche erworben und wird einen integrierenden Teil der allgemeinen anthroposophischen Bewegung in der Zukunft bilden.
Das sind die Dinge, die sich rein aus der Sache selber heraus ergeben. Ich möchte sagen, man kann gar nicht anders über die weitere Gestaltung der Dinge hier denken, wenn man die Sache auf eine gesunde Basis in der Zukunft stellen will. Alle anderen Maßnahmen ergeben sich als notwendige Konsequenzen.
Wir werden nachher über die weitere Zusammensetzung des Vorstandes des Vereins des Goetheanums zu verhandeln haben; wir werden über die geringfügige Änderung der Statuten, die notwendig ist, zu verhandeln haben. Alles das wird sich als die Konsequenzen der eben gemachten Voraussetzungen ergeben.
Es liegt noch das vor, dass selbstverständlich, wenn diese Neukonstituierung eintritt, der Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in der Zukunft im Vorstande des Vereins des Goetheanums drinnen sein wird: Vorsitzender der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft wird zugleich Vorsitzender des Vereins des Goetheanums sein, Schriftführer der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft wird zugleich der Schriftführer des Vereins des Goetheanums sein, und der Gesamtvorstand der Anthroposophischen Gesellschaft tritt in den Vorstand des Vereins des Goetheanums ein. Damit ist ungefähr skizziert dasjenige, was die Grundlage für die Gestaltung dieser außerordentlichen Generalversammlung bilden soll. Vielleicht hat Herr Emil Grosheintz seinerseits etwas zu sagen?
Emil Grosheintz: Ich habe nur noch beizufügen, dass der Vorstand des Vereins des Goetheanum heute Morgen eine Sitzung hatte, und dass in dieser Sitzung Herr Doktor Steiner gebeten worden ist, den Vorsitz des Vereins des Goethc- anum zu übernehmen, und der bisherige Vorstand seinen Rücktritt genommen hat. Dieser Vorstand, der bisherige Vorstand, tritt also zurück, und der neue Vorstand wird in der Weise konstituiert, dass die neuen Mitglieder des Vorstandes des Vereins des Goetheanum durch Kooption vorn Vorsitzenden aus gewählt werden.
Rudolf Steiner: Es ist also von Seiten des bisherigen Vorstandes der Rücktritt als solcher beschlossen worden, und es würde sich die Gestaltung des Vorstandes daraus ergeben, dasjenige, was gleich nachher statuarisch festgelegt wird - soll es vorher geschehen? [Vertreter der Behörde:] Nein -, dass der Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, wie ich es ausgesprochen habe, im Vorstand des Vereins des Goetheanums ist, und dass dann - Doktor Grosheintz wird mir zur Seite als zweiter Vorsitzender funktionieren - dass die übrigen Vorstandsmitglieder von diesem Vorstande ernannt werden. Und es wird wohl das Selbstverständliche sein, dass die bisherigen Vorstandsmitglieder des Vereins des Goetheanums hiermit wiederum in den neuen Vorstand aufgenommen werden. Ich glaube, Sie werden alle damit einverstanden sein, auf die es ankommt, dass die bisherigen Vorstandsmitglieder in den Vorstand als solchem neuerdings aufgenommen werden. Sollte sich dann die Notwendigkeit ergeben, den Vorstand nach einer anderen Richtung hin noch zu ergänzen, dann würde diese Ergänzung ja im Laufe der Zeit vorgenommen werden können.
Wir würden also dann den Vorstand bestehend haben aus dem Vorstande der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, der den Vorsitzenden und den Schriftführer ergibt, und dann die übrigen Vorstandsmitglieder dieser Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, ferner Herrn Doktor Grosheintz als zweiter Vorsitzender, [dazu] die Persönlichkeiten Herr Molt, Dr. Peipers, Graf Lerchcnfeld, Herr Geering, Dr. Unger, Frau Schieb, Frau Hirter, Frau Professor Bürgi. Das wären dann die Vorstandsmitglieder, die in der Zukunft da sein sollten.
Ich denke, diejenigen Persönlichkeiten, die ich vorgeschlagen habe, werden damit einverstanden sein. Ich bitte dann, ihre Meinungen [zu] eröffnen.
Wenn das nicht der Fall ist, so möchte ich die Diskussion eröffnen über dasjenige, was ich auscinandcrgcsetz.t habe. Aber ich möchte vorangehen lassen die Feststellung der neuen Satzungen, die ja nichts anderes an Veränderungen aufweisen als dasjenige, was eben durch die gemachten Vorschläge notwendig geworden ist. Vielleicht kann das so erfolgen, dass Herr Emil Grosheintz so gut ist, immer den ursprünglichen Paragrafen vorzulesen, und ich werde dann den geänderten vorlesen.
Also wir haben: «Verein des Goetheanum der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in Dörnach (Schweiz) eingetragen im Handelsregister des Kantons Solothurn.»
[1. Typoskript:]
Das würde geändert werden dahin, dass oben stehen würde: Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft, Unter-Abteilung Verein des Goetheanums der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in Dörnach (Schweiz).
[2. Handschriftliche Eintragung Rudolf Steiners:]
Durchgestrichen: Das -würde ... dahm, dass oben stehen würde ... Unter-Abteilung Verein des Goetheanums der Freien Hochschule für Geisteswissen-
Hinzugefügt: Dessen Name würde [geändert werden] in
[3. Rekonstruktion des veränderten Textes:]
Dessen Name würde geändert werden in «Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft in Dörnach [schäft in] (Schweiz).»
Das würde wegfallen: «eingetragen im Handelsregister des Kantons Solothurn», weil die Anthroposophische Gesellschaft [dann bereits] eingetragen ist. Dann würde kommen: «Satzungen vom 26. Juni 1924».
Emil Grosheintz: Jetzt § I: «Unter dem Namen «Verein des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft» besteht ein Verein im Sinne der Art. 60 ff. des Schweizerischen Zivilgesetzbuches; Sitz des Vereins ist Dörnach (Kanton Solothurn, Schweiz)».
[1. Typoskript:]
Rudolf Steiner: Der geänderte Paragraf würde lauten: «Unter dem Namen Verein des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft besteht als ein Glied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft ein Verein mit dem Sitz in Dörnach, Kanton Solothurn, Schweiz.»
[2. handschriftliche Eintragung Rudolf Steiners:]
Durchgestrichen: des Goetheanum, der Freren Hochschule füeGeis- teswissenschaft
Am Rande hinzugefügt: der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft besteht ein Verein im Sinne [mit Verweispfeil] [3. Rekonstruktion des handschriftlich geänderten Paragrafen:] «Unter dem Namen der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft besteht ein Verein im Sinne der Art. 60ff. des Schweizerischen Zivilgesetzbuches. Sitz des Vereins ist Dörnach (Kanton Solothurn, Schweiz).»
[4. Amtliches Protokoll:]
Unter dem Namen «Verein des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft» besteht als Glied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft ein Verein. Sitz des Vereins ist Dörnach (Kanton Solothurn, Schweiz).
Emil Grosheintz: [§ 2:]«Zweck des Vereins ist die Pflege künstlerischer und wissenschaftlicher Bestrebungen.»
Rudolf Steiner: Bleibt unverändert.
Emil Grosheintz: «§ 3: Die Organe des Vereins sind: a) die Vereinsversammlung (Mitgliederversammlung, Generalversammlung), b) der Vorstand, c) die Rechnungsrevisoren».
Rudolf Steiner: Wird geändert darinnen, dass es heißt: «Die Organe des Vereins sind: a) der Vorstand, der in sich den gesamten Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft schließt.»
[Amtliches Protokoll:]
b) der Vorstand, der in sich den gesamten Vorstand der anthroposophischen Gesellschaft einschließt.
Emil Grosheintz: «§4: Die Mitglieder des Vereins sind: a) ordentliche, b) außerordentliche c) beitragende»
Rudolf Steiner: Bleibt unverändert.
Emil Grosheintz: «§ 5: Die ordentliche Mitgliedschaft wird erworben durch Berufung seitens des Vorstandes. § 6: Das Gesuch um Aufnahme als außeror- deutliches oder beitragendes Mitglied ist schriftlich an einen der beiden Vorsitzenden zu richten. Die Aufnahme geschieht durch Beschluss des Vorstandes.»
Rudolf Steiner: Bleibt unverändert.
Emil Grosheintz: «§7: Der Austritt eines Mitgliedes hat durch eine schriftliche an einen der beiden Vorsitzenden gerichtete Austrittserklärung zu erfolgen. Die Austrittserklärung muss mindestens drei Monate vor Ablauf des Geschäftsjahres abgegeben werden. Durch Beschluss des Vorstandes kann ein Mitglied ohne Angabe von Gründen aus dem Verein ausgeschlossen werden.»
Rudolf Steiner: Bleibt unverändert.
[Amtliches Protokoll:]
Der Austritt kann nur auf den [Protokoll unvollständig]
Emil Grosheintz: § 8: «Die ordentlichen und außerordentlichen Mitglieder haben alljährlich zu Beginn des Geschäftsjahres einen Beitrag von mindestens 100 Schweizerfranken, die beitragenden Mitglieder einen solchen von mindestens 50 Schweizerfranken bzw. auf Antrag und nach Genehmigung durch den Vorstand, ebenso viele Einheiten der entsprechenden Landeswährung zu leisten.»
Rudolf Steiner: Bleibt unverändert.
Emil Grosheintz: «§ 9: Die Vcreinsversammlung ist das oberste Organ des Vereins. Die ordentliche Vereinsversammlung (die Generalversammlung) ist jedes Mal nach Abschluss des Geschäftsjahres in der folgenden ersten Jahreshälfte einzuberufen. Außerordentliche Vercinsvcrsammlungen können einberufen werden auf Beschluss des Vorstandes.
Die Einberufung der Generalversammlung geschieht durch eine schriftliche Einladung eines der beiden Vorsitzenden an die Mitglieder. In der Einladung ist die Tagesordnung für die Vereinsversammlung bekannt zu geben. Die Einladung ist mindestens fünf Tage vor dem für die Generalversammlung vorgesehenen Tage der Post zu übergeben.»
Rudolf Steiner: Bleibt unverändert.
Emil Grosheintz: «§ 10: Nur die ordentlichen und außerordentlichen Mitglieder sind zur Teilnahme an den Vcreinsversammlungen berechtigt. Die außerordentlichen Mitglieder haben an diesen Versammlungen beratende Stimme. Die Beschlüsse werden durch die ordentlichen Mitglieder gefasst. In der Vereins-
Versammlung führt einer der beiden Vorsitzenden den Vorsitz. Er hat bei Stimmengleichheit den Stichentscheid.»
Rudolj Steiner: Bleibt unverändert.
Emil Grosheintz: «§ 11: Anträge, welche auf die Tagesordnung der Vereinsversammlung gesetzt werden sollen, sind mindestens 14 Tage vor der Vcreinsvcr- sammlung einem der Vorsitzenden schriftlich mitzuteilen.»
Rudolf Steiner: Bleibt unverändert.
Emil Grosheintz: «§ 12: Der Vorstand wird von der Versammlung der ordentlichen Mitglieder aus der Zahl der ordentlichen Mitglieder auf die Dauer von sieben Jahren gewählt. Scheidet ein Mitglied des Vorstandes während seiner Amtsdauer aus, so haben die ordentlichen Mitglieder für den Rest der Amtsdauer des Ausgeschiedenen eine Ersatzwahl zu treffen.»
Rudolf Steiner: § 12 wird geändert in der Weise, dass ein Satz aufgenommen wird. Es wird heißen: «Der Vorstand, mit Ausnahme des Vorstandes der Anthroposophischen Gesellschaft - der ist eo ipso drinnen - also der Vorstand, mit Ausnahme des Vorstandes der Anthroposophischen Gesellschaft, wird von der Versammlung der ordentlichen Mitglieder auf die Dauer von sieben Jahren gewählt. Scheidet ein Mitglied des Vorstandes während seiner Amtsdauer aus, so haben die ordentlichen Mitglieder für den Rest der Amtsdauer des Ausgeschiedenen eine Ersatzwahl zu treffen.
Emil Grosheintz: «§ 13: Zur Prüfung der Rechnungs- und Kassaführung wählt die Vercinsvcrsammlung zwei Rcchnungsrcvisorcn, die nicht aus dem Kreise der ordentlichen Mitglieder genommen sein dürfen.»
Rudolf Steiner: Bleibt unverändert.
Emil Grosheintz: «§ 14: Der Vorstand wählt aus seiner Mitte die beiden Vorsitzenden, den Schriftführer und er stellt auch den Geschäftsführer an.»
Rudolf Steiner: Dieser § 14 wird so gestaltet: «Der Vorstand konstituiert das Büro in dem Sinne, dass der Vorsitzende und Schriftführer der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft zu gleicher Zeit
Vorsitzender und Schriftführer für den Verein des Goetheanums sind. Der zweite Vorsitzende wird von dem ersten Vorsitzenden gewählt.»
[Amtliches Protokoll:]
«Der Vorstand konstituiert das Büro in dem Sinne, dass der Vorsitzende und Schriftführer der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft zugleich für den Verein des Goetheanum als Vorsitzender und Schriftführer funktionieren. Der zweite Vorsitzende wird von dem ersten Vorsitzenden designiert.»
Emil Grosheintz: «§ 15: Die beiden Vorsitzenden sind jeder allein zur selbstständigen Vertretung des Vereins berechtigt.»
Rudolf Steiner: Bleibt unverändert.
Emil Grosheintz: «§ 16: Die Geschäftsführung des Vorstandes wird durch diesen selbst geregelt.»
Rudolf Steiner: Bleibt unverändert.
Emil Grosheintz: «§ 17; In der ordentlichen Vereinsversammlung hat der Vorstand über die abgelaufene Verwaltungsperiode Bericht zu erstatten und Rechnung abzulegen. Diesem Bericht und den Rechnungen ist der Befund der Rechnungsrevisoren beizulegen. Die Verwaltungsperiode des Vereins wird je auf ein Jahr festgesetzt; sie dauert vom 1. Januar bis zum 31. Dezember.»
Rudolf Steiner: Bleibt unverändert.
Emil Grosheintz: «§ 18: Für die Verbindlichkeiten des Vereins haftet das Vereinsvermögen. Eine persönliche Haftung der Mitglieder ist ausgeschlossen.»
Rudolf Steiner: Bleibt unverändert.
Emil Grosheintz: «§ 19: Der Verein ist im Sinne von Art. 61 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches in das Handelsregister einzutragen.»
Rudolf Steiner: Fällt weg.
[Amtliches Protokoll:]
«§ 19: Der Verein ist im Sinne von Art. 61 des Z. G. B. in das Handelsregister einzutragen.»
Emil Grosheintz: «§ 20: Im Falle der Auflösung des Vereins hat die Mitgliederversammlung über die Verwendung des Vereinsvermögens und die Art der Liquidation zu beschließen. Das Vereinsvermögen ist im Sinne des Vereinszweckes zu verwenden.»
Rudolf Steiner: Bleibt unverändert.
Das würden die veränderten Statuten sein. Ich möchte noch, damit nicht ein Irrtum entsteht in Bezug auf den Philosophisch-Anthropo- sophischen Verlag, bemerken, dass wenn ich sagte, er hat nie einen Zuschuss bekommen, der nicht aus der Sache selbst hervorgegangen wäre, so bedeutet das, dass er von außen überhaupt nie einen Zuschuss bekommen hat, sondern dass er nur, als dazumal begonnen wurde mit den beiden Büchern, einem kleinen Schiller-Werk und der Philosophie der Freiheit - damit ist ja wohl begonnen worden - lediglich getragen wurde von Frau Dr. Steiner selbst, und dass alles, was ökonomisch sich abgespielt hat, innerhalb des Verlages selbst sich abgespielt hat. Von außen hat also dieser Verlag niemals einen Zuschuss erhalten, ist also niemals von einem Kapital, das von außen gekommen wäre, getragen worden.
Nun möchte ich die Diskussion eröffnen über dasjenige, was Ihnen hier vorgelegt worden ist.
Selbstverständlich ist es auch möglich, dass an der Diskussion sich beteiligen die außerhalb der ordentlichen Mitgliedschaft des Vereins des Goetheanums stehenden Freunde. Wünscht jemand das Wort?
Dr. Unger glaubt, dass man außerordentlich dankbar sein könne dafür, dass in dieser Weise von allen Gesichtspunkten aus wünschenswert und erfreulich die Regelung der Angelegenheit von dem Vorstand des Vereins des Goetheanums und auch von dem neuen Vorstand unternommen worden ist, und möchte empfehlen, die veränderten Statuten und was damit zusammenhängt en bloc anzunehmen.
Rudolf Steiner: Es ist der Antrag gestellt, die veränderten Statuten und alles, was damit zusammenhängt, en bloc anzunehmen. Wünscht jemand das Wort?
Da das nicht der Fall ist, kommen wir zur Abstimmung, und ich bitte diejenigen stimmberechtigten Mitglieder des Vereins des Goetheanums, welche für diesen Antrag sind, die Hand zu erheben.
Er ist einstimmig angenommen.
Es würde sich dann nur darum handeln, dass die Ausführung der ganzen Angelegenheit, von der ich ja glaube, dass sie klar daliegt, dem künftigen Vorstande des Vereins des Goetheanums überlassen werde. Ist dazu etwas zu sagen?
Dann bitte ich auch diejenigen Mitglieder, die stimmberechtigt sind und die dafür sind, dass dem künftigen Vorstande die Ausführung des Beschlossenen überlassen werde, die Hand zu erheben.
Damit ist auch dieses angenommen.
Bitte, hat sonst über irgendeinen Gegenstand irgendjemand irgendetwas zu sagen?
In diesem Falle sind wir am Ende unserer außerordentlichen Generalversammlung angekommen. Ich danke dem Vertreter der Behörde, dass er an unserer Versammlung hat teilnehmen wollen.
Haben Sie selbst [d. h. der Vertreter der Behörde] noch irgendetwas zu sagen zur Wahl des Vorstandes?
Vertreter der Behörde: Nein.
Dann wären wir am Ende der Verhandlung angekommen, und ich erkläre die dritte außerordentliche Generalversammlung für geschlossen.
Für die Richtigkeit des Protokolls
Der 1. Vorsitzende: Der 2. Vorsitzende:
NOTIZ RUDOLF STEINERS
AUF DER RÜCKSEITE DES TYPOSKRIPTES MIT DER
NACHSCHRIFT DER VERSAMMLUNGEN VOM 29. JUNI 1924
undatiert (nach dem 29. Juni 1924)
6 Vorstandsmitglieder
Helene Röchling
Dr. Grosheintz
Geering-Christ
Miss Lewis
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Rudolf Steiner: Skizze der Grundsteinurkunde (1913).vo
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Carl Schmid-Curtius: Kopie der Grundsteinurkunde (1927).
~Lu dieser Ausgabe
Entstehung -
Textgrundlagen - Editionsgeschichte
Rudolf Steiner verstand die von ihm entwickelte und am Beginn des 20. Jahrhunderts zunächst innerhalb der Theosophischen Gesellschaft vertretene Geisteswissenschaft stets von dem Ziel her, die menschlichen Lebensverhältnisse und Lebensbedingungen nachhaltig zu verbessern. Aus diesem Selbstverständnis gingen nicht nur die reichen Anregungen für Pädagogik, Medizin und Landwirtschaft hervor, die Steiner bis 1924 entfalten konnte, sondern auch eine künstlerische Praxis, die sich sowohl in Werken der Literatur, der Dramaturgie als auch der Architektur, Skulptur und Malerei artikuliert hat - nicht zu vergessen die von Steiner ab 1912 entwickelte, sowohl künstlerisch als auch therapeutisch einsetzbare Eurythmie. Als Steiner ab 1907 begann, dramaturgische Aufführungen zu veranstalten, entstand insbesondere mit den ab 1910 von Steiner selbst verfassten «Mysteriendramen» die Notwendigkeit, sich über solche Aufführungsorte Gedanken zu machen, die der spirituellen Substanz dieser Werke entsprächen. Obwohl es sich bei den damaligen Aufführungsstätten wie etwa dem Theater am Gärtnerplatz in München durchaus um renommierte Gebäude handelte, musste nicht nur dem Autor der Dramen selbst, sondern auch den anderen damals beteiligten Menschen der offenkundige Widerspruch zum Erneucrungsvcrständnis der Anthroposophie immer wieder bewusst geworden sein.
Im Zusammenhang mit der erfolgreichen Inszenierung von Edouard Schures Drama Die Kinder des Luzifer unter der Leitung Rudolf Steiners konkretisierte sich 1909 die Initiative einiger Münchner Mitglieder, ein eigenes Gebäude für die anthroposophische Arbeit und die Aufführung anthroposophisch inspirierter Dramaturgie zu errichten. Im folgenden Jahr wurde dann anlässlich der Münchner Festspiele und der Premiere des Mysteriendramas Die Pforte der Einweihung von Marie von Sivers und Sophie Stinde zur finanziellen Sicherung der künstlerischen Arbeit der «theosophisch-künstlerische Fonds» gegründet. 1911 war die Initiative zu einem eigenen Gebäude dann so weit gereift, dass im März ein entsprechender Vertrag mit dem Stuttgarter Architekten Carl Schmid- Curtius abgeschlossen und kurz darauf der «Johannes-Bauverein» gegründet wurde. Steiner selber legte damals als Generalsekretär der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft großen Wert darauf, diesen Bau nicht als offizielles Projekt der Theosophischen Gesellschaft, sondern als private Initiative einzelner Mitglieder zu betrachten, und sah sich in diesem Zusammenhang lediglich als Berater des Bauvereins.
München war dabei nicht der einzige Ort, an dem sich um 1909 konkrete Ideen zu einem genuin theosophischen Bau manifestiert hatten. Angeregt durch die Innenausstattung des Theosophischen Kongresses, den Rudolf Steiner als Generalsekretär der Deutschen Sektion 1907 in München organisiert und gestaltet hatte, wurde ab April 1909 in Malsch bei Karlsruhe das begehbare Modell eines Innenraumes für esoterische Versammlungen realisiert. Anfang 1910 entstand eine Stiftung für den Bau eines neuen Logenhauses in Stuttgart, und im September wurden die ebenfalls von Schinid-Curtius gezeichneten Pläne des Gebäudes eingereicht, das in der Gestaltung des Untergeschosses an das Malscher Modell anschloss und am 15. Oktober 1911 feierlich eingeweiht werden konnte.
Kurz darauf erschien eine erste Broschüre zur Orientierung über das Münchner Projekt mit dem Titel «A n d ie M itglieder der Theosophischen Gesellschaft, den Johannesbau betreffend» (S. 17). Darin wird deutlich gemacht, dass es sich bei dem geplanten Gebäudekomplex nicht bloß um einen geeigneten Aufführungsort für künstlerische Darbietungen, sondern um eine «Hochschule für Geisteswissenschaft» mit dem Ziel der Einheit von Kunst, Wissenschaft und Religion handeln soll, ein integrativer Campus mit Wohnungen, Laboratorien, Hörsälen, einem Therapeutikum und einer Bühne, die auch für wissenschaftliche Demonstrationen verwendet werden kann. Gegen Jahresende spricht Steiner zudem von der «Stiftung» einer «Gesellschaft für theosophische Art und Kunst», in der eine Gruppe von Steiner ernannter Persönlichkeiten aus eigener Initiative heraus agieren sollte, die dann aber nicht realisiert werden konnte. Wie bei allen anderen Gruppierungen verstand sich Steiner damals weder als Projektleiter noch als Vereinspräsident, sondern als spiritueller Anreger und Berater der verschiedenen Initiativen.
Aus dieser Position heraus hielt er im Dezember 1911 und im Februar 1912 bei den ersten beiden Generalversammlungen desJohannesbau-Vereins die beiden Vorträge über den «Ursprung der Architektur aus dem Seelischen des Menschen und ihr Zusammenhang mit dem Gang der Menschheitsentwicklung» (S. 26), der den Fortgang des Münchner Projektes begleiten sollte. Doch die geplante Grundsteinlegung am 27. Februar 1912, Steiners cinundfünfzigstem Geburtstag, musste aufgrund von Einwänden des Baurechtsamtes verschoben werden, und weitere Einsprüche der zuständigen Baukommission führten zu immer neuen Verhandlungen und weiteren Verzögerungen.
Als Steiner dann im Herbst 1912, inmitten der schweren Belastung durch die Konflikte mit der Theosophischen Gesellschaft, ein geeignetes Grundstück auf dem Dornacher Hügel angeboten wurde, dauerte es gleichwohl noch mehr als ein halbes Jahr, bis man sich entschloss, das Projekt von München in die Schweiz zu verlegen. Diese Entscheidung wird dokumentiert durch Rudolf Steiners im Mai 1913 in Stuttgart gehaltene A nsprache und d ie darauf basierende Broschüre an die Mitglieder der inzwischen gegründeten Anthroposophischen Gesellschaft (S. 62). Parallel dazu gab es offenbar ein Angebot des begüterten Freiherrn Alexander von Bernus, mit dem Projekt auf ein Grundstück in der Nähe von Heidelberg umzuziehen, auf das Steiner in einem Brief vom September 1913 (S. 70) ablehnend antwortete.
Zu diesem Zeitpunkt hatte sich bereits der «Johannesbau-Verein Dörnach» gebildet, der nach Beschluss einer außerordentlichen Generalversammlung des Münchner Vereins vom 5. September 1913 mit diesem fusioniert werden sollte.
Am 20. September fand dann die feierliche Grundsteinlegung des Baus auf dem Dornacher Hügel statt (S. 72), gefolgt von der 3. Generalversammlung des Münchner Johannesbau-Vereins am 22. September, die zugleich die erste Generalversammlung des Johannesbau-Vereins Dörnach war (S. 83).
Mit der Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft Anfang 1913 und der Verlegung des Johanncsbaus nach Dörnach erhielt das Projekt einen neuen Status. Die Initiative einiger Münchner Mitglieder der Deutschen Sektion, der Steiner zunächst nur beratend zur Seite stand, wurde zum Zentralbau einer sich nun explizit und primär an Rudolf Steiner orientierenden Gemeinschaft, was zur Folge hatte, dass sich allmählich um den Bau herum eine anthroposophische Kolonie zu bilden begann. Dies führte zur Notwendigkeit der Bildung einer entsprechenden Körperschaft, die in der Lage war, die hiermit verbundenen Aufgaben und rechtlichen Verhältnisse regeln zu können. Vor allem aber kam es darauf an, Orientierungshilfen für die architektonischen Projekte innerhalb der Kolonie zu liefern, die nicht mehr wie in München an ein ausführendes Baubüro gebunden waren, zumal der Johannesbau erst noch im Entstehen war. Diese Situation ist dokumentiert in Rudolf Steiners Vortrag vom Januar 1914 in Berlin während der Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft (S. 94) und in seinen Korrekturen zu den Statuten dieses Vereins (S. 165). In diesem und in den folgenden Jahren war Steiner stets bemüht, an den verschiedensten Orten vom Dornacher Projekt zu berichten, Missverständnisse auszuräumen und um Unterstützung zu werben (vgl. dazu die Vorträge in GA 288 und 289); so auch in der kurzen Ansprache vor seinem Vortrag vom 14. April in Wien (S. 105).
Entgegen Steiners Hoffnung, den Bau bis zum Ende des Jahres 1914 fertigstellen zu können, brachte das Hereinbrechen des Ersten Weltkrieges ab Sommer 1914 (S. 108) eine erneute Verzögerung in den Baubetrieb. An den folgenden Jahrestagen der Grundsteinlegung erinnerte Steiner daher bis 1918 immer wieder neu an die ursprünglichen Intentionen, die mit dem Projekt verbunden waren, und stellte sie in den Kontext der tragischen Zeitereignisse. Bei allen noch folgenden Generalversammlungen des Bauvereins bis zur zehnten im Juni 1923 war Steiner stets anwesend, beteiligte sich an der Diskussion, hielt Ansprachen und gab ausführliche Darstellungen zum Stand der Arbeiten. Als im Jahre 1918 der Name des Projektes offiziell von «Johannesbau» in «Goetheanum» geändert wurde, führte dies auch zur notwendigen Umbenennung des Johannesbau-Vereins, der von da an «Verein des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft» hieß, zugleich ein expliziter Hinweis auf die ursprüngliche Intention, das architektonische Projekt als Manifestation einer Hochschule für Geisteswissenschaft zu betrachten.
Ein Höhepunkt in der Geschichte des Bauvereins war die Eröffnung des Goetheanums im September 1920 (S. 227), wo von nun an anthroposophische
* Zur Schreibweise «des Goetheanum»/«des Goetheanums»; Obwohl die Genitivform z.B. in dem Gcscllschaftsnamcn «Verein des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft» ohne s geschrieben wurde, hat Rudolf Steiner selber in Schriften und Vorträgen beide Formen benutzt, zuweilen sogar kurz aufeinander folgend. Im Einklang mit der heute Veranstaltungen, Vorträge, Kurse und künstlerische Aufführungen in einer eigenen Räumlichkeit stattfinden konnten. Da die Arbeit an der plastischen Gruppe für die Ostseite der kleineren Rotunde zu dieser Zeit noch nicht vollendet war, bezeichnete Steiner die Eröffnung stets als provisorisch. Doch noch bevor die plastische Gruppe fertig- und im Goetheanum aufgestcllt werden konnte, fiel das Goetheanum in der Neujahrsnacht 1922/23 einer offenbar sorgfältig geplanten Brandstiftung zum Opfer. Doch statt sich daraufhin allein der Suche nach den mutmaßlichen Brandstiftern zu widmen, wies Steiner die Mitglieder der damaligen Anthroposophischen Gesellschaft eindringlich auf ihre Mitverantwortung für diese Katastrophe hin. So betonte Steiner anlässlich der Delcgicrtenvcrsammlung für den Wiederaufbau des Goetheanums im Juli 1923 nicht ohne Grund die «moralische Stützung des Baus» (S. 284), dessen Finanzierung nun nicht mehr durch die gutwilligen Spenden der Mitglieder, sondern maßgeblich durch die im Juni ausbezahlte Versicherungssumme ermöglicht wurde.
Als Rudolf Steiner sich gegen Ende des Jahres 1923 entschloss, die Initiative verschiedener Landesgesellschaften zur Bildung einer neuen, international orientierten Gesellschaft aufzugreifen, indem er deren persönliche Führung, Gestaltung und Verantwortung übernahm, musste im Anschluss daran auch das Verhältnis des «Vereins des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft» zu der neu gegründeten Anthroposophischen Gesellschaft neu bestimmt werden. Auf der Tagung zur Neubegründung der Anthroposophischen Gesellschaft stellte er außerdem wichtige Motive für den Neubau des Goetheanums vor, für den er im März 1924 ein plastisches Modell ausarbeitete. Nachdem das Projekt eines Neubaus durch die Gemeinde Dörnach im April bewilligt und das Baugesuch beim Solothurner Baudepartement erfolgreich eingereicht worden war, wurde die neue Form der Organisation am 29. Juni 1924 bei der Vorstandssitzung des Vereins, der anschließenden 11. ordentlichen Generalversammlung und der 3. außerordentlichen Generalversammlung des «Vereins des Goetheanum» maßgeblich durch Rudolf Steiner festgelegt (S. 297). Die Veränderungen beinhalteten vor allem, dass der Vorstand der neu gegründeten Anthroposophischen Gesellschaft in den Vorstand des Goethe- anum-Vereins eint ritt und Rudolf Steiner als Vorsitzenderder neu gegründeten Anthroposophischen Gesellschaft nun auch - zusammen mit dem bisherigen Vorsitzenden Emil Grosheintz - mit dem Vorsitz des Goetheanum-Vercins beauftragt werde. In diesem Konzept fungiert der «Verein des Goetheanum» neben dem «Philosophisch-Anthroposophischen Verlag» und dem Klinischtherapeutischen Institut als eine von mehreren Unterabteilungen der Anthroposophischen Gesellschaft.
In Rudolf Steiners Entwurf für die Statuten der Anthroposophischen Gesellschaft vorn 3. August 1924 wird diese Umstrukturierung bekräftigt. Auch die
gebräuchlichen Genitivform "des Museums» und gebräuchlichen Formen ähnlicher Termini (wie »des Fridericianums- oder »des Bernoullianums») wird daher hier das Genitiv-s auch für das Goetheanum verwendet.
für die Unterabteilung «Verein des Goetheanum» getroffene Unterscheidung zwischen ordentlichen und außerordentlichen Mitgliedern findet Eingang in den Entwurf vom 3. August (vgl. § 4). In gleicher Weise verhält es sich hinsichtlich der Berufung der ordentlichen, d. h. stimmberechtigten Mitglieder, die, so § 5, durch den Vorstand erfolgt.
«Dass es am 3. August 1924 zu keinerlei Beschlussfassung und auch nicht zur beabsichtigten Eintragung in das Handelsregister gekommen war, hängt möglicherweise damit zusammen, dass sich inzwischen herausgestclh hat, dass das Vorhaben, den <Verein des Goetheanum> - der ja noch der rechtmäßige Vermögensträger war - als Unterabteilung der noch einzutragenden Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft zu führen, nicht realisierbar war, da eine Ubertragu ng der hohen Vermögenswerte dieses Vereins auf den Verein Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft mit hohen Handänderungskosten verbunden gewesen wäre.» (So Hella Wiesberger in GA 260a, S. 20.)
Mit diesen letzten Dokumenten aus dem Jahre 1924 endet nicht die Beziehung Rudolf Steiners zum Goethcanum-Verein, sondern nur das, was sich an sicher datierbaren Dokumenten aus Rudolf Steiners Hand oder an Mitschriftenseiner Äußerungen dazu beitragen lässt. Der Beginn seines Krankenlagers im September 1924 markiert eine Zäsur in seinem Wirken, ab derer nicht mehr persönlich an Sitzungen teilnehmen und gegebenenfalls in deren Verlauf und Entscheidungsbildung eingreifen konnte. Eine Notiz Rudolf Steiners auf der Rückseite des Typoskriptes mit der Nachschrift der Versammlungen vom 29. Juni mit den Namen von Vorstandsmitgliedern (S. 315) ist nicht klar datierbar, und der Brief, der am 10. November mit dem Briefkopf des Goctheanum-Vcreins an die Solothurner Regierung gesendet wurde, um die Erfüllung der Auflagen für den Neubau des Goetheanums anzukündigen, wurde von Rudolf Steiner nicht als Vorsitzendem des Goetheanum-Vereins unterschrieben, sondern von ihm und ka Wegman als dem Vorsitzenden und der Schriftführerin der Anthroposophischen Gesellschaft (vgl. G A 260a, Beilage S. 41 f.).
Rudolf Steiners krankheitsbedingter Rückzug betrifft insbesondere die Generalversammlung vom 8. Februar 1925 im Vorfeld der offiziellen Eintragung der Gesellschaft in das Handelsregister, die in den späteren Diskussionen und Kontroversen um die Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft immer wieder eine besondere Rolle gespielt hat, auf die hier aber aus dem genannten Grund nicht mehr einzugehen ist. Die neben den Dokumenten und Erläuterungen von GA 260a in diesem Band versammelten Dokumente können allerdings dazu dienen, diesbezügliche Fragen und Probleme historisch möglichst angemessen und sachlich differenziert zu behandeln, insbesondere in Bezug auf Steiners Auffassung über den Status von Statuten, wenn es sich um einen genuin anthroposophischen Verein handelte (vgl. dazu S. 188).
Hinweise zum Text
AN DIE MITGLIEDER DER THEOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
(DEUTSCHE SEKTION) UND DEREN FREUNDE, DEN JOHANNESBAU
IN MÜNCHEN BETREFFEND
Broschüre, Ende Oktober 1911
Kontext: Kurz vor der Publikation dieser Broschüre fand am Sonntag, dem 15. Oktober 1911 die Einweihung des Stuttgarter «Logenhauses» in der Landhausstraße 70 statt, für das der «Bauverein des Verbandes der Stuttgarter Zweige der Theosophischen Gesellschaft (Adyar) e.V.» verantwortlich war. Dieser Verein war durch den Kartonagenfabrikanten Jose del Monte ins Leben gerufen worden, der auch dessen Vorsitz innehatte. Die Veranstaltung mit Rudolf Steiners Ansprache ist dokumentiert in den Mitteilungen für die Mitglieder der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft XII, November 1911, S. 5-11 (Reprint Dörnach 1999, S. 173-179). Der Text wurde zusammen mit den Ansprachen von Carl Schmid-Curtius und Jose del Monte, dem Vortrag «Die okkulten Gesichtspunkte des Stuttgarter Baues» sowie Hinweisen zur Geschichte dieses Bauver- eins abgedruckt in Okkulte Siegel und Säulen (GA 284), S. 139-162.
Textgrundlage: Die Autorschaft dieses Textes, der «im Auftrage des Verwaltungsrates des Johannesbau-Vereins» geschrieben wurde, ist nicht gesichert. Ein handschriftliches Manuskript ist nicht erhalten. Die Art, wie Rudolf Steiner erwähnt und zitiert wird, schließt zunächst einmal aus, dass es sich um ein Dokument aus seiner Feder handelt. Aber wenn es von Marie von Sivers formuliert wurde, was die naheliegendste Möglichkeit ist, darf man vermuten, dass sie es kaum ohne Absprache mit Rudolf Steiner verfasst haben dürfte. Skizzen, Entwürfe oder Manuskripte, die einen Schluss auf die Urheberschaft erlauben würden, haben sich nicht erhalten. Vgl. dazu C. Lindenberg, Rudolf Steiner, Eine Biografie, Band 1 (1861-1914), Stuttgart 1997, S. 534: ««Der Gedanke einer Hochschule für Geisteswissenschaft ist die notwendige Konsequenz, die aus der Auslieferung des spirituellen Wissens, dessen unsere Zeit gewürdigt worden ist, gezogen werden muss.» Hier hört man im Hintergrund Rudolf Steiner, der auch in der folgenden Zeit immer wieder die Devise ausgab, cs werde kein Tempel, kein Theater, sondern eine Hochschule für Geisteswissenschaft errichtet.»
zu Seite:
17 Aus der Stuttgarter Rede: Von Rudolf Steiners Ansprache zur Grundsteinlegung des Stuttgarter Logenhauses am 3. Januar 1911 ist nur die in der Broschüre gedruckte Passage dokumentiert.
18 in den Mysterienspielen: Gemeint sind die Mysteriendramen Rudolf Steiners, die von 1910 bis 1913 in München uraufgeführt wurden, vgl. Vier Mysteriendramen (GA 14), 5. Aufl. Dörnach 1998.
auf den gemieteten Bühnen: Die Uraufführung von Die Pforte der Einweihung fand 1910 im Münchner Schauspielhaus statt. Die Prüfung der Seele 1911 sowie Der Hüter der Schwelle 1912 im Theater am Gärtncrplatz, Der Seelen Erwachen im August 1913 im Münchner Volkstheater.
«non licet«: Anspielung auf das antike, dem Komödiendichtcr Terenz zugeschriebene Sprichwort quod licet lovi non licet bovi, wörtlich: Was Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen nicht erlaubt.
18 dem Goethespruch zufolge Gott offenbart: gemeint ist wohl die Passage aus der Italienischen Reise vom 6. September 1787: -Diese hohen Kunstwerke sind zugleich als die höchsten Naturwerke von Menschen nach wahren und natürlichen Gesetzen hervorgebracht worden. Alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen, da ist die Notwendigkeit, da ist Gott»,
19 im Januar dieses Jahres: Siehe den 1 linweis zu Seite 17.
20 der • theosophisch-künstlerische Fonds»: Der «theosophisch-künstlerische Fonds» wurde 1910 zur Finanzierung der Münchner Sommcrfcstspiele gegründet und ausschließlich von Marie von Sivers und Sophie Stinde verwaltet. Die gesammelten Gelder wurden innerhalb der Logen der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft gezeichnet, wobei schon damals erhebliche Beiträge aus den Schweizer Logen (Basel, Bern, Lausanne, Lugano, St. Gallen, Zürich) kamen. Eine Dokumentation der Finanzen der Jahre 1910-14 hat sich erhalten. Mit der Gründung des Johannesbau-Vereins setzte sich der Theosophisch-künstlerische Fonds auch für die Finanzierung dieses Projektes ein, da es eine geeignete Aufführungsstätte für die Mysteriendramen betraf. Mit der Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft und der Trennung von der Theosophischen Gesellschaft war die Sammlung von Spenden so erfolgreich, dass schließlich fast 1,5 Mio. Fr. für den Johannesbau zur Verfügung standen.
21 ein geeignetes Grundstück: Es handelt sich um ein Grundstück an der Münchner Freiheit zwischen Ungcrcr-, Fuchs- und Gcrmaniastraßc.
von einem Mitgliede beglichen: Es handelt sich um Mieta Waller (1883-1954), die Steiner 1907 in München kennengelernt hat und bald neben Marie von Sivers zu einer engen Vertrauten und Mitarbeiterin wurde. 1908 erhielt sie durch Erbschaft ein Vermögen, mit dem sie die anthroposophische Bewegung und insbesondere die künstlerischen Aktivitäten maßgeblich unterstützen konnte. In den Mysteriendramen spielte sie von 1910 bis 1913 die Figur des Malers Johannes Thomasius. In seinem Testament vom März 1915 setzte Rudolf Steiner Mieta Waller als Alleinerbin im Falle eines gemeinsamen Todes der Eheleute Steiner ein.
22 -des Geistes, dem wir dienen»: Zitat aus der Einweihungsrede Rudolf Steiners im Stuttgarter Zweighaus vom 15. Oktober 1911 (GA 284, S. 145).
«in welchen sich das Weltenkarma offenbart-: Zitat aus dem Mysteriendrama Die Pforte der Einweihung, Erstes Bild: «Sic sind von Geistern mir vertraut, / die kundig sind der Zeichen, ! in welchen sich das Wcltcnkarma offenbart.» (GA 14. S. 163).
Es ist an der Zeil: Kann als Anspielung auf Goethes Märchen gelesen werden, wo es heißt: «Wie dem auch sei», sagte die Schlange, indem sie das abgesprochene Gespräch fortsetzte, «der Tempel ist erbauet.» / «Er steht aber noch im Flusse», versetzte die Schöne. / «Noch ruht er in den Tiefen der Erde», sagte die Schlange; «ich habe die Könige gesehen und gesprochen.» / «Aber wann werden sie aufstehn?», fragte Lilie. / Die Schlange versetzte: «Ich hörte die großen Worte im Tempel ertönen: <Es ist an der Zeit.»» Steiners 1910 urauf geführtes Mysteriendrama Die Pforte der Einweihung ist eine Metamorphose des Goethe’schen Märchens.
23 Der theosophisch-künstlerische Fonds: Siche den Hinweis zu Seite 20.
DER URSPRUNG DER ARCHITEKTUR AUS DEM SEELISCHEN
DES MENSCHEN UND IHR ZUSAMMENHANG MIT DEM GANG DER
MENSCHHEITSENTWICKLUNG (I)
Berlin, 12. Dezember 1911
Kontext: Der Johannesbauverein wurde am 2. April 1911 in München gegründet und am 9. Mai ins Vercinsregister eingetragen. Der Verein hatte laut Satzung eine auf sieben Personen beschränkte Anzahl an ordentlichen Mitgliedern, die Stimmrecht besaßen, während die außerordentlichen Mitglieder zwar an den Generalversammlungen teilnehmen und beraten durften, aber keine Stimmberechtigung hatten. Den sogenannten [lediglich] beitragenden Mitgliedern war auch der Besuch der Mitgliederversammlungen untersagt, sodass sie auch nicht mitberaten konnten. Von den sieben Personen sind namentlich bekannt: Sophie Stindc (I. Vorsitzende), Hermann Linde (2. Vorsitzender), Dr. mcd. Felix Peipers (Schriftführer), Pauline Gräfin von Kalckreuth (Schriftführerin) sowie Otto Graf Lerchenfeld (Kassenwart). Zu dem Kreis der Initiativträger gehörten ferner der Architekt Carl Schmid-Curtius, Carl Unger sowie Baronin Eminy von Gumppcnberg; weder Rudolf Steiner noch Marie von Sivers waren jemals Mitglieder des Johannesbau-Vereins.
Datum und Ort der 1. Generalversammlung des Johannesbau-Vereins ergeben sich aus dem Datum der Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft, die zwei Tage vorher, am Sonntag, dem 10. Dezember 1911, in Berlin stattfand. Am darauffolgenden Dienstag fand außerdem der erste der vier Vorträge über Pneumato- sophie statt, die sich wie die Vorträge über Anthroposophie von 1909 und Psychosophie von 1910 stets an die Generalversammlungen der Deutschen Sektion anschlossen; vgl. Anthroposophie, Psychosophie, Pncumatosophie (GA 115), 4. Aufl. Dörnach 2001.
Textgrundlage ist das von Marie Steiner 1945 für den Druck benutzte und überarbeitete Typoskript; ihre Änderungen, was vor allem Wortumstellungen betrifft, wurden in angemessenem Umfang zu rückgenommen, um dem ursprünglichen gesprochenen Wortlaut des Vortrages näher zu kommen. Dazu gehört auch die Änderung von -Theosophie» in «Geisteswissenschaft» oder «Anthroposophie».
Frühere Veröffentlichungen: Der Vortrag vom 12. Dezember 1911 erschien erstmals von Marie Steiner hcrausgegeben im Jahre 1945 unter dem Titel Und der Bau wird Mensch. Die Ziele des Johannes-Bauvereins. Im Jahre 1982 wurde er zusammen mit dem Vortrag vom 5. Februar 1912 in die erweiterte Neuauflage des erstmals 1926 von Marie Steiner publizierten Bandes Wege zu einem neuen Baustil (GA 282) cingefügt.
zu Seite:
26 gerade heute Morgen: Bezieht sich auf den Vortrag von Ernst Wagner über «Die Kunstwerke als Dokumente der Menschheitsentwicklung» während der Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft.
27 in einer gewissen Weise ist es Maya: maya, Sanskrit für «Illusion, Zauberei», ist zunächst der Name einer Göttin, die als Schöpferin des Universums zugleich Göttin der Illusion ist, als welche die materielle Form des Universums im Hinduismus verstanden wird. Insofern wird der Begriff auch in seiner abstrakten Form als Synonym für «Illusion» gebraucht.
28 Und sie haben ja heute Morgen schon gehört: Siehe den Hinweis zu Seite 26.
29 die Kunst des •Rätsels»: Hegel, Vorlesungen über Ästhetik, Berlin 1835, 2. Teil.
1. Abschnitt, 1. Kap. «Die unbewusste Symbolik». Dort heißt cs; «Die Werke der ägyptischen Kunst in ihrer geheimnisvollen Symbolik sind deshalb Rätsel; das objektive Rätsel selbst.» In dem von Rudolf Steiner benutzten Exemplar seiner Bibliothek (RSB P 0478) ist diese Stelle angestrichen (S. 464).
30 Ich habe einmal den Ausdruck gebraucht: Im Vortrag vom 11. Juni 1908 in Berlin, in: Das Hereinwirken geistiger Wesenheiten in den Menschen (GA 102), 4. Aufl. Dörnach 2001, S. 214-230; ferner im Vortrag vom 4. August 1908 in Stuttgart, in: Welt, Erde und Mensch (GA 105), 5. Aufl. Dörnach 1983, S. 17-32.
31 das Wort »Dom» zu prägen: Die übliche Erklärung des Wortes ist die Ableitung von lat. domus, das [Gottes-]FIaus.
35 Herodot von Halikarnassos (490/480-430/420 v. Chr.) gilt seit Cicero als «der Vater der Geschichtsschreibung». Die von Steiner angesprochenen Passagen finden sich im zweiten Buch seiner Historien (2.106.1).
36 Anthroposophie, Psychosophie, Pneumatosophiei Anspielung auf die gleichnamigen Vortragszyklen, die sich an die jährlichen Generalversammlungen der Deutschen Sektion von 1909 bis 1911 angeschlossen haben, vgl. Anthroposophie, Psychosophie, Pneumatosophie (GA 115), 4. Aufl. Dörnach 2001.
37 bet der Eröffnung unseres Stuttgarter Baues: Siche den Hinweis zu Seite 17.
39 der Architekt Ferstel ... bei seiner Rektoratsrede: Heinrich Freiherr von Ferstel (1828-1883), österreichischer Architekt, wurde 1855 mit dem Gewinn des Wettbewerbes für den Entwurf der Wiener Votivkirchc, dem ersten Bauprojekt der Wiener Ringstraße, schlagartig bekannt. Außer dem zwischen 1856 und 1879 erbauten neugotischen Kirchenbau schuf er das 1883 errichtete Hauptgebäude der Wiener Universität und erlangte besonderen Einfluss durch seine Professorcnstclle an der Wiener Technischen Hochschule, wo er 1880 als neu antretender Rektor seine Rede gehalten hat. Während seiner Zeit als Hauslehrer bei der Familie Specht wohnte Steiner in der Kolingasse nur wenige hundert Meter von der Votivkirchc entfernt. In der später publizierten Rede Ferstels heißt es: «Der größte Irrtum unseres Jahrhunderts bestand in dem Glauben, dass der Kunstausdruck eines Volkes, der doch nur ein Resultat aller äußeren Umstände und Einflüsse sein kann, durch persönlichen Willen, durch angestrengtes Bemühen Einzelner oder gar durch behördliche Vorschriften ungestaltet und festgestellt werden könne. Unter der erdrückenden Last von Verirrungen, welchen die Architektur auf diesem Wege verfallen war, gelangte endlich die Überzeugung zum Durchbruche, dass Baustile überhaupt nicht erfunden werden können [...], demzufolge auch die Kunst nur auf dem natürlichen Prozesse alles Werdens und Entstehens ihre Entwicklung finden könne. [...] Architekten sind nur die Priester jener Himmelstochter, welche mit unvergänglicher Schrift ihre Ideen in Stein verkörpert.» Aus: Reden bei der feierlichen Inauguration des für das Studienjahr 1880/81 gewählten Rektors der k.k. Technischen Hochschule in Wien, Heinrich Freiherr von Ferstel, o. ö. Professor der Baukunst, Wien o. J., S. 39.
41 hegende von den sieben weisen Meistern: Rudolf Steiner bezieht sich auf die Ausgabe von Richard Benz, Die sieben weisen Meister, herausgegeben nach der Heidelberger Handschrift cod. pal. germ. 149, mit Berücksichtigung der Drucke des 15. Jahrhunderts und des cod. pal. germ. 106 (Die deutschen Volksbücher), Jena 1911.
43 bei den sieben Töchtern des midianitischen Priesters Jethro: Siehe Exodus 2,16 ff.
43 hei den sieben freien Künsten: vgl. dazu den Vortrag vom 9. März. 1911 in Berlin, in: Antworten der Geisteswissenschaft auf die großen /-'ragen des Daseins (GA 60), 2. Aull. Dörnach 1983, S. 410-440.
DER URSPRUNG DER ARCHITEKTUR AUS DEM SEELISCHEN DES
MENSCHEN UND IHR ZUSAMMENHANG MIT DEM GANG DER
MENSCHHEITSENTWICKI.UNG (II)
Berlin, 5. Februar 1913
Kontext: Die zweite Generalversammlung des Johannesbau-Vereins tagte — laut Ankündigung in den «Mitteilungen für die Mitglieder der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft», Nr. XV, S. 1 - am 5. Februar 1913 in Berlin im Saal A des Architektenhauses Wilhelmstraße 92/93. Ebendort fanden zuvor am 2. Februar die elfte Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft sowie vom 3. bis 7. Februar die erste Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft statt. Die Grundsteinlegung des Johannesbaus war zunächst für den 27. Februar 1912 (den 51. Geburtstag Rudolf Steiners) vorgesehen, wurde aber aufgrund von Einwänden der staatlichen Behörden gegen die eingereichten Pläne immer wieder verschoben.
Textgrundlage ist das Stenogramm von Walter Vegelahn, ergänzt durch Kurznotizen von unbekannter Hand. Marie Steiners Bearbeitungen des Typoskriptes für den damals offenbar nicht zustande gekommenen Druck wurden bereits in der Ausgabe von 1982 wieder zurückgenommen.
Frühere Ausgaben: Der Vortrag vom 5. Februar 1912 erschien erstmals zusammen mit dem Vortrag vom 11. Dezember 1911 in dem 1982 erstmals herausgegebenen Band Wege zu einem Neuen Baustil - Und der Bau wird Mensch (GA 286).
zu Seite:
47 im Dezember 1911: Gemeint ist der Vortrag vom 12. Dezember 1911 in diesem Band.
48 unser verehrter Freund Arenson: Adolf Arenson (1855-1936) war Kaufmann, Musiker und Komponist. Nach seinem Umzug von Hamburg nach Stuttgart kam Arenson bereits 1903 zur Theosophischen Gesellschaft, gründete zusammen mit Carl Unger und anderen im November 1903 den ersten Stuttgarter Zweig und war von 1904 bis 1913 im Vorstand der Deutschen Sektion, danach im Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft. Zusammen mit Carl Unger, Jose del Monte, Emil Molt und Carl Schmid-Curtius gehörte er zum «Bauvercin Stuttgarter Anthroposophen»; auch in der «Gesellschaft für theosophische Art und Kunst» war Arensons Mitarbeit vorgesehen. Zu dieser Gesellschaft siehe Robin Schmidt (Hg.), Gesellschaft für theosophische Art & Kunst - 1911: Dokumente und Interpretationen zu Geschichte und Gegenwart eines Impulses, Dörnach 2012. Bekannt sind vor allem seine Kompositionen für die Mysteriendramen sowie sein 1930 erschienener «Leitfaden» für die ersten 50 Vortragszyklen Rudolf Steiners. Der Vortrag, den Steiner erwähnt, lautete «Zum Studium der Geistes Wissenschaft» und wurde 1913 im Philosophisch-theosophischen Verlag publiziert.
50 einer von diesen gescheiten Leuten: Konnte bislang nicht nachgewiesen werden.
53 neuerer wissenschaftlicher Forschungen: Vgl. dazu Uvo Hölscher, Das Grabdenkmal des Königs Chefren, Leipzig 1912, wo auf S. 31 und S. 61 die Proportionen der Pyramide mit 2:3 bzw. 3:4 angegeben werden; Proportionen, die Platon in seinem Tönatoj-Dialog (113) als kosmische Proportionen bei der Schaffung der Weltseele nennt. Schon seit den Publikationen von Charles Piazzi Smyth (1819-1900), die 1864 und 1867 erschienen, wurde versucht, in den geometrischen Verhältnissen der Pyramidcnanlagen kosmische Verhältnisse aufzufinden.
59 Die Leinwand, ich möchte sie durchstoßen, zu finden, was ich suchen soll: Passage aus Die Pforte der Einweihung (Initiation), 8. Bild (GA 14, S. 124 f.).
60 unserm lieben Freunde, der uns als Architekt hier hilft: Carl Schmid-Curtius (1884- 1931) war der Architekt des Stuttgarter Logenhauses und des Johannesbaus bis Juli 1914, als seine Aufgabe als leitender Architekt von Ernst Aiscnprcis übernommen wurde.
61 Denn Schopenhauer hat gesagt: Zitat aus der Preisschrift über die Grundlage der Moral § 22.
AN DIE MITGLIEDER DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT,
DEN JOHANNESBAU BETREFFEND
Broschüre, basierend auf den Eingangsworten zum
Vortrag vom 18. Mat 1913 in Stuttgart
Kontext: Am 18. Mai 1913 hatte Rudolf Steiner in Stuttgart bekannt gegeben, dass das Johannesbau-Projekt von München nach Dörnach bei Basel verlegt werden würde. Steiners Ansprache wurde in der vom Vcrwaltungsrat des Johanncsbauvercins bereits wenige Tage darauf, am 22. Mai, herausgegebenen Broschüre publiziert. Einleitend heißt es dort: «Der Inhalt dieser Mitteilungen ist vorläufig nur für die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft bestimmt. (Vergleiche Seite 8 und 9) / Der Johannesbau-Verein macht die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft mit den nachfolgenden Dar legungen Herrn Dr. Steiners bekannt, welche derselbe bei seiner letzten Anwesenheit in Stuttgart am 18. Mai dfiesen], J(ahre]s über das Bauprojekt gab.»
Bald darauf, am 8. Juni 1913, wurde in Dörnach von den Schweizern Dr. Emil Grosheintz, Prof. Dr. Alfred Gysi, l.ucie Bürgi-Bandi, Marie Hirter-Weber und Marie Schieb der «Johannesbau-Verein Dörnach» gegründet, der nach einem internen Beschluss vom 5. September auf der Mitgliederversammlung am 22. September 1913 offiziell mit dem Münchner Johannesbau-Verein vereinigt wurde. Das führte auch zu personellen Konsequenzen, indem von da an Sophie Stinde und Emil Grosheintz als gleichberechtigte Vereinsvorsitzende fungierten. Der Münchner Johannesbau-Verein bestand danach formell jedoch noch weiter und wurde erst durch eine Generalversammlung am 5. November 1922 offiziell aufgelöst. Das dort noch vorhandene Vermögen wurde an die Waldorfschule Stuttgart übertragen, da sich ein Transfer in die Schweiz aufgrund der kriegsbedingten Entwertung nicht mehr gelohnt hätte.
Textgrundlage / Frühere Veröffentlichungen: Grundlage ist die am 22. Mai vom Verwaltungsrat des Johannesbau-Verein herausgegebene Broschüre; eine Nachschrift der Ankündigung hat sich nicht erhalten.
zu Seite:
65 Lasset die Toten ihre Toten begraben ihr aber, folget mir nach: Vgl. Lk 9,59 f. «Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Aber Jesus sprach zu ihm: Lass’ die Toten ihre Toten begraben; gehe du aber hin und verkündige das Reich Gottes!»
Wasch mir den Pelz: Ein bis ins Mittelalter zurückreichendes Sprichwort, zuerst dokumentiert bei dem für seine Kunstpolitik bekannten Georg von Sachsen (1471— 1539), der es gegen Erasmus von Rotterdam gebraucht haben soll.
66 Herr Baumeister Schmid: Siehe den Hinweis zu Seite 60.
BRIEF RUDOLF STEINERS AN ALEXANDER VON BERNUS
Dörnach, 19. September 1913
Kontext: Alexander von Bernus (1880-1965), bekannt als Schriftsteller und «Alchemist», studierte von 1902 bis 1907 in München Literaturgeschichte und Philosophie, wo er u.a. zusammen mit Stefan Zweig Gedichte veröffentlichte. Von 1907 bis 1912 leitete er das Theater «Die Schwabinger Schattenspiele». Er war mit praktisch allen damaligen Schriftstellern von Ricarda Huch über Frank Wedekind, Rainer Maria Rilke, Thomas Mann bis Hermann Hesse und Stefan George bekannt. Nach dem Tode des Vaters erbte er 1908 als Achtundzwanzigjähriger das Stift Neuburg bei Heidelberg und begann um 1910 mit ersten alchemistischen Versuchen. Im selben Jahr lernte er in München Rudolf Steiner kennen und trat bald darauf in die Theosophische Gesellschaft ein. Von 1912 bis 1916 studierte er zusätzlich Medizin und Chemie. In seinem Brief vom 8. August 1913 bot von Bernus Steiner ein «Gelände in der nicht ganz nahen Nachbarschaft von Stift Neuburg» für das Johannesbau-Projekt an (Original im Rudolf Steiner Archiv). Ab 1916 gab er die Zeitschrift Das Reich heraus, für die Rudolf Steiner den Eröffnungsaufsatz und weitere Beiträge lieferte, unter anderem 1917/18 über die Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz (wiederabgedruckt in GA 35, S. 332-390). In dem 1917 in München eröffneten Kunsthaus «Das Reich», das als eine Art academia libera für Kunst und Goetheanismus dienen sollte, hielt Rudolf Steiner ab Februar 1918 Vorträge zum Zeitgeschehen und zur Kunst (heute in GA 174a und in GA 271, S. 81-164). Nach dem Ersten Weltkrieg gründete von Bernus dann das «alchimistisch-spagyrische Laboratorium» im Stift Neuburg. 1926 gab er das Stift an die Benediktiner zurück.
Textgrundlage / Frühere Veröffentlichungen: Der Brief befindet sich im Rudolf Steiner Archiv Dörnach. Die ersten drei Absätze wurden 1962 in Heft 8 der Nachrichten der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung mit Veröffentlichungen aus dem Nachlass (S. 32) publiziert.
zu Seite:
70 die Münchner Wochen: Gemeint sind die Münchner Festspielwochen mit der Aufführung der Mysteriendramen und den Vorträgen Rudolf Steiners, die im Jahr 1913 mitsamt der Probenarbeit vom 11. Juli bis zum 31. August dauerten.
71 norwegischen Reise: Vom 1. bis zum 15. Oktober 1913 hielt Steiner in Kristiania (Oslo), Bergen sowie in Kopenhagen Vorträge über das Fünfte Evangelium (GA 148) und das Leben zwischen Tod und neuer Geburt (GA 140).
ich habe das Buch: Alexander von Bernus; Liebesgarten. Gedichte und Spiele, München 1913. Der Band enthält zwischen 1906 und 1912 entstandene Texte, darunter eine «Umdichtung (Das seelige Mädgen) nach Dante Gabriel Rossctti und eine «Umdichtung» (Der Garten der Liebe) nach William Blake.
der kleinen Ursula-Pia: Nachdem sich von Bernus 1911 von seiner ersten Frau Adelheid von Sybel hatte scheiden lassen, heiratete er 1912 die baltische Künstlerin Imogen von Glasenapp; im Juni 1913 wurde seine Tochter Ursula Pia von Bernus geboren. Steiner bezieht sich hier auf einen Brief vom 17. Juni, in dem von Bernus ihn darum gebeten hatte, die «geistige Patenschaft» für die Tochter anzunehmen, und im Brief vom 20. September bat er Steiner dann konkret darum, die «Ceremonie der Taufe» in der Neuburger Schlosskapelle durchzuführen.
WORTE DER GRUNDSTEINLEGUNG DES ERSTEN GOETHEANUMS
UND ANSCHLIESSENDE ANSPRACHE
Dörnach, 20. September 1913
Kontext: Die Grundsteinlegung des damals noch Johannesbau genannten Baus fand am Abend des 20. September 1913 auf dem Dornacher Hügel statt. Die Erinnerungen und Dokumente der Grundsteinlegung sind zusammengestellt sowie der Ablauf im Einzelnen rekonstruiert in: Dokumente, Erinnerungen, Ansprachen zur Grundsteinlegung des Ersten Goetheanum am 20. September 1913, in: Archiv-Magazin Nr. 2, Basel 2013, S. 11-163.
Textgrundlage: Grundlage ist das Stenogramm von Rudolf Hahn, Reinach, in der von ihm selbst verfassten Langschriftübertragung, verglichen mit Notizen von Clara Michels und weiterer Teilnehmer.
Frühere Veröffentlichungen: Der Text der Grundsteinlegung und der anschließenden Ansprache erschien erstmals in dem Buch von Rudolf Grosse, Die Weihnachtstagung als Zeitenwende, Dörnach 1976, S. 32-42, ferner in: Archiv-Magazin Nr. 2, Basel 2013, S. 84-95. Der Text der anschließenden Ansprache erschien unter dem Titel «Das makrokosmische Vaterunser» in: Seelenübungen II (1903-1925) (GA 268), Dörnach 1999, S. 344-351.
zu Seite:
72 Wir beginnen unser Werk: Den Erinnerungen von Anwesenden zufolge wandte sich Steiner bei diesen Worten nach Osten, Süden, Westen und Norden und sprach dabei je einen Namen aus, vermutlich die hebräischen Namen der Himmelsrichtungen oder der vier Elemente.
in der ihr: Vgl. Grosse S. 32: «und die ihr».
die ihr hinstrahlet dasjenige, was im Menschen vor aller seiner Eigenwesenheit: Vgl. Grosse S. 32: «die ihr alles dasjenige, was im Menschen vor aller seiner Wesenheit vorhanden ist, und euch».
77 der ewigen Hülle der Welt: Es könnte sich um einen Fehler bei der Deutung des gehörten Wortes handeln. Komplement der Ideen war für Platon die Materie, griechisch Hyle.
81 gedankenkräftig auch noch dann bezeugen: Zitat der letzten vier Zeilen des vierten Mysteriendramas Der Seelen Erwachen (GA 14, S. 535).
WORTBEITRÄGE RUDOLF STEINERS ZUR 3. GENERALVERSAMMLUNG
DES JOHANNESBAU-VEREINS UND DER I. ORDENTLICHEN GENERAL-
VERSAMMLUNG DES JOHANNESBAU-VEREINS DÖRNACH
Ratei, 22. September 1913
Kontext: Zwei Tage nach der Grundsteinlegung des Johannesbaus auf dem Dornacher Hügel fand am Montag, dem 22. September 1913 im Lokal des Basler Zweiges am Rü- melinbachweg 10 die erste ordentliche, zugleich endgültig konstituierende Generalversammlung des Johannesbau-Vereins Dörnach statt, der Fortsetzerin des Münchner Johannesbau-Vereins nach der Übersiedlung des Projektes in die Schweiz. Die Liste der Anwesenden zählt insgesamt 47 Personen aus der Schweiz, aus Deutschland, Österreich, England und Italien. Die Versammlung gliederte sich formell in drei aufeinanderfolgende, insgesamt von 10.00 Uhr bis etwa 13.40 Uhr dauernde Sitzungen: 1. Die dritte ordentliche Generalversammlung des Johannesbau-Vereins, 2. die erste ordentliche Generalversammlung des Johannesbau-Vereins Dörnach und 3. die erste konstituierende Vorstandssitzung des Johannesbau-Vereins Dörnach. Die Satzungen des am 30. Dezember 1913 in das Handelsregister eingetragenen Vereins entsprachen im Wesentlichen denen des Münchner Vereins; neu war die Einführung eines Ausschlussparagrafcn. Neben Sophie Stinde und Emil Grosheintz fungierten Lucie Bürgi-Bandi als Schriftführerin und Alfred Gysi als Kassenwart. Die weiteren ordentlichen Mitglieder waren Otto Graf Lerchenfeld, Marie Schieb, Pauline Gräfin von Kalckrcuth, Hermann Linde, Felix Peipers und Marie Hirter-Weber.
Text grün dlage ist die selbstverfcrtigte Langschrift eines stenografischen Protokolls von R. Hahn, Rcinach, It. abschließender Bemerkung des Autors «nicht wortgetreu». Das amtliche Protokoll, das nur die Beschlüsse festhält, trägt im Titel nur den Namen «Johannesbauverein» ohne Ortsangabe.
bisherige Veröffentlichungen: Erstpublikation.
zu Seite:
84 in die •Mitteilungen- aufnehmen: Gemeint sind die von Mathilde Scholl herausgegebenen Mitteilungen für die Mitglieder der Theosophischen (ab 1913 Anthroposophischen) Gesellschaft (Neudruck Dörnach 1999).
86 die im Vahan publiziert werden: Die englische Ausgabe der Theosophenzeitschrift The Vahan brachte im September 1912 (Jg. XXII, vol. 2, S. 28) einen illustrierten Bericht über eine neue «Theosophical Hall» in Harrogate (westlich von York), die im April 1913 eröffnet wurde (Jg. XXII, vol. 9, S. 209f.). Den präsentierten Grund- und Aufrisszeichnungen nach zu schließen, handelt cs sich jedoch um ein Gebäude mit durchwegs konventionellem Aufbau. Auf die dortige Ankündigung, auch in Frankreich würden solche Gebäude errichtet, folgte anscheinend kein nennenswertes Projekt.
ANSPRACHE RUDOLF STEINERS ZUR 3. GENERALVERSAMMLUNG
DES JOHANNESBAU VEREINS, ZUGLEICH 1. GENERALVERSAMMLUNG
DES JOHANNESBAU-VEREINS DÖRNACH
Basel, 22. September 1913
Kontext: Siche den Hinweis zur 3. Generalversammlung auf S. 335. Textgrundlage: anonymes Typoskript. Bisherige Veröffentlichungen: Die Ansprache wurde erstmals publiziert in: Dokumente, Erinnerungen, Ansprachen zur Grundsteinlegung des Ersten Goetheanum am 20. September 1913, in: Archiv-Magazin Nr. 2, Basel 2013, S. 96-100.
zu Seite:
89 das Büchelchen eines der gegenwärtig berühmtesten Forscher: Rudolf Eucken, Können wir noch Christen sein?, Leipzig 1911.
An einer Stelle des Buches: Auf Seite 216 heißt cs: «Welche unüberwindliche Kluft der Welten empfinden wir Neueren, wenn noch in der Gegenwart bischöfliche Erlasse von «Dämonen» sprechen und die Leugnung solcher als einen Ausfluss ungläubiger Gesinnung behandeln!»
90 an einer anderen Stelle des Buches: Auf Seite 228 heißt es dann: «Die Berührung von Göttlichem und Menschlichem erzeugt dämonische Mächte, die umwälzend und erneuernd, aber auch zerstörend und verheerend wirken können; sie zu mäßigen und in fruchtbare Arbeit überzuleiten, ist eine Hauptaufgabe der religiösen Gemeinschaft.»
mit dem Nobelpreis ausgezeichnet: Eucken erhielt 1908 den Nobelpreis für Literatur «aufgrund des ernsten Suchens nach Wahrheit, der durchdringenden Gedankenkraft und des Weitblicks, der Wärme und Kraft der Darstellung, womit er in zahlreichen Arbeiten eine ideale Weltanschauung vertreten und entwickelt hat», wie es in der Begründung hieß.
90 an einer dritten Stelle: So etwa im Kapitel «Recht und Erneuerungsfähigkeit des Christentums», wo es (S. 200f.) heißt: «Nur solche Wahrheiten können sich dem Wesen des Menschen so eng verbinden, dass ihre Verfechtung ihm zur Sache einer geistigen Selbsterhaltung wird und damit das Allcrgewisscste, was es nur geben kann, und nur bei solchen Tatsachen kann die gemeinsame Erfahrung des ganzen Menschengeschlechts im Aulbau des Geisteslebens zugleich eine unmittelbare Erfahrung und Aufgabe jedes Einzelnen werden.»
91 und ein Doktor in dieser Zeitschrift der Gegenwart davon spricht: Konnte bislang nicht nachgewiesen werden.
GESICHTSPUNKTE ZUR BAULICHEN GESTALTUNG
DER ANTHROPOSOPHENKOLONIE IN DÖRNACH
Berlin, 23. Januar 1914
Kontext: Der Vortrag fand anlässlich einer außerordentlichen Versammlung des Johannesbau-Vereins während der zweiten (ersten ordentlichen) Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft vom 17. bis 24. Januar 1914 am Freitag, dem 23. Januar nachmittags, vermutlich um 16.30 Uhr statt. Obwohl das Programm der Generalversammlung nur bis zum Freitag reicht, an dem Steiner den vierten und letzten Vortrag seines Zyklus Der menschliche und der kosmische Gedanke (GA 151) hielt, folgten am Samstag noch ein Vortrag von Michael Bauer sowie ein Bericht von Emil Grosheintz zur Dornacher Kolonie. Daraus wird auch Rudolf Steiners abschließender Flinweis auf die vorangegangene Versammlung wie auf den zusätzlich folgenden Tag verständlich, an dem das Thema der Kolonie noch einmal eigens zur Sprache kommen sollte.
Der im Jahre 1914 zunächst noch «gemeinnützige Anthroposophen-Baugcnosscn- schaft Dörnach (G.A.B.D.)» genannte, erst Ende 1915 offiziell im Handelsregister unter dem Namen «Johannesbau-Kolonie-Dornach» eingetragene Kolonistenverein war kurz zuvor, während derselben Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft, am 20. Januar 1914 provisorisch gegründet worden. Die dort das erste Mal vorgcschla- genen Statuten wurden in den folgenden Monaten immer wieder neu überarbeitet, korrigiert und modifiziert. Die Führung der geschäftlichen Angelegenheiten des Vereins übernahm Emil Grosheintz. Die konstituierende Generalversammlung mit der Festlegung der Statuten unter Anwesenheit von 27 Mitgliedern fand erst deutlich später, am 29. und 30. Dezember 1915 im damaligen Büro des Johannesbau-Vereins Dörnach (Haus Erzer & Brunner) statt. Am 27. November 1921 wurde der Verein in «Kolonie am Goetheanum» umbenannt.
Textgrundlage / Frühere Veröffentlichungen: Grundlage ist die maschinenschriftliche Übertragung eines Stenogramms von Walter Vegelahn. Der Vortrag erschien bereits kurz nach der Veranstaltung in gedruckter und gehefteter Form ohne Umschlag, zusätzlich auf der Rückseite mit einem Stempel mit Ordnungszahl (mindestens 414 Exemplare) versehen. Eine zweite Auflage wurde Ende Februar 1914 vorbereitet, gedruckt und mit einem Stempel «Anthroposophische Kolonie Dörnach K[an]t[on] Solothurn /Schweiz» auf der Vorderseite versehen. Dabei wurde der Vortrag zwischenzeitlich auch auf den 19. Januar datiert, obwohl dies im Protokoll der Generalversammlung (Scholl-Mitteilungen April 1914, S. 1-16) für diesen Tag nicht erwähnt wird. Entwürfe, Skizzen, Manuskripte, Stenogramme oder Hörernotizen haben sich nicht erhalten.
Bisherige Veröffentlichungen: Nach der Erstpublikation wurde der Text in der Rudolf Steiner Gesamtausgabe in der erweiterten Neuauflage von Wege zu einem neuen Baustil (GA 286), Dörnach 1982, S. 38-43 wieder abgedruckt.
zu Seite:
95 das kleine Häuschen: Abbildungen des Glasatcliers und des Kessel- oder Heizhauses finden sich u.a. in GA 289, Basel 2017, Abb. 103-107; detaillierte Beschreibungen incl. Aufnahmen der Modelle finden sich in Erich Zimmer, Rudolf Steiner als Architekt von Wohn- und Zweckbauten, Stuttgart 1971, S. 24-73.
Herr Rychter: Gemeint ist der polnische Kunstmaler Thaddäus Rychter (’ 1873), der die künstlerischen Herstellungsarbeiten der farbigen Glasfenster leitete, weshalb das Dornacher Glasatclicr zeitweise auch «Rychtcr-Haus» genannt wurde.
Vgl. dazu den Vortrag Rudolf Steiners vom 17. Juni 1914 in Dörnach (GA 286, S. 62-74). Rychter wurde 1915 im Ersten Weltkrieg aus Dörnach zum Militärdienst abberufen, lebte dann ab 1924 zusammen mit seiner Frau Anna, geborene May, in Jerusalem und ab 1939 in Warschau, wo er nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen als verschollen gilt.
97 der Architekt Wilhelm Ferstel: Siche den Hinweis zu Seite 39.
98 ein Haus steht, das jetzt noch nicht beseitigt werden kann: Gemeint ist das 1908 erbaute Haus Brodbeck (heute Rudolf Steiner-Halde) auf der Nordwestflanke des Dornacher Hügels, das erst im Mai 1921 erworben und nach Plänen Rudolf Steiners umgcstaltet werden konnte. Siehe dazu E. Zimmer, Rudolf Steiner als Architekt von Wohn- und Zweckbauten, Stuttgart 1971, S. 176-211.
ÜBER DEN JOHANNESBAU IN DÖRNACH
Ansprache vor dem Vortrag am 14. April 1914 in Wien
Kontext: Die Ansprache fand am Ende des Zyklus “Inneres Wesen des Menschen zwischen Tod und neuer Geburt» statt, den Rudolf Steiner von Montag, 6. April, bis Dienstag, 14. April 1914 in Wien hielt (GA 153).
Textgrundlage / Frühere Veröffentlichungen: Grundlage ist ein Typoskript ohne Autorangabe. Die Ansprache wurde erstmals in der 4. Auflage von Inneres Wesen des Menschen zwischen Tod und neuer Geburt (GA 153) im Jahre 1959 veröffentlicht.
ANSPRACHE NACH DEM AUSBRUCH DES ERSTEN WELTKRIEGS
Dörnach, 13. August 1914
Kontext: Der Erste Weltkrieg begann am 28. Juli mit der Kriegserklärung Österreichs an Serbien; am I. August erfolgte die Kriegserklärung Deutschlands an Russland, am folgenden Tag der Einmarsch deutscher Truppen in Luxemburg. Es handelt sich hierbei um den Anfang des ersten dokumentierten Vortrags Rudolf Steiners nach Kriegsbeginn. Textgrundlagen / Frühere Veröffentlichungen: Grundlage sind stenografische Aufzeichnungen, vermutlich von Marie Schieb. Die Ansprache wurde erstmals 1945 von Marie Steiner in dem Band Schicksalszeichen auf dem Entwicklungswege der Anthroposophischen Gesellschaft, S. 26-29, publiziert; sic erschien ferner in Heft 118 der Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe (1992), S. 5-8.
zu Seite:
108 in der letzten unserer hier gehaltenen Betrachtungen: Gemeint sind die Schlussworte des Vortrags vom 26. Juli 1914; dort sprach Steiner von der «lebendigen Überzeugung, dass, was auch in naher oder ferner Zeit an Schmerzlichem der europäischen Menschheit bevorstehen mag, in uns doch die Zuversicht leben kann, die hervorgeht aus der lebendigen Erkenntnis, dass der Geist den Menschen durch alle Wirrnisse siegreich hindurchführen wird.»; in: Wege z« einem neuen Baustil - Und der Bau wird Mensch (GA 286), 3. Auflage Dörnach 1983, S. 108.
VORTRAG AM VORABEND DES ERSTEN JAHRESTAGES DER
GRUNDSTEINLEGUNG DES JOHANNESBAUS
Dörnach, 19. September 1914
Textgrundlage / Frühere Veröffentlichungen: Grundlage isl eine Handschrift Franz Sei lers; das zugrunde liegende Stenogramm hat sich nicht erhalten. Marie Steiner publizierte 1945 eine gekürzte Fassung unter dem Titel »Die Vielgliedrigkeit der menschlichen Wesenheit und der Kampf der einzelnen Seelenglieder untereinander» in dem Band Schick- salszeichen auf dem Entwicklungswege der Anthroposophischen Gesellschaft (S. 33—45). Der erste Abschnitt des Vortrages (bis: «Ernst nehmen die Dinge») erschien 2013 in: Archiv-Magazin. Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe Nr. 2, S. 101-105.
zu Seite:
113 das Drama gelesen: Gemeint ist wohl eines von Rudolf Steiners Mysteriendramen; nach vier Jahren, in denen seit 1910 regelmäßig im August und September in Mün chen die Mysteriendramen aufgeführt wurden, konnte dies im Sommer 1914 durch den Umzug nach Dörnach und den Kriegseinbruch nicht geschehen. Rudolf Steiner hatte am 16. August seinen letzten Vortrag in Dörnach gehalten und war dann nach Deutschland abgereist.
117 aus den Worten, die ich das letzte Mal hier gesprochen habe: Die letzten beiden Vorträge vor Rudolf Steiners Abreise fanden am 16. und 17. August statt und behandelten zusätzlich zum sog. Samariterkurs das erste Mysteriendrama Die Pforte der Einweihung. Siehe Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe Nr. 108, Dörnach 1992, S. 1 -27.
118 da sprach ich ... in Christiania, über das Wesen der Volkseelen: Siche Die Mission einzelner Volkseelen im Zusammenhang mit der nordisch-germanischen Mythologie (GA 121), 6. Auflage Dörnach 2018.
Empfindungsseele, Verstandesscele und Bewusstseinsseele: Siehe Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung (GA 9), Kap. IV: «Leib, Seele und Geist».
eine Fünfheit: Möglicherweise ein Hörfehler zu «eine Vielheit»; vgl. dazu auch den folgenden Abschnitt.
119 eine Stelle ... in der Prüfung der Seele: Vgl. dazu Die Prüfung der Seele, 13. Bild (GA 14, S. 263-271)
das Schlusstableau der Pforte der Einweihung: Vgl. dazu Die Pforte der Einweihung, 11. Bild (GA 14, S. 140-146).
121 Alarich (um 370-410 n. Chr.) war der erste dokumentierte Anführer der frühen Westgoten (Visigoten), der mit seinen Gefolgsleuten im späten 4. Jahrhundert bis nach Konstantinopel und im frühen 5. Jahrhundert bis nach Italien vordrang.
122 Es ist schon einmal auseinandergesetzt worden: Auf dem Dornacher Hügel hatte Rudolf Steiner am 17. Juni 1914 zur Einweihung des Glasateliers über den Zusammenhang zwischen Kehlkopf, Kunst und Göttersprache gesprochen (GA 286, S. 64ff.).
123 wie zum Beispiel im letzten Haager Vortragszyklus: Gemeint ist der Zyklus Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung für das Seihst und seine Hüllen? (GA 145), den Rudolf Steiner vom 20. bis 29. März 1913 in Den Haag gehalten hatte, insbesondere der Vortrag vom 28. März 1913.
124 die Formel..., die das letzte Mal hier dargestellt worden ist: Gemeint ist wohl der Spruch «Du meines Erdenraumes Geist ...», mit dem Rudolf Steiner den Vortrag am 16. August in Dörnach beendet hatte; siche: Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe Nr. 108, Dörnach 1992, S. 27 sowie Mantrische Sprüche - Seelenübungen II (1903-1925) (GA 268), Dörnach 1999, S. 196.
in den - Rätseln der Philosophie-: Die Rätsel der Philosophie in ihrer Geschichte als Umriss dargestellt (GA 18), 9. Auflage Dörnach 1985.
lösen sich auf: In der Textgrundlage steht «lösen sich aus»,
126 «Die Weisheit ist nur in der Wahrheit»: Siehe Goethes Naturwissenschaftliche Schriften, hrsg. von Rudolf Steiner (GA la-c), Dörnach 1975, Band 4, 2. Abteilung, «Sprüche in Prosa», 1. Abteilung «Das Erkennen». Rudolf Steiner wählte den Spruch 1912 als Motto für die Grundsätze, die er der neu gegründeten Anthroposophischen Gesellschaft gab. Siehe: Anthroposophische Gcmeinschaftsbildung (GA 257), 4. Aufl. Dörnach 1989, S. 209.
der libysche Krieg: Der heute unter der Bezeichnung «Italienisch-Türkischer Krieg», «Osmanisch-Italienischer Krieg» oder auch «Tripoliskrieg» bekannte Konflikt begann mit der italienischen Kriegserklärung am 29. September 1911 und endete mit dem Frieden von Ouchy am 18. Oktober 1912.
127 Sie, Metternich, waren nie Soldat: Das Werk, aus dem Rudolf Steiner hier und im Folgenden zitiert, konnte bislang nicht nachgewiesen werden. Zur Begebenheit siehe Günter Müchler: 1813: Napoleon, Metternich und das weltgeschichtliche Duell von Dresden, Stuttgart 2012.
Francois Michel Le Tellier, Marquis de Louvois (1641-1691) war von 1661 bis 1691 Kriegsminister unter Ludwig XIV. Im sogenannten Pfälzischen Erbfolgekrieg hatte Ludwig XIV. durch die Verbindung seines Bruders mit Lieselotte von der Pfalz seit 1685 territoriale Ansprüche angcmeldet und ließ ab 1688 Truppen in die Pfalz einmarschieren, die das Land verwüsteten und dabei Speyer, Worms, Mannheim und Oppenheim zerstörten.
131 Sir Edward Grey (1862-1933) war britischer Außenminister von 1905 bis 1916. Zu Grey siehe Rudolf Steiners Aufsatz «Eine preisgekrönte wissenschaftliche Arbeit über die Geschichte des Kriegsausbruchs», in: Aufsätze über die Dreigliederung des Sozialen Organismus und zur Zeitlage (GA 24), 2. Aufl. 1982, S. 333-338.
133 die Worte, die ein Maeterlinck sprechen konnte: Maurice Maeterlinck (1862-1949), belgischer Schriftsteller französischer Sprache. Steiner hatte während seiner Berliner Zeit mehrere Dramen Maeterlincks positiv besprochen; siehe Gesammelte Aufsätze zur Dramaturgie 1889-1900 (GA 29). Zu Maeterlincks Aussagen im Kontext des Ersten Weltkrieges siehe den Vortrag vom 12. März 1915 in Nürnberg, in: Aus schicksaltragender Zeit (GA 64), Dörnach 1959, S. 348-350, ferner den Vortrag vom 4. Dezember 1916 in Dörnach, in: Zeitgeschichtliche Betrachtungen Band 1 (GA 173a), S. 54-56. Auszüge aus seinen Aussagen finden sich im Anhang des genannten GA-Bandcs auf S. 324-326.
133 Novalis: Pseudonym des Dichters Georg Philipp Friedrich von Hardenberg (1772-1801). Siehe dazu Maurice Maeterlinck: Novalis, in: La Nouvelle Revue 91, 1894, S. 463-474 und S. 719-728. Im folgenden Jahr hat Maeterlinck Die Lehrlinge von Sais und eine Auswahl von Fragmenten ins Französische übersetzt und eingeleitet; Neuausgaben erschienen 1909 und 1914. Zu Maeterlinck und Novalis siehe Raymond Pouilliart: Maeterlinck et Novalis, in: Annales de la Fondation Maurice Maeterlinck 9, 1963, S. 5-17.
134 immerzu ist das jetzt: Die Erstausgabe von 1943 hat ab hierein abweichendes Ende: «Es möge unsere geistige Strömung die Prüfung bestehen, die jetzt zu bestehen ist, durch Aneignung der richtigen Empfindung und Objektivität gegenüber den Ereignissen, die wir jetzt erleben; durch Aneignung von Empfindungen den einzelnen Völkern gegenüber, die einander jetzt kämpfend gegenüberstehen, welche Ungerechtigkeit ausschließen. Zusammengefasst möge das sein, was der Sinn unserer Bestrebungen ist, in der vor einigen Freunden schon angesprochenen Formel: Du, meines Erdenraumes Geist / Enthülle Deines Alters Licht / Der Christ-begabten Seele, / Dass strebend sie finden kann / Im Chor der Friedenssphären / Dich, tönend von Licht und Kraft / des Christ-ergebenen Menschensinns.» Rudolf Steiner hatte diesen Spruch zum ersten Mal am 16. August 1914 während des sogenannten Samariterkurses und später mehrmals vorgetragen. Am 13. September erläuterte er ihn in München ausführlich (GA 174a, S. 22ff.).
VORTRAG ZUM ERSTEN JAHRESTAG DER GRUNDSTEINLEGUNG
DES JOHANNESBAUS
Dörnach, 20. September 1914
Textgrundlage /Frühere Veröffentlichungen: Grundlage ist ein anonymes Typoskript aus dem Besitz von Felix Peipers (Nachlass Hubert Bolllig, Malsch). Der Vortrag erschien erstmals 1938 von Marie Steiner herausgegeben unter dem Titel Die Sehnsucht der Seelen nach Geist - Ein Zeichen der Zeit, ferner in: Archiv-Magazin. Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe Nr. 2/2013, S. 106-123.
zu Seite:
135 Christian Morgenstern (1871-1914), Lyriker und Übersetzer, hörte Rudolf Steiner bei einem Vortrag am 28. Januar 1909 im Berliner Architektenhaus über Tolstoi und Carnegie zum ersten Mal und gehörte bereits wenige Monate später zum Kreis der esoterischen Schüler. Vgl. dazu seinen 1914 postum erschienenen Band Wir fanden einen Pfad. Seit Längerem lungenkrank, erlag Morgenstern am 31. März 1914, einen Tag vor dem Richtfest des Dornacher Baus, in Meran-Untermais seinem Leiden. Über Morgenstern nachtodlichen Weg sprach Rudolf Steiner danach mehrfach, so in Kassel am 10. Mai 1914 (GA 261, S. 85) sowie in Paris am 23. Mai 1914 (GA 154, S. 93 f.).
137 in der Sammlung: Gemeint ist der 1911 in München bei Piper erschienene Band Ich und Du. Sonette, Ritomelle, Lieder.
das Goethc'sche Wort: Anspielung auf den Satz: «Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen anfängt, der empfindet eine unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst.» in: «Maximen und Reflexionen: Aus Kunst und Altertum», von Rudolf Steiner herausgegeben im Kontext der Naturwissenschaftlichen Schriften, Kap. «Sprüche in Prosa» (GA le, S. 494).
139 hatte ich dazumal hinzuweisen: Siehe den Text der Grundsteinlegung sowie die anschließende Ansprache in diesem Band S. 72-82.
das letzte Kapitel: Vgl. «Skizzenhaft dargcstellter Ausblick auf eine Anthroposophie», in: Die Rätsel der Philosophie in ihrer Geschichte als Umriss dargestellt (GA 18), 9. Aufl. Dörnach 1985, S. 594-627.
142 Herman Grimm (1828-1901), Kunsthistoriker und Publizist. Steiner ist Grimm zuerst durch seine Tätigkeit am Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar nähergekommen, an dessen Gründung dieser maßgeblich beteiligt war und das er öfters besuchte (vgl. «Mein l.ebensgang», Kap. XIV). Damals besuchte Steiner Grimm auch in Berlin (Kap. XVII), wo dieser ab 1873 an der Universität als Professor für Neuere Kunstgeschichte lehrte.
in einem Aufsatz: Friedrich der Große und Macaulay (1858), wieder abgedruckt in: Fünfzehn Essays. Erste Folge, 3. Aufl. Gütersloh 1884, S. 106-138. Die Passage findet sich in der Ausgabe in Rudolf Steiners Bibliothek (Signatur RSB L 091) auf S. 112.
144 in einem wenig bekannten Aufsatze: Siehe den Hinweis zu S. 142.
ein Gespräch: Siehe den Hinweis zu S. 142.
145 konnte ihm nicht aufgehen: Vgl. dazu Mein l.ebensgang (GA 28), 9. Aufl. Dörnach 2000, Kap. XV, S. 216f.
Publius Cornelius Tacitus (um 58-um 120 n. Chr), römischer Historiker und Senator.
146 in seinem Homerbuche: Gemeint sind die beiden Bände Homers Ilias, die 1890 und 95 in Berlin bei Hertz erschienen. Da das Zitat nicht mitgeschrieben wurde, konnte es auch nicht ermittelt werden.
Vor dem Tore der Theosophie: 14 Vorträge, gehalten in Stuttgart vom 22. August bis 4. September 1906 (GA 95); gemeint ist der Vortrag vom 3. September 1906 über die Stufen der orientalischen und der christlichen Schulung.
147 Ich danke dir, du stummer Stein: aus Wir fanden einen Pfad (1914).
Asmus Jacob Carstens (1754-1798), Maler des deutschen Klassizismus. Siche dazu die Notizen aus dem Vortrag vom 6. Februar 1910 in Kassel, in: Das Ereignis der Chnstus-Erscheinung in der ätherischen Well (GA 11), 3. Aufl. Dörnach 1984, S. 189.
Johann Friedrich Overbeck (1789-1869), deutscher Maler, Zeichner und Illustrator. Siehe dazu den Vortrag vom 17. Januar 1917 in Dörnach, in: Kunstgeschichte als Abbild innerer geistiger Impulse (G A 292), 3. Aufl. Dörnach 2000, S. 220.
Peter von Cornelius (1783-1867), deutscher Maler, Hauptvertreter der «Nazarener». Siehe dazu den Vortrag vom 8. Januar 1914 in Berlin, in: Geisteswissenschaft als Lebensgut (GA 63), 2. Aufl. Dörnach 1986, S. 217.
148 in dem Haager Zyklus: Siehe den Hinweis zu S. 123.
Es sind Worte: Herman Grimm, Fragmente, Zweiter Teil, Berlin und Stuttgart 1902, S. 174f.
152 in dem ganz schlimmen Drama eines Großfürsten: Konnte bislang nicht nachgewiesen werden.
Wladimir Sergejewitsch Solowjow (1853-1900), russischer Dichter und Religionsphilosoph.
153 Ich werde buchstäblich verfolgt: Das Zitat lautet vollständig: «Ich werde jetzt buchstäblich verfolgt. Alle meine Schriften, nicht nur die neuen, sondern auch die Nachdrucke, werden unbedingt verboten. Der Oberprokureur des Synods, P(obcdonoszcw], hat einem meiner Freunde gesagt, dass meine Tätigkeit unbedingt schädlich für Russland und die Orthodoxie sei und deshalb nicht gestattet werden dürfe. Um nun diese Entscheidung zu rechtfertigen, werden über mich verschiedene unsinnige Gerüchte erfunden und verbreitet. Heute bin ich Jesuit geworden, morgen lasse ich mich, vielleicht, beschneiden. 1 leute stehe ich in Diensten des Papstes und des Bischofs Stoßmayer und morgen diene ich der Alliance Israelitic und den Rothschilds. Unsere staatlichen, kirchlichen und literarischen Halunken sind so dreist und das Publikum so töricht, dass man auf alles gefasst sein muss.» (Zitat aus Wladimir Solowjow, Judentum und Christentum, S. X, übersetzt von Ernst Keuchei, Dresden, 1911.)
154 Nicht ich ...: Vgl. Gal. 2,20: «Ich lebe aber, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.»
DISKUSSIONSBEITRÄGE RUDOLF STEINERS WÄHREND DER
2. ORDENTLICHEN GENERALVERSAMMLUNG DES
JOHANNESBAU-VEREINS DÖRNACH
Basel, 31. Dezember 1914
Kontext: Die Generalversammlung fand zwischen 14.00 Uhr und 16.00 Uhr in Basel, Rümelinbachweg 10 statt. Nach den Berichten des Vorsitzenden, des Kassiers und der Rechnungsrevisoren folgen noch die «Decharge-Ertcilung» (Entlastung des Vorstandes), ferner 4. Anträge und 5. Diverses. Anwesend waren etwa 90 Mitglieder des inzwischen auf über 500 Mitglieder angewachsenen Vereins. Rudolf Steiner hielt an den Tagen vor und nach der Generalversammlung in der Dornacher Schreinerei mehrere grundlegende Vorträge über Kunst, ab 1966 enthalten in: «Kunst im Lichte der Mysterienweisheit» (GA 275).
Textgrundlage ist das Typoskript des Protokolls, erstellt von Hermann Linde. Frühere Veröffentlichungen: Erstpublikation.
zu Seite:
156 Zuerst gab es einen Theosophisch-künstlerischen Fonds: Zum Theosophisch-künstlerischen Fonds siche den Hinweis zu S. 20. Der Fonds wurde offiziell 1917 aufgelöst; damit erhielt der Johannesbau-Verein das Recht zur Verfügung über das zunächst nur als Darlehen deklarierte Vermögen, das bis Sommer 1914 über eine Million Franken aus Spendengeldern umfasste.
157 Jacques Offenbach (1819-1880) gilt als Begründer der modernen Operette; zu seinen bekanntesten Stücken zählen neben einer Reihe von komischen Opern (opera bouffe) vor allem Orpheus in der Unterwelt (1858) mit ihrer Persiflage der griechischen Mythologie sowie die opera fantastique Hoffmanns Erzählungen (1881 postum uraufgeführt).
DISKUSSIONSBEITRÄGE RUDOLF STEINERS WÄHREND DER
3. ORDENTLICHEN GENERALVERSAMMLUNG DES
JOHANNESBAU-VEREINS DÖRNACH
Dörnach, 27. Dezember 1915
Kontext: Die dritte ordentliche Generalversammlung des Johannesbau-Vereins Dörnach fand im Jahre 1915 zum ersten Mal in einem Raum des Johannesbaus - dem Eurythmic- saal im ersten Stock des Südtraktes - statt, unter Anwesenheit von Rudolf und Marie Steiner. Einen Monat zuvor war am 17. November die langjährige verdienstvolle Mitarbeiterin und Vereinsvorsitzende Sophie Stinde gestorben; ihre Stelle nahm ab September 1916 der Maler Hermann Linde ein. Die Mitgliederzahl war stabil geblieben, dagegen hatte sich die Zahl der am Bau arbeitenden Menschen im verflossenen Jahr aufgrund der Kriegsumständc von 270 auf 40 Personen verringert, dazu gab es Probleme im Hinblick auf mögliche Interessenkonflikte zwischen dem Bauvercin und dem Kolonistenverein. Im Anschluss an die Generalversammlungen einigte man sich auf einen Spendenappell an die Mitglieder in den neutralen Ländern, der Anfang 1916 realisiert wurde.
Textgrundlage: Für das Protokoll: maschinenschriftliche Übertragung eines Stenogramms von Helene Finckh, unter Beizug von Franz Seiler. Frühere Veröffentlichungen: Erstpublikation.
RUDOLF STEINERS HANDSCHRIFTLICHE KORREKTUREN IM ENTWURF
DER STATUTEN FÜR DEN DORNACHER KOLONISTENVEREIN
31. Dezember 1915
Kontext: Bereits bei der provisorischen Gründung des Kolonistenvereins innerhalb der 2. Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft im Januar 1914 in Berlin waren Entwürfe für entsprechende Statuten vorgelegt worden. Die Ausarbeitung dieser Entwürfe bis zur endgültigen Verabschiedung, die auf dem Druck der Statuten mit dem 30. Dezember 1915 angegeben wird, zog sich jedoch über fast zwei Jahre hin, was möglicherweise dem im Sommer 1914 hereinbrechenden Weltkrieg und den damit verbundenen Veränderungen und Unsicherheiten, nicht zuletzt der finanziellen Verhältnisse, geschuldet sein könnte.
Textgrundlage: Original im Rudolf Steiner Archiv. Frühere Veröffentlichungen: Erstpublikation.
zu Seite:
174 Bei Nichtgenehmigung...: Im Text nicht durchgestrichen, sondern in eckige Klammern gesetzt.
DISKUSSIONSBEITRÄGE RUDOLF STEINERS WÄHREND
DER 4, ORDENTLICHEN GENERALVERSAMMLUNG DES
JOHANNESBAU-VEREINS DÖRNACH
Dörnach, 24. September 1916
Kontext: Anlässlich der Generalversammlung beschloss der Vorstand aufgrund des Todes von Sophie Stinde die Neubesetzung des Vorsitzes durch Hermann Linde, wie zuvor gemeinsam mit Emil Grosheintz. Der Ingenieur Joseph Englert, von Steiner hinsichtlich seiner Berechnungen zur Statik der Kuppeln fachlich geschätzt, übernahm die Aufgabe des Kassenwartes, und Pauline Gräfin von Kalckreuth wurde zur Vertreterin der Schriftführerin Lucie Bürgi-Bandi gewählt. Dazu kamen Felix Peipers und Emilie von Gumppenberg als ordentliche, d.h. stimmberechtigte Mitglieder.
Textgrundlage: maschinenschriftliches Protokoll (Stenogramm Helene l'inckh). Frühere Veröffentlichungen: Erstpublikation.
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177 Goesch-Sprengel Angriffe: Zur sogenannten Gocsch-Sprcngcl-Affäre siche den Band Probleme des Zusammenlebens in der Anthroposophischen Gesellschaft. Zur Dornacher Krise von 1915 (GA 253), Dörnach 1989, insbesondere den Vortrag vom 13. September 1915.
179 Leipziger Bewegung: Gemeint ist die 1898 von Franz Hartmann (siehe den Hinweis zu Seite 180) in Leipzig gegründete «Theosophische Gesellschaft in Deutschland», die als Sezession galt, stark von ihrem Gründer geprägt war und deren Mitglieder daher oft als «Hartmannianer» bezeichnet wurden. 1903 kam Hartmann in Kontakt mit Guido von List und stand danach bis zu seinem Tod in nahem Verhältnis zu der 1908 in Wien gegründeten, völkisch orientierten «Guido von List-Gesellschaft», deren Mitglieder z. T. der Wiener Theosophischen Vereinigung angehörten. Ob Steiner gerade auf diese Einflüsse oder auf andere, seinen Zuhörern offenbar bekannte Umstände anspielte, lässt sich aus der kurzen Erwähnung nicht ermitteln. Steiner selber hielt erst im Jahre 1905 erste Vorträge in Leipzig, im Sommer 1908 einen Zyklus mit dem Titel Populärer Okkultismus (enthalten in GA 94), im September 1908 dann den Zyklus «Ägyptische Mythen und Mysterien» (GA 106). Nach der Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft hielt Steiner im Dezember 1913 in Leipzig den Zyklus Christus und die geistige Welt. Auf der Suche nach dem heiligen Gral (GA 149).
Coulomb-Geschichte: Im Jahre 1884 behaupteten Emma und Alexis Coulomb, ehemalige Bedienstete von Helena Petrovna Blavatsky, diese habe die sogenannten Mahatma-Briefe nicht von hohen spirituellen Meistern empfangen, sondern selber geschrieben. In dem sogenannten «Hodgson-Report» wurden diese Vorwürfe aufgegriffen und Blavatsky der betrügerischen Manipulation angeklagt. Blavatsky verließ daraufhin Indien für immer, und die Theosophische Gesellschaft erlitt ei- ncn rapiden Mitglicdcrschwund. Eine neuere Untersuchung des Reports anhand der Originaldokumente durch den Fälschungsexperten Vernon Harrison (H.P. blavatsky and the SPR [Society of Psychical Research], An Examination of the Hodgson Report of 1885, Pasadena 1997) hat die Beweiskraft des Reportes jedoch grundlegend in Frage gestellt: «The Hodgson Report is not, as has been widcly bclicved for morc than a Century, a model of what impartial and painstaking research should be: it ist the work of a man who has reached his conclusions early in his Investigation and thereaftcr, sclecting and distorting evidcncc, did not hesitatc to adopt flawcd arguments to Support his thesis.»
179 Albrecht Wilhelm Sellin (1841-1933) war Kolonialdirektor und bereits früh mit der Theosophischen Bewegung in Kontakt gekommen, so begegnete er in Leipzig Colonel Henry Steel Olcoit. Im September 1904 lernte er Rudolf Steiner anlässlich eines Vortrages in Hamburg kennen. Als Kenner der Memphis-Misraim-Freimau- rerei von Steiner geschätzt, wurde er bald zu einem seiner esoterischen Schüler und wirkte von 1909 bis 1913 bei den Münchner Aufführungen als Schauspieler mit.
180 dem verstorbenen Dr. Hartmann: Franz Hartmann (1838-1912) war eine der prominentesten Persönlichkeiten der Theosophischen Bewegung im deutschsprachigen Raum. Nach seinem pharmakologischen Studium arbeitete er zunächst als Arzt und bereiste verschiedene Kontinente. Infolge seiner Begegnung mit der Theosophischen Gesellschaft reiste er 1883 nach Indien und wurde bald zu einem engen Vertrauten Madame Blavatskys und administrativem Leiter der Zentrale der Theosophischen Gesellschaft in Adyar, was durch die Nachwirkungen der «Coulomb-Affäre» sein Ende fand. Wieder in Europa, wurde er 1896 zum Präsidenten der neu gegründeten «Theosophischen Gesellschaft in Europa (Deutschland)» gewählt, gründete jedoch schon im folgenden Jahr in München die «Internationale Theosophische Verbrüderung» (I.T.V.) und 1898 die «Theosophische Gesellschaft in Deutschland». In Rudolf Steiners Vortrag vom 3. September 1915 heißt es: «Hier wissen wir nun aber, dass die Geisteswissenschaft, wie sie sich in ihrer Reinheit nach und nach vor der Welt repräsentiert, nicht mit anderen Dingen vermischt werden darf; denn ihre Mission kann sie wirklich nur erfüllen, wenn sie mit dem Wesentlichen der abendländischen Kulturwelt und deshalb auch der abendländischen Wissenschaftlichkeit rechnet. Davon kann aber bei Persönlichkeiten wie dem verstorbenen Dr. Franz Hartmann keine Rede sein (...]» (GA 164, S. 187). Im Zusammenhang mit der Coulomb-Affäre (siehe den Hinweis zu Seite 179) sei noch der Vortrag vom 15. Juni 1923 (GA 258, S. 111 f.) erwähnt, in dem Steiner eine aufschlussreiche Begegnung mit Hartmann schildert.
geschürt: In der Textgrundlage steht «geschärt». Das Schären ist die Vorbereitung des Webens durch die Herstellung paralleler Kettfadenbänder. Es könnte daher auch in dem Sinne verstanden werden, dass die Jesuiten die Geschichte sozusagen «in die Breite gesponnen» haben.
christliche Missionare: Gemeint sind wohl die «Missionaries of the Scottish Free Church of Madras», von denen der Reverend George Patterson 1884 im Madras Christian College Magazine den Artikel »The Collapsc of Koot Hoomi» publizierte. Welche Publikationen mit den «dicken Büchcrjn] über die Sache» gemeint sind, konnte bislang nicht nachgewiesen werden.
Emma: Im Typoskript steht «M.», was aber als Initiale weder auf Emma noch auf Alexis Coulomb zutrifft; es dürfte sich um einen Hörfehler handeln.
180 das hat er ja ... beschrieben: Vgl. Franz Hartmann: Wahrheit und Dichtung, Die Theosophische Gesellschaft und der Wunderschrank von Adyar, Manuskriptdruck o. O. o. J. [1906).
181 oder eine Klage: Die Übertragung ist unsicher, in der Textgrundlage findet sich «Kugel», was sich auf das folgende Beispiel vom Duell beziehen könnte.
mit Herrn Bauer: Michael Bauer (1871-1929) war schon früh in der theosophischen Bewegung tätig; nach seiner Begegnung mit Rudolf Steiner gründete er in Nürnberg den Albrccht-Dürcr-Zweig. 1912 wurde er neben Carl Unger und Marie von Sivers in den Vorstand der neu gegründeten Anthroposophischen Gesellschaft gewählt; 1914 verlegte er seinen Wohnsitz nach Dörnach und lebte eine Zeitlang mit der Witwe Christian Morgensterns in Arlesheiin, bevor er mit ihr an den Ammerscc bei München zog.
DISKUSSIONSBEITRÄGE RUDOLF STEINERS SOWIE WORTE
ÜBER DIE PLASTISCHE GRUPPE WÄHREND DER 5. ORDENTLICHEN GENERALVERSAMMLUNG DES JOHANNESBAU-VEREINS DÖRNACH
Dörnach, 21. Oktober 1917
Kontext: Die Versammlung fand - gemäß Ankündigung von Emil Grosheintz nach dem Vortrag Rudolf Steiners vom 2. Oktober - am Sonntag, den 21. Oktober 1917 um 10.00 Uhr in der Schreinerei statt. Rudolf Steiner notierte zu dieser Sitzung in sein Notizbuch (NB 132): «Schwierigkeiten: Farben / Fenstersprünge / Gruppe aus einer Holzart». Aufgrund der kriegsbedingten Inflation waren die Finanzprobleme so enorm angewachsen, dass man im Mai 1918 sogar erwog, die Arbeiten am Bau vorerst einzustellen. Nach einem im Juli 1918 verfassten Appell an alle Mitglieder, dem Verein zur finanziellen Unterstützung beizutreten, wuchs die Mitgliederzahl bis Ende 1919 auf 899 Personen.
Textgrundlage: Im Jahr 1917 wurde die Dokumentation der Generalversammlung mit Rudolf Steiners Ausführungen, einem Protokoll der Debatten sowie den Statuten zum ersten Mal als kleine Broschüre für die Mitglieder gedruckt, deren Zahl inzwischen 585 Personen betrug. Grundlage waren stenografische Aufzeichnungen von Helene Finckh.
Frühere Veröffentlichungen: Herausgegeben von Marie Steiner in Aufbaugedanken und Gesinnungsbildung, Dörnach 1942
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185 Raffael ohne Hände: Steiner bezieht sich hier auf eine Passage aus Gotthold Ephraim Lessings Emilia Galotti (1,4), wo der Maler Conti zum Prinzen von Guas- talla sagt: «Oder meinen Sie, Prinz, dass Raffael nicht das größte malerische Genie gewesen wäre, wenn er unglücklicherweise ohne Hände wäre geboren worden?» An dieser Stelle geht es um die Frage, ob das Entscheidende bei einem Kunstwerk nicht vielmehr die Konzeption als die Ausführung ist.
186 zum Antrag Mieta Wallers: Rudolf Steiner hatte am 18. und 19. Oktober 1917 bei zwei öffentlichen Vorträgen in Basel geäußert, er würde den Johannesbau - «wenn dadurch nicht Missverständnisse über Missverständnisse sich ergeben würden», lieber Goetheanum nennen (GA 72, S. 50 und S. 105). Am 23. November in Basel sowie am 28. November 1917 in Bern (in: GA 72, S. 147 und S. 227) wiederholte er dann noch zweimal diesen Wunsch mit dem Zusatz «... wenn es nur auf mich ankäme». Obwohl Steiner eine Umbenennung nicht einfach beschließen lassen wollte, sondern einen offiziellen Beschluss erst nach einer gewissen Übergangszeit und der Gewöhnung an einen neuen Namen für sinnvoll erachtete, existiert ein Exemplar der bis dahin stets handgemalten Mitgliedskarten vom [Ende] Oktober 1918 für Hermann Linde, das unter dem Tau-Zeichen und dem Dodekaeder mit den Initialen des Rosenkreuzerspruches nur das Wort «Goehteanum» [sic!] aufweist (vgl. Rudolf Steiner, Das grafische Werk, Dörnach 2005, Bildband S. 51, Abb. 96 f.).
187 der Ententemächte: Mit dem Begriff «Entente» (frz. Bündnis, Einvernehmen) bzw. «Triple-Entente» wurde im Ersten Weltkrieg zunächst das Bündnis von Frankreich, Großbritannien und Russland bezeichnet. Später schlossen sich weitere Staaten dem Bündnis an. Die USA betrachteten sich lediglich als assoziierte Macht der Entente, der sie nicht beigetreten waren, während Russland zum Zeitpunkt dieser Dornacher Sitzung noch dazugehörtc, aber nach der Oktoberrevolution von 1917, die vier Tage nach der Sitzung am 25. Oktober 1917 begann, wieder ausschied.
189 jene, die von Mademoiselle Payen erwähnt worden sind: Konnte bislang nicht ermittelt werden.
Johannes Thomasius'. Jurist, Staatsmann und Dichter des 17. Jahrhunderts.
190 und die ich scharf bekämpfen musste: Gemeint sind die Zeitungsartikel, die nach der Grundsteinlegung des Baus nicht nur in der näheren Umgebung von Dörnach, sondern auch in der ganzen Schweiz und im Ausland erschienen sind. Die Bezeichnung «Tempel» bzw. «Tempelbau» - die allerdings in der internen Broschüre über den Wechsel des Projektes von München nach Dörnach (in diesem Band S. 66) von Steiner auch einmal selber gebraucht wurde - wurde später vor allem von dem Arlesheimer Pfarrer Max Kully aufgegriffen und in seinen beiden 1920 und 1921 erschienenen Pamphleten über Das Geheimnis des Tempels von Dörnach verbreitet. Vgl. dazu Die Anthroposophie und ihre Gegner (GA 255b), Dörnach 2003, S. 587f. et passim.
192 über den Sinn der Gruppe: Zur plastischen Gruppe des sogenannten Menschheitsrepräsentanten siehe Rudolf Steiner, Das plastische Werk, Basel 2011, S. 77-235.
gerade am letzten Montag: Gemeint ist der Vortrag vom 15. Oktober 1917 in Dörnach, in: Kunstgeschichte als Abbild innerer geistiger Impulse (G A 292), 3. Aufl. Dörnach 2000, S. 273-293.
195 ich habe darüber in Vorträgen öfter gesprochen: Siehe dazu den Vortrag vom 29. Oktober 1917 in: Kunstgeschichte als Abbild innerer geistiger Impulse (GA 292), 3. Aufl. Dörnach 2000, S. 316-337.
•Komm, Herr Jesus, sei unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast»: Traditionelles Tischgebet.
196 Ich habe ja in Betrachtungen ausgeführt: So im Vortrag vom 10. April 1913 in München (GA 62, S. 467), vom 8. Februar 1916 in Berlin (GA 166, S. 111). Eine Woche nach der Generalversammlung erwähnte Steiner es am 29. Oktober 1917 in seinen Vorträgen über Kunstgeschichte als Abbild innerer geistiger Impulse (GA 292, S. 319) erneut.
197 das Hans Duldeck: Gemeint ist das von Rudolf Steiner 1915 entworfene Haus für die Familie Grosheintz auf der Westseite des Dornacher Hügels; siehe Erich Zimmer, Rudolf Steiner als Architekt von Wohn- und Zweckbauten, Stuttgart 1971, S. 74-103, ferner: Unerkannte Avantgarde 100 Jahre Haus Duldeck, in: Archiv- Magazin. Beiträge aus dem Rudolf Steiner Archiv Nr. 4 (2015), S. 15-84.
199 ich habe das öfters ausgefiihrt: Über den Zusammenhang der menschlichen Haare mit dem Sonnenlicht sprach Rudolf Steiner am 15. September 1923, in: Initiationswissenschaft und Sternenerkenntnis (GA 228), 3. Aufl. Dörnach 2002, S. 146, sowie am 13. Februar 1924, in: Natur und Mensch in geisteswissenschaftlicher Betrachtung (GA 352), 3. Aufl. Dörnach 1981, S. 102.
200 in verschiedenen Holzformen, Holzarten auszufiihren: Es konnte bislang nicht ermittelt werden, welche Motive der plastischen Gruppe in welchem Holz auszuführen geplant waren; ausgewählt wurde schließlich Ulmenholz (Rüster), das Material für den Mantel der vierten und den Kern der fünften Säule im kleinen Kuppclraum, wo die Gruppe aufgcstellt werden sollte.
WORTMELDUNG ZUR I. AUSSERORDENTLICHEN
GENERALVERSAMMLUNG DES JOHANNESBAU VEREINS DÖRNACH
Dörnach, 1. November 1918
WORTMELDUNG ZUR 6. ORDENTLICHEN GENERALVERSAMMLUNG
DES JOHANNESBAU-VEREINS DÖRNACH
Domach, 3. November 1918
ANSPRACHE ZUR 6. GENERALVERSAMMLUNG DES
JOHANNESBAU-VEREINS DÖRNACH
Darnach, 3. November 1918
Kontext: Am 1. September 1918 hatte sich der Vereinsvorstand im Beisein von Rudolf und Marie Steiner im Hinblick auf die Umbenennung des Vereins versammelt. Die damals favorisierte Bezeichnung «Verein der Hochschule für Geisteswissenschaft Goetheanum» wurde bei der 1. außerordentlichen Generalversammlung des Vereins am 1. November jedoch nicht einfach übernommen, sondern die leicht veränderte Bezeichnung «Verein des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft» beschlossen. Für die spätere Geschichte des Vereins mag cs nicht unwichtig sein, zu beachten, dass mit dieser Namensänderung von 1918 der Verein sich nicht mehr wie zuvor primär auf den Bau, sondern fortan auf die «Hochschule für Geisteswissenschaft» bezog, mehrere Jahre bevor cs die von Rudolf Steiner zur Weihnachtstagung von 1923/24 gegründete Freie Hoch schule für Geisteswissenschaft als Institution mit ihren drei projektierten Klassen gab. Streng genommen wäre es daher von diesem Zeitpunkt an nicht mehr exakt, verkürzt nur von einem «Bauverein» zu sprechen. Zudem hatte die zu diesem Zeitpunkt bereits beschlossene Gründung einer Treuhandgesellschaft den Zweck, die mit der Finanzierung des Baus verbundenen Aufgaben des Johannesbau-Vereins zu übernehmen. Vgl. dazu auch Steiners Begründung in seinen Aufsätzen über «Das Goetheanum in seinen zehn Jahren» (GA, 36, S. 309), wo es heißt: «Da die Anthroposophie in der Zeit, in welcher mit dem Bau begonnen wurde, bereits wissenschaftlich vorgebildete und arbeitende Mitglieder auf den mannigfaltigsten Gebieten gefunden hatte und deshalb in Aussicht stand, die geisteswissenschaftlichen Methoden in den einzelnen Wissenschaften anzuwenden, durfte ich Vorschlägen, der Bezeichnung des Baues den Zusatz zu geben: «Freie Hochschule für Geisteswissenschaft».
Textgrundlage ist das Typoskript des Protokolls; stenografische oder handschriftliche Aufzeichnungen haben sich nicht erhalten. Frühere Veröffentlichungen: Wie im vorausgegangenen Jahr erschien auch diesmal nach der Generalversammlung eine gedruckte Broschüre für die Mitglieder. Das 1 left mit der Ansprache wurde von Greiner & Pfeiffer in Stuttgart ohne Jahresangabc gedruckt mit dem Vermerk auf der Titelseite: «Überreicht durch die Treuhandgesellschaft des Goetheanum Dörnach m. b. H, Stuttgart, Hackstr. 9/13». Zur Treuhandgesellschaft des Goetheanums siehe den Hinweis zu S. 212.
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202 pari: Von lat. paritas, Gleichheit, gleich stark, bezeichnet im Bank- und Börsenwesen den Fall, dass der Nennwert eines Wertpapiers dem Börsenwert entspricht, hier im Sinne von 1 Schweizerfranken =■ 1 Deutsche Mark.
204 schon früher verbunden mit der Gegend: Emil Grosheintz besaß 1912 eine Parzelle auf dem Dornacher Hügel, die er Rudolf Steiner für einen Wechsel des Projektes von München nach Dörnach angeboten hat. Sie war der Ausgangspunkt für die umfangreichen Landkäufe im folgenden Jahr; vgl. Nelly Grosheintz-Laval: Die Feier der Grundsteinlegung zum ersten Goetheanum am 20. September 1913, in: Erika Beltle, Kurt Vieri (Hrsg.), Erinnerungen an Rudolf Steiner, Stuttgart 2001, S. 143-147.
205 in 'Zürich eine eurythmische öffentliche Aufführung: Eine für den 18. Oktober 1918 in Zürich geplante erste öffentliche Eurythmieaufführung kam nicht zustande, weil keine Genehmigung erteilt wurde. Die erste öffentliche Aufführung fand dann auf der Pfauenbühne im Zürcher Schauspielhaus am 24. Februar 1919 statt.
206 für das einzuladende Philistertum: Philister ist eine historische Bezeichnung für die Bewohner der palästinensischen Küstenregion, auf die auch der Name Palästina zurückgeht. In neuerer Zeit wird der Ausdruck dann als Synonym für obrigkeitshörige und spießbürgerliche Menschen mit begrenztem Horizont verwendet.
208 Botokudentum: Der Name für Angehörige eines mittlerweile fast ausgestorbenen indigenen Stammes in Brasilien (heute Krenak oder liorun genannt) war lange der Schimpfname für einen unzivilisierten Menschen. Der Name botocudos (von botoque = Holzpflock) leitet sich vom Brauch des Tragens hölzerner Lippcntellcr ab.
Sophie Stinde (1853-1913) war in Karlsruhe und München als Malerin ausgebildet und als Landschaftsmalerin bekannt geworden. Zusammen mit Pauline von Kalckrcuth war sie schon ab 1902 Leiterin des Münchner theosophischen Hauptzweiges und ab 1904 esoterische Schülerin Steiners. Sic war bei der Organisation des Münchner Kongress 1907 beteiligt und dort mit eigenen Landschaftsbildcrn vertreten und richtete im selben Jahr in München einen Kunst-und Musiksaal für Arbeiterein. In der weiteren Zeit war sie eine treibende Kraft bei der Organisation der Münchner Mysteriendramen-Aufführungen und dem daraus hervorgehenden Bauimpuls.
210 dass die Form der Farbe Werk ist: Siehe: Die Pforte der Einweihung, 8. Bild (5. Aufl. Dörnach 1998, S. 124): «O diese Farben, sie sind flächenhaft / Und sind es nicht, / Es ist, als ob sie sichtbar seien nur, / Utn sich unsichtbar mir zu machen. / Und diese Formen, / Die als der Farbe Werk erscheinen, / Sie sprechen von dem Geistesweben, / Von vielem sprechen sic, / Was sic nicht selber sind.»
211 Hermann Linde (1863-1923), studierte Malerei in Dresden und Weimar und war als Orientmaler bereits in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts überregional bekannt. Danach gehörte er den Impressionisten der Dachauer Künstlerkolonie um Corinth, Slevogt, Holzel, Liebermann und von Uhde an. 1904 hörte er Steiner in München zum ersten Mal, wurde bald darauf Mitglied der Theosophischen Gesellschaft und nahm 1907 am Münchner Kongress teil. Ab 1909 war er intensiv bei den Aufführungen der Mysteriendramen als Kulissenmalcr beteiligt und gehörte zum Kreis der Gründer des Johannesbau-Vereins sowie der «Gesellschaft für theosophische Art und Kunst». In Dörnach malte er mehrere Motive der der großen Kuppel und leitete die dort beschäftigten Künstler. Nach dem Tode Sophie Stindes übernahm er 1915 ihre Stelle im Vorstand des Johannesbau-Vereins neben Emil Grosheintz.
211 auch nun in der großen Kuppel: Die Erwähnung bezieht sich auf die Anfrage Hermann Lindes, ob Steiner nicht nach seinem Beitrag zur Bemalung der kleinen Kuppel auch in der großen Kuppel malen könne; vgl. dazu R. Steiner, Das malerische Werk, Dörnach 2007, S. 168-173 mit der ablehnenden Antwort Rudolf Steiners.
212 [und] wiederum eine Zeitlang abwesend sein [muss]: Sinngemäße Änderung. In der Tcxtgrundlage heißt es: «... wiederum eine Zeitlang abwesend sein zu müssen.» Treuhandgesellschaft: Die von Steiner hier erwähnte Treuhandgescllschaft für das Goetheanum war im Laufe des Jahres 1918 mit dem Zweck gegründet worden, die mit dem Bau verbundenen finanziellen Aufgaben zu übernehmen, die im Laufe der Kriegsjahre zu immer erheblicheren Problemen geführt hatten, aber von der Leitung des Johannesbau-Vereins nicht mehr ohne Weiteres bewältigt werden konnten. Es handelt sich dabei konkret um eine deutsche und eine schweizerische Treuhand- gcscllschaft. Die Initiative und den Vorsitz der deutschen, in Stuttgart lokalisierten Gesellschaft hatte der Unternehmer Emil Molt, der an Steiner zu jener Zeit auch mit der Idee zur Gründung einer Schule für die Arbeiterkinder der dort von ihm geleiteten Waldorf-Astoria-Zigarcttenfabrik herantrat, und die nötigen Kenntnisse und Fähigkeiten für die Leitung einer solchen Gesellschaft besaß. Vgl. dazu die Nachrichten der Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung 24/25, Ostern 1969, S. 16. Da der Vorsitzende der Treuhandgesellschaft auch dem Vorstand des Goetheanum- Vcrcins angeboren sollte, wurde die Zahl der ordentlichen Mitglieder des Vereins auf 13 und die der Vorstandsmitglieder auf 11 erhöht. Nach einer Vorbesprechung am 9. November fand eine gemeinsame Sitzung von Vertretern der deutschen Treuhandgesellschaft, der schweizerischen, zunächst in Zürich lokalisierten Treuhandgescllschaft und des Vereins des Goetheanum statt, bei der ein «trilateraler» Vertrag abgeschlossen wurde. Im Jahre 1922 wurde dieser Vertrag jedoch schon wieder aufgelöst, und die Finanzverwaltung ging wieder an den Verein des Goetheanum über, wobei die Trcuhandgesellschaft des Goetheanum in Stuttgart noch im August 1923 im «Aufruf zum deutschen Goetheanum-Fonds» als Zieladressc für Spenden für den Wiederaufbau des Goetheanum fungierte. (GA 259, S. 167-169).
Emil Molt (1876-1936) war Kaufmann und Unternehmer und 1906 Mitbegründer der Waldorf Astoria GmbH Hamburg-Stuttgart, die bald zu einer international bekannten Zigarettenfabrik aufstieg. In Stuttgart wurde er mit Adolf Arenson und Carl Unger bekannt, nahm 1907 am Münchner Kongress teil und wurde 1908 Mitglied der esoterischen Schule. Molt setzte sich 1911 für den Bau des Stuttgarter Zwcighauscs ein. Während des Krieges veranlasste er die Bestückung von Zigarettenpäckchen für die Soldaten mit kleinen Heftchen, u.a. dem Anthroposophischen Seelenkalender.
ANSPRACHE ZUR 7. GENERALVERSAMMLUNG DES
VEREINS DES GOETHEANUM, DER FREIEN HOCHSCHULE
FÜR GEISTESWISSENSCHAFT
Dörnach, 25. April 1920
Kontext: Die ursprünglich auf den 30. Dezember 1919 cinbcrufcnc 7. Generalversammlung wurde aufgrund zu geringer Beteiligung vertagt und fand deshalb erst im folgenden Jahr statt. Auch nach der offiziellen Umbenennung des Johannesbau-Vereins in «Verein des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft» (Anmeldung für das Handelsregister am 4. Dezember 1918, Eintrag am 3. Februar 1919) wurde die bisherige Zählung der ordentlichen und außerordentlichen Versammlungen fortgeführt. Nachdem es in der zweiten Hälfte des Jahres 1918 zwischen dem damaligen Kassenwart des Bau Vereins Joseph Englert und den übrigen Vorstandsmitgliedern zu einer Vertrauenskrise gekommen war, die in einer Versammlung am 10. Januar 1919 gipfelte, schied Englert aus dem Vorstand des Bauvercins aus. In einer Sitzung des Vorstands, bei der Steiner und Englert anwesend waren, wurde fcstgchaltcn, dass Letzterer keinerlei finanzielle Ansprüche an den Verein geltend machen kann.
Textgrundlage: Typoskript des Protokolls, unterschrieben von Hermann Linde. Frühere Veröffentlichungen: Gemäß dem Antrag Rudolf Steiners wurde das Protokoll der Sitzung mit der Ansprache Steiners bereits kurz nach der Generalversammlung in gedruckter Form publiziert und darf daher als von Steiner autorisiert gelten. Die Ansprache erschien unter dem Titel «Worte Dr. Steiners über die Bedeutung der Verbindung des Goethe- anumbaues mit der allgemeinen Zeitkultur» in dem 1942 von Marie Steiner herausgegebenen Band Aufbaugedanken und Gesinnungsbildung.
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218 die Vorträge [...], welche vor kurzer Zeit: Eine Gruppe jüngerer Mitarbeiter unter der Federführung von Roman Boos organisierte im März 1920 eine Veranstaltung über «Anthroposophie und Fachwissenschaften», in deren Rahmen Rudolf Steiner zwischen dem 24. März und dem 7. April mehrere Vorträge hielt und Fragen beantwortete (GA 77b). Der Kurs war ein Vorläufer des «Ersten anthroposophischen Hochschulkurses», der zur provisorischen Eröffnung des Goetheanums vom 26. September bis zum 16. Oktober 1920 stattfand (GA 322).
Der • Verein des Goetheanismus»: Der Verein war von Roman Boos, Ernest Etienne und Karl Ballmer 1920 vor dem Hintergrund der Drciglicderungsbewegung gegründet worden, um die Veranstaltungstätigkeit am Goetheanum zu fördern und anderweitig sozial tätig zu werden. Siehe auch den Hinweis zu Seite 219.
219 vertrauensvoll eine Summe übergeben: Vgl. dazu den Brief von Edith Maryon an Rudolf Steiner vom 6. Juli 1919 (GA 263a, S. 33), wo es heißt: «Eine Amerikanerin, jetzt Engländerin, ist mir heute vorgestellt worden durch Herrn Dr, Boos und sie verspricht Mittel und sonstige Hilfe. Sie war sehr nett. [...] Eine schreckliche Wohnungsnot ist ausgebrochen, viele Häuser sind verkauft worden. [...] Mit Herrn Bay habe ich jetzt viel darüber gesprochen, ob es möglich wäre, kleine Häuser zu bauen und Zimmer um 30-35 frs. abzugeben, und jetzt beschäftigt er sich mit der Frage.»
219 drei kleinere Häuser: Gemeint sind die drei sogenannten Eurythmistenhäuser, die nach Plänen Rudolf Steiners und Edith Maryons im Jahre 1921 südlich des Goetheanums errichtet wurden; siehe E. Zimmer, Rudolf Steiner als Architekt von Wohn- und Zweckbauten, Stuttgart 1971, S. 126-141.
Herrn Bay: Paul Bay (1891-1952) war Architekt und Bildhauer und seit 1914 im Dornacher Baubüro tätig. In der Zeit von 1920 bis 1925 führte er mehrere Bauten nach Entwürfen Rudolf Steiners aus, so neben den drei Eurythmistenhäusern das Haus de Jaager, das Haus Haideck und die alte Kantine.
Herr Dr. Boos, Herr Etienne und Herr Ballmer: Dr. Roman Boos (1889-1952), Jurist und Sozialwissenschaftler, war Pionier der Dreigliederungsarbeit in der Schweiz und ab 1919 Herausgeber der Monatsschrift Soziale Zukunft-, Ernest Etienne (1876-1968) war Ingenieur, wohnte ab 1919 in Arlesheim und wirkte ab Juni 1920 im Verwaltungsrat der «Futurum AG». Im März 1925 wurde er von Steiner in die Leitung der «Administration des Goctheanum-Baucs» berufen. Karl Ballmer (1891-1958) war als Kunstmaler ausgebildet und traf 1917 Roman Boos, für dessen Monatsschrift er 1919 eine Titelzeichnung entwarf. 1920 hielt er Vorträge über Kunst im Rahmen des Ersten anthroposophischen Hochschulkurses, verließ jedoch Dörnach wieder und betätigte sich als Maler und philosophierender Schriftsteller in Deutschland und ab 1938 in der Schweiz.
220 im Spätherbst: Gemeint ist der Erste anthroposophische Hochschulkurs, der zur provisorischen Eröffnung des Goetheanums vom 26. September bis zum 16. Oktober 1920 in Dörnach stattfand (GA 322).
221 Ich arbeite ...an der Druckfertigstellung: Das Erscheinen eines solchen Bandes konnte erst Jahre nach Rudolf Steiners Tod erfolgen, als Marie Steiner 1932 den Band Der Baugedanke des Goetheanum mit Bildern von Gertrud von Hcyde- brand, Rudolf Steiners Text «Goethe und Goetheanum» sowie seinem Vortrag vom 29. Juni 1921 publizierte (heute GA 289).
vielleicht nicht uneben: ein heute nicht mehr gebräuchliches Synonym für «nicht übel».
start eines Entrees: statt einer Vorspeise.
223 der eigentlichen Entente: Siehe den Hinweis zu Seite 187.
225 der medizinische Kursus: Gemeint ist der «Geisteswissenschaftliche Fachkurs für Ärzte und Medizinstudierende», der vom 21. März bis 9. April 1920 in Dörnach stattfand und bereits im selben Jahr in 20 Einzelheften im Verlag «Der kommende Tag» gedruckt wurde (heute unter dem Titel Geisteswissenschaft und Medizin GA 312).
WORTE ZUR ERÖFFNUNG DES GOETHEANUMS
Dörnach, 26. September 1920
BEI DER ERÖFFNUNG DER HOCHSCHULKURSE AM GOETHEANUM
Autoreferat in der Goetheanum-Sondemummer
der Waldorf-Nachrichten (März 1921)
Kontext: Am 26. September 1920 wurde der inzwischen in Goetheanum umbenannte Bau mit dem «Ersten anthroposophischen Hochschulkurs» (Rudolf Steiners Vorträge heute in GA 322) für Veranstaltungen und Aufführungen eröffnet. Steiner bezeichnete diese Eröffnung wiederholt als eine provisorische, da die plastische Gruppe des sogenannten Menschheitsrepräsentanten, die an der Ostseite der kleineren (Ost-)Rolunde stehen soll le, zu diesem Zeitpunkt noch in Arbeit war.
Textgrundlage: Die Publikation des Vortrags beruht auf dem Stenogramm und der maschinenschriftlichen Übertragung von Helene Finckh. Frühere Veröffentlichungen: Die Eingangspassagen der Eröffnungsrede erschienen erstmals im Anhang von GA 322, S. 129, das Autoreferat erschien in der Goetheanum-Sondemummer der Waldorf-Nachrichten, 3. Jahrgang, Nr. 4/5, S. 84-84.
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240 wem die Natur ...: Siche den Hinweis zu Seite 137.
ANSPRACHE ZUR 8. GENERALVERSAMMLUNG DES VEREINS
DES GOETHEANUM, DER FREIEN HOCHSCHULE FÜR
GEISTESWISSENSCHAFT
Dörnach, 27. Juni 1921
Kontext: Die Einladung zur 8. ordentlichen Generalversammlung des Vereins des Goetheanum erfolgte damals an alle 945 Mitglieder, somit auch an die lediglich beitragenden, die bislang nicht an den Generalversammlungen teilgenommcn hatten. Der Vorstand hätte schon 1920 nach sieben Jahren neu gebildet werden müssen, wurde aber aufgrund der Überlastung der Versammlung nach Vorschlag Carl Ungers erst im folgenden Jahr durch Akklamation bestätigt. Lediglich Alfred Gysi trat zurück und wurde durch den Basler Verleger und Buchhändler Rudolf Geering-Christ ersetzt. Die ordentlichen Mitglieder waren somit außer diesem: Emil Grosheintz, Hermann Linde, Lucie Bürgi-Bandi, Emilie von Gumppenberg, Marie Hirter-Weber, Pauline Gräfin von Kalckreuth, Emil Molt, Marie Schieb, Carl Unger und Otto Graf Lerchcnfcld.
Textgrundlage ist die gedruckte Ausgabe der Ausführungen Rudolf Steiners in der Broschüre der Generalversammlung. Bisherige Veröffentlichungen: Wie bei vorausgegange- nen Generalversammlungen wurde auch 1921 eine Broschüre gedruckt. Die Ansprache erschien unter dem Titel «Die Sorgenbilanz Dr. Steiners. Einiges über die finanzielle und allgemeine Situation des Goetheanum» in detn 1942 von Marie Steiner herausgegebenen Band Aufbaugedanken und Gesinnungsbildung.
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244 Kurse aus allen Wissenschaftsgebieten: Gemeint sind die Veranstaltungen im Rahmen des Ersten anthroposophischen Hochschulkurses zur Eröffnung des Goetheanums (27. September bis 16. Oktober 1920) mit fast 100 Vorträgen und künstlerischen Darbietungen von insgesamt 33 Dozentinnen und Dozenten.
Hinaustragen der eurythmischen Kunst: Siche dazu Seite 2511.
245 eine unschöne Gegnerschaft: Siche dazu Die Anthroposophie und ihre Gegner (GA 255b), Dörnach 2003, insbesondere den Vortrag vom 25. Mai 2921 in Stuttgart (S. 295-340).
die ... Kursveranstaltungen: Gemeint ist der Erste anthroposophische Hochschulkurs (GA 233) sowie der Zweite Anthroposophische Hochschulkurs vom 3. bis 10. April in Dörnach (GA 76).
ANSPRACHE ZUR 9. GENERALVERSAMMLUNG DES VEREINS
DES GOETHEANUM, DER FREIEN HOCHSCHULE FÜR
GEISTESWISSENSCHAFT
Dörnach, 25. Juni 1922
Kontext: An dieser letzten Generalversammlung vor dem Brand des Goetheanums war die Mitgliedcrzahl auf über 1000 gestiegen, und die bis dahin in den Bau investierte Summe betrug etwa fünfeinhalb Millionen Franken, wobei größere Beträge von Mitgliedern aus der der Schweiz, Holland, Dänemark und Amerika gespendet wurden.
Textgrundlage ist die von Marie Steiner handschriftlich redigierte maschinenschriftliche Übertragung des Stenogramms von Helene Finckh. Die dort vorgenommenen, vorrangig in Wortumstellungen bestehenden Änderungen wurden zumeist wieder zurückgenommen, um dem ursprünglichen gesprochenen Wortlaut des Vortrags näher zu kommen. Nennenswerte Streichungen, Änderungen oder Hinzufügungen Marie Steiners, die bei der Veranstaltung anwesend war, werden in den Hinweisen vermerkt.
Frühere Veröffentlichungen: Unter dem Titel «Die geistige Grundlage unserer Bilanzführung” (mit dem inkorrekten Datum «24. Juni 1922») in dem 1942 von Marie Steiner herausgegebenen Band Aufbaugedanken und Gesinnungsbildung.
zu Seite:
251 Wiener Kongress:. Gemeint ist der «Zweite internationale Kongress der anthroposophischen Bewegung», der vom l.bis 12. Juni 1922 im Wiener Musikvereinsgebäude stattgefunden hatte (Rudolf Steiners Vorträge heute GA 83).
die äußerlich schreiendste: Korrektur von Marie Steiner; in der Textgrundlage steht «äußerst schreiendste».
252 einen Kursus: Anlass war der Vortrag vom 6. Juni 1922 in Wien, in: Die Kunst der Rezitation und Deklamation: Dichtung und Rezitation (GA 281), 3. Aufl. Dörnach 1987, S. 118-135.
253 abfällige Besprechung: «abfällige» wurde von Marie Steiner hinzugefügt. 253 in besonders ausgeprägtem Maße in Wien: Siehe Hinweis zu Seite 251.
254 Ein Artikel «Steinerismus»: Es handelt sich um einen Artikel des Polizeijuristen, Polizeischriftstellers und Parapsychologen Ubald Tartaruga (bis 1920: Edmund Otto Ehrenfreund) im Neuen Wiener Journal vom 15. Juni 1922, S. 8f.
255 in den Realitäten nicht auskennen: Einfügung Marie Steiners.
so stark da: Einfügung Marie Steiners.
257 in andere Gesellschaften: Einfügung Marie Steiners; in der Textgrundlage steht «in andere Dinge».
258 Steffen: Der Schriftsteller und Dichter Albert Steffen (1884-1963) war ab 1921 Redakteur der Zeitschrift Das Goetheanum und ab 1924 im Vorstand der neu gegründeten Anthroposophischen Gesellschaft.
259 Meine zauberischen Wirkungen auf den deutschen Kaiser: Adolphe Fernere (1879- 1960), Schweizer Soziologe und Pädagoge, hatte in der Zeitschrift Suisse-Belgique- Outremer (1. Jg., Nr. 3-4, Juli/Aug. 1919, S. 19) in seinem Aufsatz «La loi du progres economique et la justice sociale. II. L’organisme social» die Behauptung aufgestellt: «Quel abime, si nous passons d’un Emile Waxweiler ä un Rudolf Steiner! L’un est, au premier abord, obscur dans sa terminologic, mais sa pensec est d'une clartc aigue. L’autrc devcloppe scs pensees en unc langue que ses intimes pourront trouverclaire; mais sa pensee nous parait eminemment obscure! L’ecrivain allemand est theosophe. On affirme qu’il fut le conseiller intime, le confident et l’inspirateur de Guillaume 11; par deference nous ne rcpetcrons point l’cxprcssion de «Raspou- tinc> de Guillaume II, par laquelle nous l’avons entendu designer.» Im Vortrag vorn 21. Dezember 1919 (GA 195, S. 28) übersetzte Steiner diese Passagen mit: «Welch ein Weg ist von den klaren Gedanken von Waxweiler bis zu den obskuren Gedanken von Rudolf Steiner! Aber dieser Herr ist ja auch gewesen der Intimus von Wilhelm 11., und es wird gesagt, dass er mit wichtigen Ratschlägen gerade in den letzten Jahren dem Wilhelm II. beigestanden hat, sodass man auch diesen Mann den Rasputin bei Wilhelm II. nennen kann. Wir wollen uns nicht zum Vermittler dieses Gerüchtes machen ...» Vgl. dazu auch den Vortrag vom 15. Februar 1920, in: Geistige und soziale Wandlungen in der Menschheitsentwickelung (GA 196), 2. Aufl. Dörnach 1992, S. 240.
260 heranzutreten: Einfügung Marie Steiners.
unserer Bewegung: Der folgende Absatz, fehlt in der Ausgabe von 1942.
261 Philippika: Die Bezeichnung für eine leidenschaftliche Straf-, Angriffs- oder Kampfrede leitet sich von dem antiken Redner Demosthenes her, der in der zweiten Hälfte des 4. Jh. v. Chr. die Athener zum Widerstand gegen den damals von Norden heranrückenden Makedonenkönig Philipp II. aufgerufen hatte.
262 des «Kommenden Tags» und des «Futurum»: Die Aktiengesellschaften «Der kommende Tag» sowie die «Futurum AG» wurden 1920 im Kontext der Dreigliederungsbewegung in Stuttgart und in Dörnach als assoziative Unternehmen gegründet, um die anthroposophische Bewegung durch die Einkünfte aus verschiedenen Wirtschaftsbetrieben finanziell unterstützen zu können, so etwa durch den im selben Jahr gegründeten Verlag «Der kommende Tag» oder das «Bankhaus der kommende Tag Adolf Koch & Co». Auch bereits bestehende Betriebe wie die Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik, die Werkzeugmaschinenfabrik Carl Unger oder die Kartonagenfabrik Jose del Monte gehörten zu der Assoziation. Die Gesellschaften konnten sich in der allgemeinen Wirtschaftskrise jedoch nicht behaupten und mussten ab 1924 nach und nach liquidiert werden.
262 ratio: lat. Verstand, Vernunft.
263 fünfzig Millionen Franken: Von Marie Steiner für die Erstausgabe 1942 in «fünfzehn Millionen» geändert. Anmerkung im Manuskript: «Zeit der Inflation»
266 wenn ich die Schreinerei verlasse: Rudolf Steiners Vorträge auf dem Dornacher Hügel fanden seit Juni 1914 in der freigeräumten Schreinerei des Baugeländes statt.
267 Kursus für Schweizer Lehrer: Vom 20. April bis zum 11. Mai 1920 hielt Rudolf Steiner 14 Vorträge für Lehrer und Lehrerinnen Basels und Umgebung, in: Die Erneuerung der pädagogisch-didaktischen Kunst durch Geisteswissenschaft (GA 301), 4. Aufl. Dörnach 1991.
Hier ist zu Weihnachten: Der sog. Weihnachtskurs für Lehrer fand vom 24. Dezember 1921 bis zum 7. Januar 1922 in Dörnach statt, in: Die gesunde Entwickelung des Menschenwesens. Eine Einführung in die anthroposophische Pädagogik und Didaktik (GA 303), 4. Aufl. Dörnach 1987.
269 ausgesackelt werden: Österreichischer Ausdruck für ausgenommen, ausgeplündert.
ANSPRACHE ZUR 10. GENERALVERSAMMLUNG DES VEREINS
DES GOETHEANUM, DER FREIEN HOCHSCHULE FÜR
GEISTESWISSENSCHAFT
Dörnach, 17. Juni 1923
Kontext: Die 10. Generalversammlung des Goetheanum-Vereins war die erste Generalversammlung nach dem Brand des Goetheanums in der Silvesternacht 1922/23, bei dem es sich erwiesenermaßen um eine sorgfältig geplante und durchgeführte Brandstiftung handelte. Während die öffentlichen Reaktionen auf die Brandkatastrophe vielfach von echtem Mitgefühl für die Dornacher Anthroposophen geprägt waren, zeigte Rudolf Steiner selber keine Anstalten, den oder die Brandstifter zu finden und zu überführen, sondern wies die Mitglieder auf ihre eigene Mitverantwortung für das Zustandekommen der Katastrophe hin. Manche von den notorischen Problemen in der Gesellschaft hatte Steiner schon vor dem Brand angesprochen, wie etwa bei der vorausgegangenen 9. Generalversammlung im Juni 1922; siehe dazu Das Schicksalsjahr 1923 in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft. Vom Goetheanumbrand zur Weihnachtstagung. Ansprachen, Versammlungen und Dokumente, Januar bis Dezember 1923 (GA 259), Dörnach 1991.
Textgrundlage ist das von Marie Steiner 1942 für den Druck redigierte Typoskript der Ansprache unter Berücksichtigung von Hörernotizen (Leuk, Scott-Pyle). Die Änderungen Marie Steiners, hauptsächlich Wortumstellungen, wurden zumeist wieder zurückgenommen, um dem gesprochenen Wort näher zu kommen.
Bisherige Veröffentlichungen: Die Ansprache erschien unter dem Titel «Die in das erste Goetheanum hereingebaute moralische Substanz» in dem 1942 von Marie Steiner herausgegebenen Band Aufbaugedanken und Gesinnungsbildung, ferner ohne Titel in Das Schicksals/ahr 1923 in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft. Vom Goetheanumbrand zur Weihnachtstagung. Ansprachen, Versammlungen und Dokumente, Januar bis Dezember 1923 (GA 259), Dörnach 1991, S. 146-158.
zu Seite:
271 des Herrn Vorsitzenden: Emil Grosheintz.
278 eine innere Opposition: Siche dazu etwa den Vortrag vom 29. Oktober 1920 in Dörnach, in: Die neue Geistigkeit und das Chrtstus-Erlebnis des zwanzigsten Jahrhunderts (GA 200), 4. Aufl. Dörnach 2003, S. 101.
die drei Perioden ihres Daseins: Gemeint sind die drei Perioden in der Entwicklung der anthroposophischen Bewegung; vgl. dazu etwa den Vortrag vom 23. Dezember 1921 in Dörnach, in: Die gesunde Entwickelung des Menschenwesens. Eine Einführung in die anthroposophische Pädagogik und Didaktik (GA 303), 4. Aufl. Dörnach 1987, S. 7-22.
ANSPRACHE ZUR INTERNATIONALEN DELEGIERTEN VERSAMMLUNG
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT FÜR DEN
WIEDERAUFBAU DES GOETHEANUMS
Darnach, 21. Juli 1923
Kontext: Am 21. Juli 1923 begann um 10 Uhr die erste allgemeine Versammlung der Delegierten und sonstiger Mitgliederder Anthroposophischen Gesellschaft (vgl. GA 259, S. 556). Am Schluss der Versammlung wurde ein Bericht über die Vorverhandlungen gegeben und darüber diskutiert, wie die Mittel für den Wiederaufbau des Goetheanums aufgebracht werden können. In der Einleitung der Erstpublikation von 1942 heißt es (S. 65): «Im Juli 1923 fand in Dörnach die Delegiertenversammlung aller Sektionen der Anthroposophischen Gesellschaft statt. Die Mitgliedschaft aller Länder war von dem einen Wunsche beseelt: das Goetheanum möge wieder neu aufgerichtet werden. So wurde denn, auf dringende Bitten hin, die Versammlung einberufen, in der die Vertreter aller Sektionen die Mittel und Wege beraten wollten, die zur Erfüllung ihres heißen Wunsches führen würden. Der Vorsitzende des Kongress-Ausschusses, Herr Albert Steffen, schloss seine Ansprache, nachdem er die Mitteilung gemacht hatte, dass die Versicherungssumme ausgczahlt worden sei, mit den Worten: <Zu diesem Geldc, das von widerwilligen Steuerzahlern herrührt, müssen wir das Gegengewicht schaffen. Wir müssen noch mehr Opferfreude und Gemeinschaftsgefühl entwickeln als beim ersten Bau. Wir müssen uns als Gesellschaft auf das festeste zusammenschließen. Es gilt für das Größte einzutreten, das es gibt auf der Welt.»
Dr. Wachsmuth, der Schriftführer, brachte am Ende seines Berichtes die Resolution zur Vorlesung, die bei der Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz einstimmig angenommen worden war: «Die Anthroposophische Gesellschaft in der Schweiz drückt in der heutigen Versammlung den Wunsch aus: Herr Dr. Steiner möge den Wiederaufbau des Goetheanum in Dörnach in die Hand nehmen. Sie räumt ihm als maßgebenden künstlerischen Leiter Vollmacht ein, den Bau in jeder Beziehung, sowohl was die Verwendung der hierzu bestimmten Gelder, als auch was die Auswahl der mitwirkenden Persönlichkeiten betrifft, nach eigenem Ermessen und eigener Disposition, ohne irgendwelche Einmischungen von Seiten der Mitglieder, durchzuführen.»
Der Bericht über diesen Beschluss, der an die auswärtigen Zweige verschickt worden war, hatte überall begeisterte Zustimmung gefunden. So schritt man jetzt zur Beratung über die Aufbringung der Mittel. Verschiedene Vorschläge wurden eingebracht. Dr. Steiner sprach, als er darum gebeten wurde, dazu die folgenden Worte: ...»
Textgrundlagc: Maschinenschriftliche Übertragung des Stenogramms von 1 lelene Finckh.
Frühere Veröffentlichungen: In dem von Marie Steiner herausgegebenen Band Aufbau- gedanken und Gesinnungsbildung, Dörnach 1942, S. 65-75; ferner in: Das Schicksalsjahr 1923 in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft (GA 259), Dörnach 1991, S. 575-583. Ausführungen Rudolf Steiners und verschiedene Dokumente wie der Geschäftsbericht der zehnten ordentlichen Generalversammlung des Vereins des Goetheanum u. v. m. erschienen bereits in den Abschnitten «Aus der Arbeit für den Wiederaufbau des Goetheanum und die Neubildung der Anthroposophischen Gesellschaft» sowie «Versammlungsprotokolle mit Ausführungen Rudolf Steiners, sowie andere Dokumente» in GA 259, S. 57-194 und S. 195-746. Dort finden sich auch auf S. 585-593 weitere Ausführungen Rudolf Steiners vom 22. Juni 1923, die sich mehr auf die allgemeine Zeitsituation und die Wochenschrift Das Goetheanum beziehen und deshalb nicht in diesen Band aufgenommen wurden.
zu Seite:
284 man solle eine liroschüre zustande bringen: Bezieht sich auf den Vorschlag von Miss Groves, unterstützt von Baronin Rosenkrantz, eine Broschüre auszuarbeiten, mit der man sich an die Außenwelt wenden könne, mit Bildern vom ersten, eventuell auch vom zweiten Goetheanum.
285 exiliert worden: Anmerkung der Erstausgabe: «Der Ausspruch hatte gelautet: Der Bau, der erst in Deutschland stehen sollte, wurde exiliert von denjenigen Mächten, die Herr Steffen charakterisiert hat, und fand hier eine Heimat, wo diese Mächte nicht mehr so ausschlaggebend waren, dass sie die Gesetze bestimmten.»
292 im Journal de Geneve: Gemeint sind die anonymen Artikel vom 14./15. Februar 1922, S. 5 mit dem Titel «Anthroposophie et Radicalisme» sowie vom 24. Februar 1922, S. 5, mit dem Titel «A propos de la «Futurum»».
ABSCHLUSSWORTE ZUR INTERNATIONALEN
DELEGIERTENVERSAMMLUNG DER ANTHROPOSOPHISCHEN
GESELLSCHAFT FÜR DEN WIEDERAUFBAU DES GOETHEANUMS
Darnach, 22. Juli 1923
Kontext: Es handelt sich um die Schlussworte des dritten Vortrags über Drei Perspektiven der Anthroposophie (GA 225, S. 169- 184). In der Erstausgabe von 1942 heißt es dazu: «Am Nachmittag des 22. Juli, nachdem die Vertreter der auswärtigen Zweige ihr Vertrauen auf das Gelingen der in Aussicht genommenen Aktion ausgesprochen hatten, wurde der Antrag gestellt, dass nunmehr die Mitglieder der übrigen Länder die von der Schweiz angenommene Resolution auch ihrerseits annähmen. Der Vorsitzende bat diejenigen, welche der Resolution zustimmten, sich von den Sitzen zu erheben. - Alk- Delegierten blieben einige Augenblicke schweigend stehen.»
Textgrundlage: Stenogramm Helene Finckhs. bisherige Veröffentlichungen: Herausgegeben von Marie Steiner in Aufbaugedanken und Gesinnungsbildung, Dörnach 1942, S. 73-75; ferner in Das Schicksalsjahr 1923 in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft (GA 259), S. 593-596.
zu Seite:
295 in meiner Darstellung: Siehe Rudolf Steiners Aufsätze -Das Goetheanum in seinen zehn Jahren», in: Das Goetheanum. II. Jg, Nr. 23-26 (14. Januar, 4. und 18. Februar, 18. März 1924), wieder abgedruckt in: Der Goetheanumgedanke inmitten der Kulturkrisis der Gegenwart (GA 36), Dörnach 1961, S. 305-333; hier heißt cs (S. 308): «Ich selbst betrachtete mich nur als Beauftragten dieser Träger der Bauabsicht.»
WORTMELDUNGEN RUDOLF STEINERS WÄHREND DER 11. ORDENT-
LICHEN GENERALVERSAMMLUNG DES VEREINS DES GOETHEANUM,
DER FREIEN HOCHSCHULE FÜR GEISTESWISSENSCHAFT
Dörnach, 29. Juni 1924, 10.00 Uhr
WORTMELDUNGEN RUDOLF STEINERS WÄHREND DER 3. AUSSEROR-
DENTLICHEN GENERALVERSAMMLUNG DES VEREINS DES GOETHE-
ANUM. DER FREIEN HOCHSCHULE FÜR GEISTESWISSENSCHAFT
Dörnach 29. Juni 1924, 11.00 Uhr
Kontext: An diesem Tage fand morgens um 9 Uhr im ehemaligen Glasatelier des Gocthc- anums eine Sitzung des Vorstandes des Goctheanum-Vcreines statt, bei welcher aufgrund der veränderten Verhältnisse nach der Neubegriindung der Anthroposophischen Gesellschaft der bisherige Vorstand seinen Rücktritt beschloss. Die 11. ordentliche Generalversammlung des Vereins fand am selben Tag um 10 Uhr in der Goetheanum-Schreinerei statt, daran anschließend die 3. außerordentliche Generalversammlung, bei welcher die bisherigen Statuten an die neue Situation angepasst wurden.
Textgrundlage ist das Stenogramm mit langschriftlichem Typoskript von Helene Finck. Außerdem wurde vom anwesenden Amtsschreiber Altermatt ein offizielles Protokoll dieser Versammlung verfasst. Dieses Protokoll, das schon insofern vom Stenogramm abweicht, als Rudolf Steiners erläuternde Ausführungen nicht dokumentiert sind, wurde vom Vorsitzenden des Vereins, damals noch Emil Grosheintz, aus unbekanntem Grund nicht unterschrieben. Abweichungen des Protokolls vom Stenogramm, die den Wortlaut der geänderten Statuten betreffen und insofern auch Rudolf Steiners Beiträge, werden in eckigen Klammern dokumentiert. Das Typoskript der Hörcraufzeichnungen hat «Anthroposophische Gesellschaft» durchwegs groß geschrieben. Da die bei der Weihnachtstagung neu gegründete Gesellschaft zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht ins Handelsregister eingetragen war, kann sowohl «allgemeine» als auch «anthroposophische» als einfaches Attribut und nicht als Vereinsbezeichnung verstanden und daher überall dort klein geschrieben werden, wo es sich nicht um Formulierungen von zu verabschiedenden Statuten handelt.
Bisherige Veröffentlichungen: Die Nachschrift der 3. außerordentlichen Generalversammlung wurde bereits veröffentlicht in Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft (GA 260a), Dörnach 1966, 2. Auflage 1987, S. 501-514, in der dokumentarischen Beilage zu GA 260a, ferner das offizielle Protokoll (S. 23-28) sowie ein Faksimile der Eintragungen Rudolf Steiners in das Finckh-Typoskript (S. 44 f.).
zu Seite:
300 den Vertreter der Behörde: Gemeint ist Nour Altcrmatt von der «Amtsschrciberci - Grundbuchamt, Betreibungs- und Konkursamt, Handelsregister Dorneck” als Vertreter der zuständigen Aufsichtsbehörde des Kantons Solothurn. Amtsschreiber Altermatt hat auch das offizielle Protokoll der Sitzung verfasst.
306 heute .Morgen: Gemeint ist die unmittelbar vorausgegangene 11. ordentliche Generalversammlung des Goethcanum-Vereins (S. 297-299)
307 Rudolf Geering-Christ (1871-1958), Buchhändler und Verlagsgründer in Basel, war bereits mit 22 Jahren Mitglied der Theosophischen Bewegung und gehörte 1902 z.u den Mitbegründern der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft, ab 1907 zu den esoterischen Schülern Rudolf Steiners. In Geerings Haus in Binningen- Bottmingermühle bei Basel fand im September 1912 der erste Eurythmiekurs statt. Er war 1913 bei der Grundsteinlegung des Goetheanums anwesend, publizierte 1919 in Kommission Rudolf Steiners Kernpunkte der Sozialen Frage, war ab 192! Mitglied des Goethcanum-Vereins und 1923 bei der Weihnachtstagung als Delegierter der Schweizer Landesgesellschaft beteiligt.
Also wir haben: In Abweichung vom Typoskript wurden im Folgenden - außer beim Nachweis der handschriftlichen Veränderungen - zum besseren Verständnis die Passagen der Satzung, um die es geht, in Anführungsstriche gesetzt.
308 Handschriftliche Eintragung: Siehe das Faksimile der Eintragungen in GA 260a, Beilage S. 44 f.
309 Unter dem Namen: Diese Korrekturen sind insofern merkwürdig, als in ihnen der Name «Verein des Goetheanums, der Freien I lochschule für Geisteswissenschaft» mehrfach eliminiert ist und dafür der Name «Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft» eingesetzt wurde. Hatte Rudolf Steiner das Typoskript benutzt, um deren Formulierungen für einen Entwurf der Statuten der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft zu verwenden, die mit denen des Vereins kongruieren sollten? In GA 260a, S. 760, werden die Eintragungen von der Herausgeberin Hella Wiesberger - allerdings ohne nähere Begründung - auf «Oktober/Novembcr 1924» datiert.
313 einem kleinen Schiller-Werk: Gemeint ist die Broschüre Schiller und unser Zeitalter. Aufzeichnungen nach Vorträgen, gehalten von Januar bis März 1905 an der Berliner »Freien Hochschule», heute enthalten in: Über Philosophie, Geschichte und Literatur (GA 51), Dörnach 1983, S. 217-283.
und der Philosophie der Freiheit: Rudolf Steiners Werk Die Philosophie der Freiheit (GA 4) war Ende 1893 in Weimar und Berlin bei Emil Felber publiziert worden; die zweite Auflage erschien erst 1918 im Philosophisch-anthroposophischen Verlag. Steiners Hinweis bezieht sich auf den Umstand, dass Marie von Sivers 1t. Vertrag vom 31. März 1907 die restlichen Exemplare der Erstausgabe von Felber aufgekauft hat, um sic den damaligen Theosophen zugänglich zu machen. Außer den ca. 600 Restexcmplaren der Philosophie der Freiheit gehörten auch ca. 200 Exemplare von Steiners Werken Friedrich Nietzsche - em Kämpfer gegen seine Zeit (1895, heute GA 5) und ca. 1400 Exemplare von Goethes Weltanschauung (1897, heute GA 6) zu dem Konvolut der von Felber mitsamt der Rechte übernommenen Werke. Auch die im Frühling 1905 erschienene Broschüre Schiller und unser Zeitalter konnte noch nicht in dem erst 1908 gegründeten Philosophisch-anthroposophischen Verlag erscheinen, sondern vorerst noch (It. Vermerk auf dem Umschlag) «in Kommission des Besant-Zwciges der Theosophischen Gesellschaft».
NOTIZ RUDOLF STEINERS AUF DER RÜCKSEITE DES TYPOSKRIPTES MIT DER NACHSCHRIFT DER VERSAMMLUNGEN VOM 29. JUNI 1924
undatiert (nach dem 29. Juni 1924)
Textgrundlage: Original im Rudolf Steiner Archiv. Frühere Veröffentlichungen: Siehe dus Faksmilic in GA 260a, Beiheft S. 46.
zu Seite:
315 Helene Lanz-Röchling (1866-1946) stammte aus einer begüterten Mannheimer Industriellenfamilie und war eine der großzügigsten Unterstützerinnen der anthroposophischen Bewegung. Sie wurde 1910 Mitglied der Theosophischen Gesellschaft, im folgenden Jahr auch der esoterischen Schule und des Johannesbau-Vereins.
Geering-Christ; Siehe den Hinweis zu Seite 307.
Brenda Lewis (1862-1933) lernte um 1910 die Anthroposophie kennen und nahm daraufhin gleich an den Münchner Festspielen teil. Als Inhaberin einer Fabrik in Mittelengland engagierte sic sich für die Dreigliederungsbewegung und steuerte den Grundstock der Baukosten lür die Eurythtnistenhäuser in Dörnach bei, wo sie dann auch im mittleren der drei Häuser wohnte.
Joseph Emanuel Jan van Leer (1880-1934) war erfolgreicher Kaufmann und setzte sich nach seiner Begegnung mit der Anthroposophie für die Dreigliederungsbewegung sowie die Finanzierung des ersten und zweiten Goetheanums ein. Im Jahre 1922 konnte der sogenannte «Ost-Wcst-Kongrcss» in Wien vor allem durch seine finanzielle Unterstützung realisiert werden. Ende 1923 wurde er Nachfolger von Ita Wegman als Präsident des Verwaltungsrates der - Internationale Laboratorien AG» und gründete später in den USA eine Niederlassung der Weleda.
Otto Rietmann-Güpfert (1836-1942) war angesehener Fotograf (Gründer des Schweizerischen Fotografenverbandes) und 1906 Mitbegründer des St. Galier Zweiges der theosophischen Gesellschaft. Nach seiner Bekanntschaft mit Rudolf Steiner fertigte er die meisten Porträtfotos von ihm, aber auch von anderen Persönlichkeiten der anthroposophischen Bewegung und nicht zuletzt von den beiden Goetheanum-Bautcn. Seit ihrer Gründung im Jahre 1922 war er im Vorstand der anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz und vorübergehend im Verwaltungsrat der «Internationalen Laboratorien AG» tätig. Noch im März 1923 unterschrieb Steiner die Berufung Rietmanns in die Administration des Goetheanum-Baucs.Namenregister
Alarich 121
Arenson, Adolf 48
Ballmer, Karl 219
Bauer, Michael 181
Bay, Paul 219
Bergson, Henri 128 f.
Bernus, Alexander von 70
Bernus, Ursula-Pia 71
Blavatsky, Helena Petrowna 179f.
Boos, Roman 219 f., 226 Boutroux, Emile 128f.
Bürgi-Bandi, Lucie 74, 307
Caesar, Julius 143
Carstens, Asmus Jacob 147
Collison, Harry 169
Cornelius, Peter von 147
Coulomb, Emma und Alexis 179f.
Dyoclctianus 41 43
Ehmek, Emmy [?] 169
Eiffe, Elisabeth Helene [?] 169
Englert, Josef 75, 183f., 203
Etienne, Ernest 219
Eucken, Rudolf 89
Ferstel, Heinrich, Freiherr von 39, 97, 98,
Freund, Otto 169
Gatey, [weibl. Vorname unbekannt] 169
Geering-Christ, Rudolf 307, 315
Gimmi, Ernst 158f.
Goesch, Heinrich 177, 181
Goethe, Johann Wolfgang von 18, 40, 127 f., 137, 150, 186, 188, 191, 215, 240 f.
Grebcr, Karl 169
Grey, Edward 131
Grimm, Herman 142-149, 151, 154
Grossheim, Emma 169
Grosheintz, Emil 69, 74f., 95, 157-160, 178, 183f., 186, 191,204, 216 f., 226, 270, 297, 300-302, 306- 312,315
Grosheintz, Nelly 169
Gumppenbcrg, Emilie, gen. Emmy, Baronin von 74
Gysi, Alfred 156f.
Hagemann-Maquet [Vorname unbekannt] 169
Hartmann, Franz 180
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich 29, 128
Herodot von Halikarnassos 35
Herwarth, Hans Waldemar von 169
Hilvcrkus, Emilie 169
Hirter-Weber, Suzanna Maria 74, 307
Homer 147, 150
Jaager, Jacques de 160, 169
Jethro 43
Kalckreuth, Pauline Gräfin von
24, 74
Kober, Ernst 159
Le Tellier, Francois Michel, Marquis de Louvois 127
Lerchenfeld, Otto Graf von
23 f„ 307
Laute, Katharine 169
Leer, Joseph Emanuel Jan van
315
Levy [Vorname unbekannt] 169
Lewis, Brenda 315
Liedvogcl, Carl 169
Linde, Hermann 23, 74, 159, 211, 217
Lissau, Robert 156,159 Lupschewitz, Martin 183, 202f. Lutz, Mathilde 169
Mackenzie, Millicent Hester 169
Maeterlinck, Maurice 133
Meebold, Alfred 84, 169
Metternich, Klemens Wenzel
Lothar von 127
Molt, Emil 212, 226, 307
Morgenstern, Christian 135-139, 146, 155
Moses 43
Muntz, Luis 169
Mutach, Daniel Friedrich von 169
Napoleon Bonaparte 127f.
Novalis (Friedrich von Hardenberg) 133
Noll, Ludwig 83, 225
Offenbach, Jacques 157
Ostermayer, Robert 169
Overbeck, Johann Friedrich 147
Payen [weibl. Vorname unbekannt] 189
Peelen, Jan Hendrick 169
Peet, Mary 169
Peipers, Felix 24, 74f., 307
Platon 148
Raffaclo Santi 61, 185
Reebstein, Alfred oder Berta 169
Richmond, Ada 169
Rietmann-Göpfert, Otto 315
Röchling, Helene 315
Ruffner, Jeanette Maxwell 169
Rychter, Thaddäus 95
Schieb, Marie 74, 307
Schiller, Friedrich 313
Schmid-Curtius, Carl 66, 74 f., 321
Schopenhauer, Arthur 61
Schuler, Christian 83 f.
Shakespeare, William 145, 150, 191
Sellin, Albrecht Wilhelm 157-159, 179, 186, 190, 202 f.
Sivers, Marie von 23, 71, 74 f., 86
Smit, Christian 169
Sokrates 148
Solowjow, Wladimir Sergejewitsch 152f.
Sprengel, Alice 177, 181
Stinde, Sophie 23, 74, 84, 208
Strakosch, Alexander 169
Tacitus, Publius Cornelius 145
Thomasius, Johannes 59, 120, 189
Unger, Carl 74, 134, 149, 307, 313
Wagner, Günther 202f.
Wagner, Richard 64
Waller, Elisabeth, gen. Mieta 187
Weigele, Richard 169
Wilson, Ada 169