ga336 INHALT I Zwei Autoreferate von Vorträgen I. Die wirkliche Gestalt der sozialen Frage, erfasst aus den Lebensnotwendigkeiten der gegenwärtigen Menschheit (Bern, 6. Februar 1919) 15 II. Die vom Leben geforderten wirklichkeitsgemässen LÖsungsversuche für die sozialen Fragen und Notwendigkeiten (Bern, 7. Februar 1919) 19 II VORTRÄGE Die wirkliche Gestalt der sozialen Frage, erfasst aus den Lebensnotwendigkeiten der gegenwärtigen Menschheit Bern, 6. Februar 1919 24 Die sozialen Fragen. Die Angst vor dem Proletariat. Soziale Forderungen. Die proletarische Seelenverfassung. Das Wirtschaftsleben als einzige Realität. Gerhart Hauptmanns «Weber». Klassenbewusstsein. Ideologie. Karl Marx. Die Arbeitskraft als Ware. Plato und Aristoteles. Dreigliederung. Die vom Leben geforderten wirklichkeitsgemässen LÖsungsversuche für die sozialen Fragen und Notwendigkeiten Bern, 7. Februar 1919 45 Krankheitsformen im sozialen Organismus. Wirtschaftsleben. Dreigliederung des Menschen. Carl Merays Buch ·cWeltmutation». Grund und Boden. Menschliche Arbeit. Rechtsleben. Das soziale Grundgesetz. Das geistige Leben. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und ihre Verwirklichung durch die Dreigliederung. Die wirkliche Gestalt der sozialen Frage, erfasst aus den Lebensnotwendigkeiten der gegenwärtigen Menschheit aufgrund geisteswissenschaftlicher Untersuchung Basel, 13. Februar 1919 78 Der Weltkrieg und die soziale Frage. Der wissenschaftliche Marxismus. Widerspruch zwischen Verkennung des Denkens und Voraussetzung des Denkens. Das Klassenbewusstsein des Proletariats und die Frage der Menschenwürde. Die dreifache Gestalt der sozialen Frage. Fehlende geistige Stoßkraft des modernen Geisteslebens macht dieses zur Ideologie. Die Arbeitskraft wird auf rechtlichem Gebiet zur Ware. Das Wirtschaftsleben als einzig Reales. Die vom Leben geforderten wirklichkeitsgemässen Lösungsversuche für die sozialen Fragen und Notwendigkeiten aufgrund geisteswissenschaftlicher Lebensauffassung Basel, 14. Februar 1919 101 Die geisteswissenschaftliche Methode zur Lösung der sozialen Fragen. Die Dreigliederung des Menschen. Gegenüber der menschlichen Dreigliederung steht die soziale Dreigliederung auf dem Kopf. Das Wirtschaftsgebiet. Die Arbeitskraft als Rechtsfrage und die unzeitgemäße Verquickung von Staats- und Wirtschaftsleben. Demokratie im Rechtsleben, Assoziationen im Wirtschaftsleben. Die Begrenzung des Wirtschaftslebens durch die Naturgrundlagen und den Rechtsstaat. Das freie Geistesleben. Die soziale Frage als Wirtschafts-, Rechts- und Geistesfrage Basel, 28. Februar 1919 133 Arbeitskraft als Ware. Die Lohnfrage. Mehrwert. Dreigliederung des Menschen. Der Staat als Wirtschafter. Rechtsleben. Arbeitsvertrag. Das Geistesleben als Ideologie. Carl Vogt, Ludwig Büchner, Rosa Luxemburg. Neues Geistesleben. Soziale Heilkunst. Aufruf. Die soziale Frage Winterthur, 26. Februar 1919 166 Zur Kriegskatastrophe. Proletariat und Klassenbewusstsein. Vertikale Völkerwanderung. Wissenschaftliche Denkweise und proletarische Stoßkraft. Arbeitskraft als Ware. Erziehungswesen. Dreigliederung des sozialen (Jrganismus und Dreigliederung des Menschen. Die Kernpunkte der sozialen Frage Dornach, 4. April 1919 193 Die weltgeschichtliche Lage. Die Kriegskatastrophe. Die soziale Frage. Das Los des Proletariats. Die Lohnfrage. Technik und Kapitalismus. Bürgertum und Proletariat. Rosa Luxemburg. Die Frage der Menschenwürde. Die dreifache soziale Frage. Geld und Macht. Die Ideale der Französischen Revolution und ihre richtige Anwendung. Der Aufruf «An das deutsche Volk und die Kulturweltb. Die freie Hochschule für Geisteswissenschaft. Soziales Wollen und proletarische Forderungen Miinchenstein, 10. April 1919 230 Schlusswort nach der Diskussion. Zu einer Frage nach der Nichtanerkennung des Seelischen und Geistigen durch die Sozialdemokratie. Die Dreigliederungsgedanken und die Parteiprogramme. Zur Frage, ob in allen drei Gebieten Recht und Gerichte sein müssen. Der Impuls zur Dreigliederung des sozialen Organismus KEIN «BLOSSER IDEALISMUS», SONDERN UNMITTELBAR PRAKTISCHE FORDERUNG DES AUGENBLICKS Tübingen, 2. Juni 1919 243 Auszug: Das Urgebilde des Wirtschaftslebens: Die Preisbildung. Zeitungsreferat: Die Wurzeln des proletarischen Empfindens. Die fehlende Hilfe vonseiten des Geisteslebens. Die drei Glieder des sozialen Lebens. Die Versklavung der Arbeitskraft durch das Kapital. Die Überführung der Produkcionsmittel in den Besitz der Allgemeinheit. Die Gesundung des sozialen Organismus durch die Dreigliederung. Debatte. Aufruf zur Gründung eines Kulturrats. Die übersinnliche Wesenheit des Menschen und die Entwicklung der Menschheit Mannheim, 26. Juli 1919 254 Der Ruf nach sozialerer Gestaltung der Verhältnisse und die antisozialen Triebe. Die Ursache derselben: die unbewusste Sehnsucht nach dem Übersinnlichen. Unterschiede der Geisteswissenschaft zur Naturwissenschaft. Die Beziehung zwischen den Grenzen des Erkennens und der Liebekraft im Menschen. Der Weg in die übersinnliche Welt. Verwandlung des Denkens führt zur Erkenntnis des Lebensleibes. Entwicklung des Willens führt zur Erkenntnis des Astralleibes. Beide führen zu einer neuen Geschichtserkenntnis. Unterschiede in Entwicklung von Leib und Seele in den Epochen der Menschheitsgeschichte. Gegenwartige Mechanisierung des Geistes, Vegetarisierung der Seele, Animalisierung des Leibes. Weg des Geistes führt zu Freiheit und wahrem Sozialismus. Freiheit für den Geist, Gleichheit für das Recht, Brüderlichkeit für das Wirtschaftsleben Mannheim, 28. Juli 1919 283 Die Umwandlung im Sozialen sollte einhergehen mit geistiger Umwandlung. Die soziale Frage. Das wirklichkeitsfremde Geistesleben. Das technisierte Wirtschaftsleben. Moderne Sklaverei. Geistesleben wird für die Proletarier Ideologie. Der geschichtliche Materialismus. Demokratie nur im Rechtsleben. Beispiel aus Österreich, wo die Wirtschaft das Rechtsleben vereinnahmte. Die Übernahme des Bildungswesens durch den Staat führte dazu, dass das Geistesleben nur noch der Ausdruck des Wirtschaftslebens war. Soziale Dreigliederung als Lösung. Assoziationen im Wirtschaftsleben. Regelung der Arbeitsverhältnisse durch das Rechtsleben. Das freie Geistesleben. Rätesystem im Wirtschaftsleben. Aus den Verknäuelungen der drei Gebiete entstanden Konflikte. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Die Dreigliederung des sozialen Organismus I Dresden, 18. September 1919 327 Die soziale Frage als weltgeschichtliche Frage. Die heutige Weltanschauung als Ideologie. Mit den wissenschaftlichen Ideen lässt sich nicht leben. Notwendigkeit der Befreiung des Geisteslebens vom Staat. Im Wirtschaftsleben Fachkundigkeit. Die Dreigliederung des sozialen Organismus II Dresden, 19. September 1919 330 Einseitiges wirtschaftliches Denken kann nicht zur LÖsung der sozialen Frage führen. Thron und Altar, Kontor und Fabrik. Geistiges Eigentum und wirtschaftlicher Besitz der Produktionsmittel. Die Dreigliederung des sozialen Organismus III Dresden, 20. September 1919 333 Abgrenzung vom platonischen Ständekonzept. Jeder Mensch kann allen Bereichen angehören. Dreigeglieden wird das, was außerhalb des Menschen liegt. Über Betriebsräte. Assoziationen. Frei verwaltetes Geistesleben. Das Goetheanum und die Dreigliederung des sozialen Organismus Dornach, 25. Mai 1920 335 Die unverstandene soziale Frage. Der Mangel der gegenwärtigen Bildung: Kein Überschauen größerer Zusammenhänge. Geisteswissenschaft hingegen macht das Denken beweglich. Die Schuld der führenden Klassen auf geistigem Gebiet. Rückblick auf die Dreigliederungsarbeit 1919 in Stuttgart. Viktor Hubers Aufsatz von 1869. Unsinnigkeiten im staatlichen Bildungswesen am Beispiel der Schweiz. Das freie Geistesleben. Das Wirtschaftsleben und die Assoziationen. Folgen der Verflechtung von Staat und Bildungswesen in Österreich. Das Rechtsgebiet. Diskussion: Frage zu Schulvereinen und dem freien Geistesleben im dreigliedrigen Staat. Frage zur geeigneten Ausgangsform für die assoziative Wirtschaft. Was kann man heute angesichts der Widerstände noch auf dem Gebiet der Dreigliederung praktisch tun? Die grossen Fragen der Zeit und die anthroposophische Geist-Erkenntnis Freiburg im Breisgau, 18. November 1920 382 Die fortwährende Kriegskatastrophe. John Maynard Keynes über Versailles, Clemenceau, Lloyd George und Woodrow Wilson und sein Buch über die Folgen von Versailles. Der moderne Wissenschaftsgeist und seine zwei Seiten: Mathematisches Denken und Beobachtung. Dessen Haltmachen vor dem Menschen im Erkennen und im Sozialen. Anthroposophische Geisteswissenschaft führt zum Wesen des Menschen. Die Bedeutung der Liebe für das Erkennen und Handeln. Die Dornacher Hochschulkurse. Die Freie Waldorfschule. Wirtschaftliche Forderungen und GeiST-ErKeNnTniS Stuttgart, 7. Januar 1921 414 Ein Buch Professor Fritz Terhalles über Preisbildung. Preisbildung aus der Dreigliederung durch Schaffung von Vertrauensverhältnissen der beteiligten. Nationalwirtschaften und Welthandelsprinzip. Kriegsursache: Die Sprengung der Nationalwirtschaften durch den Welthandel. Assoziationen. Kurt Leese über Anthroposophie. Kurze Schilderung der Geisteswissenschaft. Das unfreie und das freie Geistesleben. Die Dreigliederung. Inwiefern ist die Dreigliederung berufen, aus dem Chaos HERAUSZUFÜHREN? St. Gallen, 25. Januar 1921 439 Der Krieg: Das Ergebnis von Unterlassungssünden der führenden Klassen. Die Folgen des Friedens. Die Schweiz keine wirtschaftliche Ausnahme. Die drei Gebiete des sozialen Organismus. Die Notwendigkeit der Befreiung des Geisteslebens. Lebendiges Geistesleben wird nicht mehr Ideologie sein. Freiheit nicht im Wirtschaftsleben. Preisbildung. Sachund Fachkundigkeir im Wirtschaftsleben. Aufgabe des Rechtslebens. Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Das selbstständige Geistesleben im dreigliedrigen sozialen Organismus Dornach, 27. Juni 1921 452 Rückblick auf das öffentliche Leben in Frühling 1919. Die Voraussetzungen der Dreigliederung des sozialen Organismus. Das Heraufkommen des demokratischen Prinzips. Es gilt nicht für das Geistes- und das Wirtschaftsleben. Beispiele. Vergleich mit der Dreigliederung des Menschen. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Joszef EÖtvös über deren Widersprüchlichkeit. Durch die Dreigliederung des Einheitsstaates werden sie verwirklichbar. Die Waldorfschule - keine Weltanschauungsschule. Grundzüge der Pädagogik an der Waldorfschule. Die Jugendbewegung. Notwendigkeit wirklichkeitsgemäßen Denkens - dessen Voraussetzung: ein freies Geistesleben. Auf wirtschaftlichem Gebiet wenig Hoffnung auf Einsicht; Hoffnung auf das freie Geistesleben. Diskussion: Wie wirkt man für die Dreigliederung? Verhalten im freien Geistesleben gegenüber anderen geistigen Strömungen. Zur Jugendbewegung. ANHANG Vortragsankündigungen und Eintrittskarten . . . . . . . . . . . . . . . . . Eintragungen in Notizbücbem Zeitungsberichte Chronik zur Dreigliederungsbe'wegung 1917-1922 . . . . . . . . . . . . Zu dieser Ausgabe Entstehung Textgestalt 487 494 510 532 549 549 451 Hinweise zum Text Zu den Autoreferaten Zum Vortrag uom 6. Februar 1919 Zum Vortrag vom 7. Februar 1919 Zum Vortrag vom 13. Februar 1919 Zum Vortrag vom 14. Februar 1919 Zum Vortrag vom 28. Februar 1919 Zum Vortrag vom 26. Februar 1919 Zum Vortrag vom 4. April 1919 Zum Vortrag uom IQ. April 1919 Zum Vortrag uom 2. Juni 1919 Zum Vortrag uom 26. Juli 1919 Zum Vortrag uom 28. Juli 1919 Zum Vortrag uom 18. September 1919 Zum Vortrag uom 19. September 1919 Zum Vortrag vom 20. September 1919 Zum Vortrag vom 25. Mai 1920 Zum Vortrag uom 18. Nouember 1920 Zum Vortrag uom 7. Januar 1921 Zum Vortrag uom 25. Januar 1921 Zum Vortrag uom 27. Juni 1921 Bibliograjfiscber Nachweis früherer Veröffentlichungen . . . . . . . . . Literatur zum Thema Namenregister Wandtafelzeicbnungen 553 553 553 555 556 557 559 562 563 564 566 567 568 571 571 572 572 577 580 584 586 592 593 594 596 I. DIE WIRKLICHE GESTALT DER SOZIALEN FRAGEN ERFASST AUS DEN LEBENSNOTWENDIGKEITEN DER GEGENWÄRTIGEN MENSCHHEIT Die Art, wie in den bewegenden Impulsen der kriegerischen Katastrophe der letzten Jahre die «soziale Frage» gewirkt hat, zeigt, dass sich mit ihr als mit einer Frage der Lebensnotwendigkeit die Menschen aller Stände und Berufe werden beschäftigen müssen. Die Forderungen des modernen Proletariats bestimmten die Entschlüsse mancher am Ausgangspunkte dieser Katastrophe mitwirkenden Persönlichkeit zwar nicht allein, aber sie wirkten beim Fassen dieser Entschlüsse mit; mährend der Katastrophe wäre manches in anderer Richtung verlaufen, wenn die führenden Persönlichkeiten diese Forderungen im Leben der VÖlker nicht empfunden hätten. Und für die Ausgleichung der internationalen Disharmonien setzte man auf vielen Seiten Hoffnungen auf die in der proletarischen Welt lebenden Anschauungen. Und jetzt ist für einen großen Teil der zivilisierten Welt Europas diese Frage eine drängende, ja brennende Angelegenheit geworden, die aus dem Stadium der Langsamen Betrachtung in das der schnell fordernden Tatsachen des Lebens getreten ist. Man kann nun nicht sagen, dass die Ereignisse den Beweis lieferten davon, dass in der Zeit, in welcher die soziale Frage diskutiert worden isL die intellektuell führenden Kreise sich ein genug reifes Urteil erworben hätten, um dem gewachsen zu sein, was gegenwärtig in den Tatsachen als Forderung auftritt. Wie in so vielem, was das geschichtliche Leben der Menschheit betrifft, hat man auch bei den Impulsen des modernen Proletariates den Blick zu richten nicht bloß auf dasjenige, was in den Bewusstseinen der Menschen lebt, sondern auf dasjenige, was als die eigentlich treibenden Kräfte in den unterbewussten Tiefen wirkt. In den Mittelpunkt der Beurteilung der sozialen Lage der Gegenwart sollte die Lebensauffassung, die Seelenlage des modernen Proletariats gerückt werden, dasjenige, was dazu treibt, dass man dies und jenes fordert, nicht der offenbare Ausdruck dieser Forderungen. Um die Sache so betrachten zu können, hat man eine wirkliche Erfassung des geschichtlichen Werdens der Menschheit nötig, von welcher im Grunde recht weit entfernt ist dasjenige, was man gegenwärtig «Geschichte> nennt. Diese betrachtet das Menschenleben wie geradlinig am Faden von Ursache und Wirkung verlaufend. Allein so verläuft das Leben nicht. Wie beim einzelnen Menschen krisenhafte Umwälzungen geschehen, in denen zu dem geradlinigen Verlauf der Ursachen und Wirkungen aus den organischen Tiefen herauf elementarische Impulse treten, so der Zahnwechsel im siebenten Lebensjahre, die Geschlechtsreife; so treten solche krisenhafte Ereignisse im Leben der Gesamtmenschheit - und nicht bloß der einzelnen Völker - ein. Ein solches Ereignis liegt um die Wende des vierzehnten bis sechzehnten Jahrhunderts. Es besteht darinnen, dass in dem sozialen Zusammenleben der Menschen und Menschenberufe an die Stelle der sozialen Instinkte die soziale Bewusstheit getreten ist. Es lebt dadurch in der Seele der modernen Menschheit ein ganz neues Element, das in der Seele der mittelalterlichen Menschheit noch nicht gelebt hat. Aber dasjenige, was da in die Menschheit eingezogen ist, hat in verschiedener Art auf die Glieder der Menschheit gewirkt. So, wie der Impuls des Christentums in verschiedener An aufgenommen worden ist von den mit der höchsten, aber schon überreifen Form der antiken Bildung ausgestatteten Griechen und Römer und von den noch in primitiver Seelenbildung stehenden von Norden kommenden Völkerschaften, so wurde der angedeutete neuzeitliche Lebensimpuls verschieden wirksam in den Seelen der geschichtlich führenden Stände, welche die alte Seelenverfassung in veränderter Form fortsetzten, und in den Seelen des Proletariates, das von seinem bisherigen Lebenszusammenhang herausgerissen und an die Maschine gestellt, in die kapitalistische Lebensführung eingesponnen wurde. Die moderne Wirtschaftsform hat den Proletarier losgerissen von der Umgebung der äußeren Welt und hingewiesen auf sich selbst, um im bloßen Nachdenken über Menschenwürde, Menschenwerk einen Lebensinhalt zu finden. Sein unverbrauchter Intellekt wurde in dem abstrakten, unlebendigen Verhältnisse, das er zu der Maschine und zu dem Kapitale hatte, lebendig. Nur dadurch ist es möglich geworden, dass eine abstrakte, dialektische Ansicht wie die Marx'sche das moderne Proletariat uon dem Gedanken aus im Innersten ergriffen hat. Die führenden Kreise des Bürgertums haben sich leider kein Verständnis erworben für diese psychologische Seite der proletarischen Bewegung; und sie wollen sich dieses auch heute noch nicht erwerben. In dem «Klassenbewusstsein» des Proletariates steckt das «allgemeine Menschheitsbewusstsein», das auf besondere Art zwar unter dem Einfluss von Technik und Kapitalismus, aber in tieferer Art aus dem angeführten Krisenereignis in der ganzen Menschheitsentwicklung heraus sich entfaltet hat. Der Proletarier war durch seine Wirtschaftslage ganz anders diesem Krisenereignisse gegenübergestellt als andere Schichten der modernen Menschheit. Und so trat in einer dreifachen Gestalt aus seinen Lebensnotwendigkeiten der soziale Impuls auf. Erstens, er hatte nötig, dasjenige aus der bloß abstrakten Wissenschaft für eine Auffassung des Lebens zu gewinnen, was andere Bevölkerungsschichten aus dem Leben selbst gewonnen hatten. Er empfing aber die Wissenschaft als Erbe von dem Bürgertum in einer Zeit, in der in ihr das geistige Leben schon zur Ideologie abgelähmt war. Nicht mehr ergoss sich seit der Wende vom vierzehnten bis sechzehnten Jahrhundert in die Wissenschaft ein wirklich religiöser, echt geistiger Impuls. Die neue Wissenschaft liefert für das Leben nicht mehr wirkliche Geisteskräfte, sondern nur «Ideen», «Begriffe» etc. So empfing das sogenannte Geistesleben der Proletarier; so musste dieser es machen zu einem Antrieb seiner Lebensauffassung. Allein so, als «Ideologie», besitzt dieses geistige Leben nicht genug Stoßkraft, um die Seele des Menschen zu tragen, und so fühlt sich der Proletarier unter dem Einfluss des geistigen Erbes, das er vom Bürgertum übernommen hat, seelenverloren; er lechzt nach einer Erfüllung der Seele und kann diese nicht finden. Diese Leerheit im Seelischen müsste verstanden werden als die wahre Gestalt der ersten sozialen Forderung. Die zweite Teilfrage im Gesamtbilde der modernen proletarischen Impulse ergibt sich in ihrer wahren Gestalt, wenn man auf die Empfindung blickt, die sich aus der sozialen Lage des Proletariers heraus in seiner Seele gebildet hat über sein Verhältnis als Mensch unter Menschen. Diese Teilfrage ist in Wirklichkeit eine solche des unveräußerlichen, mit der Menschennatur verbundenen Rechtes; allein die proletarische Wissenschaft interpretiert diese Empfindung unrichtig. Sie ist der richtigen Meinung, dass dem Proletarier seine volle Menschenwürde nicht werden kann, wenn seine Arbeitskraft den Charakter der Ware trägt und wie eine andere Ware auf dem Arbeitsmärkte dem Ökonomischen Gesetz von [Angebot und Nachfrage] unterliegt. Sie interpretiert das Leben aber unrichtig, wenn sie glaubt, dass die ökonomischen Impulse der körperlichen Arbeitskraft diesen Charakter gegeben haben. Was hier vorliegt, ist eine Fortentwicklung dessen, was im geschichtlichen Werden der Menschheit zum Ausdruck gekommen ist in dem Entstehen und in der Überwindung des Sklaventums, der Leibeigenschaft. Die moderne Ökonomische Entwicklung hat nur ins Bewusstsein des proletarischen Wesens hinein versenkt das Gefühl: Man hat seine volle Menschenwürde nicht, wenn man hingeben muss seine Arbeitskraft als Ware. Die dritte Teilfrage allein zeigt sich in ihrer wahren Gestalt als eine ökonomische. Aber sie hat unter dem überflutenden Einflusse der Technik und des Kapitalismus den Blick der proletarischen Welt, wie unter dem Impuls einer mächtigen Suggestion, so gefesselt, dass man meint, die Ökonomischen Kräfte seien die einzig wirklichen, sozialen Kräfte und ihre Ordnung im heilbringenden Sinne müsse auch ergeben alles Heil der geistigen Kultur und des Rechtslebens, das sich auf das menschenwürdige Zusammenleben von Persönlichkeit und Persönlichkeit in der sozialen Struktur bezieht. So betrachtet, weist die soziale Frage auf drei Lebensgebiete hin, deren Struktur notwendig erkannt werden muss von demjenigen, der ein wirklichkeitsgemäßes Urteil gewinnen will, um mitzuwirken an der Lösung der sozialen Forderungen der neueren Zeit. II. DIE VOM LEBEN GEFORDERTEN WIRKLICHKEITSGEMÄSSEN LÖSUNGSVERSUCHE FÜR DIE SOZIALEN FRAGEN UND NOTWENDIGKEITEN Der zweite Vortrag soll in skizzenhafter Art auf die LÖsungsversuche hinweisen, welche sich aus den Lebensnotwendigkeiten der modernen Menschheit selbst ergeben für die Forderungen des proletarischen Sozialismus. Man wird immer wieder das Entwicklungshemmende, Lebensfeindliche vollbringen, wenn man davon ausgeht, allgemeine Ideen, Programmpunkte zu konstruieren, nach denen man den sozialen Organismus gestalten möchte. Auf diese Art kommt als sozialer Organismus etwas zustande wie der Homunculus der mittelalterlichen Alchymisten. Es handelt sich vielmehr darum, nicht den sozialen Organismus durch Begriffe zu konstruieren, sondern die Lebensbedingungen zu durchschauen, unter denen er sich bildet und als Lebendiges, nach seinen eigenen, ihm innewohnenden Kräften funktioniert. Eine Anschauungsart wie die diesen Vorträgen zugrunde Liegende lehnt es zwar durchaus ab, durch ein dilettantenhaftes Analogienspiel physiologische, biologische Ideen in die Soziologie zu verpflanzen; allein weil die Menschheit in ein Stadium ihrer Entwicklung eingetreten ist, in dem an die Stelle der früheren vor dem vierzehnten Jahrhunderte tätigen sozialen Instinkte die soziale Bewusstheit treten muss, so ist es notwendig, dass man den sozialen Organismus denkend erfasse, wie man den menschlichen natürlichen Organismus rein sachlich, wirklichkeitgemäß erfasst. Es scheint mir, dass richtig ist die Tatsache, auf die ich in meinem Buche über «Seelenrätseb hingewiesen habe als auf das Ergebnis eines dreißig Jahre währenden Studiums im Sinne einer wahren Geisteswissenschaft. In diesem Sinne besteht der menschliche natürliche Organismus aus drei relativ zueinander selbstständigen Teilorganismen, welche die notwendigen Gesamtvorgänge des Menschenwesens nicht dadurch ergeben, dass ihnen eine alles übertönende Gesamtzentrale zugrunde liegt, sondern dadurch, dass sie in sich zentriert sind und als relativ selbstständige Teilorganismen im Zusammenwirken das Funktionieren des Gesamtorganismus ergeben. Diese drei organischen Systeme sind: 1. Das Nerven-Sinnessystem; 2. Das rhythmische Bewegungs- und regulierende System (Atmung - Blutumlauf etc.); 3. Das Stoffwechselsystem. So paradox es erscheint: Alles im natürlichen menschlichen Organismus, insofern es Funktionieren ist, setzt sich aus diesen drei relativ selbstständigen Teilorganismen zusammen. Und der Unsegen der modernen Biologie besteht darinnen, dass sie sich nicht dazu finden kann, das Menschenwesen wirklichkeitgemäß in dieser Richtung zu betrachten. Nun steckt in den sozialen Forderungen der neueren Zeit unbewusst ein Hindrängen zu einem Leben innerhalb der sozialen Struktur, das im Sinne eines Hineingestellt-sein-Wollens in einen in drei relativ selbstständige Glieder gespaltenen sozialen Organismus wirkt. Es ist ein gewaltiger Irrtum; es ist die eigentliche soziale Krankheit der neueren Zeit, welche der Sozialismus des Proletariats leider zur Kulmination, nicht zur Gesundung bringen will, dass man das Auffangen anstrebt der zwei relativ selbstständigen Glieder des gesunden sozialen Organismus, des geistigen Gliedes und des im eigentlichen Sinne politischen Gliedes, welches es zu tun hat mit dem menschenwürdigen Verhältnis von Mensch zu Mensch, durch den wirtschaftlichen Organismus. Das Heil liegt vielmehr in der Dreigliederung des sozialen Organismus. Jedes der drei Glieder hat seine eigene Gesetzmäßigkeit, und muss als soziales Leben mit relativer Selbstständigkeit wirken. Es kommt in Betracht: 1. Das wirtschaftliche Glied des sozialen Organismus. Dieses erhält seine Gesetzmäßigkeit durch das Verhältnis, in dem der Mensch als Wirtschafter zu der Naturgrundlage der Wirtschaft steht. Dieses Verhältnis fordert auf diesem Gebiete ein rein assoziatives Leben, ein Leben in Teilassoziationen und Teilkoalitionen nach Berufen, nach den Verhältnissen der Warenproduktion, Warenzirkulation und Warenkonsumtion. Nicht die uniforme Zusammenschweißung des ganzen Wirtschaftslebens in eine Gesamt-Staats-Wirtschaft, sondern die freie Zusammenwirkung der durch die Naturgrundlagen der Ökonomie gegebenen Teilkoalitionen ergibt das Heil auf diesem Gebiet. 2. Das Gebiet des öffentlichen Rechtes im sozialen Organismus. Dieses hat seine eigene Gesetzmäßigkeit, die nicht aus den wirtschaftlichen Impulsen folgen darf, sondern aufgebaut sein muss auf den Impulsen, welche sich aus dem Verhältnis von Mensch zu Mensch ergeben. Es ist das eigentliche politische Gebiet, das eigentliche Staatsgebiet. Wirkt dieses in relativer Selbstständigkeit neben dem ändern, dann löst sich im Leben des sozialen Gebildes die Arbeitskraft von selbst los von dem Warencharakter, und andere Zweige des sozialen Erlebens entwickeln sich zu menschlicher Befriedigtheit. 3. Das Gebiet alles geistigen Lebens, umfassend das Schul- und Erziehungsleben, das religiöse Leben, das künstlerische Leben usw., aber auch alles das, was sich auf das Privat- und das Strafrecht bezieht. In das zweite Gebiet gehört nur das öffentliche Recht. In dieses Gebiet gehört alles, was im sozialen Organismus gestellt sein muss auf die individuellen, aus der persÖnlichen Freiheit und Initiative fließenden Betätigungen des Menschen, was seine Grundlage hat in den seelischen und körperlichen Begabungen des individuellen Menschen. Wie dem natürlichen menschlichen Organismus zu seinem Unterhalt von außen zufließen die Nahrungsstoffe, so müssen dem sozialen Organismus die Erfolge der menschlichen Begabungen von außen zufließen. Er darf sie nicht von seinem Wirtschafts- oder Staatssystem aus umschließen oder organisieren wollen. Die Schule z. B. von unterster bis oberster Stufe muss ganz auf sich selbst gestellt sein. Entstaatlichung, nicht Verstaatlichung des geistigen Lebens muss angestrebt werden. Diese drei Teilglieder des sozialen Gesamtorganismus müssen jedes ihren eigenen Gesetzgebungs- und Verwaltungskörper haben; sie müssen souverän sein wie nebeneinanderstehende Staatsgebilde und als solche miteinander verkehren. Man kann diese Forderung kompliziert, den bestehenden Denkgewohnheiten gegenüber unbequem finden, doch sie sind die Lebensgesetze des sozialen Organismus, und wer ihnen widerstrebt, wird nichts tun zur Heilung der Menschheits-Krankheit, die in den furchtbaren Ereignissen der letzten Jahre zur Offenbarung gekommen ist, sondern er wird die Impulse dieser Krankheit verstärken. Man hat es mit diesen Forderungen als mit etwas zu tun, was sich aus den Weltgesetzen heraus innerhalb der Menschheitsentwicklung der nächsten Jahrzehnte verwirklichen will. Und die an der Oberfläche zutage tretenden sozialen Forderungen sind nur der maskierte, vielfach verstärkte Ausdruck der Tatsache, dass sich der soziale Organismus zu seiner Gesundung in seine naturgemäßen drei Glieder formen will. Man hat es mit diesen Forderungen nicht nur als mit einer Angelegenheit zu tun, welche das innere Gefüge der Staaten als sozialer Organismen betrifft; man hat es vielmehr in eminentester Art mit einem Gegenstand der äußeren Politik zu tun. Konflikte, die sich ergeben, wenn Staat zu Staat als unnatürlicher Einheitsorganismus steht, lösen sich, wenn die Delegationen des geistigen Organismus des einen Gebietes in selbstständigen Verkehr treten mit dem geistigen Organismus des ändern und so die entsprechenden Delegationen der Wirtschafts- und der rein politischen Körper. Man kann alles hier Gesagte im Einzelnen streng wissenschaftlich begründen und ausbauen; naturgemäß können hier nur die letzten Ergebnisse einer wirklichkeitsgemäßen Soziologie gegeben werden, die aber gegenwärtig durchaus reif ist zum Eingreifen in die Gestaltung des sozialen Organismus. Vieles hängt davon ab, dass in der gegenwärtigen schweren Zeit möglichst viele Menschen sich finden, welche ein Gefühl davon entwickeln, dass ein Wirken in dem hier angedeuteten Sinne eine notwendige Forderung der Zeit ist. Denn würde das nicht der Fall sein: Man würde in der nächsten Zeit eine Entfesselung der menschlichen Instinkte auf einem großen Teile der zivilisierten Welt erleben müssen, dergegenüber eine Verständigung durch vernünftiges Urteil nicht möglich sein würde. Man wird nÖtig haben, die wahren Lebenspraktiker zu hören, die ein Verständnis haben für hohe Gesichtspunkte, die sich aus der Beobachtung der Entwicklungsimpulse der Menschheit ergeben; und der Hochmut und die Anmaßung derer werden aufhören müssen, deren Praxis nur in dem engen Sinn für das Allernächste besteht. Diese werden lernen müssen, dass gerade dadurch das Unglück der letzten Jahre herbeigeführt werden musste, dass modernes Wirtschaftsleben und moderner Kapitalismus durch eine den Entwicklungskräften der Menschheit widerstrebende Selektion, sie, diese Scheinpraktiker in die führenden Stellungen gebracht hat. Werden diese die rechte Selbstbesinnung üben und die wahren Praktiker, die sie noch immer als unpraktische Idealisten unschädlich machen möchten, sachgemäß hören: Dann, und dann allein ist auf eine Gesundung des sozialen Organismus zu hoffen. DIE WIRKLICHE GESTALT DER SOZIALEN FRAGE, ERFASST AUS DEN LEBENSNOTWENDIGKEITEN DER GEGENWÄRTIGEN MENSCHHEIT Bern, 6. Februar 1919 Sehr verehrte Anwesende! Bevor ich mit dem Vortrag beginne, darf ich die verehrten Anwesenden um Entschuldigung bitten: Meine Stimme hat infolge einer ganz gewöhnlichen Erkältung in der letzten Zeit etwas gelitten. Es könnte sein, dass sie während des Vortrages Störungen erlitte, allerlei Purzelbäume schlagen würde. Das bitte ich gütigst zu entschuldigen. Ich hoffe, dass im Laufe des Vortrags die Stimme in Ordnung kommt. Was ich insbesondere in dem ersten Teil dieser Betrachtungen über die sozialen Fragen in den Vordergrund stellen möchte, das ist die wahre Gestalt desjenigen, was eigentlich lebt in den sozialen Forderungen der Gegenwart. Denn einem einsichtigen Menschen wird es, wenn er menschliche Angelegenheiten, insbesondere Angelegenheiten des menschlichen Lebenslaufes selbst, ins Auge fasst, sehg sehr bald klar, wie sich dasjenige, was eigentlich der Mensch im umfassendsten Sinne will und anstrebt, maskiert, verbirgt äußerlich in allerlei Formen, die nicht unmittelbar dasjenige darstellen, was eigentlich als Impuls in der Seele lebt. Deshalb muss man insbesondere sozialen Erscheinungen gegenüber den Versuch machen, die wahre Gestalt desjenigen zu erkunden, was in den Menschenseelen eigentlich lebt. Soziale Fragen - kaum wird irgendjemand leugnen können, sehr verehrte Anwesende, dass sie seit Jahrzehnten diskutiert wurden, nicht nur diskutiert wurden innerhalb von Kreisen, in denen man theoretisch über das oder jenes mehr oder weniger ernsthaft diskutierte, dass sie diskutiert wurden von den Weltparteien, Weltenklassen, Weltenschicksalen. Vieles, vieles ist vermeintlich oder wirklich geleistet worden in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in Bezug auf dasjenige, was beizubringen ist für eine Lösung dieser drängenden und in der Gegenwart wirklich brennend gewordenen Fragen. Insbesondere aber ist es die furchtbare Katastrophe, die in den letzten Jahren über die Menschheit hereingebrochen ist, welche auch mit Bezug auf dasjenige, was in der sozialen Frage lebt, aufrüttelnd, aufklärend für manche Menschenseele wirken könnte. Man konnte sehen, sehr verehrte Anwesende, wie die soziale Frage hereinspielte in diese Kriegskatastrophe, man mÖchte sagen, gleich da, wo die nächstliegenden Ursachen dieser Kriegskatastrophe in Frage kamen. Vieles von dem, was mit dem Ausgangspunkt dieser Kriegskatastrophe zusammenhängt, wird ja - man mag das heute noch bezweifeln - Gegenstand einer Sozial-Pathologie, besser gesagt, Gegenstand einer Sozial-Psychiatrie sein. Aber gar manches im Seelenzustände von Persönlichkeiten, die Anteil hatten, lebendigen Anteil an dem, was mit den Ausgangsströmungen dieser Katastrophe zusammenhängt, gar manches von dem ist zurückzuführen auf ihre Angst, auf ihr ganzes Verhältnis überhaupt, gegenüber dem, was sie heraufkommen sahen als die moderne proletarische, soziale Bewegung· Sie verstanden wenig von dem, was in dieser sozialen Bewegung lebte; aber sie sahen sie heraufkommen. Weniger dasjenige, was in dieser sozialen Bewegung lebte, was etwa erst 1914 sich zugetragen hat, als dasjenige, was sich vielmehr unter dem Eindruck der heraufkommenden sozialen Bewegung festgelegt hatte in manchen Seelen von führenden Persönlichkeiten, das wirkte mitbestimmend für jene Urteile, die mitverursachend waren für diese furchtbare Katastrophe. Dann wiederum, sehr verehrte Anwesende, auf der einen Seite sehen wir manches sich entwickeln während der letzten viereinhalb Jahre. Sodass, ich möchte sagen, gewisse führende Kreise ihre Angst fortsetzten vor der heranstürmenden sozialen Bewegung. Aber wir sehen auf der anderen Seite wiederum, wie Hoffnungen erweckt werden, dass dasjenige, was von anderen Weltenströmungen nicht kommen könne, vielleicht gerade von der internationalen sozialistischen Weltenbewegung kommen könnte, ein Ausgleich der Disharmonien, die in dieser Katastrophe zutage getreten sind. Und jetzt, jetzt, wo diese Katastrophe in eine Krisis getreten ist, welche kurzsichtige Gemüter vielleicht für ein Ende halten, die aber durchaus kein Ende ist, jetzt steht ein großer Teil des gebildeten Europa vor der historischen, vor der tatsächlichen Notwendigkeit, Stellung zu nehmen zu dem, was sich im sozialen Problem verbirgt. Und muss man nicht, wenn man mit unbefangenem Blicke diese Dinge verfolgt, muss man nicht sagen: Etwas Tragisches waltet über den Gemütern gerade derjenigen, die jetzt aus der unmittelbaren Gegenwart heraus sich gedrängt fühlen müssen, Stellung zu nehmen zum sozialen Problem! Jahrzehntelang, in fleißiger Gedankenarbeit, in fleißiger Beobachtung der sozialen Welterscheinungen, glaubten manche, ein Urteil, eine Urteilsfähigkeit erfasst zu haben. Jetzt, wo die Frage brennend geworden ist, wo die Frage in dem Tatsachenleben, sagen wir, als Ratlosigkeit mit jedem Tage mehr zunimmt: Unbefangene Beobachtung kann nichts anderes sagen! Und so scheint wenigstens eines hervorzugehen, gerade auch aus der Rolle, welche die soziale Bewegung innerhalb der letzten katastrophalen Menschheitsereignisse gespielt hat - eines scheint aus alldem hervorzugehen: dass für lange, lange Zeiten hin die Menschen aller Stände, aller Berufe, sich ernst werden zu befassen haben mit dem, was man heute soziale Forderung nennt. Das mag rechtfertigen, sehr verehrte Anwesende, dass ich, der ich [durch] Jahre hindurch über Gegenstände in der Geisteswissenschaft auch hier in Bern reden durfte, dass ich Veranlassung nehme, aus den Untergründen dieser geisteswissenschaftlichen Forschung heraus auch einmal im engeren Sinne über dieses soziale Problem zu sprechen. Wenn ich von einer persönlichen Bemerkung ausgehen darf, so möchte ich nur dies sagen: Wahrhaftig nicht, wie mancher glauben könnte, aus einer bloßen theoretischen Erkenntnismethode, sondern aus einer theoretischen Erkenntnisarbeit heraus soll hier über das soziale Problem gesprochen werden, so, wie mir entgegentrat dieses soziale Problem, als ich durch Jahre hindurch unter Proletariern Lehrer an einer Arbeiterbildungsschule war, und von da ausgehend, zu lehren und zu wirken hatte gerade unter der proletarischen Bevölkerung selber in der gewerkschaftlichen, in der genossenschaftli chen und auch innerhalb der politischen Bewegung, unterweisend, lehrend. Ja, sehr verehrte Anwesende, da hatte ich Gelegenheit, zu beobachten dasjenige, wovon ich glaube, dass es doch eben in erster Linie notwendig ist zu beobachten, wenn man die soziale Frage verstehen will. Da hatte ich vor allen Dingen Gelegenheit, zu beobachten, miterlebend zu beobachten dasjenige, was ich nennen möchte die proletarische Seelenverfassung. Diese proletarische Seelenverfassung, wer sie kennenlernt, dem drängt sie vielleicht die folgende Überzeugung auf: Sehen Sie, sehr verehrte Anwesende, vieles, Eindringliches, Scharfsinniges, Fleißiges ist gerade auf dem Gebiete von Sozialisten und Nichtsozialisten im Laufe der letzten Jahrzehnte geschrieben worden - eigentlich schon in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, und dann durch das zwanzigste Jahrhundert hindurch, soweit wir in diesem zwanzigsten Jahrhundert herangeschritten sind. In dieser umfangreichen Literatur drückt sich aus dasjenige, was innerhalb des modernen Proletariats als soziale Frage gedacht wird. Vergleicht man dasjenige, was sich da ausdrückt in der Literatur, mit dem, was eine unbefangene Beobachtung des Lebens ergibt für den, der dieses Leben beobachten kann, dann entdeckt man zunächst einen sonderbaren, einen höchst auffälligen und lehrreichen Widerspruch innerhalb der modernen proletarisch-sozialen Bewegung. Nichts hört man in Literatur, in Reden, in Artikeln ausgehen von sozialistischen Schriftstellern und Agitatoren, nichts hört man öfter als eine gewisse Unterschätzung alles gedanklichen, alles geistigen Elementes! Am Geiste wird betont gerade von sozialistischer Seite, dass alles dasjenige, was der Mensch denkt, alles dasjenige, was der Mensch geistig irgendwie in sich ausarbeitet, dass das nichts weiter ist als gewissermaßen, ich mÖchte sagen, die Wolke, die aufsteigt aus den großen, einzigen Realitäten der wirtschaftlichen Kämpfe der Menschheit. Wie die einzelnen Klassen wirtschaftlich miteinander kämpfen, was sich da abspielt im wirtschaftlichen Leben, das ist die einzig wahre Wirklichkeit. Wie Wolken steigen auf diejenigen Gebilde, die sich als menschliche Gedanken entwickeln, steigt auf dasjenige, was man Erkenntnis, was man Kunst nennt, und so weiter. Wem sagte ich etwas ganz besonders Neues, der sich irgendwie mit diesen Dingen beschäftigt hat, wenn ich gerade diese Behauptung in Bezug auf die ganze sozialistische Literatur und das ganze sozialistische Wirken durchgehende Behauptung hier zum Ausdrucke bringe? Denn, sehr verehrte Anwesende, einer lebendigen Beobachtung ergibt sich, dass es innerhalb der ganzen geschichtlichen Entwicklung der Menschheit noch niemals eine Parteibewegung, eine Klassenbewegung gegeben hat, die so intensiv vom Denken, von der Erkenntnis ausgegangen ist wie die besondere proletarischsozialistische Bewegung! Ja, man kann geradezu, ohne in eine Übertreibung zu verfallen, sagen: Die moderne sozialistische Bewegung ist diejenige, welche in einer ganz einzigartigen Weise fußen will auf dem, was wissenschaftliche Grundlage ist. So sonderbar es klingt: Die moderne sozialistische Bewegung ist diejenige, die, entgegengesetzt allen anderen ähnlichen Bewegungen in der Weltgeschichte, ausgeht von einer wissenschaftlichen Grundlage im eminentesten Sinne, von einer Gedankengrundlage! Wie es im Leben so viele Widersprüche gibt, ja, wie das Leben eigentlich dadurch besteht, dass Widerspruchsvolles in ihm zusammenwirkt, so - könnte man sagen - ist es auch da. Bewusst sagen die Leute: Wir halten gar nichts von Gedanken; im Unbewussten ruhen die Gründe, [wovon] gerade diese Bewegung ausgegangen ist: vom Gedanken. Man muss nur mit wirklicher Liebe für die Tatsachen und mit wirklicher Liebe für die Menschenbeobachtung sehen, wie in die Proletarier-Seele hineinzog das Verständnis für eine solche schwierige, für eine solche Exaktheit - wenigstens wird der Versuch der Exaktheit gemacht - für eine solche exakte Gedankenarbeit, wie die des Karl Marx ist; man muss mit Liebe für die Tatsachen, mit Liebe für die Menschenbeobachtung sehen, wie dann wiederum in scharfsinniger Weise in den Proletariergemiitern versucht worden ist, zu verstehen, worinnen sich Karl Marx, der Führer der modernen proletarischen Bewegung, der theoretische Führer, worinnen der sich eigentlich geirrt hat. Man kann schon sagen: Wenn man innerhalb der Menschengesellschaft der Gegenwart, etwas überdrüssig von der Oberflächlichkeit der sogenannten bürgerlichen intellektuellen Kreise, in die Kreise des Proletariats hineinkam, dann konnte man schon bemerken den Übergang - den Übergang von dem Oberflächlichen auf eine leichtgeschürzte Wissenschaftlichkeit auch nur äußerlich bauende Bildung, zu jenem intensiven Streben, hinter die Geheimnisse des unmittelbaren Lebens, das einen umgibt, zu kommen in der modernen proletarischen Welt. Man empfand gerade, ich möchte sagen, das Heraufziehen eines furchtbaren Unheils, dadurch, dass man sah, wie wenig Neigung gerade bei den intellektuellen, führenden Menschen vorhanden war, auch heute noch ist, Verständnis zu finden für dasjenige, was in der proletarischen Seele wirklich lebt. Man konnte schon Herzschmerz empfinden, wenn man sah: Solche Wege schlug die führende Menschenklasse ein, um hineinzuschauen in die Proletarierseele, solche Wege, dass sie sich im Theater die «Weber» ansah, Hauptmanns «Weberm Ästhetischer Genuss an Proletarier-Situationen - das war es, was man als Verständnis anstrebte. Davon machte man sich wenig Begriff - oder suchte man wenig Begriffe. Worinnen das eigentliche Geheimnis besteht, das ist, dass in das moderne Proletariat strengstes wissenschaftliches Denken, schweres wissenschaftliches Geschütz, wie es viele Intellektuelle heute meiden, weil es ihnen unbequem ist, wie dieses Denken eintauchen konnte in die moderne Proletarierseele; darüber sucht man wenig Gedanken sich zu machen, dass das so ist. Dass zu wenig Verständnis für dasjenige vorhanden ist, was da heraufzieht, das konnte man, wenn man die Dinge ernst nahm, als das heraufkommende, drohende Unheil seit Jahrzehnten empfinden. Nun, sehr verehrte Anwesende, was liegt denn hinter dem Widerspruch, den ich angedeutet habe, dass auf der einen Seite der Gedanke geradezu verleugnet wird von dem modernen Proletarier und dass aber doch dieses Proletariat ganz von Gedanken ausgeht, Sinn und Interesse und Aufmerksamkeit hat gerade fürs Gedankenleben - worinnen liegt dieser Widerspruch begründet? Die Beobachtung des Le bens ergibt, glaube ich, dass dieser Widerspruch darinnen begründet liegt, dass es doch ankommt bei dieser Bewegung nicht so sehr auf das, was die Menschen sich vormachen, was diese wirtschaftlichen Ziele oder sozialen Ziele sind, sondern dass es darauf ankommt, was eigentlich die Seelenverfassung des lebendigen Menschen ist, der dem modernen Proletariat angehört. Und ich muss sagen: Intensiver hat zu meiner Seele gesprochen ein Wort, intensiver als alle die scharfsinnigen Auseinandersetzungen über Wirtschaftsfragen, die ich glaube, alle würdigen zu können; aber bezeichnender für dasjenige, was da lebt in der Zeit, hat mir immer ein Wort geschienen, ein Wort, das man überall hört innerhalb der modernen Proletarierbewegung - es ist das Wort, das da besagt: Aufgerückt in der Entwicklung der Menschheit ist das moderne Proletariat zur Klassenbewusstheit. Was will es denn eigentlich besagen, so, wie das Wort unmittelbar gebraucht wird? Es will sagen: Der moderne Proletarier lebt als Arbeiter nicht instinktiv wie - sagen wir - im alten patriarchalischen Leben, im alten Handwerksleben, als Lehrling oder Geselle; es lebt der moderne proletarische Arbeiter nicht instinktiv innerhalb der sozialen Struktur; sondern er lebt so, dass er weiß, was er innerhalb dieser sozialen Struktur bedeutet, wie er eine besondere Klasse ist - eben die Klasse der Arbeitnehmer gegenüber den anderen Klassen, den Klassen der Arbeitgeber. Dass [er] darinnen, in der Art und Weise, wie er sich hineingestellt weiß in die soziale Struktur, nicht bloß instinktiv lebt, sondern etwas von Klassenbewusstsein hat, das soll zunächst ausdrücken das Wort «klassenbewusstes Proletariat». Aber im Grunde genommen ist dieses Wort «klassenbevmstes Proletariat», wenn man tiefer geht, doch nur eine Maske für etwas noch ganz anderes. Dieses andere würde man erkennen, wenn nicht der modernen Menschheit mit den Begriffen, die notwendigerweise verworfen werden mussten, auch die Fähigkeit abhandengekommen wäre, die volle Wirklichkeit im Menschheitsverlauf zu erkennen. Man ist ja heute, ich möchte sagen, von einem ganz bequemen Erkenntnisinstinkt ja geradezu besessen. Dieser Erkenntnisinstinkt geht darauf aus, überall in möglichst einfacher Weise Ursache und Wirkung miteinander zu verknüpfen: Da ist die Ursache - da ist die Wirkung; die Wirkung folgt aus der Ursache. Und dann geht das womöglich sehr subjektiv fort, indem man vielleicht noch hinzufiigi; um dieses geradlinige Sich-Fortbewegen der Erkenntnis an dem Faden von Ursache und Wirkung zu rechtfertigen: «Die Natur macht doch keine Sprünge.» Zwar, wer nur ein wenig sieht, der weiß, dass die Natur überall Sprünge macht: Aber solch ein Wort wird eben fortgebraucht. Die Natur entwickelt allerdings sukzessiv grünes Farbblatt nach grünem Farbblatt; macht dann aber den Sprung zum grünen Kelchblatt, und dann den noch größeren Sprung zum Blumenblatg dann zu den Staubgefäßen und so weiter. Und so würde man in allem Leben, in allen Naturvorgängen Widerlegungen des bequemem Satzes: «Die Natur macht keine Sprünge» bemerken. Wohin käme man, wenn man das menschliche Leben so bloß, wie es sich in der physischen Welt entwickelt, so bloß beobachten würde, sodass man gradlinig verfolgt die Ereignisse nach der unmittelbar vorangehenden Ursache, der unmittelbar nachfolgenden Wirkung? Sehen wir denn nicht im individuellen Menschenleben, wie eine besondere Krisis eintritt beim Zahnwechsel gegen das siebente Jahr? Sehen wir denn nicht, wie eine bedeutende Krisis eintritt, wenn der Mensch geschlechtsreif wird? Sehen wir nicht, wie dazwischen mehr ein ruhiges Folgen von Ursache und Wirkung da ist? Und wie dann beim Zahnwechsel, bei der Geschlechtsreife - es sind auch andere Krisen da in späteren Jahren, lich bemerkbar sind - alle diese Dinge die Natur wahrhaftig Sprünge unbefangener Beobachter der macht. wenn sie auch weniger deutzeigen, wie in solchen Zeiten In dieser Beziehung wird ein Naturvorgänge in der Zukunft noch ganz Besonderes zu leisten haben. Indem man über Bord geworfen hat dieses, was der alten Metaphysik angehört, und mit Recht über Bord geworfen hat, hat man zugleich die Möglichkeit verloren, die geschichtliche Entwicklung so zu betrachten, dass man die in ihr enthaltenen wirklichen Impulse schaut und wahrnimmt, sq, wie man wahrnehmen kann solche umändernden Impulse, wie sie sich geltend machen im menschlichen Zahnwechsel, in der menschlichen Geschlechtsreife. Für den wirklichen unbefangenen Beobachter zeigt sich in dem Fortgang der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit, dass besondere Zeiten vorhanden sind, in denen sich die Seelenverfassungen der Menschen umändern, in denen Neues an Impulsen in die Seelenverfassung der Menschen eintritt. Solch ein Zeitalter war dasjenige, welches ungefähr in die Zeit des fünfzehnten, sechzehnten Jahrhunderts fällt. Die Geschichte, wie die dargestellt wird in den Schulen, ist in dieser Beziehung vielfach eine «fab]e convenue». Sie weist nicht hin, diese Geschichte, auf die großartigen Umschwünge, die in den Seelenverfassungen der Menschen sich ausgelebt haben in den aufeinanderfolgenden Zeiten. Wird man einmal von der befangenen Geschichte, die heute herrscht, zu einer unbefangenen Geschichte kommen, dann wird man einsehen, wie ganz anders die innere Seelenverfassung eines Menschen des elften, zwölften nachchristlichen Jahrhunderts noch war als die eines Menschen des sechzehnten, siebzehnten, achtzehntenJahrhunderts! Nicht so, dass man einfach geradlinig Ursache und Wirkung verfolgen kann, nicht so lässt sich Geschichte betrachten; sondern solche Krisen Krisen, die elementar mit der Organisation der ganzen Menschheit zusammenhängen -, solche Krisen muss man anerkennen, wie man solche Krisen, solche elementaren Umschwünge, anerkennen muss in der Teil-Entwicklung des menschlichen natürlichen Organismus. Und dasjenige, was da, ich möchte sagen, als ein elementarer Impuls in der neuzeitlichen Menschheitsentwicklung lebt, das ist ja nirgends dargestellt worden, außer dem Bereiche der von mir vertretenen anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft. Dafür aber ist, und zwar mit Recht, die moderne Entwicklung immer wieder und wiederum so dargestellt worden, dass das gesamte moderne Leben, namentlich das Wirtschaftsleben, auf der einen Seite seine Umwandlung erfahren habe durch die moderne Technik, auf der anderen Seite durch das Eintreten der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, wie sie sich im Gefolge der modernen Technik einstellte, der privatkapitalistischen Ordnung. Ich habe nicht nötig, weil das oftmals dargestellt worden ist, diese beiden Impulse in der Entwicklung der neueren Menschheit hier ge nauer zu charakterisieren: die moderne Technik und den modernen Kapitalismus - es ist von vielen Seiten treffend dargestellt worden, was diese beiden Impulse der neuzeitlichen Entwicklung bedeuten mit Bezug auf die Entstehung dieses neuzeitlichen proletarischen Bewusstseins. Aber dieses neuzeitliche proletarische Bewusstsein, es muss nicht nur zurückgeführt werden auf diese zwei wirtschaftlichen Impulse: auf die moderne Technik, auf das moderne Maschinenwesen, auf den modernen Kapitalismus - sondern es muss als dasjenige angesehen werden, was gewissermaßen als Teilerscheinungen ganz elementar in der Entwicklung der Menschen auftreten musste durch jene Revolutionen in dem Organismus der menschheitlichen Entwicklung, jenen inneren revolutionären Impuls, von dem ich gesagt habe, dass er sich ungefähr im vierzehnten, fünfzehnten, sechzehnten Jahrhunderte dargelebt hat innerhalb der Entwicklung der modernen Menschheit. An dem, was da hereinbrach in die moderne Menschheit, haben verhältnismäßig die anderen Klassen wenig Anteil genommen. Der moderne Proletarier ist geradezu durch seine Lebensnotwendigkeiten hingedrängt worden, ganz besonders in seiner Seelenverfassung diesen Impuls, der sich da ergab aus den Kräften der Menschheitsentwicklung im vierzehnten, fünfzehnten, sechzehnten Jahrhundert, diesen Impuls in seine Seele aufzunehmen. Welches war dieser Impuls? Nun, diesen Impuls, man kann ihn nicht anders charakterisieren, als dass man sagt: Vieles von dem, ja, alles von dem in der Menschheitsentwicklung, was in früheren Zeiten mehr instinktiv, mehr aus den unterbewussten, intuitiven Kräften der Menschenseele heraus von Menschen gedacht und gefühlt und ersonnen worden ist, das wird von dieser Krisis im vierzehnten, fünfzehnten, sechzehnten Jahrhundert ab bewusst von der Menschheit durchlebt. Immer mehr und mehr entwickelt sich die bewusste innere Klarheit der Menschenseele. Das ist dasjenige, was die menschliche Persönlichkeit auf sich selbst stellt seit jener Zeit. Der Ubergang vom Instinktleben zum bewussten Leben, auf ihn wurde insbesondere das moderne Proletariat gewiesen. Man verfolge nur, wie dieses moderne Proletariat abgesondert wird von dem, was Natur, was menschliche Produktion ist. Man vergleiche, wie im alten Handwerk, in dem alten Verhältnis des Menschen zur Natur, bei der unmittelbar natürlichen Urproduktion, wie da der Mensch zusammenhängt mit dem, was er arbeitet, was er tut, wie sich ein persönliches Verhältnis herausbildet zwischen dem Menschen und seiner Arbeit. Es ist ein interessantes Studium, nun zu verfolgen, wie losgerissen wird dasjenige, was früher zusammenhing: der Mensch und seine Leistung, durch das moderne Zeitalter. Und am meisten erlebt das der moderne Proletarier, der hingestellt wird vor die Maschine, neben die Maschine! Ein unpersönlichstes Verhältnis besteht nun zwischen dem Menschen und demjenigen, womit er arbeitet! Und in unpersönlichster Art ist er hineingestellt in den ganzen sozialen Organismus, indem er ein Glied ist in einer Wirtschaftsordnung, die nicht durch die Impulse der Persönlichkeiten entsteht, die nicht entsteht durch die persönlichen Impulse der menschlichen Individuen, sondern die entsteht, man möchte sagen, objektiv, durch das Wirken des Kapitalismus selbst. Der Mensch wird losgerissen von dem, was früher seine Freude aus dem Beruf heraus ausgemacht hat, was früher ausgemacht hat seinen Eifer, seinen Enthusiasmus für den Beruf, was ausgemacht hat seine Ehre, die er mit dem Beruf verband, und so weiter; und ein ganz abstraktes, ein nüchternes Verhältnis des Menschen zu seinem Beruf trat ein. Weil dies für die anderen Stände und Klassen nicht so ist, weil dieses insbesondere herauskommt, zur Geltung kommt bei den Proletariern, deshalb ist der Proletarier es vor allen Dingen, der hingewiesen wird darauf, in seiner Seele den eigentlichen Impuls der Neuzeit, die Bewusstheit, zu entwickeln. Hinter dem Ausspruch «Klassenbewussws Proletariar verbirgt sich das andere, dass der Proletarier vor allen Dingen durch seine Weltstellung, durch sein Hineingestelltsein in die menschliche Entwicklung, das moderne Menschheitsbewusstsein, das Bewusstsein von menschlicher Würde ganz besonders anstrebt. Die alten Stände sind nicht so losgerissen von dem, was früher ihre Freude, früher ihre Gedanken von Menschenwürde und Menschenehre waren aus ihrem Tun heraus. Der moderne Proletarier ist dadurch, dass kein Interesse ihn verbinden kann mit seinem Arbeitsmittel, er ist auf sich als bloßen Menschen gestellt. Dadurch ist er es, in dem sich entwickelt dieser Impuls des Überganges von der Unbewusstheit, von dem instinktiven sozialen Leben zum bewussten sozialen Leben. Man könnte schon sagen, sehr verehrte Anwesende, wie das Christentum in einer unbekannten Provinz des Römischen Reiches ausgebrochen ist, wie es sich verbreitet hat zuerst über die gebildeten Länder, Griechenland und Rom, da aber viel weniger Wurzeln gefasst hat als bei den barbarischen Völkerschaften mit ihrer einfachen - wie man oftmals vom hochmütigen Gesichtspunkte herab sagt, kindlichen - Seelenverfassung, wie da das Christentum weniger Geltung sich verschaffen konnte im Griechentum und Römertum selber als in den einfachen Gemütern der vom Norden herabziehenden germanischen und sonstigen Stämme, so kann der bedeutsamste Impuls der Menschheitsentwicklung, der Übergang vom Instinktleben zum Leben in voller menschlicher Bewusstheit, am intensivsten sich entwickeln nicht in den anderen Ständen, sondern am intensivsten - wenn auch sonst die Vorbedingungen für Intellektualität und so weiter bei den anderen Ständen größere sein möchten: Das, was der neue Impuls in der Menschheitsentwicklung eigentlich ist, es kann sich am intensivsten entwickeln, gerade durch das ungünstige Hineingestelltsein des Proletariers in die allgemeine Menschheitsentwicklung, bei diesem modernen Proletarier! Das moderne Proletariat zieht entgegen der heutigen gebildeten Welt, wie die germanischen Christen der rÖmischen und griechischen Welt einmal entgegenzogen. Menschenbewusstsein, Bewusstsein von Menschenwürde also, kann man sagen, verbirgt sich eigentlich hinter dem Worte: «Klassenbewusstes Proletariat». So steht, sehr verehrte Anwesende, nicht irgendeine wirtschaftliche Forderung für den, der das Leben beobachten kann, so steht nicht irgendeine Abstraktheit, so steht nicht irgendein volkswirtschaftlich einseitiger Impuls, so steht der lebendige Mensch im Mittelpunkt dieser modernen sozialen proletarischen Bewegung, der moderne Proletarier selber mit einer besonderen Art, bewusst hinzustreben zur Erkenntnis wahrer Menschenwürde. Und aus diesem tieferen Grunde der Klassenbewusstheit heraus entwickelt sich dann die wahre Gestalt der sozialen Forderungen, die vielfach maskiert sind hinter bloßen wirtschaftlichen Auseinandersetzungen, wirtschaftlichen Forderungen. Kennt man dieses moderne Proletariat, sehr verehrte Anwesende, so fällt einem vor allen Dingen eines auf. Das fällt einem auf, dass dieses Proletariat die nachstrebende Bevölkerung ist, die den gebildeteren Klassen nachstrebende Bevölkerung, von der man, wie im Eingänge von mir bemerkt worden isg heute wirklich sagen kann: Sie begründet eine gesellschaftliche Strömung, die ganz und gar auf Wissenschaftlichkeit, auf Gedanken gebaut ist. In seiner Klassenbewusstheit, in seinem Streben nach bewusster Menschenwürde, strebt der moderne Proletarier auch nach wirklichem Wissen, nach wirklicher innerer Gedankenvertiefung. Aber wozu führt ihn diese Gedankenvertiefung? Hier liegt ein Punkt, sehr verehrte Anwesende, den der moderne Proletarier selber, indem er mehr der äußeren Arbeit zugewendet ist, nicht so recht bemerkt - den aber derjenige bemerkt, der vielleicht gerade mit einem gewissen Rechte sich einen geistigen Proletarier nennen darf -, es ist ein Punkt, der besonders tief hineinschauen lässt in die Seelenverfassung des modernen Proletariats, und eigentlich in das ganze Gefüge des modernen Sozialismus: Es ist die Tatsache, dass alles Geistige, alles dasjenige, was der Mensch sich an Begriffen, an künstlerischen Erlebnissen und sonst an Geistigem sich erwirbt, von dem modernen Proletarier, auch von den theoretischen Führern des modernen Proletariats, als - wie sie selber immer sagen - als ddeologie» empfunden wird; Ideologie- ein Geistesleben, das nicht davon überzeugt ist, dass unter den wirklichen Kräften und Wesenheiten, die die Welt durchpulsen und durchweben, auch objektiver, wirklicher Geist ist -, nein: ein Geistesleben, das nichts weiter ist, als der subjektive Abglanz der äußeren materiellen und wirtschaftlichen Wirklichkeit. Nicht, dass hereinragt in unsere Menschlichkeit wirksamer Geist, der uns dazu bringt, nicht bloß eine Art Gehirnverdauung zu haben, sondern innerhalb dieser Gehirnverdauung Gedanken, Empfindungen zu haben, nicht ein wirklicher Geist ist es, der uns dazu veranlasst, ein Gedankenleben, ein sonstiges in neres Geistesleben zu entwickeln - nein: Dieses Geistesleben ist bloße Ideologie. Ihm entspricht nichts Geistig-Wirkliches. Es ist alles, was in den Ideen lebt, nur der Spiegel materieller Vorgänge, wirtschaftlicher Vorgänge. Man kann sogar sagen: Der moderne Proletarier ist gewissermaßen innerlich theoretisch glücklich, dass er ein so aufgeklärter Mensch sein darf, nicht mehr an alte metaphysische Wesenheiten zu glauben, sondern zu wissen, dass alles, was den Menschen geistiges Leben ist, Ideologie ist, Schaumblasen, die aufsteigen aus der materiellen und wirtschaftlichen Tatsachenwelt. Und dennoch, dasjenige, was das moderne Proletariat hereinbringt in die ganze gesellschaftliche Struktur, das hängt vielfach davon ab, dass es das Geistesleben in der geschilderten Weise als Ideologie empfindet und anerkennt. Aber warum das? Freilich, der Proletarier selbst meint, dass er damit eine besondere, ihm eigene Errungenschaft in die menschliche Entwicklung hineingestellt hat. Aber so ist es nicht. Der moderne Proletarier hat nur ererbt dasjenige, was ihm gerade auf diesem Gebiete die anderen Klassen übergeben konnten. In demselben Zeitpunkte, von dem ich Ihnen gesprochen habe - vierzehntes, fünfzehntes, sechzehntes Jahrhundert -, in dem die Menschheit übergeht durch eine bedeutsame Krisis von einem bloßen instinktiven Leben zu einem innerlich seelisch bewussten Leben, in demselben Zeitalter stellt sich als eine Begleiterscheinung bei den führenden Ständen und führenden Persönlichkeiten das ein, dass die Geistigkeit ihre Stoßkraft in Bezug auf dasjenige verliert, was der Mensch ferner denken und forschen kann. Damit berührt man in der Tat ein sehr bedeutsames Geheimnis der ganzen neueren Menschheitsentwicklung. Man muss zurücksehen, sehr verehrte Anwesende, auf jene Zeiten, wo alles dasjenige, was der Mensch erforschte, was der Mensch dachte über die einzelnen Tatsachen des Natur- und Menschenlebens, wie alles das sich einreihte in eine Gesamtweltanschauung, die auch von den religiösen Impulsen durchzogen war bis in die einzelnsten Zweige des menschlichen Wissens und Forschens hinein, wie sich ausbreitet ein Gemeinsames an Impulsen über dasjenige, was religiöse zentrale Empfindung war, und dasjenige, was über einzelne Teile der Welt wissen und forschen wollte. Im vierzehnten, fünfzehnten, sechzehnten Jahrhundert, mit dem Heraufkommen der neueren Zeit, verliert die Geistigkeit des Menschen ihre Stoßkraft. Man mache sich nur klar, was es heißt zum Beispiel: die Kirche, die ja von sich aus, aus ihren letzten alten Impulsen sehr verdienstvoll Universitäten und alles Mögliche begründet hat, dass diese Kirche aus der alten Weltanschauung heraus keine Stoßkraft hat, die fruchtbar sich ausbreiten könnte über dasjenige, was die Brunos, was die Galileis hervorgebracht haben. Ein äußeres Wissen, ein Wissen von der Welt und ihren Tatsachen kommt herauf. Und die alte Geistigkeit besitzt nicht die Stoßkraft, in unbefangener Weise des Menschen Zentrum, des Menschen Gemüts- und Seelenzentrum in ein wirklich entsprechendes, menschliches Verhältnis zu diesem neuen Geistesleben zu setzen. Und so lebt in dieser Wissenschaft, in diesem weiten Weltall, lebt nicht religiöse, lebt nicht allgemeine menschliche Stoßkraft, lebt nichtwirkliche Geistigkeit. Es wird unter dem Einflussc dieses Verlustes der Geistigkeit das neuere Geistesleben Ideologie. Und der moderne Proletarier hat das Schicksal, von jenen Zeiten her, in denen es noch kein Proletariat im modernen Sinne gegeben hat, als Erbschaft die geistige Welt nur in der Form von Ideologie zu übernehmen, die geistige Welt so zu übernehmen, dass in dem Verhältnis des Menschen zur geistigen Welt nicht mehr lebt die Anerkennung des wirklichen Geistigen an Kräften und Wesenheiten, die die Welt durchweben und durchleben. Das ist der große, vielleicht tragische Irrtum des modernen Proletariats, dass es glaubt, eine besondere proletarische Errungenschaft zu haben in dem Deuten des geistigen Lebens als einer Ideologie, dass es darinnen aber gerade die eigentümliche Erbschaft der alten Klasse hat. Die besondere Art des Menschen, sich zur Wissenschaft zu stellen, hat das moderne Proletariat gerade von dem Bürgertum und den anderen Klassen übernommen! Aber es ergibt sich, weil die anderen Klassen gewisse alte Traditionen haben, der moderne Proletarier auf die Spitze seiner Persönlichkeit gestellt ist, es ergibt sich das, dass in einem ganz anderen Grade der moderne Proletarier die Impulse ernst nehmen muss. Hier lebt wiederum ein bedeutsames soziales Problem, das noch lange nicht erschöpfend wird beleuchtet werden von der landläufigen Wissenschaft und der landläufigen Beobachtung solcher Dinge. Gewiss, auch die übrigen Stände haben, wenn sie ehrlich sind, heute in ihrem geistigen Leben nur eine Ideologie. Aber sie sind nicht so ehrlich; sie glauben noch etwas zu haben von den alten religiösen Impulsen, von der alten Stoßkraft, die vom Seelenzentrum ausgeht und hineinkraftet in dasjenige, was der Mensch über die einzelnen Tatsachen forscht und anerkennt. Der moderne Proletarier hat einfach in radikaler Weise Ernst gemacht mit dem, was Ideologie ist. Die Folge davon ist, dass die Wertschätzung dieses geistigen Lebens doch eine sehr wenig intensive ist. Und diese Art, sich zum geistigen Leben zu stellen, die begründet die Empfindung, dass dieses geistige Leben eigentlich nur etwas ist, was wie eine Beigabe erscheint zum ernsten Menschenleben, das aber nur in materialistischen und wirtschaftlichen Vorgängen besteht. Muss nicht eine Anschauung, die Ernst macht mit dem geistigen Leben als mit einer Ideologie, muss nicht diese Anschauung ganz anders denken über alles geistig Errungene im Laufe der Menschheitsentwicklung als die anderen Stände, die, noch aus anderen Impulsen hervorgehend, dieses geistige Leben erkannt haben? In der Anschauung des geistigen Lebens als einer Ideologie liegt ein furchtbar revolutionäres Element, von dem sich, man darf sagen, die Menschen heute noch wenig träumen lassen! Es könnte ein sehr wenig bequemes Erwachen geben aus diesem Verschlafen desjenigen, was gerade in diesem Punkt sich offenbart in Bezug auf die soziale Frage. Der Verlust der lebendigen, realen Geistigkeit, das Herabsinken des geistigen Lebens zu einer bloßen Ideologie, das ist das Erste, was ich anführen möchte unter den wahren Gestaltungen der sozialen Forderungen. Das Zweite aber, sehr verehrte Anwesende, das Zweite liegt auf dem Gebiete des öffentlichen politischen Lebens. Wiederum könnte man sagen: Im Bewusstsein des Proletariers lebt eine Art von Maske; in den Tiefen der Seele lebt etwas ganz, ganz anderes. Dasjenige, was vor allen Dingen den Menschen und auch dem modernen Proletariat aufgefallen ist an der neueren Menschheitsentwicklung, das ist das Überfluten aller Verhältnisse durch die moderne Maschinentechnik und durch den modernen Kapitalismus. Gewiss, diese Dinge sind es, die zunächst dem modernen Proletarier ganz besonders aufgefallen sind. Darauf ist wie durch eine historische Suggestion sein Blick geheftet worden. Und er verstand, als Karl Marx aus einer besonderen Untersuchung der wirtschaftlichen Vorgänge dem modernen Proletarier auch erklären wollte, wie er eigentlich zu seiner sozialen Stellung kommt. Und dennoch, dasjenige, was nun als die zweite wesentliche Gestalt der sozialen Forderungen auftritt, das kann nicht aus dem Wirtschaftsleben heraus allein begriffen werden. Nicht die wirtschaftliche Struktur, nicht die wirtschaftlichen Verhältnisse treiben in die Seele des Proletariers diese zweite wahrhaftige Gestalt der sozialen Forderung hinein, sondern diese zweite soziale Forderung liegt in der geraden Fortentwicklung desjenigen, was geführt hat vor Zeiten schon innerhalb des größten Teiles der zivilisierten Welt zum Aufheben der alten Sklaverei, was geführt hat später zum Aufheben der Leibeigenschaft, und was führen muss notwendigerweise zum Aufhören von etwas, was gerade der moderne Proletarier, es wirtschaftlich missdeutend, selber als das Menschenunwürdigste in seiner Stellung empfindet. Was ist das Wesentliche beim Sklaven gewesen? Er war nicht anerkannt in seiner vollen Menschenwürde; er galt dem Herrn als Ware. Und in einer gewissen Weise Ware ist auch noch die Leibeigenschaft des Feudalismus. In eindringlichster Art lebt nun im Bewusstsein des modernen Proletariers, man könnte sagen, der letzte Rest dieser Menschen-Unwiirdigkeit, indem ihm klar ist dasjenige, was seine Arbeitskraft ist. Nicht mehr er als Mensch in der LeibeigenschafL wie in der Sklaverei, sondern dasjenige, was seine Arbeitskraft ist, ist im modernen sozialen Prozess drinnen Ware. So, wie man sonst innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsordnung diese oder jene Ware kauft, indem die Waren kommen auf den Markt, nach Angebot und Nachfrage durch den Markt zirkulieren, so auch kauft man auf dem Arbeitsmarkt die Ware «Arbeitskraft». Nichts hat eindringlicher, man möchte sagen, nichts hat empfindungsgemäßer der moderne Proletarier in sich aufgenommen aus der marxistischen Lehre heraus als diese Anschauung, dass seine Arbeitskraft gleich ist in Bezug auf den wirtschaftlichen Prozess, gleich ist der Ware. Dieselben Impulse, die zum Abschaffen der Sklaverei geführt haben, dieselben Impulse, die zum Ende der Leibeigenschaft geführt haben, dieselben Impulse in anderer Form leben im modernen Proletariat und streben eigentlich hin nach einer Möglichkeit, die menschliche Arbeitskraft des Charakters der Ware innerhalb der menschlichen sozialen Struktur zu entkleiden. Ich kenne sehr viele Menschen der Gegenwart - wenn man solches, wie ich es jetzt ausführte über die menschliche Arbeitskraft und ihr Verhältnis zur Ware, auseinandersetzt, so sagen sie, sie können gar nicht begreifen, wie es möglich sein sollte, durch irgendwelche Maßnahmen die Arbeitskraft des Handwerkers zu entkleiden des Charakters der Ware, des Warencharakters. Plato und Aristoteles, die aufgeklärtesten Griechen, die großen Philosophen, konnten sich eine menschliche Gesellschaft nicht denken, ohne dass es Sklaven darinnen gibt. Im Mittelalter konnten sich gewisse Menschen nicht denken eine menschliche Gesellschaft, ohne dass es Leibeigene drinnen gibt. Heute können sich noch viele Menschen nicht denken, dass eine menschliche soziale Struktur möglich ist, ohne dass darinnen irgendwie Arbeitskraft als Ware figuriere. Wie das erreicht werden kann, davon, sehr verehrte Anwesende, wird morgen gesprochen werden von mir unter den Lösungsversuchen, die ich versuchen werde zu charakterisieren. Heute will ich nur darauf aufmerksam machen, dass die zweite Forderung in ihrer wahren Gestalt innerhalb des modernen proletarischen sozialen Lebens die ist, dass menschenwürdiges Dasein erfordert, die menschliche Arbeitskraft sei nicht mehr Ware, [sie] könne nicht mehr von den Kapitalisten so gekauft werden, dass er Geld für ein bestimmtes Quantum Arbeitskraft hingibt, das ihm der Arbeiter so zur Verfügung stellen muss, wie der Landwirt zur Verfügung stellt die Waren, die er, der Landwirt, von seinem Acker gewinne, wie der Kaufmann dasjenige zur Verfügung stellt als Kapital, was er in seinem Laden hat. Es darf - so empfindet, so sagt er vielleicht nicht deutlich, er stellt es in irgendeiner nationalwissenschaftlichen Verbrämung dar, aber so empfindet der moderne Proletarier -, es darf weiter nicht sein, dass menschliche Arbeitskraft ihren Warenpreis in der wirtschaftlichen Struktur der menschlichen Gesellschaft hat. Das ist das zweite Glied. Das dritte Glied ist, dass der moderne Entwicklungsgang der Menschheit ebenso eine Überschätzung des äußerlichen, wirtschaftlichen Lebens hervorgebracht hat, wie eine Unterschätzung des geistigen Lebens hervorgebracht worden ist, indem man geistige Wirklichkeit zu einer bloßen Ideologie dekretiert hat. Gerade dadurch ist, ich möchte sagen, durch eine gewisse Gleichgewichtslosigkeit, auf der anderen Seite emporgeschnellt das wirtschaftliche Leben. Wie durch eine mächtige weltgeschichtliche Suggestion richteten sich die Aufmerksamkeiten der Menschen auf das wirtschaftliche Leben selbst. Und so trat eines ein: Die Menschen wurden abgezogen von allem Übrigen und widmeten ihre Aufmerksamkeit ganz einseitig dem wirtschaftlichen Leben. Von alten Zeiten heraufgekommen ist ein gewisses geistiges Leben. Aber dieses geistige Leben hat, wie ich gezeigt habe, seine Stoßkraft verloren, ist zur Ideologie herabgesunken. Was ist von alten Zeiten weiters heraufgekommen? Gewisse staatliche, wie man sie nennt, politische Zusammenhänge der öffentlichen Rechtsordnung; wie der Mensch dem Menschen gegenüber ein Verhältnis finden kann innerhalb eines gewissen Territoriums als Bürger oder als sonst etwas innerhalb der gesellschaftlichen Struktur. Heraufgekommen ist weiter eine gewisse wirtschaftliche Ordnung. Diese wirtschaftliche Ordnung aber hat aufgedrückt bekommen ihren besonderen Charakter durch die moderne Technik, durch die in ihrem Gefolge liegende moderne Warenzirkulation im Sinne der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Das ist dasjenige, was in einer so überflutenden Art, alles Übrige überflutenden Art in das moderne Leben hereingebrochen ist. Dass - wie gesagt - wie hypnotisch gebannt der Blick des modernen Men schen nur auf dieses Wirtschaftsleben gerichtet war, dadurch stumpfte in ihm ab auf der einen Seite das geistige Leben zur Ideologie. Auf der anderen Seite verliert das Staatsleben, das öffentliche Rechtsleben für ihn allen Inhalt, wenn es nicht ausgefüllt wird mit dem, was für ihn einzig Realität ist: mit dem materiellen Wirtschaftsleben. Unter dem Einflusse dieser dritten wirklichen Gestalt der modernen sozialen Forderungen sehen wir den Ruf entstehen nach Verstaatlichung, nach Vergesellschaftung zunächst der Produktionsmittel, dann der Betriebe und so weiter, und so weiter. Einfach hat auch der Staat seinen Inhalt im alten Sinne mehr oder weniger verloren vor dem Blicke des modernen Menschen, der wie hypnotisiert auf das Wirtschaftsleben gerichtet ist. So sehen wir, dass für gewisse Stände es wünschenswert wird in der neueren Zeit, gewisse Zweige des öffentlichen Arbeitens, des öffentlichen Wirkens, wie sie sagen, zu verstaatlichen. Dann geht das moderne Proletariat theoretisch zunächst radikal dazu über, zu fordern die Vergesellschaftung des gesamten Wirtschaftslebens, damit des Lebens überhaupt. Und so sehen wir, dass diese drei Gestalten als die wahren auftreten innerhalb der sozialen Forderungen der neueren Zeit aus den Lebensnotwendigkeiten heraus. Wir sehen auf der einen Seite dasjenige, was das Empfindungsleben durchmacht, indem das Geistige zur bloßen Ideologie abgelähmt ist. Wir sehen, wie die Hinneigung besteht, [die] hypnotisch zum bloßen Wirtschaftsleben gebannt Staat, politisches Gebiet und Wirtschaftsleben [in] eines radikal fügen will, weil der Staat nur dann einen Inhalt hat für denjenigen, der glaubt: Alle, alle soziale Wirklichkeit erschöpft sich in der wirtschaftlichen Wirklichkeit, wenn der Staat ein großes Wirtschaftssystem ist. Aber wir sehen, ich mÖchte sagen, wie ergänzend drei LichtfunKen in diesem, was uns da als proletarische Bewegung entgegentritt: Wir sehen wie drei wirkliche Gestalten, drei soziale Forderungen: die eine, die leuchtet her aus dem geistigen Leben; die zweite, sie leuchtet her aus dem Leben des öffentlichen Rechtes, aus dem doch nur hervorgehen kann das wirkliche Verhältnis des gleichen Menschen zum gleichen Menschen, aus dem auch folgen muss die Stellung, die die Arbeit in der sozialen Struktur haben muss. Und wir sehen drittens den Wirtschaftskörper selbst. So sehen wir aus den wirklichen drei Gestalten der sozialen Forderungen zugleich hervorgehen die dreifache Gestalt der sozialen Frage. Diese dreifache Gestalt der sozialen Frage kann nur sein eine geistige, eine politische, eine wirtschaftliche. Und nur aus der Betrachtung dieser drei, die eine ganz bestimmte Konfiguration innerhalb des modernen proletarischen Bewusstseins erlangt haben, können sich Lösungsversuche ergeben für dasjenige, was als sozialer Impuls so heute durch die Zeit geht, dass für lange die Menschen aller Berufe, die Menschen aller Stände, die Menschen aller Gesellschaftsklassen sich damit werden beschäftigen müssen. Eine Betrachtung der wahren Gestalt der sozialen Forderungen, wie wir sie heute gepflogen haben, kann nur dazu führen, aus der vollen, unbefangen angesehenen Wirklichkeit des geistigen, des staatlichen, des wirtschaftlichen Lebens Lösungsversuche für die soziale Frage zu suchen. Dieser wichtigere Teil der sozialen Frage der Gegenwart wird uns nun morgen zu beschäftigen haben, wo ich versuchen werde, ebenso, wie ich heute versuchte, die wahre Gestalt der soziale Forderungen zu charakterisieren, wo ich versuchen werde, mögliche soziale LÖsungen vor Ihnen darzustellen. DIE VOM LEBEN GEFORDERTEN WIRKLICHKEITSGEMÄSSEN LÖSUNGSVERSUCHE FÜR DIE SOZIALEN FRAGEN UND NOTWENDIGKEITEN Bem, 7. Februar 1919 Sehr verehrte AnwesendC Aus meinen gestrigen Ausführungen werden Sie ersehen haben, dass die Grundlage jener Beobachtung des sozialen Problems, auf welche hier aufgebaut wird, nicht fuße auf irgendwelchen Aspirationen oder Forderungen dieser oder jener Gesellschaftsklasse, dieser oder jener Parteien, oder fuße auf dem, was hervorgeht aus Interessen, die da- oder dorther aus ganz bestimmten Gebieten des wirtschaftlichen, rechtlichen oder sonstigen Lebens stammen; sondern hier soll gebaut werden auf dasjenige, was sich ergibt aus den Lebensformen und Lebensnotwendigkeiten der gegenwärtigen Menschheit selbst, insofern sich gerade diese Lebensnotwendigkeiten und Lebensformen beobachten lassen durch eine wirklich geisteswissenschaftliche Untersuchung desjenigen, wozu sich die Menschheit im Laufe ihrer Entwicklung bis in die Gegenwart herein durchgearbeitet hatte. Was nützt es, sehr verehrte Anwesende, wenn man auf die Notwendigkeit dieser oder jener sozialen gesetzgeberischen Maßnahmen hinweist aus einseitigem Interesse, aus einer einseitigen Parteiströmung heraus? Und wenn es einem auch gelingt, irgendetwas zu realisieren, was einer solchen Forderung entspricht, wenn das, was man dadurch in die Welt setzt, auf der einen Seite vorteilhaft ist, und auf der anderen Seite wiederum notwendig allerlei Schäden hervorbringen muss? Dasjenige, was wirklich ersprießlich ist, kann eben nur folgen aus einer allseitigen, vorurteilslosen Beobachtung der Lebensnotwendigkeiten der menschlichen Gesellschaft selbst. Diese Beobachtung der Lebensnotwendigkeiten, wie sie in der gegenwärtigen Menschheit insbesondere vorhanden sind, sie sind ja eigentlich, ich möchte sagen, überflutet, enthüllt worden durch das jenige, ich habe es gestern schon angedeutet, was hervorgegangen ist aus dem modernen technischen Betrieb auf der einen Seite - gerade das sollte gestern ja gezeigt werden -, aus der kapitalistischen Wirtschaftsordnung auf der anderen Seite. Gerade diese besonderen Kräfte, welche sich ergeben haben aus der modernen Technik, aus dem modernen Kapitalismus heraus, sie haben Lebensforderungen hervorgebracht, zu denen ja auch eben die sozialen Forderungen gehören, Lebensforderungen hervorgebracht, die eben nicht durch eine besondere Fortentwicklung der kapitalistischen oder der technischen Wissenschaftskräfte befriedigt werden können, sondern deren Befriedigung von ganz anderswoher geholt werden muss. Ich habe gestern gesagt: Der Blick der Menschen ist geradezu wie hypnotisiert hingedrängt worden einzig und allein auf dasjenige, was die moderne Wirtschaftsordnung ergeben hat. Und auch der sozialistische Agitator von heute, er hat die Meinung, man müsse dasjenige, was wirksam ist in der Technik, in der Wirtschaftsordnung, die durch die Technik eben geworden ist in der kapitalistischen Wirtschaftsform, man müsse das einfach überleiten in irgendetwas, was sich aus ihm selbst heraus entwickeln könne. Für den tiefer in die Entwicklungskräfte der Menschheit Hineinschauenden, für den ist es klar, dass einfach in unserem modernen Leben durch Kapitalismus und Technik, die ja als solche durchaus notwendig waren im Entwicklungsgang der Menschheit und weiter notwendig sein werden, dass durch Technik und Kapitalismus geradezu Krankheitsformen zu nennende Erscheinungen aufgetreten sind. Diese Krankheitsformen, sie müssen geheilt werden. Manches aber, was der moderne Mensch, sei er sozialistischer oder antisozialistischer Parteigänger, denkt, geht nicht auf eine Heilung der Krankheitsformen, die Technik und Kapitalismus gebracht haben, sondern geht geradezu auf eine Fortsetzung der Krankheitsformen. Dasjenige, was dagegen erstrebt werden muss, das ist das Aufsuchen, das Suchen des gesunden sozialen Organismus hinter denjenigen Erscheinungen, die als soziale Krankheitsformen bezeichnet werden. Der einseitig auf das Wirtschaftsleben hin orientierte Blick des Menschen, des modernen Menschen, der hat geradezu gewisse Ideen, wie Sie sie finden können in den Dingen, mit denen gespeist wird sozusagen das außerordentlich berechtigte Streben des modernen Proletariers. Dieser Blick hat gezeitigt gewisse Ideen und gewisse Ideenzusammenhänge, die, würde man den sozialen Organismus von ihnen durchdringen, geradezu verglichen werden könnten mit Bezug auf diesen sozialen Organismus mit jenen Ideen, die Wagner im Goethe'schen «Faust» zu seinem «Homunku]us», zu der Erzeugung dieses Homunkulus führt! Eine Gesellschaftsordnung könnte hervorgehen, eine scheinbare, eine unlebendige Gesellschaftsordnung könnte hervorgehen aus dem Realisieren desjenigen, was man heute vielfach, sei es bei sozialistischen, sei es bei antisozialistischen Parteien, die soziale Idee, den Willen zum Sozialismus, nennt. Denn man denkt, es müsse gewisse Maßnahmen geben, es müsse gewisse Einrichtungen geben, die man nur [zu] verwirklichen braucht, dann hat man den richtigen sozialen Organismus. Die Betrachtungen, die meiner gegenwärtigen Darstellung zugrunde liegen, gehen von etwas ganz anderem aus. Die wollen überhaupt nicht solche Ideen, solche Begriffe, solche sozialen Aspirationen in die Welt setzen, welche zu einer Art sozialem Homunkulus führen; sondern sie wollen die Bedingungen angeben, unter denen ein lebendiger sozialer Organismus entstehen kann! Denn von der wirklichkeitsgemäßen Anschauung wird hier ausgegangen, dass es ebenso töricht wäre, aus menschlichen Ideen, und seien sie noch so gescheit, einen sozialen Organismus aufbauen zu wollen, ohne dass dieser soziale Organismus seine eigene Lebenskraft in sich hat. Ebenso gescheit wäre dieses, als wenn man zum Beispiel einen natürlichen menschlichen Organismus aus allerlei chemischen Ingredienzien in der Retorte nach vorgefassten Ideen von dem Zusammenhang der statischen Kräfte aufbauen wollte. Dasjenige, was man allein wollen kann im sozialen Leben, das ist: die Bedingungen aufsuchen, die man verwirklichen muss, damit ein sozialer Organismus wirklich wächst aus seinen eigenen Lebensbedingungen, aus seinen eigenen Lebensnotwendigkeiten heraus. Das entspricht einem wirklichkeitsgemäßen, das entspricht einem wahrhaft praktischen Denken. Daher handelt es sich darum, zu erkennen, welches die Bedingungen des sozialen Organismus sind. Mag noch so sehr die Betrachtungsweise, die hier angestellt wird, heute noch von manchem als unpraktischer Idealismus angesehen werden - je länger man diese wirklichkeitsgemäße Anschauung des Lebens, des sozialen Lebens, als unpraktischen Idealismus ansehen wird, je länger man es unbequem finden wird, einzugehen auf die wahren Lebensbedingungen des lebendigen sozialen Organismus, desto länger wird das Unheil dauern, das in so katastrophaler Art über die Menschheit heraufgezogen ist. Kennt man ein wenig, sehr verehrte Anwesende, dasjenige, was in der Menschheitsentwicklung lebt, ist man nicht ein «Praktiker» nach dem Zuschnitte aller derjenigen, die die allernächsten Dinge des Lebens ein wenig mit der Nasenspitze beriechen und nachher sich für Praktiker aus ihrem engen Gesichtskreise heraus halten und in ihrer Brutalität alles abweisen, was nicht ihren Bedingungen folgen will, sondern ist man ein Praktiker nach den allgemeinen Bedingungen der Menschheit, und schaut man hinein ein wenig in die Entwicklungsbedingungen der Menschheit, so weiß man, dass vieles von dem, was abhalten kann späteres soziales Unheil im sozialen Gefüge der Menschheit, sehr, sehr weit zurückliegend in seiner Wesenheit erkannt werden muss! Nicht leicht wird es auf einem anderen Gebiete so sehr leicht zu spät, als dem Gebiete des sozialen Lebens! Sind einmal die Instinkte so entfesselt, wie sie heute schon anfangen, in einem großen Teil der zivilisierten Welt, entfesselt zu sein, dann ist die Verständigungsmöglichkeit nicht mehr da. Daher ist ernst der Appell, der in dem Herzen desjenigen ersprießt, der die Notwendigkeit erkennt, dass in der Zeiten Lauf eingesenkt werden die Keime, damit nicht in späterer Zeit Unheil, sondern Heil erfolgen kann. Betrachtet man in diesem Sinne den sozialen Organismus, der entstehen soll selbstverständlich erst, der noch nicht da ist, so kommt man allerdings zuerst darauf, dass zu einer folgenden Beobachtung, folgenden Voraussetzung, als Empfindung notwendig ist, könnte ich sagen: Soziale Kräfte waren immer da innerhalb der Menschheits entwicklung; wo immer irgendwelche menschliche zusammenhängende Gesellschaften sich entwickelt hatten, Völkerzusammenhänge, Staatszusammenhänge, Stammeszusammenhänge oder etwas dergleichen, da wirkten immer zwischen den Menschen und den Menschenzusammenhängen, Menschenverbänden soziale Impulse. Aber bis zu jenem Zeitpunkt, den ich gestern angegeben habe als den Zeitpunkt in dem Kreislauf, in dem die Menschheitsentwicklung übergeht vom instinktiven Leben zum vollbewussten Leben, bis zu diesem Zeitpunkt wirkten auch die sozialen Impulse mehr instinktiv. Und gerade die eine Sphäre, das eine Gebiet unseres sozialen Lebens: die Wirtschaftssphäre mit ihrer modernen Technik, die so bewusst getrieben werden muss als Wirtschaft, mit ihrem modernen Kapitalismus, der so bewusst getrieben werden muss - gerade das hat hervorgezaubert einseitig auf einem Gebiete die Bewusstheit. An die Stelle des alten instinktiven sozialen Lebens muss treten die voll bewusste Auffassung des sozialen Organismus. Platz greifen muss unter unserer Menschheit ein Empfinden von dem, wie der Einzelne drinnensteht im gesamten sozialen Organismus. Und ohne dass dieses soziale Fühlen, diese soziale Empfindung, aus einer wirklichen Einsicht in den sozialen Organismus hervorgehen, kann kein Heil ersprießen in der neueren Entwicklung der Menschheit. Dass die Menschen das Einmaleins lernen, dass die Menschen noch andere Dinge im Leben lernen, das wird heute als selbstverständlich angesehen. Als selbstverständlich muss es nach und nach angesehen werden, dass einfach der aufwachsende Mensch durch die Erziehung, durch die Schule, in sich aufnehme dasjenige, was ihn sich fühlen lässt wie ein Glied des lebendigen sozialen Organismus. Und dieser lebendige soziale Organismus, er ist, wenn er gesund ist, nicht eine solche abstrakte homunkulusartige Einheit, wie man ihn heute oftmals vorstellt: Er ist ein gegliederter Organismus. Und um mich verständlich zu machen, sehr verehrte Anwesende, möchte ich von einem Vergleich heute ausgehen, werde aber gleich nachher bemerken, dass dieser Vergleich nichts anderes sein soll als eine Grundlage zur Herstellung des Verständnisses und für die Ablenkung von Missverständnissen. Ich möchte sagen: Geradeso, wie der natürliche menschliche Organismus in sich so gegliedert ist, dass er eigentlich im eminentesten Sinne eine Dreigliedrigkeit ist, so ist auch der soziale Organismus, wenn er gesund ist eine in sich gegliederte Dreigliedrigkeit, nicht eine abstrakte Einheit. Weil er weder eine abstrakte Einheit wirtschaftlicher Ordnung noch eine abstrakte Einheit, die mehr oder weniger den bloßen Rechtsstaat enthält, noch auch eine abstrakte Einheit ist, die dem von manchen erträumten Kulturstaat gilt, das alles ist der soziale Organismus gar nicht: Er ist eine Dreiheit. Ich habe, sehr verehrte Anwesende, durch Jahrzehnte hindurch versucht, wirklich wissenschaftlich eine Grundlage zu gewinnen für die wahre Dreigliederung des natürlichen menschlichen Organismus. Ich habe die Andeutungen darüber gegeben in meinem Buche Non Seelenriitsclnm Ich habe gezeigt, dass die gegenwärtige Naturwissenschaft, die Biologie, wenn sie einmal von jenem Getriebe, das jetzt von solchen Biologen, wie zum Beispiel durch /Lücke in der Mitschrift] selber herb kritisiert wird, wenn sie von da aus zu wirklicher Wissenschaft übergehen wird, dann wird diese Biologie, diese wahre Wissenschafl die sich aus der heutigen erst heraus wird entwickeln müssen, sie wird den wirklichen Organismus als einen dreigliedrigen anerkennen. Ich habe versucht, diese Dreigliedrigkeit des Organismus, wie sie hier gemeint ist, eben so darzustellen, dass der Mensch in seiner Ganzheit ist erstens dasjenige System, das ich nennen möchte das Nerven-Sinnessystem, das mehr oder weniger im menschlichen Haupte zentralisiert ist. Das zweite ist dasjenige System, das ich das rhythmische System nennen möchte, das mehr oder weniger zentralisiert ist in den rhythmischen Tätigkeiten der Atmungsorgane und des Herzens. Und dann, der dritte Mensch, gewissermaßen das dritte Glied des menschlichen natürlichen Organismus, das ist das gesamte Stoffwechselsystem. Und man kann zeigen, dass der Mensch, sofern er in Tätigkeit ist, aus diesen drei Systemen zusammengesetzt ist. Aber diese drei Systeme haben eine gewisse Selbstständigkeit in sich. Es kann einfach dasjenige, was Stoffwechselsystem ist, was auf die Verdauungsorgane im eminentesten Sinne aufgebaut ist, kann nicht anders als selbstständig wirken, muss in sich selbstständig zentralisiert werden. Es hat neben sich in einer gewissen Selbstständigkeit das Lungen-Herz-System, das rhythmische System, und wiederum neben sich das Kopf-System, das Nerven-Sinnessystem. Und gerade dadurch besteht das lebendige Wirken im Organismus, dass nicht eine abstrakte Zentralisation da ist, sondern dass diese drei Systeme jedes in sich mit einer gewissen, relativen Selbstständigkeit wirken; jedes will Ergebnisse seines Wirkens in die anderen Systeme hineinsenden. Dass sie nebeneinander wirken, aufeinander wirken, darauf beruht dasjenige, was den Organismus gerade zu dem macht, was er ist. Nun bin ich weit, weit entfernt, etwa den sozialen Organismus einfach in einer spielerischen Art, durch ein Analogiespiel, in einen Vergleich zu bringen mit dem natürlichen menschlichen Organismus. Und derjenige, welcher etwa aus einer oberflächlichen Auffassung desjenigen, was ich hier vorbringen werde, sagen wird: Ach, auch wiederum solch eine Analogiespiel, wie es unglücklicherweise durch Schäffle und jetzt wiederum in dem Buch «Weltmutation» zustande gekommen ist, auch wiederum solch ein analogisches Spielen, wo die Vorgänge des Organismus übertragen werden auf die soziale Gesellschaftsordnung, die ja doch von ganz anderen Gesetzen beherrscht ist; wer das sagen wird, der wird aus einer vÖllig missverständlichen Auffassung heraus chsjenige beurteilen, was ich eigentlich darstellen will. Denn nicht darum handelt es sich mir, irgendetwas, was im natürlichen menschlichen Organismus geschieht, zu übertragen auf den sozialen Organismus, sondern darum handelt es sich mir, dass das wirklichkeitsgemäße Denken, das in der richtigen Weise begreifen lehrt den menschlichen natürlichen Organismus, dass dieses wirklichkeitsgemäße Denken auch angewendet wird auf den sozialen Organismus, und dass der soziale Organismus, der auch eine Dreigliedrigkeit ist, dass der objektiv in seinen Lebensbedingungen erkannt werde, gerade dadurch, dass man diese seine Dreigliedrigkeit erkennt. Wer in spielerischer Weise, wie in der «Weltmutation» oder bei Schäffle und vielen anderen, wer in spielerischer Weise nach Ana logien sucht, der würde einfach sagen: Der menschliche natürlichen Organismus hat im Nerven-Sinnessystem einen geistigen Teil, der hat im rhythmischen Leben des Atmungs- und des Herzsystems einen regulierenden Teil; und er hat drittens im Stoffwechselsystem dasjenige, was auf den gröbsten materiellen Vorgängen des menschlichen Organismus beruht. Und was würde ein solcher sagen nach der Analogie im sozialen Organismus? Da würde er vergleichen dasjenige, was der soziale Organismus an geistigen Impulsen entwickelt, mit demjenigen, was das menschliche Kopfsystem, das Nerven-Sinnessystem ist. Er würde also vergleichen das äußere materielle Wirtschaftsleben mit demjenigen, was im Menschen das Stoffwechselsystem [ist], das im Menschen an die gröbsten materiellen Vorgänge also gebunden ist. Derjenige aber, der einfach so wirklichkeitsgemäß den sozialen Organismus betrachtet, wie man wirklichkeitsgemäß den natürlichen Organismus des Menschen betrachten kann, der kommt gerade zum Entgegengesetzten, merkwürdigerweise! Der kommt nämlich dazu, zu betrachten all das - ob man es nun als das unterste oder oberste bezeichnen kann, darauf kommt es jetzt nicht an -, also das erste Glied des sozialen Organismus allerdings, das Wirtschaftssystem. Aber dieses Wirtschaftssystem, das ist nicht in Analogie zu bringen in spielerischer Weise mit dem Stoffwechselsystem des menschlichen natürlichen Organismus. Ja, die Gesetze des Wirtschaftslebens, wie sie sich im sozialen Organismus ausdrücken, wenn man schon einen Vergleich für sie brauchen will, so kann man diese Gesetze nur vergleichen mit jenen Gesetzen, die gerade im sogenannten edelsten System des menschlichen Organismus herrschen, im Kopfsystem, im Nerven-Sinnessystem, mit demjenigen System, dem menschlichen Kopfsystem, Sinnes-Nerven-System, woraus die menschlichen Begabungen kommen, auf denen alle menschliche Begabung und auch alle menschliche Erziehung beruhen muss. In demjenigen, was mit den natürlichen Begabungen des Nerven-Sinnessystems zusammenhängt, tritt etwas ein in den natürlichen, individuellen natürlichen Menschenorganismus, was nicht irgendwie hervorgezaubert werden kann durch ein bloßes Lernen, welches Äußeres an den Menschen heranbringt, sondern welches herausgeholt werden muss, je nachdem es sich eben veranlagt im Menschen, welches entzaubert werden muss aus einer gewissen Grundlage heraus. So, wie in der einzelnen menschlichen Entwicklung zu Erziehung und Lebensgestaltung einfach die Kopfbegabung, überhaupt die körperliche und seelische Anlage des Menschen stehen, so stehen im sozialen Organismus zu dem, was in diesem sozialen Organismus durch soziales Denken, also durch die Maßnahmen der Menschen erreicht werden kann, so stehen die Naturgrundlagen für alles menschliche Zusammenleben und Zusammenarbeiten! Der Mensch steht zunächst, indem er einem sozialen Organismus angehört, er steht durch diesen sozialen Organismus mit gewissen Naturgrundlagen alles menschlichen Daseins in Beziehung. So steht der soziale Organismus mit diesen Naturgrundlagen in Beziehung, wie der einzelne menschliche Organismus mit seinen angeborenen Begabungen, und es darf kein soziales Denken diese Naturgrundlagen in deren Einfluss auf die Gestaltung des ganzen sozialen Lebens leugnen. Man kann noch so schöne Betrachtungen anstellen über das Zusammenwirken von Grund und Boden, Rente, Kapital, von Arbeitslohn, von Unternehmergewinn und so weiter, und so weiter, wenn man nicht in richtiger Weise zu werten versteht dasjenige, was als Naturgrundlage dasteht, wodurch sich gewissermaßen der soziale Organismus nach einem außerhalb ihm selbst liegenden Elemente Öffnet, so kommt man zu keiner wirklichkeitsgemäßen Betrachtung, wenn man das nicht einsehen kann. Man bedenke nur einmal das Folgende, sehr verehrte Anwesende. Gewiss, von unendlicher, großer Bedeutung ist es, was für einen Anteil die menschliche Arbeit als menschliche Arbeit hat an der Gestaltung irgendeines sozialen Zusammenhanges von Menschen. Aber diese menschliche Arbeit, sie ist ja ungeheuer abhängig von der Naturgrundlage. So, wie der werdende Mensch von seinen Anlagen abhängig ist, so ist der soziale Organismus von der Naturgrundlage abhängig. Nehmen Sie radikal unter Zuhilfenahme eines Beispiels die Anschauung: Nehmen wir einen sozialen Organismus hypothetisch an, dessen Hauptnährmittel die Bananen wären, dasjenige, was notwendig ist, um die Bananen von ihrem Ursprungsort dorthin zu brin gen, wo sie vom Menschen ersprießlich konsumiert werden können, [dazu] ist eine Arbeit notwendig, die sich verhält zu der Arbeit, die notwendig ist, um den Weizen von seinem Ausgangspunkt bis zum menschlichen Konsumtion zu bringen, eine Arbeit notwendig also von der materiellen Bananenkultur zu der materiellen Weizenkultur, eine Arbeit notwendig im sozialen Organismus, die sich verhält ungefähr von 1:100; das heißt: Eine hundert Mal größere Arbeit ist aufzuwenden, als Entfaltung von Arbeitskraft, ist nötig da, wo der soziale Organismus mit der Natur zusammenhängt durch die Weizenproduktion, als da, wo sie mit der Natur zusammenhängt durch die Bananenproduktion. Oder nehmen Sie etwas anderes an: Die menschliche Arbeitskraft muss tätig sein, um das Naturprodukt umzuwandeln, sodass es hineinkommen kann in den sozialen Zirkulationsprozess, bis zu dem Punkt, wo es in der Konsumfähigkeit das Ende der Zirkulation findet. Da brauchen Sie nur zu bedenken: In Deutschland, in Gegenden mit mittlerer Ertragsfähigkeit, gibt der Weizen ein Erträgnis, welches das Sieben- bis Achtfache der Aussaat ist; in Chile gibt der Weizen ein Erträgnis, welches das Zwölffache der Aussaat ist; in Nordmexiko gibt der Weizen ein Erträgnis, welches das Siebzehnfache der Aussaat beträgt, in Peru das Siebzehnfache; in Süd-Mexiko das Fiinfundzwanzigfache bis Fünfunddreißigfache der Aussaat! Da sehen Sie den Einfluss, den die Natur ergibt. Und das lässt sich auch übertragen auf dasjenige, was die Ergiebigkeit dieses oder jenes Rohstoffes für irgendeine Verarbeitung ist. Da sehen Sie die Beziehung, das Verhältnis der Naturergiebigkeit zur menschlichen Arbeit. Was für ein anderes Arbeits-Maß ist notwendig, um dasselbe, denselben Ertrag zu liefern, da, wo der Weizen das Siebenundzwanzigfache seiner Aussaat an Erträgnis ergibt, als da, wo er nur das Sieben- bis Achtfache ergibt! Nun, das sind radikale Beispiele. Aber so verschieden ist auch innerhalb eines jeden sozialen Zusammenhanges das Verhältnis dessen, was die Natur, was überhaupt die gewöhnliche Produktion dem Menschen gibt zu seiner Arbeit, zu der Arbeit, die notwendig ist. Da haben wir, ich möchte sagen, den Ausgangspunkt des einen Glie des des menschlichen sozialen Organismus. Alles dasjenige, was aus der Naturgrundlage heraus fließt in den Prozess, der sich abspielt zwischen Warenproduktion, Warenzirkulation, Warenkonsumtion, dieser Prozess, der ist ein ebenso abgeschlossenes System in dem gesunden sozialen Organismus, wie das Nerven-Sinnessystem ein abgeschlossenes Ganzes ist mit relativ selbstständiger Eigengesetzlichkeit im menschlichen natürlichen Organismus. Und Hereinspielen-Lassen in dasjenige, was die Gesetzmäßigkeit des Wirtschaftsorganismus ist, der sein Wesentlichstes in der Warenzirkulation hat, Hereinspielenlassen von etwas anderem ist ebenso wenig heilbringend, wie heilbringend wäre, wenn hereinspielen wollte das Lungen-Herzsystem in das Nerven-Sinnessystem des Kopfes. So sonderbar das heute noch den Menschen anmutet, wenn man so spricht - das ist etwas, was als Fundamentalwahrheit zugrunde liegen muss allen, nicht nur sozialem Denken, sondern allen sozialen Maßnahmen, die irgendwie zum Heile der Menschheit im gesunden sozialen Organismus in Gegenwart und Zukunft getroffen werden können. Dasjenige, was in dem Kreislauf des Warensystems sich abspielt, das darf nicht überfluten und überschwemmen den ganzen sozialen Organismus, sondern es muss ein für sich bestehendes, relativ selbstständiges System sein und Leben haben. Für den, der dann praktisch in die Dinge eindringt, gliedert sich schon von selbst dieses System des reinen Wirtschaftsmechanismus ab von den anderen beiden Systemen. Das zweite System des sozialen Organismus, das ist dasjenige, welches umfasst alles, was man nennen könnte das öffentliche Rechtsleben, und alles das, was reguliert die anderen Systeme, alles das, mit anderen Worten, welches das dem Menschen würdige Verhältnis herstellt zwischen Mensch und Mensch. Mit dieser Herstellung eines würdigen Verhältnisses von Mensch zu Mensch hat nichts zu tun dasjenige, was als Gesetzmäßigkeit lebt im reinen wirtschaftlichen Leben, in dem, was zur Warenzirkulation innerhalb eines Wirtschaftskörpers führt. Das System des öffentlichen Rechtes, das System der Regulierung des Lebens, das System, welches das rechte Verhältnis herstellt zwischen Mensch und Mensch, das wird ebenso aber, wie das Lungen- und Herzsystem in den Ergebnissen seiner Tätigkeit hineinspielt in das Kopfsystem, so wird dieses System des Öffentlichen Rechtes, der öffentlichen Regulierung der Gesetzgebung, in dasjenige, was man das politische Leben im weitesten Sinne des Wortes nennen kann, es wird gerade, wenn es relativ selbstständig sich entwickelt, in der richtigen, lebendigen Weise auch hineinspielen in das Wirtschaftsleben. Nur müssen die beiden Systeme ganz selbstständig nebeneinander sich entwickeln, jedes nach seinen eigenen Gesetzen, nach seinen eigenen inneren, wesentlichen Impulsen! Es ist das große Verhängnis, könnte man sagen, in der neueren Zeit, dass man chaotisch durcheinanderkonfundiert hat dasjenige, was nur gedeihen kann, wenn es getrennt, in relativer Selbstständigkeit, sich entwickelt. In älteren Zeit[en] sind, angemessen den menschlichen Vorstellungen und menschlichen Bedürfnissen in diesen älteren Zeiten, die drei Systeme, von denen ich heute gesprochen habe, in dem sozialen Organismus auch in einem entsprechenden Verhältnis gewesen. Dasjenige Verhältnis, das die gegenwärtige und zukünftige Menschheit braucht, das muss erst gefunden werden. Allein, man ist von vielen irrtümlichen Voraussetzungen ausgegangen aus gewissem konservativem Hängen an dem, was aus älteren Zeiten herübergekommen ist. Aus älteren Zeiten hat sich heriiberentwickelt etwas, was gut begründet war in den alten römischen Staatsanschauungen, heriiberentwickelt durch Monarchien und andere Staatsformen hindurch, dasjenige, was man gerade den Rechtsstaat, den politischen Staat nennen könnte. Verbunden war mit diesem Rechtsstaate, diesem politischen Staate da und dort etwas von dem Wirtschaftsleben, Land und Forstwirtschaft dort und da. Andere Zweige hatten dasjenige, was als Staat sich girierte, für sich in Anspruch genommen; sodass gewissermaßen der Staat, der in der Hauptsache als Rechtsstaat, als politischer Staat, als politische Gemeinschaft dastand, als Schutzgemeinschaft mit seiner Wehrmacht dastand gegen äußere Einflüsse, dass dieser Staat auch in gewisser Beziehung zum Wirtschafter geworden ist. Und als die neuere Zeit heranrückte mit ihren komplizierten Wirtschaftsformen in Technik und Kapitalismus, da fand man zunächst das Heil darinnen, nun nicht die alten Wirtschaftsgebiete, die der Rechtsstaat, der politische Staat schon in sich gehabt hat, von ihm auszusondern, und die beiden Sphären reinlich nebeneinander zu begründen: Rechtsstaat, der darauf ausgeht, das Verhältnis von Mensch zu Mensch zu ordnen, und auf der anderen Seite den Wirtschaftskörper hinzustellen. Stattdessen konfundierte man beide. Und immer mehr und mehr entwickelte sich - indem zunächst Postwesen, Telegrafenwesen, Eisenbahnwesen, kurz, diejenigen Dinge, die der modernen Technik, dem modernen Wirtschaftsleben dienen, dem Staate aufgebuckelt wurden, dem Staate, der die Aufgabe eigentlich hat, das Verhältnis von Mensch zu Mensch zu regeln -, es entwickelt sich das, was man nennen kann: die Überflutung des rein politischen Staatswesens mit dem Wirtschaftssystem. Unter dem Einflüsse gerade desjenigen, was zum Unheil der modernen Menschheit Technik und Kapitalismus heraufgeführt haben, entwickelten sich sozusagen moderne sozialistische Anschauungen, die dasjenige, was man «Überfluten des Rechtsstaates mit dem Wirtschaftsleben» nennen kann, noch bis auf die Spitze treiben wollen, aus einem durchaus guten Wollen heraus, aus berechtigten Forderungen heraus, allein aus Misskeimen alter Verhältnisse heraus, die einer wirklichkeitsgemäßen Beobachtung des sozialen Organismus sich ergeben. Die heilsame Entwicklung liegt nicht in einer Zusammenschließung der wirtschaftlichen sozialen Sphäre mit der politischen Sphäre, mit der öffentlichen Rechtssphäre, mit derjenigen Sphäre, die das Verhältnis des Menschen zum Menschen zu ordnen hat, sondern in der Auseinandertrennung zu einer relativen Selbstständigkeit eines jeden dieser Gebiete. Man hat gesehen, sehr verehrte Anwesende, wie schädlich wirken können die wirtschaftlichen Interessenkreise, die nicht auf ihrem besonderen Wirtschaftsgebiete, nach wirtschaftlichen Impulsen organisieren, sondern die in die Vertretungen des politischen, des Rechtsstaates hineinkommen und dort, wo ganz andere Grundlagen des politischen Lebens herrschen sollten, durchdrücken wollen dasjenige, was rein wirtschaftliche Interesse sind, wofür sie Rechte begründen wollen, wofür sie besondere Privilegien begründen wollen. Dasjenige aber, was im Wirtschaftsleben pulsiert, darf einzig und allein auf die gesunden Verhältnisse des Wirtschaftslebens selbst aufgebaut sein. Aus dem, was zum Teil in der äußeren Wirklichkeit, zum Teil in der menschlichen Auffassung, in der menschlichen Empfindung und in der Ausgestaltung der menschlichen Forderungen aus der Konfundierung des Wirtschaftslebens mit dem rein politischen, dem reinen Staatsleben, sich ergeben hat, das ist eben dasjenige, was verlogen, maskiert sich gestaltet hat zu einer der wesentlichsten Forderungen des modernen Proletariats. Dadurch, dass das Wirtschaftsleben alles überflutet hat, dass das Wirtschaftsleben allmählich in, man möchte sagen, sich hineingeschlichen hat in das politische Staatsleben, dadurch ist ein Impuls in dem menschlichen Wirken nicht an seinen richtigen Platz gestellt worden - neben anderem allerdings; aber einer der allerwichtigsten, einer derjenigen, der am tiefsten eingreift in die sozialen Probleme der Gegenwart. Niemals wird können, innerhalb des bloßen Wirtschaftslebens abgetrennt werden können, niemals wird man können abtrennen innerhalb des bloßen Wirtschaftslebens dasjenige, was menschliche Arbeitskraft ist, von dem Charakter, den alles im Wirtschaftsleben hat, von dem Warencharakter! Das empfindet aber, wie ich gestern schon ausführte, der moderne Proletarier als das eigentlich Menschenunwürdige, dass es einen Arbeitsmarkt gibt, einen Arbeitsmarkt, auf dem einfach nach dem Gesetze von Angebot und Nachfrage entschieden wird über den volkswirtschaftlichen Wert derjenigen Ware, die seine Arbeitskraft ist. Wie auch der moderne Proletarier seine Forderungen ausdrücken mag - diese Forderung liegt als etwas, was, wenn man auch unbewusst seiner ist, unbewusst seiner ist über diese Dinge, sie liegt als etwas, was die Hauptsache seiner Forderungen ist, all den anderen Forderungen zugrunde: Entkleidung der menschlichen Arbeitskraft von dem Warencharakter. Nicht mehr soll menschliche Arbeitskraft Ware sein! Würde man so sozialisieren, wie heute ein großer Teil der Menschen, derjenigen Menschen, die eben sozialisieren wollen, dies auszuführen gedenken, dann wird man nicht loslösen die Arbeitskraft von dem Warenwesen, sondern man wird im Gegenteil diese menschliche Arbeitskraft immer mehr und mehr zur Ware machen! Es kann kein irgendwie abstraktes Heilmittel angegeben werden, wie die menschliche Arbeitskraft des Warencharakters - Ware, die man kaufen kann und verkaufen kann - entkleidet werden kann; sondern es kann eben nur gesagt werden, wie schon im Eingänge der heutigen Ausführungen dargelegt wurde, es kann eben nur gesagt werden: Man suche nicht nach Zaubermitteln, nach, im modernen Sinn des Wortes, abergläubischen Mitteln, um sozial zu kurieren, sondern man suche nach den Lebensbedingungen des sozialen Organismus. Dann wird sich dieser soziale Organismus entwickeln mit seiner eigenen Lebenskraft. Und indem einfach nebeneinander sich entwickeln werden das Wirtschaftsleben nach seinen eigenen Impulsen, und der politische Staatskörper, der das Verhältnis von Mensch zu Mensch zu begründen hat, wiederum nach seinen eigenen Gesetzen und nach seinen eigenen Impulsen, wird sich - jetzt nicht so, dass man theoretisch sagen kann: So und so hat es zu geschehen, dass aufhöre die Arbeitskraft eine Ware zu sein, sondern so, dass dieser lebendige Organismus sich entwickelt, so wird sich loslösen von dem Wirtschaftsprozesse die menschliche Tätigkeit, die menschliche Arbeit. Und sie wird fallen ganz von selbst in jenes Glied des sozialen Organismus, der als das politische Glied, als das Glied bezeichnet werden kann, welches das Verhältnis des Menschen zum Menschen regelt. Es besteht nämlich - und ich habe bereits im Anfang des Jahrhunderts in einem Artikel, den ich in meiner damals erschienenen Zeitschrift «Lucifer-Gnosis» über die soziale Frage geschrieben habe -, ich habe damals schon aufmerksam darauf gemacht: Es besteht ein gewisses Gesetz für die menschliche Arbeitskraft in der Gesamtheit eines sozialen Organismus. Dieses Gesetz ergibt sich dem wirklichen Betrachter des sozialen Organismus als etwas Fundamentales im sozialen Leben. Also man konnte damals, kann noch heute von diesem Gesetze reden, das sich in allen Einzelheiten beweisen lässt, das wichtig ist für wirkliche Erkenntnis des sozialen Lebens. Man predigt mit einem solchen Fundamentalgesetz tauben Ohren bei denen, die da oder dort aufgestellt sind, um den Leuten «richtige Begriffe» über Volkswirtschaft und dergleichen beizubringen. Dieses Gesetz, sehr verehrte Anwesende, ist das Folgende: Wenn jemand arbeitet, sei es handarbeitet oder geistig arbeitet innerhalb einer größeren sozialen Gemeinschaft, nicht innerhalb einer kleinen, da ist das Gesetz nicht in derselben Weise deutlich zum Ausdruck kommend, aber in einer größeren sozialen Gemeinschaft, wie sie allein bei der heutigen Betrachtung der sozialen Frage in Betracht kommt, wenn in einer größeren sozialen Gemeinschaft ein Mensch arbeitet, so kann unmöglich innerhalb des sozialen Prozesses, innerhalb dessen, was im Gesellschaftskörper vor sich geht, dasjenige, was er als einzelner Mensch arbeitet, ihm selbst zugutekommen! Er kann niemals gewissermaßen das Erträgnis, das Ergebnis seiner eigenen Arbeit haben - es würde heute die Zeit selbstverständlich nicht ausreichen, denn dafür wären Stunden, in denen Einzelbeobachtungen dargelegt würden, notwendig, um das im Einzelnen zu erhärten. Ich kann nur sagen, dass das Gesetz, das ich angab, ein wissenschaftlich voll zu erhärtendes Gesetz ist. Dasjenige, was der Einzelne durch seine Tätigkeit arbeitet, es kann nur scheinbar in seinem Ergebnis ihm dienen. In Wahrheit verteilt sich das, was der Einzelne arbeitet, auf den sozialen Organismus, dem er angehört. Alle Menschen haben etwas von seiner Tätigkeit; und er, was er hat innerhalb eines sozialen Organismus, kann nichl wenn der soziale Organismus gesund ist, aus seiner eigenen Tasche stammen; sondern das stammt aus der Tätigkeit der anderen Menschen. Dass dies so ist, wird einfach bewirkt durch die objektiven Zusammenhänge, die sich abspielen. Wenn ich einen groben Vergleich gebrauchen darf: Sie können ebenso wenig [volkswirtschaftlich leben] von dem, was Sie selber arbeiten, [...I wie Sie im physischen Sinne dadurch leben können, dass Sie sich selber aufessen! Es ist ein Grundgesetz des volkswirtschaftlichen Lebens, dass man nicht von seiner Arbeit leben kann. Wenn man von ihr lebt, so wirkt das zum Unheil des sozialen Organismus. Gesund ist der soziale Organismus nur, wenn jeder Einzelne für die anderen, und alle anderen für den Einzelnen arbeiten. Dies ist nicht nur eine Sache eines ethischen Altruismus, dies ist ein Gesetz einer gesunden, organischen Gliederung. Daher, sehr verehrte Anwesende, fälscht es die Grundgesetze des sozialen Organismus, wenn Sie Arbeitskraft einfach wie eine Ware bezahlen - aus dem Grunde, weil Sie ausgehen von etwas, was real gar nicht wahr ist. Sie wollen der Arbeitskraft ihr Erträgnis geben; Sie wollen den Menschen leben lassen von seiner Lebenskraft. Sie schalten ihn dadurch nicht ein in den sozialen Organismus, sondern schalten ihn aus. Und weil die moderne wirtschaftliche Ordnung dazu geführt hat, äußerlich, maskiert, scheinbar den Proletarier abzufertigen mit dem, was Erträgnis seiner Arbeitskraft sein soll, hat sie, gerade durch die Gegenwirkung des Widerstandes, in ihm dasjenige erzeugt, was er selber mit aller seiner sonstigen scharfsinnigen Wissenschaft nicht zur Ausgestaltung bringen kann, das in ihm erzeugt, was aus dem Ertötetsein der sozialen Zusammenhänge kommt, das in ihm erzeugt, und er hineinwill in den sozialen Zusammenhang. Er ist herausgestellt durch dasjenige, das seine Arbeitskraft zur Ware macht; er will wieder hineingestellt sein; er will das tödliche Element aufgehoben haben. Das liegt in der einen Gestalt der sozialen Forderungen, die ich schon gestern angeführt habe, und auf die ich in dieser Form heute wieder zurückkommen muss. Würde aber dasjenige, was in den sozialen Organismus die Arbeitskraft, die menschliche Arbeitskraft hineinstellt, was gerade auch unter den sozialistischen Ideen diese Arbeitskraft immer mehr und mehr hineinstellen will in den rein wirtschaftlichen Organismus, würde das Platz greifen, so würde das Proletariat immer mehr und mehr aus dem sozialen KÖrper herausg&lrängt werden. Allein davon hängt das Grundlegende ab, dass neben dem bloßen Wirtschaftskörper ein anderer, politischer Körper da ist, mit relativer Selbstständigkeit, welcher nicht dasjenige zu behandeln hat, was Warenzirkulation ist, sondern dasjenige zu behandeln hat, was das Verhältnis von Mensch zu Mensch begründet. Und im eminentes ten Sinne sehen Sie es, sobald Sie ein Verhältnis gewinnen können zu dem Gesetze, dass man nicht für sich, sondern für die anderen Menschen arbeitet. In wahrstem Sinne gehört die menschliche Arbeitskraft, die Regulierung der menschlichen Arbeitskraft in dieses zweite Glied des sozialen Organismus, in den politischen Organismus. Der hat darüber zu wachen, dass die menschliche Arbeitskraft nicht missbraucht werde. Niemals aber kann der menschlichen Arbeitskraft unter anderen Menschen ihr Recht zugesprochen werden, wenn dieses Recht kommen soll aus dem bloßen Wirtschaftskörper heraus - dem bloßen Wirtschaftskörper, der nach seinen eigenen Gesetzen, selbstständig, abgesondert von dem politischen, dem rein politischen Körper, von dem reinen Staatskörper, dastehen soll! Was heute entstanden ist, weil die Menschen so vielfach es so gewohnt sind, als das Rechte anzusehen, was heute vielfach als das Rechte angesehen wird, im das spricht allerdings alles dagegen, gegen dasjenige, was hier angeführt ist. Allein, sehr verehrte Anwesende, entweder wird man sich bequemen, nach den Gesetzen des gesunden sozialen Organismus zu leben, oder man wird noch in viel schrecklichere Katastrophen hineingetrieben werden, als [man] schon hineingetrieben ist, einfach dadurch, dass man nicht gestrebt hat nach einer solchen reinlichen Scheidung der einzelnen Glieder des sozialen Organismus. Bis in gewisse Kriegsursachen hinein kann man verfolgen, wozu die Konfundierung der wirtschaftlichen Verhältnisse mit den staatlichen Verhältnissen geführt hat! Man wird schon studieren, denn man wird genötigt sein, immer genauer und genauer zu studieren dasjenige, was in die Katastrophe hineingetrieben hat, in der wir bis zur Krise nun drinnenstecken. Man wird finden, dass unter den mancherlei Ursachen - ich kann sie selbstverständlich erschöpfend in diesem Zusammenhänge nicht besprechen -, dass unter den mancherlei Ursachen die ist, dass die Staaten gegeneinander getrieben werden konnten durch die wirtschaftlichen Kreise, die sich der politischen Körperschaften einfach bemächtigt hatten für ihre Interessen! Hätten die politischen Körper schaften nicht sich gängeln lassen müssen durch die Konfundierung von gewissen, rein wirtschaftlichen Interessen-Cliquen, sehr verehrte Anwesende, dann hätte die Katastrophe diesen Charakter nicht annehmen können! Auch die internationale Politik der Menschen, das internationale Wollen der Menschen hängt daran, dass man die Gesetze des sozialen Organismus erkennt. Ein drittes Glied des sozialen Organismus ist dann das geistige Leben, sehr verehrte Anwesende, dieses geistige Leben, wie es in dem jetzigen Abschnitte der Menschheitsentwicklung sich allmählich zu einer Art Ideologie gebildet hat, in die alte Formen nur hereinragen wie Überbleibsel - ich habe es gestern geschildert. Aber dieses geistige Leben, das aus gewissen sozialen Instinkten bis in die Mitte, bis zum Ende des Mittelalters in einer gewissen Selbstständigkeit dastand, auch das ist aufgesogen worden, so, wie aufgesogen werden soll unter dem Einflüsse gewisser moderner Aspirationen das Wirtschaftsleben vom Staatsleben oder umgekehrt, [SO] könnte man auch sagen: Dieses geistige Leben ist aufgesogen worden von demjenigen Leben, das nur regeln sollte das Verhältnis des Menschen zum Menschen. Wie die Menschen zueinander stehen sollen, rein dadurch, dass sie Rechtssubjekte sind, das muss Gegenstand eines besonderen sozialen Gliedes im sozialen Organismus sein. Das geistige Leben muss selbst wiederum ein besonderes Glied mit relativer Selbstständigkeit im sozialen Organismus sein. Für den gesamten sozialen Organismus ist dasjenige, was kommt von dem geistigen Leben in seiner wahren Gestalt, gerade so, wie für den einzelnen menschlichen Organismus die Aufnahme der Nahrungsmittel und der Stoffwechsel ist. Man muss dieses geistige Leben im sozialen Organismus gerade mit dem gröbsten System - sogenannten gröbsten System - im menschlichen natürlichen Organismus vergleichen. Alles dasjenige gehört in dieses System, welches nur hervorgehen kann aus der körperlichen und seelisch-geistigen Fähigkeit, Begabung des Menschen; alles dasjenige, was nur auf die Grundlage der individuellen Freiheit des Menschen gestellt werden kann. Da hinein gehört alles dasjenige, was im religiösen Leben der Menschen spielt. Da hinein gehört alles dasjenige im weitesten Umfange, von der untersten bis zur höchsten Stufe, was in das Schul- und Erziehungssystem hineingehört. Da hinein gehört auch neben manchem anderen, neben aller Kunstpflege, neben aller sonstiger Pflege freier Geistigkeit, da hinein gehört auch - und es würde zu weit führen, weil es wiederum Stunden in Anspruch nehmen würde, die Einzelheiten anzugeben -, dazu gehört auch das Privatrecht und das Strafrecht. Das Öffentliche Recht gehört zum zweiten Glied des sozialen Organismus, das Öffentliche Recht, das herstellt das Verhältnis vom Menschen zum Menschen einfach im gesunden menschlichen Zusammenleben. Soll mit Bezug auf verletzte Privatinteressen, soll mit Bezug auf Straftaten der Mensch über den Menschen urteilen, dann ist ein solches individuelles Verhältnis des Urteilenden zu dem Beurteilten notwendig vor einer wahren Wirklichkeitsbeobachtung, dass der ganze Vorgang nur in den Bereich der individuellen Freiheit gestellt werden kann. Man muss so untertauchen als wirklicher Richter in die Subjektivität desjenigen, über den man, sei es im privatrechtlichen, sei es im strafrechtlichen Sinne, zu urteilen hat, dass es gar nicht anders möglich ist, als dass da walte der Impuls individueller menschlicher Freiheit. Ich könnte sehr viele Beispiele anführen; ich will nur eines anführen: Derjenige, der gleich mir Jahrzehnte lang mitbeobachtet hat durch unmittelbares Darinnenleben Verhältnisse, wie sie sich abspielten da, wo rein [offiziell], [inoffiziell] noch viel mehr einzelne Nationalitäten nebeneinander und durcheinandergewürfelt gelebt haben wie in Österreich, wer das beobachtet hat, wer beobachtet hat, wie viel die Gerichtsverhältnisse beigetragen haben zu dem Chaos, in das jetzt die ungeheure österreichische Katastrophe hineingeführt hat, der weiß, welche Bedeutung gerade der falschen Regulierung der Gerichtsverhältnisse beizumessen ist! Allerdings zeigt es sich innerhalb solcher Verhältnisse, nur in radikaler Weise. Wenn man bedenkt: Da haben wir eine Gegend, in der wohnen durcheinandergemischt Deutsche mit Tschechen. Der Tscheche, wenn er irgendetwas verbrochen hat, er kommt, weil das einfach nach den übrigen politischen Verhältnissen so ist, vor den Richter, der in deutscher Amtssprache amtiert. Der Tscheche versteht gar nichts von dem, was da über ihn verhängt wird. Er weiß, er kann außerdem kein Vertrauen entgegenbringen seinem Richter, der nach völkischen Eigentümlichkeiten ja von ihm verschieden ist. Das alles - ich kann es nur kurz anführen - das alles hätte dazu führen müssen, dass man vor Jahrzehnten schon, um diese furchtbare jetzige Katastrophe zu vermeiden, darauf verfallen wäre, dass es notwendig gewesen wäre, wie auch die übrigen Territorialgrenzen gingen, mit Bezug auf die juristischen Verhältnisse des Privat- und des Strafrechtes so zu verfahren, dass auf fünf oder zehn Jahre jeder seine Richter frei wählt, so, wie im Übrigen auf dem Gebiete des geistigen Lebens jeder für seine Nachkommen die Schule frei zu wählen hat und dergleichen mehr. Unendlich vieles schließt diese Befreiung des Schulwesens ohnedies, des Erziehungswesens, der ganzen geistigen Angelegenheiten von dem übrigen wirtschaftlichen und rein staatlichen Betrieb des sozialen Organismus ein. Es werden sich natürlich die Menschen zu diesem notwendigen Gedanken am allerwenigsten heranbändigen lassen, denn in der Verstaatlichung des Schulwesens, in dem Ausdehnen der staatlichen Fangarme über die freie Geistigkeit, sieht gar mancher das Allerheilsamste. Dennoch ist dies das Gegenteil des Heilsamen. Dasjenige, was als Geistigkeit mit Wirklichkeits-Charakter sich entwickeln soll oder kann, ist nur zu entwickeln, wenn diese Geistigkeit rein auf sich selbst im sozialen Organismus gestellt ist, wenn der staatliche Organismus nur dafür zu sorgen hat, dass sich dieses geistige Leben frei entwickeln kann. Die sozialistischen Agitatoren und ihre Anhänger haben ein einziges Gebiet bis jetzt entdeckt, und das aus einem Missverständnis heraus, das sie in dieser Weise behandeln: das religiöse Gebiet. Sie hören innerhalb der sozialistischen Agitationsgebiete: Religion ist Privatsache - aber eigentlich nicht, weil man die Religion beschützen will in ihrer Freiheit vor den staatlichen und wirtschaftlichen Eingriffen, sondern weil man kein rechtes Interesse hat. Man will sie absondern; sie soll für sich leben, soll für sich vielleicht auch sterben. Das Richtige wäre, dass man gerade die größte Schätzung für das geistige Leben in all seinen einzelnen Serien hätte; dann würde man wissen, dass dieses geistige Leben nur dann gedeihen kann, wenn es seine eigene Verwaltung, seine eigene Organisation, seine adäquate, relative Selbstständigkeit hat. Dieses Geistesleben muss man sich gleich denken im umfassendsten Sinne, im umfänglichsten Sinne, nicht nur die eigentlichen geistigen Ideen, nicht nur die eigentlich geistigen Leistungen, die von diesen geistigen Gebieten ausgehen, sondern auch alles dasjenige, was sich als geistige Impulse über die anderen beiden Gebiete erstreckt. Es muss ausgehen von diesen Gebieten; die technischen Ideen, dasjenige, was eigentlich das Wirtschaftsleben in Schwung bringt, das wird ausgehen von der geistig-seelischen Arbeit. Aber diese geistig-seelische Arbeit, sie darf nicht unterhalten werden, nicht verwaltet werden, nicht gesetzgeberisch regiert werden von den beiden anderen Sphären; sie muss sich mit relativer Selbstständigkeit regieren, damit sie gerade in der entsprechenden Weise wie das [Verdauungs]system auf die beiden übrigen Systeme des natürlichen Organismus, dass sie gerade in der rechten Weise durch ihre Freiheit, durch ihre Selbstständigkeit, auf die beiden anderen sozialen Systeme wirken könne. So ist zu denken, dass das wirtschaftliche Glied des sozialen Organismus, dasjenige Gebiet, welches das Verhältnis des Menschen zum Menschen regelt, und dasjenige Gebiet, welches, als das eigentlich geistige Gebiet, auf die individuelle Freiheit alles dessen gestellt ist, was aus den geistig-seelischen und körperlichen Anlagen des Menschen hervorgeht, dass diese Gebiete so nebeneinander leben, dass jedes, wie es seinem eigenen Wesen gemäß ist, seinen eigenen Verwaltungs- und Gesetzgebungskörper hat. Nicht das eine Parlament, das alles zusammenkonfundiert, ist das Heilsame für die soziale Entwicklung der Zukunft, sondern die drei Vertretungskörper, von denen [einer] alle Menschen angeht: derjenige des politischen Organismus, der wahrscheinlich auf den meisten Territorien der Erde, der zivilisierten Welt, rein demokratisch sein wird; während die beiden anderen in ihrer Vertretung sachgemäß sein werden. Der Wirtschaftskörper wird auf assoziativer Grundlage aufgebaut sein. Wir sehen heute schon die Anfänge, wie er sich dadurch, dass der Mensch zusammenwachsen muss mit demjenigen, was ihm als Naturgrundlage vorliegt für sein Wirtschaftsleben, wie er sich zusammenschließen muss mit anderen Menschen; dieser Zusammenschluss, wie er heute in Genossenschaft und Gewerkschaft und so weiter versucht wird, der muss aber aufgebaut werden auf rein wirtschaftlichen Unterlagen, die wirtschaftlichen Unterlagen der Produktion, die wirtschaftlichen Unterlagen der Konsumtion, die wirtschaftlichen Unterlagen des Handels, die sich gegenseitig nach rein wirtschaftlichen Grundsätzen regeln werden. Dasjenige, was der politische KÖrper ist, der auf dem Rechtsverhältnis von Mensch zu Mensch beruht, der wird im Wesentlichen sich immer mehr demokratischer und demokratischer gestalten, denn er hat es zu tun mit dem Verhältnis eines jeden Menschen zu der Warenzirkulation. Dasjenige, was das geistige Gebiet ist, wird sich auf dem, was aus dem geistigen Leben aus dem Vorgeriicktsein des einzelnen Menschen im geistigen Leben folgt, aufbauen. Diese drei Gebiete im gesunden sozialen Organismus gewissermaßen souverän nebeneinandergestellt, und so miteinander verantwortlich, wie souveräne Staaten, gerade dadurch werden die Delegationen in der rechten Gemeinschaft aufeinander wirken können, dass die einzelnen Glieder im sozialen Organismus in relativer Selbstständigkeit sind! Man kann zugeben, dass diese Ideen für viele heutige Menschen vielleicht zu radikal erscheinen. Sie sind aber nicht so gedacht, sehr verehrte Anwesende, dass man etwa von heute auf morgen irgendeine soziale Gemeinschaft so umgestalten solle, wie das selbstverständlich, wenn man solche Dinge zum Ausdrucke bringt, scheinen könnte. Nein, von dem Ausbilden solcher Theorien als Theorien hält der Wirklichkeitsdenker - und das ist immer der Geisteswissenschafter, der wahre Geisteswissenschafter - außerordentlich wenig. Er hält viel mehr davon, dass die Menschen sich in ihrem ganzen Wollen und in ihrem unmittelbaren Leben durchdringen mit demjenigen, was als Impulse aus einer solchen Lebensanschauung folgt, sodass sie in allen Einzelheiten ihren Handlungen, ihren Maßnahmen, die entsprechende Richtung geben. Gewiss würde es ganz falsch sein, wenn man - wie man es heute auf vielen Gebieten versucht - von heute auf morgen den sozialen Körper umgestalten würde; aber es trat ja immer vor die Menschen die Notwendigkeit, das oder jenes zu ordnen. Man kann es so ordnen, dass man besessen ist von der Idee, alles muss, durcheinandergewürfelt, eine staatliche Einheit sein; oder man kann dasjenige, was Alleralltäglichstes ist, in eine solche Richtung bringen, dass sich seine Gestaltung eingliedert in das allmähliche Sich-Verwirklichen dieser drei nebeneinander bestehenden Glieder des sozialen Organismus - wahrhaftig, mehr noch als viele sozialistische Denker der Gegenwart, die sich gar nicht irgendwie träumen lassen, von heute auf morgen eine andere Gestaltung des sozialen Organismus herbeizuführen, sondern die an eine langsame Entwicklung denken, denkt derjenige, der, da seiner Beobachtung die Wirklichkeit durchaus diesen Darlegungen zugrunde liegt, so denkt der, dass eine Richtung gegeben wird der sozialen Entwicklung, die sich langsam verwirklicht. Von irgendwelchen konfusen, zum Beispiel schnell sich abspielenden sozialen Revolutionen ist gerade bei diesem wirklichkeitsgemäßen Denken nicht die Rede. Davon ist aber die Rede, sehr verehrte Anwesende, dass man gerade sich bequeme, zu dem hin seine Gedanken zu richten, was aus der wirklichkeitsgemäßen Betrachtung des sozialen Organismus selber folgt. Dasjenige, was ich Ihnen hier auseinandergesetzt habe, sehr verehrte Anwesende, mir erscheint es aus einer, wie ich glaube, objektiven Betrachtung auch der Ereignisse der Gegenwart als für diese Gegenwart ganz besonders wichtig, als für diese Gegenwart zur Heilung von manchem, was geheilt werden muss, besonders notwendig. Und ich darf sagen: Nicht aus bloßen theoretischen Erwägungen heraus haben die Ideen, die ich Ihnen heute vorgetragen habe, ihre letzte Gestalt erhalten. Das, was ich Ihnen ausgeführt habe - ich konnte Ihnen der Kürze der Zeit halber nur eine Skizze geben -, es kann in allen Einzelheiten begründet werden, es kann in allen Einzelheiten ausgebaut werden. Das kann schon heute geschehen in vollkommen wissenschaftswiirdiger Weise! Derjenige, der dieser Richtung nahetreten will, kann das heute schon, indem er zusammenarbeitet mit denjenigen, welche gewillt sind, ihre Kraft darauf zu verwenden, dem sozialen Organismus eine Gestaltung zu geben, die ihn vor einer wirklichkeitsgemäßen Lebensauffassung wirklich gesund macht. Das kann man; das kann man heute in allen Einzelheiten ausführen - in allen Einzelheiten, dasjenige, was ich Ihnen heute nur in einer umfassenden Skizze darlegen konnte. Diese Ideen, sie sind nicht entstanden aus einer bloßen theoretischen Erwägung heraus; sie sind aus der Betrachtung der Verhältnisse entstanden, wie sich diese Verhältnisse gestaltet haben, sodass zuletzt nichts anderes mehr heraus resultieren konnte aus ihnen als diese europäische Katastrophe. Demjenigen, der sich eingelassen hat auf das innere Gefüge dieser Verhältnisse der gegenwärtigen zivilisierten Welt, dem ist es vielleicht so ergangen, wie zum Beispiel - ich könnte auch andere anführen - mir mit Bezug auf einen gewissen Punkt. Ich will wahrhaftig mit diesen Dingen nicht irgendwie renommieren. Allein, sehr verehrte Anwesende, diese Dinge sind ernst; und wenn auch irgendetwas, das man heranzieht zum Verständnisse, wie persönlich ausschaut, dann darf es trotzdem heute gegenüber dem furchtbaren Ernst der Zeiten vielleicht geschehen. Es war die Zeit noch, die dieser [Kriegs]katastrophe vorangegangen ist, in der [Diplomaten], Politiker und Staatsmänner und sonstige gescheite Leute Europas ein sonniges Lächeln hatten, wenn davon die Rede war, wie der Friede, oder was sonst Ähnliches aufgezählt wurde, wie alles das, was man eingerichtet hat, festgefügt in der Welt dastiinde. Da musste ich vortragen dazumal in Wien, innerhalb eines Vortragszyklus auch sprechen von dem, wozu die tieferen Grundlagen unserer sozialen Verhältnisse hintendieren. Ich sprach dazumal, bevor diese Katastrophe irgendwie äußerlich bemerkt wurde in ihrem Heranrücken, als die Diplomaten noch ein sonniges Lächeln hatten über die guten Taten, die sie vollbracht hatten, ich sprach davon, dass schleichend geht durch unsere soziale Ordnung etwas wie ein soziales Karzinom, wie eine Krebskrankheit, lange bevor das dilettantische Buch «Weltmutation» mit allen möglichen Sozialismus-Spielereien erschienen war! Und ich sagte dazumal: Die Zeit ist so ernst, dass man so etwas wie verpflichtet sich fühlt, in die Menschheit hineinzuschreien, damit die Seelen aufgerüttelt werden, damit sie wissen: Zur rechten Zeit muss das Rechte geschehen, damit Unheil später, unsägliches Unheil abgelenkt würde. Das war vor dem Kriege gesprochen. Während der Zeit des Krieges, da hatte ich, gedrängt durch den Ernst der brennenden sozialen Gestaltungen, die sich gerade in ihrer rechten Gestalt, in ihrer rechten Weise während der Kriegskatastrophe an die Oberfläche brachten, gedrängt dadurch, hatte ich manchem, der dazumal noch ein Maßgebendes hätte tun können innerhalb des gesellschaftlichen Organismus, in dem er stand, vorgelegt dasjenige, was zur Gesundung notwendig ist. Äußerlich theoretisch hat das mancher verstanden; die Brücke vom theoretischen Verständnis zum Wollen konnten die Leute nicht schlagen, weil eben das Verständnis nicht gründlich genug war. Jetzt möchte man glauben, dass das, was maßgebliche Leute nicht verstehen wollten während der kriegerischen Katastrophe, jetzt, möchte man glauben, jetzt müssen manche, die durch diese kriegerische Katastrophe in Mittel- und Osteuropa ins Unglück gebracht worden sind, und manche anderen, denen noch eine Galgenfrist gegeben ist, jetzt müssten sie verstehen, zur rechten Zeit den Dingen Verständnis entgegenbringen! Denn manchem sagte ich vor zwei oder drei Jahren, wo die Dinge noch anders hätten gehen können, als sie im Herbste 1918 gegangen sind, manchem sagte ich innerhalb Mitteleuropas: Es muss dasjenige, was sich in diesen Ideen von der Dreigliederung des Sozialen Organismus ausdrückt, es muss dieses auch auswärtige Politik werden; dann wird dem ganzen Verlauf der Dinge eine andere Richtung gegeben, eine heilsamere Richtung. Und ich sagte dann: Sie haben die Wahl, entweder zur rechten Zeit durch Vernunft diese Dinge anzunehmen, denn diese Dinge sind nicht ausgedacht, diese Dinge sind keine Programme, diese Dinge sind kein abstraktes Ideal, wie abstrakte Ideale gewisse Gesellschaften oder Parteien haben, sondern diese Dinge sind beobachtet aus den Entwicklungskräften der Menschheit; sie wollen und müssen sich einfach in den nächsten zehn, zwanzig, dreißig Jahren verwirklichen. Nicht davon hängt das ab, ob ich oder Sie oder irgendein anderer das will, was in dieser Richtung liegt, sondern dass die Entwicklungskräfte, durch die die Menschheit durchgehen muss, selber dieses wollen, dass dieses geschehen muss, davon hängt alles ab. Sie haben die Wahl, entweder durch Vernunft mitzuwirken zu der Gestaltung einer solchen sozialen Organisation, oder revolutionäre Katastrophen und Kataklysmen werden auf dem Gebiete sich abspielen, für die Sie nun auch verantwortlich sind. Die Wahl zwischen Vernunft und der Entfesselung der furchtbarsten Instinkte, die dann nicht mehr bewältigt werden können durch eine bloße Verständigung, diese Wahl, sie ist vor die Menschen gestellt. Das ist es, worauf es ankommt, dass die Menschen von jenem Suchen nach einem bloß bequemen Denken abkommen, dass die Menschen dahin kommen, dass nicht mehr diese, die die wirklichen Lebenspraktiker sind, weil sie die Gestaltungskräfte der Menschheitsentwicklung sehen, dass nicht mehr diese als die «unpraktischen Idealistem hingestellt werden und unschädlich gemacht werden oder gemieden werden, sondern dass gerade dasjenige, was sie zu sagen haben, fruchtbar gemacht werde - darauf kommt es an! Die wirkliche Lebenspraxis ist auf vielen Gebieten etwas ganz anderes als der kurze Sinn derer, die sich oftmals für die ganz besonderen Praktiker halten. Dasjenige, was diese «Praktiker» getan haben durch Jahrzehnte, das hat gerade in das Unglück der Gegenwart hineingeführt. Missverstanden wurden diese Ideen auch noch nach der ändern Richtung, nach der, dass geglaubt wurde, es handelte sich bloß um innere Ideen, um irgendeinen abgeschlossenen sozialen Organismus im Innern zu gestalten. Nun, dass Menschen, die nichts gelernt haben, nichts gelernt haben konnten noch durch diese kriegerischen Katastrophen der letzten Jahre, dass die das Eingreifende und Einschneidende solcher aus der Wirklichkeit kommender sozialer Ideen nicht verstehen konnten, das ist begreiflich. Selbstverständlich konnten sich zum Beispiel in ein staatliches Land solche Ideen nicht hineinfinden, in ein staatliches Land und Leben, dessen Lenker durch lange Zeit hindurch ein solches Buch schreiben konnte, wie zum Beispiel Bülow unter Wilhelm II.; dass dieses Buch noch Ernst genommen werden konnte, dass dieses Buch nicht genommen wurde als ein historisches Dokument dafür, wie das Unglück Deutschlands herbeigeführt werden musste durch das Unverständnis der modernen Menschheitsentwicklung, das gehört zu den besonderen Charakteristiken unserer Zeit, die vielfach Veranlassung geben werden, beurteilt zu werden nach einem besonderen wissenschaftlichen Gebiete - ich habe es schon gestern genannt «Sozialpathologie» oder «Sozialpsychiatrie». Ich brauche das nicht bloß als ein «bon mot», ich meine es sehr ernst. Dasjenige aber, was notwendig wäre einzusehen, was nicht eingesehen wurde bei denjenigen, denen ich diese Ideen bisher vorgelegt habe, das ist, dass diese Ideen nicht bloß für die innere Gestaltung irgendeines sozialen Territoriums gelten, sondern dass sie die Grundlage einer wahren internationalen Außenpolitik für jeden Staat nach und nach sein müssen, obwohl jeder Staat sie einzeln, für sich, beginnen kann. Dasjenige, um was es sich handelt, ist, dass ferner nicht Staaten wie geschlossene Gebiete miteinander verhandeln, sondern dass von jedem sozialen Gebilde nach jedem anderen - es kann auch einseitig geschehen, daher kann jeder Staat damit anfangen -, dass jeder Staat mit jedem anderen Staat, oder ein Staat aus seinen drei Gliedern heraus mit einem ändern Staat, der an der alten Konfundierung noch festhält, und sein Vertrauen dazu gibt, dass in Betracht kommen auf der einen Seite die Vertreter des reinen Wirtschaftskörpers, die wiederum mit dem wirtschaftlichen Leben der Außenwelt für sich, aus den Lebensgrundlagen des Wirtschaftskörpers heraus verfahren, in den politische Gedanken, politische Beziehungen, diejenigen Faktoren, die es überhaupt mit dem Verhältnisse von Mensch zu Mensch zu tun haben, verkehren mit den entsprechenden Faktoren des anderen sozialen Territoriums. Ebenso die geistigen Vertreter mit den geistigen Vertretern des anderen Territoriums. Dadurch gewinnen die sogenannten «Landesgrenzen» eine ganz andere Bedeutung; dadurch wird dasjenige, was durch die Landesgrenzen zu Konflikten führt, nicht mehr, wie es jetzt geschieht dadurch, dass alles zusammengeworfen und zusammengeschweißt ist, aufgebauscht wird, sondern ein Konflikt auf einem Gebiete wird ausgeglichen durch die anderen Gebiete, die daneben wirken. Da muss man nur hineinschauen in die Art und Weise, wie diese Dreigjiederung eben über die ganze Erde im internationalen Verkehr der Völker funktionieren wird, [ja, etwas anderes begründen wird], etwas tief Organisches gegenüber dem, was man ja aus einem guten Wollen heraus, aber eben nur aus einem abstrakten Denken heraus [anstrengt]: VÖlkerbund, Zwischenstaatlichkeit und dergleichen. Alles dies wird nicht aufgebaut wie ein Menschheits-Organismus, sondern, hervorgerufen nach seinen Bedingungen, wie ein lebendiger sozialer Organismus werden, wenn die heute skizzierte Dreigliedrigkeit in die Strömung gebracht wird, die in dem dahinfließenden sozialen Wollen und Denken und Empfinckn der Menschheit zum Ausdrucke kommt. Sehr verehrte Anwesende, vielleicht können wir uns auch am Schlusse noch kurz durch Folgendes miteinander verständigen: Als die Morgenröte der neueren Zeit, aber noch nicht voll durchtränkt von den neueren Verhältnissen, über die Menschheit hereinkam, da strahlten drei große Ideen durch Denken und Empfinden und Wollen der Menschheit: «Qeichheit, Freiheit, Briiderlichkeitm Wer könnte nicht die tiefste Sympathie haben mit dem, was in den Ideen, in den Impulsen von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit liegt? Und dennoch, hören muss man auch auf diejenigen, die ihre tiefen Bedenken geltend gemacht haben, nicht aus irgendwelchen Parteivorurteilen heraus, sondern aus einem gesunden, objektiven Denken heraus geltend gemacht haben ihre Bedenken. Da hat gar mancher ernste, gewissenhafte Denker herausgefunden: Wie soll sich die Freiheit, die im Wesen des Menschen so begründet ist - ich darf in Parenthese einfügen, dass ich diese Freiheit für ein unerlässliches soziales Ingredienz der Menschheit halte! Das zeigt einfach meine «Philosophie der Freiheit», die jetzt wiederum in neuer Auflage er schienen ist -, wie soll sich mit dieser menschlichen Freiheit, die nur auf die menschliche Individualität in ihrer Ausgestaltung aufgebaut werden kann, wie soll sich damit die soziale Gleichheit vertragen? Sie stehen ja in vollständigem Widerspruch zueinander! Und wie wiederum die Brüderlichkeit mit der Gleichheit vor dem Gesetz? Ebenso klar scheint der Widerspruch vor diesen drei Ideen dazwischen zu liegen, als die große, einleuchtende Gewalt dieser Ideen. Nur dann, wenn man von einem bloßen abstrakten, von einem bloßen theoretischen Denken aus, das zu einem sozialen Homunkeltum führen müsste, zu einem wirklichkeitsgemäßen Empfinden vorrückt, kann man einsehen, wie sich diese drei Ideen in der menschlichen sozialen Wirklichkeit verhalten müssen: Freiheit, sie führt in das Gebiet, in dem sich das geistige Leben entfalten muss. Gleichheit führt dahin, wo das Verhältnis von Mensch zu Mensch auf dem eigentlich so zu nennenden politischen Gebiete sich entwickelt. Brüderlichkeit führt in das Gebiet des Wirtschaftslebens, wo ein jeder nach der wirtschaftlichen Möglichkeit geben und empfangen soll. Wenn man weiß, dass der soziale Organismus sich gliedert nach drei relativ selbstständigen Gliedern, dann weiß man, dass diese Ideen einander widersprechen müssen wie die Entwicklungsgesetze in der Dreigliederung eines natürlichen, menschlichen Organismus; dann weiß man, dass das große, entscheidende Ideen und Impulse sind; dann wundert man sich nicht über den Widerspruch, der einem aber entgegentreten muss, wenn man glauben will, dass diese drei Ideen angewendet werden müssen auf einen sozialen Organismus, in dem alles durcheinandergewürfelt und zusammengeschweißt sein soll. So wird sich dasjenige, was die Menschheit nötig empfand für das soziale Leben auszugestalten in der Morgenröte der neueren [Zeit], es wird sich erst einleben können in die wahrhafte soziale Wirklichkeit der MenschheiL wenn man die drei Glieder dieser sozialen Wirklichkeit der Menschheit durch ein wirklichkeitsgemäßes [Beob achten und Handeln und Wollen] im sozialen Organismus wird der Menschheit einverleiben wollen. Ich weiß, wie viel heute noch Vorurteile und Vorempfindungen gegen diese Dinge sprechen. Allein, ohne irgendwie in Eitelkeit oder in Hochmut zu verfallen, möchte ich dasjenige, um was es sich handelt, zum Schlusse durch einen Vergleich zum Ausdruck bringen. Gar mancher wird sagen: Nun ja, aus der Geisteswissenschaft heraus will da jemand in so einfacher Weise das soziale Problem zu einem Lösungsversuche bringen. - Ja, sehr verehrte Anwesende, da darf ich vielleicht vergleichen, für denjenigen nur, dem der LÖsungsversuch so einfach, so primitiv zu sein scheint, nicht angemessen zu sein scheint dem, was an großer Gelehrsamkeit von den Volkswirtschaftslehrern und anderen Leuten aufgebracht worden ist, da darf ich vielleicht für einen solchen den Vergleich wagen: Es war einmal ein armer Knabe, der saß als dienender kleiner Arbeiter an einer Newcomen-Dampfmaschine. Er hatte mit der Hand die beiden Hähnen zu besorgen, die immerfort gestoßen und gestoßen werden mussten, von denen der eine das Kondensationswasser, von denen der andere den Dampf einlassen sollte in die Maschine. Da bemerkte der kleine Knabe, dass dieses Öffnen und Schließen der beiden Hähnen, die er mit seinen Händen im entsprechenden Zeitpunkt hinund herschieben musste, mit Bezug auf ihr Auf- und Abschwenken, da kam er auf die Idee, mit Schnüren die Hähne zusammenbinden, mit Schnüren die Hähnen zu bändigen. Und da stellte sich heraus, dass sich in seinem Auf und Ab von selber der Hähnen auftat und schloss, also die Hähnen, die auf der einen Seite das Kondensationswasser, auf der anderen Seite den Dampf wieder einfließen ließen. Und von dieser Beobachtung des kleinen Knaben ging aus eine der wichtigsten Erfindungen der neueren Zeit: die Selbstregulierung der Dampfmaschine. Es hätte auch geschehen können, dass ein «ganz gescheiter Mensch» gekommen wäre und zu dem Jungen gesagt hätte: Du Nichtsnutz, was machst du denn da? Weg mit den Schnüren! Besorg deine Hähnen wie bisher mit der Hand, mach, was dir geboten ist! Und glaube nicht, dass du da etwas Besonderes machen kannst! Wie gesagt, man kann die Dinge vergleichen, aber ein Vergleich hinkt ja immer etwas. Man kann den Vergleich anwenden für etwas anderes, also für das, auf das man mit einem gewissen Hochmut herunterschaut: auf diese Geisteswissenschaft, die nun auch ihre Erfahrungen über das soziale Problem ausdehnen will! Aber vielleicht darf ich doch den Vergleich wagen mit dem kleinen Knaben. Wenn die «ganz gescheiten Leute» es heute außerordentlich töricht finden, dass irgendjemand aus der Geisteswissenschaft heraus sich an das soziale Problem wagt, so möchte ich denen sagen: Solche Leute wollen ja nur weiter nichts sein als der kleine Knabe, der nun eben dasjenige bemerkt, was die ändern nicht bemerkt haben in ihrer ganzen Gescheitheit und Gelehrtheit, vielleicht auch verkehrten Gelehrtheit. Denn davon glaube ich überzeugt sein zu können, gerade aus einem Einblicke in das soziale Wirken und Walten der heutigen Menschheit und deren Forderungen. Davon glaube ich überzeugt zu sein: Darauf kommt es an, dass, wenn man in der richtigen Weise bemerkt, wie die drei Gebiete des sozialen Organismus in ihrer Selbstständigkeit sich entfalten können, hat man das Leben dieses sozialen Organismus entdeckt. Und wie das Leben selbst Steuer und wie das Leben selbst Regulation ist, so wird sich der soziale Organismus selber regulieren, wenn nur in der richtigen Weise die Gesetze seiner einzelnen Gebiete gefunden sind. Das, sehr verehrte Anwesende, das beseelt denjenigen, der es ernst meint, gerade in der heutigen ernsten Zeit, mit dem, was der Menschheit mit Bezug auf die sozialen Forderungen notwendig ist. Damit lassen Sie mich schließen, dass ich eigentlich all das, was man in dieser Richtung zu sagen hat, zusammendränge in eine Empfindung: Möge es doch wenigstens genügend Menschen geben in der Gegenwart, die ein wenig ergriffen werden von dem, was ja doch geschehen muss, weil es im Innern der Entwicklungskräfte der Menschheit liegt in den nächsten 20 bis 30 Jahren, möge es genügend viele Menschen heute schon geben, mögen genügend viele Menschen ihre Herzen, ihre Sinne öffnen demjenigen, was die Menschheit der Zukunft entgegenführen muss, damit nicht noch größeres Unheil komme! Denn wenn dasjenige fortgeht, was gerade die meisten von denen glauben, die sich - im richtigen Sinne in ihrem Sinn - für Praktiker dünken, dann wird nicht eine Heilung des Unglücks, sondern eine unermessliche Vermehrung dieses Unglücks geschehen! Mögen daher möglichst viele Menschen sich finden, die Herz und Sinn öffnen dem, was geschehen muss, damit eine Verständigung, eine Verständigung zwischen Herz und Herz, eine Verständigung zwischen Seele und Seele innerhalb des sozialen Zusammenlebens der Menschheit möglich werde, bevor die Instinkte so weit entfesselt sein werden, dass eine solche Verständigung über die furchtbar tierisch wirkenden Instinkte der Menschen hin gar nicht mehr möglich sein wird. DIE WIRKLICHE GESTALT DER SOZIALEN FRAGE, ERFASST AUS DEN LEBENSNOTWENDIGKEITEN DER GEGENWÄRTIGEN MENSCHHEIT AUFGRUND GEISTESWISSENSCHAFTLICHER UNTERSUCHUNG Basel, 13. Februar 1919 Sehr verehrte Anwesende! Wer die gegenwärtigen Lebensverhältnisse, die sich um einen herum abspielen, und in die das eigene Dasein verstrickt ist, nicht gewissermaßen seelisch verschläft, sondern mit geistwachem Bewusstsein mitmacht, der wird empfinden können, dass dasjenige, was heraufgezogen ist in der Lebensentwicklung der modernen Menschen seit Jahrzehnten, erst in der Gegenwart im Grunde seine wahre geschichtliche Gestalt, seine elementare geschichtliche Kraft errungen hat. Das ist dasjenige, was uns heute ins Leben herein so mächtig sich kundgibt: die soziale Frage. Insbesondere sollte man empfinden, wie etwas, was durch Jahrzehnte hindurch sich vielleicht doch mehr unter der Oberfläche des Lebens in seiner eigentlichen Gestalt abgespielt hat, heraufgeflutet ist zu seiner großen, immer einschneidenderen und einschneidender werdenden Bedeutung. Zeigte ja schon der Ausgangspunkt der letzten Jahre, der die Welt durchwogenden kriegerischen Katastrophe, wie die sozialen Impulse der neueren Menschheit in das allgemeine Leben hereinspielten. Gar manche Persönlichkeit, die mitverantwortlich ist für dasjenige, was als ein solches Unheil in unser Leben eingegriffen hat, sie hätte anders sich verhalten, wenn sie nicht durch lange Zeit hindurch schon unter dem Einflusse, sei es der Angst oder dergleichen, in der sogenannten sozialen Bewegung gestanden hätte und aus einer gewissen Furcht oder Angst oder anderen Seelenzuständen heraus in ganz anderer Weise sich verhalten hat, als sie sich verhalten hätte, wenn sie in völliger Besonnenheit klare Einsicht in dasjenige hätte bekommen können, was in der Luft lag im Unglücksjahre 1914. Und wiederum, während dieser furchtbaren Katastrophe, wie hat man auf der einen Seite Hoffnungen gehegt, dass aus der sozialen Bewegung der Menschheit heraus die zerstörten Harmonien wiederum in irgendeiner Weise in Einklang gebracht werden könnten. Wie haben andererseits diejenigen Persönlichkeiten, die in dieser Schreckenszeit irgendwie leitend waren, unter dem Einflusse der sozialen Forderungen der Menschheit gestanden, sodass sie in ihrem Handeln wesentlich von dieser Seite beeinflusst worden sind. Manches hätte einen anderen Verlauf genommen, wenn das nicht so gewesen wäre. Und jetzt, sehr verehrte Anwesende, jetzt, wo die Katastrophe in eine Krise eingetreten ist, jetzt kann man sehen, dass erst recht dasjenige, was soziale Bewegung genannt werden kann, sich in einer entscheidenden Weise in das Leben der gegenwärtigen Menschheit hereinstellt, so hereinstellt, dass gewissermaßen die Einstellung der meisten Menschen wie etwas von tiefer Tragik durchsetzt sich erkennen lässt. Kann man denn nicht sagen, dass die Tatsache, in die unser Leben eingespannt ist, über einen großen Teil der zivilisierten Welt hin - und die Dinge werden sich immer weiter und weiter ausbreiten, das kann jeder Einsichtige gewahr werden -, kann man nicht sagen, dass die Tatsache, in die unser Leben eingespannt ist, an das Urteil der Menschen, an dasjenige Urteil der Menschen, das sich durch Handlungen, durch Eingreifen in das Leben in der richtigen Weise bewähren soll, dass diese Tatsache gegenüber diesem Urteil zeige, wie wenig eigentlich das Urteil der meisten diesen Tatsachen gewachsen ist. Ja, sehr verehrte Anwesende, es ist wirklich so, als ob gewisse Strömungen, gewisse Kräfte im Leben der neueren Menschheit sich in ihrer Unmöglichkeit, in ihrer Absurdität hätten zeigen wollen durch diese Katastrophe, und als ob dasjenige, was in einer absurden Gestaltung sich ausgelebt hat zum Unglücke der Menschheit, etwas zurückgelassen hätte, gegenüber dem manches versagt, von dem man vielleicht früher, bevor diese Katastrophe eingetreten ist, geglaubt haL dass es nicht versagen könne. Wir sehen auf der einen Seite die einschneidenden Tatsachen, die sich so ankündigen, dass sie in jedes individuelle Leben tief eingreifen müssen. Wir sehen, wie aus dem innersten Impulse der Menschheit heraus verlangt wird nach einer Neugestaltung des Lebens. Wir sehen innerhalb desjenigen, was so auftritt, die alten Parteivorstellungen, Parteiprogramme vielfach sich geltend machen, so sich geltend machen, dass sie dasjenige, was da ist, bewältigen wollen. Aber wie kommen uns diese Parteivorstellungen, diese Parteiprogramme, dieses auch manchmal in den sozialen Ereignissen schulmäßig gebildete Denken heute vor? Man möchte sagen: Wie Urteilsmumien, die plötzlich lebendig werden wollen, die aber doch nur als Mumien herumgehen gegenüber den lebendigen Ereignissen. Dasjenige, was die Menschen heute vielfach denken über das, was geschieht, ist wie ein Abgestorbenes gegenüber dem, was als lebendige Forderungen des Daseins auftritt. Aus dem Ernste der Lage, der damit gekennzeichnet ist, drängt sich wohl jedem denkenden Menschen die Notwendigkeit auf, in einer gewissen Weise ein Urteil, ein für sein Handeln mögliches Urteil gegenüber dieser Zeitlage zu gewinnen. Von diesem Gesichtspunkte aus, sehr verehrte Anwesende, werden die Vorträge ausgehen, die ich hier zu halten gedenke. Heute möchte ich mehr zeigen, welches eigentlich die wahre Gestalt der sogenannten sozialen Forderung ist, wie sich diese wahre Gestalt aus dem Leben der neueren Menschheit ergeben hat, und morgen möchte ich auf das allerdings Wichtige eingehen, auf die möglichen Lösungsversuche, die sich nicht aus dieser oder jener phantastischen Vorstellung, aus diesem oder jenem einseitigen Willensimpuls, aus dieser oder jener Parteifärbung heraus ergeben, sondern die sich ergeben, wenn man Rücksicht nimmt auf die wahre Wirklichkeit des Lebens, auf die wahre Wirklichkeit in ihrer ganzen Tiefe und in ihrer ganzen Breite. Es ist ja nicht nur im Leben des einzelnen Menschen, sondern auch im gesellschaftlichen, im staatlichen Zusammenleben der Menschen vieles wirksam, das nicht im Bewusstsein sich auslebt, sondern das gewissermaßen im Unbewussten waltet; ja, man kann sagen, dass sogar im sozialen, im staatlichen, im gesellschaftlichen Leben des Menschen noch viel mehr unbewusste Faktoren spielen als im Leben des einzelnen Menschen. Und derjenige, der keine Ahnung hat von diesen unbewussten Faktoren, oder der keinen Sinn dafür hat, auf sie sich einzulassen, der wird wohl kaum hinter die wahre Gestalt desjenigen kommen, was heute als soziale Bewegung sich geltend macht. Man kann gewiss mit einem gewissen Respekte hinschauen auf alles dasjenige, was seit Jahrzehnten gedacht, geschrieben, gesprochen worden ist, auch innerhalb bestimmter Grenzen getan worden ist zur Bewältigung der sogenannten sozialen Fragen und der sozialen Bewegung. Allein, so viel Achtung die darauf verwendete Denk- und Tatenmühe verrät, man wird doch nur richtig hineinkommen können in das heute jedem Menschen so unerlässliche Verständnis der sozialen Frage, wenn man diese Frage nicht aus dem heraus betrachtet, wie sie sich aus dem Bewusstsein der Menschen heraus gestaltet hat, sondern wenn man sie aus dem vollen Leben, auch aus denjenigen Tiefen des Lebens heraus betrachtet, wo die unbekannten Faktoren spielen. Und wenn ich beginnen darf, sehr verehrte Anwesende, mit einer persönlichen Bemerkung, so möge es diese sein: Mir war die soziale Bewegung früh nahe getreten, insbesondere aber in ihrer vollen Lebendigkeit, als ich Jahre hindurch Lehrer an einer Arbeiterbildungsschule war, von da aus Vorträge gehalten habe, Diskussionen veranstalten musste in Gewerkschaften, in Genossenschaften, und gerade durch diese Lebensverhältnisse miterlebend dasjenige, was im Proletariergemüt vorgeht, aus dem unmittelbaren Leben heraus erblicken konnte, was als Impulse eigentlich in der modernen proletarischen Bewegung spielt. Ich möchte sagen, wer so lebenswirklich die moderne proletarische Bewegung zu betrachten geneigt ist, dem drängt sich vor allen Dingen etwas auf, was man nennen könnte ein Widerspruchsvolles im Fühlen, im Wollen, im Denken des modernen Proletariers, aber ein so Widerspruchsvolles, wie das vorhanden ist in allem Leben, das sich nicht in logischen Hindeutungen abspielt, sondern das sich eigentlich so abspielt, dass es von Widerspruch zu Widerspruch geht. Und so tritt einem bei solcher Betrachtung der modernen proletarischen Bewegung insbesondere das entgegen, dass sie auf der einen Seite gar nicht geneigt ist, einen großen Wert demjenigen beizulegen, was menschliches Denken und Empfinden ist, für das soziale Zusammenleben, für die sozialen Impulse, dass sie eigentlich geneigt ist, alles dasjenige, was der Mensch denkt und empfindet, mehr für einen Ausfluss desjenigen zu halten, was im Wirtschaftsleben und was im reinen materiellen, ökonomischen Leben vorgeht. Wir werden darauf noch zu sprechen kommen. Ich möchte sagen, die Tragfähigkeit, die Impulsität des Gedankens selbst, sie wird in einer gewissen Weise verleugnet im Seelenleben des modernen Proletariers. Und doch - das ist das Merkwürdige -, noch niemals, kann man sagen, war eine weltgeschichtliche Bewegung in einem so hohen Grade auf den Gedanken gebaut, ja auf wissenschaftliches Erkenntnisstreben gebaut, als diese moderne proletarische Bewegung. Wer jemals wirklich gesehen hat - was ja leider die bürgerlichen Kreise durch Jahrzehnte versäumt haben aus gewissen Verhältnissen heraus -, wer gesehen hat, wie sich gewisse schwierig zu fassende Vorstellungen, sagen wir Vorstellungen, wie sie aus dem wissenschaftlichen Marxismus heraus sich ergeben, sich hineinleben, voll hineinleben in die moderne Proletarierseele, der erst bekommt eine Vorstellung von dem, was wie unbewusst heute in Millionen und Millionen von Menschen lebt. Denn - das werden wir gerade durch diese Vorträge erkennen -, dass ein Bedeutsames mit Bezug auf die soziale Bewegung dieses ist, dass sich eine tiefe Kluft aufgetan hat zwischen Menschenklassen, auf der einen Seite die bisher leitenden Kreise mit ihren Vorstellungen, mit ihren Denkgewohnheiten, wie es heute modern geworden ist, mit ihrer Sentimentalität; auf der anderen Seite das Proletariat mit seinen Denkgewohnheiten, mit seiner besonderen Emphndungsweise -, wenig Möglichkeit eines gegenseitigen Verständnisses! Das ist etwas tief Einschneidendes für das ganze moderne Leben. Denn, im Grunde genommen, wie spielerisch sieht manches aus, was, um sich Verständnis zu erwerben, die bisher leitenden Kreise getan haben mit Bezug auf das soziale Leben weiter Kreise der Menschheit! Sie sind ins Theater gegangen und haben sich Hauptmanns «Weber» angeschaut, um gewissermaßen hineinzublicken in das Leben eines großen Teiles der modernen Menschheit. In diesem Verhalten liegt - das wird man immer mehr und mehr erkennen, sehr verehrte Anwesende - ein tiefes Missverständnis. Wenn man versucht, aus dem, was sich auf der Oberfläche des Lebens abspielt, einzudringen in die Tiefen, dann wird man weniger Rücksicht nehmen wollen auf alles dasjenige, was intellektualistische, sogenannte intellektualistische leitende Kreise heute denken über die soziale Bewegung. Man wird sogar vielleicht weniger Rücksicht nehmen wollen auf dasjenige, was der moderne Proletarier selber denkt über dasjenige, was er will, was er anstrebt; man wird aber umso mehr sich veranlasst fühlen, eines genauer zum eigenen lebendigen Verständnis zu bringen: nicht so sehr die objektiven Hergänge der sozialen Bewegung als vielmehr den modernen Proletarier selbst, das Seelenleben dieses modernen Proletariers. Ich glaube, unzählige Beobachtungen intensiver Art, intensiven Miterlebens mit dem Leben des Proletariats haben mir das Richtige in einem gewissen Sinne eröffnet, indem ich zu bemerken glaubte, dass ein Wesentliches in dieser sozialen Frage dasjenige ist, was sich in dem Worte verbirgt, das man immer wieder und wieder hören kann innerhalb des modernen Proletariats, in dem Worte: Der moderne Proletarier fühlt sich klassenbewusst. Er ist erwacht aus einem früher instinktiv dumpfen Leben zum Klassenbewusstsein, zum Bewusstsein seiner Lage innerhalb seiner Menschenklasse. Aber gerade wenn man dies ins Auge fasst als ein CharakteristiKon der modernen Proletarierseele, dann kommt man darauf, dass dieses Sich-Fiihlen durchtränkt von Klassenbewusstsein noch auf etwas viel, viel Tieferes hinweist, auf etwas hinweist, was einem erst den Weg eröffnet zu der eigentlichen, wahren Gestalt der sozialen Frage der Gegenwart. Das, was man als diese wahre Gestalt der sozialen Frage der Gegenwart erkennen kann, es ist von vielen versucht worden zu erkennen dadurch, dass man immer wieder und wiederum hingewiesen hat, wie das moderne Proletariat eigentlich geschaffen worden ist unter dem Einflusse der modernen, die Lebensverhältnisse der Menschen umwälzenden Technik, und des damit zusammenhängenden Kapitalismus in der Wirtschaftsordnung, auf dasjenige, was in diesen Dingen sich weltgeschichtlich abspielte. Nun, sehr verehrte Anwesende, ich brauche nicht besonders darauf hinzuweisen, es ist immer wieder und wieder dargestellt worden. Es ist dargestellt worden, wie dadurch, dass das alte Handwerk, dass die alten wirtschaftlichen Verhältnisse aufgesogen worden sind von alldem, was abhängig ist von Technik und Kapitalismus, wie dadurch eigentlich erst die Proletarierklasse innerhalb des neueren Lebens der Menschheit geschaffen worden ist. Allein dem tiefer in die Menschheitsentwicklung Hineinblickenden enthüllt sich gegenüber diesen Dingen ja noch etwas ganz anderes. Und hier komme ich an denjenigen Punkt, wo es vielleicht für den Menschen der Gegenwart doch ersichtlich sein könnte, dass die geisteswissenschaftliche Methode gerade den einschneidenden sozialen Fragen gegenüber erst wahrhaft zu der Wirklichkeit vordringen kann. Was da heraufzieht als moderne Technik, als moderner Kapitalismus, hinter ihm liegt doch noch etwas ganz anderes. In Vorträgen, die ich durch Jahre hindurch hier in Basel halten durfte, habe ich auch schon auf dasjenige hingedeutet, worauf es hier ankommt. Das Gesamtleben der Menschheit verläuft, wenn auch in vieler Beziehung fundamental anders, doch mit Bezug auf Eines ähnlich dem individuellen Einzelleben. Wer sachgemäß dieses individuelle Einzelleben des Menschen ins Auge fasst, der wird immer wieder und wieder gedrängt werden dazu, die vorurteilsvolle Anschauung zu bekämpfen, dass die Natur nirgends Sprünge mache. In entscheidenden Punkten macht nämlich jede natürliche Entwicklung Sprünge. Im einzelnen Leben des Menschen, sehr verehrte Anwesende, da finden wir, dass sich nicht die Entwicklung gradlinig vollzieht, sodass wir immer die Wirkung an die Ursache anknüpfen können unmittelbar. Wir stehen zum Beispiel einer einschneidenden Krisis im Leben des einzelnen Menschen so gegen das siebte Jahr zu beim Zahnwechsel gegenüber. Wir finden wiederum eine einschneidende Krisis, wenn die Geschlechtsreife eintritt. Wir finden solche Krisen noch später, wenn wir das Leben genauer beobachten. Allerdings, die späteren entziehen sich der äußeren oberflächlichen Erkenntnis. Dasjenige, was sich da vollzieht im Leben des einzelnen Menschen, schließt sich nicht in gradliniger Weise als Wirkung an eine vorhergehende Ursache unmittelbar an, sondern es ist, als ob Kräfte mit elementarer Gewalt aus den Tiefen des Organismus heraufkämm. So, wie in diesen Dingen das Leben des einzelnen Menschen sich verhält, so auch das ganze geschichtliche Leben. Innerhalb dieses geschichtlichen Lebens geht nicht alles einfach sukzessive so vorwärts, sondern in der Geschichtsentwicklung der Menschheit sind auch solche krisenhaften Umwälzungen, wo Elementarisches aus den Tiefen an die Oberfläche sich arbeitet. Und eine solche Krisis ist für die moderne Menschheit eingetreten um die Wende des fünfzehnten, sechzehnten Jahrhunderts. Nur dadurch, dass man das geschichtliche Leben der Menschheit heute schulmäßig behandelt, recht oberflächlich betrachtet, entgeht den meisten der fundamentale Unterschied im Seelenleben - und in allem, was damit zusammenhängt - des Menschen nach der Wendung im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert von dem, was sich im Mittelalter oder in noch älteren Zeiten im Menschen abgespielt hat. Wenn einmal eine wahre Geschichtsbetrachtung an die Stelle desjenigen treten wird, was insbesondere in Bezug auf diesen Punkt heute vielfach fable conuenue ist, dann wird man einsehen, wie radikal sich das Leben gerade um diese Zeitenwende geändert hat. Und wenn man bezeichnen soll, was da aus tiefen Untergründen herauf an die Oberfläche getreten ist, so kann man sagen: Dinge, die früher im sozialen Zusammenleben der Menschen wie instinktive Impulse gewirkt haben, unbewusste Impulse, sie drängen sich immer mehr und mehr herauf so, dass der Mensch sie im Bewusstsein umfassen will. Und dieses Stellen der menschlichen Persönlichkeit auf sich selbst durch eine Vertiefung, durch eine Erhellung des Bewusstseins, das fällt zusammen mit dem, was sonst oberflächlich sich abspielt als modernes technisches Leben, als modernes kapitalistisches Wirtschaftsleben. Und das Wesentliche ist, dass heraus aus Lebensverhältnissen, die früher anders waren, der Mensch hingestellt wird an die Maschine, zu der er ein unpersönliches Verhältnis nur haben kann, dass der Mensch einverwoben wird in das kapitalistische Wirtschaftsleben, innerhalb dessen er ebenfalls nur ein unpersönliches Verhältnis haben kann. Man blicke hin, wie der alte Handwerker noch im dreizehnten Jahrhunderte gestanden hat zu dem, was er hervorgebracht haL wie ihm das lieb war, wie ihm das Freude gemacht haL wie in den Zusammenhängen mit dem Berufe seine Ehre engagiert war. Man sehe alle die persönlichen Zusammenhänge des Menschen mit dem, was er gemacht hat im wirtschaftlichen Leben in früheren Zeiten vor dieser Zeitenwende, man sehe, wie sich das im neueren Leben ändert, wie der Mensch kein persönliches Verhältnis mehr entwickeln kann, weder zu der Maschine, an der er arbeitet, noch auch zu den wirtschaftlichen Zirkulationsverhältnissen, in denen er lebt. Und zu diesen unpersönlichen Verhältnissen wird er aufgerufen - wenigstens ein großer Teil der Menschen aufgerufen - in einer Zeit, in der im Besonderen erwacht das Persönlichkeitsbewusstsein, das Gestelltsein der menschlichen Persönlichkeit auf sich selbst. Das ist das Bedeutsame. Während wirtschaftliche Verhältnisse eintreten, die den Menschen ins Unpersönliche hineintreiben, wird er auf der anderen Seite gedrängt, durch die geschichtlichen Ereignisse, gerade auf die Spitze seiner eigenen Persönlichkeit sich zu stellen. Nach außen hin wird er unpersönlich gemacht, im Innern umso persönlicher. Nach außen hin kann er kein Interesse an dem entwickeln, womit er zu tun hat. Dadurch wird gerade die innerste Kraft seiner Seele heraufgedrängt. Er kommt zur Selbstbesinnung. Er kommt zur Frage: Was bin ich eigentlich als Mensch? Was bedeute ich als Mensch in der Welt? Einfach und elementar ausgesprochen könnte man sagen: Derjenige, der als Arbeiter hingeführt worden ist an die Maschine, er hatte, da ihn die Maschine nicht interessieren konnte, wahrhaftig Gelegenheit und Zeit und Veranlassung, nachzudenken über dasjenige was er eigentlich im Weltenzusammenhange als Mensch ist. Und so tritt uns ein Eigentümliches entgegen. Der moderne Proletarier nennt es Klassenbewusstsein. Doch hinter diesem Klassenbewusstsein steht eigentlich das heraufkommende Bewusstsein der Menschenwürde überhaupt, die Frage: Was bin ich als Mensch im ganzen Menschheitszusammenhange? Nicht die Maschine, nicht der Kapitalismus hat das hervorgebracht; sie waren nur die Veranlassung dazu, dass gerade in denjenigen dieser modernste Impuls des Menschenlebens zutage trat, die von den Lebensnotwendigkeiten in die moderne Technik und in das moderne materialistische Wirtschaftsleben hineingetrieben worden sind. Man wird nicht übersehen dürfen, dass das klassenbewusste Proletariat eigentlich in Wahrheit der menschheitsbewusste Teil der modernen Welt ist. Da spielt sich etwas Eigentümliches ab, das man sehr leicht erkennen kann. Man wird sich vielleicht darüber verständigen können, wenn man es mit einer anderen geschichtlichen Tatsache vergleicht. Bedenken wir: In einer bestimmten Zeit stellte sich ein in einer weniger damals in Betracht kommenden Provinz des Römischen Reiches der Impuls des Christentums. Jener Impuls, der dann in einer so intensiven Weise die Welt ergreifen sollte. Der christliche Impuls breitet sich aus. Aber wie merkwürdig breitet er sich aus innerhalb der griechischen, innerhalb der römischen Welt. Er kommt gewissermaßen, trotzdem in der griechischen, in der römischen Welt eine reife Bildung ist, eine Kulmination der alten Bildung ist, er kommt da nicht zur Geltung. Er kommt erst zur Geltung, als vom Norden her die barbarischen Menschen, wie man sie nannte, kamen und das Christentum annahmen. In den einfachen, elementaren Gemütern, da erst konnte das Christentum seine eigentliche Kraft entfalten, nicht in der reifen Bildung der griechischen und römischen Welt. Solche Dinge erkennt man nur, wenn man weiß, wie da steht auf der einen Seite die gewissermaßen reife, oder überreife, Bildung irgendeines Teiles der Menschheit zu den unverbrauchten, jungfräulichen Kräften eines anderen Teiles der Menschheit. Gerade diejenigen Persönlichkeiten, die sich zu den bisher leitenden Kreisen der Menschheit rechnen, die haben in diesem Punkte ein sehr schiefes Urteil. Was kann man da alles hören darüber: Ach, dieses oder jenes, was da auftritt, es ist zu hoch für das Volk, sagt man. Diese Urteile hat man ja bis zum Überdrusse in einer dekadenten Zeit am Ende des neunzehnten Jahrhunderts gehört. Was hatte man sich alles vorgestellt, wie irgendetwas sein müsse, kindisch, einfach, damit das Volk das versteht, denn die Intelligenz des Volkes, die wäre nicht sehr hoch. Gewöhnlich beweisen solche Urteile nicht viel mehr, als dass es unbequem demjenigen war, der dieses Urteil fällte, eine solche Sache für sich entgegenzunehmen. Derjenige, der das Leben wirklich kennt, der weiß, dass das, was der bürgerlich Gebildete manchmal für außerordentlich schwierig zu begreifen hält, gerade leicht begreiflich ist dem unverbrauchten Intellekt, der unverbrauchten Seelenkraft des sogenannten untergeordneteren Teiles der Bevölkerung. Und so hätte sich der alte Grieche, der alte Römer sagen können: Dasjenige, was ihm nicht recht eingehen wollte, das Christentum, gerade drang es ein in die unverbrauchte seelische Kraft der vom Norden herabkommenden barbarischen Stämme. Und das war neue, ursprüngliche, elementare Seelenkraft. Die verstand viel mehr als der hochgebildete Grieche und RÖmer in Bezug auf dasjenige, was die Zeit verlangt. Etwas ganz Ähnliches sehen wir heute, nur wird es von den meisten noch nicht erkannt. Unverbrauchte intellektuelle, unverbrauchte Seelenkraft wandert herauf aus den Tiefen der Menschheit und nimmt entgegen dasjenige, was ihm geboten werden kann aus der ganzen geschichtlichen Kraft des modernen menschlichen Lebens heraus. Es ist in gewisser Beziehung eine neue Völkerwanderung, in der wir leben. Nur vollzieht sich diese VÖlkerwanderung nicht so, dass von irgendeiner Weltgegend her sich Völkermassen bewegen, sondern statt der horizontalen Richtung nimmt diese Völkerwanderung eine vertikale Richtung an: Aus den Tiefen des Volkes heraus erhebt sich etwas, mit ungeheurer Kraft des Verständnisses, mit ungeheurer Kraft der Sehnsucht, etwas zu empfangen von den Gütern, von den besten Seelengütern auch der Menschen. Es ist, wenn man dies bedenkt, sehr naheliegend, die Frage aufzuwerfen: Was kam denn nun eigentlich diesem modernen Prole tariat, welches diese Völkerwanderung darstellt, von den leitenden Kreisen seit der angedeuteten Zeitenwende entgegen? Was brachte als Menschheitsgüter der leitende Teil der Menschheit in der neueren Zeit dem Proletariat, das gerufen wurde durch diese leitenden Kreise der Menschheit, das eingewoben wurde in die kapitalistische Wirtschaftsordnung? Es lechzte dieses Proletariat, das hingewiesen wurde durch das Leben an der Maschine, hingewiesen wurde auf die eigene Persönlichkeit, hingewiesen wurde auf die Sehnsucht, die Seele zu bereichern, es lechzte dieses moderne, heran sich bildende Proletariat nach etwas, was ihm entgegenkommen könnte. Aber was kam ihm entgegen? Was ihm entgegenkam, war unähnlich in geschichtlicher Beziehung dem Christentum, das auf dem Boden der römisch-griechischen Bildung den nördlichen Barbarenstämmen entgegenkam. Und da zeigt sich etwas ganz Eigentümliches. Das seelische, das geistige Leben der Menschheit, das hatte die besondere Entwicklungsform angenommen gegen das fünfzehnte, sechzehnte Jahrhundert, überhaupt gegen die neuere Zeit hin, in der nicht mehr die alte Stoßkraft des Menschengeistes lag. Wer das geschichtliche Leben der Menschheit tiefer betrachtet, oh, der findet, wie er sich auch stellen mag zu dem Inhalt dieses oder jenes älteren religiösen oder sonstigen geistigen Impulses, dass diese Impulse tief, tief einschlagen können in Menschenherzen und Menschenseelen, dass sie das Menschenleben von dieser Seite her tragen können, dass sie eine gewisse Stoßkraft haben, um den Menschen zu führen zum Glück zu einer gewissen Schätzung seines Lebens auf der Erde. Denn es eröffnen ihm die geistigen Impulse die Aussicht auf einen Zusammenhang desjenigen, was er hier auf der Erde erlebt, mit einem Übersinnlichen, mit einem, was seine Menschenwürde in einem höheren Lichte zeigt, als der sinnliche Alltag zeigen kann. In der neueren Zeit seit der bezeichneten Wende tritt an die Stelle der früheren geistigen Impulse dasjenige, was moderne Wissenschaft ist. Diese moderne Wissenschaft, sie hat ihre immer größere, sie hat ihre ungeheure Bedeutung für die ganze Entwicklung der Menschheit an die Namen Giordano Bruno, Galilei, Kepler geknüpft in un geheurem Maße. Allein eines tritt merkwürdig ein in dieser neueren Entwicklung der Menschheit: Die älteren geistigen Impulse kÖnnen sich nicht ausdehnen über dasjenige, was da heraufzieht. Und so erleben wir es, dass eine WissenschafL eine Erkenntnis die Menschen ergreift in der nichts lebt von dem, was dem Menschen sagt, was er ist, wie er hineingestellt ist in die Welt. Und so lechzt das moderne Proletariat immer mehr nach Aufschluss durch die Wissenschaft. Aber es bekommt, indem es eine Aufgabe sucht, nicht zu gleicher Zeit einen Impuls, der ihm sagt, was es ist im gesamten Zusammenhang der Menschheit, was ausmacht seine Menschenwürde. Hier liegt ein Punkt wo gewissermaßen das moderne Leben in einer gewissen Art tragisch wird. Wir sehen, wie die Religionen an einem Punkte angekommen sind um die Wende dieses Zeitraumes, wo sie ablehnen, was als Wissenschaft heraufzieht, ablehnen, was als menschliche Erkenntnis heraufzieht, es als ketzerisch erklären, sich unfähig erweisen, dasjenige, was ihre Impulse sind, [hineinzusenden] in das, was als Neues heraufzieht. Und so muss man als einen der wesentlichsten Entwicklungsfaktoren im Leben des modernen Proletariats das Folgende ansehen: Aus dem angegebenen Grunde heraus lechzt dieses moderne Proletariat gerade nach Wissen, nach Erkenntnis, will durch die Erkenntnis erfahren, was menschenwijrdig ist, was menschenwertes Dasein ist. In diesem Sinne kann nur, neben demjenigen, was ihm die bürgerlichen Kreise oder die anderen Stände überhaupt bringen, etwas als Erkenntnis leben, in das nicht hineinfließt die Stoßkraft, die das Wissen, die Erkenntnis zu gleicher Zeit zu einem mächtigen Lebensinhalte macht. Und so sehen wir etwas herauftreten, heraufkommen in der neueren Menschheitsentwicklung, was in einem Punkte, auf einem Gebiete uns die wahre Gestalt der modernen sozialen Frage enthüllt. Wir sehen heraufziehen das Lechzen des Proletariats nach einer Erkenntnis des eigenen Wesens, das Suchen dieses eigenen Wesens durch die moderne Wissenschaft. Wir sehen aber auch die Unmöglichkeit, in dieser modernen Wissenschaft einen eigentlich geistigen Impuls mitzuempfangen. Und so wird dasjenige, was dieses moderne Proletariat als seine Erkenntnis, als sein Seelenleben sucht, zu dem, was nun in den führenden Kreisen dieses modernen Proletariats genannt wird: Ideologie. Und in dieser Anschauung, dass das geistige Leben eine Ideologie ist, haben wir auf einem Gebiete die wahre Gestaltung der sozialen Frage. Vieles andere ist nur eine Folge dieses. Selbst dasjenige, was oftmals - wir werden es im Verlauf dieser Vorträge sehen - im rein wirtschaftlichen Gebiete auftritt, ist nur eine Folge von dem, dass im entscheidenden Zeiträume, als das Proletariat lechzte, ein geistiges Leben zu empfangen, von den anderen Ständen ihm entgegengebracht wurde etwas, worinnen keine Geistigkeit mehr lebte. Zur Ideologie, zur Ideologie war geworden das moderne Geistesleben. Der religiÖse Schwung, die religiöse Stoßkraft, die geistige Stoßkraft überhaupt war aus diesem Geistesleben verschwunden. So empfing dieses Geistesleben der moderne Proletarier. Er, der an die Maschine gestellt war, er, der in die kapitalistische Wirtschaftsordnung eingesponnen war, der fragte: Was ist ein menschenwürdiges Dasein? Wie kann ich erfahren etwas über menschenwürdiges Dasein aus der Wissenschaft heraus? Allein das geistige Leben war zu bloßen Gedanken, zu bloßen Begriffen, zu bloßen Naturgesetzen geworden. Er sah als Realität dasjenige, woran seine Hand angreifen musste. Der Proletarier, er sah dasjenige, was hineinkam als Unpersönliches in das moderne Wirtschaftsleben. Nirgends sah er etwas anderes als seine Realität; und dasjenige, was ihm sagten aus dem Geistigen heraus die leitenden bürgerlichen Kreise, das war abgelähmt, abgeschattet zu bloßen Gedanken, zu bloßen Ideen, das war nicht durchpulst von lebendiger geistiger Kraft. Und so stellte sich im Gemüte des Proletariers die Meinung heraus, dass das einzig Wirkliche das äußere ökonomische Leben ist, dass aus diesem ökonomischen Leben in seiner Zirkulation, im äußeren wissenschaftlichen Dasein des Menschen gewissermaßen wie ein Rauch hervorgehg wie ein gesellschaftlicher Überbau nur, dasjenige, was sich als geistiges Leben abspielt - abspielt in der Wissenschaft, abspielt in der Kunst -, dass dieses geistige Leben nur Ideologie ist. Nicht wahi; wäre dieses geistige Leben etwas, was vom Geiste selbst durchtränkt wurde, etwas, was durch seinen eigenen Inhalt den Menschen dahin brächte, sein Dasein anzuknüpfen an eine höhere Welt, nicht nur ein Spiegel der äußeren materiellen Wirklichkeit, für den Proletarier der äußeren ökonomischen Wirklichkeit war das geistige Leben so. Aber das geistige Leben so anzusehen, bedeutet, dass die Seele verödet, dass die Seelen mit Bezug auf ihre innersten Impulse leer bleiben, dass die Seele fragt, fragt in den leeren Raum hinaus -, keine Antwort erhält, vor dem Rätsel des Daseins gefühlsmäßig, emp6ndungsgemäß steht, keine Antwort erhält! Das ist die Gemütsverfassung immer mehr und mehr geworden des modernen Proletariats: dass es übernehmen musste als Erbschaft von den anderen Klassen nicht ein lebendiges Geistesleben, sondern eine Ideologie, das war sein Schicksal. Dasjenige, was durch dieses verursacht in den Seelen des modernen Proletariers vorging, das hat schließlich zu alledem geführt, was heute als soziale Bewegung auftritt. So muss man die wahre Gestalt der sozialen Frage auf dem einen Gebiete verstehen. Es ist das eigentlich geistige Gebiet. Verurteilt war der moderne Proletarier, ein Geistesleben zu führen, das ihm zu einer bloßen Ideologie werden musste. Das zweite Gebiet, sehr verehrte Anwesende, das tritt einem entgegen, wenn man das Rechtliche, das Politische eigentlich ins Auge fasst. Das politische, das rechtliche gesellschaftliche Zusammenleben, das trat ja den älteren Ständen mit ihren Traditionen dadurch entgegen, dass ihre Interessen, ihr ganzes Lebensglück verbunden war mit dem, was sich heraufbildete als Staat, als äußeres politisches Leben, als äußeres Rechtsleben. Dasjenige, was der Einzelne hatte, was der Einzelne tat in den sogenannten leitenden Ständen, das hatte seinen Bestand in der Struktur, die die staatliche, die die politische war. Vom Leben des Proletariers, das sich herausbildete, floss in diese Struktur, in diese politische, in diese rechtliche Struktur nur eines ein: dasjenige, was mit seinem Dasein eng verbunden ist, und in Bezug auf das er nicht in ein ähnliches Verhältnis zu Staat und Politik kommen konnte, wie die leitenden Kreise: Es floss ein in die soziale Struktur des Proletariers Arbeitskraft. Und indem wir dies betrachten, kommen wir auf einem zweiten Gebiete zu einer wahren Gestalt der modernen sozialen Forderung. Arbeitskraft - wenn derjenige, der als Arbeiter nichts anderes hat als seine Körperkraft, an die Maschine oder an irgendetwas anderes gibt, so steht er ganz anders im sozialen Organismus drinnen als derjenige, der etwa durch Besitz oder durch andere Rechtsverhältnisse am politischen, am staatlichen Leben interessiert ist. Nun wurde aber der Proletarier immer mehr und mehr gewahr, indem er sich hineingestellt sah in das moderne technische, in das moderne kapitalistische Leben, dass seine Arbeitskraft einen ganz bestimmten Charakter durch die modernen Verhältnisse angenommen hatte und diesen Charakter in ganz besonders deutlicher Gestalt in das menschliche Bewusstsein hereingedrängt hat. Gewahr wurde der moderne Proletarier desjenigen, weil in der neueren Zeit dasjenige, was früher instinktiv war, in das Bewusstsein des Menschen sich heraufdrängte, gewahr wurde der moderne Proletarier, dass seine Arbeitskraft angenommen hat den Charakter der Ware. Sonst lebt im wirtschaftlichen Leben dasjenige, was man Warenzirkulation nennen kann, die da besteht in Warenproduktion, Warenzirkulation im engeren Sinne, und Warenkonsumtion. Alle anderen Stände brachten gewissermaßen ihre Waren zum Markte, kauften und verkauften. Der Proletarier hatte nichts zu verkaufen anderes als seine eigene Arbeitskraft. Und das Leben ergab sich so, dass diese Arbeitskraft des modernen Proletariers immer mehr und mehr dieselbe Gestalt annahm, wie die Ware sie hat auf dem Wirtschaftsmärkte. Wie man Ware kauft nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage, so hat zu Markte zu tragen, der moderne Proletarier seine Arbeitskraft, die ihm derjenige, der der Besitzer der Produktionsmittel ist, abkauft - abkauft zu dem möglichst billigen Preis, wenn nicht Gegenmaßregeln rechtlicher Natur ihn daran hindern. Hier liegt das zweite Gebiet, wo uns die wahren Gestalten der modernen sozialen Forderungen entgegentreten. Hier liegt gewis sermaßen einer der fundamentalen Punkte der modernen proletarischen Bewegung. Man muss nur wissen, man muss nur verstehen, welchen Eindruck - sei das auch heute in gewissen Kreisen selbst der Arbeiter überholt -, welchen Eindruck es gemacht hat, auf die moderne Proletarierseele durch Jahrzehnte, dass Karl Marx - wie gesagt, wenn auch der Marxismus vielfach überholt ist -, dass Karl Marx in eindringlicher, als wissenschaftlich mit Recht geltender Art zeigte, wie die moderne wirtschaftliche Entwicklung es dahin gebracht hat, dass der moderne Proletarier hintragen muss auf den Wirtschaftsmarkt seine Arbeitskraft, so, wie der andere seine Ware hinträµ dass gewissermaßen der Proletarier handeln muss mit etwas, was so innig zusammenhängt mit seinem Menschenwesen wie seine Arbeitskraft, das war das Zündende, das war das sich tief, tief in die Seele Eingrabende. Das ist das, was sie empfindungsgemäß in sich trugen, die Leute, die Proletarier, was sie hören konnten in wissenschaftlicher Gestalt von denjenigen, die wissenschaftlich das moderne Proletariat führen wollten. Hier liegt der Punkt vor, den man in der rechten Weise hineinstellen muss in die geschichtliche Entwicklung der Menschheit, um seine ganze Bedeutung zu erkennen. Hier liegt nicht etwas vor, was nur durch die moderne Technik in die Menschheit hineingekommen ist, hier liegt etwas vor, was, wenn auch nicht in vollem Bewusstsein, sondern manchmal, indem es im Unterbewussten bleibt, der moderne Proletarier so erlebt, dass er weiß, weiß in einer gewissen Art: Einstmals gab es Sklaven, da wurde der ganze Mensch verkauft auf dem Arbeits-, auf dem Warenmärkte. Da war der ganze Mensch Ware. Leibeigenschaft: die nächste Stufe; weniger schon war vom Menschen Ware. Nun ist an die Stelle getreten in der neueren Zeit die Arbeitskraft: Mit ihr wird noch immer ein Teil des Menschen auf den Sklavenmarkt gebracht. So ist die Empfindung des modernen Proletariers. Und so, wie man einstmals überwunden hat - so fordert er aus seinem tiefsten Wesen heraus - geschichtlich das Sklaventum, wie man überwunden hat vor verhältnismäßig kurzer Zeit die Leibeigenschaft, so muss überwunden werden durch das moderne Leben das, dass die Arbeitskraft wie eine Ware wirkt im modernen Wirtschaftsleben. Das ist dasjenige, was als sein Interesse gegenüber dem politischen, dem Rechtsstaate der Proletarier immer mehr und mehr empfinden musste. Das ist einer der Fundamentalpunkte der modernen proletarischen Bewegung: zu entreißen die menschliche Arbeitskraft dem Warenmärkte, zu entkleiden diese Arbeitskraft des Charakters der Ware, Gewiss, sehr verehrte Anwesende, viele Menschen sind in der Gegenwart noch, die nicht einsehen können, wie abgetrennt werden soll von dem Gut, von dem Produkt, in das diese Arbeit hineinfließt, diese Arbeit selbst. Man braucht nur Folgendes zu bedenken. Man wird über dieses Vorurteil hinwegkommen. Die großen griechischen Weisen Plato und Aristoteles haben die Sklaverei für etwas Notwendiges gehalten; dennoch ist sie in den Ereignissen der Menschheit überwunden worden. Heute gibt es viele Menschen, die sich noch nicht vorstellen können, dass in derselben Weise überwunden werden muss dasjenige, was eben angedeutet worden ist in Bezug auf die menschliche Arbeitskraft. Und so wird beachtet werden müssen auf diesem zweiten Gebiete die wahre Gestalt der sozialen Forderungen, die darinnen besteht, der menschlichen Arbeitskraft eine solche Stellung im sozialen Organismus zu geben, dass der Mensch diese Arbeitskraft nicht mehr wie eine Ware zu verkaufen hat, dass dem Wirtschaftsleben nur objektive Sachgiiter als Ware verbleiben, nicht mehr die menschliche Tätigkeit. Das ist etwas, was manchem geradezu als ein unlösbares Problem erscheint. Wir werden morgen sehen, wo wir zu Lösungsversuchen vorschreiten wollen, dass gerade in dem Versuch der Lösung dieser Frage etwas ungeheuer tief Einschneidendes für das ganze soziale Leben der Gegenwart liegt. Nach einer politischen, nach einer Rechtsgestaltung im modernen Staate lechzt das moderne Proletariat, durch die seine Arbeitskraft den Warencharakter verliert, sich ändert diese Arbeitskraft - Einrichtung in dem sozialen Organismus entsprechend in Bezug auf die Ware. Und ein drittes Gebiet tritt uns entgegen. Das ist dasjenige Gebiet, was das Wirtschaftsleben im engeren Sinne, das rein ökonomische Leben darstellt, das ja verläuft in Warenproduktion, Zirkulation, Warenkonsum. Dasjenige, was so in den menschlichen sozialen Organismus sich hineinstellt, das hat ja gewiss eine ganz besondere Gestalt angenommen nach dem eben angegebenen Zeitpunkt im fünfzehnten, sechzehnten Jahrhundert und während des Heraufkommens der modernen Technik und des modernen Kapitalismus. Dieses Wirtschaftsleben, es trat allmählich, man möchte sagen, alles Übrige überflutend hervor durch seine Kompliziertheit, dadurch, dass sich die Wirtschaft ausdehnte, in der neueren Zeit über die ganze Welt sich erstreckte, in die Verhältnisse der ganzen Welt sich erstreckte; während früher die Wirtschaftsgebiete verhältnismäßig von engeren Grenzen waren; dadurch aber auch, dass eben das Wirtschaftsleben unpersönlich wurde, getrennt wurde von menschlicher Ehre, von menschlicher Freude, von menschlicher Hingabe, dadurch wurde dieses Wirtschaftsleben dasjenige, was in einer besonderen, zwangsmäßigen Schwierigkeit sich hereinstellte in das Gesamtleben des Menschen. Und so kam es, dass, indem aus dem früheren Verbundensein des Menschen mit dem, was er arbeitete, was er hervorbrachte, sich entwickelte das unübersehbare Verhältnis zu der technischen, zu der kapitalistischen Welt, dass dadurch, ich möchte sagen, weggedrängt worden ist das Wirtschaftsleben von dem Menschen. Aber gerade dadurch, dass es weggedrängt wurde von dem Menschen, dass er nicht mehr persönlich damit verbunden war und sein Blick wie hypnotisch in Anspruch genommen wurde von diesem Wirtschaftsleben, gewann es immer mehr und mehr durch diese Dinge, gewann es immer mehr und mehr Kraft über den Menschen selbst. Und so stellte es sich heraus, dass in dem heraufrückenden Materialismus der neueren Zeit die Aufmerksamkeit, der Blick der Menschen, die Lebensverhältnisse der Menschen immer mehr und mehr gerichtet wurden nach diesem Wirtschaftsverhältnisse hin. Dadurch ergab sich gegenüber demjenigen, was in den anderen Gebieten des sozialen Organismus lebt, gerade für den Proletarier ein ganz besonderes Missverhältnis. Das geistige Leben hat er als Ideolo gie empfangen durch den geschichtlichen Hergang. Das Rechtsleben, das konnte er nicht bejahen, weil durch dieses Rechtsleben, das dem anderen Besitz und dem anderen Rechte gab, im Grunde genommen seine Arbeitskraft ihn gestempelt hat zur Ware. So war in einer gewissen Weise nichtige Ideologie das geistige Leben; etwas, womit sich seine Interessen, womit sich seine Menschenwürde nicht verbinden konnten, das politische, das Staatsleben. So war der moderne Proletarier ganz und gar hingedrängt zu dem Wirtschaftsleben, und so kam es, dass er von diesem Wirtschaftsleben alles, alles erwartete, bis sich das geistige Leben wie zu einem Schattendasein abgelähmt hat, überflutet immer mehr und mehr auf der anderen Seite durch seine derbe Wirklichkeit das wirtschaftliche Leben alles Denken, alles Empfinden, alles Wollen. Und so kam denn der Glaube, die Meinung herauf, die im modernen Proletariat nun auf einem dritten Gebiete eine wahre Gestaltung der sozialen Forderung ergibt; es kam die Meinung herauf: Das Übrige ist für mich wertlos; ich kann mich einzig und allein verlassen auf dasjenige, was in dem Wirtschaftsleben selbst spielt. Aus dem Wirtschaftsleben und aus seinen eigenen Gesetzen muss mir hervorgehen dasjenige, was mich erlöst, was meiner Menschenwürde Dasein gibt. Und ein merkwürdiger Glaube, man möchte sagen, eine merkwürdige ökonomische Religion, ist heraufgezogen. Keine religiösen Impulse konnten aus dem geistigen Leben, das zur Ideologie geworden ist, kommen. [K]ein irgendwie den Menschen mit seiner eigenen Würde erfüllender Impuls konnte für den Proletarier aus dem Staats-, aus dem politischen Leben kommen - er hoffte von demjenigen, mit dem er verbunden geblieben war, mit dem er immer mehr und mehr durch Technik und Kapitalismus verbunden wurde, er hoffte mit religiöser Zuversicht gerade alles für ihn von dem Wirtschaftsleben. Aus diesem Empfinden heraus ist es erklärlich, dass wiederum mit solcher Macht einzog in die moderne Proletarierseele die marxistische Lehre oder dasjenige, was sich später aus ihr entwickelt hat in der einen oder anderen Gestalt, dass das Wirtschaftsleben, dass der Kampf der einzelnen wirtschaftlichen Klassen das ein zig Reale, das einzig Wirkliche ist; dass alles Übrige, das Geistige, das Staatliche, alles, was Sitte und Sittlichkeit, ja selbst, was Kunst und Religion ist, sich ergäbe als eine Art Überbau, als ideologische Überbauung des einzig wahren, des wirtschaftlichen Lebens. Der wirtschaftliche Prozess aber ist ein objektiver Prozess. Der wirtschaftliche Prozess ist ein solcher, der außerhalb der menschlichen Persönlichkeit verläuft. Und so könnte man sagen: Aus diesen Untergründen heraus verlor die moderne Proletarierseele alles Vertrauen zu den persönlichen Kräften des Menschen, behielt nur noch das Vertrauen zu dem, was ohne den Menschen, man möchte sagen, mit naturgeschichtlicher Notwendigkeit die Welt durchflutet: das Wirtschaftsleben. Man versuchte zu erkennen den Verlauf dieses Wirtschaftslebens, wie es sich aus früheren Wirtschaftsformen entwickelt hat zum modernen Kapitalismus, wie dieser moderne Kapitalismus gipfelte, kulminierte darinnen, dass Kapital durch sich selbst sozusagen sich weiter vermehrt. Man beobachtete das alles. Man beobachtete die Ansammlung des Kapitals in wenigen Händen. Das wurde schließlich für das auf diesem rein materiellen, ökonomischen Gebiete hellsichtig gewordenen Auge des modernen Proletariers ganz besonders durchsichtig: Der ohne die Menschen sich abspielende Wirtschaftsprozess, er hat das moderne Elend gebracht, er hat dasjenige gebracht, was der moderne Proletarier als seine Lebenslage empfindet. Er muss weitergehen. Aber Karl Marx versuchte zu zeigen, wie er weitergehen muss, indem er in sein Gegenteil umschlägt, indem dasjenige, was durch die neuere wirtschaftliche Ordnung der Kapitalismus dem Proletariat genommen hat, durch Umschlagen in das Gegenteil dem Kapitalismus wieder genommen werden muss durch das Proletariat. Von diesem Umschlagen in das Gegenteil innerhalb des Wirtschaftsprozesses, also von einem rein in der ökonomischen Entwicklung vor sich gehenden Kräftevorgang erwartete der moderne Proletarier dasjenige, was ihm werden soll. Wie er durch die Erbschaft, die er überkommen hat von den anderen Klassen, das geistige Leben zur Ideologie abgelähmt hat und es verkennt, so verkennt er auf der anderen Seite das Wirtschaftsleben, das aus sich selber heraus gewiss niemals Geistiges entwickeln kann, von dem er aber glaubt, dass es Geistiges entwickeln muss, zu dem einzig und allein er Vertrauen hat. Unterschätzung des Geistigen, Herablähmung des Geistigen bis zur Ideologie; mangelnder Glaube an die rechtliche Kraft des politischen Staates, der ihm genommen hat die Würde seiner Menschheit, indem er ihm seine Arbeitskraft zur Ware gemacht hat; Überschätzung der Tragkraft des Wirtschaftslebens, indem man glaubt, dass alles, was der Mensch erlebt, nur einzig und allein aus dem Wirtschaftsleben hervorgehen kann, indem man der Entwicklung des Wirtschaftslebens geradezu eine religiöse Weihe gibt - diese drei Dinge auf drei verschiedenen Gebieten, auf dem geistigen, auf dem staatlich-rechtlichen Gebiete, auf dem wirtschaftlichen Gebiete, das ist die dreifache wahre Gestaltung der sozialen Frage, das ist dasjenige, was lebt im modernen Proletarier. Erkennt man diese, dann weiß man, wie die moderne proletarische Bewegung entstanden ist. Dann weiß man aber auch, welche Gewalt sie hat. Und man sieht ein, dass sie sich mit einer gewissen Notwendigkeit herein ergeben hat in die Entwicklung der Gegenwart und dass sie fortleben muss in die Entwicklung der Zukunft hinein. Das macht es, dass aus zwei Wurzeln herausquillt das ganze moderne Leben, dass so wenig Möglichkeit eines gegenseitigen Verständnisses der Klassen ist. Auf der anderen Seite haben die ehemals führenden Stände heraufgebracht geistiges, staatliches, wirtschaftliches Leben. Sie haben es abgeschwächt zu dem, was dann als Erbschaft übergegangen ist auf das Proletariat. Das Proletariat lechzte aus dem Impulse der modernen Menschheit heraus gerade nach geistigem Leben. Ideologie wurde ihm gegeben. Es lechzte nach menschenwürdigem Dasein. Dieses menschenwürdige Dasein wurde ihm ausgelöscht durch das Aufdrücken des Warencharakters gegenüber seiner Arbeitskraft. Das Wirtschaftsleben endlich war auch für die anderen Klassen als das alles Überflutende aufgetreten. Aber diese anderen Klassen trugen herein dasjenige, was sie als Tradition in sich hatten, in die moderne Gestaltung des Wirtschaftslebens. Der moderne Proletarier war einzig und allein in dieses Wirtschaftsleben hineingestellt. Daher erwartete er aus der Entwicklung dieses Wirtschaftslebens heraus alles. Hier sind auch die Gründe zu suchen, aus denen sich die Lösungsversuche für das soziale Problem in der Gegenwart ergeben; wie nun dieses soziale Problem, sei es zur Vorläufigkeit, sei es zu irgendwie definitiver LÖsung gebracht werden kann, man wird es nur ergründen, wenn man erst versucht, voll zu erkennen, wie auf diesen drei verschiedenen Gebieten, auf dem geistigen, auf dem staatlichen, auf dem wirtschaftlichen Gebiete, sich die wahre Gestaltung der proletarischen sozialen Bewegung ergeben hat. Man wird suchen müssen die dreifache Lösung dieser proletarischen, modernen Bewegung von dem, was als solche Lösungsversuche sich ergeben kann gerade aus den drei Strömungen, die zu der modernen proletarischen Strömung hingeführt haben. Von diesem Untergrund heraus wollen wir uns nun morgen, sehr verehrte Anwesende, dem zu nähern versuchen, was heute der Menschheit so brennend, so drängend notwendig ist: ein Urteil zu gewinnen über gewisse Lösungsversuche, wirklichkeitsgemäße Lösungsversuche der modernen sozialen Frage. DIE VOM LEBEN GEFORDERTEN WIRKLICHKEITSGEMÄSSEN LÖSUNGSVERSUCHE FÜR DIE SOZIALEN FRAGEN UND NOTWENDIGKEITEN AUFGRUND GEISTESWISSENSCHAFTLICHER LEBENSAUFFASSUNG Basel, 14. Februar 1919 Sehr verehrte Anwesende! Gestern versuchte ich die wirkliche Gestalt der sozialen Frage so darzustellen, wie sich eine solche Darstellung ergibt aus der Betrachtung desjenigen, was nach und nach im Laufe der letzten Jahrhunderte, insbesondere des letzten Jahrhunderts, in den Menschengemütern, insbesondere den Proletarierseelen sich entwickelt hat. Heute möchte ich den Versuch machen, von Lösungsmöglichkeiten dieser sozialen Frage zu sprechen, von solchen Lösungsmöglichkeiten, sehr verehrte Anwesende, die sich nicht aus irgendeinem Programm, aus irgendeiner Parteiforderung, aus menschlichen Emotionen heraus ergeben; sondern vielmehr von solchen Lösungsmöglichkeiten möchte ich sprechen, welche sich aus den Entwicklungsbedingungen und Entwicklungskräften der gegenwärtigen Menschheit heraus ergeben. Allerdings, wenn man von einem solchen Gesichtspunkte aus sprechen will, dann kommen ganz andere Dinge in Betracht, als berücksichtigt werden von denjenigen, die heute vielfach sich anschicken, Stellung zu nehmen zu dem, was als proletarische soziale Bewegung in das Leben der Menschheit heraufgezogen ist. Wenn man einen Blick hat für die Entwicklungskräfte der Menschheit in der Gegenwart, so, wie etwa der Naturforscher einen Blick haben soll für die Entwicklungskräfte, die ein einzelner Mensch in einem bestimmten Lebensalter, sagen wir im Lebensalter der Geschlechtsreife hat, dann muss man doch endlich, wie ich glaube, dazu kommen, über so manches, über vieles, das gegenwärtig in begreif licher Weise, in durchaus begreiflicher Weise da oder dort auftaucht wie ein theoretisch oder praktisch oder irgendwie gearteter LÖsungsversuch der sozialen Fragen, dass man es da zu tun habe mit dem Aufleben desjenigen, was ja mit Recht von vielen auf einem anderen Gebiete als ein mittelalterlicher Aberglaube angesehen wird. Es ist einem so, als ob gewisse abergläubische Vorstellungen sich bereits ausgelebt hätten auf dem schneller sich entwickelnden Gebiete der Naturwissenschaft, und als ob sie, unvermerkt für menschliches Denken, weil sie sich da nur maskieren, weil sie eine andere verhüllte Gestalt angenommen haben, als ob sie sich auf dem Gebiete des sozialen Lebens und seiner Probleme und seiner Rätsel bis heute erhalten hätten. Ich erinnere, um mich über das, was ich eigentlich meine, so recht verständlich zu machen, an jene Stelle im zweiten Teile von Goethes «Faust», wo Wagner in der Retorte den Homunkulus, ein künstliches Menschlein, erzeugt. Goethe weist hin für dasjenige, was er gerade an dieser Stelle seines «Faust» darstellen will, auf die mittelalterlich abergläubische Alchimie, die da glaubte, durch künstliches, denkerisches Verarbeiten von irgendwelchen Stoffen und Kräften, im chemischen Laboratorium einen Menschen herstellen zu können. Weiteste Kreise halten aus den Grundlagen des gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Denkens solche alchimistische Bestrebungen, künstlich einen Organismus, einen menschlichen Leib zu erzeugen, für einen Aberglauben. Auf dem Gebiete des sozialen Denkens herrscht, wie gesagt, ohne dass die Menschen es merken, weil sich die Sache verhüllt, dieser alchimistische Aberglaube bis in unsere Gegenwart herein. Denn manches, was gedacht und getan wird, um die soziale Gliederung, die soziale Organisation der menschlichen Gesellschaft heute herbeizuführen, das gleicht dem Bestreben jenes Goethe'schen Wagner, der den Homunkulus künstlich im Laboratorium erzeugen will. Man denkt heute zusammenbrauen zu können aus irgendwelchen gesellschaftlichen Stoffen und Kräften in künstlicher Art den sozialen Organismus. Und wenn man genauer prüft, sehr verehrte Anwesende, was eben da oder dort als sogenannte Lösung der sozialen Fragen auftaucht, dann findet man, dass da nicht darauf gesehen wird - auch bei den schon heute sehr ausgebreiteten Experimenten wird nicht darauf gesehen -, welches die LÖsungsbedingungen sind des sozialen Organismus, sondern man denkt, man kÖnne ein Künstliches auf irgendeine Weise herstellen. Das geisteswissenschaftliche Denken, von dem diese Betrachtung ausging und die Methode auch für die soziale Frage nimmt, dieses geisteswissenschaftliche Denken geht auf Wirklichkeit, muss daher in ganz anderer Weise verfahren als manches sozialistische Experiment von heure. Für die hier vertretene Methode ist nicht die Frage: Wie gestaltet man den sozialen Organismus? -, sondern die Frage ist: Wie führt man die Lebensbedingungen herbei, durch die der soziale Organismus sich als ein lebendiges Wesen selber gestalten, durch die er ins Dasein treten kann? So, wie man in der Natur nicht den Organismus künstlich durch irgendwelches Denken herstellt, sondern wie man die Bedingungen zu schaffen hat, unter denen der natürliche Organismus sich zu bilden hat, und durch die er dann aus seinem eigenen Lebensimpuls heraus sich entwickeln kann, so hat es auch zu geschehen für eine wirklichkeitsgemäße Lebensanschauung mit Bezug auf den sozialen Organismus. Das allerdings, sehr verehrte Anwesende, fordert für viele Menschen heute eine radikale Umänderung geradezu des ganzen Denkens, und das ist für weiteste Kreise heute eine recht unbequeme Sache. Auf eine Umwandlung irgendwelcher Einrichtungen, auf eine Umwandlung irgendwelcher Verhältnisse mögen sich die Menschen, wenn sie nicht gar zu schläfrig sind, noch einlassen. Auf eine andere Einstellung des Denkens, auf eine Umwandlung des ganzen Anschauens der Wirklichkeit wollen sich die Menschen weniger einlassen. Eine solche Umstellung, Umschaltung des Denkens aber ist notwendig für das tiefe, nicht nur in einzelnen Lebensgebieten, sondern in das Gesamtleben der Gegenwart einschneidende soziale Problem. Dasjenige, um was es sich dabei handelt, ist, dass man wirklich den Weg gewissermaßen wandeln muss, der von sozial abergläubischer Alchimie zu wirklicher sozialer Einsicht, zum wirklichen Durchschauen des sozialen Organismus führt. So, wie man den einzelnen menschlichen natürlichen Organismus studieren kann, kennenlernen kann, wenn man nur die naturwissenschaftliche Methode unbefangen genug anwendet, so kann man, wenn man energisches Denken und Forschen hat, auch den sozialen Organismus in seinen Lebensbedingungen durchschauen. Darum handelt es sich. Über den einzelnen individuellen Organismus des Menschen, den natürlichen Organismus, habe ich mir hier in Basel in früheren Vorträgen schon erlaubt zu sprechen. Ich will heute nur darauf hinweisen, dass niemand diesen natürlichen Organismus des Menschen, den natürlichen Lebensleib des Menschen, wie mir scheint, wird begreifen können, trotz aller Physiologie und Biologie mit ihren Fortschritten in der Gegenwart, der nicht imstande ist, die drei zusammenwirkenden, aber in sich relativ selbstständigen Glieder dieses Organismus zu studieren. Ich erlaubte mir damals, als ich aus anderen Zusammenhängen heraus hier in Basel von derselben Stelle aus über diese drei Glieder des menschlichen natürlichen Organismus sprach, hierauf hinzuweisen, dass ich damit etwas gebe - ich habe es skizzenhaft dargestellt in meinem Buche Non Seelenrätseln» -, woran ich eigentlich dreißig Jahre lang gearbeitet habe, indem ich versucht habe, dasjenige, was sich mir aus geisteswissenschaftlichen Unterlagen ergeben hat, zu rechtfertigen mit allen Mitteln, welche die moderne Naturwissenschaft in dieser Beziehung heute geben kann. Sodass ich sagen kann: Wer da will, wer gerade nicht dilettantisch, sondern richtig naturwissenschaftlich vorgehen wird, vor dem braucht nicht zurückzuscheuen dasjenige, was ich hier nur kurz anführen will, und was vielleicht manchem, der da glaubt, in naturwissenschaftliche Dinge tiefe Einsicht zu haben, heute noch frappieren wird. Dieser einzelne menschliche Organismus, er ist nicht zentralisiert in einfacher Weise, sondern er ist eigentlich dezentralisiert in drei relativ selbstständige Glieder: man kann sagen, in das NervenSinnessystem, das nach dem Kopfe hin zentralisiert ist; man könnte auch sagen, das Kopf-System. Dann in das rhythmische System, das umfasst das Lungen- und das Herzleben, das eine gewisse innere Selbstständigkeit hat gegenüber dem Kopfleben. Und dann wiederum das System des Stoffwechsels. So sonderbar es ausschaut, in diesen drei Systemen erschöpft sich alles dasjenige, was der menschliche Organismus von Vorgängen in sich birgt. Aber das ist nicht eine zentralisierte Verwaltung gewissermaßen, die da stattfindet im menschlichen Leib, sondern es sind drei selbstständige Glieder, jedes gewissermaßen mit seinem eigenen Mittelpunkt. Sie arbeiten selbstständig. Und gerade dadurch, dass sie nebeneinander selbstständig arbeiten, dadurch bauen sie auf das Gesamtgeschehen in diesem einzelnen natürlichen menschlichen Organismus. Jedes dieser Glieder, dieser drei Glieder des natürlichen menschlichen Organismus steht für sich wiederum mit der Außenwelt in Beziehung: das Kopfsystem durch die Sinne, das Herz-Lungen-System durch die Lunge, durch die Atmungsorgane und das Stoffwechselsystem durch die Verdauungsorgane, die sich nach außen öffnen. Gerade auf dieser Selbstständigkeit beruht auch das harmonische Zusammenwirken, das mögliche und zweckmäßige Zusammenwirken des einzelnen menschlichen Organismus. Derjenige verkennt ganz, worauf das Wesentliche des menschlichen Organismus beruht, der da glaubt, diesen menschlichen Organismus wie eine Summe von Vorgängen darstellen zu können, die nur von einem Zentrum heraus reguliert werden. In dem Zusammenwirken, nicht in der Unterordnung, liegt das Wesentliche des einzelnen menschlichen Organismus. Das, was nun in einer gesunden Betrachtung dieses menschlichen Lebensleibes zutage treten muss, das muss man übertragen auf das Betrachten, ja nicht bloß auf das Betrachten, sondern auf das Darinleben gegenüber dem sozialen Organismus, dem sozialen Lebensleib. Und da wird die Sache weitaus ernster. Dasjenige, was dem menschlichen Organismus gegenüber, man könnte sagen, eine bloße theoretische, eine wissenschaftliche Erkenntnissache ist, das wird gegenüber dem sozialen Organismus eine praktische Sache. Das wird gegenüber dem sozialen Lebensleib eine Sache, die jeden einzelnen Menschen angeht; allerdings so, dass er nicht wissenschaftliche Erkenntnis braucht, sondern dass er gewisse Intuitionen, ein gewisses Gefühl davon braucht, wie er sich in diesem nun auch einen dreigliedrigen sozialen Organismus in das menschliche Leben hineinstellen soll. So, wie man von Kindheit an auf lernt das Einmaleins, wie man addieren, subtrahieren und so weiter lernt, um rechnen zu können, so wird man - das wird eine wesentliche soziale Forderung für die Menschheit der Zukunft sein - von Kindheit auf sich ein Gefühl aneignen müssen für das Drinnenstehen in einer menschlich sozialen Gesellschaft, die im Wesentlichen drei nebeneinander wirkende, relativ selbstständige Glieder hat, wenn sie gesund sein soll, wenn sie nicht dem Homunkulus gleichen soll, dem künstlich hergestellten Menschlein, sondern dem Homo, dem wirklichen, aus seinen Lebensimpulsen heraus sich gestaltenden Menschen. Damit ich aber nicht missverstanden werde - man wird ja heute fast immer missverstanden, wenn man Dinge ausspricht, die, nicht wahr, klar geradezu auf der Straße liegen -, damit ich nicht missverstanden werde, will ich gleich darauf hinweisen, dass dasjenige, was ich hier ausführe, nichts zu tun hat, auch nicht das Geringste, mit irgendeiner, wie man es nennen kann, Gleichnis- oder Analogiespielerei, die darauf ausgeht, den menschlichen Organismus zu studieren, und dann das, was sie glaubt, gefunden zu haben im menschlichen Organismus, überträgt auf den sozialen Organismus, auf den sozialen Lebenskörper. Solche Dinge, wie sie der Nationalökonom zufällig in seinem sozialen Organismus versucht hat, der Nationalökonom Schäffle, oder wie sie jetzt wiederum [Meray] in der sogenannten, in der so betitelten «Weltmutation» versucht hat, diese Dinge sind vor einer ernsten Wirklichkeitsauffassung eine bloße Spielerei. Es handelt sich nicht darum, solche Spielereien weiterzutreiben, irgendwie auf etwas zu übertragen von dem einen auf das andere, sondern es handelt sich darum, dass ebenso gesund wie die Betrachtung, von der ich hier gesprochen habe, für den natürlichen menschlichen Organismus sein muss, ebenso gesund muss - und jetzt nicht eine wissenschaftliche Betrachtung, sondern eine soziale Empfindung sein, ein soziales Verständnis aller Menschen für den dreigliedrigen sozialen Organismus. Würde man ein bloßes Analogiespiel treiben, dann würde man vielleicht das Folgende machen: Man würde sagen: Nun ja, der Mensch hat einen Kopf; das ist das Organ für sein Geistiges. In dem äußeren sozialen Organismus ist auch etwas wie eine geistige Kultur da. Also vergleicht man die Gegensätze, die sich beziehen auf das Organ des Teiles, auf den Kopf, die vergleicht man mit dem, was sich im sozialen Organismus als geistige Kultur findet. Weil das politische Leben, das Recht, das Leben des öffentlichen Rechts etwas Regulierendes hat für die menschlichen Tätigkeiten, vergleicht man vielleicht das regulierende Lungen-Atmungs-System mit dem Polizei-System, mit dem politischen System, mit dem staatlichen System. Und weil, wie sich's die Menschen schon einmal vorstellen, das Stoffwechselsystem das gröbste, das materiellste ist, vergleicht man das mit der materialistischen Kultur des Menschen, mit dem äußeren Wirtschaftsleben. Das läge nahe, wenn man ein bloßes Analogiespiel treiben wollte. Geht man auf die Wirklichkeit ein, dann hat man es gerade mit dem Umgekehrten zu tun. Ein Analogiespiel stellt so den sozialen Organismus neben den einzelnen natürlichen menschlichen Organismus, dass beide auf den Beinen stehen. So paradox es klingt: Die Wirklichkeit stellt sich die Sache so vor uns, dass im Verhältnis zum einzelnen natürlichen menschlichen Organismus der soziale Organismus für das menschliche Vorurteil allerdings auf dem Kopfe steht. Denn diejenige Gesetzmäßigkeit, die man suchen muss gerade für das sogenannte edelste System des menschlichen natürlichen Organismus, für das Kopfsystem, diese Gesetzmäßigkeit entspricht im sozialen Organismus dem Wirtschaftsleben. Das findet sich im Wirtschaftsleben. Das Lungen-Atmungs-System als regulierendes System findet sich allerdings, wie wir gleich nachher sehen werden, im Rechtsleben, im eigentlichen engeren Sinne im politischen Staat. Dasjenige aber, was geistige Kultur im sozialen Organismus ist, das unterliegt sonderbarerweise denselben Gesetzen oder solchen Gesetzen, die man nur vergleichen kann mit den Gesetzen des menschlichen Stoffwechsels im natürlichen Organismus. Also Sie sehen, sehr verehrte Anwesende: Die wirklichkeitsgemäße Betrachtung stellt einem die Sache auf den Kopf. Das ist in der folgenden Weise zu verstehen. Tatsächlich gliedert sich für den, der nun die Lebensbedingungen untersuchen will, unter denen sich der soziale Lebenskörper entfalten kann, tatsächlich gliedert sich für den der gesunde soziale Lebenskörper auch in drei Glieder, und ohne dass das Leben versucht, diese drei Glieder in relativer Selbstständigkeit herauszuarbeiten, sodass sie nicht zentralisiert in irgendeinem einheitlichen Staate oder dergleichen leben, sondern jedes selbstständig für sich lebt, sodass sie gerade dadurch nebeneinander so harmonisierend wirken für das Ganze, wie die drei Glieder des menschlichen Organismus, wie ich das dargestellt habe, ohne dieses wird niemals eine gesunde LÖsung für das soziale Problem, für das soziale Rätsel gefunden werden können. Gegliedert muss werden, und zwar jetzt nicht durch irgendeine abstrakte Theorie, wenn diese abstrakte Theorie auch ein Parteiprogramm wäre, sondern gegliedert muss werden durch das Leben selbst, durch die realen Lebensfaktoren der soziale Organismus, der soziale Lebenskörper in drei selbstständig nebeneinander stehende Gliederungen: in das Wirtschaftsgebiet, welches seine eigenen Gesetze hat und durch seine eigenen Gesetze allein wirklich gesund leben kann; in ein zweites, neben diesem, oder dieses durchdringend, aber in relativer Selbstständigkeit sich entwickelnd, ein Glied, das man bezeichnen könnte als das eigentliche politische Staats-Glied, als alles dasjenige, was ein System von Rechten, ein System von Zusammenhängen zwischen Mensch und Mensch zu begründen hat; und ein drittes relativ selbstständiges Glied, das seine Unabhängigkeit, sein Gestelltsein auf seine ureigensten Gesetze braucht, das ist alles dasjenige, was zum geistigen Leben gehört. Das Wirtschaftsgebiet, wir wollen es als das erste Glied des gesunden sozialen Organismus einmal betrachten. Ich sagte, wenn man vergleichen will- aber solch ein Vergleich muss zum Verständnis dienen, nicht irgendein Analogiespiel sein -, wenn man vergleichen will, so kann man sagen: In dem Wirtschaftsleben ist zunächst etwas da für jeden begrenzten sozialen Organismus, der sich auf irgendeinem Territorium in irgendeinem Lande, auf irgendeinem geografischen Gebiet entwickelt, für einen solchen sozialen Organismus ist etwas da, was man vergleichen könnte mit den ursprünglichen Begabungen, Talenten des einzelnen individuellen menschlichen Organismus. So, wie Erziehung - [die] kein Leben durch ein bloßes Lernen ist, durch ein bloßes Zusprechen oder irgendwelche andere künstliche Methode - weder unberücksichtigt lassen darf, was als ursprüngliche Begabung im Nerven-Sinnes-Organismus veranlagt ist, noch auch kann, so liegt dem einen Gliede des gesunden sozialen Organismus, dem Wirtschaftsleben zugrunde alles dasjenige, was die Naturbedingungen dieses Wirtschaftslebens sind: Ertragfähigkeit von Grund und Boden, vorhandene Rohprodukte, alles dasjenige, was damit zusammenhängt, wie man diese Dinge verarbeiten kann, alles das ist hier gemeint, was den Menschen verbindet mit demjenigen, aus dem er alles, was in Gewerbe und Industrie produziert wird, erzeugt. Das liegt zugrunde dem Wirtschaftsleben als eines begrenzten Gebietes, wie die Begabungen, die Talente dem menschlichen einzelnen Leben. Und in der Tat, da treten die großen Differenzierungen auf. Da tritt dasjenige auf, wo der soziale Organismus gewissermaßen etwas als Mitgift erhält. Wie als Mitgift erhält der Mensch seine einzelnen Talente, seine einzelnen Begabungen. Durch ein paar, ich möchte sagen, etwas radikal wirkende Beispiele lassen Sie uns sagen, was da eigentlich gemeint ist. Ich habe gestern von dem Hineingestelltsein der menschlichen Arbeit in den sozialen Organismus gesprochen. Wir werden gleich nachher wieder darauf zu sprechen kommen, wie diese menschliche Arbeit - das ist wesentlich für das soziale Problem der Gegenwart entkleidet werden muss des Charakters der Ware. Aber ebenso gut, wie entkleidet sind die Atmungs- und Blutzirkulations-Rhythmen dem bloßen Stoffwechselleben, so muss entkleidet sein im gesunden sozialen Organismus alles dasjenige, was sich auf die menschliche Arbeitskraft bezieht, von alldem, was herausgällt aus den dem Wirtschaftsleben ureigensten Gesetzen. Aber trotzdem ist das Atmungs- und Herzleben in Beziehung, im Verhältnis zum Stoffwechselleben. So ist menschliche Arbeitskraft in Beziehung zu dem Wirtschaftsleben - so in Beziehung zu dem Wirtschaftsleben, dass man sagen kann: Je nach den Vorbedingun gen dieses Wirtschaftslebens wird durch dasselbe die menschliche Arbeitskraft in ganz verschiedener Weise in Anspruch genommen. Betrachten wir einmal nun eben radikal die Sache; aber wenn sie nicht zu stark differenziert ist, so sind die Dinge doch da; sie sind dann nur in geringerem Maße da, aber sie wirken doch im Wirtschaftsprozess. Aber betrachten wir, um uns die Sache vors Auge, vors geistige Auge zu setzen, irgendetwas Radikales. Sagen wir zum Beispiel, wir wollten hindeuten auf ein Land, in dem die Bananen ein Grundernährungsmittel sein könnten, und wollen vergleichen ein solches Territorium der Erde, in dem sich die Menschen hauptsächlich von der Banane nähren können, mit einem Lande, in dem der Weizen ein mittleres Erträgnis liefert, wie zum Beispiel in Deutschland. Man kann ausrechnen, wie sich die menschliche Arbeitskraft verhält, die notwendig ist in dem einen Territorium, zu demjenigen, die notwendig ist in dem anderen Territorium. Die Banane ist so leicht von ihrem Ausgangspunkte bis zur Konsumtion zu führen, ist so leicht umzuwandeln in dasjenige, was man dann verzehrt. Man hat so wenig dazu Arbeit anzuwenden, dass sich die angewendete Arbeit, die man braucht, um die Banane im wirtschaftlichen Prozess zum Konsumartikel zu machen, dass diese Arbeit zu der Arbeit, die man braucht, um in einem Lande, das mittleres Weizenerträgnis hat, den Weizen zum Konsumprodukt zu machen, dass sich die für die Bananenkultur notwendige Arbeit zu der für die Weizenkultur notwendige Arbeit wie 1:100 verhält, das heißt, hundert Mal mehr menschliche Arbeit ist aufzuwenden, um den Weizen als Rohprodukt für den Menschen konsumfähig zu machen, als die Banane. Aber das ist auch wiederum innerhalb desselben Artikels nach den Territorien verschieden. Betrachten wir die Sache über die Erde hin, da ergeben sich große Verschiedenheiten. Aber auch auf einem beschränkteren Territorium treten dann solche Verschiedenheiten auf. In Deutschland ist das so: Wenn Sie bei gesundem mittlerem Erträgnis die Sache betrachten, der Weizen das Sieben- bis Achtfache an Erträgnis gegenüber der Aussaat ergibt, in Chile das Zwölffache, in Nord-Mexiko das Siebzehnfache, in Peru das Zwanzigfache. Es sind Gegenden da, wo er das Fünfundzwanzig- bis Fiinfund dreißigfache ergibt. Das bedingt einen großen Unterschied in der aufzuwendenden menschlichen Arbeit, um irgendein Produkt, das so dem Wirtschaftsprozess gegeben ist wie die Voraussetzungen der Begabungen, der Talente der Menschen, um ein solches Produkt von seinem Ausgangspunkte zuletzt bis zur Konsumfähigkeit zu bringen. Warenproduktion Warenzirkulation, Warenkonsum, das ist dasjenige, was im Wirtschaftsleben lebt, was aber auch allein das Wirtschaftsleben umfassen kann. Der Mensch hat nötig, gerade aus solchen Gründen - es könnten auch noch viele ähnliche angeführt werden, wie die Notwendigkeit in der Menge der menschlichen Arbeitskraft -, der Mensch hat notwendig, verquickt zu sein, verbunden zu sein mit demjenigen, was die Naturgrundlage, was die sonstigen Ausgangspunkte des Wirtschaftslebens betrifft. Dieses Zusammengeschlossensein des Menschen im sozialen Organismus mit den wirtschaftlichen Voraussetzungen, das ist dasjenige, welches die Gestaltung der dem Wirtschaftsleben ureigenen Gesetze ergibt. Dieses Wirtschaftsleben kann nur auf der Auslegung derjenigen Gesetze beruhen, die sich aus dem eben Gesagten ergeben. Worauf zielt seinem Grundcharakter nach dieses Wirtschaftsleben? Nun, man kann sagen, sehr verehrte Anwesende: Dasjenige, was tätig sein muss, unbedingt tätig sein muss in diesem Wirtschaftsleben, ohne das das Wirtschaftsleben nicht gedeihen kann, das ist das menschliche Bedürfnis, das ist das Bedürfnis überhaupt. Es gibt auch ZwischenBedürfnis dieser menschlichen Bedürfnisse: Das ist das, was man nennen kann das menschliche Interesse. Und gewisse Denker auf dem Gebiete des sozialen Organismus haben mit Recht darauf hingewiesen, dass nur in der freien Betätigung des menschlichen Interesses, des unmittelbaren menschlichen Begehrens und des Wechselspieles von Begehrungen und Befriedigungen im Wirtschaftsleben die richtige Entwicklung dieses Wirtschaftslebens liegen kann. Worauf zielt das alles, was nun im Wechselspiel abläuft zwischen Bedürfnis und Bedürfnisbefriedigung auf dem Wege von Warenproduktion, Warenzirkulation und Warenkonsum? Es zielt notwendigerweise das alles auf den Zweck der Ware, auf den Verbrauch der Ware, man könnte auch sagen, auf den zweckmäßigsten Verbrauch der Ware. MÖgen Sie Umschau halten, wo Sie wollen - wenn die Zeit es gestatten würde, würde ich den Begriff der Ware weiter ausführen, aber den fühlt ja jeder -, wenn Sie Umschau halten wollen, wo immer es sein kann im Wirtschaftsleben, Sie werden sehen, dass es zuletzt darauf ankommt im Wirtschaftsleben, in der zweckmäßigsten Weise dasjenige, was produziert wird, zu verbrauchen - in der zweckmäßigsten Weise, sage ich, zu verbrauchen. Was heißt das gegenüber der menschlichen Arbeitskraft, sehr verehrte Anwesende? Wenn sich im modernen Leben der Menschheit herausgebildet hat, gerade durch die Überflutung dieses modernen Lebens mit dem Wirtschaftsleben in Technik und Kapitalismus, wenn sich da herausgebildet hat, dass bei dem besitzlosen Proletarier, dessen eigene Arbeitskraft auf den Arbeitsmarkt gebracht wird, und eine Behandlung erfährt, wenn sie eben auf dem Arbeitsmarkt ist, ganz im Sinne einer Ware, im Sinne von [Angebot] und Nachfrage, so widerspricht das - und darin drückt sich ein Grundnerv der modernen proletarischen Bewegung aus -, so widerspricht das der Menschenwürde. Denn gegenüber jeglichem, was Ware sein darf, trägt der Mensch nicht sein eigenes Wesen mit zu Markte. Gegenüber dem aber, was seine Arbeitskraft ist, trägt er sich selbst zu Markte. Das ist dasjenige, dessen Aufhebung das moderne Proletariat aus dem Gefühl der Menschenwürde heraus unbedingt erstrebt. Vielleicht wird kaum da oder dort einer sein, der nun im vollen Bewusstsein die richtigen Gründe für diese Forderung anzugeben weiß; aber im Unterbewussten, in den Tiefen der menschlichen Seelen, in [den Tiefen] der Proletarierseelen, da lebt das, um was es sich handelt. Da lebt ein Gefühl davon: Alles, was auf den Warenmarkt kommt, das läuft darauf hinaus, in der zweckmäßigsten Weise verbraucht zu werden. Der Mensch aber muss sich sträuben, unbedingt dagegen sträuben, dass auf dem Arbeitswarenmarkt seine Arbeitskraft in der zweckmäßigsten Weise einfach verbraucht wird. Er fühlt diesem gegenüber, dass er einen Wert in sich selber hat, dass er etwas zu bewahren hat in sich, dass er etwas in sich trägt, was auch liegt in seiner Arbeitskraft, was nicht auf den Warenmarkt gebracht werden darf, was nicht so behandelt werden darf im sozialen Organismus wie eine Ware. Weil in dem dreigliedrigen sozialen Organismus alles zuletzt darauf hinausläuft, in der zweckmäßigsten Weise verbraucht zu werden, schreit in die Welt hinaus das moderne Proletariat: Ich will aber nicht, dass zum bloßen Verbrauch für andere meine Arbeitskraft werden soll. Das liegt unbewusst zugrunde dem, was ich gestern als die eine hauptsächlichste Gestalt der sozialen Frage versuchte herauszuarbeiten. Und wenn man siehL wodurch es eigentlich gekommen ist, dass im Laufe der Entwicklung der modernen Technik und des modernen Kapitalismus die Arbeitskraft in den Wirtschaftsprozess hineingetrieben ist, dann muss man, um das zu verstehen, sich fragen: Woraus haben sich denn die Wirtschaftsverhältnisse, Befriedigung der Wirtschaftsinteressen, die Aufwirbelung der Wirtschaft für die bisher leitenden Kreise, für die bisher leitenden Stände entwickelt? Das ist eine wesentliche und wichtige Frage. Sie haben sich entwickelt nicht aus dem Wirtschaftsleben heraus, sondern eben gerade dadurch, dass in der modernen Zeit eine für diese moderne Zeit nicht mehr passende Verquickung des Staatslebens mit dem Wirtschaftsleben eingetreten ist; mit demjenigen, was sich neben der Wirtschaft der Menschheit heraufentwickelt hat als der moderne Rechtsstaat, als der moderne Autoritätsstaat, mit dem hat sich zunächst nicht das Interesse des Proletariats verbunden, sondern das Interesse der sogenannten leitenden Kreise und leitenden Stände. Diese hatten innerhalb der Entwicklung der modernen Technik und des modernen Kapitalismus ein Interesse daran, aus den Rechten, wie man sie sich dachte, innerhalb des den bürgerlichen und anderen leitenden Ständen angepassten Staates, aus diesen Rechten heraus die wirtschaftlichen Untergründe zu regulieren. Dasjenige, was das Bedrückende ist im Wirtschaftsleben, dasjenige, was im Wirtschaftsleben für das Proletariat eine unerträgliche Lage geschaffen hat, das, sehr verehrte Anwesende, rührt nicht vom Wirtschaftsleben selbst her. Es ist ein völliger Irrtum, das zu glauben. Und wie niemals von einem sich selbst überlassenen Stoffwechsel irgendein Defekt des Atmungs- und des Lungenlebens unmittelbar herrühren kann, sondern nur mittelbar, dasjenige, was im Wirt schaftsleben bedrückend geworden ist für die proletarische Welt, das rührt her - man braucht nur die Geschichte zu studieren, und man sieht das, wenn man nicht in Vorurteilen befangen ist -, das rührt her aus der Geschichte der Eroberungen, aus der Geschichte der Machtverhältnisse und der die Machtverhältnisse begründenden Rechtsverhältnisse in das Proletariat bedrückende Rechte. Auch die Besitzverhältnisse, wie ich schon gestern bemerkte, gründen sich auf Rechte. Aus solchen Rechtsverhältnissen geht das Bedrückende der Lage des Proletariats und das eigentlich Pulsierende der proletarischen Bewegung hervor. So, wie hinuntergewirkt haben ins Wirtschaftsleben Rechtsfragen des alten Staates müssen heraufgenommen werden die durch die moderne technische und kapitalistische Entwicklung in das Wirtschaftsleben heruntergestoßenen proletarischen Arbeitskräfte in das Rechtsleben, das als selbstständiges Glied sich nun entwickeln muss im gesunden sozialen Organismus neben dem wirtschaftlichen Gliede. Auf Namen kommt es dabei wahrhaftig nicht an. Meinetwillen kÖnnen die Menschen, wenn es ihnen besser gefällL den wirtschaftlichen Organismus Staat nennen und das andere anders - auf Namen kommt es nicht an; sondern dass diese beiden Systeme, diese beiden Glieder des sozialen Organismus nicht eine einzige Zentralisierung haben, sondern jedes in sich zentralisiert sei, darauf kommt es an, dass sie nebeneinander wirken, und gerade durch ihr Nebeneinanderwirken sich harmonisieren. Darauf kommt es an! Dasjenige, was im eigentlichen engeren Sinne staatlich sein kann, das kann nur umspannen das regulierende System, dasjenige, was sich abspielt in dem Verhältnis von Mensch zu Mensch. Wie der wirtschaftliche Organismus in sich das Interesse am Verbrauch hat, Bedürfnis und Bediirfnis-Befriedigung, so hat zu seinem Grundnerv der rechtliche Organismus, der eigentliche Staatsorganismus, der nicht Wirtschafter sein darf, der gar keinen Wirtschaftszweig betreiben darf, im gesunden menschlichen [sozialen] Organismus, der hat zu seinem Grundnerv den Willen zum Recht. Rechte, die kann es nur geben im staatlichen Zusammenhang. Wirtschaftliche Interessen kann es nur geben im Wirtschaftskörper. Und die müssen selbstständig nebeneinander und zusammen gehen. Das ist es, wenn man genauer zusieht, so wenig es auch heute noch die meisten Menschen glauben, das ist es, was so Unseliges heraufgebracht hat im modernen Leben, was ein Vertretungskörper, eine Verwaltung umspannt, das Wirtschaftsleben, und das staatliche regulierende Rechtsleben. Selbstständiges System des Repräsentierens, selbstständige Vertretung ist notwendig für das rein politische Staatswesen. Selbstständige Vertretung, selbstständige Verwaltung meinetwillen im Reichstag oder in irgendeinem Ministerium für das Rechtsleben. Eigene Verwaltung, eigenes Ministerium, aber cum grano sälis gesprochen, für das Wirtschaftsleben ist dasjenige, was in ihm liegt auch in Bezug auf seine Verwaltung und auf seine immerwährende Weiterentwicklung, [was] sich selbst ergeben wird. Während das staatliche Rechtsleben es zu tun hat mit dem Verhältnis von Mensch zu Mensch, indem wir alle gleich vor dem Gesetz sein müssen, während das Rechtsleben, wenn es richtig verstanden wird, auf nichts anderes hinauslaufen kann als auf eine vollständige Demokratie, muss sich das Wirtschaftsleben auf selbstständigen Assoziationen aufbauen, auf solchen Assoziationen, die mit dem Verwachsensein des Menschen, wie den vorhin charakterisierten Naturbedingungen, seines Wirtschaftslebens hervorgehen. Ganze Systeme von Assoziationen werden sich bilden, welche in entsprechender Weise aus der Selbstregulierung der Kräfte heraus den Wirtschaftsorganismus so auslegen, wie er eben muss lebensfähig sein, lebensfähig sein kann für alle. Diese Dinge sind im Grunde Anfänge, ja; aber Anfänge, in denen viele Missverständnisse walten. Wir haben Genossenschaften - schön; wir haben Gewerkschaften, wir haben verschiedene andere Assoziationen; gewiss, aus dem Dränge, den Entwicklungskräften der neueren Zeit zu dienen, sind solche Dinge entstanden. Aber teilweise aus der Gestalt, die solche Dinge angenommen haben, teilweise daran, dass man denkt, man könne das Wirtschaftsleben an Staat, an Kommune abgeben - in all diesen Dingen zeigt sich, dass man in diesen neuen Gebilden nicht bloß das aufnehmen will, was aus den eigenen Gesetzen des wirtschaftlichen Lebens hervorgeht, sondern aufnehmen will dasjenige, was neben dem Wirtschaftsleben als selbst ständiges Glied des sozialen Organismus sich entwickeln muss als das im engeren Sinne beschriebene, politisch-rechtliche Staatsleben. Gegenüber all den Begriffen von Arbeit und der Stellung von Arbeit im sozialen Organismus, wie sie heute gespenstisch herumspuken, wird es geben, wenn diese beiden Glieder des gesunden Organismus nebeneinander stehen, wird es geben vor allen Dingen, so, wie es Besitzrecht gibt, in dem alten sozialen Organismus, so ein allerdings ganz anders geartetes Arbeitsrecht im neuen, gesunden sozialen Organismus der der Gegenwart und der Zukunft entsprechen wird. Dadurch, sehr verehrte Anwesende, wird eines eintreten: Dafür, dass in einer gewissen Weise für die ökonomische Wertbildung in der Warenzirkulation die Naturbedingungen ausschlaggebend sind, dafür sorgen schon diese Naturbedingungen selber. Aber ebenso ausschlaggebend muss etwas anderes werden. Wenn das eintritt, was ich dargestellt habe, wenn die relative Selbstständigkeit des Rechtslebens eintritt, die in sich begreifen wird das Arbeitskraftrecht, dann wird ebenso begrenzt werden, wie die Naturbedingungen, der Wert der in der Wirtschaft zirkulierenden Ware. Ebenso wird dieser Wert begrenzt, bestimmt werden durch dasjenige, was an Arbeitskraft für den Wirtschaftsprozess abgegeben werden kann nach allgemeinen Menschenwerten und menschenwürdigem Arbeitsrecht. Niemals wird im bloßen Wirtschaftsprozess selbst irgendein wahres Arbeitsrecht entstehen können, sondern einzig und allein in dem abgesonderten, relativ selbstständigen Rechtsgliede des gesunden sozialen Organismus. Davon ist man abgekommen, schon als in der eigentlichen Schwungzeit des Kapitalismus der Staat, der bloß Rechtsstaat sein soll, seine Fänge ausgestreckt hat über die größeren Verkehrsunternehmer, besonders Eisenbahn und so weiter. Und während man dasjenige, was als soziale Krankheit aus dem Verstaatlichungswahn hervorgegangen ist, während man das gesund machen sollte, erstrebt eine gewisse Form des modernen Sozialismus geradezu die Fortsetzung der Krankheit. Das ist es, worauf es ankommt. Denn man sieht Folgendes nicht ein. Man sieht das nicht ein, was auf diesem Gebiete eine wirkliche Erkenntnis des sozialen Organismus ergibt. Unter den mancherlei Schulen, die sich in der neueren Zeit heraufgebildet haben, war eine schon im achtzehnten Jahrhunderte für die Nationalökonomie. Man nennt sie die physiokratische Schule. Diese physiokratische Schule hatte, aber in furchtbar einseitiger Weise, wir würden heute sagen, nach Bourgeois-Methode - sie hatte den Grundsatz der freien Zirkulation der wirtschaftlichen Kräfte und des wirtschaftlichen Wesens. Die Anhänger dieses physiokratischen Systems, die nicht wollten, dass der Rechtsstaat sich einmische in das Wirtschaftsleben, die sagten Folgendes. Sie sagten: Entweder gibt der Rechtsstaat Gesetze, welche übereinstimmen mit den Gesetzen, die das Wirtschaftsleben schon von selbst hat, dann sind diese Gesetze überflüssig, oder aber er gibt Gesetze, welche widersprechen den eigenen Gesetzen des Wirtschaftslebens - dann zerstören diese Gesetze ja den rechtmäßigen Bestand des Wirtschaftslebens; dann sind sie erst recht nicht zu geben. - So sagten die Physiokraten. Das scheint ungemein plausibel - denn was erscheint dem oberflächlichen Menschen nicht plausibler, als wenn sich ein solches Entweder-oder ergibt! Aber dem Leben der Wirklichkeit gegenüber ist gerade ein solches Entweder-oder ein Unsinn, eine Torheit. In welcher Weise? In der folgenden Weise: Das Wirtschaftsleben entwickelt sich auch, wenn der Mensch nicht will, wenn er hineinpfuscht durch allerlei staatliche Gesetze, es entwickelt sich durch seine eigene Kraft selbstständig, und es hat immer eine bestimmte Tendenz, immer eine bestimmte Richtungskraft. Die geht immerhin daraufhin, das menschliche Zusammenleben in eine solche Waage zu bringen, dass es wiederum zurechtgerichtet werden muss. Das ist der große Irrtum eines gewissen radikalen Sozialismus, dass man glaubt, das Wirtschaftsleben könne die Menschen zufrieden und glücklich machen, wenn es seinen eigenen Gesetzen folgt. Nein, wenn es diesen eigenen Gesetzen folgt, dann kommt es immer an krisenartigen Zuständen an, denen gegenüber geholfen werden muss, denen gegenüber ein anderes System eingreifen muss, so, wie immer in das Stoffwechsel- oder das Kopf-System das Atmungs-LungenSystem regulierend eingreifen muss. Daher ist es der Wirklichkeit gegenüber notwendig, zu sagen: In der Richtung der Wirtschaftsgesetze können die Gesetze des Rechtsstaates nicht laufen. Aber weil das Wirtschaftsleben einer fortdauernden Korrektur bedarf, weil es sonst den Menschen verbrauchen würde, ist es gerade notwendig, dass die Gesetze des Rechtsstaates das bloße Wirtschaftsleben immerfort beschränken, regulieren, zurechtrücken, wie der Stoffwechsel durch das Atmen zurechtgerückt wird. Das ist es, worauf es ankommt. Immer mehr hat man heute, wo man glaubt, so praktisch zu sein, immer mehr hat man heute abstrakte Theorien im Kopfe, nicht die Wirklichkeit. Man glaubt, irgendetwas mache sich selber, und Gesetze sind dann da, wenn man das, was sich selber macht, nur nachdenkt. Gesetze, Einrichtungen, Kräfte müssen oftmals gerade in entgegengesetztem Sinne dessen, was von der einen Seite gegeben ist, getroffen werden, damit eine gedeihliche, eine gesunde Entwicklung stattfinden könne. Das ist es, worauf es ankommt. Daher muss gerade die gesunde geisteswissenschaftliche Methode, die auf die Wirklichkeit geht, nicht irgendwelche abstrakte - und das sind ja auch Partei-Programme heute -, irgendwelche abstrakte Prinzipien aufstellen, sondern sie muss auf das Leben hinweisen. Sie muss darauf hinweisen, nicht wie man auszudenken hat, dass die Arbeitskraft des Warencharakters entkleidet wird, sondern sie muss aufzeigen, was entstehen soll, damit in dem entstehenden sozialen Organismus wirklich immerwährend die menschliche Arbeitskraft entzogen werde dem Warencharakter. Das ist es, worauf es hier ankommt: lebendige Gestaltung der Wirklichkeit. Das ist es, was gerade von der vielfach geschmähten Geisteswissenschaft angestrebt wird, und worauf es aber in der Gegenwart ganz besonders ankommt, was der Gegenwart wahrhaftig dringend notwendig ist: Auf das lebendige Nebeneinanderwirken kommt es an. Man kann weder im Wirtschaftlichen, noch in bloßen starren konservativ wirkenden Rechtsgesetzen das Leben des sozialen Organismus drängen. Gladstone, einer der abergläubigsten Bourgeois des modernen Liberalismus, der sagte einmal: Die Amerikaner haben eine so vollkommene Verfassung, dass sie schon gar nicht mehr vollkommener sein könnte, dass sie wirklich in allen einzelnen Lebenslagen des amerikanischen Volkes sich bewährt. Ein anderer Engländer, der, wie mir scheint, gescheiter war, wenn vielleicht auch kein so großer Staatsmann wie Gladstone, der sagte: das sei gar kein Beweis, dass die amerikanische Verwaltung eine vollkommene ist, dass sie sich bewähre. Denn wäre sie weniger vollkommen, so würde sie sich auch bewähren, weil die Amerikaner noch ein so gesundes Volk sind - nach der Ansicht des Betreffenden -, dass sie auch mit einer weniger gesunden Verfassung das alles machen würden. - Und der Letztere hat gewiss mehr recht als das, was Gladstone gesagt hatte, deshalb, weil es auf die lebendige Wirklichkeit weist, weil es wirklich nicht darauf ankommt, welche Gesetze walten in einem lebendigen Zusammenhang, sondern dass Menschen so zusammenwirken, dass immerfort die notwendigen Schäden, die auf der einen Seite entstehen, durch die lebendigen Kräfte auf der anderen Seite korrigiert werden. Denken Sie ein Menschlein, einen Homunkulus aus, in dem [im] Inneren nicht Abfallsprodukte der Verdauung erzeugt [werden], die durch andere Kräfte wiederum abgeführt werden müssen - dann haben Sie etwas ausgedacht, was keine Lebensluft hat. Spintisieren Sie, und wenn es auch im Sinne von noch so radikalen Menschen der neueren Zeit ist, über einen sozialen Organismus, der keine Schäden hervorbringt in den Menschen, der den Menschen nicht verbraucht, der nicht neben sich haben muss ein anderes Glied des sozialen Organismus, als der Rechtsstaat ist, als den eigentlichen Staat, so haben Sie einen ungesunden sozialen Organismus ausgedacht. Das ist es, dass man immer wiederum gedrängt wird, von der sich praktisch dünkenden, aber im eminentesten Sinne unpraktischen Denkweise der neueren Zeit, dass man wiederum durchdringe zu einer Wirklichkeitsauffassung, zu solchen Gedanken, die untertauchen können in die wahre Realität, die reden kÖnnen von dem, was sich selbst bedingt, nicht was aus menschlichen Vorurteilen heraus Bedingtheit haben will. Und als drittes Glied neben den beiden Gliedern, die ich angeführt habe - neben dem Wirtschaftsglied und dem im engeren Sinne politischen oder Rechtsgliede -, muss sich entwickeln dasjenige, was das geistige Leben im weitesten Sinne umfasst, das geistige Leben, das da besteht im Erziehungswesen, in allem Schulwesen, von der elementarsten Schule bis hinauf zur Universität; das da besteht im künstlerischen Leben, schließlich im religiösen Leben, das aber auch umfassen muss - das wird wiederum manchem heute paradox erscheinen, trotzdem es aus wirklichen sachlichen Betrachtungen heraus hervorgeht -, das auch umfassen muss [nicht] das öffentliche Recht, das Recht, welches bedingt wird durch das Verhältnis von Mensch zu Mensch; es gehört dem zweiten Gliede an. Diesem dritten Gliede muss aber angehören alles dasjenige, was abzielt auf Privatrecht und auf Strafrecht. Da steht der einzelne individuelle Mensch dem einzelnen individuellen Menschen so gegenüber, in einem abnormen Verhältnisse, dass das öffentliche Leben des Rechtsstaates zwar demjenigen, der - wenn ich mich trivial ausdrücken darf - etwas herbeizuschleppen hat; das Urteil aber zu fällen, das obliegt einem Verhältnis des individuellen Menschen zum individuellen Menschen. Die Ausführung des Urteiles mag wiederum dem Rechtsstaat zugehören. In dieses Gebiet gehört hinein, sehr verehrte Anwesende, in dieses geistige Gebiet gehört hinein eben alles dasjenige, was auf den Boden der individuellen menschlichen seelischen und körperlichen Begabung gestellt sein muss, die nur aus dem Individuum, aus der Freiheit des Menschen hervorgehen kann -, wie gestellt sein muss auf das wirtschaftliche Interesse der Wirtschaftskörper, der selbstständige, wie auf das Rechtsleben gestellt sein muss der politische Körper, so muss auf die Freiheit gestellt sein derjenige Körper, der umfasst das eigentliche Geistesleben. Aus einem gewissen Instinkt heraus hat die moderne Sozialdemokratie ein einziges Gebiet - aber das nicht aus einer Schätzung dieses Gebietes, sondern gerade aus einer Unterschätzung dieses Gebietes in einen Impuls einbezogen, der nach der hier bezeichneten Richtung geht: Religion soll sein Privatsache. Gewiss soll sie das sein. Und derjenige wird es erst recht fordern, welcher die Religion nicht unterschätzt, sondern sie in ihrem vollen Wert eben einzuschätzen versteht! Aber Privatsache gegenüber dem Rechts- und dem Wirtschaftsstaate muss sein alles Geistesleben. Und indem die nunmehr zu ihrem Schluss kommende - denn darin be steht die soziale Frage der Gegenwart, indem die Verquickung eingetreten ist des Wirtschaftslebens mit dem Rechtsleben, des Staates mit dem Wirtschaftsorganismus, ist gerade durch das Heraufkommen der kapitalistischen und der technischen Weltordnung in der neueren Zeit auch die Verquickung eingetreten, die vor dem gestern gekennzeichneten Zeitpunkte, vor dem fünfzehnten Jahrhunderte gar nicht da war. Die Verquickung des geistigen Lebens mit dem staatlichen Leben. Die Interessen des heraufkommenden Bürgertums, die verbunden waren mit der Entwicklung des modernen Staates, sie gingen auch dahin, untertauchen zu lassen das geistige Leben in den Organismus des Staates. Man brauchte Richter, man brauchte Ärzte, man brauchte auch Theologen, man brauchte Lehrer und so weiter, und so weiter. Aus diesem Impulse heraus dehnte der Staat seine Omnipotenz aus über das geistige Leben. Dieses geistige Leben muss wiederum erlöst werden, muss wiederum auf seinen eigenen Boden, auf die freie Individualität der Menschen gestellt werden. Dann, und gerade dann wird es sich entwickeln in einem gesunden Verhältnis zu den ändern beiden Gliedern des sozialen Organismus. Da liegen die Dinge manchmal sehr verborgen und maskiert. Was eigentlich die Verquickung des geistigen Lebens, diese unselige Verstaatlichung des geistigen Lebens dem ganzen modernen Leben gebracht hat, davon kann vielleicht nur derjenige zeugen, der - wie derjenige, der zu Ihnen spricht - sein ganzes Leben hindurch vermieden hat, irgendwie dasjenige, was er geistig erstrebt haL zu irgendeinem Staate in irgendeine Beziehung zu bringen; der daher wissen kann, wie dieses geistige Leben sich entwickeln muss, wenn es frei auf sich selbst gestellt ist. Und es muss frei auf sich selbst gestellt sein, wenn es sich entwickeln soll. Nicht zum Geringsten hat beigetragen zum Herablähmen der Stoßkraft des geistigen Lebens bis zu der toten Ideologie, die die moderne soziale Frage schafft, gerade diese Abhängigkeit des geistigen Lebens von dem Staatsleben. Denn nicht allein, dass etwa die Persönlichkeiten, von denen das geistige Leben getrieben wird, in Abhängigkeit kommen vom Staatsleben, dienen müssen demjenigen, was die Einrichtungen des Staatslebens sind - derjenige, der diese Dinge bis in ihre Tiefen betrachten kann, der weiß noch etwas ganz anderes, der weiß, dass die innere Gestalt, der Inhalt des geistigen Lebens selber abhängig wird von der Beziehung zu den anderen Organismen, die nur eine gesunde sein kann, wenn das geistige Leben sich in völliger Selbstständigkeit entwickelt, sonst Kaschieren und maskieren sich auch die Abhängigkeiten. Tritt es selbstständig auf, tritt es in völliger Freiheit auf, ist es ganz auf sich selbst gestellt, dann wird sich ein gesundes Verhältnis zum Rechts- und Wirtschaftskörper ganz von selbst ergeben im Leben. Wie wir eigene Impulse einstellen; sonst bemerkt man aus gewissen Vorurteilen heraus die Dinge nicht. Nehmen wir einen Fall, der ja radikal wirken könnte, aber der durchaus charakteristisch ist. Nehmen wir an, irgendein junger Student will sein Doktorexamen machen auf dem Gebiete der Philologie. Er bekommt den Rat, zu schreiben, sagen wir, über Empfindungswörter bei irgendeinem alten römischen Schriftsteller oder über die [Parenthesen] bei Homer. Solch eine Aufgabe hat sogar ein junger Freund von mir machen müssen. Zu solch einer Arbeit braucht ein junger Mensch ein Jahr ausgiebiger Arbeit. Derjenige, der so schlafend im heutigen Wissenschaftsleben drinnensteht, der wird etwa da sagen: Nun ja, wissenschaftliche Interessen. Die Wissenschaft fordert eine solche Untersuchung über die Empflndungswörter eines alten römischen Schriftstellers, oder über die [Parenthesen] bei Homer. Damit ist der Wissenschaft ein Dienst geleistet. Aber es ist etwas [anderes] zu bedenken. Es ist das gesunde Verhältnis einer solchen Arbeit zu dem gesamtmenschlichen Leben zu betrachten. Das muss durchsichtig werden im gesamten menschlichen [sozialen] Organismus. Der Student, der ein Jahr lang arbeitet, um festzustellen die verborgenen [Parenthesen] bei Homer, der isst, der trinkt, der kleidet sich ein Jahr. Das heißt: Für diese Arbeit müssen eine Anzahl von Menschen arbeiten, Arbeit leisten ein Jahr hindurch, um ihn zu ernähren, um ihn zu kleiden, damit er in der Zeit dasjenige machen kann, was ganz gewiss nicht in einem angemessenen Interesse sich hineinstellt in den gesunden menschlichen [sozialen] Organismus! Denn mit einem angemessenen Interesse stellt sich nur dann eine geistige Leistung in den gesunden menschlichen Organismus hinein, wenn sie verlangt wird, wenn ein Bedürfnis nach ihr vorhanden ist. Das ist es, worauf es ankommt. Und noch auf etwas anderes kommt es an. Von dieser gesunden Entwicklung des geistigen Gliedes des sozialen Organismus hängt es ab, dass auch das Geistige in der menschlichen Kultur die entsprechende Stoßkraft habe, dass sie wirklich hervorbringe dasjenige, was wirklichkeitstragend ist. Aus diesem geistigen Leben entspringen zum Beispiel auch die technischen Ideen, entspringt dasjenige, was als Geistiges immerfort produzierend und produktiv eingreift in das Wirtschaftsleben. Das wird nur in gesunder Weise geboren in einem wirklichen Geistesleben, nicht in einem bis zur Abstraktheit abgetöteten Geistesleben, das mit dem Ausdruck Ideologie bezeichnet werden kann. Das Wichtige ist nicht, dass man etwa kämpfe gegen die Bezeichnung des Geisteslebens als Ideologie durch die Führer des modernen Proletariats, sondern dass man einsieht: Dasjenige Geistesleben, das hervorgegangen ist durch die unselige Verquickung der geistigen Kultur mit den ändern beiden Gliedern des sozialen Organismus, das hat das Geistesleben heruntergedrückt zur Ideologie. Es ist leicht, das moderne Geistesleben als Ideologie zu bezeichnen; aber es muss wiederum eintreten im gesunden sozialen Organismus ein produktives, ein selbstwirksames Geistesleben. Das wird gesund auch in das Wirtschaftsleben, auch in das Rechtsleben eingreifen. Das muss wiederum relativ selbstständig dastehen. Dass dieses Leben in der geistigen Kultur, im dritten Gliede des gesunden sozialen Organismus, gebaut sein muss auf sich selbst, ich glaube es gezeigt zu haben schon im Anfang der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts in meiner «Philosophie der Freiheit», die jetzt, wie ich glaube, zur rechten Zeit ihre Neuauflage erlebt hat, und die da zeigt, dass wirkliche Freiheit nur da sein kann, aber auch nur da berechtigt ist, wo wahres Geistesleben erblühen kann. Nun ist die Zeit viel zu wenig, um hier im Genaueren das auszuführen, was ich mit Bezug auf das freie Geistesleben zu sagen hätte. Aber wenigstens andeuten will ich es. Andeuten will ich es so, dass ich sage: Eine gesunde Betrachtung des dreigliedrigen menschlichen Organismus zeigt, dass dann gesund eingreift dasjenige, was aus dem Geistigen heraus produziert wird, in die beiden anderen Organismen, wenn das geistige Leben völlig auf sich selbst gestellt ist. Denn dann, dann wird derjenige, der eine leitende Stellung nach seinen Vorbedingungen haben kann zum Beispiel im Wirtschaftsleben, der wird nicht nur brauchen den sich abarbeitenden und sich abrackernden Proletarier, der dann überhaupt nicht mehr als solcher da sein wird, sondern der wird brauchen denjenigen, der für ihn als geistigen Arbeiter der Konsument sein kann. Der aber kann durch Arbeitsrecht dasjenige von seiner Arbeitskraft, das heißt von seiner Lebenskraft, bewahren, was nicht verbraucht werden darf auf dem Arbeitsmärkte, sondern reguliert werden muss durch das zweite Glied des gesunden sozialen Organismus. Heute, innerhalb desjenigen mindestens, was kapitalistische Wirtschaftsordnung ist, hat derjenige, der in einer leitenden - also heute im Wesentlichen kapitalistischen - Stellung ist, nur ein Interesse an dem Verbrauch von menschlicher Arbeitskraft beim Proletarier. Der gesunde dreigliedrige soziale Organismus wird nicht nur ein Interesse haben an dem arbeitenden Arbeiter, sondern an dem ruhenden Arbeiter, an demjenigen Arbeiter, der konsumieren kann dasjenige, was nach Konsum streben wird. Das wird allerdings nicht das sein, was der junge Dachs treiben wird, ein Jahr lang, indem er über die Empfindungswörter bei irgendeinem alten Schriftsteller ein Jahr lang schreibt und eine Doktorarbeit macht, sondern das wird dasjenige sein, was verlangt wird, was gebraucht wird vom geistigen Leben. Ein voller Einklang, ein lebendiger Einklang wird entstehen zwischen geistiger Produktion und allgemeinem menschlichem, geistigen Verbrauch. Keiner wird ausgeschlossen sein von dem, was das geistige Leben darbietet. Und durch die Verknüpfung der drei selbstständig sein sollenden Glieder des sozialen Organismus ist gerade das eingetreten, dass so unendlich viele Menschen eigentlich ausgeschlossen sind von dem, was andere Menschen treiben. Alles dasjenige, was als sozialer Lebenssaft erzeugt wird in dem gesunden menschlichen Organismus, muss auch in gesunder Weise in die übrigen Glieder des sozialen Organismus hinüberfließen. Man wird nicht sagen können, sehr verehrte Anwesende, dass ja auch in der Zukunft zum Beispiel im Rechtsstaate, der eine demokratisch orientierte Vertretung haben wird, auch die einzelnen Kreise sitzen, dass sie ja auch Partei bilden können, eine landwirtschaftliche Partei und so weiter. Das wird aus dem Grunde nicht der Fall sein, weil die Interessen, die sich heute entgegengesetzt entwickeln, dann gleich entwickelt werden. Selbst der Gegensatz zwischen konservativer und liberaler Partei wird nicht da sein in der Zukunft, wenn man den sozialen Organismus gesund sich entwickeln lässt, weil im Rechtsstaate die immer konkret auftretenden Verhältnisse auch sachlich nicht nach dem, man kann ja nicht sagen, Schlagwort, ich sage Schlagbegriffe, nicht nach den Konservativen, Liberalen und so weiter sich orientieren werden. So konnte ich Ihnen heute nur skizzieren, sehr verehrte Anwesende, worauf es ankommt, indem nicht nur eine Umwandlung der Verhältnisse, sondern eine Umwandlung des ganzen Lebens für den sozialen Organismus eintreten muss. Am 28. Februar werde ich hier wiederum einen Vortrag halten. Da werde ich einzelnes Beweisende, einzelnes Ausführende angeben, werde auch zeigen, dass für alles dasjenige, was ich heute angedeutet habe, skizzieren nur konnte, dass für alles das eine beweisende, eine begründende Wissenschaft da ist. Das soll also am 28. Februar hier in diesem Saale stattfinden. Heute möchte ich nur noch darauf aufmerksam machen, dass ja diese furchtbare Katastrophe, die seit viereinhalb Jahren über die Menschheit hereingebrochen ist, die soziale Frage, wie ich schon gestern ausführte, als eine große weltgeschichtliche Tatsachenfrage herausgestellt hat, der gegenüber jeder Mensch aus dem Leben heraus praktische Stellung nehmen muss. Notwendig ist es gegenüber dem, was eingetreten ist, dass solche Stellung jeder einzelne Mensch nimmt. Man wird sich schon überzeugen, wie das Leben jedes einzelnen Menschen abhängig ist von der Stellung, die er zum sozialen Problem, zum sozialen Rätsel in der Zukunft nehmen wird. Daher ist es auch so gekommen, weil ich ja immer diese Dinge - gestatten Sie hier, eine zwar persönliche, aber in Wirklichkeit doch nicht persönliche, sondern durchaus objektive Bemerkung -, weil ich diese Dinge doch nicht um etwas auszudenken ersonnen habe, sondern weil ich sie gewonnen habe aus der Beobachtung der in der gegenwärtigen Menschheitswirklichkeit vorhandenen Kräfte, dass ich sie immer mehr praktisch machen wollte, als diese furchtbare Kriegskatastrophe einen gewissen Punkt erreicht hatte, wo man sehen konnte, dass sich herausentwickeln werde aus dem Ad-absurdum-Führen früherer Kräfte, dass sich herausentwickeln wird im Wesentlichen das soziale Menschheitsproblem. Da versuchte ich zum Beispiel damals, abgetastet und angepasst den Verhältnissen, während dieser Kriegskatastrophe einzelnen Menschen vorzutragen, dass die Zeit fordert so etwas wie den sozialen Impuls, den ich jetzt auch hier in dem gestrigen und heutigen Vortrag ausgeführt habe. Zeigen wollte ich gewissermaßen, dazumal noch aktiven, heute allerdings hinweggeschwemmten Persönlichkeiten, was sie nötig haben, wenn sie zur Umänderung desjenigen, was im sozialen Organismus sich als krank erweist, etwas beitragen sollen. Und so musste ich sprechen zu manchem, auf den es dazumal noch ankam, dasjenige, was ich hier sage. Es ist nicht ein Programm, ist nicht ausersonnen, nicht irgendetwas Ausersonnenes, sondern Wirklichkeit, indem in den Kräften, die innerhalb der Menschheitsentwicklung sich selber fortspinnen, dasjenige liegt, was in zehn oder zwanzig Jahren über einen großen Teil des Gebietes Europas sich verwirklichen will. Und zu manchem sagte ich, von dem ich glaubte, dass ihm Herz und Seele dadurch gerührt werden könnte, zu manchem sagte ich: Sie haben jetzt die Wahl, wenn Sie noch mittun wollen, entweder dasjenige, was geschehen wird, weil es geschehen muss, aus Vernunft zu befolgen, oder Sie warten ab, bis soziale Kataklysmen und soziale Revolutionen kommen werden. Die Leute kamen schneller in das hinein, in das sie gekommen sind, als man ihnen dazumal nur andeuten konnte. Das «konnte» bedeutet in diesem Falle «durfte». So musste man dazumal sprechen. Aber die Leute wollten nicht hören. Haben wir ja auch auf anderen Gebieten Ähnliches erlebt! Haben wir doch erlebt, dass Staatsmänner, leitende Staatsmänner noch im Mai 1914 an hervorragendster Stelle den Parlamenten verkündigt haben: Wir sind in solchen europäischen Zusammenhängen, dass der Friede für lange Zeiten gesichert ist. Das kann man ihnen nachweisen. So voraussehend sind die Leute! Allerdings, derjenige, der es ernst meint mit dem, was in der Wirklichkeit pulst, der musste dazumal anders reden zu den Menschen. Vor dieser kriegerischen Katastrophe musste ich wiederholt andeuten dasjenige, was ich, wiederum vor dieser kriegerischen Katastrophe, wie die anderen, wie die Staatsmänner noch gesagt haben: Der Friede ist gesichert, wir leben in einer der besten der Welten nunmehr -, da wurde von mir in Wien gesagt: Diese Tendenz - nämlich die Tendenz, die im gegenwärtigen sozialen Leben liegt - wird immer größer und größer werden, bis sie sich in sich selber vernichten wird. Da schaut derjenige, der das soziale Leben geistig durchblickt, überall, wie furchtbar überall die sozialen Geschwürbildungen aufsprossen. Das ist die große Kulturfrage, die auftritt für denjenigen, der das Dasein durchschaut; das ist das Furchtbare, was so bedrückend wirkt, und was selbst dann, wenn man allen Enthusiasmus sonst für die Geisteswissenschaft unterdrücken könnte, wenn man unterdrücken könnte, was sonst den Mund für die Geisteswissenschaft öffnet, was einen dann doch dazu bringen könnte, das Heilmittel der Welt gleichsam entgegenzuschreien für das, was so stark schon im Anzug ist, und was stärker und stärker werden wird, wenn der soziale Organismus so sich weiterentwickelt, wie das bisher geschehen ist. So entstehen Schäden der Kultur, die für diesen, für den sozialen Organismus anzuschauen sind, wie die Krebsbildungen für den menschlichen natürlichen Organismus sind. Gegenüber der sozialen Frage, sehr verehrte Anwesende, stehen wir vor der Möglichkeit, dass die Menschen weiterschlafen gegenüber den Ereignissen, dass sie nicht hören auf dasjenige, was notwendigerweise gesagt werden muss, gesagt werden kann dem sozialen Organismus gegenüber, geradeso, wie dem natürlichen Organismus gegenüber gesagt werden kann, wenn einer ein Krebsgeschwür in sich hat. Nicht nur, dass man die volle Tragweite desjenigen, was ich meine, im bisherigen Fortgang der Kriegskatastrophe nicht sehen wollte - man nahm, was man davon verstand, in der Regel so, dass man es nur als Ausdruck etwa der inneren Politik dieses oder jenes Staates betrachten kann. Ich meinte es dazumal und meine es auch heute nicht nur als innere Politik dieses oder jenes Staatsterritoriums, sondern ich meine es so, dass ich es begründet finde in den Entwicklungskräften, denen die Menschheit zueilt. Und ich meine es in erster Linie, als Außenpolitik der verschiedenen Staaten sei es notwendig. Das ist dasjenige, worauf ich vor allen Dingen hingewiesen habe gewisse Staaten, die es angeht, dass sie diese Dinge als Außenpolitik der Welt entgegenzuhalten haben. Wenn man bedenkt, ein Staat sei mit dem ändern nicht so verknüpft, wie sie verknüpft wären zum Beispiel diese europäischen Staaten, 1914, dass durch die unnatürliche Durcheinandermischung des politischen und des staatlichen Problems gegen Südosten von Österreich hinunter, das österreichisch-serbische Problem, unseligen Angedenkens, entstanden ist -, die Staaten hätten ihre wirtschaftlichen und politischen Interessen nicht so verknüpft, die sozialen Organismen hätten ihre Interessen nicht so verknüpft, wie sie überhaupt in Europa verknüpft waren, und deshalb Bündnisse entstanden, die notwendig nach einem bestimmten Punkte hin so sich auslebten, dass zuletzt Entscheidungen gefällt wurden von einseitigsten strategisch-militärischen Standpunkten heraus. Nehmen wir an, die Staaten stünden in dem Verhältnis, dass sich die Fäden zögen, die rechtlichen, die ja im Wesentlichen für alle Staaten die gleichen sein werden - die eigentlichen politischen Verhältnisse werden für alle Staaten gerade bei dem gesunden Organismus die Gleichen sein -, dann werden sich die wirtschaftlichen, dann werden sich die geistigen Fäden schlingen. Immer mehr wird das eine durch das andere korrigiert werden. Und gerade da, wo heute an den Grenzen durch das Verknüpftsein der drei Gebiete die Gegensätze entstanden sind, werden diese Gegensätze korrigiert werden, wenn über die Grenzen hinübergeht, unbeschadet des politischen Verhältnisses, das System der Wirtschaftlichkeit. Das kann ich hier nur andeuten. Das soll aber bedeuten, das soll hinweisen darauf, dass die verschiedenen Territorien der Welt durch das, was hier als gesunder sozialer Organismus charakterisiert wird, in ein solches System kommen, dass dagegen der Völkerbund, wie er heute gedacht wird, eben eine Abstraktheit sein wird, in ein solches System kommen, welches auf Realität begründet ist, sodass immer mehr eine Realität die Schäden der anderen ausschließt. Das ist das, worauf es ankommt heute. Nun, sehr verehrte Anwesende, dasjenige, was ich dargestellt habe, ist vielleicht doch unbequemer für viele als dasjenige, was sich eben diese vielen heute als Lösung der sozialen Frage denken. Denn Sie sehen sehr leicht aus dem, was ich dargestellt habe - wie gesagt, Weiteres am 28. Februar -, Sie sehen aber heute schon aus dem, was ich dargestellt habe, dass man sich gar nicht denken kann: Die soziale Frage ist entstanden, gescheite Leute werden sie lösen, dann wird der Sozialismus da sein. So ist es aber nicht. Das wiederstrebt jeder Entwicklung. Gewiss, die soziale Frage ist da, weil die menschheitliche Entwicklung in ein neues Stadium ihres Daseins eingetreten ist, weil neue Kräfte aufgetreten sind. Aber seitdem sie da ist, wird bis in alle Zeiten der zukünftigen Menschheitsentwicklung diese soziale Frage nicht mehr verschwinden. Das Wirtschaftsleben wird fernerhin immer mehr eine soziale Frage da sein lassen. Man wird nicht einen Sozialismus erfinden können, der auf einmal die soziale Frage löst. Man wird aber einen gesunden sozialen Organismus gestalten können, indem im fortdauernden Prozesse immerzu durch die lebendige Wirksamkeit der Menschen, von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr, von Epoche zu Epoche die immerwährende soziale Frage im lebendigen Zusammenhänge gelöst werden wird. Nicht darf eine solche Lösung der sozialen Frage erfolgen, die man heute ausdenken kann. Nicht auf Einrichtungen weise ich Sie hin, die die soziale Frage aus der Welt schaffen. Sie ist da, sie ist als eine Lebenskraft der zukünftigen Menschheit da. Das Leben dieser zukünftigen Menschheit wird darinnen bestehen, dass diese zukünftige Menschheit etwas wird schaffen müssen, wodurch immerwährend die Lösung der sozialen Frage wird erlebt werden. Eine Bereicherung, nicht eine Verarmung wird das Dasein der sozialen Frage, das Dasein der sozialen Entwicklung sein, ein neues Lebenselement kommt in den sozialen Organismus hinein. Das ist es, worauf es ankommt: Die Selbstregulierung des sozialen Lebens durch die drei relativ selbstständigen sozialen Glieder, darauf kommt es an. Wenn ich dies bedenke, und wenn ich bedenke, dass das allgemeine Vorurteil, das gegen die Geisteswissenschaft einmal herrscht, das wohl auch angewendet wird, wenn diese Geisteswissenschaft über die soziale Frage spricht, da fällt mir auf der einen Seite ein, dass mir ein sehr bekannter Herr hat sagen lassen, als ihm zu einem gewissen Ziele auseinandergesetzt wurde, was praktisch von mir angestrebt wird, in Bezug auf einen Neuaufbau der krank gewordenen Verhältnisse der zivilisierten Welt - in einem kurz gefassten Aufruf konnte der Betreffende lesen, in wenigen Sätzen zusammengestellt, was ich Ihnen gestern und heute auseinandergesetzt habe - da erwiderte er: er hätte gerade von mir geglaubt, dass ich zur Gesundung der jetzigen menschlichen Lage nicht auf solche wirtschaftlichen Dinge hinweisen würde, sondern auf den Geist. Nun, sehr verehrte Anwesende, daran sieht man gerade, wie die Schwarmgeister, wie diejenigen, die seit Langem mitgearbeitet haben, das Unglück herbeiführten, auch heute noch nicht sehen wollen, worauf es ankommt. Nicht darauf kommt es an, dass man nur immerfort predigt: Geist, Geist und Geist - nicht darauf kommt es an, dass man heute hineinrufe in die Menschen: Werdet wieder geistig -, sondern darauf kommt es an, dass man diesen Geist verwendet, um in die tatsächlichen Verhältnisse unterzutauchen, die tatsächlichen Verhältnisse zu beherrschen so, wie sie sich entwickeln müssen der Wirklichkeit gemäß. Auf das, wie der Geist angewandt wird im Leben, darauf kommt es an. Nicht darauf, in abstrakter Weise immer wieder hinzuweisen darauf: Geist, Geist, Geist muss wiederum in die Menschheit gestellt werden, dann geht alles gut. Das ist das eine, was mir einfällt. Das andere, was einem einfällt gegenüber dem, was die gescheiten Leute sagen, ja was will denn der Geisteswissenschafter in der sozialen Frage? Dem möchte ich erwidern: Er will gerade da auch, wie sonst auch, auf die wahre Wirklichkeit das menschliche Denken und Empfinden und Wollen einstellen. Da fällt mir ein der arme Knabe, der einmal als dienendes Organ saß an einer Newcomen'schen Dampfmaschine. Er hatte die zwei Hähne abwechselnd herauszunehmen und hereinzustoßen, welche auf der einen Seite das Kondensatwasser, auf der anderen Seite den Dampf einlassen. Und da bemerkte dieser Knabe, dass oben der Balancier auf- und abspringt. Da fiel ihm ein, weil er nun keine Theorien ausbildete, sondern an der Maschine selbst stand, da fiel ihm ein: Wie wäre das, wenn ich nun zwei Schnüre nehme, das eine Mal an der einen, das andere Mal an der anderen ziehen würde? Und siehe da, der Balancier ging auf und ab, und ganz von selber machte sich das, dass der eine Hahn zur rechten Zeit aufging und wieder herunterkam und der andere von der anderen Seite. Und der Knabe konnte zuschauen! Sehen Sie, da hätte können einer vom Schlage derjenigen Menschen, die alles, was von der Wirklichkeit aus beobachtet wird, schlecht beobachten und sagen: Du nichtsnutzigerJunge, was machst du da! Weg mit den Schnüren. - Die Weltgeschichte hat es anders gemacht. Die Weltgeschichte hat hervorgehen lassen aus diesem anfangs armen Knaben, der den Hahn an den Balancier angebunden hat, die Selbststeuerung der Dampfmaschine, eine der wichtigsten modernen Erfindungen, eine der Erfindungen, die am umfassendsten eingegriffen hat in das moderne technische Leben. Nicht etwa aus Unbescheidenheit, und nicht um etwas für denjenigen zu charakterisieren, der in der hier vertretenen Lehre schon drinnensteht, sondern um diejenigen zu charakterisieren, die kommen möchten, um gegenüber dem sozialen AperCu, das ich vorgetragen habe, etwa so zu sprechen vom Standpunkt ihrer Gescheitheit herunter, wie einer gesprochen hätte, der gesagt hätte: Dummer Junge, rasch weg mit demjenigen, was du da machst, was treibst du da für Unsinn? Lass das bleiben! - Nur denen möchte ich das sagen, was mir da einfällt mit Bezug auf den kleinen arbeitenden Jungen, wie ich es Ihnen gesagt habe. Denn einsehen werden die Menschen ja doch bald müssen, diejenigen, die es nicht mit dem Verstande können, werden es einsehen müssen mit dem Leben und mit der Empfindung -, einsehen werden sie müssen, dass sie heranzutreten haben wirklichkeitsgemäß an die Wirklichkeit der sozialen Frage. Sie ist da; sie ist, während sie lange Jahrzehnte an die Pforte des Menschenlebens geklopft hat, zur Türe hereingekommen. Sie wird sich nicht wiederum durch irgendjemanden herauswerfen lassen. Das Hinauswerfenwollen wird die schlechteste Politik sein. Aber es wird auch schlimm sein, wenn man nicht zur rechten Zeit hört auf dasjenige, was notwendig gerade über die soziale Frage gesprochen werden muss. Denn dann könnte es sein, dass eine Verständigung von Mensch zu Mensch, überhaupt über die Klassen hin, nicht mehr möglich ist, weil die Instinkte zu stark entfesselt worden sind. Man schaue hin auf die Feuerzeichen, die heute am Horizont der Welt aufsteigen, und man wird empfinden: Man muss sich mit dem hier Behandelten beschäftigen, sonst könnte es eben durch die Entfesselung der menschlichen Instinkte, die nicht mehr beruhigt werden könnten - vielleicht in Jahrzehnten nicht -, sonst könnte es wohl zu spät werden! DIE SOZIALE FRAGE ALS WIRTSCHAFTS-, RECHTS- UND GEISTESFRAGE Basel, 28. Februar 1919 Sehr verehrte Anwesende! Die Tatsachen, die sich heute abspielen auf dem Gebiete der sozialen Bewegung und die für manchen schreckhaft sind, sie scheinen zu den Menschen, die sie betrachten, wahrhaftig eine neue Sprache zu führen, eine Sprache, die ungewohnt ist gegenüber alldem, was zu erfahren war im [geschichtlichen] Hergang der Menschheit. Muss man nicht gegenüber dem, was heute aus den Tiefen des sozialen Lebens an die Oberfläche geht, muss man nicht aus dem schließen, wie wenig eigentlich, trotzdem das, was man soziale Frage nennt, seit mehr als einem halben Jahrhunderte in der Menschheit vorbereitet worden ist, muss man nicht sagen, dass die Gedanken, die Willensimpulse der Menschen eigentlich recht schlecht auf dasjenige vorbereitet sind, was sich heute in den Tatsachen ausspricht? Man hat sehr häufig, wenn man Gelegenheit gehabt hat, Eingang zu gewinnen in den Bestand der wirklichen sozialen Bewegung seit Jahrzehnten, man hat sehr häufig Gelegenheit gehabt, zu bemerken, wie sozialistische Denker, solche Denker, die mit ihrem ganzen Wollen glauben, drinnenzustehen in der Richtung des proletarischen Wollens, wie solche Denker immer wieder und wiederum darauf hinwiesen, dass die wirtschaftlichen Tatsachen selbst, die sich heraufgebildet haben in der Entwicklung der Menschen durch die moderne Technik und durch den Kapitalismus, dass diese wirtschaftlichen Tatsachen selbst durch ihre eigene Fortbewegung gewissermaßen etwas bringen werden wie eine Lösung der sozialen Frage. Wenn ich, was man da gedacht hat, kurz andeuten soll, so ist es etwa das Folgende: Die Ausbreitung des Wirtschaftslebens mit der damit verbundenen Arbeitsteilung und allem anderen, was dazugehört, das hat alles dazu geführt, dass allmählich konzentriert wurde die privatkapitalistische Wirtschaft in den Willen Weniger, dass immer größere und größere Massen des Proletariats in diesen Willen Weniger eingespannt worden sind. Gehofft hat man, dass dasjenige, was sich so gewissermaßen wie eine wirtschaftliche Gewalt über das Proletariat ausspannte, dass das sich bis zu dem Punkte treiben werde, wo es sich selbst vernichtet, wie es gewissermaßen auf seinem eigenen Wege nicht mehr wird weiterkommen können, und wo dann das Proletariat in der Lage sein wird, wie gesagt, durch die Entwicklung der wirtschaftlichen Tatsachen selbst in der Lage sein wird, die Macht, von der es früher beherrscht war, selbst in die Hand zu bekommen. Von radikal revolutionären Anschauungen, die in dieser Richtung in früheren Zeiten eine Rolle spielten, ist man zu mehr [gesellschafts-]reformerischen übergegangen, durch die man erwartete, durch die Maßnahmen, die innerhalb des geregelten staatlichen Lebens durch das Proletariat herbeigeführt werden können, werde sich dieser allmähliche Übergang der wirtschaftlichen Macht von dem kapitalistischen Unternehmen auf das proletarische selbst vollziehen. Also man hat gewissermaßen gemeint, die objektiven, von den Menschen unabhängigen Tatsachen, sie werden eine gewisse Krise, und mit dieser Krise eine gewisse Lösung der sozialen Frage herbeiführen. Sieht man heute nicht schon genau, dass es anders geworden ist, dass alle Gedanken, die sich in dieser Richtung bewegt haben, eigentlich neben den Tatsachen vorbeischlagen? Sieht man nicht, dass es heute doch der proletarische Mensch als solcher ist mit seinem Willen, mit seinen Forderungen, der die Tatsachen herbeiführt, die heute, wie gesagt, für viele so erschreckend am Horizonte des geschichtlichen Lebens auftreten? Zwingt das nicht, hinzuschauen auf das proletarische Leben und fordern selbst, nun nicht sich weiter betören zu lassen durch dasjenige, was man durch eine Lehrmeinung seit Jahrzehnten für das Richtige angeschaut hat? In den Vorträgen, die ich schon halten durfte vor kurzer Zeit über diese Frage, habe ich bereits darauf hingewiesen, dass diese gegenwärtigen Tatsachen vor allen Dingen zwingen, die Betrachtung der sozialen Frage auf das Gebiet des proletarischen Menschen selbst zu lenken. Und ich habe bereits es ausgesprochen, warum dieser proletarische Mensch zu dem geworden ist, als was er eigentlich heute erscheint. Als was steht denn in der Offenbarung der gegenwärtigen Tatsachen das Proletariat mit seinen Wünschen, mit seinen Willensimpulsen, mit seinen Forderungen da? Steht es nicht da wie eine gewaltige, durch die Weltgeschichte wirkende Kritik desjenigen, was die führenden Kreise der Menschen bisher für das Richtige angesehen haben, und was sie zur Grundlage, zum Richtprinzip ihrer Maßnahmen gemacht haben? Eine Kritik, wie sie mit Worten nicht ausgesprochen werden konnte, wird durch diese Kritik ausgesprochen, die einfach in den Eigenschaften, in den Handlungen des gegenwärtigen Proletariats lebt. Dieses gegenwärtige Proletariat sieht sich durch den Wirtschaftsprozess, der seit Langem heraufgezogen ist, eingespannt in das reine Wirtschaftsleben. Und wieder muss ich betonen, des Zusammenhanges willen, was ich ja schon in den früheren Vorträgen auseinandergesetzt habe, dass, indem sich dieses moderne Proletariat in das bloße Wirtschaftsleben mit seinem ganzen Schicksal eingespannt findet, es vor allem dasjenige im tiefsten Sinne als seiner unwürdig empfindet, dass des Proletariers Arbeitskraft für dieses gegenwärtige Wirtschaftsleben dasselbe bedeutet wie die Ware, die auf den Markt gebracht wird, deren Zirkulation geregelt wird nach Angebot und Nachfrage, die gekauft werden kann. Wie auch die Dinge lauten, die selbst von sozialistischen Denkern auf diesem Gebiete ausgesprochen werden, die Empfindungen, die darüber im Proletariate herrschen, dasjenige, was in den unbewussten Tiefen der proletarischen Seele lebt, das ist viel wichtiger als dasjenige, was bewusst gedacht und ausgesprochen wird. Und diese Empfindungen gehen eben dahin: Wie ist es möglich, die menschliche Arbeitskraft, die der Proletarier zu Markte zu tragen hat innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsordnung und die man kaufen kann, des Charakters der Ware zu entkleiden? Indem man dieses ausspricht, richtet man die Aufmerksamkeit hin auf das erste Glied der heutigen sozialen Frage, darauf, inwiefern diese soziale Frage eine Wirtschaftsfrage ist, inwiefern sie eine Lohnfrage ist. Nun, derjenige, der gelernt hat, im Laufe der Jahrzehnte nicht bloß über das Proletariat zu denken, sondern der gelernt hat, mit dem Proletariat zu denken, der weiß, wie eingeschlagen hat die marxistische Lehre, die gerade mit besonderer Intensität die Proletarier darauf hinwies, wie ihre Arbeitskraft als Ware sich hineinstellt in den Wirtschaftsprozess. Man muss immer wieder und wieder auf die Beleuchtung, die Karl Marx dieser Sache gegeben hat, hinweisen, da ja diese Beleuchtung eben intensiv weiterlebt in dem Glauben, in dem Empfinden des Proletariats. Derjenige, der Kapitalist ist innerhalb der heutigen Winschaftslebens-Einrichtung, von dem sieht der proletarische Arbeiter, wie er ihn in die Fabrik, wie er ihn an die Maschine ruft, wie er ihn für seine Arbeitskraft bezahlt. Marx versuchte nun das Folgende den Proletariern klarzumachen. Er versuchte, ihnen zu zeigen, dass eigentlich diese Arbeitskraft des Proletariers im Wesentlichen unterbezahlt wird. Diese Arbeitskraft muss ja fortwährend hergestellt werden durch die Nahrungsmittel, durch die anderen Unterhaltsmittel, die der Proletarier braucht. Wenn dem Proletarier möglich ist, sich die Nahrung, die anderen Unterhaltsmittel zu verschaffen, dann kann er seine im Wirtschaftsprozess verbrauchte Arbeitskraft immer wiederherstellen, dann kann er seine Arbeit verrichten. Das führt dazu - so ist die entsprechende Anschauung -, das führt dazu, dass der Arbeitgeber dem Arbeiter bezahlt dasjenige, was notwendig ist zur Herstellung dieser Arbeitskraft, dass er ihn aber arbeiten lässt weit über die Zeit hinaus, die notwendig wäre, um das zu verdienen, das zur Herstellung dieser Arbeitskraft notwendig ist. Dadurch entsteht dasjenige, was, wie gesagt, so tief einschneidend war in die Empfindungen der Proletarier, dadurch entsteht der Mehrwert. Der Arbeiter produziert für den Unternehmer. Er produziert mehr, als der Unternehmer ihm entschädigt. Und dasjenige, was er mehr produziert, ist Profit des Unternehmers. Diesen Mehrwert zu erringen durch eine Umänderung des Wirtschaftsprozesses, das ist geworden das Ideal des proletarischen Strebens. Nun, sehr verehrte Anwesende, die Meinungen, die sich über diese Sachen gebildet haben, sie gehen im Grunde genommen alle, in bürgerlichen und in nichtbiirgerlichen Kreisen, nach einer und derselben Richtung. Diese Meinungen gehen alle dahin, dass eben die proleta rische Arbeit für die Warenerzeugung notwendigerweise selbst wie eine Ware behandelt werden muss. Dem gegenüber ist man wohl genötigt, tiefer in das volkswirtschaftliche Leben hineinzuschauen und sich die Frage aufzuwerfen: Liegt denn da nicht vielleicht etwas ganz anderes noch zugrunde als dasjenige, was Proletarier und Nicht-Proletarier glauben? Ist dieser Teil der sozialen Frage überhaupt richtig erfasst worden? Die Entwicklung der Tatsachen, die die Gegenwart zeigt, sie beweist wohl, dass das nicht der Fall sein kann, dass die Sache richtig erfasst worden ist. Geht man gerade auf das, was hier vorliegt, tiefer ein, so bemerkt man, dass dasjenige, was im Wirtschaftsprozesse sich wirklich abspielt, allerdings sich erschöpfen muss in der Warenproduktion, in der Waren-Zirkulation und in der Waren-konsumtion. Fragen kann man: Was gibt denn eigentlich diesem Wirtschaftsprozess seine Gesetze? Wovon hängt dasjenige ab, was im Wirtschaftsprozesse geschieht? Es geht alles dasjenige, was im Wirtschaftsprozess geschieht, dennoch - wie sich die Sache auch sonst verbirgt - zurück auf das menschliche Bedürfnis, auf das menschliche Interesse. Alles dasjenige, was im Wirtschaftsprozesse vor sich geht, läuft darauf hinaus, dass erzeugt werde, was durch das menschliche Bedürfnis herausgefordert und infolge davon von dem Menschen verbraucht werde. Und jede Anschauung über das, sehr verehrte Anwesende, was Ware ist, erweist sich gegenüber einem wirklichen volkswirtschaftlichen Studium als falsch, jede andere Anschauung, als allein diejenige, welche die ansieht als dasjenige, was seinen Wert erhält, indem es in der zweckmäßigsten Weise [durch die] menschliche Gesellschaft, durch den Menschen überhaupt [ver]braucht werden kann. Durch den zweckmäßigsten Verbrauch erhält die Ware ihren Wert. Und alles dasjenige, was Austausch der Ware im Wirtschaftsprozesse ist, wird eben gerade dadurch bestimmt. Die gegenseitigen Werte der Waren können nur davon abhängen, inwiefern diese Waren verbraucht werden. Wer nun eingeht auf diesen Grundcharakter der Ware innerhalb des Wirtschaftsprozesses, dem wird klar werden etwas, was vielen Leuten leider nicht klar geworden ist: dass die menschliche Arbeits kraft etwas ist, was überhaupt sich nicht vergleichen lässt mit dem, was Ware ist, was daher auch, weil es sich real nicht vergleichen lässt, weil es gar kein Verhältnis gibt zwischen Arbeitskraft und Ware, was daher auch nicht Ware sein kann. Ein merkwürdiger Widerspruch, nicht wahr. Auf der einen Seite muss man eigentlich einsehen: Die menschliche Arbeitskraft ist ganz unvergleichbar mit der Ware, kann also auch nicht gegen sie ausgetauscht werden; auf der anderen Seite sieht man, dass innerhalb der heutigen Wirtschaftsordnung wirklich die proletarische Arbeitskraft zur Ware geworden ist. Was liegt denn diesem Lebenswiderspruch eigentlich zugrunde? Diesem Lebenswiderspruch liegt zugrunde, dass tatsächlich der Arbeitnehmer von dem Arbeiter die Arbeitskraft gar nicht kaufen kann. Und indem man glaubt, dass er sie kaufen könne, gibt man sich einem großen Irrtum hin. Es ist ein volkswirtschaftlicher Fundamentalirrtum, der darinnen sich ausdrückt, dass man glaubt, man könne überhaupt menschliche Arbeitskraft kaufen. Man kauft sie nämlich in der Wirklichkeit nicht. Was kauft der Arbeitgeber von dem Arbeitnehmer? In Wahrheit kauft der Arbeitgeber von dem Arbeitnehmer die Leistungen. Die Ware, die [der] Arbeitnehmer hervorbringt, und der Wert dieser Ware wird bestimmt durch das Verhältnis derselben zu anderen Waren auf dem Arbeitsmärkte. Und der wirkliche Tatbestand ist der, dass nun der Arbeitgeber diese Ware, die der Arbeitnehmer hervorbringt, überhaupt nicht bezahlt, dass er sich, gewissermaßen durch den heutigen Wirtschaftsprozess gedrungen, der Bezahlung entzieht - man kann die Sache schon so radikal aussprechen - und dass er dafür etwas anderes bezahlt, was im Grunde genommen innerhalb der menschlichen Gesellschaftsordnung niemals bezahlt werden sollte, weil es gar niemals Ware sein kann, er bezahlt dafür die Arbeitskraft. Und er bezahlt diese Arbeitskraft in dem Maße, als ihm möglich [ist] dadurch, dass er die wirtschaftliche Macht in Händen hat, dass er gewissermaßen einen Zwang ausüben kann auf den Arbeitnehmer, dass dieser Arbeitnehmer sich, um leben zu können, an die Maschine hinstellt, in die Fabrik sich begibt. So liegt eigentlich die Tatsache vor, die schwerwiegende, bedeutungsvolle Tatsache, dass etwas in unserem volkswirtschaftlichen Leben verschoben ist, dass etwas verhüllt, verborgen wird. Die Tatsache wird verborgen, dass man in Wahrheit Ware kauft von dem Arbeitnehmer oder Leistungen kauft, aber sich der Vergütung für diesen Kauf entzieht, das heißt sie in Wirklichkeit nicht kauft, sondern den Arbeiter zwingt, sie freiwillig herzugeben, dafür, dass man ihm etwas anderes gibt. Indem der heutige Proletarier sich empfindet, empfindet er seine Existenz als eine menschenunwürdige. Und man wird niemals in der richtigen Weise eindringen kÖnnen in die Seelen des modernen Proletariats, wenn man nicht in der Lage ist, die Sache so anzusehen, wenn man nicht in der Lage ist, sich aufzuschwingen zu der Anschauung: Ware muss in der zweckmäßigsten Weise verbraucht werden, wenn sie dem Wirtschaftsprozess in der rechten Weise dienen soll. Wird die proletarische Arbeitskraft zur Ware gemacht, so muss sie den Charakter der Ware annehmen, das heißt im wirtschaftlichen Prozess verbraucht werden. Damit wird der Mensch selbst verbraucht, und in diesem Bloß-verbraucht-Werden liegt dasjenige, was der proletarische Mensch als das Menschenunwürdige empfindet. Wie ist es denn aber möglich, dass eine solche Kaschierung, dass eine solche Maskierung der Tatsachen eigentlich eingetreten ist? Darüber sehen wiederum Proletarier und Nichtproletarier in der Gegenwart keineswegs richtig. Dasjenige, was man auf diesem Gebiete sehen muss, ist, dass die Hineinstellung der menschlichen Arbeitskraft in den Gesellschaftsprozess, in das Zusammenleben der Menschen überhaupt keine Frage des Wirtschaftslebens sein kann, dass dasjenige, was diese Arbeitskraft regelt, gerade herausgenommen werden muss aus dem Wirtschaftsprozess. Damit kommen wir zu dem, was für die Gesundung des sozialen Organismus so notwendig ist, damit kommen wir dazu, beleuchten zu können, welcher Schaden in der heutigen sozialen Ordnung dadurch angerichtet wird, dass man den sozialen Organismus in seiner ihm eigenen Gliederung nicht in der richtigen Weise zu erfassen versteht. Diesem sozialen Organismus gegenüber ist man der Anschauung, er solle ein einheitliches, zentralisiertes Gebilde sein. Diese Anschauung ist ebenso falsch, als es falsch sein würde, wenn man glauben würde - ich habe in den früheren Vorträgen schon darauf hingewiesen -, wenn man glauben würde, dass der menschliche natürliche Organismus ein einziges zentralisiertes System sei. Dieser zentralisierte natürliche Organismus hat zum Beispiel neben den Vorgängen des Stoffwechsels die Vorgänge des rhythmischen Lebens, des Atmungs- und des Herzlebens, und die Vorgänge des Sinnes-Nervenlebens, und das ist alles bloß nach einem Punkte hin Zentralisiertes - das wirkt, ein jedes mit einer gewissen Selbstständigkeit und dient dem anderen gerade durch seine Selbstständigkeit. Die Lunge nimmt die Luft von außen auf, ganz unabhängig von dem, was in den Vorgängen des Sinnes-Nervensystems sich vollzieht und in den Vorgängen des Stoffwechsels sich vollzieht. Aber gerade indem diese Teilorgane selbstständig sind, harmonisieren sie miteinander am besten. Mit Bezug auf den sozialen Organismus ist man zu einer solchen Betrachtung noch nicht vorgedrungen. Man ist nicht vorgedrungen zu der Erkenntnis des notwendigen Verhältnisses, in dem alles Wirtschaftliche in der sozialen Organisation stehen muss zu allem Rechtlichen. Im Lauf der neueren Zeit hat sich ergeben, dass zunächst die führenden Klassen gewisse Zweige des Wirtschaftslebens verstaatlicht haben, wie man sagt. Man hat es für richtig befunden, für im Menschenfortschritte gelegen, solche Zweige des Wirtschaftslebens, wie Post, Telegraphenwesen, Eisenbahnwesen und dergleichen zu verstaatlichen, man könnte auch sagen, zu vergesellschaften. Man hat damit hinzugefügt zu demjenigen, was schon früher der Staat als Wirtschafter verwaltete, weitere Zweige dieses Wirtschaftslebens. Den Anfang mit dieser Vergesellschaftung des Wirtschaftslebens, den haben die führenden, die leitenden Kreise gemacht. Aber auf diesem Wege sind nachgefolgt die Anschauungen der proletarischen Kreise und ihrer Führer. Und heute spitzt sich dasjenige, was auf diesem [Gebiete] gedacht wird, zu der Forderung zu: der Gesamt-Vergesellschaftung des ganzen Wirtschaftslebens. Damit wird von dem Proletariat nur die letzte Konsequenz dessen gezogen, womit die leitenden Kreise begonnen haben und das sie allerdings je nach ihrem Vorteil begrenzt haben. Damit aber würde, wenn es sich verwirk lichen ließe, der gesamte soziale Organismus zu einem einheitlich in sich zentralisierten System. Das widerspricht seiner Gesundheit. Er muss, wenn er gesund sein soll, ebenso in sich gegliedert sein wie der natürliche menschliche Organismus. Denn wie dasjenige, was in diesem natürlichen menschlichen Organismus als Luft, um in diesem natürlichen menschlichen Organismus weiterverarbeitet zu werden, in ganz anderer Art eintritt, auf ganz anderem Wege eintritt als die Nahrungsmittel, die in den Stoffwechsel übergehen, so muss dasjenige, was im Rechtsleben liegt, was im Rechtsleben wirkt, im System der Öffentlichen Rechte, in einer ganz anderen Weise in den sozialen Organismus eintreten als dasjenige, was im Wirtschaftsleben liegt und zur Warenproduktion, zur Warenzirkulation und zur Warenkonsumtion führt. Wovon wird das Wirtschaftsleben beherrscht? Nun, ich habe schon darauf hingewiesen: von dem menschlichen Interesse. Die Gesetze müssen sich innerhalb des Wirtschaftslebens verwirklichen, die dem menschlichen Interesse dienen. Da steht immer der eine Mensch dem anderen Menschen je nach dem Interesse gegenüber, der Konsument dem Produzenten, der eine Berufskreis dem ändern Berufskreis und so weiter. Im gesunden sozialen Organismus muss neben dem, was sich da abspielt bloß infolge der Wirkung der menschlichen Interessen, ein anderes Glied dieses sozialen Organismus bestehen: dasjenige Glied, in dem sich entfaltet das Leben des öffentlichen Rechtes. Dieses Leben des Öffentlichen Rechtes beruht auf menschlichen Impulsen, die sich in ganz anderer, in radikal anderer Weise entwickeln, als Impulse, die in den menschlichen Bedürfnissen liegen, welche zum Wirtschaftsprozess führen. Dasjenige, was sich als Bedürfnis ausdrückt im menschlichen Leben und zum Wirtschaftsprozess führt, das geht aus dem Elementaren der menschlichen Natur und der menschlichen Seele hervor. Das ist etwas, was von dem Menschen als solchem nicht unmittelbar abhängt. Anders steht [es] mit dem Rechte, mit alledem, was als Öffentliches Recht festgelegt werden kann durch das Zusammenleben der Menschen. Dieses Recht wird in einer ähnlichen Weise gebildet wie die menschliche Sprache selbst. Die menschlichen Bedürfnisse sind von Natur da, insofern sie in das volkswirtschaftliche Leben eingreifen. Das menschliche Recht, das es zu tun hat mit dem Verhältnis von Mensch zu Mensch, muss, insofern Sie Menschen sind, das muss sich entzünden im unmittelbaren Verkehre von Mensch zu Mensch, wie sich die Sprache bildet, oder bildete wenigstens, im Verkehre von Mensch zu Mensch. Während es die Volkswirtschaft mit dem Verhältnisse der Interessenkreise zu tun hat, hat es zu tun dasjenige, was Leben des öffentlichen Rechtes ist, mit Verhältnissen, die sich unabhängig von allem Übrigen bloß zwischen Mensch und Mensch abspielen dürfen. Verhältnisse müssen durch das Recht begründet werden, durch die der Mensch sich fühlt innerhalb der menschlichen Gesellschaft, würdig bloß als Mensch. Solche Rechtsimpulse, sie können sich nicht aus dem Wirtschaftsleben selbst heraus ergeben. Wenn aus dem Wirtschaftsleben selbst heraus solche Rechtsimpulse gebildet werden sollten, dann würden sie immer nur eine Umgestaltung der wirtschaftlichen Interessen sein. Wie man sich auch den Staat oder die menschliche Gesellschaft, oder wie man es nennen will, gebildet denkt, wenn in ihr Rechte festgesetzt werden nach dem wirtschaftlichen Interesse, dann werden diese Rechte nur der Ausdruck für die Offenbarung, nur die Umgestaltung der wirtschaftlichen Interessen sein. Aus dem Wirtschaftsorganismus kann sich ebenso wenig das ergeben, was im Rechtsleben vorhanden ist, wie sich aus dem Stoffwechsel das ergeben kann, was im Atmungsprozess vorhanden ist. Nicht darauf kommt es an, sehr verehrte Anwesende, was eigentlich selbstverständlich ist, dass die Menschen, die im Wirtschaftsleben drinnenstehen, wissen, was Rechte zwischen Mensch und Mensch sind, sondern darauf kommt es an, dass sich neben dem selbstständigen Wirtschaftsleben im gesunden sozialen Organismus ein ebenso selbstständiges Rechtsleben ergeben muss, welches durch seine relative Selbstständigkeit gerade in der richtigen Weise wiederum in das Wirtschaftsleben eingreifen kann. Nichts hat energischer gezeigt, dass dies eine Notwendigkeit ist, als das Verhältnis, in das die Arbeitskraft des Menschen einbezogen worden ist in den modernen Wirtschaftsprozess. Man muss sich, um das zu verstehen, nur einmal klar machen, was hier unter öffentlichem Recht verstanden wird. Im Wirtschaftsprozess hat man es nur zu tun mit Waren, Warenaustausch und so weiter. In den Wirtschaftsprozess gehört nicht hinein zum Beispiel das Besitzverhältnis, das Besitzverhältnis gehört in das Rechtsleben hinein. Warum? Was bedeutet es denn eigentlich, wenn ich Besitzer, sagen wir, eines Grundes bin? Das bedeutet, dass die menschlichen Einrichtungen, innerhalb derer ich wohne, so getroffen worden sind, dass mir als Einzigem zusteht das Recht, diesen Boden im Wirtschaftsprozess zu benützen. Das ist ein Recht auf diesen Boden; das ist ein Recht, das etwas ganz anderes ist als dasjenige, was sich nach Gesetzen des Wirtschaftsprozesses abspielen kann. Und so könnte man vieles anführen, das festlegen würde die Meinung, die man haben muss über den Unterschied zwischen dem eigentlichen Wirtschaftsleben und dem Rechtsleben. Die menschliche Arbeitskraft gehört ihrer Natur nach, weil sie eben unvergleichbar ist mit der Ware, wie ich auseinandergesetzt habe, sie gehört ihrer Natur nach nicht in das Wirtschaftsleben hinein, sondern in das Rechtsleben. Man spricht heute sehr viel von Sozialisierung des Wirtschaftslebens; es frägt sich nur, sehr verehrte Anwesende, ob mit den Mitteln und Wegen, auf denen man diese Sozialisierung heute versucht, diese Sozialisierung auch wirklich erreicht werden kann. Nicht darauf kommt es an, dass man diese oder jene Ansicht aus bestimmten Menschheitsforderungen heraus hat, sondern darauf kommt es an, dass sie sich auch verwirklichen können, dass das Leben des sozialen Organismus durch sie möglich wird. Man bedenkt nun nicht, dass alles dasjenige, was in einem selbstständigen Leben des öffentlichen Rechtes sich entwickeln kann, von vornherein einen sozialen Charakter haben muss, dass das von vornherein auf die Sozialisierung hinarbeitet, auf die Sozialisierung der menschlichen Gesellschaft. Und nur dann, wenn dieses öffentliche Recht nicht hervorgerufen wird durch das reine Verhältnis von Mensch zu Mensch, nicht hervorgerufen wird aus dem elementaren Rechtsbewusstsein heraus selber, sondern aus der politischen oder der wirtschaftlichen Gewalt, dann trägt es keinen sozialen Charakter, sondern einen antisozialen Charakter. Diejenigen Rechte, die wir im heutigen Gesellschaftskörper haben, sie tragen zum großen Teil diesen antisozialen Charakter, denn sie dienen nicht, herzustellen ein aus dem elementaren Rechtsbewusstsein hervorgehendes Verhältnis von Mensch zu Mensch überhaupt, sondern sie dienen dazu, Vorteile zu bieten der einen oder anderen Klasse, dem einen oder anderen Beruf und so weiter. Dasjenige, was sich abspielt zwischen dem Arbeitgeber und dem Arbeitnehmer, darf im gesunden sozialen Organismus nicht auf einem Wirtschaftsverhältnis, sondern muss auf einem Rechtsverhältnis beruhen, muss festgestellt werden nicht innerhalb des Wirtschaftsprozesses, nicht innerhalb der Einrichtungen, die innerhalb des Wirtschaftsprozesses getroffen sind, sondern im abgesonderten Rechtsorganismus muss festgestellt werden das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer mit Bezug auf die Arbeitskraft. Das wurde ja gewiss schon versucht im Laufe des modernen Lebens mit der Begründung der Gewerkschaften und dergleichen und Arbeitsnachweisen und dergleichen. Allein derjenige, der dieses moderne Leben durchschaut, wird wissen, dass das alles nur Surrogate [sind] für dasjenige, was eigentlich aus den Grundlagen der Menschennatur heraus der Proletarier als seine naturgemäße Forderung empfindet. Sagt man heute, sehr verehrte Anwesende, aber es ist ja schon das Verhältnis zwischen dem Arbeitgeber und dem Arbeitnehmer ein rechtliches, es beruht ja in wirklich zivilisierten Ländern heute auf dem Arbeitsverträge, der zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer geschlossen wird -, mit solcher Rede verdeckt man nur den eigentlichen Sachbestand. Gewiss, dieser Vertrag wird geschlossen, und man renommiert sehr viel mit ihm; aber was hilft dieser Vertrag dem wirklichen Leben, wenn er geschlossen wird über etwas, worüber er nie und nimmer geschlossen werden dürfte nach der Natur[notwendigkeit] des Wirtschaftsprozesses wie des Rechtsprozesses? Der Arbeitsvertrag kann der Natur des sozialen Organismus nach nur geschlossen werden über dasjenige, was der Arbeitnehmer dem Arbeitgeber erzeugt als Waren. Wenn er geschlossen wird über das Verhältnis der Arbeitskraft des Arbeitnehmers zum Arbeitsgeber, so ruht er auf einer falschen sozialen Grundlage. Sie sehen, sehr verehrte Anwesende, man muss die Dinge in viel größeren Tiefen aufsuchen, als man sie heute gewöhnlich aufsucht, sonst wird man immer mehr und mehr dem Einwände begegnen: Ja, was du da willst, das ist ja eigentlich schon da, das wird schon angestrebt. Wenn man es aber gerade in der allerverkehrtesten Weise anstrebt, dann zerstört es den gesunden Organismus, statt dass es zu seiner Heilung beiträgt. Da die menschliche Arbeitskraft niemals vergleichbar sein kann mit der Ware, so ist sie herauszuheben aus dem bloßen Wirtschaftsprozesse und hineinzustellen in das Rechtsleben, und man soll über die Arbeitskraft überhaupt keinen Vertrag schließen. Sie soll durch ganz andere Kräfte und Impulse in das menschliche Gesellschaftsleben hineingestellt werden. Verträge, die man schließt innerhalb des Wirtschaftslebens zwischen dem, der die Arbeit leitet, und demjenigen, der die Arbeit tut, die sollen sich lediglich auf die Leistungen beziehen. Dann würde, wenn sie sich auf die Leistungen bezOgen, der Proletarier durchschauen, wie er eigentlich im Wirtschaftsprozesse drinnensteht; dann würde er einen Überblick darüber haben, was aus diesem Wirtschaftsprozess heraus aus seinem eigenen freien Willen dann seinem eigenen Unterhalte zufließen kann, und was zum Unterhalte der ganzen gesellschaftlichen Ordnung notwendig ist. So sonderbar das dem Menschen heute noch klingt, dann würde der Arbeiter mit dem, was sich entzieht seinem eigenen Erwerb von seiner Arbeit, seiner Arbeitsleistung, mit dem würde er völlig einverstanden sein. Denn er würde vernünftigerweise einsehen: Ich muss drinnenstehen in dem sozialen Organismus, ich muss ihm dienen, und ich gehe mit dem Unternehmer einen Vertrag ein, durch den ich nicht meine Arbeitskraft verkaufe, sondern durch den geregelt wird, hineingeregelt wird dasjenige, was ich leiste, in gesunder Weise in den sozialen Organismus. Nicht darauf kommt es an, sehr verehrte Anwesende, im wirklichen Leben, dass sich aus dem Wirtschaftsleben heraus Rechte entwickeln, sondern darauf kommt es an, dass gewissermaßen das Leben selbst geteilt werde, auf der einen Seite das Wirtschaftsleben, auf der ändern Seite das Rechtsleben, dass die Menschen auf der einen Seite in Verhältnisse des Wirtschaftslebens sich eingliedern nach den menschlichen Interessen, den menschlichen Bedürfnissen und nach dem, was danach produziert werden muss, dass sie auf der ändern Seite sich wiederum herausheben aus diesem bloßen Wirtschaftsprozesse und sich hineinversetzen können in ein solches menschliches Zusammenleben, in dem nur das Verhältnis von Mensch zu Mensch eine Rolle spielt. Dass man wirklich trennt, nicht bloß in Gedanken, nicht bloß durch Einrichtungen, sondern wirklich trennt im Leben diese beiden Gebiete, darauf kommt es an. Daher muss, wenn heute von einer Gesundung des sozialen Organismus gesprochen wird, eben auch davon geredet werden, dass neben anderen Bedürfnissen in diesem gesunden Organismus auf der einen Seite der Wirtschaftskörper, in dem es sich bloß um Warenzirkulation handelt, auf der ändern Seite der Rechtskörper ist. Beide Körper haben ihre eigene Gesetzgebung, haben ihre eigene Verwaltung. Gesetzgebung und Verwaltung des Wirtschaftskörpers ergibt sich aus dem wirtschaftlichen Zirkulationsprozesse heraus, aus den Bedürfnissen dieses Zirkulationsprozesses heraus. Aus ganz anderen Voraussetzungen heraus wird sich dasjenige ergeben, was festgelegt wird über das Verhältnis von Mensch zu Mensch aus dem Rechtskörper heraus. Und man kann sagen: Wie souveräne Staaten müssen nebeneinanderstehen das eigentliche staatliche Leben, das zu umfassen hat eben die Festsetzung der Öffentlichen Rechte, die Sicherheit, das, was man im engeren Sinne politisch nennt überhaupt, und das Wirtschaftsleben - wie souveräne Staaten müssen sie nebeneinander stehen. Gerade dann werden sie am besten ineinander eingreifen, wie die einzelnen Teile des menschlichen Organismus ineinander eingreifen, wenn sie selbstständig sind. Wem das zu kompliziert erscheint, sehr verehrte Anwesende, der möge sich aber doch auch sagen, dass es wahrhaftig nicht darauf ankommt, ob einem irgendetwas kompliziert oder nicht kompliziert erscheint, sondern ob es dem Leben gegenüber notwendig ist; denn das Leben ist eben selbst kompliziert. Sobald das Rechtsleben in gesunder Weise sich abhebt von dem bloßen Wirtschaftsleben, so bald tritt die Sozialisierung des sozialen Organismus ein. Denn das Rechtsleben wirkt als solches aus dem, was ihm zugrunde liegen muss, aus dem demokratischen Prinzipe heraus, sozialisierend. Sehen Sie, sehr verehrte Anwesende, den Gesichtspunkt, von dem aus hier diese Anschauung vertreten wird, werden Sie nur in der rechten Weise würdigen, wenn Sie den entsprechenden Unterschied zu machen versuchen zwischen einem Denken, das theoretisch, abstrakt dem Leben sich zuwendet, und einem solchen Denken, das konkret mit der Wirklichkeit des Lebens verwachsen sein will, das wirklich untertauchen will in die Wirklichkeit des Lebens. In der Naturwissenschaft kann man noch zur Not, weil es sich nicht so leicht zeigt, mit einem abstrakten, theoretischen Denken auskommen; dem sozialen Leben gegenüber kann man das nicht. Dem sozialen Leben gegenüber ist ein wirklichkeitsgemäßes Denken durchaus notwendig. Deshalb, nur deshalb weist zunächst dieses Denken im gegenwärtigen Augenblicke auf die Notwendigkeit der Gliederung des sozialen Organismus hin, denn sie ist in diesem Augenblicke das Allerallernotwendigste. Wer heute ausdenkt: Wie soll sich das Wirtschaftsleben gestalten, damit die Arbeitskraft des Proletariers des Warencharakters entkleidet werde? - der wird nicht viel erreichen; denn er wird seinen Denkgewohnheiten nach aus den bestehenden Verhältnissen urteilen, und er wird des Glaubens sein, dass man auf so einfache Weise das Richtige finden könne. Man kann auf so einfache Weise das Richtige nicht finden. Das Richtige soll überhaupt nicht so durch den einzelnen Menschen gefunden und diktiert werden, sondern das Richtige soll gerade durch das menschliche Zusammenleben gefunden werden. Dann muss aber dieses menschliche Zusammenleben in der richtigen Weise gegliedert werden. Deshalb weist die hier vertretene Ansicht darauf hin: Wenn der Wirtschaftskörper auf der einen Seite in seiner Selbstständigkeit besteht, auf der ändern Seite daneben ein selbstständiger Rechtskörper, dann werden dieselben Menschen, die im Wirtschaftskörper nur Wirtschaftsinteressen vertreten, wenn sie gewählt werden für den Rechtskörper, für dessen Gesetzgebung oder Verwaltung, sie werden da, weil sie mit ganz anderen Menschengruppen zusammenkommen, mit diesen so zusammenkommen, dass überhaupt nur von dem Verhältnis von Mensch zu Mensch die Rede sein kann; sie werden da nicht wirtschaftliche Verhältnisse im engeren Sinne vertreten, sondern sie werden reine Menschheitsinteressen, soziale Menschheitsinteressen vertreten. Dass wirklich neben dem Wirtschaftsorganismus der Rechtsorganismus besteht, darauf kommt es an. Denn dann wird dasjenige, was richtig ist, sei es in Bezug auf Steuergesetzgebung, sei es in Bezug auf irgendetwas anderes, dann wird aus diesem selbstständigen Rechtsorganismus das Entsprechende, das Gesundende herauskommen. Gewiss, Sie können heute schon glauben, dass manches, was man versucht, dem ähnlich isL was hier gefordert ist. Derjenige, der tiefer auf die Sache eingeht, der wird finden, dass gerade das gewohnte Denken der heutigen Zeit im entgegengesetzten Sinne verläuft. Eine gewisse Götzendienerei gegenüber dem Staate ist dasjenige, was in allen Gemütern Platz gegriffen hat. Deshalb soll Wirtschaftsleben und Staat, das politische Leben und der wirtschaftliche Prozess eine Einheit werden. Wie gesagt, in diesem Punkte sehen Proletarier und Nichtproletarier nicht das Entsprechende. Nicht darauf kommt es an, dass man ein soziales Programm aufstellt, sondern darauf kommt es an, dass man einsieht, wie sich das menschliche Gesellschaftsleben entwickeln muss, damit dann aus diesem Gesellschaftsleben heraus durch das, was die Menschen tun werden, das Gesunde entstehe, das Gesunde sich bilde. Aber in der neueren Zeit hat man diesem Gesunden gerade widerstrebt. Immer mehr und mehr fand man Geschmack an dem Verstaatlichen. Und diejenigen, welche sich ihr privates Wirtschaftsleben zurückbehalten wollten, suchten wenigstens in irgendeiner Weise sich an den Staat anzulehnen, um dann mit Hilfe des Staates ihre Privatinteressen vertreten zu können. Eine Konfundierung, eine Zusammenschmelzung des Wirtschaftslebens mit dem Staatsleben, die beide streng getrennt gehalten werden sollten für den gesunden Organismus, eine solche Zusammenschmelzung ist für Viele gerade das Ideal geworden. In einer ähnlichen Weise verhält sich die Sache mit Bezug auf das Geistesleben. Die soziale Frage ist heute nicht nur eine einheitliche, sie ist in dem Sinne, wie ich das eben versuchte auseinanderzusetzen, erstens eine Wirtschaftsfrage, dadurch eine Wirtschaftsfrage, dass nach Mitteln und Wegen gesucht werden muss, wie im sozialen Organismus selbst durch das rechte Zusammenwirken der Menschheit die Arbeitskraft aus der Warenzirkulation herausgehoben werde. Sie ist, diese soziale Frage, eine Rechtsfrage, weil erst eingesehen werden muss in umfassender Art, wie das selbstständige Rechtsleben gerade dasjenige ist, was sozialisierend wirken wird, jenes selbstständige Rechtsleben, von dem wir heute eben durch den Hergang der neueren Geschichte nicht einmal die Ansätze haben. Aber etwas Ähnliches muss mit Bezug auf das geistige Leben gesagt werden. Von dem ich ja in den beiden letzten Vorträgen schon angedeutet habe, wie tief es eigentlich eingreift in die proletarische Frage der Gegenwart, ohne dass sich auch darüber Proletarier und Nichtproletarier die richtigen Vorstellungen machen. Und ich habe bereits auf eines hingewiesen: Immer wieder und wiederum kann derjenige, der - wie gesagt - nicht über das Proletariat denkt, sondern mit dem Proletariat denkt, immer wieder und wiederum kann er vom Proletariat selbst oder von Führern des Proletariats hÖren: Dasjenige, was sich im Geistesleben abspielt, alles Künstlerische, alles Religiöse, alles Wissenschaftliche, Sitte, Recht und so weiter, das ist eigentlich eine Ideologie, das ist nichts, was eine ihm eigene selbstständige Wirklichkeit in sich hat, sondern es ist etwas, was sich herausergibt aus dem Wirtschaftsprozesse, was gewissermaßen ein geistiger Überbau des Wirtschaftsprozesses ist, je nach dem Verhältnis, in dem die wirtschaftlichen Klassen zunächst standen im geschichtlichen Lauf der Menschheit je nachdem sie heute stehen, je nach der Art und Weise, wie der Einzelmensch zusammenhängt mit dem, was er im wirtschaftlichen Leben zu tun hat, je nach dem bildet er sich Vorstellungen, künstlerische Empfindungen, religiösen Glauben aus. Es spiegelt sich dieses wirtschaftliche, rein materielle Leben in diesen Vorstellungen, in diesen Empfindungen. Die wirken ja vielleicht allerdings wiederum zurück auf Einrichtungen wirtschaftlicher Art aus diesen Vorstellungen, aus diesen Empfindungen heraus. Aber ursprünglich wurzeln diese Vorstellungen, diese Empfindungen durchaus im rein materi eilen Wirtschaftsleben, sind bloß dessen Spiegelbild. Das ist Grundüberzeugung der heutigen proletarischen Seele. Das kann man immer wieder und wiederum hören und das schließt sich ein in das Wort: Alles geistige Leben ist eigentlich nur eine Ideologie. Und man hat sehen können, wie diese Stellung zum geistigen Leben aus der ganzen Veranlagung des Proletariats heraus die proletarische Seele [erfüllt], wenn sie dies auch noch nicht einsieht, sondern wenn sich das alles auch in den unterbewussten Begriffen abspielt, verdeckt. Sehen Sie, diese Dinge sind eigentlich nur aus dem Leben zu lernen, ganz anders wirkt das, was sich, ich möchte sagen, gleichzeitig mit der Entwicklung der modernen Technik und des modernen Kapitalismus in der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit heraufgebildet hat, das moderne, wissenschaftlich orientierte Denken, ganz anders wirkt dieses wissenschaftlich orientierte Denken auf den Angehörigen der bisher leitenden Menschenklasse und auf den Proletarier. Sosehr auch die leitenden Menschenklassen immer wieder geneigt sein werden, zu sagen: Ach was, der Proletarier will doch nicht aus irgendeiner wissenschaftlichen Vorstellungsart das, was er fordert, sondern es ist eine Brotfrage oder dergleichen. Gewiss, es ist auch eine Brotfrage; aber wie diese Brotfrage zutage tritt, das hängt mit ganz anderen Dingen zusammen, das ist keineswegs bloß so banausisch orientiert, als viele Angehörige der leitenden Kreise glauben. Und wahr ist gerade dieses, dass in der Zeit, als eine gewisse Form der wissenschaftlichen Orientierung das Geistesleben der Menschen in den leitenden Kreisen angenommen hatte, dass da gerade geknüpft wurde der Arbeiter an die Maschine, an die Fabrik, dass er herausgerissen wurde aus anderen Lebenszusammenhängen und keinen anderen Zusammenhang hatte. Denn an der öden Maschine, und in dem seelenlosen Kapitalismus, ergibt sich für ihn kein Lebenszusammenhang. Da war er genötigt, dasjenige, was ihm Antwort auf die Frage [gibt]: Was bin ich [eigentlich] als Mensch in der Welt und in der Gesellschaft[swissenschaft] selbst? -, aus sich zu beantworten, aus seinem tiefsten Inneren heraus. Da wandte er sein großes Vertrauen, sein grenzenloses Vertrauen den leitenden Kreisen zu und entnahm diesen leitenden Kreisen als Erbgut die wissenschaftliche Orientie rung. Der gegenüber war der Proletarier in einer ganz, ganz anderen Lage als die AngehÖrigen der leitenden, der führenden Kreise. Diese leitenden, führenden Kreise mochten gut übergehen zu jener modernen Wissenschaft, die über das Natürliche gut Auskunft gibt, auch über den natürlichen Hergang der menschlichen Entwicklung vom niedersten Lebewesen bis zum heutigen vollkommenen Menschen. Aber diese leitenden Kreise brauchten sich nicht die Frage so zu stellen: Wie stehe ich nun eigentlich in der menschlichen Gesellschaft drinnen, wenn das wahr ist über den Menschen? Sie hatten ihre alten Traditionen, wenn sie auch an diese alten Traditionen nicht mehr glaubten, wenn sie auch Freigeister, selbst Atheisten waren oder sind, sie stehen in der menschlichen Gesellschaft drinnen, so, wie diese menschliche Gesellschaft gebildet worden ist, ganz gewiss nicht nach dem Grundsatze der wissenschaftlichen Orientierung, sondern aus alten religiösen, aus alten sozialen Impulsen heraus, die wirklich mit der heutigen wissenschaftlichen Orientierung nichts zu tun haben. Ja, sehr verehrte Anwesende, man kann ein Naturforscher Vogt, ein naturwissenschaftlicher Popularisator wie Büchner sein, man kann völlig davon überzeugt sein, dass alles, was geschieht, nur in der Naturordnung drinnen ist, aber man wird dadurch doch nur zu einer gewissen theoretischen Überzeugung für den Kopf kommen. Mit seinem ganzen Menschen steht man in der menschlichen Gesellschaftsordnung drinnen, deren Struktur auf ganz andere Weise bedingt ist als durch solche wissenschaftliche Fundierung. Das muss man im Leben lernen, was das bedeutet, dass der bürgerlich orientierte Mensch eine wissenschaftliche Überzeugung gewinnen kann durch die wissenschaftlich orientierte Denkweise. Der Proletarier aber braucht dasjenige, was dem anderen Menschen die Religion gibt, und das verlangte er von der wissenschaftlichen Orientierung. Man kann, wenn man sich vom Leben belehren lässt, den Unterschied machen, wie anders aus der Seele heraus die wissenschaftliche Orientierung spricht bei dem Angehörigen der bisher leitenden Kreise, und wie anders hineinzuckt in die Seele des Proletariers, wenn man ihm spricht von dieser voll-wissenschaftlichen Orientierung, die ihm anweisen soll seine Stellung als Mensch unter Menschen, als Mensch in der Welt und in der menschlichen Gesellschaft überhaupt. Lassen Sie mich da, wenn ich da auch auf das Persönliche auf einen Moment eingehen muss, ein Beispiel anführen, das leicht verhundertfacht werden könnte. Ich stand einmal auf demselben Podium, unmittelbar, eine Rede haltend vor einer ziemlich großen Versammlung des Berliner Proletariats mit der kürzlich tragisch untergegangenen Rosa Luxemburg zusammen. Rosa Luxemburg sprach dazumal zu den Proletariern über die Wissenschaft und die Arbeiter. Sie sprach in ihrer Art einfach und zündend. Sie sprach wie jemand, der im Sinne der modernen wissenschaftlichen Orientierung spricht. Sie machte diesen Leuten klar, dass es ein Vorurteil ist, wenn man glaubt, der Mensch stamme ab von irgendetwas, was engelgleich sei, was irgendwie in einem geistigen Leben der Vorzeit wurzele. Nein, sagte sie, solch ein Engel war der Mensch nicht in der Vorzeit, solch ein Engel war der Mensch überhaupt nicht an der Stätte des Urmenschen; höchst unanständig verhielt er sich, indem er wie Affen auf Bäumen kletterte, und aus solchen Anfängen hatte er sich zu seinem heutigen Dasein emporgehoben. Das begründet nicht diejenigen Unterscheidungen, die heute in der menschlichen Ordnung gemacht werden, das begründet ein ganz anderes Bewusstsein des Menschen als Mensch. Sehen Sie, sehr verehrte Anwesende, das ist etwas, was der Proletarier immer wieder und wieder gehört hat. Und wenn man von dem ungebildeten Proletariat spricht, so weiß man einfach nicht, was in der proletarischen Bewegung vorgeht. Das ist aber auch etwas, was seine Seele ganz anders erfasst, erfasst mit der Kraft eines Glaubensbekenntnisses, als die Seele erfasst wird bei den leitenden Kreisen. Auf das muss man hinsehen. Und dann, dann wird man geschult werden dazu, nachzudenken, woher denn das eigentlich kommt. Dann gelangt man zu Folgendem. Dann gelangt man dazu, sich die Frage eben beantworten zu kÖnnen, wie es denn eigentlich hergegangen ist, als - wie ich schon sagte - gleichzeitig mit der Entwicklung der modernen Technik und des modernen Kapitalismus ein anderes sich entwickelt hat. Das andere, das sich entwickelt hat, ist nämlich dieses, dass das frühere, verhältnismäßig selbstständige Geistesleben aus den Instinkten der Menschheit heraus, die aber heute eben in bewusste Impulse übergehen müssen, aus den Instinkten heraus hat sich eine gewisse Selbstständigkeit des geistigen Lebens entwickelt. Die leitenden, die bisher leitenden Kreise, deren Interessen waren mit dem heraufkommenden Staate verbunden. Das, was wir heute «Staat» nennen, ist ja eigentlich erst vier Jahrhunderte alt. Und es ist ein Vorurteil, zu glauben, dass es in unserer geschichtlichen Entwicklung in unserem Sinne immer Staaten gegeben hat. Die frühere Entwicklung war etwas ganz anderes. Aber mit dem, was sich da heraufentwickelt hat, haben sich verbunden die Interessen der leitenden, führenden Kreise. Nur die Interessen des modernen Proletariats hat man davon ausgeschlossen, die sind einfach durch den modernen Wirtschaftsprozess ausgeschlossen worden. Die Folge davon war: Ebenso, wie einzelne Kreise, einzelne Gebiete des Wirtschaftslebens in der neueren Zeit in den Staat hineingeleitet haben, so wurde das geistige Leben in den Staat eingeleitet, Schulen, Mittelschulen, Hochschulen; und man strebt ja danach, immer mehr und mehr in dieses rein politische Leben des Staates hineinzuleiten. Was geschah dadurch? Dadurch geschah dieses, dass der Staat aussog das geistige Leben. Und wer den Prozess, der sich hier abspielte, genau verfolgt, der weiß, dass dadurch nicht bloß die Verwaltung, die Gesetzgebung dieses geistigen Lebens von dem Staate abhängig geworden ist, sondern gar sehr abhängig ist der Inhalt der sogenannten Wissenschaft und der anderen geistigen Zweige von dem Staatsleben der bisher leitenden Kreise geworden. Der Staat wurde das Maßgebende für die Impulse der geistigen Betätigung der Menschheit. Daher kam es, dass der Staat seine Interessen durch diese geistigen Gewalten vertreten ließ. Und die Folge davon war, dass nun wirklich das, was im geistigen Leben zutage trat, nur ein Spiegelbild wurde, nur ein Überbau wurde derjenigen Interessen, die von den leitenden Kreisen mit dem Staatsleben verbunden waren. Das ist die Wahrheit, dass durch einen historischen Vorgang das geistige Leben zu einem Spiegelbild, zu einem Überbau, zu einer Ideologie geworden ist in der Zeig in der das Proletariat ausgeschlossen wurde von der Anteilnahme an diesem Staatsleben. Was konnte es anders wollen als wie die anderen Klassen Anteil haben an diesem Staatsleben? Und so sehen wir, wie dieses geistige Leben - nur in der Mathematik geht's ja nicht, aber in ändern Zweigen geht es - wirklich wie ein Spiegelbild geworden ist desjenigen, was sich draußen im rein politischen Leben abspielt nach den Interessen der leitenden Kreise. Man wird sich vielleicht gerade in der jetzigen Katastrophe der Menschheit schon überzeugen können doch davon. Wer sich die Mühe gegeben hat, zu verfolgen, was über den Hergang deutscher Geschichte mit ihrer Gipfelung in dieser Weltkriegskatastrophe sich abgespielt hat, der wird ganz gut einsehen können, dass dasjenige, was da die Gelehrten als «Geschichte» den Menschen erzählt haben, nur ein Ausdruck der verschiedenen Gebiete des Staatswillens der herrschenden Mächte war. Denn ich möchte einmal die Frage stellen: Wird vielleicht die Geschichte der Hohenzollern in Zukunft ebenso aussehen, wie sie bisher ausgesehen hat? Sie wird gar sehr verraten, wie sie bisher ein Spiegelbild desjenigen war, was die leitenden Kreise haben wollten nach den Gewalten, die sie hatten. (Beifall.) Da ist es besonders auffällig an einem solchen Beispiel. Aber diese Beispiele könnten vermehrt werden durch das, wobei sich das Entsprechende vielleicht nicht so radikal zeigt, aber vielleicht gerade dadurch, dass es verborgen wird, umso wirksamer ist. Das sah, sehr verehrte Anwesende, der moderne Proletarier. Daraus bildete er sich die Ansicht, dass überhaupt alles Geistesleben bloß eine Spiegelung, bloß ein Überbau ist desjenigen, was sich unten abspielt im realen Prozess. Und da ihm die Anteilnahme an dem politischen Leben entzogen war, bildete er sich die Ansicht, dass alles Geistige nur eine Spiegelung des Wirtschaftsprozesses als solchem ist. Wer wirklich die MÖglichkeit hat, die Fähigkeit hat sogar, in diese Vorgänge einzudringen, der wird zu der Einsicht kommen, dass, als in der Morgenröte der neueren Zeit das Proletariat den leitenden Kreisen das große Vertrauen entgegenbrachte, entgegenzunehmen von ihm als Erbgut dasjenige, was sich im geistigen Leben herausgebildet hatte, [dieses Keimen, das zu einem unselig die Seele be]fruchtenden Erbgut geworden ist. Und so ist es gekommen, dass der moderne Proletarier zwar in Verhältnisse hineingestellt worden ist, die er in seiner Art als men schenunwürdig empfindet, dass er aber heute noch immer denkt, über die Verhältnisse in demselben Sinne fortdenkt, wie er es gelernt hat von den leitenden Kreisen. In dieser Beziehung, sehr verehrte Anwesende, macht man die merkwürdigsten Erfahrungen über menschliche Illusionen. Derjenige, der da weiß, dass in der proletarischen Seele und in der Seele namentlich der dem Proletarierleben dienenden Denker gerade die letzten Konsequenzen des bürgerlichen Denkens wuchern, der weiß, dass es notwendig ist, dass die soziale Frage auch in ihrem driuen Glied als Geistesfrage begriffen werde. Nur dann wird sie als Geistesfrage begriffen, wenn das Proletariat auch noch zu allem Übrigen, was es in seiner Seele erlebt, das erlebt, dass es wollen wird anders zu denken, als es gelernt hat von den leitenden Kreisen. Das erwartet gerade der vielleicht nicht, der tiefer hineinschaut in die Vorgänge der neueren Geschichte. Vielleicht wird es sogar noch schreckhafter sein als dasjenige, was heute vor sich geht, für den, der durch so etwas erschreckt, wenn noch nicht einmal die Proletarier zu der Ansicht gekommen sein werden, dass sie nicht die Verhältnisse umzuwandeln haben, in denen sie sich unglücklich fühlen, sondern dass die Menschheit umzudenken hat, über die Verhältnisse selbst anders zu denken hat. Darauf kommen wird man, dass dasjenige überwunden werden muss, was neuzeitliche wissenschaftliche Orientierung ist, und dass entgegengenommen werden muss ein neues Geistesleben - ein neues Geistesleben, für das vielleicht gerade der Proletarier, weil er der Erste sein kann, der an dem Alten irre sein wird, in der richtigen Weise vorbereitet wird. Vielleicht ist er gerade, der Proletarieg der rechte moderne Mensch, während die anderen nicht loskommen können von demjenigen, was alte Traditionen sind. Man kann nun wiederum, insbesondere mir - verzeihen Sie, wenn ich da wiederum einen Moment etwas Persönliches erwähne -, man kann vielleicht gerade mir den Einwand machen: Nun, du sprichst ja sonst von einem geistigen Leben, das wirst du doch wohl für das Richtige halten. Glaubst du, dass die heutigen Proletarier dieses geistige Leben williger entgegennehmen als die Bourgeois oder andere führende Klassen? - Ganz gewiss glaub ich das nicht für die heutige Zeit, denn die Tatsachen sprechen ja deutlich vom Gegenteil. Aber urteilen in dieser Beziehung überhaupt schon die Proletarier als Proletarier? Sind die Proletarier frei genug geworden, um aus ihrem Inneren, aus ihrem wirklichen Inneren ein Urteil zu gewinnen? Haben sie nicht empfangen gerade die wissenschaftliche Orientierung, die ganze Gesinnungsweise des inneren Menschen von den leitenden Kreisen? Die leitenden Kreise sind, weil sie in alten Traditionen leben, und weil die neuere Geistesrichtung radikal mit den neueren Traditionen mit Bezug auf Denken, Empfinden und Wollen des Menschen brechen muss, die leitenden Kreise sind selbstverständlich gegen dieses neue Geistesleben. Und dagegen zu sein haben die anderen von diesen leitenden Kreisen selbstverständlich Ausnahmen abgerechnet - gelernt. Wenn einmal der Zeitpunkt eintreten wird, wo der Proletarier empfinden wird, dass durch den Mangel eines Geisteslebens die menschliche Seele veröden muss, dass etwas ganz anderes notwendig ist als eine bloße Ideologie, ein bloßes Spiegelbild der rein materiellen Wirklichkeit, dann wird er ganz gewiss nicht zurückkommen auf die alten Weltanschauungstraditionen; aber brauchen wird er die Erkenntnis des Zusammenhanges zwischen dem Menschen und der geistigen Welt. In der rechten Weise in den sozialen Organismus wird sich diese Erkenntnis des Zusammenhanges des Menschen mit der geistigen Welt nur hineinstellen können, wenn sich zu den beiden schon erwähnten Gliedern des gesunden sozialen Organismus ein drittes hinstellt, wenn das in einer gewissen Weise wieder rückgängig gemacht wird, wozu hingedrängt hat die Entwicklung der letzten Jahrhunderte, wenn dasjenige, was auf dem Gebiete des geistigen Lebens verstaatlicht worden ist, wieder entstaatlicht wird, wenn neben dem in sich selbstständigen Wirtschaftskörper, in sich selbstständigen Rechtskörper ein drittes Gebiet des sozialen Organismus steht, das Gebiet des geistigen Lebens, das unmittelbar befreit wird von allen anderen Einflüssen und Impulsen, das rein auf sich selbst gestellt wird. Nur dann kann es gedeihen, nur dann kann wirkliches Geistesleben den Menschen ergreifen, wenn dieses Geistesleben aus der freien menschlichen Initiative hervorgehen kann. Man kann auch, wenn Gewalten dazu zwingen, etwas lernen selbstverständlich. Aber den Geist auf sich wirken lassen, den Geist erleben, wie es allein richtig wirksam sein kann für das menschliche Zusammenleben, das kann man nicht, wenn nicht der Geist auf sich selbst gestellt ist. Und so sonderbar das für die Denkgewohnheiten der heutigen Menschen noch klingen mag, der Zeit müssen wir zustreben, wo nicht nur der Wirtschaftskörper seine eigene Gesetzgebung [und] Verwaltung aus seinem eigenen Verhältnis heraus, wo nicht nur das Rechtsleben seine demokratische Struktur aus dem Verhältnis von Mensch zu Mensch erhälL sondern wo auch das geistige Leben in völliger Unabhängigkeit von Wirtschaft und Staat rein auf sich selbst gestellt ist, sodass es sogar durch seine Hervorbringungen erst recht Gutes dem Staate und dem Wirtschaftsleben geben kann, weil es sie erst tatkräftig auf seinem eigenen Gebiete entwickelt. Über diese Sache denken ja die Menschen heute, ich möchte sagen, noch so sehr, sehr rückschrittlich. Sie denken vor allen Dingen nach bequemen Denkgewohnheiten. Man kann es immer wieder und wiederum erleben, dass die Frage aufgeworfen wird auch mit Bezug auf den geistigen Teil der sozialen Frage, ja, was wollen denn die Proletarier eigentlich? Gibt es denn nicht heute Bestrebungen genug? Werden nicht da und dort alle möglichen Bildungsvereine gegründet, von den leitenden Kreisen Vorträge veranstaltet, sonstige Unterrichtsmöglichkeiten gegeben für das Proletariat? Nun, sehr verehrte Anwesende, das Proletariat mag hingehen zu alledem. Was empfängt es denn dort? Dasjenige, was es eben schon seit Jahrhunderten empfangen hat, und was es empfindet als eine Ideologie, als einen bloßen geistigen Überbau der Wirtschaftsordnung, was es im Grunde genommen für die wirkliche Entwicklung seiner Seele nicht brauchen kann. Man mag gutwillig das alles begründen, es hat keinen Wert für die Gesundung des sozialen Organismus. Für die Gesundung des sozialen Organismus hat es allein Wert, wenn man sich zuwendet einer Geistesrichtung, welche sich unabhängig macht von den beiden anderen sozialen Gebieten, die daher wirkliches Geistesleben wiederum in die Entwicklung [der] Menschheit hineinzubringen geeignet ist. Was wird die Folge sein, dass dieses Geistesleben auch dem Menschen für sein ganzes Menschenwesen und für das Bewusstsein von seiner Menschenwürde das Gepräge aufdrückt, dass es ihm ein wirkliches Lebensgut sein kann? Von dem Geistesleben, das in der geschilderten Weise als ein Erbgut von den leitenden Kreisen übergegangen ist auf das Proletariat, von dem kann das Proletariat nur denken, dass es eigentlich mehr oder weniger zur besseren Unterhaltung für die leitenden Kreise da ist. Und schließlich, in den meisten Fällen ist es ja auch nur dazu da, diese leitenden Kreise, sie haben es schließlich dahin gebracht, dass sie gerade mit ihrem Geistesleben eine geschlossene Gesellschaft für sich bilden. Da ist der Abgrund zwischen dem, was als Kunst, als Religion, als Wissenschaft, als Sitte selbst und sogar als Recht der Angehörige der leitenden Kreise für sich bekam, und was derjenige, der außerhalb dieser leitenden Kreise als Proletarier steht, gar nicht verstehen kann, zu dem er gar kein Verhältnis gewinnen kann, weil es herausgeboren ist aus den bloßen Impulsen der leitenden Kreise, die darauf abzwecken, diese leitenden Kreise zu einer geschlossenen Gesellschaft zu machen. Gegenseitige Verständigung würde nur möglich sein, wenn gemeinsames Geistesleben da wäre. Dieses gemeinsame Geistesleben kann erstens auf der Grundlage des sozialisierend wirkenden Rechtsstaates erwachsen, der sich herausgliedert aus dem Wirtschaftskörper. Und es kann auf der anderen Seite erwachsen, wenn völlig emanzipiert wird von den beiden anderen Gewalten das geistige Leben selbst. Denn dieses geistige Leben wird eine ganz andere Stoßkraft haben als dasjenige, was man heute als das geistige Leben ansieht. Und dieses geistige Leben wird seelentragend sein, wird ganz anders den Menschen erfüllen können, wie einstmals religiöse Anschauungen erfüllten, zu denen das moderne Proletariat ganz gewiss nicht wieder zurückkehrt. So ist tatsächlich die soziale Frage im eminentesten Sinne eine Geistesfrage, sehr verehrte Anwesende. Es ist das Lechzen nach einem neuen Geistesleben. Und einen Lösungsversuch auf diesem Gebiete kann es nur dadurch geben, dass man sich einen Sinn erwirbt für dasjenige, was als ein solches unabhängiges neues Geistesleben in die Menschheit hereinziehen will. Einwände sind immer billig. Man kann anfangen bei den alleruntersten Einwänden; man kann sagen: No ja, machen wir die Schule frei, sodass erstens ihr Unterhalt bloß auf demjenigen beruht, was freiwillig für sie hingeben die Menschen, dann werden wir wiederum zum Zeitalter der Analphabetität zurückkehren. - Das werden wir nämlich ganz gewiss nicht, sehr verehrte Anwesende, ebenso wenig, wie die höchsten Studien leiden werden, wenn sie befreit werden von den anderen Gewalten; sondern wir werden sehen, wie gerade dann, wenn dieses Geistesleben emanzipiert wird von den anderen Gewalten, es in der richtigen Weise zurückwirkt auf diejenigen Menschen, die im Wirtschafts- oder Rechtsleben sonst drinnenstehen. Es wird zurückwirken, weil sie gerade dann das Bewusstsein in sich tragen, sie und diejenigen, die sie zu leiten haben, aus freiem Willen zu diesem Geistesleben hinzuführen, damit sie hineinwachsen können in den übrigen gesunden sozialen Organismus. Nicht darauf kommt es an, was der eine oder andere heute will mit Bezug auf diesen gesunden sozialen Organismus, sondern was die Menschen tun werden, wenn man ihn anstrebt, oder wenn er wenigstens bis zu einem gewissen Grade verwirklicht ist. Die Menschen werden dann ganz gewiss, sagen wir, zum Beispiel zu dem Verwaltungskörper des Rechtsstaates nur denjenigen zulassen, der eine gewisse Schulbildung hat. Und ich, ich glaube eben wirklich zu denjenigen zu gehören, die nicht nur über das Proletariat denken können, sondern mit dem Proletariat denken können. Ich weiß dasjenige, was sich in den Menschen geltend machen wird, die aus dem modernen Proletariate herauswachsen und hinein sich gliedern in den dreigliedrigen, gesunden sozialen Organismus. Diese Menschen werden ganz gewiss nicht es ablehnen, ins politische Leben herein nur diejenigen zuzulassen, welche eine gewisse Schulbildung erlangt haben. Damit wird aber die Analphabetie aufgehört haben, wo sie auch heute noch besteht; ganz gewiss wird sie nicht von Neuem anfangen. So beantworten sich konkrete Fragen, indem heute es vor allen Dingen wichtig ist, auf die großen Impulse als solche hinzuweisen. Eine wirklichkeitsgemäße Anschauung brauchen wir heute über die sc Dinge, eine solche Anschauung, die untertauchen kann in das Leben und sich Vorstellungen machen kann über die Formen, die das Leben annehmen muss, damit in diesem Leben die Menschen aus ihren Impulsen heraus den sozialen Organismus nach und nach zu einem gesunden machen. Denn das muss immer wieder und wiederum wiederholt werden: Die soziale Frage ist heraufgezogen, zeigt sich, offenbart sich in gewaltigen Tatsachen, in für manche recht schrecklichen Tatsachen. Sie ist nicht so heraufgezogen, als ob man sie nun durch dies oder jenes morgen lösen werde, und dann ist sie gelöst, dann hört sie wieder auf - nein, die Entwicklung der Menschheit ist so, dass nun diese soziale Frage einmal da ist, dass sie in dieser dreifachen Weise angesehen werden muss als Wirtschafts-, als Rechtsund als Geistesfrage, und dass, wenn die Menschen sie so ansehen, wenn eine Empfindung davon so zur sozialen Empfindung wird, dass es dem Menschen eine selbstverständliche Forderung wird, den sozialen Organismus in seinen drei Gliedern auseinanderzuhalten, dann wird immer aus dem menschlichen Verhalten die fortdauernde Lösung dieser sozialen Frage erfolgen. Denn das Wirtschaftsleben wird immer in einer gewissen Weise den Menschen verbrauchen. Das Rechtsleben muss ihn immer vor diesem Verbrauch bewahren, immer behüten vor dem, was das Wirtschaftsleben will. Die soziale Frage kann nicht auf einmal, die soziale Frage wird im fortwährenden Werden gelöst. Und in sie Einblick gewinnen heißt: von vornherein in das Werden der Menschheit sich vertiefen, wie es seine Morgenröte in der Gegenwart hat, wie ihm die Sonne aufgehen muss immer mehr und mehr gegen die Zukunft hin. So stellt sich allerdings heraus, dass ein wirklichkeitsgemäßes Anschauen die soziale Frage in ganz anderer [Art] sehen muss, wie man sie gewöhnlich sieht. Man denkt, durch das oder jenes könne man sie lösen; dadurch könnte man sie lösen, dass man seine Hand bietet zu einer Umgestaltung des sozialen Organismus selbst, ja erst zu einer wirklichen Formulierung des sozialen Körpers, zu einem Organismus, der die drei geschilderten Glieder hat, die dann, wenn sie selbstständig sind, in der richtigen Weise zusammenwirken können. Solange man sich nicht einlässt auf diese Dinge, wird man in der sozialen Frage nicht eine wirkliche Heilkunst des sozialen Organismus treiben. Woher auch der Versuch kommen mag, von proletarischer oder nicht-proletarischer Seite, man wird Kurpfuscherei treiben. Und die Dinge sind heute so weit gediehen, sehr verehrte Anwesende, dass man wahrhaftig sich die ernste Frage vorlegen sollte: Wodurch treibt man auf diesem Gebiete nicht Kurpfuscherei, sondern wirkliche Heil-Kunst? Selbstverständlich denke ich nicht daran, dass eine solche Sache von heute auf morgen erreicht werden könne. Daran denken auch die Sozialisten nicht; sie reden von einer langsamen Entwicklung, insoferne sie auf dem Boden einer gewissen Vernünftigkeit stehen. Aber bei jeder einzelnen Maßregel, die der Mensch ergreift, kann er heute schon sein Denken, sein Handeln hinorientieren zu der Dreigliederung des sozialen Organismus. Wenn entsteht in denjenigen, die überhaupt Anteil nehmen wollen - und das ist ja im Grunde genommen an seinem Platze jedem Menschen gegönnt, dem einen mit größerer, dem anderen mit geringerer Verantwortlichkeit -, wenn in denen, die so Anteil nehmen wollen an dem Werden in der sozialen Ordnung, wenn in denen reift [der] Ausblick: Es muss sich gliedern der soziale Organismus in die drei geschilderten, charakterisierten Glieder, wenn alles, was gemacht wird in Gesetzgebung, alles, was selbst gemacht wird in der Verwaltung, alles, was selbst im gewöhnlichen Leben gemacht wird, in dieser Weise orientiert wird, dann gehen wir dem entgegen, dem wir entgegengehen müssen. Man denkt leicht nach darüber: Wie wird das Glück durch den sozialen Organismus begründet? Es ist kein richtiger Gedanke. Ein richtiger Gedanke ist der, sehr verehrte Anwesende, dass man vor allen Dingen sich klarmacht: Wodurch ist der soziale Organismus lebensfähig, wodurch der soziale Organismus gesund? Dann wird sich gerade, weil in dem das geistige Leben emanzipiert von anderen Gewalten ist, weil das Rechtsleben in seiner Selbstständigkeit da steht, weil dieses Rechtsleben in seiner Selbstständigkeit sozialisierend auf das Wirtschaftsleben wirkt, es wird sich gerade dadurch die Möglichkeit ergeben, dass in diesem gesunden sozialen Organismus nun durch ganz andere Faktoren als durch seine Vorgänge selbst dasjenige begründet, was die Menschen ein menschenwürdiges, vielleicht auch ein glückliches Dasein nennen. Der menschliche Organismus, der natürliche Organismus, er muss gesund sein. Dass er gesund ist, gibt uns das schon die Erhebung der Seele, das befriedigende Seelenleben? Nein, das gibt es uns nicht. Unser Organismus, wenn er krank ist, gewiss, er stimmt das Seelenleben herab, er macht uns unglücklich, menschlich erfasst. Aber wenn er gesund ist, müssen wir noch nach etwas anderem trachten, um im gesunden Organismus eine erfreute, eine zufriedene, eine innerlich vom geistigen Leben erfüllte Seele zu haben. Wir werden das nur können, wenn wir den Organismus gesund haben, wenn uns nicht Krankheit lähmt. Der soziale Organismus, er muss zur Lebensfähigkeit gebracht werden; dann werden die Menschen, die in dem lebensfähigen, gesunden sozialen Organismus leben, aus anderen Faktoren des Lebens sich ihr Glück begründen können. Die proletarische Welt - darüber darf man sich keiner Illusion hingeben - kann es heute nicht, denn sie ist gefesselt an den bloßen Wirtschaftsorganismus. Sie muss befreit werden, im gesunden sozialen Organismus befreit werden von dem bloßen Wirtschaftsleben. Dann wird erst der soziale Impuls gerade in der proletarischen Menschheitsmasse den rechten neuzeitlichen Charakter annehmen können. Indem man bloß diese Dinge ausspricht, muss das Gewicht auf sie für das gegenwärtige Leben mit gefühlt werden, sehr verehrte Anwesende. In diesen Dingen steht der, der sich ihnen, wie ich glaube, mit wirklichem innerem Verständnis hingibt, nicht so darinnen, dass er bloß eine Ansicht gewinnen will oder bloß in irgendeiner Form recht haben will, sondern so darinnen, dass er vor allen Dingen daran denkt, dasjenige zu gewinnen, was ins wirkliche Leben eingreifen kann, was in die Herzen der Menschen einziehen kann, in ihre Seelen, aus denen doch ihre Handlungen und ihre Lebenslage hervorgehen muss. Dasjenige, was ich hier in diesen Vorträgen ausspreche, ich habe es seit längerer Zeit ausgesprochen, auch während die furchtbare Kriegskatastrophe gewütet hat. Ich habe es manchem, der damals in führender Stellung war, gesagt, gesagt einerseits mit den Worten: Nicht erfunden ist es, nicht ist es, dass man denken soll, ich vertrete irgend etwas Ausgedachtes, sondern dasjenige, was hier vertreten wird, das ist entnommen aus den Anschauungen der Enrwicklungskräfte der Menschheit, namentlich der europäischen Menschheit für die nächsten zehn, zwanzig, dreißig Jahre. Das will sich verwirklichen. Dass es sich verwirklichen will, das hängt nicht von irgendeinem von uns ab, es wird sich verwirklichen, weil es in der Menschheitsentwicklung drinnenliegt und sich objektiv verwirklichen will. Man kann nur zu dem Menschen sagen, der irgendwie eingreifen will in das soziale Leben: Du hast die Wahl, entweder im Sinne dieser Kräfte einzugreifen oder dich dagegen zu stemmen. In dem ersteren Fall ist es möglich, dass man der Zeitentwicklung dient durch Vernunft; in dem anderen hat man einfach tatenlos abzuwarten Revolutionen und Kataklysmen. Diese Revolutionen und Kataklysmen sind schneller gekommen, als manche geglaubt hatten, denen ich vorJahren davon gesprochen habe. Und jetzt nimmt das allerdings andere Formen an. Und schon mehr Menschen sind da, die solchen Dingen Verständnis entgegenbringen, weil die Tatsachen heute noch deutlicher sprechen. Aber andererseits sagte ich auch das Folgende zu denen, zu denen ich sprechen durfte über dasselbe, was ich hier schon auseinandersetzte: Ich könnte mir denken, dass die Menschen darangingen, in der Wirklichkeit die Dinge so anzugreifen, dass sie in dieser Richtung sich bewegten, die da angegeben wird in der Behandlung der sozialen Frage. Dann könnte daraus etwas entstehen, was vielleicht von dem, was ich selber heute sage, keinen Stein auf dem anderen ließe, was aber doch heilsam würde. Denn ich habe nicht den Glauben, dass ich so gescheit bin, alles Einzelne zu wissen, wie man es machen soll, aber den Glauben habe ich fraglos, dass mit diesen Dingen die Wirklichkeit als solche angepackt ist. Und lässt man sich ein auf solche Wirklichkeit, dann werden diejenigen Menschen, die sich in diesen dreigliedrigen Organismus hineinstellen, so gescheit sein, dass sie zusammenwirkend das Richtige treffen werden. Deshalb braucht von dem, was ich heute sage, kein Stein auf dem ändern zu bleiben, es kann alles anders kommen, aber es wird so werden, wie es in der Richtung der Entwicklungs-Wirklichkeit liegt. Das ist es, worauf es ankommt. Deshalb war es mir eine gewisse Befriedigung - jeder versucht dasjenige zu tun, was er auf dem Platze tun kann, auf den ihn das Schicksal des Lebens gestellt hat -, es war mir eine gewisse Befriedigung, als ich sah, wie ein Aufruf, der zu den Menschen sprechen will aus dem heraus, was sich ergibt aus der furchtbaren Katastrophe der letzten Jahre, ein Aufruf, der enthält auch dasjenige in kurzen Worten, mit einigen andeutenden Sätzen nur, der aber darauf hindeutet, dass das in allen Einzelheiten zu begründen ist, dass dieser Aufruf in einer verhältnismäßig kurzen Zeit weit über hundert Unterschriften in Deutschland, gegen hundert Unterschriften auch unter den Deutschen Österreichs gefunden hat, und jetzt auch schon Unterschriften von Schweizer Persönlichkeiten, die wir für diese Sache ganz besonders werten müssen. Und ich glaube, dass durch diesen Aufruf, der in der nächsten Zeit erscheinen soll, unterstützt von denjenigen Persönlichkeiten, die sich heute schon mehr oder weniger intensiv, oder weniger intensiv, in Einklang versetzen können mit einem solchen Wollen, wie es hier charakterisiert wird, dass mit diesem Aufruf, glaube ich, ein Anfang gemacht sein wird. Ich werde dann dasjenige, was in diesem Aufruf nur angedeutet wird, was man bei diesem Aufruf mehr empfinden muss durch dasjenige, was man schon selber versteht, ich werde es unterstützen durch ein demnächst erscheinendes Büchelchen über die soziale Frage und ihre verschiedenen Kernpunkte und ihre Lösungsmöglichkeiten. Dieses Büchelchen ist bereits im Druck. Und so hoffe ich, sehr verehrte Anwesende, dass gerade diejenigen Ideen, von denen ich glaube, dass sie entsprechen einem wirklichkeitsgemäßen sozialen Anschauen, doch in der heutigen schweren Zeit - unterstützt nun doch schon von einer größeren Anzahl von über sie nachdenkenden Menschen - in die menschliche Seele einziehen können. Und das ist notwendig. Die Tatsachen, die heute am Horizonte des weltgeschichtlichen Werdens sich zeigen, diese Tatsachen fordern dies heraus. Und ein Versäumnis müsste es sein, wenn nicht ein jeder an seinem Platze heute versuchte, irgendein Urteil zu gewinnen, das sich in seinen Handlungen verwirklichen kann, ein Urteil zu gewinnen darüber: Was tut eigentlich not? Was ist eigentlich die wahre Gestalt desjenigen, was soziale Bewegung genannt wird? Heute muss man schon den Anfang mit dem machen, was später solche Schulbildung sein muss wie das Einmaleins heute, oder wie die vier Rechnungsarten. Man muss den Anfang machen mit der Einsicht: Wie gestaltet sich die soziale Frage als Wirtschafts-, als Rechts-, als Geistesfrage? Und wird die Menschheit zukünftig leben können, wenn sie fortdauernd in immer wiederkehrenden Versuchen lösen muss innerhalb der Ausgestaltung der gesellschaftlichen Struktur die soziale Struktur als Wirtschafts-, Rechts- und Geistesfrage? So stark sprechen die heutigen Tatsachen, und so stark greifen sie ein in das Leben vieler Menschen schon. Und schon zeigt sich, dass sie in das Leben jedes einzelnen Menschen eingreifen werden. So stark zeigen sich diese Tatsachen. In einer solchen Gestalt offenbaren sie sich, dass sie den Menschen doch zu dem Urteil, zur Empfindung bringen müssen: Ich muss mir irgendwelche Anschauungen auf diesem Gebiete aneignen, ich darf nicht weiter wie mit schlafender Seele in dem heutigen Gewoge der Tatsachen drinnenstehen. Sonst, wenn es nicht gelingen kann, irgendwelches Verständnis zu finden für eine aus der Seele herausgeborene Fortentwicklung in diesen Dingen, dann müsste es dahin kommen, dass einfach die Instinkte der Menschen Oberhand gewinnen, dass diese Instinkte die Entscheidung, die dann aber keine Entscheidung, sondern eine furchtbare Prüfung der Menschheit sein würde, eine grauenvolle Prüfung der Menschheit sein würde, dass die Instinkte diese Prüfung, dieses grauenvolle Schicksal herbeiführten. Angesichts dessen, was heute keimhaft sich zeigt, was aber vielleicht, wenn nur jeder Einzelne mit sich zu Rate geht, noch abgewendet werden kann, das legt uns immer wieder die Worte auf die Zunge, lässt sie hervorquellen aus dem Herzen, das Anteil nehmen will an dem Schicksale der Zeit und an dem Schicksale der Menschen in dieser Zeit: Man versuche einzudringen in das Wesen der sozialen Bewegung, ehe es zu spät ist. DIE SOZIALE FRAGE Winterthur, 26. Febncar 1919 Sehr verehrte Anwesende! Dasjenige, was man gegenwärtig die soziale Frage nennt, hat sich ja am Horizonte des neuzeitlichen geschichtlichen Werdens mehr als ein halbes Jahrhundert lang gezeigt, und die Menschheit hätte Gelegenheit gehabt, darüber nachzudenken, was sich ausspricht in den sozialen Forderungen der mit dieser Frage gemeinten Bewegung. Die Menschen haben auch im Laufe dieser Zeit Maßnahmen getroffen, kleinere, mittlere, größere, umfangreicher gedachte staatliche, durch die man so, wie man es am besten verstanden hat, diese Forderungen zu befriedigen versuchte. Aber jetzt, da aus der furchtbaren kriegerischen Katastrophe der letzten Jahre diese soziale Frage, die demgegenüber, was jetzt ist, doch vorher mehr in den Unterströmungen des menschlichen Lebens vorhanden war, jetzt, da diese Frage durch manche recht sehr in Schrecken versetzende Tatsachen in eine ganz neue Gestalt eingetreten ist, kann man gegenüber diesen Tatsachen, wenn man von ihnen überhaupt lernen will, nicht die Frage aufwerfen, warum alles dasjenige, was die Menschen versucht haben, sich zum Verständnis dieser sozialen Frage anzueignen, unzulänglich ist. Erweist es sich nicht, dass die Menschen in vieler Beziehung heute nicht nur überrascht worden sind durch die Gestalt der Tatsachen, von denen sich wahrlich die meisten nicht haben träumen lassen, dass sie so kommen werden dereinst, es sich nicht haben träumen lassen, dass diese Tatsachen alles dahin bringen müssen, was in der menschlichen Seele sich hinrichten kann auf diese soziale Frage, dass sie in einem gewissen Sinne umzulernen, umzudenken haben? Man konnte schon, sehr verehrte Anwesende, während der kriegerischen Katastrophe sehen, wie die niedergehaltenen Kräfte dieser Bewegung an die Oberfläche des Lebens drangen. Gar manche PersÖnlichkeit, die durch ihr Wort, durch ihren Rat irgendetwas hat beitragen können zur Hemmung oder zur Förderung desjenigen, was 1914 zu der furchtbaren Kriegskatastrophe drängte, die hat sich dazumal bewogen gefühlt, zu diesem Kriege zu drängen, weil sie glaubte, dass ein Waffensieg ihres Landes retten werde diejenigen Mächte, gegen die sich die soziale Bewegung richtet, vor dem, was ihnen drohte. Aber solche Persönlichkeiten haben sich überzeugen müssen im Laufe der letzten Jahre, dass sie unter schweren Illusionen ihre Entschlüsse gefasst haben, denn nicht haben sie können durch dasjenige, was sie erreicht haben, irgendwie die an die Oberfläche sich bewegenden sozialen Kräfte zurückdrängen, sondern im Gegenteil, sie haben - man kann so sagen, die Tatsachen lehren es - das Feuer erst recht geschürt. Und wiederum während der Kriegskatastrophe - die anderen weltbewegenden Mächte haben die Menschheit in ein Chaos hineingetrieben, in ein furchtbares Unglück; da tauchte während der Katastrophe da und dort in weiten Kreisen die Hoffnung auf, dass gerade aus den Reihen des internationalen Proletariats und seiner Führer diejenigen Menschen erstehen werden, welche wiederum Ordnung hineinbringen werden in das Chaos, das sich herausgebildet hatte. An alledem kann man ersehen, dass gerade bei diesen Kriegskatastrophen diese soziale Bewegung erst ihre krisenhafte Gestalt erlangt hat. Und nun, nachdem die Katastrophe selbst in eine Krise eingetreten ist -, was zeigt sich nun? Tatsachen zeigen nicht, sehr verehrte Anwesende, ob gegenüber alles desjenigen, was geschieht, gegenüber diesen Tatsachen [alles] von einer tiefen Tragik erfasst ist. Menschen, sowohl solche, welche Bekenner der modernen sozialistischen Weltanschauungen sind, wie solche, die Gegner sind, sie zeigen überall, dass die Gedanken, die sie gemacht haben, zu denen sie gekommen sind, dass die Vorbereitungen, die sie getroffen haben, überall diesen Tatsachen nicht gewachsen sind. Die Tatsachen wachsen den Menschen über den Kopf, so kann man wohl angesichts der heutigen Weltenlage sagen. Da rechtfertigt es sich, darüber nachzudenken, ob denn die Vorstellungen, die man gehegt hat im Laufe langer Jahrzehnte, wirklich die rechte Gestalt der sozialen Frage trafen. Ob sie den wahren Charakter ins Auge fassten? Ob nicht vielleicht in den Untergründen der Seele des Proletariats etwas ganz anderes west und wirkt als dasjenige, was man in den Vorstellungen zu erfassen suchte? Ob nicht vielleicht in der Tiefe dieser Proletarierseelen etwas ganz anderes vorhanden ist als dasjenige, was der Proletarier selber glaubt, dass es in ihm wirke und fordere? Nun, gerade in den Kreisen der heute sozialistisch Denkenden findet man eine wahre Geringschätzung des geistigen Lebens. Derjenige aber, der mit einer gewissen Lebenseinsicht verfolgen konnte die proletarische Bewegung der letzten Jahrzehnte, der muss sich sagen, dass eigentlich in dieser Ablehnung gerade des geistigen Lebens, der geistigen Kultur, in dieser Geringschätzung der geistigen Kultur vonseiten des Proletariates, dass darinnen gerade sich etwas außerordentlich Bedeutungsvolles ausdrückt, das den Weg weist wenigstens zu einem in der wahren Gestalt der modernen sozialen Bewegung. Wenn man verstanden hat im Laufe der letzten Zeit, nicht bloß von irgendeinem theoretischen oder ganz gelehrten Standpunkt aus nachzudenken über das Proletariat, sondern wenn man mit dem Proletariat zu leben verstanden hat, dann konnte man merken, dass in dieser Ablehnung des geistigen Lebens etwas viel, viel Tieferes steckt, als man gewöhnlich glaubt. Und hingewiesen wird man, was darinnen eigentlich steckt, wenn man ein gewisses Wort, das man immer wieder und wiederum aus dem Munde proletarischer Menschen hören konnte, auf seinen wahren Gehalt hin prüft. Es ist ein Wort, das bedeutsam herausleuchtet aus der modernen proletarischen Bewegung, es ist das Wort: Klassenbewusstsein des Proletariats. Klassenbewusst sei er geworden, so sagt der moderne Arbeiter. Und er meint damit, es sei um sein Bewusstsein nicht so wie in alten Zeiten, wo aus gewissen Instinkten heraus der Mensch sich in Abhängigkeit von diesem oder jenem anderen Menschen begeben hat, um bei ihm zu arbeiten, auch sein Verhältnis zu diesen Arbeitgebern mehr instinktiv, mehr unbewusst eingerichtet hat -, der moderne Arbeiter weiß sich klassenbewusst. Das heißt, dass er sich richtet nach bestimmten Gedanken, die er sich über seine Würde als Mensch, über seinen Wert als Mensch, über seine Stellung als Mensch in der Gesellschaft macht. Nach diesem richtet er ein das Verhältnis, in das er eingehen will zu denjenigen, von denen er die Arbeit nimmt. Was er vorstellt in der Welt, das drückt er mit diesem Worte «klassenbewusst» aus. Und an dieses Klassenbewusstsein schließt sich dann eine gewisse Empfindung, ein gewisses Gefühl. Es ist dieses, dass nur dann, wenn der Arbeiter die volle Konsequenz zieht dieses Klassenbewusstseins, wenn er sich so verhält in seiner gesellschaftlichen Stellung, wie dieses Klassenbewusstsein in ihm sich zu verhalten zur Menschenpflicht macht, dann werde er dasjenige zuerst erreichen, dasjenige Ziel, das ihm vorschweben muss im wahren Sinne des Wortes: der Mensch zu werden, der er nach einer gerechten Weltordnung zu sein begehren kann. Man kann nun prüfen, sehr verehrte Anwesende, wie sich im Laufe der neueren Zeit das herausgebildet hat, was sich in dem Worte «klassenbewusstes Pro]etariat» verbirgt. Da wird man weiter zurückgehen müssen in der Zeitgeschichte. Und es ist ja auch oft hingewiesen worden auf diejenige Wende der Zeit, bis zu welcher man, um Aufklärung dieser Frage zu erlangen, zurückgehen muss. Immer wieder und wiederum hat man betont, wenn man nachdenken wollte über den Ursprung der modernen Proletarierbewegung, wie am Horizonte der Menschheit heraufgezogen ist die moderne Technik, wie diese moderne Technik hervorgerufen hat den modernen Kapitalismus; wie Technik und Kapitalismus das alte Handwerk zerstört haben, wie sie den Arbeiter weggerufen haben von dem, was seine eigenen Produktionsmittel waren, zu dem umfänglichen Produktionsmittel der modernen Fabriken und der modernen Technik. Und man hat aus alledem, was man da ersehen konnte, aus dem geschichtlichen Werden, sich die Vorstellung gebildet, dass moderne Technik und der mit ihr verbundene moderne Kapitalismus eigentlich das Proletariat hervorgebracht haben. Allein, sehr verehrte Anwesende, darauf kommt es nun nicht an, dass man einsieht: Moderne Technik, moderner Kapitalismus haben das Proletariat sozusagen gemacht; sondern darauf kommt es an, was der Proletarier selber geworden ist an der Maschine, in der Technik, durch sein Einspannen in den modernen kapitalistischen Wirtschaftsprozess. Und wenn man sich eine dahingehende Frage vorlegt, dann zeigt sich für den, der die Dinge versteht, im Geschichtlichen Parallelen zu betrachten, etwas außerordentlich Bedeutungsvolles. Dann erinnert man sich unwillkürlich an eine andere große Bewegung in der Weltgeschichte. Man erinnert sich an die Ausbreitung des Christentums von Asien herüber, durch Griechenland und Rom nach dem Norden - nach jenem Norden, wo dazumal, während sich das Christentum ausbreitete, Barbarenhorden gegen den Süden zogen, mit elementareren Empflndungen, als sie die Bewohner des Südens hatten. Und eine merkwürdige geschichtliche Erscheinung trat dazumal ein: Das Christentum, das sich dann als Weltbewegung erwiesen hat, es zog ja in einer gewissen Weise auch bei den Menschen, bei den hochgebildeten Menschen Griechenlands, bei den Menschen des Römischen Reiches ein. Allein in der Art und Weise, wie es in diesen Gegenden der damaligen Zivilisation eingeschlagen hat, zeigt sich zugleich, dass es nicht das geworden wäre, was es in der Weltgeschichte geworden ist, wenn es nur hätte kommen können zu den Griechen und Römern. Die Griechen und Römer hatten eine hoch entwickelte Intelligenz, sie hatten eine hoch entwickelte Weisheit; aber zu gleicher Zeit war diese Intelligenz, diese Weisheit, ich möchte sagen, so, wie eine iiber[reife] Frucht, in einem gewissen Niedergangsprozesse. Und gerade diese hoch ausgebildete Intelligenz, dieses hoch ausgebildete Geistesleben des europäischen Südens konnte weniger stark und intensiv die Impulse des Christentums aufnehmen als die elementaren Gemüter der Barbaren, die vom Norden heranrückten; und in der unverbrauchten Intelligenz, in den unverbrauchten Geisteskräften dieser anrückenden Völkerschaften des Nordens schuf das Christentum die Impulse, durch die es dasjenige geworden ist, was seine eigentliche Schlagkraft in der Weltgeschichte zeigt. In der von Norden gegen Süden gehenden Völkerwanderung muss zu gleicher Zeit die erste [Geschichte] des Christentums studiert werden. Ein Fehler aber, sehr verehrte Anwesende ist es auch, womit die moderne proletarische Bewegung begann, und was sie eigentlich im Grunde noch immer darlebt, und noch lange darleben wird. Nur haben wir es da zu tun mit einer Völkerwanderung, die gewissermaßen nicht in horizontaler Linie verläuft, sondern die darinnen besteht, dass Menschenmassen, die vorher bloß sich führen ließen, nach aufwärts streben, zustreben derjenigen Bewusstseinsform, derjenigen Intelligenz, derjenigen Entschlussfähigkeit, die die führenden Klassen haben: eine, man möchte sagen, in vertikaler Linie verlaufende Völkerwanderung! Aber dieser in vertikaler Linie verlaufenden Völkerwanderung gegenüber trat eben ganz anderes ein als dem Christentum gegenüber. Dem Christentum konnten die hoch entwickelten Griechen und Römer dasjenige geben, was einschlug in die elementarischen, in die primitiven Herzen, in die nördlichen Barbarenherzen der anstürmenden Bevölkerung. Und diese Letzteren brauchten das, lechzten in einer gewissen Beziehung nach dem aus ihrem Gemüte heraus, was ihnen die höher entwickelten Griechen und Römer brachten. Ein besonderes Geistesgeschenk mit einer starken Stoßkraft in die Seelen hinein - das war es, was das Christentum den primitiven Gemütern des Nordens brachte. Was aber konnten die herrschenden Klassen in der neuen VÖlkerwanderung machen, was konnten sie den von unten nach oben stürmenden Proletariermassen bieten? Ich sage nicht, sehr verehrte Anwesende - ich bitte, das ausdrücklich zu berücksichtigen -, ich sage nicht: Sie konnten ihnen bieten die moderne Wissenschaft; sondern ich sage: Sie konnten ihnen bieten diejenige menschliche Gesinnungsrichtung, diejenige menschliche Vorstellungsart, die mit dieser modernen Wissenschaft verbunden ist. Und die anstürmenden Proletariermassen drängten geradezu hin nach dieser Vorstellungsart, nach dieser Entgegennahme der modernen wissenschaftlichen Denkungsart. Warum drängten sie dahin? Sie drängten deshalb dahin, weil sie herausgerissen, heraus aus den alten Lebenszusammenhängen gerissene Menschen waren. Betrachten wir das Handwerk, wie es sich entwickelt hat bis zum dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert, noch bis ins spätere Mittelalter hinein. Wir werden sehen, da steht der Mensch bei dem, was ihn zur Produktion anfeuert. Da steht er bei dem, was ihm die wirtschaftliche Produktion möglich macht. Und aus seinem Berufe heraus erwächst ihm nicht nur eine äußerliche Berufsehre, sondern etwas erwächst ihm, was ihm die Empfindung gibt: Er ist etwas wert in der menschlichen Gesellschaft, er steht in einer gewissen Weise da. Die Menschenwürde ist in dieser menschlichen Gesellschaft darinnen. Das Handwerk war wert demjenigen, der es übte. Das Handwerk flößte der Seele etwas ein, was diese Seele trug. Nicht so bei denjenigen, die aus ihren Lebenszusammenhängen herausgerissen wurden und in die öde Fabrik hineingeführt wurden, an die Maschine gestellt und in den [den] Menschen fremden Kapitalismus eingespannt wurden. Diese Menschen empfingen nichts aus ihrer Umgebung heraus. Fremd war alles dasjenige, was ihnen entgegenfloss aus ihren Arbeitsmitteln, aus ihrer Arbeitsumgebung. Worauf waren sie gewiesen, wenn sie die Frage aufstellten: Was bin ich als Mensch in der Welt? Was bedeute ich in der menschlichen Gesellschaft? Auf ihr Inneres waren sie gewiesen, auf dasjenige, was laut aus der Seele aufsteigen kann, was von dem Inneren aus dem Menschen sagen kann: Das bedeute ich in der Welt als Mensch. - Aber es ist ganz selbstverständlich, dass nicht aus einer inneren Intuition heraus, aus einer inneren Erleuchtung heraus Antwort kommen konnte diesen Leuten auf Fragen nach ihrer Menschenwürde, nach ihrem Menschenwert. Sie sahen sich um nach demjenigen, was die führende Klasse ihnen bieten konnte. Geradeso, wie angenommen haben die von Norden anstürmenden Barbarenmassen früher das Christentum, so wollten annehmen, wollten annehmen die modernen Proletariermassen dasjenige, was ihnen an Geistesleben entgegengebracht werden konnte, was ihnen an einer gewissen Weltanschauungsgesinnung entgegengebracht werden konnte von denjenigen führenden Klassen, die solches Geistesleben, solche Gesinnung hatten. Man darf das nicht verkennen, sehr verehrte Anwesende. Es wurde oftmals ganz und gar verkannt, dass mit einem gewissen, ich möchte sagen, unbewussten Vertrauen die moderne Arbeitermasse den führenden Klassen entgegenkam und verlangte von ihnen: Gebt uns aus eurem Wissen, aus der Wissenschaft heraus, zu der ihr es gebracht habt, Auskunft, was der Mensch eigentlich bedeutet in der Welt! Wie war aber diese wissenschaftliche Denkungsweise? Wie war dasjenige, was als eine wissenschaftlich orientierte Vorstellungsart das Bürgertum ausbildete ungefähr gleichzeitig mit dem Heraufkommen der modernen Technik und des modernen Kapitalismus? Das war so, dass selbstverständlich alles dasjenige, was geschehen ist, auch in einem gewissen Sinne historische Notwendigkeit ist. Man kann gewissermaßen hypothetisch sagen: Dasjenige, was nun das Bürgertum zu bieten hatte dem Proletariat an Geistesleben, das war zwar wissenschaftlich geartet, das war gerade die Errungenschaft der neu heraufkommenden Wissenschaft; aber man hatte in den führenden Klassen nicht verstanden, hineinzugeheimnissen in diese wissenschaftliche Gesinnung die Stoßkraft des geistigen Lebens, die den alten Weltanschauungen eigen war. Man braucht sich da nur zu erinnern an dasjenige, was an solcher Stoßkraft in alten religiösen, in alten künstlerischen Vorstellungen lebte, in allgemeinen Weltanschauungsvorstellungen lebte. Diese Vorstellungen waren geeignet, dem Menschen etwas zu geben, das seine Seele trug, seine Seele ganz ausfüllte, seiner Seele zeigen sollte, wie diese Seele zusammenhing mit einer über der bloßen Natur stehenden geistigen Welt. Das konnte die moderne wissenschaftliche Vorstellungsart nicht. Gerade das war man - gewiss, es war notwendig, aber man kann es doch so charakterisieren: Es war so, dass sich die alten Weltanschauungen, und ihre Träger namentlich, sogar feindlich stellten gegen dasjenige, was als moderne wissenschaftliche Gesinnung heraufgezogen ist. Man verstand nicht, dieser Wissenschaft etwas mitzugeben, was ein Seelentragendes gewesen wäre. Und so wurde diese Wissenschaft wohl geeignet, dem Menschen Aufklärung zu geben über die Natur und über die Art, wie er selbst in der Natur drinnensteht; aber unmöglich konnte diese Wissenschaft in allem Ernste dem Menschen etwas sagen über diejenigen Fragen, die in seinem tiefsten Inneren auftauchten: Was bin ich als Mensch? So brachte, man möchte sagen, das Proletariat den führenden Klassen wohl Vertrauen entgegen; aber dieses Vertrauen, das wurde, wenn das auch selbst heute noch nicht voll gewusst wird von dem Proletariat, so muss man es sagen: Dieses Vertrauen wurde getäuscht. Das Proletariat glaubte, in der modernen Wissenschaft etwas finden zu können, was ihm Bekenntnis, was ihm gewissermaßen Religion werden könnte, und was fand es? Da gibt es wiederum ein Wort, das hell leuchtet auf dasjenige, was in den modernen proletarischen Seelen lebt und vorgeht. Es gibt das Wort, das man in proletarischen Schriften, in proletarischen Versammlungen immer wieder und wieder hören kann, das Wort, das proletarische Führer immer auf der Zunge haben - es gibt das Wort «Ideologie». Was meint das Proletariat, wenn es von Ideologie spricht? Es meint das, dass das gesamte Geistesleben: Wissenschaft, Kunst, Religion, Recht, Sitte, Sittlichkeit, dass das alles nicht etwas ist, was eine innere, über der Natur stehende geistige Wirklichkeit in sich birgt, sondern dass das alles nur auf Ideen beruht, die bloß die Spiegelbilder, ein bloßer Abglanz sind desjenigen, was draußen im materiellen Leben vorgeht. Herabgelähmt so weit war das Geistesleben, das die bürgerliche Klasse dem Proletariat übergab, herabgelähmt war das so weit, dass die proletarische Klasse es nach und nach nur als Ideologie empfinden konnte, dass sie nicht mehr in ihm etwas spürte, was als Wirklichkeit die Seele trug, sondern in ihm spürte nur wesenlose, unwirkliche Spiegelbilder der äußeren materiellen Wirklichkeit. Und welches war für den Proletarier diese äußere materielle Wirklichkeit? Nur das Wirtschaftsleben, in das er eingespannt war, nur die Maschine, die Fabrik. Die nur gab ihm der öde Kapitalismus, in den er gesellschaftlich hineingestellt war. Und so zeigte sich dieses, dass nunmehr bei dieser neuen Völkerwanderung von unten nach oben auch die Menschen verlangten nach einer geistigen Nahrung, dass ihnen aber eine geistige Nahrung nur geboten wurde, die nach und nach die Seelen aushöhlte, die nach und nach die Seelen öde machte. Und was war die Folge davon? Die Folge davon war, dass Forderungen auftraten im modernen Proletariat, die nicht beleuchtet sein konnten von dem Impuls irgendeines geistigen Lebens, die sich gewissermaßen als bloße Instinkte geltend machen mussten. Indem das Proletariat das Geistesleben, das ihm vererbt worden ist von den führenden Klassen, als Ideologie empfindet, muss es dieses Geistesleben auf der einen Seite ablehnen, muss aber auf der anderen Seite dieses Geistesleben auch so wirken lassen, dass ihm genommen wird die Möglichkeit, die es darinnen gesucht hat in diesem Geistesleben, durch dieses Leben zu fühlen, was er als Mensch ist, wodurch er sich hineinstellt in die ganze wissenschaftliche Ordnung. Mit diesen Andeutungen, sehr verehrte Anwesende, glaube ich berührt zu haben das eine Glied in der modernen proletarischen, in der modernen sozialen Bewegung. Überhaupt, mehr als man glaubt, ist diese Bewegung eine geistige Bewegung, nicht aber eine solche, auf die das Geistige in segensvoller Weise gewirkt hat. Aus dem Vertrauen zu dem Geistesleben der führenden Klassen ist Misstrauen geworden. Und in den Tatsachen, die heute für viele so schreckhaft dastehen, erlebt man die Konsequenzen dieses Misstrauens. Ja, wie sich die Dinge an der Oberfläche abspielen, wie sie sich in der menschlichen Vorstellung ausleben, das ist manchmal nicht das Wesentliche, nicht das Maßgebende; in dieser Beziehung missversteht sich der Mensch oftmals selbst. Dasjenige, was unten [in der wahren Tiefe] der Seelen wühlt, das ist dasjenige, worauf es ankommt. Und wenn er es auch noch so wenig zugibt, der moderne Proletarier, in den Tiefen seiner Seele lechzt er nach etwas, was diese Seele tragen kann. Und wenn er glaubt, es in der landläufigen wissenschaftlichen Gesinnung zu finden, zu finden mit seiner Vorstellung, seinen Gedanken, so sagt ihm das unbewusste Gefühl, dass er mit seiner ganzen Lage unzufrieden sein muss, weil ihm gewissermaßen diese moderne wissenschaftliche Gesinnung doch nur zeigt die Nichtigkeit des Menschen. In dieser Beziehung ist ein großer Unterschied, ein gewaltiger Unterschied zwischen dem, was noch das Bewusstsein der führenden Klassen durchflößt, und demjenigen, was durchflößt das Bewusstsein des Proletariers. Sehr verehrte Anwesende, diese Dinge muss man erlebt haben so, wie sie sich elementar abspielen in dem strebenden Proletariat selbst. Wenn ich etwas Persönliches hier einschalten darf: Ich erinnere mich sehr genau einer Szene mit allen ihren Einzelheiten, die ich unter anderem auf diesem Gebiete erlebt habe, als ich vor Jahren gleichzeitig auf dem Vortragspult stand mit der jüngst so tragisch umgekommenen Rosa Luxemburg. Gerade in dieser Szene zeigte sich mir die tiefe Kluft, welche besteht und immer mehr und mehr sich vergrößern musste zwischen den führenden Klassen und dem anstürmenden Proletariat. Man konnte als bürgerlicher Mensch, als Mitglied der führenden Klasse gut überzeugt sein von dem, was die moderne Wissenschaft über den Menschen lehrt, man konnte theoretisch ein Freigeist sein, man konnte theoretisch sogar Atheist sein, aber mit dem, was in den Gefühlen lebte, stand man drinnen in einem Lebenszusammenhang und wollte auch darinnen bleiben, selbst wenn man ein Naturforscher wie Vogt oder ein naturwissenschaftlich-psychologischer Forscher wie zum Beispiel Büchner war, wollte darinnen bleiben, trotz aller theoretisch-wissenschaftlichen Überzeugung, in dem, was ein Lebenszusammenhang war, der wahrhaftig nicht von der modernen Wissenschaft bestimmt war, sondern von alten Weltanschauungsimpulsen. Da wirkte die Wissenschaft zwar theoretisch überzeugend, aber es entstand in der Seele nicht der Anspruch, durch diese Wissenschaft ganz ausgehöhlt zu werden. Anders beim modernen Proletarier. Ich erinnere mich an die Worte genau, die in ihrer Rede über die Wissenschaft und die Arbeiter damals die Rosa Luxemburg sprach, wie sie den Arbeitern klar machte, dass die neuere wissenschaftliche Denkweise endlich den Menschen in wahrer Art über sich aufgeklärt hat, wie der Mensch jetzt wissen kann, dass er nicht seinen Ursprung hat, der in der Nähe von Engeln liegt oder irgendwelchen geistigen Wesen, wie der Mensch seinen Ursprung hat, indem er einstmals in unanständiger Weise kletternd auf Bäumen sich bewegte, und anderes dergleichen mehr. Solchen Ursprungs, sagte sie, auf solchen Ursprung ginge der Mensch zurück, und wer das bedächte, der müsse sich zugeben, welch ungeheures Vorurteil in all den Rangunterschieden, in all den Standesunterschieden, innerhalb der menschlichen Gesellschaft herrschend sind. Aus einem solchen Aufklären über den Menschen als Menschen, aus einem solchen Hinstellen des Menschen in die Naturordnung, nicht in eine geistige Weltordnung, folgte für den Proletarier noch etwas ganz anderes als für den Angehörigen der bürgerlichen Klasse. Das gab dem modernen Proletarier sein Seelengepräge. Das machte ihn zu dem, was er eigentlich ist. [Sagen] Sie nicht, sehr verehrte Anwesende, wie viele Proletarier gibt es, die sich mit solchen Dingen beschäftigen. Wie weit ab liegt die proletarische Brotfrage oder Stellungsfrage von dem, was solche Weltanschauungsfragen berührt! Wenn Sie dieses sagen, so bezeugen Sie damit nur, wie wenig Sie kennen die Wirklichkeit der proletarischen Bewegung. Mag der einzelne Proletarier noch so ungebildet sein nach der Ansicht der führenden Klasse, mag er noch so wenig gehört haben von den Dingen, die ich eben angedeutet habe - innerhalb der proletarischen Klasse ist er so eingeordnet, dass tausend Fäden führen, von den vielleicht wenigen Wissenden, dass tausend Fäden führen von solchen Dingen zu ihm. Und die radikalsten Handlungen, die radikalsten Maßnahmen, die heute die führenden Kreise erschrecken, die vom Proletariat ausgehen, sie stehen in einem wirklichen Zusammenhänge mit der geistigen Richtung, mit dem geistigen Gepräge, welche das Proletariat erlangt hat. So ist die proletarische Frage in einem ihrer Glieder mehr, als man meinen könnte, eine geistige Frage. Aber sie ist nicht allein eine geistige Frage. Sie ist in zweiter Linie dasjenige, was man eine Rechtsfrage nennen kann. Denn noch etwas anderes geschah in derselben Zeit, in der sich die moderne Technik, der moderne Kapitalismus ausbildeten. Es geschah eine gewisse Hinlenkung der menschlichen Interessen an das staatliche Leben. Auch was da geschah, verkennt man vielfach heute. Geschichte ist ja eigentlich so, wie sie gelehrt wird, heute gewöhnlich nur eine An fable convenue. Die Menschen stellen sich heute vor, so, wie der Staat heute ist, war er ungefähr so das ganze geschichtliche Leben hindurch. Das ist aber nicht der Fall. Dasjenige, worauf es im staatlichen Leben heute ankommt, das hat sich eigentlich erst herausgebildet in den letzten vier Jahrhunderten. Es hat sich dadurch herausgebildet, dass die führende Klasse in dem Staate etwas sehen konnte, was ihren Interessen dient. Der Staat ist den führenden Klassen ein Instrument für dasjenige, was nicht gerade ihre Interessen [Lücke in der Mitschrift] im Laufe früherer Zeiten herausgebildet hatte. Und die Folge davon war, dass die leitenden, die führenden Klassen im Staate zu verwirklichen suchten dasjenige, was sie ihre Rechte nannte. Man kann es geschichtlich verfolgen, wie das Eigentumsrecht, wie andere Rechte sich nach und nach dadurch herausgebildet haben, dass immer mehr und mehr die führenden Klassen der Menschheit ihre Interessen verbanden mit dem Staatsleben. Aber der Arbeiter ward an die Maschine gerufen, ward in die Fabrik gesteckt, ward eingespannt in den seelenlosen Kapitalismus. Für ihn blieb ein Recht unverwirklicht bei der Verwirklichung der Rechte im modernen Staatsleben. Und dieses unverwirklichte Recht, das brachte einen der stärksten Impulse der modernen sozialen Bewegung herauf. Dieses unverwirklichte Recht, es entstand dadurch - oder vielmehr, das entsprechende Recht entstand nicht, weil der Arbeiter ganz und gar hineingestellt wurde in das bloße Wirtschaftsleben, in das bloße äußere ökonomische Dasein, in dasjenige, was sich nur ausspricht in Warenproduktion, Warenzirkulation und Warenkonsumtion. Und innerhalb dieses wirtschaftlichen Daseins stellte es sich heraus, dass ein wichtiger Faktor wurde innerhalb dieses wirtschaftlichen Lebens bei der Produktion der Waren, auch im modernen technischen Sinne, die menschliche Arbeitskraft! Was ist geworden diese menschliche Arbeitskraft? Diese menschliche Arbeitskraft wurde selber zur Ware. Andere, die objektive Waren hatten, boten sie auf dem Warenmärkte an; die Waren wurden gekauft, werden gekauft. Der Arbeiter hat nichts zu verkaufen als seine Arbeitskraft. Und diese Arbeitskraft nahm den Charakter der Ware an. Geradeso wie andere Waren unterlag sie dem Gesetze von Angebot und Nachfrage. Das lernte fühlen der moderne Proletarier, und tief, tief drang es in seine Seele ein, das Bewusstsein: Ja, es ist menschenunwürdig, ein Stück von sich selbst als Ware zu wissen innerhalb der menschlichen gesellschaftlichen Ordnung. Was dieser Impuls bedeutet, davon bekommt man ein Verständnis, verehrte Anwesende, wenn man immer wieder und wiederum gesehen hat, wie es einschlug in die Herzen der Proletarier. Was ihnen zum Beispiel aus dem Marxismus und ähnlichen sozialistischen Bekenntnissen in die Seelen floss, wo ihnen klargemacht wurde, durch die moderne kapitalistische Produktionsweise sei ihre Arbeitskraft zu einer gewöhnlichen Ware geworden. Das verstand aus dem ei genen Leben heraus der Proletarier. In dem drückt sich aber die soziale Frage in einem zweiten Punkt, in einem zweiten Gliede in ihrer wahren Gestalt aus. Allerdings glaubt der moderne Proletarier, dass es ganz erklärlich sei, dass das moderne Wirtschaftsleben seine Arbeitskraft zur Ware gemacht hat, und er glaubt sogar, dass die Weiterentwicklung dieses Wirtschaftslebens seiner Arbeitskraft den Charakter der Ware wiederum nehmen werde. Aber dieser Glaube ist eitel. Dieser Glaube ist nur an der Oberfläche des Bewusstseins. In den Tiefen der Seele fühlt der Proletarier etwas anderes. In den Tiefen der Seele fühlt er, dass diese Arbeitskraftfrage nichts weiter ist als eine Fortsetzung desjenigen, was 'sich innerhalb der Menschheit ausdrückt auf dem Wege vom Sklaventum durch die Leibeigenschaft eben bis zu dem modernen Proletariat, das seine Arbeitskraft zu Markte zu tragen hat. In anderen Zeiten konnte man den ganzen Menschen kaufen als Sklave. Dann ist die Zeit, wo man weniger vom Menschen, aber immerhin noch ein gutes Stück von ihm innerhalb des wirtschaftlichen Lebens kaufen konnte, in der Leibeigenschaft. In der neueren Zeit innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsordnung kann man nur die Arbeitskraft kaufen, aber der ganze Mensch muss mitgehen, wenn man seine Arbeitskraft kauft. Der ganze Mensch kommt dadurch in eine Abhängigkeit von demjenigen, der ihm die Arbeit gibt, die er als menschenunwürdig empfindet. Und Verständnis kann man dieser Sache nur entgegenbringen, wenn man gewahrt, dass man es in dieser Frage über die menschliche Arbeitskraft nun zu tun hat mit einer Rechtsfrage. Ich sagte vorhin: Der Arbeiter ist zu kurz gekommen. Sein Arbeitsrecht wurde nicht verwirklicht im modernen Staatsleben. Er wurde in das Wirtschaftsleben hineingeworfen, und aus dem Wirtschaftsleben heraus gestaltete sich das Verhältnis seiner Arbeitskraft zu den übrigen Faktoren der menschlichen Gesellschaft. Immer mehr und mehr machte sich in dem Unbewussten der Drang geltend, sich herauszureißen aus diesem Wirtschaftsleben, sich herauszureißen und sich hineinzutragen in ein anderes Gebiet, wo die Arbeitskraftfrage nicht eine bloße Wirtschaftsfrage ist, wo sie zu einer Rechtsfrage wird. Das steckt eigentlich in der Arbeitskraftfrage: die Umwandlung der Arbeitskraft aus einem wirtschaftlichen Faktor in einen Rechtsfaktor. Dies ist die wahre Gestalt der zweiten Gliederung der sozialen Frage. Das dritte Gebiet, das kann man betrachten in seiner wahren Gestalt, wenn man auf das Wirtschaftsleben selber hinschaut. Dieses Wirtschaftsleben, es ist menschlich getrübt dadurch, dass in ihm nicht nur vom Menschen abgesonderte Waren zirkulieren, sondern dass in ihm menschliche Arbeitskraft entlohnt wird, wie eine Ware bezahlt wird. Dadurch steckt im modernen Wirtschaftsleben nicht nur objektive Ware, die dem Tausche unterliegt, dadurch [stecken im modernen Wirtschaftsleben] Menschen, die abgetrennt werden von der übrigen Menschheit, dadurch, dass sie in ihrem ganzen Wollen, in allen ihren Seelenimpulsen bestimmt werden müssen von diese[m] Wirtschaft[sleben]. [Das wegzureißen] von dem Menschen, es zu stellen auf seine Grundlage, es auf die Grundlage zu stellen, auf der es dann einen bloßen Warenzirkulationscharakter hat: Das ist das dritte Gebiet der sozialen Frage in seiner wahren Gestalt. Und so sehen Sie, dass die soziale Frage eigentlich drei Kernpunkte hat, in drei Glieder zerfällt: Das eine Glied ist eine geistige Frage, das zweite Glied ist eine rechtliche Frage, das dritte Glied ist eine wirtschaftliche Frage. Diese drei Glieder des sozialen Lebens, diese drei Kernpunkte muss man berücksichtigen, wenn man überhaupt irgendeine Einstellung gewinnen will in der modernen sozialen Bewegung. Diese Einstellung kann sich nur ergeben, wenn man das Folgende bedenkt. Unsere Zeit ist in einer schweren Krise der Menschheitsentwicklung schon einmal drinnen. Und etwas von dieser Krise zeigt sich in dem Folgenden: Soziales Leben - selbstverständlich gab es auch früher soziales Leben. Aber die Menschen stellten sich in dieses soziale Leben so hinein, dass sie gewisse Gedanken wie selbstverständlich hatten, die sie in ein Verhältnis brachten von Mensch zu Mensch. Das beginnt jetzt anders zu werden. Es begann eigentlich seit Langem schon anders zu werden. Die Notwendigkeit zieht herauf, dass in jedem einzelnen Menschen eine Empfindung davon er wächst, wie er drinnensteht in dem gesamten sozialen Organismus. Und notwendig wird es werden, dass etwas von dieser Empfindung in unser Erziehungswesen, in unser Schulwesen einzieht. Die Menschen können sich nach ihren Denkgewohnheiten zu solchen Dingen sehr schwer bequemen. Dennoch werden die Menschen lernen müssen, zu diesen Dingen sich immer mehr und mehr hingezogen zu fühlen. Heute gilt man als [ein] gebildeter Mensch nur, natürlich, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, wenn man die vier Rechnungsarten wenigstens kennt, wenn man nicht Analphabete ist. Man muss ein gewisses Maß von Bildung haben, wenn man im rechten Sinne unter den Menschen gerechnet werden will; aber man kann recht wenig ergriffen werden von der Empfindung, drinnenzustehen in einem sozialen Organismus, wie ein einzelnes menschliches Glied im natürlichen menschlichen Organismus drinnensteht. Empfindungen werden ausgebildet werden müssen wie die Regeln, wie die Wahrheiten des Einmaleins, in dem zukünftigen Menschen - Empfindungen davon, wie sich äußert im sozialen Organismus das geistige Leben, das Rechtsleben, das Wirtschaftsleben. Darinnen liegt mehr, in dem eben Gesagten, als man gewöhnlich meint. Darinnen liegt die eigentliche rein menschliche Seite der sozialen Frage. Wenn heute über den sozialen Organismus geredet wird, da kommt man oftmals zu dem Gedanken, dass eigentlich in alledem Reden über den sozialen Organismus etwas steckt wie ein letzter Rest eines mittelalterlichen Aberglaubens. Dieser mittelalterliche Aberglaube tritt einem in einer gewissen Szene des zweiten Teiles des «Faust» von Goethe entgegen, da, wo Wagner im Laboratorium den Homunkulus bereitet, bereiten will den Homunkulus nach bloßen abstrakten menschlichen Ideen, aus natürlichen Ingredienzien heraus. Goethe behandelt da in seiner Art den mittelalterlichen alchemistischen Aberglauben. An diese mittelalterliche Alchemie glaubt selbstverständlich die moderne aufgeklärte Menschheit nicht; aber sie weiß nicht, dass sie oftmals nur auf ein anderes Gebiet einen solchen Aberglauben übertragen hat. Dasjenige, das man mit Bezug auf den sozialen Organismus, das soziale Lebewesen, heute versucht mit al lerlei sozialistischen Theorien, und sozusagen anstrebt in dem, was im «Faust» der mittelalterliche Alchemist tut, indem er auf künstliche Art ein lebendiges Wesen, ein Menschlein selbst erzeugen wollte, das, was angestrebt wird als sozialer Organismus, aus allerlei Prinzipien heraus, aus allerlei Impulsen heraus, von dem müsste man sich auch sagen: Es ist künstlich erdacht. Es liegt nicht das Prinzip zugrunde, ein Selbst-sich-Tragendes, ein Natürliches werden zu lassen, ihm nur die Gelegenheit zu geben, dass es lebensfähig werde - diese Empfindung gegenüber dem sozialen Organismus muss in die Menschheit einziehen. Die Menschen müssen erkennen lernen, dass man nicht theoretisch nachzudenken hat: Wie soll man es machen, dass eine soziale Ordnung entstehen kann? -, sondern dass man die Wirklichkeit zu fördern hat, durch welche diese soziale Ordnung fortdauernd sich verwirklichen kann. Wer von diesem Gesichtspunkte aus an die Betrachtung des sozialen Organismus herangeht, der findet, sehr verehrte Anwesende, dass durch die ganze Entwicklung, die sich im Laufe der letzten Jahrhunderte ergeben hat, und insbesondere durch die Entwicklung des neunzehnten Jahrhunderts drei Glieder dieses sozialen Organismus gewissermaßen zusammengeschweißt worden sind, von denen jedes eine gewisse Selbstständigkeit fordert, um wirken zu können. Man wird sich am besten über diese Sache verständigen können, wenn man einen Vergleich zieht. Aber es soll nicht eine wissenschaftliche Spielerei sein, sondern eben nur ein Vergleich, wenn man einen Vergleich zieht zwischen dem sozialen Organismus und dem natürlichen menschlichen Organismus. Ich habe auf die Wahrheit, die hier zugrunde liegt, in meinem letzten Buche Non Seelenrätse]n» hingewiesen. Wir sind heute naturwissenschaftlich schon so weit — das, was ich jetzt sagen werde, wenn auch die naturwissenschaftlichen Gelehrten selbst das noch nicht anerkennen, sie werden es schon anerkennen -, das, was ich jetzt sage, wird voll behauptet werden können: Es ist schon so, das System des menschlichen natürlichen Organismus besteht aus drei Gliedern eigentlich. Das eine Glied ist dasjenige, was man nennen kann das Nerven-Sinnen-System, was diejenigen Vorgänge, die in den Nerven und Sinnen sich abspielen, umfasst. Das zweite Glied des natürlichen menschlichen Organismus ist dasjenige, was ich nennen möchte das rhythmische System, dasjenige, welches umfasst die Tätigkeit der Lunge und des Herzens und alles dessen, was damit zusammenhängt. Und das dritte System, das ist das Stoffwechselsystem, das man oftmals als das gröbste, als das materialistischste System im menschlichen Organismus empfindet. Diese drei Systeme des menschlichen Organismus, sie sind nicht zentralisiert vollständig; jedes hat eine gewisse Selbstständigkeit, und jedes steht auch selbstständig in einem gewissen Verhältnis zur Außenwelt. Das Nerven-Sinnessystem eben durch die Sinne; das rhythmische System durch die Atmungsorgane; das Stoffwechselsystem durch die Ernährungsorgane. Diese drei Organsysteme Öffnen sich selbstständig nach der Außenwelt. Wie gesagt, nicht um ein wissenschaftliches Analogienspiel zu treiben, sondern nur, um mich verständlich zu machen, weise ich hin auf diese drei selbstständigen Glieder des menschlichen Organismus. Das Nerven-Sinnessystem hat eine gewisse Selbstständigkeit, und gerade dadurch kann es in der richtigen Weise dargestellt und unterstützt werden von dem Atmungs-, von dem rhythmischen System, das wiederum selbstständig wirkt und in einem selbstständigen Zusammenhang mit der Außenwelt steht. Würde alles dasjenige, was im menschlichen Organismus ist, nach einem einzigen Punkte hin zentralisiert sein, so könnte der menschliche Organismus nicht in jener vollkommenen Harmonie bestehen, in der er besteht. Dasjenige, was durch die Natur der menschliche Organismus geworden ist, ein dreigliedriges System mit drei relativ selbstständigen einzelnen Gebieten, das muss werden aus dem Impulse der neueren Zeit heraus der gesunde soziale Organismus. Er war es bisher auf eine instinktive Weise. Auf die bewusste Weise muss der Mensch hinarbeiten, es muss dabei jeder einzelne Mensch diesen gesunden sozialen Organismus aufbauen. Das erfordert aber, dass man einsehen wird, dass die Zusammenschweißung von drei Gliedern in dem einen staatlichen Leben aufhören muss. Und hier berühren wir einen derjenigen LÖsungsversuche, der einzig und allein den Charakter eines Wirklichkeitsdenkens trägt, einen derjenigen Lösungsversuche, an die aber gerade die Menschheit der Gegenwart am allerwenigsten denkt. Darauf kommt es an, dass man in dem sozialen Organismus zunächst herbeiführen kann, indem er lebensfähig wird -, das kann man aber nur, indem man gewisse Dinge wieder auseinanderstreben lässt, die in den letzten vier Jahrhunderten durch die geschichtlichen Impulse zusammengestrebt haben. Es handelt sich nämlich dabei um Folgendes. Zunächst haben die führenden Klassen eben durch die Interessen, die sie nach dem Staate hindrängten, auch das geistige Leben in diesen Staat hineingezogen. Der Staat hat immer mehr und mehr seine Macht auch über das geistige Leben ausgedehnt. Das soziale Wesen und viele andere Zweige des geistigen Lebens sind in die Sphäre des Staates einbeschlossen worden. Wer das geistige Leben aber kennt, sehr verehrte Anwesende, seinem inneren Gefüge nach, wer da weiß, was in diesem geistigen Leben wirken soll, wenn dieses geistige Leben seelentragend sein soll, der weiß, dass dieses Seelentragende, dieser wahre Wirklichkeitsimpuls des geistigen Lebens, immer mehr und mehr schwinden muss, wenn sich die äußere Macht des Staates dieses geistigen Lebens bedient. Das geistige Leben kann einzig und allein nur dadurch den Menschen voll erfüllen, dass es auf die unmittelbar individuelle Freiheit des Menschen, auf die freie Initiative jedes einzelnen Menschen, auf die Begabungen und Fähigkeiten jedes einzelnen Menschen gestellt ist. Man schaudere nicht zurück vor dem Gedanken, dass das geistige Leben wiederum herausgezogen werden muss aus der Sphäre des Staates, damit es durch seine eigenen Kräfte sich entwickeln kann. Sowenig das moderne Proletariat dies weiß - gerade diejenige Sehnsucht, die es hingetrieben hat nach dem geistigen Erbgut des Bürgertums, diese Sehnsucht ist in den Tiefen der Seele, in den unbewussten Tiefen der Seele in Wahrheit da: nach einem befreiten Geistesleben! Erst dann, wenn dieses Geistesleben herausgeholt sein wird aus dem staatlichen Organismus, wenn es auf sich selbst gestellt sein wird, dann wird es wiederum die Stoßkraft haben, die Stoßkraft haben durch die freie Initiative des Menschen, durch das Verbundensein der tiefsten, innersten Interessen mit dem Geistesleben, die notwendig sind, um dem Menschen ganz innerlich die Frage zu be antworten: Was weiß ich als Mensch? Ein Geistesleben, das losgelöst sein wird von dem äußeren, wiederum mit dem Wirtschaftsleben und Rechtsleben verquickten Staate, ein solches Geistesleben wird nicht materialistisch sein. Der Staat hat die Wissenschaft materialisiert. Der Staat hat das Geistesleben veräußerlicht. Das verinnerlichte geistige Leben, das ist geeignet, aus dem Proletarier eine ganz andere Persönlichkeit zu machen. Das ist der erste Kernpunkt in den Lösungsversuchen, in dem wahren Lösungsversuche der sozialen Frage; wenn es auch heute der Proletarier noch nicht weiß, er lechzt nach derjenigen Entwicklung, die er braucht und die er nicht hat empfangen können, trotzdem er sie verlangt hat in dieser Zeit, als er zunächst in die Fabrik gesteckt worden ist, in umfassender Art. Sehr verehrte Anwesende, dann aber, wenn herausgeholt worden war aus dem Gebiet des eigentlichen politischen Staates das Geistesleben, dann wird diesem Staat verbleiben das eigentliche Rechtsleben. Und er wird dann von selbst dazu gedrängt werden, gewissermaßen seine Kompetenz zu beweisen. Er wird dann einsehen, dass er der Hort des Rechtes sein muss. Dann wird auch die Tendenz entstehen, geradeso, wie auf der einen Seite das geistige Leben hinausgedrängt ist aus der Sphäre des Staates, das Wirtschaftsleben hinausgedrängt ist, das auch durch die leitende Klasse in den Staat hineingedrängt worden ist, man hat angefangen mit den größeren Verkehrsanstalten: Post, Telegraf, Eisenbahn und so weiter, die Verstaatlichungen, Vergesellschaftungen geworden sind. Man ging immer weiter. Und das moderne Proletariat will die letzten Konsequenzen ziehen, will alles verstaatlichen, und macht auch da nur dasjenige nach, zieht die letzten Konsequenzen davon, was es als Erbgut von dem Bürgertum empfangen hat. In dem Augenblick, wo man gewissermaßen das geistige Leben befreit haben wird von der Sphäre des Staates, wird der Staat selbst einsehen, dass er auch das Wirtschaftsleben nach der anderen Seite aus sich herauszudrängen hat. Dann wird dem Staat sein eigenes Gebiet bleiben, und drei Glieder des gesunden sozialen Organismus werden bestehen. Das erste also angesehen relativ als das Staatsleben, öffentliche Rechtsleben, und das wieder abgerundete, abgesonderte, mit realem Inhalt ausgestattete Wirtschaftsleben, das seine eigenen Gesetze hat, wie das Rechtsleben, wie das Geistesleben seine eigenen Gesetze hat. Ganz selbstständige Impulse ruhen in diesen drei Gebieten. Das Wirtschaftsleben ist ganz beherrscht von dem, was der Mensch als Bedürfnis im alltäglichen und sonstigen höheren Leben auch hat. Das Wirtschaftsleben muss aufgebaut sein auf das Interesse, auf die Befriedigung der Bedürfnisse. Und eine Eigentümlichkeit des Wirtschaftslebens, sehr verehrte Anwesende - es ist schade, dass ich diese Dinge nicht weiter ausführen kann, aber die Zeit drängt -, ein besonderer Charakter des Wirtschaftslebens spricht sich darinnen aus, dass dasjenige, was im Wirtschaftsleben zirkuliert, gerade hingehörig sein muss auf den zweckmäßigsten Verbrauch. Alles dasjenige, was im Wirtschaftsleben erzeugt wird, es will in der entsprechenden Weise verbraucht werden. Und wird es nicht verbraucht, so hat es sein Ziel verfehlt. Wenn aber das der Fall ist, dann darf nicht eingespannt sein in dieses Wirtschaftsleben die menschliche Arbeitskraft; denn die darf nicht restlos verbraucht werden, die muss bewahrt werden für dasjenige, was der Mensch sein will als ein Wesen, das sich in rechtlicher Weise hineinstellt in die ganze Weltenläge. Dieses Menschenwesen muss etwas herausentnehmen können aus dem bloßen Wirtschaftsleben, darf nicht völlig verbraucht werden im Wirtschaftsleben. Was für jeden Menschen herausgenommen werden muss aus diesem Wirtschaftsleben, das ist das Verhältnis von Mensch zu Mensch selbst, und das Arbeitsverhältnis ist kein anderes Verhältnis, als ein solches von Mensch zu Mensch auf dem Gebiete des politischen Staates, der neben dem Wirtschaftsleben das zweite Glied im gesunden sozialen Organismus ist. Da wirkt nicht wie im Wirtschaftsleben das Interesse, sondern da wirkt das Recht, da wirkt dasjenige, was den Menschen gleich macht dem anderen Menschen, Da wirkt das Gesetz, vor dem alle Menschen in einer gewissen Beziehung gleich sein müssen, Aber dieses Recht kann nur wirken, auch auf die menschliche Arbeitskraft, wenn die Konsequenz, wenn die Bestimmung der menschlichen Arbeitskraft nicht aus den Wirtschaftsprozessen heraus geregelt wird, sondern wenn sie geregelt wird durch das Recht; wie andere Rechte Gegenstand sein müssen des vom Wirtschaftsleben und geistigen Leben abgesonderten politischen Staates, so muss auch das Arbeitsrecht entschieden werden innerhalb dieses abgesonderten politischen Staates, nicht innerhalb des Wirtschaftslebens. Und so wird sich herausbilden müssen im gesunden Organismus das selbstständige Wirtschaftsleben, das auf das Interesse und des Menschen Bedürfnis gebaut wird, das vorzugsweise in Assoziationen sich ausleben wird, welche aufgebaut sind für die gegenwärtige Regelung von Konsum und Produktion und anderem, was im Wirtschaftsleben vorhanden ist. Es wird sich aufbauen mit realer Selbstverständlichkeit im gesunden sozialen Organismus der StaaL das öffentliche Recht, der nicht weiter Wirtschafter sein will. Gerade die entgegengesetzten Wege und Einrichtungen muss die Entwicklung nehmen, die vom Proletariate erträumt werden, der Staat muss gerade abgesondert werden, vom Wirtschaftsleben ausgeschaltet werden. Im Staate hat sich das eine öffentliche Recht auszubilden. Und das dritte Gebiet muss sein das freie Geistesleben, das auf die menschliche Freiheit, auf die menschliche Begabung allein gebaut werden kann. Wie der Staat allein gebaut werden kann auf das Recht, wie die Wirtschaft allein gebaut werden kann, das Wirtschaftsleben, auf das Interesse, so, wie kein menschlicher Organismus gesund bestehen kann, wenn der Kopf die Funktionen übernehmen wollte des Lungen- und Herzsystems oder des Stoffwechselsystems, so kann in der Zukunft kein gesunder sozialer Organismus bestehen, in dem diese drei Glieder durcheinandergemischt werden. Sie werden gerade in rechter Weise sich gegenseitig tragen und unterstützen, wenn ein jedes selbstständig dasteht. Daher muss gefordert werden durchaus eine relative Selbstständigkeit der charakterisierten drei Glieder. Wenn ich mich so ausdrücken darf: Das geistige Leben muss aus seinen eigenen Gesetzen heraus sich seinen Verwaltungskörper, seinen Gesetzgeber-körper bilden. Auf dem staatlichen Gebiete des Rechtes wird eine demokratische Ordnung zu herrschen haben. Da wird das Verhältnis geregelt werden von Mensch zu Mensch. Aber wiederum muss dieses staatliche System seinen eigenen Gesetzgebungs- und Verwaltungskörper haben. Und aus den Assoziationen des Wirtschaftslebens heraus wird die ganze soziale Struktur dieses Wirtschaftslebens sich ergeben. Aber diese drei Glieder werden gewissermaßen jedes für sich souverän, wie souveräne Staaten nebeneinander stehen und miteinander zu verantworten haben, um ein ähnliches Verhältnis miteinander einzugehen, wie die drei charakterisierten Gliedersysteme des menschlichen natürlichen Organismus. Man ist vielleicht heute etwas erstaunt, wenn man auf eine solche Lösung der sozialen Frage hinschaut. Aber sehr verehrte Anwesende, die Denkweise, die hier vor Ihnen vertreten wird, sieht nicht auf Theorien, sondern sieht auf Wirklichkeiten. Sie frägt nicht: Wie muss man denken, um das oder jenes soziale Problem zu lösen; sondern danach: Wie muss sich das menschliche Zusammenleben gestalten, damit der Mensch aus dem, was in Empfinden, Denken und Wollen selbst heraus die soziale Frage fortwährend löst? Weder aus dem einseitigen Wirtschaftsleben, noch aus dem einseitigen staatlichen Leben, noch aus dem einseitigen geistigen Leben kann irgendein Mensch die soziale Frage lösen. Denn diese soziale Frage ist nicht so etwas, was heute heraufgezogen ist in der Welt und morgen gelöst werden wird - die soziale Frage ist gekommen, um dazubleiben. Die soziale Frage ist in das menschliche Seelenleben eingetreten und wird nun immer da sein. Deshalb wird sie immer wieder von Neuem gelöst werden müssen. Es wird immer mehr der Zustand eintreten, dass das Wirtschaftsleben den Menschen verbraucht, dass der Mensch sich wieder herausretten muss, sich unabhängig machen muss vom Wirtschaftsleben, um im staatlichen Rechtsleben dasjenige wiederherzustellen, was im Wirtschaftsleben von ihm verbraucht wird. Gerade so, wie im menschlichen Nervensystem eben etwas verbraucht wird, was immer wiederhergestellt wird durch das Lungen-Herz-System. Nicht darauf kommt es an, das eine Gebiet mit dem ändern zu durchdringen, sondern darauf kommt es an, dass diese Gebiete nebeneinander stehen und gerade dadurch in der richtigen Weise lebendig aufeinander wirken. Einen gewissen Zustand des sozialen Organismus muss man anstreben, durch den dieser soziale Organismus lebensfähig werden wird. Ich konnte Ihnen das, was eigentlich der hier vertretenen Weltanschauung sich ergibt, nur skizzenhaft darstellen; das alles aber, was ich gesagt habe, ist in aller Ausführlichkeit heute schon wissenschaftlich zu begründen, und es ist in Bezug auf alle Einzelheiten auch wirklich für das Gesamtleben des sozialen Organismus auszuführen. Man muss nur sich klar sein darüber, dass die Fragen, die in Betracht kommen, nicht gelöst werden sollen dadurch, dass der eine oder andere aus seinem Nachdenken eine Ansicht gewinne über dies oder jenes, sondern die Fragen sollen dadurch gelöst sein, dass auf der einen Seite das Wirtschaftsleben da ist und etwas erzeugt, was auf der anderen Seite eine Gegenwirkung braucht auf geistigem, auf rechtlichem Wege. Dadurch bietet sich zwar nicht ein solcher Ausweg aus den sozialen Wirrnissen der Gegenwart, der morgen eine Lösung bringen kann; aber ein Ausweg bietet sich, der den sozialen Organismus in der Zukunft lebensfähig machen kann. Man möchte sagen: Instinktiv war dasjenige, was hier auseinandergesetzt worden ist, in den Seelen der modernen Menschen schon, als im achtzehnten, am Ende des achtzehnten Jahrhunderts ertönten die großen, gewaltigen Impulse durch die Französische Revolution, die sich kleideten in die Worte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Da war auf der einen Seite schon ein Gefühl dessen vorhanden, was zur Gesundung des sozialen Organismus zu geschehen habe; auf der anderen Seite war noch die Wirrnis, war noch der wirre Gedanke vorhanden, das alles in einem zentralisierten Staatswesen zu verwirklichen. Dann haben gescheite Menschen des neunzehnten Jahrhunderts oftmals nachgedacht, wie sich diese drei Impulse, die sich ausdrückten als Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, miteinander im wirklichen Leben vertragen sollen. Und manches außerordentlich Scharfsinnige ist mit Bezug darauf im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts zutage getreten. Da haben zum Beispiel Menschen von großem Scharfsinn gesagt: Die Freiheit, die bringt es mit sich, dass der Mensch aus seiner Individualität, aus seiner Persönlichkeit heraus schafft, alles dasjenige zutage treten lässt aus ihm heraus, was gerade ihm eigen ist; da kann er nicht vollständig gleich sein dem ändern. Gleichheit widerspricht der Freiheit. Und wiederum die Brüderlichkeit lässt sich schwer vereinen mit der bloßen Gleichheit und so weiter. Was liegt da zugrunde? Das liegt zugrunde, dass die wahre Bedeutung dieser drei Impulse Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit erst zutage treten kann nicht im einseitig zentralisierten, sondern erst im gesunden dreigliedrigen sozialen Organismus. Dieser gesunde soziale dreigliedrige Organismus, er wird seine drei Glieder in relativer Selbstständigkeit haben. Dasjenige, was sich auslebt auf dem Gebiete des geistigen Lebens, wird auf Freiheit aufgebaut sein, auf die individuelle Freiheits-lnitiative der menschlichen Begabung und Fähigkeit. Da wird die Freiheit verwirklicht werden können, wie im natürlichen Organismus, im Kopfe, also im Nerven-Sinnessystem das eine, in einem anderen System das andere verwirklicht wird. In dem eigentlichen politischen Staatsgliede des gesunden sozialen Organismus wird die Gleichheit aller Menschen als Mensch verwirklicht werden. Und in dem dritten Gliede, in dem wirtschaftlichen Gliede des gesunden sozialen Organismus wird die Brüderlichkeit verwirklicht werden. Selbst dann, wenn dieser soziale Organismus als dreigliedrige Wesenheit von Tag zu Tag immer aufs Neue verwirklicht wird, wird sie eben leben können, weil diese Dreigliedrigkeit dann wie eine weitere Einheit leben wird in Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Das alles, was ich ausgeführt habe, zeigt vielleicht eines, sehr verehrte Anwesende; es zeigt, dass viele Menschen sich heute Vorstellungen machen über das soziale Problem, welche sehr abweichen von einer wirklichen Erfassung des sozialen Problems durch die moderne Lebensnotwendigkeit. Wenig, glaube ich, ist noch Verständnis vorhanden für dieses aus dem Leben selbst Herausgegriffene der sozialen Frage, wie ich es Ihnen heute charakterisiert habe. Denn es erfordert dieses, dass man nicht nur zugibt, dies und jenes in den Zuständen muss geändert werden, sondern es erfordert, dass manches in den menschlichen Gedanken selber geändert werden muss. Man muss sich dazu bequemen, wenn die soziale Bewegung gesunden soll, nicht nur die Dinge umwandeln zu wollen, sondern sie in sich selber umdenken, umlernen zu wollen. Und laut sprechen die Tatsachen der Gegenwart, die für manchen so schreckhaft sind, dass man wohl umlernen müsse. Wie sollte man nicht umlernen müssen, nachdem sich gezeigt hat, dass dasjenige, was man durch Jahrzehnte, durch mehr als ein halbes Jahrhundert gelernt zu haben meint, sich als so unfruchtbar erweist bei Berücksichtigung der Geschichte mit Bezug auf die soziale Bewegung, gegenüber den Tatsachen selbst! Zeigen nicht die Tatsachen, dass sie etwas ganz anderes fordern als dasjenige, worauf man sich vorbereitet hat? Fordern also nicht diese Tatsachen, dass man umändern müsse? Nun, sehr verehrte Anwesende, wer so recht hinzeigt auf diese Tatsache, der wird sich sagen, dass es wohl [nottäte], dass die Kluft, die zwischen den Klassen sich aufgetan hat und über die heute kaum noch ein Verständnis führt, dass diese Kluft sich schließe; aber eines ist notwendig: dass die Seelen sich auftun, dass die Herzen sich öffnen und nach einem solchen Verständnis suchen. Dieses Verständnis muss aber dahin gehen, eindringen zu wollen in das Wesen des gesunden sozialen Organismus, eindringen zu wollen in das Wesen einer solchen Empfindung, die dem Menschen sagt: Ich stelle mich nicht würdig hinein in den sozialen Organismus, wenn ich nicht mitempfinde mit dem, was im sozialen dreigliedrigen Organismus geschieht. Wer dann anschaut, wie, sehr verehrte Anwesende, verschieden das ist, was als ein Lösungsversuch der sozialen Frage aus der Betrachtung des wirklichen Lebens sich ergibt, von dem, was sich viele Menschen als solche LÖsungsversuche vorstellen, wer das richtig ansieht, der wird, wenn er auf der anderen Seite einmal merkt, wie die laut sprechenden Tatsachen sind, also ein Augenmerk auf die laut sprechenden Tatsachen lenkt, der wird sich sagen: Zwar ist Anstrengung, zwar ist Überwindung der Denkunbequemlichkeit mancher Empfindungen und Willensunfähigkeit notwendig heute, wenn man einer Tatsache gegenüber entsprechende Stellung gewinnen will im sozialen Leben dieser Gegenwart. Aber ein solcher wird vielleicht auch noch etwas anderes denken können: LÖsung, die wirkliche LÖsung der sozialen Frage, sie kann durchaus nicht mit Ausschluss des menschlichen Geisteslebens, mit Ausschluss des menschlichen Seelendaseins gewonnen werden. Sie muss nicht nur gewonnen werden im Wirtschaftsleben, das sich abspielt von Mensch zu Mensch, sie muss gewonnen werden durch die Harmonie der Seelen. Wird nicht zur rechten Zeit verstanden, dass durch eine stärkere Vertiefung als die bisher gesuchte solche Harmonie der Seelen, solche Sozialisierung der Seelen angestrebt werden müsse, dann könnte es sein, sehr verehrte Anwesende, dass durch die Verkennung der wichtigsten Tatsachen das eintritt, dass sich geltend macht nicht soziales Verständnis, nicht soziale Empfindung, sondern dass sich geltend machen die wildesten Instinkte der Menschheit. Und wir sehen eine Entwicklungsströmung der Gegenwart schon auf dieser Bahn. Diese Entwicklungsströmung könnte sich mahnend hinstellen vor den Menschen im Geiste und ihm sagen: Ein jeder ist heute im Grunde genommen verpflichtet, Einsicht zu nehmen in die Kernpunkte der sozialen Frage, denn von jedem Einzelnen hängt es ab, ob der soziale Organismus möglichst bald lebensfähig wird oder nicht. Und recht tut man auf diesem Gebiete wohl nur, wenn man keine Zeit verliert, wenn man Verständnis sucht desjenigen, was allein Heilung, was allein einen Ausweg bringen kann in und aus dem Chaos. Das muss man fühlen: Heute ist anderes notwendig in Bezug auf die soziale Frage für jeden einzelnen Menschen, als die Menschheit sich noch vor kurzer Zeit einbildete, dass notwendig sei. Aus dieser Einsicht in die Notwendigkeit, die vorliegt, möge jeder sein Denken, sein Empfinden mit Bezug auf das soziale Leben genügend vertiefen, sonst könnten an die Stelle der Verständnismöglichkeiten die wilden Instinkte treten, und dann, sehr verehrte Anwesende, dann würde es zu spät sein. DIE KERNPUNKTE DER SOZIALEN FRAGE Dornach, 4. April 1919 Sehr verehrte Anwesende! Bedeutsam laut sprechende Tatsachen im sozialen Leben der ganzen heutigen zivilisierten Welt haben sich herausentwickelt aus der fast fünf Jahre dauernden, furchtbaren Weltkriegskatastrophe. Wer nicht seelisch schlafend, sondern mit wachem Bewusstsein heute in die Welt schaut, um dasjenige wahrzunehmen, was sich ankündigt, der kann wohl nicht anders, als zu dem Urteile kommen, dass auch nur bedeutsame, tief einschneidende Maßnahmen dem entgegenkommen können, was als weltgeschichtliche Forderung heute vor der Menschheit auftritt. Die Zeit, in der man in billiger Weise von allerlei Verständigungen gesprochen hat, durch die man in einer gewissen Art das Alte wiederum in bequemer Weise aufrechterhalten kann, diese Zeit, die ist wohl vorbei. Heute kann es sich nur handeln um eine ganz, ganz andere Verständigung, um die Verständigung des Menschen mit den großen weltgeschichtlichen Kräften, die sich von der Gegenwart in die nächste Zukunft hinein sinnlich verwirklichen wollen. Aber trotzdem man von manchen Menschen zur Genüge hat aussprechen hören in den letzten vier bis fünf Jahren, dass mit der Weltkriegskatastrophe ein Ereignis hereingebrochen sei über die Menschheit, wie es ein solches im Laufe dessen, was man gewöhnlich die Geschichte nennt, noch nicht gegeben hat, so kann man auf der anderen Seite nicht viele Empfindungen erleben dafür, dass in einer Zeit, in der Dinge geschehen, die noch nicht geschehen sind in der Geschichte, auch Gedanken, Maßnahmen gefasst werden müssen, getroffen werden müssen, welche in einer gewissen Weise noch niemals vorgenommen worden sind in der Geschichte der Menschheit. Kann man denn sagen, sehr verehrte Anwesende, dass sich in der letzten Zeit viel Verständnis gezeigt hätte für die weltgeschichtliche Lage und ihre Forderungen, in die wir hineingekommen sind? Wenn man diese Frage beantworten will, dann ergibt sich eigentlich für heute noch ein fast aussichtsloses Bild. Denn, sehen Sic, wenn ich die persönliche Bemerkung machen darf: Im Frühling des Jahres 1914 versuchte ich zusammenzufassen das Urteil, das ich mir habe bilden können aus einer ehrlichen Beobachtung der Sachlage heraus im Laufe der letzten Jahrzehnte über die europäische und über die sonstige Weltlage. Ich versuchte dazumal im Frühling 1914, bevor es zu dem gegenwärtigen furchtbaren Ereignisse gekommen ist, vor einem kleinen Kreise - ein größerer hätte mich wahrscheinlich dazumal noch verlacht mit meinen Anschauungen -, vor einem kleinen Kreise auszusprechen, wie ich mir eigentlich diese kommende Weltenlage denke. Und ich musste sagen: Dasjenige, was der beobachtet, der nun wirklich einen Sinn hat für die Beobachtung von den großen Menschenschicksalen, der muss sagen: Wir leben in einer Zeit, in der sich das soziale und große politische Leben so abspielt, wie wenn ein großes soziales Geschwür da wäre, eine Art Krebskrankheit, die nächstens in einer furchtbaren Weise zum Ausbruch kommen müsse. Und ich fügte dazumal die Worte hinzu: Man möchte eine solche Erkenntnis hinausschreien, damit die Menschen Verständnis fassen für dasjenige, was eigentlich bevorsteht. Allerdings, «Staatsmänner» - ich sage das unter Gänsefüßchen heute, denn man tut gut, wenn man Staatsmänner heute nur in Anführungszeichen anführt - (Heiterkeit), «Staatsmänner», die haben im Frühjahr und noch im Frühsommer des Jahres 1914 anders gesprochen. Zum Beispiel im deutschen Reichstag. Da sprach der dazumal für die Ereignisse verantwortliche Außenminister ungefähr so: Durch die Bemühungen der europäischen Kabinette kann man sagen, dass Hoffnung vorhanden sei, dass der Weltfriede für die nächste Zeit keine Störung erleiden werde. - Dies von einem leitenden Staatsmann im Mai 1914 gesagt. Man darf sich da schon fragen: Was sehen denn die Leute eigentlich von demjenigen, was sich vorbereitet? Nun, dieser Friede, der so gesichert war, bis heute hat er mindestens, ganz gering gerechnet, über Europa hin zwölf Millionen Tote und dreimal so viel zu Krüppeln geschlagene Menschen gebracht. Da darf man fragen: Waren die verantwortlichen Lenker dazumal irgendwie in Betracht kommende Propheten? Das waren sie ganz ge wiss nicht. Und jetzt wiederum hört man gerade von maßgeblichsten Seiten her wahrhaftig über dasjenige, was jetzt als das Allerwichtigste in der Menschheitsentwicklung drinnen pulsiert, ähnliche unzutreffende Urteile. Das Allerwichtigste in der Menschheitsentwicklung, was lebt und was drängt zu Ereignissen, die ebenso bedeutungsvoll sind, die viel bedeutungsvoller sind als diejenigen, die sich in so schrecklicher Weise abgespielt haben, das ist die soziale Frage, das ist die soziale Bewegung. Nun kann man ja nicht sagen, meine verehrtesten Anwesenden, dass die Menschen, die den bisher leitenden Kreisen angehören, durchaus aus einer Art teuflischer Böswilligkeit - auch heute noch, wo ihnen das Wasser sozusagen in den Mund rinnt -, aus einer teuflischen Böswilligkeit heraus gerade sich absolut unverständig zeigen für dasjenige, was geschehen soll und was sich verwirklichen will. Aber etwas ganz anderes liegt zugrunde. Und eigentlich ist es wegen dieses ganz anderen, dass ich von meinem Gesichtspunkte gerade in dieser Frage das Wort ergreifen möchte. Was zugrunde liegt, man erkennt es, wenn man mit gutem Willen ein wenig sich in die Entstehung dessen vertieft, was man die soziale Frage nennt, die ja heute - die laut sprechenden Tatsachen bezeugen es - etwas ganz, ganz anderes geworden ist, als sie eigentlich vor vier bis fünf Jahren war; aber sie ist doch eine Frage, die seit mehr als einem halben Jahrhunderte spielt. Die Menschen sind einmal durch die neuzeitliche Entwicklung wie durch eine tiefe Kluft, durch einen Abgrund voneinander getrennt. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die immer wieder und wiederum nicht müde wurden, die hohe Zivilisation der Menschheit, welche die neuere Zeit heraufgebracht hat, ungeheuer und restlos zu loben. Was hat man da für Loblieder auf diese neuzeitliche Zivilisation gesungen! Man braucht sich nur an einiges zu erinnern. Wie oft und oft haben die Leute, denen das bequem war, immer wieder gesagt: Da haben wir die modernen Errungenschaften, die modernen Verkehrsmittel, durch die man über weite Strecken mit einer Geschwindigkeit kommen kann, die alten Menschen fabelhaft erschienen wären. Der Gedanke eilt mit Blitzesschnelligkeit selbst über Meere hin. Und erst die eigentliche geistige Kultur, wie hat man sie mit Lobhudeleien überhäuft. Aber fragen muss man sich: Auf welchem Grunde lebte all dasjenige, was man mit diesen Lobhudeleien förmlich überflutete? Ohne was ist all diese moderne Zivilisation nicht möglich geworden? Nicht möglich geworden ist sie, ohne dass sie sich erhoben hat auf der Grundlage, die geschaffen wurde von der großen Masse der Menschheit, die nicht teilnehmen durften und nicht teilnehmen konnten, die in einer wirtschaftlichen Lage waren, dass sie nicht teilnehmen konnten an alledem, dem man solche Loblieder sang. («Bravo!») Auf der Grundlage ist sie erwachsen, diese Zivilisation, der Grundlage der leiblichen und seelischen Not und des Elendes eines großen Teiles der Menschheit, auf jener Grundlage ist sie erwachsen, durch die ein großer Teil der Menschheit eigentlich seine Menschenwürde verloren hat. Man braucht nur hinzuschauen - ich möchte sagen, in die Zeit, in der die soziale Frage zuerst, in ihren allerersten Anläufen heraufgezogen ist. Die Leute, die da ihre Loblieder sangen über diese moderne Zivilisation, sie kamen zusammen, nun, meinetwillen in Spiegelsälen selbst; sie sprachen da viel von der göttlichen Weltordnung, sprachen viel von dem, was die Menschen gut macht; sprachen viel davon, dass die Menschen einander lieben müssen; sprachen viel von Brüderlichkeit. Sie sprachen das bei gut geheizten Öfen in gut beleuchteten Zimmern. Woher waren die Kohlen, bei denen so von Nächstenliebe und von treuer Brüderlichkeit aus allerlei Unterlagen heraus gesprochen wurde -, woher waren die Kohlen? Ja, bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts herein war das ja so, dass herauskam, aus welcher Grundlage sich bis dahin diese moderne Zivilisation entwickelt hatte, durch eine Enquete, welche die englische Regierung dazumal veranstaltet hatte. Dieses Sich-Erlaben an allerlei leeren Redensarten von Menschenbriiderschaft und so weiter, das erhob sich nur dadurch, dass in den Kohlengruben die Menschen arbeiten vom kindlichen Alter an. Manche Kinder mit neun, elf, dreizehn Jahren! Sodass sie hinuntergesteckt wurden in die Bergwerkschächte und außer den Sonntagen niemals das Licht der Sonne sahen, weil sie so früh hinuntergeführt wurden in die Schächte, dass die Sonne noch nicht schien, und so spät hinauf, dass die Sonne nicht mehr schien. Durch die Bergwerksarbeiten war es ja auch notwendig, dass gerade diesen Arbeitern alles Schamgefühl verloren gehen musste; nackte Männer mit halb nackten Frauen mussten gemeinsam da unten arbeiten, auf der einen Seite furchtbarste Arbeit leisten, auf der anderen Seite in fortwährender Lebensgefahr schweben. Nun, ich brauche Ihnen das nicht weiter zu schildern. Diese Dinge sind wahrhaftig nicht durch das Verdienst derjenigen, die der Zivilisation Loblieder gesungen haben, besser geworden, sondern durch die Organisation der Bedrückten ja seither etwas besser geworden. Aber der Abgrund ist geblieben. Die Kluft ist vorhanden. Verständnis ist nicht viel seither eingezogen für dasjenige, was eigentlich wirklich die proletarisch soziale Bewegung ist. («Bravo!») Nun kann man fragen, wenn man so etwas sieht: Was ist es denn eigentlich bei den bisher leitenden Kreisen, was schier aussichtslos erscheinen lässt, dass von dieser Seite her in der nächsten Zeit irgendetwas Günstiges komme -, was ist es denn? Vor allen Dingen ist es in der Zeit, in der so sehr von geistigem Fortschritt und so weiter gesprochen wird, vor allen Dingen ist es - das muss vorbehaltlos gesagt werden - die Gedankenlosigkeit. («Sehr richtig!») Diese Gedankenlosigkeit, sie hat die Menschen furchtbar ergriffen, weil sie vor allen Dingen viel zu bequem sind, auf die Wirklichkeiten hinzuschauen. Und so ist es gekommen, dass die unzutreffendsten Urteile heute gehört werden können über dasjenige, was in den weiten Kreisen des Proletariertums aus den Seelen heraus als berechtigte Forderung sich an die Oberfläche drängt. Man braucht ja allerdings nicht gleich so weit zu gehen wie der gewesene deutsche Kaiser -, allerdings ein Mann, der den neueren Zeitforderungen so ferne stand, als nur irgendein Mensch diesen fernstehen kann - man braucht nicht gleich so weit zu gehen wie er, der einmal sagte: die sozial denkenden Menschen, sie seien wie Tiere («Pfui!»), die den Unterbau des deutschen Reiches benagen und die ausgerottet werden müssten. Man braucht nicht so weit zu gehen, wie gesagt, aber ein größeres Verständnis für dasjenige, was notwendig ist, zeigt sich von gewissen Seiten her, welche die bisher Leitenden waren, durchaus eigentlich nicht. Was immer wieder und wieder betont werden muss, das ist, dass dasjenige, was heute als so für manche schreckhafte Tatsache auftritt, was vor allen Dingen auftritt aus dem Leben des Proletariats heraus, das ist eine gewaltige weltgeschichtliche Kritik desjenigen, was die herrschenden Klassen durch Jahrhunderte hindurch angerichtet haben. Bisher war es ja zumeist eine Kritik, die aber in sehr bedeutsamer Weise ertönte aus den Versammlungen heraus - man muss sie nur kennen -, in denen die Proletarier seit Jahrzehnten immer wieder und wiederum entgegenriefen denjenigen, die bisher die Lenker waren: So kann es nicht weitergehen! In jenen Versammlungen, die sich die Proletarierseelen abrangen, nachdem sie den Tag über gearbeitet haben, in jenen Versammlungen, in denen - derjenige, der mit den Dingen gelebt hat, weiß es - die ernstesten Menschheitsfragen durch Jahrzehnte hindurch in bedeutsamer Weise besprochen wurden, in derselben Zeit, wo die Leute draußen mit ihren Luxuskulturen in irgendein wertloses Theaterstück saßen oder irgendwie in noch tadelnswerterer Weise ihre Zeit verbrachten, oder auch Skat klopften, dass in dieser Zeit aus den Tiefen des Proletariats heraus gewaltige geistige Forderungen sich gestaltet haben, etwas ganz anderes noch, wie eine bloße Brot- oder Lohnfrage, wie heute in bequemer Weise viele glauben wollen, davon ahnen aufseiten derjenigen, die die leitenden Kreise bisher waren, nicht viele etwas. Wenn man nun frägt: Aus welchen Untergründen heraus gingen die Anschauungen der proletarischen Welt? -, so kommt man auf drei menschliche Gebiete, jene Gebiete, die man im sozialen Leben immer wieder und wiederum antrifft. Man kommt erstens auf das Gebiet des Geisteslebens; zweitens auf das Gebiet des Rechtslebens; drittens auf das Gebiet des Wirtschaftslebens. Diese drei Gebiete sind die Grundlage auch für die Betrachtung, für die wahre, wirklichkeitsgemäße Betrachtung der sozialen Frage, die eigentlich eine dreifache ist: eine Wirtschafts-, eine Rechts- und eine Geistesfrage. Gestatten Sie, sehr verehrte Anwesende, dass ich hier in diesem Goetheanum, wie auch sonst, aber besonders hier zuerst spreche von den proletarischen Fragen als einer Geistesfrage. Man hat sehr viel dann, wenn von der Entstehung der sozialen Frage, namentlich der Entstehung der proletarischen Bewegung gesprochen worden ist, immer wiederum darauf hingewiesen, wie unter dem Einflüsse der modernen Technik, der modernen Industrie, unter dem Einflüsse vor allen Dingen des Kapitalismus der neueren Zeit sich dasjenige entwickelt habe, was man die proletarische Bewegung nennt. Gewiss, diese Dinge sind alle richtig, die da gesagt worden sind, bis zu einem gewissen Grade; aber etwas anderes kommt noch in Betracht. Vor allen Dingen kommt das in Betracht, dass mit der modernen Technik, mit dem modernen Fabrikwesen, mit dem, was als der ganze seelenverödende moderne Kapitalismus bezeichnet werden muss, ein neueres Geistesleben über die Menschheit hereinbrach. Dieses Geistesleben ist allerdings zunächst in den bürgerlichen Klassen ausgebildet worden. Die bürgerlichen Klassen haben aus den alten religiösen und sonstigen Vorstellungen dieses neuere Geistesleben, das man das wissenschaftlich orientierte Geistesleben nennen könnte, herausgebildet. Die proletarische Welt, die weggerissen worden ist von denjenigen Lebenslagen, in denen sie früher war, die hingeführt worden ist an die öde Maschine, eingespannt worden ist in den verödenden Kapitalismus, diese proletarische Welt nahm dieses Geistesleben der bürgerlichen Klasse vertrauensvoll entgegen. Das ist eine wichtige Tatsache, dass in der neueren Zeit dieses Proletariertum gewissermaßen ein letztes großes weltgeschichtliches Vertrauen dem Bürgertume entgegengebracht hat, und dass dieses Vertrauen getäuscht worden ist. («Sehr richtig! Bravo!») Von dieser Täuschung des weltgeschichtlichen Vertrauens lassen Sie mich zunächst sprechen. Ich glaube, dass ich da nicht aus einer grauen Theorie heraus spreche, denn ich weiß, da ich mitgearbeitet habe an der Berliner Arbeiterbildungsschule, die von dem alten Wilhelm Liebknecht gegründet war, wie das Geistesleben innerhalb des Proletariats getrieben wird. Die verschiedensten Zweige dieses Geisteslebens habe ich ja selbst gelehrt. Und dann konnte ich von da aus den Eingang gewinnen zum Geistesleben der verschiedenen Gewerkschaften und Genossenschaften und auch der politischen Parteien. Da sah man, wie ganz anders in den Seelen der modernen Proletarier dasjenige fortlebt, was man die neuzeitliche, wissenschaftlich orientierte Aufklärung nennt. Da konnte man lernen, nicht dasjenige, was heute viele glauben, über das Proletariat denken zu können - das hat keinen Wert -, da konnte man sich einleben so, dass man mit den Proletariat denken kann. Darauf kommt es heute an. («Sehr richtig!») Darauf kommt es an, dass man vor allen Dingen einsieht, wie man noch so sehr aufgeklärt sein konnte in Bezug auf die neuere naturwissenschaftliche Orientierung, die die alte religiöse Orientierungs-Gabe gelöst hat, dass man noch so aufgeklärt sein konnte: Das blieb eine Kopfaufklärung. Das bleibt eine Aufklärung, neben der alles mögliche andere im sozialen Leben bestehen kann. Man kann selbst wie der dicke Naturforscher Vogt, der naturwissenschaftliche Popularisierer Büchner, ganz ehrlich dem Kopfe nach überzeugt sein von dieser neueren naturwissenschaftlichen Weltanschauung, aber man steht doch drinnen, wenn man den wirklichen leitenden Kreisen angehörte, in einer sozialen Ordnung, welche noch von den alten Anschauungen her eigentlich gemacht ist. Man nahm mit dem theoretischen Verständnis diese naturwissenschaftliche Orientierung hin; aber man machte nicht für seinen ganzen Menschen Ernst. Das ist es, was das moderne Proletariat in seiner tiefsten Seele machen musste. Ich stand einmal in Spandau zu gleicher Zeit mit der vor Kurzem tragisch geendeten, in Berlin erschlagenen Rosa Luxemburg zu gleicher Zeit auf dem Podium. Wir sprachen beide über die Wissenschaft und die Arbeiter. Was dazumal Rosa Luxemburg sagte in ihrer gemessenen, durchaus vornehmen Art, das war so recht - ich mÖchte sagen - ein Spiegelbild dafür, wie die neuere Weltanschauung auf die Proletarierseelen wirkt. Mit ein paar Worten will ich nur andeuten, wie Rosa Luxemburg dazumal sprach. Sie sagte etwa, dass die neuere Weltanschauung ja den Menschen ausgetrieben habe den Glauben, dass sie alle eigentlich im Anfange der Erdenentwicklung wie Engel gelebt haben; nein, sagte sie zu den Leuten, eigentlich waren wir alle als Menschen im Beginne der Erdenentwicklung recht unanständig und kletterten als Klettertiere auf den Bäumen herum. Das gibt keine Veranlassung dazu, gerechtfertigt zu finden die jetzigen Klassen- und Rangunterschiede. - Das gibt eine ganz andere Vorstellung von dem, wie die Menschen eigentlich ihrem physisch wesenhaften Ursprünge nach nebeneinander auf der Welt stehen sollen. Ja, wenn das zum Proletarier so gesagt wird, der genötigt ist, aus diesen Dingen das zu machen, was man früher eine religiöse Weltanschauung nannte, wenn das so gesprochen wurde, dass es vom ganzen Menschen, nicht bloß vom Kopf entgegengenommen wurde, da konnte man sehen, was in die Seele des modernen Proletariers hineingeschlagen hat, wie etwas ganz anderes in ihm wurzelte als eine bloße Brotfrage, die gewiss auch die soziale Frage ist - wir werden gleich nachher davon sprechen -, aber etwas anderes als eine bloße Brotfrage, eine Frage der Menschenwürde, die innig zusammenhängt mit der anderen Frage, die jeder Mensch irgendwie stellen muss, mit der Frage: Was bin ich eigentlich als Mensch in der Welt? Der mittelalterliche Handwerker, der noch von seinem Handwerke ja mit einem gewissen Rechte sagte, es hat einen goldenen Boden, er konnte sich diese Frage beantworten aus seinem Verhältnis zum Handwerk heraus. Da gab es noch für ihn aus diesem Verhältnis zum Handwerk heraus eine Art Berufsehre; da gab es auch irgendetwas, was ihm einleuchtend sagte: Ich habe einen gewissen Wert in der menschlichen Gesellschaft. - Die öde Maschine, der seelenlose Kapitalismus, die sagten darüber nichts, gar nichts. Die wiesen dem Menschen eben, der vor eine dieser Maschinen gestellt worden ist, der in den Kapitalismus eingespannt worden ist, sie verwiesen diesen Menschen darauf, eben in der modernen wissenschaftlichen Orientierung diese Frage sich zu beantworten: Was bin ich eigentlich als Mensch? Wichtig wird ja vor allen Dingen aus der Weltanschauung, aus der Wissenschaft heraus dasjenige, was eben zu tun hat mit der menschlichen Entwicklung, mit Menschenwert und Menschenwürde. Wie gesagt, ein letztes großes weltgeschichtliches Vertrauen setzte der Proletarier in dasjenige, was ausgearbeitet war -;, ausgearbeitet war allerdings durch bedeutende Geister aus der bürgerlichen Gesellschaftsordnung heraus. Dieses letzte große Vertrauen, er setzte es deshalb, weil er glaubte gerade, dass ihm die Frage beantwortet werden könnte: Was bin ich als Mensch innerhalb der menschlichen Gesellschaft? Nun, da sagten aus ihrer nun aufgeklärten Weltanschauung heraus die Leute: Die menschliche Entwicklung steht unter der göttlichen Weltordnung. Oder: Sie ist der Ausdruck der moralischen Weltordnung; oder aber: Geschichtliche Ideen walten. Und dasjenige, was da sich im Menschen abspielt, das ist das Ergebnis von geschichtlichen Ideen, von großen weltgeschichtlichen Gedanken. Der Proletarier sah nichts, wenn er an seine Maschine gestellt war, in den Kapitalismus eingespannt war, von einer göttlichen Weltordnung, von einer moralischen Weltordnung; er sah nur das moderne Wirtschaftsleben; er sah, wie das alles, was sich als Geistesleben abspielte, und [was] die Leute göttliche Weltordnung nannten, wie das hervorsprießt und hervorkommt aus demjenigen, was moderne Technik, moderner Kapitalismus den leitenden Kreisen eben dargeboten haben. Das ist denn auch seine Anschauung geworden. Seine Anschauung wurde, dass im Grunde genommen alles dasjenige, was diese leitenden Kreise als Geistesleben haben, im Grunde eine Art Luxus ist für sie, an dem nicht teilnehmen dürfen diejenigen, die ebenso berechtigt sind, teilzunehmen an demjenigen, was hervorgebracht wird, wie diese leitenden Kreise. («Sehr richtig! Bravo!») Das prägte sich tief ein in die Seelen des Proletariats. Und in den Brocken, die da abfielen, wo man darbot dasjenige, was in bürgerlichen Geisteskiichen ausgekocht wurde, dem Volke dargeboten wurde. Damit wollte man sich nicht abfertigen lassen, sondern man setzte vor allen Dingen darauf den größten Wert, das Geistesleben der Menschheit zu verstehen, anders zu verstehen, als es sich gestaltet hat aus der bürgerlichen Entwicklung der neueren Zeit heraus. Dasjenige, was sich da entwickelt hatte, man sah ja, es ist nichts anderes als ein Spiegelbild desjenigen, was sich in Staat- und Wirtschaftsleben für die leitenden Kreise entwickelt hat. Man kam dazu, für die neuere Zeit mit Recht zu behaupten, wie ein Spiegelbild nur ist dieses Geistesleben aus dem Wirtschaftsleben derjenigen Kreise heraus, die durch das neuere Wirtschaftsleben eben begünstigt worden sind. Ideologie wurde immer wieder dieses Geistesleben genannt. Der Ausdruck ddeologie» für dieses Luxus-Geistesleben wurde das jenige, was auf der einen Seite zeigte, als was der Proletarier dieses Geistesleben empfand; auf der anderen Seite zeigte, wonach er sich sehnte: nach einem wirklichen Geistesleben, das in seine Seele so hereindringen konnte, dass diese Seele fühlte ihren Zusammenhang mit irgendetwas, das hinausging über die alltäglichsten Interessen an der Maschine und im Kapitalismus. Auch da braucht man ja nicht immer gleich so weit zu gehen, wie wiederum der verflossene deutsche Kaiser gegangen ist, der die Proletarier einmal nicht nur Feinde der leitenden Kreise genannt hat, sondern Feinde der göttlichen Weltordnung; (Bewegung unter den Zuhörern) aber in einem gewissen Sinne fühlte man in den leitenden Kreisen auch wiederum auf diesem Gebiete nicht anders. Was sah der Proletarier von diesem ganzen Geistesleben, wenn er sich der Wahrheit gemäß über dieses Geistesleben zur Klarheit kommen wollte? Was sah er davon? Oh, was er davon sah - in einem Worte erklang es immer wiederum durch Jahrzehnte und Jahrzehnte hindurch, seit Karl Marx in einer verständlichen Weise für das Proletariat dieses Wort geprägt hat und verarbeitet hat, das ist das Wort Mehrwert. Ängstliche Gemüter reden heute in ganz sonderbarer Weise über dieses Wort Mehrwert. Aber der Proletarier verstand vom Mehrwert eigentlich: Dieses ganze Luxus-Geistesleben, diesen Mehrwert muss ich produzieren, von dem es gespeist ist. Nichts anderes empfand der Proletarier von diesem Geistesleben, als dass er den Mehrwert dafür produzieren muss, und dass von diesem Mehrwert ein Geistesleben erzeugt wird, das zwischen sich und seinen innersten Seelenbediirfnissen eine tiefe Kluft aufrichtet. Daher fanden Karl Marx und seine Nachfolger so viel Verständnis in den Seelen der Proletarier, weil die aus ihrem tiefsten Empfinden heraus - sie brauchten gar nicht in alles theoretisch einzudringen - an ihrem Leibe es erlebt haben, was eigentlich der Mehrwert bedeutet, der von ihrer Arbeit abgezogen wird und fließt in Kanäle, die durchaus nicht zu ihren eigenen Lebensgewohnheiten führen. («Bravo!») So entstand auf dem Gebiete des Geisteslebens der erste Teil der modernen sozialen Frage, der sich ausdrückt in dem Mehrwert. Der Proletarier musste nachschauen diesem Mehrwert; und dasjenige, was aus diesem Mehrwert erzeugt wurde, es entging ihm, insoferne er als Mensch nicht daran teilnehmen konnte. Das ist der erste Teil der sozialen Frage, insofern er auf dem Geisteslebensgrunde sich abspielte. Irgendein Kapitalistisches konnte der Proletarier nur sehen in diesem Geistesleben, etwas, was ganz und gar aufgebaut war auf der Grundlage des modernen Kapitalismus; gewiss, noch aus anderen Grundlagen heraus, aber zunächst aus dieser Grundlage des modernen Kapitalismus in der Form des Mehrwertes. Die zweite Lebensgrundlage, aus der die soziale Forderung hervorging, das war die Rechtsgrundlage. Was ist Recht? Sehr verehrte Anwesende, über Recht zu sprechen ist eigentlich ebenso schwierig und ebenso leicht, wie über die blaue Farbe mit jemandem zu sprechen, der selbst farbenblind ist oder blind ist, blind ist für dasjenige, was in dem gesunden Menschengemiite quillt, blind für das, was das wahre Recht ist. Blind ist allerdings unter dem Einflüsse der modernen Wirtschaftsordnung ein großer Teil der Menschheit geworden. Daher lässt sich mit diesen Leuten so schwer reden, wie es schwer ist, über das Rot oder das Blau mit einem Blinden zu sprechen. Denn was hat, wenn er nun auf den Rechtsboden sich stellen wollte und schaute, was ihn umgibt, was hat der Proletarier in der neueren Zeit auf diesem Rechtsboden gefunden? Rechte? Nein, nicht Rechte, aber Vorrechte, vor allen Dingen derjenigen, die durch die moderne Wirtschaftsordnung zu diesen Vorrechten gekommen sind, oder die durch alte Erobererrechte zu diesen Vorrechten gekommen sind. Dasjenige, was sich ausdrückte auf diesem Rechtsboden, war nicht die Auswirkung des Rechtes; es war das, was der moderne Proletarier fasste mit dem Worte: Klassenkampf. («Bravo! Sehr richtig!») Zum modernen Staate schaute der moderne Proletarier, indem er zu diesem modernen Staate sich so stellte, dass er sich sagte, dass dieser moderne Staat nicht dasjenige darstellte, was, wie wir gleich nachher hören werden, jeder Staat sein sollte: ein Ausleben des Rechts; sondern dieser Staat war der Boden für den modernen Klassenkampf. Und das ist das Zweite neben dem Mehrwert, der moderne Klassenkampf, der entgegentrat dem modernen Proletarier; aus diesem Mehrwert und dem Klassenkampf ist sein Klassenbewusstsein hervorgegangen. Diesen Klassenkampf zu überwinden, das ist seine große Sehnsucht. Eine soziale Ordnung, in der es nicht mehr den furchtbaren Kampf der Herrschaft der einen Menschenklasse über die andere gibt. Das ist die zweite Gestalt der sozialen Frage: die gegen den sich aufrichtenden Klassenkampf. Die dritte Gestalt entsteht auf dem Boden des Wirtschaftslebens, wenn man mit gesundem Sinn das Wirtschaftsleben überblickt. Dasjenige, was eigentlich Wirtschaftsleben genannt werden kann. Was bewegt sich denn in diesem Wirtschaftsleben? Was soll sich in diesem Wirtschaftsleben bewegen? Warenerzeugung im weitesten Sinne natürlich, dass jede menschliche Leistung, die vom menschlichen Bedürfnisse gefordert ist, Ware ist, Warenerzeugung, Warenzirkulation, Warenverbrauch. Aber im Laufe der neueren Zeit mischte sich in diesen Wirtschaftskreislauf von Warenerzeugung, Warenverkehr und Warenverbrauch etwas anderes hinein, das ein Überbleibsel war von einer wirtschaftlichen Ordnung uralter verflossener Zeiten, und zu dessen Überwindung die modernen kapitalistischen Leute nichts beitragen wollten. Im Altertum, sehr verehrte Anwesende, gab es Sklaven; nicht nur Güter, nicht nur das vom Menschen Erzeugte oder das unter dem Menschen in der Natur Stehende, wie das Tier, wurde auf dem Warenmärkte nach Angebot und Nachfrage gekauft und verkauft, sondern der Mensch selber, der Sklave war. Der Mensch wurde unter die Güter gemischt. Der Mensch wurde in die wirtschaftliche Ordnung hinuntergedrängt. Im Mittelalter gab es dafür die Leibeigenschaft; weniger schon vom Menschen wurde gekauft und verkauft. Es blieb in der neueren Zeit dasjenige, worauf nun wiederum Karl Marx aufmerksam machte. Allein man muss auf diesem Gebiete wahrhaftig aus den Forderungen der Neuzeit heraus noch radikaler sein als Marx; aufmerksam machte er darauf, dass innerhalb des modernen Warenmarktes noch als Ware vorhanden ist die menschliche Arbeitskraft des Proletariers. Diese Arbeitskraft wird auf dem Warenmärkte nach Angebot und Nachfrage gekauft und verkauft, wie eine Ware. («Pfuib) Im Grunde genommen, sehr verehrte Anwesende, kann denn der Proletarier, so, wie er heute leben muss, seinen Menschen, seine Menschenwürde von seiner Arbeitskraft trennen? Er muss doch [Lücke in der Mitschrift] seine Arbeitskraft verkaufen, verkaufen in einem gewissen Sinne seinen ganzen Menschen, wenn er seine Arbeitskraft verkauft [als Ware]. («Sehr richtig!») Das ist der letzte Rest der [mittelalterlichen] Weltordnung im Kapitalismus. Das ist die dritte große sozialistische Forderung, zu entkleiden die menschliche Arbeitskraft des Warencharakters. Derjenige, der gesund denkt, weiß, dass die menschliche Arbeit und menschliche Kraft etwas ist, was sich schlechterdings nicht vergleichen lässt mit irgendeiner Ware, was nicht auf dem Markte figurieren darf wie eine Ware, was keine Preisvergleichung mit der Ware eingehen kann. Dennoch, man sträubt sich dagegen, herauszunehmen aus dem Wirtschaftskreislauf dasjenige, was menschliche Arbeitskraft ist. Menschen, auf die man heute sehr viel gibt, weil sie in der letzten Kriegsperiode eine gewisse, manchmal recht zweifelhafte Rolle gespielt haben, wie zum Beispiel Rathenau, er hat in seiner neuesten Schrift: «Nach der Flut» - mit der Flut ist die letzte Kriegskatastrophe gemeint -, er hat geschrieben: Es wäre nicht eigentlich angängig, dass man die Arbeitskraft aus dem Wirtschaftskreislauf herausrühme. - Dass die eigentliche proletarische Forderung danach geht, das spüren solche Leute; aber sie finden es in ihrem ängstlichen, gedankenlosen Gemüte nicht angezeigt, dass die Arbeitskraft des Warencharakters entkleidet werde. Denn - so meint Rathenau - dadurch würde über die ganze moderne Wirtschaftsordnung hinflutend eine große Entwertung des Geldes geschehen. - Das ist dasjenige, was gefürchtet wird: die Entwertung des Geldes durch die Loslösung der Arbeitskraft vom reinen Wirtschaftskreislauf. Aber der moderne Proletarier empfand gerade in dieser dritten Forderung der Loslösung der Arbeitskraft von der bloßen Preisbildung durch den Wirtschaftsprozess dasjenige, mit dem er zusammenfasste seine Frage nach Menschenwürde und Menschenwert. Er war ja auf eine neue Art im Laufe der letztenJahrhunderte, insbesondere im neunzehnten Jahrhundert, in den Wirtschaftsprozess hineingestellt. Dieser Wirtschaftsprozess, sehr verehrte Anwesende, an ihm kann man recht interessante Studien machen, wenn man diesen modernen Wirtschaftsprozess über die ganze zivilisierte Welt hin verfolgt, und gerade auf das hin verfolgt, wie dieser Wirtschaftsprozess in die furchtbare Katastrophe der letzten Jahre hineingeführt hat. Im Wesentlichen war es der aus dem Kapital erwachsene Wirtschaftsprozess, der hineingeführt hat, der zu dieser furchtbaren Katastrophe geführt hat, aus der wir nicht bloß so herauskommen, wie sich jetzt die Leute, die Friedensverhandlungen machen wollen, vorstellen. Dass wir auf eine ganz andere Weise herauskommen, das zeigen die Wetterzeichen, für die es nicht, wie für den Weltkrieg, feindliche Mächte und neutrale gibt, das zeigt die soziale Frage, die vor keinen Territorialgrenzen irgendwie haltmachen wird. Das zeigt diese Frage, die im eminentesten Sinne eine internationale Frage sein wird, und internationale Tatsachen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat, an die Oberfläche des Menschendaseins bringen wird. Irgendeinmal muss sich das enthüllen. Derjenige, der es nicht sehen will, der wird es schon am eigenen Leibe erleben können. («Bravo, sehr richtigb) Nun, sehr verehrte Anwesende, in den Wirtschaftsprozess fühlte sich hineingestellt derjenige, der zwar noch in vorsichtiger Weise, aber in sehr deutlicher Weise die moderne soziale Ordnung, wie sie zu seiner Zeit eben schon möglich war, kritisiert hat, der hat herausgefunden, vorsichtig, aber immerhin sehr radikal, hat Goethe im zweiten Teil des «Faust» hingewiesen darauf, woran es eigentlich liegt. Da führt er auf, dass eigentlich herstammen innerhalb des Wirtschaftsprozesses aus den verflossenen Zeiten, wie er sagt, die Heiligen und die Ritter, sie stehen jedem Ungewitter - so sagt der Kanzler im zweiten Teil des Goethe'schen Faust: Sie stehen jedem Ungewitter, der Heilige und der Ritter! - So sagt über die führenden, leitenden Kreise, die Heiligen und die Ritter, Goethe. Nun, in der neueren Zeit, sehr verehrte Anwesende, haben sich diese Heiligen und diese Ritter etwas verwandelt. Aus den Heiligen sind zuweilen recht unheilige Staatsmänner geworden (Heiterkeit), und aus den Rittern ist der moderne Militarismus geworden in seinen allerverschiedensten Formen. («Bravo, sehr richtig!») Die stehen auch und standen auch aushaltend in jedem Unwetter. - Aber Goethe sagt weiter ein sehr richtiges Wort: Sie fordern dafür Kirche und Staat zum Lohn, nämlich alles dasjenige versteht er darunter, was das geistige Leben ist. Und sie fordern außerdem den Staat zum Lohn. (Lachen.) Das Wirtschaftsleben haben sie ohnedies für sich, das brauchen sie nicht erst zu fordern. Das ist dasjenige, was aus Goethes Weltanschauung auch noch in unsere Zeit recht deutlich hereinleuchtet. Und man muss nur nicht beim alten Goethe stehen bleiben, sondern seine Anwendungen verstehen auf die unmittelbare Gegenwart. («Sehr richtig!") Aus alledem ersehen wir, dass es eigentlich eine dreifache soziale Frage gibt: Die proletarischen Forderungen, wie sie sich als weltgeschichtliche Forderungen in dieser Zeit ergeben, sie zeigen eine dreifache Gestalt, wie ich sie angeführt habe. Die eine ist auf dem Geistigen gegründet, auf dem Geistesboden; die zweite ist auf dem Rechtsboden, die dritte ist auf dem wirtschaftlichen Boden. Von dem Geistesgut kennt der Proletarier nur dasjenige, was er als seine Grundlage liefern muss, den Mehrwert. Auf dem Boden des Staats sieht er sich nur hineinversetzt in den Klassenkampf. Und auf dem Boden des Wirtschaftslebens sieht er sich selbst eingespannt in den Kreislauf des Wirtschaftslebens, sodass darinnen nicht nur Ware zirkuliert, sondern seine eigene Arbeitskraft, das heißt sein Fleisch und Blut. Nun komme ich zu dem, was ich mir bilden musste aus einer jahrzehntelangen Beobachtung der europäischen sozialen Verhältnisse, aus der Beobachtung von alledem, was sich vorbereitet und was sich durch die nächsten Jahrzehnte gestalten wird. Gewiss, ich kann mir denken, dass sehr viele hier in diesem Saale sind, die mit den Vorstellungen, die ich ja auch nur skizzenhaft andeuten kann hier, so, wie ich sie hinstelle, nicht ganz einverstanden sein werden. Das kann ich durchaus verstehen. (Lachen.) Darum handelt es sich aber nicht, sondern dass diese Vorstellungen, so, wie ich sie vorzutragen gedenke, aus der Wirklichkeit herausgenommen sind. Über diese Wirklichkeit kann man sich verständigen. Ist die Verständigung auf einer ehrlichen Grundlage errichtet, dann wird sich mit demjenigen, der es nun aber wirklich ehrlich meint mit den Forderungen der neueren Zeit, diese Verständigung, die eine andere sein wird als die, von der die Menschen heute vielfach reden, diese Verständigung wird sich dann finden. Während der Kriegskatastrophe selber, meine sehr verehrten Anwesenden, habe ich zu manchem Staatsmann - ich betone noch einmal, ich sage heute «Staatsmann» nur unter Gänsefüßchen -, habe ich so manchem «Staatsmann» gesagt: Dasjenige, was zu tun ist, das zeigt sich heute schon ganz klar: Sie haben die Wahl, entweder heute Vernunft anzunehmen, oder aber dasjenige, was geschehen soll und muss, über sich hereinbrechen zu lassen, Revolutionen und Kataklysmen entgegenzugehen. - Man hat tauben Ohren gepredigt während der Kriegskatastrophe. Die Welt hatte zum Beispiel nicht sehr weit nördlich von hier während dieser Kriegskatastrophe nur Gehör für eine Persönlichkeit, die man dazumal zu den recht praktischen Persönlichkeiten zählte; man wusste nicht von dieser Persönlichkeit - ich meine den Ludendorff -, dass er ein Schwarmgeist allerersten Ranges war, ein Mensch, der gar außerhalb der Wirklichkeit stand, wie es ihn nicht mehr gegeben hat; wer Gelegenheit hatte, aus allen Untergrundlagen heraus gerade diese Persönlichkeit kennenzulernen, der weiß, dass diese Persönlichkeit bereits seit dem 5. August des Jahres 1914 nicht mehr vollsinnig war. Man kann selbstverständlich sehr gescheite strategische Pläne entwerfen, kann aber doch verrückt sein. Das müsste eigentlich jeder Psychiater zugeben. (Heiterkeit.) Die Kriegsgeschichte der letzten Jahre, meine sehr verehrten Anwesenden, wird in vieler Beziehung sein eine soziale Psychiatrie, eine soziale Wahnlehre. Vieles wird man auf diesem Gebiete lernen können; aber man wird den Mut haben müssen, in die Wahrheiten hineinzuschauen. Und diese Wahrheit ist vor allen Dingen, dass in den letzten Jahren sich die Menschheit so sehr hineingeritten hat in verkehrte Vorstellungen, dass diese verkehrten Vorstellungen in den Schrecknissen dieser furchtbaren Kriegskatastrophe zum Vorschein gekommen sind. Wenn ich mich frage: Wodurch ist denn eigentlich all dasjenige, was sich in den modernen Staaten im Lauf der Zeit ausgebildet hat, wodurch ist es denn so geworden, wie es geworden ist? - Ich will Ihnen zunächst ein Beispiel anführen. Das Beispiel ist nicht aus der Schweiz genommen. Allein, die soziale Frage ist heute eine internationale Frage, und man muss sie dort studieren, wo sich die Beispiele am allerklarsten ergeben - das Beispiel ist genommen aus dem nun seinem Schicksal verfallenen Österreich. Dieses Österreich hätte niemals kommen können zu dem verhängnisvollen Österreichischserbischen Konflikte, wenn sich nicht das Sozial- und Rechtsleben und das geistige Leben in diesem Österreich eben so ausgebildet hätten, wie sie sich unter dem Einflüsse ganz verkehrter Anschauungen ausgebildet haben, seit man seit den Achtzigerjahren angefangen hat, ein Verfassungsleben zu entwickeln, das Verfassungsleben des Österreichischen Reichsrates. Wie war das? Es wurde gewählt nach Kurien der Großgrundbesitzer, der Städte, Märkte und Industrialorte, der Kurie der Handelskammern, der Kurie der Landgemeinden. Die Letzteren durften nur indirekt wählen; die anderen durften direkt wählen. (Heiterkeit.) Aus diesen Wirtschaftskurien - denn Sie werden zugeben, es sind reine Wirtschaftskurien -, aus diesen heraus wurden gewählt die Abgeordneten des Österreichischen Reichsrats. Dieser Österreichische Reichsrat, der hatte aber zu entscheiden über das Recht. Das heißt, man stand von vornherein unter der Anschauung, dass aus dem Rechtsleben heraus nur durch die Umwandlung der wirtschaftlichen Interessen das Rechtsleben sich entwickeln soll. Man verschob ganz das wirtschaftliche Leben in das Rechtsleben. Das hat sich auch auf anderen Gebieten gezeigt. Gewiss, der deutsche Reichsrat zum Beispiel hatte allgemeines Wahlrecht. Man hatte ja über dieses oftmals gesprochen, sogar direktes Wahlrecht - aber es konnte sich gerade in der neueren Zeit recht sehr breitmachen der neue Bund der Landwirte, das heißt rein wirtschaftliche Interessen auf dem Rechtsboden. Ich könnte Ihnen nun unzählige Beispiele dieser Art vorführen, in denen sich zeigt, wie man gerade den Segen der neueren Zeit suchte, gerade den wahren Fortschritt der Zeit suchte dadurch, dass man verschmolz das Wirtschaftsleben mit dem Rechtsleben. Und heute können sich gewisse Leute gar noch nicht vorstellen, dass das Wirtschaftsleben nicht eigentlich mit dem Rechtsleben als eins behandelt werden soll. Die besitzenden, tonangebenden Klassen, diejenigen, welche Kirche und Staat als Lohn fordern, die haben es zunächst bequem gefunden, einmal das Telegrafenwesen, das Postwesen, das Verkehrswesen in die Sphäre des Staates einzubeziehen. Dann ging das immer weiter und weiter. Aber namentlich für gewisse Zweige versuchte man nicht eine unmittelbare Verschmelzung von Wirtschaftsleben und Staatsleben, sondern man versuchte, den Schutz des Staates für die tonangebenden wirtschaftlichen Interessen zu bekommen Und wenn man einmal vorurteilslos studieren wird, warum dieser Krieg sich entwickelt hat, dann wird man auch unter den Ursachen finden die unselige Verquickung von Wirtschaftsinteressen mit Rechts- und Staatsinteressen in Mitteleuropa. ("Bravo!») Das ist auf der einen Seite die Verquickung des Staatslebens mit dem Wirtschaftsleben, die man versucht hat. Auf der anderen Seite hat man verknüpft das Geistesleben mit dem Staatsleben. Dieses Geistesleben - man sah ja einen ganz besonderen Fortschritt der neueren Zeit darinnen, dass dieses Geisteslebens nicht selbstständig sich entwickele, sondern dass es in das Staatsleben eingespannt wurde. Ja, die meisten Menschen können sich heute überhaupt noch gar nicht vorstellen, dass man auf diesem Gebiete den Rückzug antreten kann und muss, dass man muss wieder hinarbeiten darauf, dass das Geistesleben emanzipiert werde, wieder losgelöst werde vom Staate, und dass das Wirtschaftsleben auf seiner freien Grundlage sich entwickeln könne. Allerlei Kurzsichtigkeit haben die Menschen auf diesem Gebiete entwickelt und entwickeln sie noch. Dieses Geistesleben, man kann ihm ansehen, und ich glaube darüber reden zu dürfen, sehr verehrte Anwesende, denn ich glaube dadurch dieses Recht dazu zu haben, dass ich mein ganzes Leben hindurch niemals auf einem anderen Boden als auf dem des frei sich entwickelnden Geisteslebens gestanden habe, nie im Geistesleben irgend der Diener des einen oder ändern Staates, auch nicht der Diener irgendeiner Wirtschaftsordnung war, sondern immer versucht habe, das geistige Leben aus seinen eigenen Grundlagen heraus zu entwickeln. Daher weiß ich, was es heißt, dieses Geistesleben frei gehalten zu haben. Aber ist es, indem es verknüpft worden ist in der neueren Zeit immer mehr und mehr mit dem Staatsleben, ist es frei gehalten? Nun, man hat viel sich darauf zugutegetan, indem man betonte, im Mittelalter, gewiss, die Zeiten, wir würden sie nicht wiederum zurückwünschen, selbstverständlich nicht, in den Zeiten des Mittelalters war die Wissenschaft die Schleppenträgerin der Theologie. Gewiss, das war so, und das soll nicht wieder zurückkommen. Aber ist es denn in der neueren Zeit auf einem anderen Gebiete viel anders? Gewiss, dasjenige, was sich als Wissenschaft innerhalb des Staates, der Staatsanstalten ausbildet, es ist ja nicht mehr so stark Schleppenträger der Theologie wie im Mittelalter, aber es ist ganz gewiss Schleppenträger des Staates. Nicht bloß, dass die wissenschaftlichen Anstalten, dass die Schulanstalten vom Staate verwaltet werden, sondern in den Inhalt des Geisteslebens selbst hinein ist gedrungen dasjenige, was vom Staate ausfließt, und die Wissenschaft ist nicht dasjenige geworden, was sie vielfach nach den Verfassungen des einen und des anderen Landes ist: freie Forschung, freie Lehre -, nein, die Wissenschaft ist geworden Staatsdienerin. Es gibt schon Staaten, in denen die neuere Wissenschaft zwar nicht nachträgt der Theologie die Schleppe, aber die, gerade die letzten Jahre haben es gezeigt, dass diese Wissenschaft ganz stark sich anhängt an die Säbelschnur (Heiterkeit) und der Garnisonsordnung nicht ganz fernesteht, und dasjenige, was sich als die Anschauung des Proletariats von dieser Wissenschaft ausgebildet hat, es ist vielleicht doch nicht so unwichtig, wenn es sagt: Diese Wissenschaft ist als Ideologie nur das Spiegelbild der herrschenden Wirtschafts- und Staatsordnung. Haben denn nicht in der neueren Zeit auf dem Gebiete der Mathematik und Physik ähnliche Zustände geherrscht? Da ist es nicht so durchsichtig, da kann man nicht gleich staatsdienern; aber auf der anderen Seite, Gebiete, die gerade in das menschliche Leben einschlagen, da kann man recht stark schon staatsdienern. So wurde vielfach die Wissenschaft, namentlich der Geschichte - der kann man es ansehen, aber auch andere Zweige der Wissenschaft - eine Staatsdienerschaft. So wie die jeweiligen Machthaber es wollten, so wurde gelehrt; die jeweiligen Machthaber stellten sich ihre Theologen, Juristen, Mediziner, Philologen und so weiter an, und ein klares Spiegelbild der Staatsordnung wurde die Wissenschaft, die aber nur dann gedeihen kann, wenn sie auf sich selbst gestellt ist und auf ihrem eigenen Boden sich entwickelt. Nehmen Sie die Geschichte. Glauben Sie, dass die Geschichte der Hohenzollern in der Zukunft gerade so geschrieben würde, geschrieben werden wird, wie sie vorher von den deutschen Professoren geschrieben worden ist? ['Nein!») Das wird nicht der Fall sein. (Heiterkeit.) Diese Geschichte der Hohenzollern, sie war so recht ein Kapitalspiegelbild des geistigen Lebens von den herrschenden Mächten. Man braucht nicht gleich so weit zu gehen wie einmal der berühmte Physiologe - er ist sonst ein tüchtiger Mann gewesen, «ehrenwerte Männer sind sie ja alle» - so heißt es bei Shakespeare - wie der berühmte Physiologe, der einmal sprach in einer glänzenden Versammlung und sagte: Wir deutschen Wissenschafter sind die wissenschaftliche Schutztruppe der Hohenzollern. - Oh, es war ein aufrichtiges Wort. (Heiterkeit.) Sehen Sie, sehr verehrte Anwesende, es war ein aufrichtiges Wort, aber nicht gerade die Bezeichnung eines wünschenswerten Zustandes. Man braucht nicht gleich so weit zu gehen. Aber wissen kann man, wie es ganz anders werden wird, wenn der Lehrer der untersten Schulstufe nicht mehr wissen wird, dass er nach den Maximen der bloßen politischen Ordnung behandelt wird, sondern dass er nur verwaltet wird von einer Verwaltung, die rein aus dem Boden des geistigen Lebens selbst herauswächst. Was entsteht, wenn politisches und irgendwie geistiges Leben zusammenkommt, das hat sich ja auch im Deutschen Reichstag gezeigt, zeigt sich aber auch in anderen Gebieten. Da haben wir im Deutschen Reichstag das sogenannte Zentrum gehabt, eine rein auf religiöser Grundlage ruhende Partei. Mit allen möglichen anderen Parteien ist sie Koalitionen eingegangen, und hineingeflossen in das Recht des Reiches ist dasjenige, was aus rein religiösen Grundfesten herausgenommen worden ist. Diese Dinge alle, die verhundertfältigt werden könnten als Beispiele, die bezeugen, dass es notwendig ist, dass in der Zukunft dasjenige, was man gerade unter dem Einflusse des modernen Kapitalismus ver schmolzen hat - Geistesleben, Rechtsleben oder politisches Leben und Wirtschaftsleben -, dass das wiederum auseinandergestellt sein muss, dass eine Dreigliederung des sozialen Organismus eintreten muss, dass da kommen muss ein Nebeneinanderstehen, wie souveräne Staaten, eine selbstständige Verwaltung des Geisteslebens, eine selbstständige Verwaltung des politischen oder Staatslebens, eine selbstständige Verwaltung des Wirtschaftslebens. Gerade dann werden sich diese drei Gebiete in einer richtigen Weise zu einer Einheit verbinden, wenn auf jedem dieser drei Gebiete das aus den eigenen Kräften dieser Gebiete Herauswachsende sich entwickeln kann. Nehmen wir das Beispiel für das Wirtschaftsleben. Da können wir sehen, wie dieses Wirtschaftsleben auf der einen Seite abhängig ist von der Naturgrundlage, je nachdem in dem sozialen Territorium, das in Betracht kommt, ob der Boden fruchtbar oder mehr oder weniger unfruchtbar ist, je nachdem das oder jenes gedeiht oder nicht gedeiht, ist auch das wirtschaftliche Leben dieses oder jenes. Man kann an extremen Beispielen dies gerade lernen. In einem Bananenlande, wo die Banane ein wichtiges Nahrungsmittel ist, da stellt sich heraus, dass die Arbeit, die notwendig ist, um die Bananen vom Ausgangsorte zum Konsum zu bringen, hundertmal kleiner ist als die Arbeit, die bei uns nötig ist, bei unseren mittleren europäischen Gegenden nötig ist, um den Weizen von der Aussaat bis zum Konsum zu bringen. So extreme Beispiele selbstverständlich sind im einzelnen Territorium unserer Gegenden nicht vorhanden; aber es unterscheiden sich doch die einzelnen wirtschaftlichen Produktionszweige so voneinander, dass verschiedene Menschenarbeit zu ihnen notwendig ist, und so weiter, und so weiter. Das Wirtschaftsleben ist von der Naturgrundlage auf der einen Seite abhängig. Man kann diese Naturgrundlage verbessern durch allerlei technische Errungenschaften; aber eine Grenze ist auf dieser Seite geschaffen. Zu dieser Grenze muss auf der anderen Seite eine andere kommen, die von dem selbstständigen Rechtsstaate herrührt. Diese andere Seite wird dann geschaffen werden, wenn nicht mehr solche sonderbaren Dinge figurieren werden, die eigentlich, indem sie angeblich mit modernem Menschenrechte arbeiten, nur Lebenslügen vertuschen. Solche Einrichtungen sind zum Beispiel der moderne Arbeitsvertrag. Solange der Arbeiter einen Vertrag zu schließen hat, wie eine Ware, mit dem sogenannten Unternehmer, so lange kann von einem Rechtsverhältnis zwischen Unternehmer und Arbeiter überhaupt nicht die Rede sein. Selbst dann, wenn das ganze Arbeitsverhältnis herausgenommen ist aus dem Wirtschaftsprozesse und hineingestellt ist in den selbstständigen Rechtsorganismus, wenn innerhalb des selbstständigen Rechtsorganismus wirkliche Demokratie herrscht, wo in Betracht kommt dasjenige, was für alle Menschen in gleicher Weise gilt, wenn auf diesem Rechtsboden entschieden wird über Zeitmaß, über Art der Arbeit, wenn schon entschieden ist über die Arbeit, bevor diese Arbeit überhaupt im Wirtschaftsprozess zur Anwendung kommt, wie entschieden ist in der Erde selbst durch die Naturkräfte über die Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit, bevor der Wirtschaftsprozess beginnt, erst dann ist ein wirkliches Rechtsverhältnis möglich zwischen dem sogenannten Arbeiter und Arbeitgeber, die in der Zukunft ganz andere Formen annehmen müssen. Zunächst muss bestimmt werden, wie lange gearbeitet werden darf, wie gearbeitet wird und so weiter; dann wird festgestellt, welches Verhältnis zwischen dem Arbeiter und dem Arbeitsleiter sein muss, bevor der Wirtschaftsprozess überhaupt in Betracht kommt. Dann aber wird der Arbeitsvertrag nur sich erstrecken können auf die entsprechende Verteilung desjenigen, was gemeinschaftlich der Arbeiter mit dem Arbeitsleiter produziert. Dann erst wird Gerechtigkeit herrschen können auf diesem Gebiete. («Bravo!») Sagen Sie nicht, sehr verehrte Anwesende, dass ich, indem ich dieses ausspreche, etwa zurückgreifen möchte zu dem alten Stücklohn. Das kann nur derjenige glauben, der nicht berücksichtigt, dass ich ja hineinstelle in einen ganz gesunden sozialen Organismus das, was ich in dieser Weise vorschlage. Der alte Stücklohn war eben auch ein Lohn. Dasjenige, was ich hier vorschlage, ist ein auf ein selbstverständliches Rechtsverhältnis gegründetes Vertragsverhältnis zwischen demjenigen, der die körperliche Arbeit verrichtet, und demjenigen, der durch seine individuellen Fähigkeiten diese Arbeit im Nutzen des sozialen Organismus leiten soll, nicht zu seinem kapitalistischen, persönlichen, egoistischen Nutzen. Das ist dasjenige, was ich zu sagen habe zu etwas ganz anderem als etwa zu einer Erneuerung des alten Stücklohns. Das Lohn-Verhältnis hört überhaupt auf. Und dasjenige, was eintritt, ist ein Vertragsverhältnis über die erzeugte Arbeit. Dann wird der Arbeiter wissen, wohin sein Mehrwert geht; denn dann wird er in die Lage versetzt werden, wenn er frei dem Arbeitsleiter gegenübersteht, denn sein Verhältnis zur Arbeit wird auf dem Rechtsboden geschaffen, dann wird er wissen, wie er in diesem freien Vertrag die Verteilung vornehmen kann. Das ist auf der einen Seite das Arbeitsverhältnis, das aber nur so geschaffen werden kann, wenn es so selbstständig ist, wie in der neueren Zeit dem Wirtschaftsprozess der Rechtsstaat gegenübersteht. Oh, ich weiß, sehr verehrte Anwesende, wie viele Vorurteile gegen diesen selbstständigen Rechtsstaat auf der einen Seite und den selbstständigen Wirtschaftsstaat auf der anderen Seite da sind. Aber das haben sich die Leute doch eben nur so vorgemacht in der neueren Zeit. Der Staat als solcher ist ja für die Leute der reine Götze, um nicht zu sagen, der reine Gott geworden. Man kann ein Goethe'sches Wort auf diesen Götzen- oder Gott-Staat anwenden, allerdings ein Wort, das der Faust zu dem sechzehnjährigen Gretchen in Bezug auf religiöse Fragen spricht: «Der Allumfasser, Allerhalter, fasst und erhält er nicht dich, mich, sich selbst?», so könnte ungefähr, wie Faust von dem Gotte, so könnte ungefähr der moderne Kapitalist, der moderne Arbeitgeber von dem Staate zu dem Arbeitnehmer sprechen: «Der Allumfasser, der Allerhalter, fasst und erhält er nicht dich, mich, sich selbst?» Dabei könnte er im Geheimen sogar denken vielleicht: besonders aber mich. (Heiterkeit.) Sehr verehrte Anwesende, die Denkgewohnheit ist eben eine starke geworden, und sie wird sich sträuben gegen diese Verselbstständigung des Wirtschaftslebens und des Staatslebens. Man wird nicht können auf dem Wege der bloßen Genossenschaft, der den ganzen Staat umfassenden Genossenschaft, man wird nicht können dasjenige erreichen, was erreicht werden muss. Im Gegenteil, man wird das Rechtsleben herausnehmen müssen aus dem Wirtschaftsleben. Dann wird auf der einen Seite das Wirtschaftsleben sich bloß als Warenzirkulation, Warenerzeugung, Warenkonsum entwickeln können, und das wird sich realisieren können, wovon die Sozialdemokratie immer gesprochen hat, dass nicht mehr produziert werden dürfe, um zu produzieren, sondern produziert werden dürfe, um zu konsumieren. («Bravob) Das aber kann sich nicht anders entwickeln, meine sehr verehrten Anwesenden, als wenn ein selbstständiger Rechtsboden da ist, der sich allerdings auf der einen Seite auf das Arbeitsrecht erstreckt, auf der anderen Seite erstreckt aber hauptsächlich auch über den sogenannten Besitz, über das sogenannte Eigentum, namentlich das Privateigentum. Wer über das Privateigentum zur Klarheit kommen will oder kommen möchte, genauer gesagt, der soll vor allen Dingen sich klar sein darüber, dass für den sozialen Organismus, für das soziale Leben das Besitzverhältnis nur ein Rechtsverhältnis sein kann. Zunächst ist es ein Vorrecht, ein Klassenverhältnis; aber es ist seinem Wesen nach ein Rechtsverhältnis. Denn was ist Besitz? Alles andere ist ja Wischiwaschi. Dasjenige, was an Besitz wichtig ist im sozialen Leben, das ist das Verfügungsrecht über irgendeine Sache. Das ist ein Recht, und das kommt als Recht in Betracht, kommt insofern in Betracht als ein Recht, als das Recht Gegenstand des politischen Staates sein muss, indem dieses Recht ausgemacht, geregelt wird von Mensch zu Mensch. Auf rein demokratischem Wege ist der Wirtschaftsstaat dasjenige, was ersteht aus menschlichen Bedürfnissen und aus der notwendigen Produktion heraus. So ist der Rechtsstaat dasjenige, was entsteht aus dem heraus, worinnen alle Menschen gleich sind, was alle Menschen angeht. Wir haben eine Verständigung von Mensch zu Mensch, die auf demokratischem Boden errichtet werden muss. Der Wirtschaftsorganismus wird sich entwickeln aus dem heraus, was sich in den Anfängen, aber eben nur in solchen Anfängen gezeigt hat im Genossenschaftswesen, Gewerkschaftswesen und so weiter aus den verschiedenen Berufsständen heraus, aus namentlich den Interessen, die sich entwickeln zwischen Produktion und Konsumtion, bei der sich Assoziationen bilden, und auf Grundlage dieser Assoziationen, die rein sachgemäß verwaltet werden, wird der Wirtschaftsstaat verwalter werden, meinetwillen sage ich der Wirtschaftsstaat; ich könnte auch sagen, der Wirtschaftsorganismus verwaltet werden, der Wirtschaftskreislauf, in dem nur noch Ware zirkulieren wird. Und in diesem Wirtschaftsorganismus wird vor allen Dingen dasjenige walten, was heute noch von den Staatsgesetzen verwaltet wird, in diesem Wirtschaftsorganismus wird walten der Wert, die Währung des Geldes. Nicht der Staat wird durch Gesetze festzustellen haben, welches die Währung ist, wodurch die starken Preisschwankungen eigentlich zustande kommen, sondern im Wirtschaftsorganismus wird dasjenige eintreten können aus der bloßen Verwaltung dieses Wirtschaftsorganismus heraus, was Geldverwaltung ist. Geld ist dasjenige, was nach der Naturalwirtschaft die Menschen, die in einem sozialen Organismus leben, eben zur gemeinsamen Wirtschaft veranlassen. Geld kann nichts anderes sein als die Anweisung, die ich habe, auf Grundlage dessen, dass ich selber etwas hervorgebracht habe, die Anweisung, die ich habe, dass ich zur rechten Zeit auf Grundlage des von mir Hervorgebrachten, von einem anderen sein anders Hervorgebrachtes wieder bekommen kann. Das kann aber nur ausgemacht werden, was hier als die eigentliche Funktion des Geldes genannt ist, das kann nur ausgemacht werden auf dem Boden des Wirtschaftsorganismus. Der eigentliche staatliche Boden wird nur in sich hegen dasjenige, was auf demokratischer Grundlage, was auf der Rechtsgrundlage, auf der Rechtsgrundlage, wo Gleichheit aller Menschen ist, erbaut werden kann. Und das Geistesleben, das als Drittes abgegliedert werden muss von beiden: Heute lebt ja wahrhaftig dieses Geistesleben in ganz merkwürdigen Zusammenhängen mit dem Staatsleben, mit dem politischen Leben. Als ich am letzten Mittwoch in Basel drinnen vorgetragen habe über denselben Gegenstand, da erwiderte ein Diskussionsredner - über manches, was er erwiderte, war ich ja anderer Meinung, aber in einem, worauf er hinwies, das war ja wirklich etwas, was von der Vermischung, von der unnatürlichen Verquickung des Geisteslebens, eines Teiles des Geisteslebens sogar mit dem Wirtschaftsleben sprach. Mit Bezug auf das Geistesleben, seine Verselbstständigung, hat die moderne Sozialdemokratie eigentlich erst ein einziges Glied, von dem sie sagt: Religion muss Privatsache sein, eine Religion abgegliedert von dem Staatsleben. Aus welchem Motiv das auch sein mag, die Fortsetzung desjenigen, was in dieser Forderung liegt für das gesamte Geistesleben, die Abgliederung von dem Staats- und Wirtschaftsleben, darinnen liegt das Heil der Zukunft. Sonst werden immer solche merkwürdigen Gebräuche zustande kommen, die darauf hinweisen, wie etwas Ungesundes in unserem sozialen Leben ist. Wie gesagt dieser Herr wies darauf hin, dass auch wiederum in dieser neuesten Nuance, ich weiß nicht, wie ich es benennen soll, um ihr nicht wehzutun, also sagen wir, in dieser Nationalversammlung dieses Deutschen Reiches wiederum eine Koalition besteht zwischen dem Zentrum und den Mehrheitssozialisten. ['Pfui!» - und Lachen.) Zentrum und Mehrheitssozialisten, die gehen ja miteinander. Zentrum - das sind katholische Leute, nicht wahr, ganz gut katholische Leute - ja, ich weiß nicht, indem sie da auf diese Weise zusammenarbeiten, wie sich die Katholiken da zusammentun können, wenn auch mit den Mehrheitssozialisten, so doch immer mit den Sozialdemokraten, wenn man den letzten Hirtenbrief des Bischofs von Chur einmal gesehen hat, wie dieser schreibt in seinem Hirtenbriefe! Es steht dort nichts Geringeres, als dass jeder, der als Soldat sich auflehnt, gegen die göttliche Weltordnung verstößt, und dass daher niemandem die Sünden erlassen werden können in der Beichte, der sich zu irgendeiner sozialen Partei bekennt. Das ist der neueste Hirtenbrief, vom 2. Februar des Jahres 1919. Ja, ich frage mich, wie stimmt denn das zu der Koalition von Zentrum und Sozialdemokratie in der deutschen Nationalversammlung? Da haben sich ja die gut katholischen Leute mit anderen verbündet, von denen der Erzbischof von Chur verlangt, dass ihnen in der Beichte keine Sünden erlassen werden, die also siindenbeladen zur Hölle gehen müssen. Also die sehen wir Hand in Hand gehen in der deutschen Nationalversammlung, diese Katholiken mit denjenigen, die nicht einmal in der Beichte freigesprochen werden können von ihren Sünden. Ich möchte bloß wissen, was auf dem Wege zur HÖlle aus dieser Koalition eigentlich werden soll. Ja, die Sache sieht wirklich recht lächerlich aus. Aber diese Lächerlichkeiten, sehr verehrte Anwesende, sind in unserer Gegenwart Wirklichkeiten. Über diese Wirklichkeiten kommt man nur hinaus zu gesunden Verhältnissen, wenn man sich wirklich darauf einlässt, dass die Dreigliederung des sozialen Organismus immer mehr und mehr angestrebt werden muss, dass tatsächlich das gesamte Geistesleben, von dem untersten Schulleben an bis hinauf zu der obersten Universität, durchaus auf eigenem Grund und Boden steht. Derjenige, der das Geistesleben kennt, der weiß, dass dieses Geistesleben aus seinen eigenen inneren Kräften nur gedeihen kann, wenn es weder vom Staat noch vom Wirtschaftsleben abhängig ist. Wenn aber derjenige, der geistig produzieren soll, den Weisungen eines Staates zu gehorchen hat, oder auch wenn er Sklave ist dieses oder jenes Kapitalisten, dieser oder jener Clique - mancher ist es unbemerkt weiß es gar nicht, glaubt, er folgt nur seinem Genius, indem er ein Bild malt, und in Wahrheit folgt er gar nicht seinem Genius, sondern er folgt der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. («Sehr richtig.») Die Leute sind nur nicht gedankenbeschlagen genug, um in die Gesetze des modernen sozialen Lebens hineinzuschauen, in denen sie drinnenstehen. Das aber ist die Aufgabe vor allen Dingen, dass man hineinschaut. Dann wird man auch darauf kommen, was diese Dreiglieckrung des sozialen Organismus bedeutet. Mit der Morgenröte der neueren Zeit, am Ende des achtzehnten Jahrhunderts, erklangen aus der Französischen Revolution heraus, und schon an ihrem Anfange, drei bedeutungsvolle Worte, wie die Devise der neueren Zeit: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts haben recht gescheite Leute, ehrenfeste Männer, sie haben immer wieder betont, wie diese drei Eigenschaften einander widersprechen, wie Freiheit nicht vereinbar sei mit Gleichheit; denn wenn alle Menschen gleich sind, so kann der Einzelne sich nicht frei entwickeln. Nun, ich werde in dem Buche, das nächster Tage über die soziale Frage von mir erscheinen wird, zeigen, dass überhaupt der Fortgang in der Entwicklung desjenigen, was man Kapital nennt, nur dann herausführen kann aus den Schäden des modernen Kapitalismus, wenn alles dasjenige, was Kapital ist, in einer gewissen Weise in Beziehung gebracht wird zu demjenigen Glied des sozialen Organismus, wo die individuellen geistigen Fähigkeiten verwaltet werden. Da wird das eintreten können - das kann ich hier nur andeuten, Sie werden es in meinem Buche deutlicher ausgeführt finden -, was heute innerhalb gewisser Grenzen nur zugegeben wird für das unbedeutendste Eigentum, das man haben kann in unserer heutigen kapitalistischen, materialistischen Zeit. Was ist denn eigentlich für die tonangebenden Menschen das allerunbeträchtlichste, das schofelste Eigentum? Das Geistige. Man lässt es doch wenigstens gerechterweise noch zu, dass es 30 Jahre nach dem Tode desjenigen, der es hervorgebracht hat, übergeht an die Allgemeinheit, Allgemeingut wird. Es wird in der nächsten Zeit ganz anders gehen müssen mit dem materiellen Gut. Man wird denselben Weg finden müssen des Übergehens des materiellen Guts an die Allgemeinheit, wie man es heute nur gefunden hat für die schofelste Angelegenheit, das Geistesgut. Dieses Geistesgut geht mit Recht über. Denn wie sehr es sich auch mit den materiellen Fähigkeiten des Menschen und so weiter verhält, man braucht Begabung und so weiter, um etwas hervorzubringen; aber ist etwas hervorgebracht aufgrund der sozialen Gemeinschaft, so gut, wie man die Sprache nur von der Gemeinschaft hat, so gut hat alles materielle Gut nur durch die soziale Gemeinschaft zustande kommen können, hat nur insofern eine Beziehung zu dieser Gemeinschaft, als man mit seinen Fähigkeiten damit verknüpft ist. Solange die Fähigkeiten eines Leiters verknüpft sein können mit einem Produktionsunternehmen, so lange wird er es in der Zukunft leiten. Darin müssen Mittel und Wege gesucht werden, dass das materielle Gut, ebenso wie das Geistesgut heute, in den Kreislauf des Kapitals, der Produktionsmittel aufgenommen wird. Das ist es, worauf gesonnen werden muss, das ist es, was der Zukunftsentwicklung der Menschheit unbedingt einverleibt werden muss. («Bravob) Freiheit muss allerdings sein auf dem Gebiete des Geisteslebens. Aber die Menschen haben immer wiederum bewiesen, wie gesagt, sehr scharfsinnig bewiesen, dass diese Freiheit widersprechen würde der Gleichheit. Sie hatten auf der anderen Seite bewiesen, dass die Gleichheit der Brüderlichkeit widersprechen würde. Es würde allerdings widersprechen, wenn es so aufgefasst würde nach dem Grundsatz: Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein. Nun ja, so reden schon die Leute, wenigstens manche Leute. Aber diese Dreie, die werden es schon, sein, die in mein Herz hineinfließen, Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit. Dass wir sie nicht bloß auf einen oberflächlichen Widerspruch hin prüfen, sondern dass wir zum Beispiel um etwas Tieferes dabei fragen müssen, das ist es, auf was es ankommt. Und da wird uns klar, dass, als diese drei bedeutungsvollen sozialen Impulse erklangen, die Leute noch hypnotisiert waren von dem Einheitsstaate, ganz offenbar hypnotisiert waren von dem Einheitsstaat: der dich und sich und mich erhält, besonders aber mich erhält. Die Leute waren hypnotisiert davon. Aber diese drei Impulse, sie haben ihre Bedeutung gerade, wenn die Dreigliederung durchgeführt wird. Da reden die Leute heute noch immer davon; Schlagworte führen sie an: Individualismus, Sozialismus, Demokratie. Gewiss, sehr verehrte Anwesende, so, wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit drei Impulse sind, so sind auch Individualismus, Demokratie und Sozialismus drei Impulse. Verstehen kam man sie nur, wenn man weiß, Individualismus ist dasjenige, was mit den individuellen Fähigkeiten und Begabungen des Menschen zusammenhängt. Das muss auf dem Gebiete des geistigen Lebens sein, Demokratie auf dem Gebiete des Staates sein, wo die Gleichheit aller Menschen in Betracht kommt, wo dasjenige, was geschieht, alle Menschen angeht, wo Arbeitsrecht und Besitzrecht - Besitz wird es nicht geben -, aber Leitungsrecht in Betracht kommen wird. Dasjenige, was als Sozialismus in der Zukunft sich ausbildet, es wird auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens herrschen. Und ebenso wird es sein mit Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Freiheit muss sein auf dem Gebiete des geistigen Lebens. Deshalb muss das geistige Leben auch frei sich entfalten können. Ängstliche Gemüter, die da sagen: Wenn die Schule aber frei sein wird, wie wird das dann ausfallen? Na, ich denke, die Leute kennen wenig gerade dasjenige, was moderne Arbeiterbewegung ist. Der moderne Arbeiter hat alles Interesse daran, dass er nicht wieder in eine Botmäßigkeit von herrschenden Klassen durch irgendwelche Unwissenheit komme. Überlässt man es ihm frei, seine Kinder zur Schule zu schicken, dann wird er das ganz gewiss tun. Ausbleiben werden vielleicht andere, die Angehörigen derjenigen Klasse, die heute schon wissen, was ihnen ihr bisschen Glanzbildungsversuch eigentlich gekostet hat, und wie oft sie, während sie sich ausgebildet haben, die Schule geschwänzt haben. Nicht nur tagelang, sondern manchmal so geschwänzt haben, dass die Zeugnisse nur einen sehr minderen Wert noch haben. Freiheit auf dem Gebiete des Geisteslebens, Gleichheit auf dem Gebiete des politischen oder Staatslebens, Brüderlichkeit im umfassenden Sinne auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens durch die Assoziationen, Genossenschaften, welche wirklich sachgemäß die Brüderlichkeit ausdehnen werden über das ganze Wirtschaftsleben: Erst dann, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man einsieht, dass die soziale Organisation dreigliedrig sein muss, dann weiß man auch, wie nebeneinander sich entwickeln werden in der Zukunft Freiheit im Geistesleben, Gleichheit im demokratischen Staatsleben, Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben. Das wird die Erfüllung desjenigen sein, was seit mehr als einem Jahrhundert die Menschheit durchtönt. So die Zusammenhänge ansehen, so ansehen, was in den Kräften, die heute schon in der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit liegen, eigentlich steckt, das wird zu der notwendigen Anerkennung dieser drei Glieder, die ich Ihnen nur skizzieren konnte, die Sie dann in meinem Buche weiter ausgeführt finden werden, führen. Ich glaube aber, sehr verehrte Anwesende, sosehr heute noch die Leute mit allen möglichen. Schlagworten, weil es Ihnen bequem wäre, in der alten Ordnung bleiben zu können, sich stemmen werden gegen solche Gedanken, es sollte doch eingesehen werden, in welcher Weise diese Gedanken neu sind. Gar mancher sagt heute, er hielte das oder jenes für die Zukunft für gut. Oh, man kann manches für gut halten! Aber ich bilde mir durchaus nicht ein, über die Einzelheiten desjenigen, was geschehen soll, gescheiter zu sein als andere Menschen. Deshalb stelle ich keine Utopie auf, sondern das Gegenteil von ihr ist dasjenige, was ich vorgeführt habe. Was ich vorgeführt habe, kann überall in Angriff genommen werden, wo man auch steht. Wie weit in Osteuropa die [Revolution] vorgerückt ist, wie weit man noch von ihr ab ist in anderen Gegenden Europas, überall kann begonnen werden damit, dass man von einem bestimmten, realen Punkte ausgehend, auf der einen Seite wirkt nach der Begründung des freien Schulwesens und des freien geistigen Lebens; auf der anderen Seite nach der Begründung des vom Staat unabhängigen Wirtschaftslebens, das sich genossenschaftlich, das sich namentlich durch Verbrüderung der Produktion und der Konsumtion in der Zukunft ausbilden muss. Das ist ja das Allerrealste, das ist das Praktischste, was sich überhaupt nur in der Gegenwart ersinnen lässt. Denn es baut nicht auf irgendein Programm, es baut auf die Wirklichkeit des Menschen. Immer wieder und wieder wird gesagt: Wenn du eine Dreigliederung des sozialen Organismus einführen willst, wo bleibt dann die Einheit? Die Einheit wird der Mensch sein, sehr verehrte Anwesende, denn wenn eingewendet wird: Willst du denn wiederaufrichten die alte Ständeordnung, Nährstand, Wehrstand, Lehrstand? Gewiss, der Nährstand, gegen den ist ja auch heute nichts Besonderes einzuwenden, denn ihn brauchen die Leute. Der Wehrstand - na, es ist in den letzten Jahren so viel darüber geredet worden, ich werde die Dinge nicht zu wiederholen brauchen! Lehrstand, na, dem Schuldienerstand, Staatsdienerstand ist das nicht unähnlich geworden. Denn um die Aufrichtung neuer Stände handelt es sich nicht; es handelt sich darum, dass die Verwaltung, die Organisation, die völlig vom Menschen abgesondert ist, dass die dreigliedrig ist. Der Mensch selbst, er wird in allen drei Organismen sein; insofern er individuelle Fähigkeiten zu entwickeln hat, wird er dem geistigen Organismus angehören, wird zu ihm Beziehungen haben, wird zu entscheiden haben, wie er dem Geistes-Organismus sich eingliedern will, wird, selbstverständlich in Bezug auf dasjenige, was für alle Menschen gleich ist, im Staatsorganismus drinnenstehen. Für den Wirtschaftsorganismus gilt das Gesetz, dass jeder drinnenstehen muss. Der Mensch wird die Einheit sein. Der Mensch wird aber dadurch gerade auf seine wahre Menschenwürde gestellt werden können. Das ist es, worauf es ankommt, dass man nicht mehr die Menschen gliedert, sondern dadurch, dass man die soziale Ordnung selbst gliedert. Ich glaube, sehr verehrte Anwesende, dass allerdings aus dem Proletariat heraus entstehen können diejenigen, die am ehesten Verständnis haben können für eine solche soziale Ordnung. Der Proletarier hat wahrhaftig keine Veranlassung, viel Vorliebe zu haben für die alten Ordnungen, die sich auf die Neuzeit übertragen haben, die manche Menschen heute noch so bequem finden möchten, wenn sie nur nicht da zu sehr angefochten würden. (Lachen.) Der Proletarier hat gelernt, sich auf sich selbst zu stellen. Er hat gelernt, nach etwas anderem zu schauen als nach demjenigen, was bisher manchen Menschen zuteilgeworden ist. Er hat gelernt vielleicht auch, dass neue Gedanken notwendig sind, dass umgedacht werden muss, dass man nicht bloß mit den alten Denkgewohnheiten ein paar Einrichtungen umwandeln muss, sondern dass neue Gedanken notwendig sind, dass ein Umdenken notwendig ist. Den unverbrauchten Intellekt des modernen Proletariers, ihn verkennt man in vielen Kreisen; er wird sich gerade finden zu solchem Denken. Man sollte solche Gedanken hegen in einer Zeit, in der man so oftmals sagt: In der Kriegskatastrophe hat sich etwas gezeigt, was noch niemals da war in der Geschichte. Diejenigen, die durchaus nicht glauben wollen, dass man diese Gedanken braucht, sollten darüber nachdenken, dass in einer solchen Zeit, wo Ereignisse eingetreten sind, die noch nicht da waren, auch Gedanken kommen müssten, die einem ungewohnt sind, ungewohnt denjenigen Leuten, die nur in den alten ausgefahrenen Geleisen leben. Das aber glaube ich, dass das nachrückende Proletariat, so, wie es sich unbefriedigt fühlen musste in dem Erbstücke der alten bürgerlichen Ordnung, dass es sich hineinfinden wird in dasjenige, was als eine neue soziale Ordnung gerade für die gesunde Dreigliederung des sozialen Organismus notwendig ist. Deshalb glaube ich, dass es nicht vergeblich gesprochen ist gerade in die Proletarierseelen hinein, wenn von dieser sozialen Ordnung der Zukunft gesprochen wird, von der ich glaube, dass sie sich verwirklichen will und verwirklichen muss, weil sie in dem innersten Menschenimpulse drinnen für die nächste Zeit liegen. Das ist es, was zu gleicher Zeit mich mit der Hoffnung erfüllt, dass aus der proletarischen Welt heraus diejenigen kommen werden, die Verständnis haben werden für eine in diesem Sinne vernünftige, fortschrittliche Bewegung, zum gesunden sozialen Organismus hin. Dann würde gerade aus dem Proletariat heraus diejenige Menschheit kommen, welche durch das, was sie nun anstrebt, anstrebt aus Not und Elend, aus Verachtung ihrer Menschenwürde vonseiten der anderen Klassen heraus, was sie anstrebt, aber für ihre Klasse, sie würde aus dem heraus entwickeln dasjenige, was Zukunftsentwicklung werden muss, nicht um des Vorteiles einer Klasse willen, sondern um des Vorteiles alles Menschlichen willen, was erstrebt werden muss: Befreiung der ganzen Menschheit, Befreiung desjenigen in der Menschheit, was wert ist, befreit zu werden. Das kann aber nur geschehen durch solche soziale Anschauungen, die nicht irgendwie aus einer Idee heraus gefasst sind, sondern aus der Lebensbeobachtung heraus gefasst sind. Gewiss, wahr ist es: Der Worte sind genug gewechselt bis zum heutigen Tage; aber es kann sich ja nur darum handeln, dass zunächst das Verständnis vertieft werde, was geschehen kann, was in Taten sich verwandeln kann; von solchen Anschauungen habe ich Ihnen sprechen wollen, die nicht bloß abgegriffene Worte und alt gewordene Anschauungen wiedergeben, sondern von solchen Gedanken wollte ich Ihnen sprechen, die wirklich überall, wo man den guten Willen hat, sich verwirklichen lassen - von Gedanken, die in der nächsten Zeit in Taten übergehen sollen, weil sie nach den Anforderungen der Weltgeschichte selbst in Taten übergehen müssen und von den Menschen auch mehr oder weniger unbewusst, für die nächste Entwicklung gefordert werden. (Lebhafter Beifall.) Wir machen nun eine kleine Pause von etwa fünf Minuten. Dann findet noch eine freie Diskussion statt. Wer sich auszusprechen wünscht oder etwa zu dem Thema etwas zu sagen wijnschL der möge es von sich aus tun und mir seinen Namen nennen, oder wenn jemand eine Frage schriftlich stellen will, ist dazu auch Gelegenheit. Rudolf Steiner: Nun, es scheint ja nicht der Fall zu sein, sehr verehrte Anwesende. Ich nehme das nicht etwa so oberflächlich hin als ein Zeichen dafür, dass Sie alle einverstanden sind bis ins Einzelnste mit dem, was ich gesagt habe - auch allerdings nicht als ein Zeichen dafür, dass Sie alle nicht einverstanden sind mit dem, was ich gesagt habe. Aber ich glaube, dass ja allerdings in Bezug auf Diskussionen die Sache heute recht schwierig liegt; denn die meisten Diskussionen auf diesem Gebiete werden ja sehr häufig doch so geführt, dass man schon seinen vorgefassten Standpunkt mitbringt; und diejenigen, die es mit den Fragen, um die es sich handelt, so recht ernst nehmen, die wissen, wie schwer es eigentlich ist, aus den Forderungen heraus - die ergeben sich ja leicht - zu Ansichten zu kommen, die zu der Wirklichkeit begründet sind, zu begründeten Ansichten zu kommen, die wirklich zu dem führen können, was wir ja alle ersehnen. Es ist in unserer Zeit mehr, als man glaubt, Schulmeisterei und Ähnliches an der Tagesordnung. Und ich selber habe in der letzten Zeit, nachdem ich jenen «Aufruf» verfasst hatte, der ja von einer ganzen Reihe von Leuten in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterschrieben worden ist, zu meiner großen Befriedigung, in welchem ich aber nur die allgemeinen Ideen dieser Dreigliederung vorerst auseinandersetzen konnte, die dann weiter ausgeführt werden sollen in meinem demnächst erscheinenden Buche über die soziale Frage - ich selber habe es zum Beispiel erfahren müssen, dass mir jemand sagte, es sei höchst merkwürdig, da kommt nun der Herr Doktor just von Dornach, vom Goetheanum, wo wir doch wissen, es wird immerfort vom Geiste geredet, und da steht nun in dem ganzen Aufruf gar nichts drinnen vom Geiste. - Na, es steht ja zwar drinnen, dass das Geistesleben auf sich selbst gebaut werden solle, und ich habe das Vertrauen, wenn es nur auf sich selbst gebaut ist, so wird es sich auch gesurkl entwickeln. Aber von jenen Deklamationen, die man heute immer wieder und wiederum hören kann, dass die Menschen gesund werden in Bezug auf ihr soziales Leben, wenn sie möglichst von der Materie ab- und sich wiederum zu dem Geiste wenden - ja, von diesen Deklamationen, da hört man bei mir gar nichts. Nun sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, ich suche ja nicht da den Geist, wo man immer redet vom Geist, sondern ich glaube, dass der richtige Geist derjenige ist, der die Kraft hat, ins praktische wirkliche Leben unterzutauchen, der wirklich Verständnis hat für das Leben. Eine geistige Weltanschauung, die immer nur von Geist und Geist redet, meinetwillen, wie sie diesen Geist auch nennt, die immerfort nur diesen Lippendienst vom Geist hat, eine solche Weltanschauung scheint mir insbesondere in der jetzigen Zeit durchaus nicht das, was auf etwas Zukünftiges hinweist, sondern das scheint mir gerade das schrecklichste Ergebnis der zu Ende gehenden Ordnung zu sein. Das ist dasjenige, dass ich da erwidern möchte, wo mir gerade gesagt wird, ich sollte mehr vom Geiste sprechen: Ich suche eben nicht den Geist in dem, was da gesagt wird, nicht in dem Was, sondern in dem Wie, wie verstanden wird das Leben, wie man versucht, dem Leben verständnisvoll beizukommen. Und so sind mir ja gerade, weil man diese Anschauung von dieser Hochschule für Geisteswissenschaft die errichtet werden soll, ausgehen lässt, sind mir mancherlei Einwendungen gemacht worden, weil die Leute eben etwas anderes erwartet haben. Aber das, was Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, eigentlich treiben will, das ist etwas, was dem Leben dient. Und in unserer heutigen Zeit, sehr verehrte Anwesende, dient dem Leben der, der vor allen Dingen sich jenen Fragen widmet, die heute nicht durch bloße Worte zu uns sprechen, sondern die sprechen durch die Tatsachen. Und sehen wir es denn nicht? Die Parteianschauungen ziehen wie Mumien unter uns herum. Die Gedanken sind überall zurückgeblieben hinter den Tatsachen. Aus der Weltkriegskatastrophe heraus haben sich Tatsachen von größerer Gewalt entwickelt; diesen Tatsachen muss beigekommen werden. Man wird ihnen nicht beikommen, wenn man bei den Gedanken stehen bleibt, die man sich bisher gebildet hat. Man muss heute umdenken lernen. Das ist dasjenige, was ich als eine Art Gefühl hervorgerufen haben möchte. Und in diesem Fühlen, in dem Fühlen, dass eine neue Zeit heraufkommen muss und dass sich in den Forderungen, mögen sie nun so oder so auftreten, die sich durch die laut sprechenden Tatsachen durch Europa hin ausdrücken, doch eine neue Zeit ankündigt, wie sehr sich auch manche dagegen sträuben, in diesem Gefühl möchte ich vor allen Dingen von Ihnen verstanden werden. Denn, wenn sich die Menschen immer mehr und mehr in gemeinsamem Empfinden, in gemeinsamem Fühlen finden werden, dann wird dasjenige unter ihnen erst aufleben können, dem wir durch so etwas zuzustreben gedenken, was auch diese von mir aufgestellte Dreigliederung des sozialen Organismus will. In diesem Sinne möchte ich von Ihnen verstanden sein. Und so können wir uns auch verstehen, ohne dass wir eine Diskussion, die, wie es scheint, nicht gewünscht wird, miteinander pflegen. Aber ich darf, gerade weil ich gern in einer solchen Weise verstanden sein möchte, auch vielleicht dem, was ich heut schon gesagt habe, hinzufügen: Es ist mir wirklich eine herzliche große Befriedigung, Sie heute hier begrüßt haben zu können, in diesen Räumen, von denen Sie, wie ich glaube, noch eine Meinung erhalten werden, die anders ist als diejenige, die sich da oder dort gebildet hat, dass Sie vielleicht doch die Meinung sich bilden können, dass hier in diesen Räumen bei uns nicht gerade irgendwelche Luxusanschauungen entwickelt werden, sondern dass ernst und ehrlich gestrebt wird, gerade den höchsten Interessen der Menschheit zu dienen. In diesem Sinne möchten diese Räume eine Hochschule für Geisteswissenschaft sein. Und das macht mir eine ganz besondere innere und herzliche Freude, die Damen und Herren der Umgebung hier in diesen Räumen gerade bei Besprechung einer so wichtigen Frage haben begrüßen zu können. Ich hoffe, es wird innerhalb dieser Räume wahrhaftig nicht das letzte Mal sein. («Bravob) SOZIALES WOLLEN UND PROLETARISCHE FORDERUNGEN Müncbenstein, IQ April 1919 [Schlusswort nach Diskussion/ Sehr verehrte Anwesende, zunächst sind, bevor die Diskussion zu beantworten ist, einige Fragen eingegangen, und ich möchte zuerst auf diese hier gestellten Fragen [einiges antworten]. Zum Teil hängen auch diese Fragen doch mit alledem zusammen, was auch während der Diskussion gesprochen worden ist, und ich darf daher wohl in meinen Schlussbemerkungen, die nicht mehr lange dauern, einiges zusammenfassen. Da ist zunächst die Frage gestellt: «ISt es nicht ein großer Fehler, dass die Sozialdemokratie das Geistige und Seelische leugnet und nur den Leib [und das Leibhafte] anerkennth Nun, es ist nicht so leicht, mit ein paar Worten gerade auf diese umfassende Frage einzugehen, aus dem einfachen Grunde, weil dasjenige, was in den gelobhudelten wissenschaftlichen Kreisen als geistiges und seelisches Leben vielfach geschildert und vertreten wird, tatsächlich für den Einsichtigen nicht etwas im Aufstieg Begriffenes eigentlich ist, sondern etwas ist, was im Grunde genommen seine letzte Entwicklungsphase, seinen vollen Abstieg durchmacht. Wenn man von Geistigem spricht, sollte man nicht im Allgemeinen vom Geistigen sprechen, sondern man sollte sich immer klar sein, dass das Geistige absteigende Entwicklungen durchmacht, aufsteigende Entwicklungen durchmacht. Und diejenigen, die heute das landläufige, gebräuchliche Geistesleben, das ich ja auch im Vortrage charakterisiert habe, das ein Ergebnis der führenden Klasse in den letzten Jahrhunderten ist, wenn dieses Geistesleben abgelehnt wird, gerade dieses Geistesleben, welches durch die staatliche und wirtschaftliche Entwicklung, gerade der letzten Jahrhunderte, insbesondere des neunzehnten Jahrhunderts, [groß] geworden ist, so kann man begreifen, dass dieses abgelehnt werden muss. Es handelt sich ja darum, gerade ein wirkliches Geistesleben zu finden, ein Geistesleben, das seine eigene Wirklichkeit behält. Und dann muss ich sagen, dazu ist vor allen Dingen heute notwendig, dass erfüllt werde das eine, was ich mir erlaubte, im Vortrag auszusprechen: dass wirklich von den Ereignissen gelernt werde. Und dann muss ich sagen; dazu ist vor allen Dingen heute notwendig, dass erfüllt werde das eine, was ich mir erlaubte im Vortrag auszusprechen; dass wirklich von den Ereignissen gelernt werde. Sehen Sie, gerade mit Bezug auf manches, ich möchte sagen, in Anlehnung an diese Fragen die verschiedenen Herren Diskussionsredner gesprochen haben, möchte ich Folgendes sagen: Nicht wahr, der eine Herr hat sehr schön ein ewiges Wort ausgesprochen, das er als ein Wort des Christentums bezeichnet hat, insbesondere das ja natürlich seinem Sinne nach nicht schöner sein könnte: «Liebe deinen Nächsten als dich selbst.» Ja, aber sehr verehrte Anwesende, handelt es sich heute wirklich darum, ein solches Wort einfach auszusprechen? («Sehr richtigb) Ist es denn nicht auch eine Wahrheit, dass dieses Wort, also wollen wir es anerkennen als ein Christuswort - 2000 Jahre fast von Sich-berufen-Dünkenden ausgesprochen worden ist, und dennoch sind wir in die Verhältnisse von heute hineingekommen? Beweisen es diese Verhältnisse, dass die Kraft gefunden worden ist, dieses Wort wirklich in den Menschen lebendig zu machen? Ich möchte Sie fragen, ob es nicht doch auf etwas anderes ankommen muss als auf dasjenige, was nur im Betonen eines Wortes lebt, im Vernehmen eines solchen Wortes in Predigten und dergleichen? Sehen Sie, ich habe oftmals in Unterredungen, in Versammlungen, zu denen ich gesprochen habe, auf die Wertlosigkeit des bloßen abstrakten Betonens eines solchen Wortes dadurch mich begreiflich zu machen gesucht, dass ich sagte: Nehmen wir einmal an, ein Ofen stehe hier; es ist seine Ofenpflicht, das Zimmer warm zu machen, und ich sage ihm, indem ich so spreche, wie der Satz, der von der Nächstenliebe handelt, gesprochen worden ist: Lieber Ofen, es ist deine wirkliche Ofenpflicht, das Zimmer warm zu machen! Ich rede ihm herzlich, ich möchte sagen, mit gemütvollstem Predigerton - er wird niemals das Zimmer warm machen, wenn man kein Holz hin eintut! (Heiterkeit.) Aber wenn ich einheize, dann wird das Zimmer warm, auch wenn ich ihm nicht zurede, sondern Holz hineintue; das Zimmer wird dann warm werden. (Lebhafter Beifall.) Damit will ich durchaus nichts gegen die Wahrheit eines solchen Wortes sagen; aber es handelt sich darum, dass man ein solches Wort wirklich in die Lebenspraxis umsetzt, zur Erkenntnis macht. Das ist ja gerade das Eigentümliche, meine sehr verehrten Anwesenden, dass sich innerhalb der so vielfach gelobten Zivilisation die Menschen gefunden haben, die von Nächstenliebe, von Gottesliebe, von Brüderlichkeit gesprochen haben - gesprochen haben, nun, aus dem Zeitalter der sogenannten Humanität heraus. Sie haben sehr gescheit, sehr vernünftig gesprochen, oftmals in Zimmern mit Spiegelscheiben, in geheizten Räumen; aber es war geheizt mit Kohlen, bei deren FÖrderung - Enqueten haben das gezeigt gerade im Aufgang der sozialen Bewegung der neueren Zeit -, bei deren FÖrderung Kinder von neun bis elf, zwölf, dreizehn Jahren mitgearbeitet haben! Kohlen, die heraufgefördert worden sind aus Zechen, in denen nackte Männer unter halb nackten Frauen standen, wo wahrhaftig keine Veranlassung war, nicht einmal das Schamgefühl nicht zu bemerken, geschweige denn irgendwelche anderen christliche Ideen innezuhalten. Das muss man wirklich bedenken, dass es sich nicht bloß darum handelt, ein solches Wort hinauszuschmettern. Durch die Richtigkeit und Wichtigkeit des Gefiihlsinhaltes wird man damit natürlich immer einen Eindruck machen. Aber darum handelt es sich, zu finden in einem bestimmten Zeitalter diejenigen Dinge, die so praktisch sind wie das Holz, das ich in den Ofen legen muss, damit er mir das Zimmer wärmen kann, und die unter Umständen es ersparen können, immer wieder und wiederum das Wort im Munde zu führen: «Herr, HerrA Es ist das übrigens auch ein christliches Wort: Ihr sollt nicht immer sagen: Herr! Herr!, sondern versucht irgendwie, gerade dasjenige in eurem Gemüte, in eurem ganzen Menschen aufzunehmen, was das innere Wesen des Christentums ist. Da macht man sehr eigentümliche Erfahrungen. Kein Mensch, glaube ich, kann es mir in diesem Saale zuvortun in dem Vertreten desjenigen, was die wahrhaft innerliche Wesenheit des Christentums ist. Aber, sehr verehrte Anwesende, ich habe doch auch damit meine Erfahrungen gemacht. Ich sprach einmal ungefähr so in einem Vortrage - damals war wenigstens solch ein Gespräch möglich - über das Wesen des Christentums. Und da waren auch zwei Geistliche, wirklich zwei katholische Geistliche drinnen. Nach meinem Thema - ich rede immer aus [dem] Thema heraus - konnten die Herren nichts Rechtes einwenden gegen das, was ich sagte. Sie kamen nach dem Vortrage zu mir, und es war sogar so, dass sie sagen mussten: Da lässt sich nicht viel einwenden dagegen; aber - so sagten sie - der große Unterschied ist doch der: Wir, wir reden so, dass es alle Leute verstehen können; Sie reden nur für ein paar Gebildete. - Da sagte ich zu dem Manne, der mir das entgegenhielt: Ja, sehen Sie, Herr Pfarrer, ich frage Sie jetzt um etwas anderes: Dass Sie glauben, Sie reden zu allen Leuten, das glaube ich Ihnen; das bildet sich ja jeder Mensch schließlich ein, sonst würde er ja wahrscheinlich das Reden einstellen können; aber man kann auch auf diesem Gebiete Erfahrungen machen; es kommt nicht darauf an, dass Sie oder ich sich einbilden, wir reden zu allen Menschen, sondern wir lassen die Erfahrungen selber reden, wir lassen die Tatsachen reden. Und da frage ich Sie: Sprechen die Tatsachen so, dass sie Ihnen recht geben? Gehen alle Leute noch zu Ihnen in die Kirche? Ja, sehen Sie, da werden Sie mir nicht sagen können, dass Sie für alle reden! Und, sehen Sie, für diejenigen, die draußen bleiben, zu denen rede ich. - Das war, als ich wahrhaft über Christus und über das Christentum sprach. Sehr verehrte Anwesende, es handelt sich nicht darum, dass wir immer wieder und wiederum auch auf dem Gebiete des Christentums das Alte aufwärmen, sondern dass wir tatsächlich die Zeichen der Zeit vernehmen können. Und wir wissen, die Zeit schreitet vor, und es ist nicht möglich, bloß immer fort und fort dasselbe zu wiederholen; sonst kommt man dahin - ich hörte neulich in Bern drüben so einen christlichen Redner, der sagte etwas außerordentlich Wirkungsvolles; er sprach sehr menschenfreundlich; er sprach über die Gottheit Christi. Aber zu den Worten, zu welchen ihm reichlicher Beifall gespendet worden war, musste ich das Folgende denken: Vor 45 Jahren habe ich in einem christkatholischen Gutachten genau dieselben Worte - es war nämlich wörtlich übernommen worden gelesen, die der Pfarrer, der Universitätsprofessor, glaube ich, ist, in Bern für sein Publikum verkündet hat! Ich sagte mir nur: Wie ist es möglich, so gar nichts aus der Zeitgeschichte zu lernen zwischen diesen 45 Jahren, wo ich als Kind jene Worte gelesen habe? Und heute stehen die deutlich geschriebenen, mit Blut geschriebenen Worte des Weltkrieges da! Und die Leute glauben, man könne immer nur dasselbe und dasselbe wiederholen! Da,, meine sehr verehrten Anwesenden, nimmt man es doch lieber hin, zunächst einmal weniger verstanden zu werden und hinzustellen dasjenige, durch das man der neuen Zeit dienen kann, denn als nur das Alte immer wieder und wiederum wiederholen zu müssen. Es muss eben die Frage aufgeworfen werden für alle diejenigen, die da sagen: Behaltet nur eure alte Religiosität, bewähn auch den früheren Gottesglauben - und dergleichen, für alle diese muss gesagt werden: Nun, ihr habt ja schließlich nahezu 2000 Jahre Zeit gehabt, habt ja schließlich 2000 Jahre lang immer dieses bringen wollen. Wie weit habt ihr es eigentlich gebracht damit, wenn ihr euch gegen dasjenige, was der Zeit dienen will, so widersetzt? Bedenket eben, dass ihr doch Zeit genug gehabt hättet! Euch ist die Zeit gelassen worden durch 2000 Jahre hindurch; jetzt ist es notwendig, dass ihr anerkennet, dass ein Neues hereinbrechen muss über die geprüfte und geplagte Menschheit. Das muss gerade jemand [aussprechen], der ganz auf dem Standpunkte steht, dass gerade er die Hoffnung hegen darf, weil er auf dem Boden wahren sozialen Denkens steht, dass dadurch ein neues Geistesleben begründet werde, ein Geistesleben, welches den Menschen wirklich wieder zusammenbringen wird mit einem lebendig empfundenen Geistigen, nicht mit einem Toten, zu dem die alten Traditionen und dergleichen doch schon geworden sind. Gewiss, man kann [dem Sozialismus] vorwerfen, wenn man will, dass [c'] bis jetzt wenig das Geistesleben berücksichtigte. Aber warten wir es ab. Das Geistesleben, das heute selbst von unseren Universitäten her tönt, das kann keine besondere Vorliebe finden bei denjenigen Menschen, die etwas Menschliches haben wollen: das Geistesleben, das den Menschen wiederum - allen Menschen wiederum das Bewusstsein geben wird, dass ihr [physischer] Mensch mit innerer Notwendigkeit zusammenhängt mit des Menschen SeelischGeistigem. Warten wir es ab, ob nicht gerade die sozialistisch denkenden Menschen die Nächsten sein werden, die sich zuwenden dem eigentlichen Geistesleben und nicht länger verständnislos dem entgegenstehen werden! Und wenn man die Frage aufwirft: Man kann nicht sagen, dass man in den heutigen bürgerlichen Kreisen gerade besondere Vorliebe findet, wenn man ihnen diese Geistesrichtung nahe zu bringen versucht- nun, sehr verehrte Anwesende, über diese Frage ist außerordentlich schwer zu sprechen, aus dem Grunde, weil es dem sachlich denkenden Menschen, und vor allen Dingen mir, notwendig erscheint, zu wissen: Wer es auch tue, darauf kommt es an, dass das Richtige getan werden könne! Und wenn gefragt wird, wie man manches abwenden könne, was gerade aus diesem Weltkriege heraus sich entwickeln könne, musste ich manchen Leuten sagen: Mir kommt es gar nicht darauf an, mich für gescheiter zu halten, als die anderen Menschen sind; sondern mir kommt es darauf an, eine Wirklichkeits-Anregung zu geben! Bemerken Sie, sehr verehrte Anwesende, wie sich das, was ich gesprochen habe, unterscheidet von demjenigen, was viele andere sagen. Die Leute kommen und wollen Programme haben. Die Leute haben allerlei Wünsche, schöne Zukunftsziele und dergleichen und sehen sie in dem oder jenem Worte ausgesprochen. Programme sind heute billig wie Brombeeren! Es werden Gesellschaften begründet, Programme verfasst und so weiter, und so weiter. Aber darauf kommt es nicht an, sondern worauf es ankommt, das ist, dass man die Wirklichkeit erfasst. Ich bin der Überzeugung, dass, wenn man sagen kann: Wie müssen sich die Menschen organisieren in einem gesunden sozialen Organismus - und ich sehe eben in der Dreigliederung des sozialen Organismus etwas Gesundes -, dann werden die Menschen finden, was ihnen frommt, ich möchte sagen, wenn sie eben nur finden die Gestaltung, die Struktur des sozialen Organismus, in dem die Menschen entsprechend verwirklichen können dasjenige, was für die Menschheit kommen muss. Das ist dasjenige, was ich immer zu den Menschen sagen muss. Vielleicht bleibt kein Stein von demjenigen, was ich heute auszusprechen habe, bestehen; darauf kommt es nicht an; sondern darauf kommt es an, dass, wenn man die Dinge irgendwo so anfasst, wie ich es meine, dann kommt vielleicht etwas ganz anderes heraus, aber es handelt sich eben um die Anregung, irgendwo im Gebiet der Wirklichkeit ernsthaft irgendetwas zu tun, was herausgedacht ist aus der Dreigliederung des sozialen Organismus, aus der Lebenserfahrung, nicht aus einer grauen Theorie heraus oder aus einem egoistischen Vorurteil heraus. Das ist es, worauf es ankommt. Deshalb ist mein Programm dasjenige, welches die Menschen vor allen Dingen aufruft, nicht wahr, dass diese Menschen wieder die Möglichkeit haben, das in einem gewissen Sinne zu verwirklichen. Das, was ich gerade ausgesprochen habe, unterscheidet sich wesentlich von den üblichen Programmen. Und deshalb glaube ich, die Zeit wird ihren Gang gehen, selbstverständlich. Und im Grunde genommen ist das, was heute so vielfach ausgesprochen wird, gar nicht so sehr jung. Einer derjenigen, die am meisten angeregt haben, Karl Marx, der sozialistische Bekenner, er sprach in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, als er noch jung war, etwa folgende Worte aus: Sollte alle Aufklärung und Überzeugungskraft an der Hartnäckigkeit der besitzenden Klasse abprallen, so sei die heiligste Pflicht seitens des Proletariats, gegen das Bollwerk des Kapitalismus anzustürmen, der um die höchsten Güter der Menschheit Streitenden, vor dem Forum gerechtfertigt - [Lücke in der Mitschrift]. So, sehen Sie, ist in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gesprochen worden. So appellierte Marx an die Einsicht für die Aufklärung der Besitzenden an die weitesten führenden Kreise! Man kann nicht sagen, meine sehr verehrten Anwesenden, dass sehr viel von dem bis jetzt erfüllt worden ist. Aber darum handelt es sich jetzt nicht. Sondern es handelt sich darum, dass jedenfalls das Notwendigste geschehen muss fürs Zukünftige. Und deshalb denke ich, dass es notwendig ist, vor allen Dingen Aufklärung in die weitesten Kreise zu tragen; denn aus der Aufklärung, aus dem sozialen Verständnis wird sich das ergeben, was sich durch keine Gewalt, sei sie von oben oder von unten, jemals ergeben kann. Durch Gewalt kann man vieles zerstören; durch dasjenige aber, was sich an Fruchtbarem hereintragen lässt in die Welt, kann man aufbauen. Deshalb sehe ich etwas Erfolgreiches nur in dem, wenn innerhalb des Proletariats im weitesten Sinne nun so gestrebt wird, dass der Einzelne, soweit das möglich ist, immer mehr und mehr sich durchringt mit sozialem Verständnis. Und dann kann er bis zu den höchsten philosophischen Problemen des Lebens dringen wollen, noch so viele Sprossen um Sprossen des sozialen Leitens hinaufstreben wollen: Er wird dann fruchtbar wirken können. In allererster Linie handelt es sich darum, dass wir uns mit sozialem Verständnis durchdringen! Denn der Mangel an sozialem Verständnis ist es, der die gegenwärtige furchtbare Lage herbeigeführt hat. Deshalb verspreche ich mir gerade vom Proletariat, dass es den Fehler der Einsichtslosigkeit nicht begehen wird, nicht die Aufklärung in sozialen Fragen vermeiden will! Mag dann im Einzelnen dies oder jenes noch notwendig sein - das Beste, das wesentlichste Wirksame wird dasjenige sein, dass auf dem Wege der Aufklärung weitergedrungen wird. Und wenn gefragt wurde: Ast es denn so leicht, dann die Dreigliederung der sozialen Frage ins Praktische umzusetzen, wenn die Hand dazu geboten wird?», so ist Folgendes dazu zu sagen: Sehr verehrte Anwesende, gewiss, sagte ich: An jedem Punkt kann angefangen werden - ich weiß aber nicht, was es heißen soll: «wenn die Hand dazu geboten wirdm Wer soll denn die Hand dazu bieten? Ich denke, es ist wichtiger, dass vor allen Dingen die Köpfe dazu geboten werden; der Kopf eines jeden Einzelnen. Und darauf wird gerechnet, dass nun wirklich sich immer mehr und mehr Menschen finden werden, die restlos in alle Konsequenzen sich vertiefen, in dasjenige, was die soziale Struktur des sozialen Organismus verbessern kann. Dann ist hier die ßemerkung: «Die Kapitalistenseele hat kein Gefühl für die Proletarierseele», eine Erfahrung, nun ja, die man schon reichlich in der Gegenwart heute machen kann. Nun ist verschiedenes Nötige heute dazu vorgebracht worden. Vor allen Dingen kann nicht, weil die Zeit schon zu weit vorgerückt ist, auf jedes Einzelne eingegangen werden, und so möchte ich nur einiges bemerken über einzelne Gesichtspunkte, die vorgebracht wurden. Da ist vor allen Dingen gesagt worden: Dasjenige, was ich ausgesprochen habe, stehe im Widerspruch mit dem sozialdemokratischen Programm. Sehen Sie, sehr verehrte Anwesende, ob solche Widersprüche vorhanden sind oder nicht, das wird nicht der Wortlaut desjenigen [entscheiden] müssen, meine ich, was ich heute zu sagen habe, sondern das wird erst durch die Zukunft entschieden. ['Sehr richtig!») Ich glaube, dass es heute, unter den gegenwärtigen Verhältnissen, notwendig ist, dass Menschen ganz aus ihrer unbefangenen Überzeugung heraus das aussprechen, was sie glauben, dem Leben abgelauscht zu haben, das notwendig ist zur weiteren Entwicklung der Menschheit. Programme sind im Grunde genommen genug aufgestellt worden. Dasjenige, was da kommen muss, muss durch die Menschen und ihre Einsicht kommen. Deshalb halte ich es gerade für das Allererfreulichste — und es ist ja das auch zuweilen zugegeben worden, es ist dieses anerkannt worden -, ich halte es für das Allererfreulichste, dass, obgleich ich vieles zu sagen habe, was nicht übereinstimmt mit irgendeinem Programm, mit irgendeiner Partei der Gegenwart, dass trotzdem Menschen sich finden, die diesen Dingen zuhören und die diesen Dingen ihre Aufmerksamkeit schenken. Und ich glaube, dadurch werden wir gerade vorwärtskommen, dass wir einfach zuhören, dass wir nicht einander niederdonnern. Man donnert unter Umständen gar nicht mit Worten; man kann auch niederdonnern denjenigen, der einem unbequem ist, dadurch, dass man es gar nicht in Worten ausspricht, sondern indem man es verschweigt, was man mit dem Munde nicht sagen will. Das ist auch eine beliebte Methode geworden in unserer Gegenwart. Somit habe ich einzelne der Punkte berührt, welche mir aus dieser Diskussion heraus besonders wichtig erschienen. Es ist allerdings noch gesagt worden, «dass uns intelligente Leute noch fehlenm Ich denke über die Beziehungen der Intelligenz zu dem heutigen wahren Fortschritt etwa in der folgenden Weise. Sehen Sie - gestatten Sie mir diesen geschichtlichen Vergleich: Das Christen tum, das ja doch einen großen, einen bedeutsamen Einfluss gehabt hat auf die Entwicklung der Menschheit in der Gestalt, in der es entstanden ist vor beinahe 2000 Jahren, hat sich von Asien herüber entwickelt durch die hoch entwickelte Griechenwelt, durch die hoch gebildete römische Welt hindurch. Da war die Spitze der Intelligenz, aber [Fuß gefasst] hat es [da zunächst] nicht! [Fuß gefasst] hat es bei den Leuten, die durch die Völkerwanderung herunterkamen aus dem Norden, die von den Römern als die Barbaren, die von den Griechen als unintelligente Leute angeschaut worden sind. Die haben die unverbrauchte Intelligenz gehabt; die haben die neue, die dazumal junge Intelligenz gehabt. Die anderen haben die alte, die verblühte, die verfruchtete Intelligenz gehabt. Das ist dasjenige, was wir heute wieder als die Grundlage der Hauptbewegung der gegenwärtigen Geschichte wiederum erkennen: Wir leben sozusagen in einer neuen Völkerwanderung. Diejenigen Menschen, die heute als die Intelligenten gelten, die reden zuweilen etwas höchst Unintelligentes. Die reden von etwas, was durchaus die Zeit nicht vorwärtsbringen kann. Wir leben in einer Völkerwanderung, die nur nicht horizontal sich bewegt, sondern die von unten nach oben sich bewegt - wenn auch die Ausdrücke symbolisch gemeint sind, sie können doch verwendet werden dafür. Es sind eben diejenigen Menschen, die mit unverbrauchter Intelligenz herauskommen aus denjenigen Kreisen, aus denen sich die bisherige zivilisierte Anschauung erhoben hat, da brechen sie ein. Und wenn es auch heute vielfach noch gesagt werden muss: Im Grunde ruht ein Verständnis in diesen Seelen für das, was die Zukunft bringen muss. Ich glaube gerade an diese unverbrauchte Intelligenz, denn sie ist gesund, ist nicht dekadent. Sie ist nicht in der abwärtsgehenden Bewegung wie die Intelligenz der heute vielfach leitenden Kreise. Ich sehe eine Völkerwanderung in der modernen proletarischen Bewegung, eine VÖlkerwanderung, die eben nur in anderer Richtung sich bewegt. Und sie wird etwas in die Welt setzen, was die Menschheit auf lange Zeiten hindurch wiederum in die Höhe tragen wird. Das ist dasjenige, was einen in die Zukunft hinausschauen lässL was einige Hinweise gibt. Wenn auch heute noch überall Unzulängliches, Ungesundes, auch in den hoffnungsvollsten Bewegungen existiert, werden wir nicht pessimistisch sein müssen, sondern es ist etwas, was einen glauben lässt daran, dass doch vonseiten derjenigen, die werden fühlen können, was die alte Kultur verbrochen hat, dass doch vonseiten derjenigen endlich gebracht werden wird das, was nun heute eben gebracht werden muss: ein geistiges Leben, ein Rechts- und Wirtschaftsleben, das für alle Menschen da ist. Und Sie werden vielleicht bemerkt haben aus meinen Ausführungen, dass ich nicht daran denke, die Menschen weiter in Stände oder in Klassen zu gliedern. In älteren Zeiten hat man unterschieden: Lehrstand, Nährstand, Wehrstand. Darum handelt es sich nicht. Gerade dasjenige, was abgesondert ist von dem Menschen in den Einrichtungen, wie wir sie, ich möchte sagen, in dem dreigegliederten sozialen Organismus haben: Der Mensch, er ist dasjenige, was gerade alle Dreie vereint. Und er wird in einem demokratischen Staatswesen seine Vertretung haben, oder selbst darinnen stehen, und er wird im Wirtschaftsleben stehen müssen, und im Geistesleben, also im ganzen dreigegliederten sozialen Organismus stehen - aus dieser Dreigegliedertheit heraus stehen. Der Mensch ist dasjenige, was die drei voneinander getrennten Gebiete einheitlich umfasst. Das ist dasjenige, was ich ausgesprochen habe mit den Worten: den Menschen frei machen. Und er wird frei werden, wenn wir nicht mehr schwören auf den abstrakten Einheitsstaat. Zwischenfrage: Ja, aber es müssen doch zum Beispiel für alle drei Gebiete Recht und Gerichte sein? Rudolf Steiner: Selbstverständlich, sehr verehrte Anwesende, muss das sein, aber es handelt sich darum, dass gerade, wenn irgendetwas in allen drei Gebieten richtig leben soll, so muss unbedingt in dem einen Gebiet dies erzeugt werden. So wie der menschliche Kopf ein Teil des ganzen Organismus ist und auch die Luft braucht, so kann er selbst die Luft nicht einatmen; die Lunge muss die Luft einatmen. Und die Luft wird dann dem ganzen Organismus mitgeteilt. (Zu der Frage zuegen der Milch für die ganze Familie): Die ganze Familie braucht Milch; aber es ist doch nicht notwendig, dass, wenn das Ganze eine Einheit ist, das heißt, dass alle Milch geben, sondern gerade dann wird die ganze Familie richtig mit Milch versorgt werden, wenn die drei Glieder richtig funktionieren. Darauf kommt es an, wenn in allen drei Gebieten richtig gelebt sein soll, dass dann das Recht in diesem einen Gebiete erzeugt wird und gerecht gerichtet wird. Darauf kommt es an, dass richtig gerichtet werden soll. Darauf kommt es an, dass das Wirtschaftsleben in der richtigen Weise in sich gegliedert ist, das rechtliche Leben und das Geistesleben auch in der richtigen Weise, in der Art, wie ich es gesagt habe. Das ist es gerade, dass ein konsequentes, eindringliches, mit der Natur gehendes Denken endlich einmal Platz greife unter den Menschen; dann erst wird man in der Lage sein, irgendetwas zu ändern. Es haben uns die alten Denkgewohnheiten im Grunde genommen in die heutige Lage hineingebracht. Die alten Denkgewohnheiten haben im Grunde genommen das herbeigeführt, was wir heute als den Druck, als das Bedrückende empfinden; und den Ersatz dieser Denkgewohnheiten, den Ersatz der alten Gedanken durch neue, das brauchen wir! Und ich glaube daran, meine sehr verehrten Anwesenden, dass sich Menschen finden werden, auch wenn heute noch durchaus viele sich ablehnend stellen, wie wir gesehen haben; man wird diese Dreigliederung des sozialen Organismus, man wird sie erkennen als praktisch. Und die große Lehre wird gezogen werden müssen aus dem Elend der letzten Jahre, dass diejenigen, die sich praktisch dünkten, gerade die Unpraktischsten waren - dass von ganz anderer Seite her die Praxis, die wahre Lebenspraxis wird herkommen müssen, und deshalb freut es mich, dass ich gerade bei Ihnen reden konnte, unter jüngeren Leuten habe reden können, die das Herz auf dem rechten Fleck haben. Es ist das etwas sehr Erfreuliches, wenn der Mensch nicht nur einen Glauben hat allein, sondern dass er eine gewisse Kraft im Herzen hat. Denn aus diesen Kräften wird die unverbrauchte Intelligenz erstehen können. Ich möchte einem jeden, der so denkt, wie viele auch unter Ihnen, zurufen: Nun gut, mag auch manches noch unverständlich vielleicht bleiben für manchen heute - wenn Sie das Herz auf dem rechten Fleck haben, so wird ganz gewiss die Zeit kommen, wo Sie auch das verstehen können, was Ihnen heute noch etwas unverständlich bleiben musste! Sehr verehrte Anwesende, ich habe bald das sechste Jahrzehnt vollendet, bin inzwischen alt geworden und habe die soziale Bewegung zum großen Teil heraufkommen sehen, ich weiß, wie vieles noch überwunden werden muss. Ich habe aber auch deshalb die Möglichkeit, mich zu freuen über dasjenige, was heute gerade in der Jugend vorgeht. Und wenn dieJugend festhalten wird an demjenigen, was sich in Worten so ausdrücken lässt: «das Herz auf dem rechten Fleck haben», dann wird die Zeit kommen, die doch kommen muss, weil sonst die ganze Menschheit in eine furchtbare Lage kommen wird! Glauben wir an diese Zeit; denn wir müssen an sie glauben, weil wir gar nicht anders können, wenn wir überhaupt richtig fortleben wollen, meine sehr verehrten Anwesenden. Und man kann heute eine gewisse Hoffnung haben, dass sich Dinge verwirklichen werden, die sich eben bisher noch nicht verwirklicht haben, einfach aus dem Grunde, weil so unendlich Unheilvolles angerichtet worden ist in den letzten Jahren, muss die Menschheit schon als Sühne - wenn ich mich so ausdrücken darf - das wollen, muss etwas dafür tun wollen, dass Dinge, die sich bisher nicht verwirklichen konnten, nach und nach in einer möglichen Weise gelöst werden. Das ist dasjenige, was ich mir zum Schluss hier zu sagen noch erlauben wollte. DER IMPULS ZUR DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS KEIN «BLOSSER IDEALISMUS», SONDERN UNMITTELBAR PRAKTISCHE FORDERUNG DES AUGENBLICKS Tübingen, 2. Juni 1919 Auszug aus dem Vortrag, erscbienen in: Schriften des Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus, Mitteilungsblatt Nr. 7, o. J. /1919/20/ In das Wirtschaftsleben hat sich hineingeschlichen dadurch gerade, dass der moderne Kapitalismus mit seiner Sehnsucht nach der Rente, der Konkurrenz des Kapitals, das Auf-den-Markt-Werfen und Regeln nach Angebot und Nachfrage - es hat sich in dieses Wirtschaftsleben hineingeschlichen erstens eine Verwaltungsart eben durch den Kapitalismus, die durch die Natur des Wirtschaftslebens nicht notwendig in diesem Wirtschaftsleben stehen muss. Denn was braucht man in diesem Wirtschaftsleben? Man braucht den Boden mit seiner Möglichkeit, Produkte für den Menschen hervorzubringen; man braucht im industriellen Wirtschaftsleben die Produktionsmittel: Man braucht den Arbeiter an den Produktionsmitteln, den Handarbeiter auf der einen Seite, den geistigen Arbeiter auf der anderen Seite. Einzelne Menschen haben immer eingesehen, dass ein Wirtschaftsleben in sich vollendet ist, welches hat die Produktionsmittel, welches hat den Boden, welches hat den physischen und den geistigen Arbeiter. Deshalb haben stärkere Denker des Wirtschaftslebens, einer sogar, der in der Lage war, ein preußischer Minister zu werden, das Wort ausgesprochen: «Das Kapital ist das fünfte Rad am Wagen des Wirtschaftslebens> Man kann sich nicht wegdenken aus dem Wirtschaftsleben den geistigen Verwalter der Produktionsmittel und des Bodens, man kann sich nicht wegdenken den physischen Arbeiter, man kann sich wegdenken, ohne dass die Wirtschaft gestört wird, das Wirken des Kapitals. Dass das eine volkswirtschaftliche Wahrheit ist, das empfindet der heutige Proletarier; er empfindet es durch das, was ihm das Wirtschaftsleben an Leib und Seele bringt. Was ist in einem Wirtschaftsleben drinnen, in dem wirklich nur dasjenige herrscht, was ich eben angeführt habe? Arbeit, geistige und physische, und dasjenige, was die Produktionsmittel und der Boden liefern. Die Leistung entsteht, die notwendig macht im menschlichen Leben Gegenleistung, und es entsteht das Urgebilde des Wirtschaftslebens. Dieses Urgebilde des Wirtschaftslebens heute reinlich herauszuarbeiten, das ist vonnöten, damit soziale Erkenntnis möglich werde. Tritt der Mensch ein in das Wirtschaftsleben - er muss produzieren für sich und für die anderen Menschen. Das ist der Maßstab, dass er in seinen Leistungen sich und die anderen Menschen wirtschaftlich halten kann. Das ist die große Frage, so einfach sie klingt, für alles Wirtschaftsleben. Die große Frage für alles Wirtschaftsleben ist diese: Ich muss imstande sein, innerhalb des Wirtschaftslebens, welcher Art der Hervorbringung ich mich auch hingebe -, ich muss imstande sein, für dasjenige, was ich hervorbringe, so viel einzutauschen aus der übrigen Wirtschaft heraus, dass ich meine Bedürfnisse des Lebens aus dem Eingetauschten befriedigen kann, bis ich imstande bin, eine gleiche Produktion mit dem Hervorgebrachten wieder hervorzubringen. Eingerechnet muss werden in dasjenige, was da in Betracht kommt, ich möchte sagen, als das Atom des Wirtschaftslebens, als das Urelement des Wirtschaftslebens -, eingerechnet muss werden alles dasjenige, was ich abgeben muss für die, welche nicht unmittelbar in der Gegenwart produktiv tätig sein können; eingerechnet muss werden alles dasjenige, was für die Kinder, für ihre Erziehung und so weiter notwendig ist; eingerechnet muss werden die Quote, die ich für Arme, Kranke, Witwen als Altersunterstützung zu geben habe. Das alles ist einzurechnen in diese Urzelle des Wirtschaftslebens, die sich eben dadurch ausspricht, dass jeder Mensch im Wirtschaftsleben in die Lage kommen muss, für dasjenige, was er hervorbringt, so viel einzutauschen, dass er von dem Eingetauschten seine Bedürfnisse befriedigen kann, bis er ein gleiches Produkt wie das hervorgebrachte wieder hervorbringt. Man sieht es aber dieser Urzelle des Wirtschaftslebens an, dass sie nur geregelt werden kann, wenn sie in dem Kreislauf des Wirtschaftslebens nichts anderes drinnen hat als die Leistungen selber; wenn man nichts anderes im Kreislauf des Wirtschaftslebens hat als dasjenige, was der Einzelne erarbeitet als seine Leistung und was die anderen mit ihm als ihre Leistungen eintauschen können. Innerhalb dieses Kreislaufes des Wirtschaftslebens hat nicht Ort und Stelle all dasjenige, was man nennen kann «Kapitab; das dringt nur ein, um dieses Wirtschaftsleben zu stören und diesen Wirtschaftsprozess zu verunreinigen. Der Wirtschaftsprozess wird nur reinlich, wenn in ihm der durch das Leben aus seiner Urzelle des Wirtschaftslebens heraus gebotene Wertausgleich der Güter stattfinden kann. Zum Vortrag Dr. Steiners über die Dreigliederung des sozialen Organismus Zeitungsbericht uon Hermann Heider, erschienen in: Tübinger Chronik, 7. Juni 1919, Nr. 130 Der erste Eindruck Dr. Steiners am 2. Juni schien für manche der zahlreichen Zuhörer eine gewisse Enttäuschung zu sein. Denn zweifellos stellt Steiner an seine ZuhÖrer nicht alltägliche Forderungen. Er redet nicht in der Sprache festgeprägter wissenschaftlicher Begriffe und vermeidet alle parteimäßigen Schlagworte der Berufspolitiker, deren Gebrauch zwar dem Zuhörer sehr bequem ist, die aber zur Klärung unserer Lage nichts beizutragen vermögen. Auch der stark Österreichisch klingende Tonfall der Rede schien manchem Zuhörer befremdlich zu sein. Doch derlei Äußerlichkeiten wurden bald überwogen von dem Eindruck, dass man es bei Dr. Steiner zu tun hat mit einer durch und durch selbstständigen machtvollen Persönlichkeit, die die treibenden Kräfte unserer entscheidungsschweren Zeit gründlich erfasst hat, und die getragen ist von dem heißen Wollen, unser volk nach Kräften zu retten vor den Schrecken einer zweiten drohenden Revolution und den daraus folgenden Zuständen eines russischen Bolschewismus. Das Mittel zur Rettung sieht Steiner in der Dreigliederung des sozialen Organismus. Um seine Zuhörer zum rechten Verständnis unserer heutigen Verhältnisse zu führen, legte Steiner zunächst einmal die Wurzeln des proletarischen Empfindens bloß, das er nicht nur als feinfühlender Beobachter der Volksseele, sondern aus eigenstem Erleben heraus kennt. Durch die Herrschaft der Maschine und des Kapitals wurde der Proletarier als unfreier Mensch unerbittlich eingespannt in den Wirtschaftskreislauf. Er empfand diesen Zustand je länger, desto mehr als einen menschenunwürdigen. Auch in dem materialistischen Geistesleben, das ihm von der bürgerlichen Gesellschaft angeboten wurde, fand er keinen Ausgleich für das, was ihm die seelenlose Maschine an Menschenwürde und innerer Befriedigung raubte. So setzte sich in der Seele des Proletariers die Überzeugung fest, die dem bürgerlichen materialistischen Denken entsprang, das ganze Geistesleben sei nur eine Ideologie, ein Spiegelbild des Wirtschaftslebens; und man brauche deshalb nur das Wirtschaftsleben zu ändern, dann werde man von selbst zu einem anderen Geistesleben kommen. Deshalb warf sich der Proletarier mit ganzer Kraft auf das Wirtschaftsleben und suchte dieses umzugestalten. Er wurde praktischer Materialist, um zu einem würdigeren Geistesleben zu gelangen. Trotz des entgegenstehenden Augenscheines ist die soziale Frage somit im tiefsten Grunde eine Geistesfrage. Der Proletarier will heraus aus dem seelenverödenden Dasein, in das ihn moderner Kapitalismus und wissenschaftlicher Materialismus hineingestoßen haben. Hilfe hätte vonseiten des Geisteslebens kommen müssen. Aber dieses konnte die Hilfe nicht bringen, da es selbst abhängig und ganz im Banne des kapitalistischen Staates war und infolgedessen immer volks- und lebensfremder sich gestaltete. Unsere führenden Stellen wissen im Allgemeinen nichts von dem, was die Seele des Proletariers bewegt, und wie die eintönige Maschinenarbeit auf seine Seele wirkt. Das hat jener Regierungsrat Kolb erfahren, als er sein Amt aufgegeben und in Amerika erst in einer Brauerei und dann in einer Fahrradfabrik als einfacher Arbeiter gearbeitet hatte. Da hat er bekannt, dass er jetzt verstehe, warum die Arbeiter keine Arbeitsfreude haben und oftmals überhaupt nicht mehr arbeiten wollen. - [Steiner] ist überzeugt, dass sich das Geistesleben weniger lebensfremd und deshalb fruchtbringender entfalten würde, wenn es jeder staatlichen Beeinflussung und Bevormundung entnommen, nur auf sich selbst gestellt wäre. Der Staat hat es nur zu tun mit dem Rechtsleben, d.h. mit allem, was sich auf das Verhältnis von Mensch zu Mensch bezieht. Das Rechtliche ist das, was für alle Menschen gleich ist. Das Geistes/leben/ dagegen hat es zu tun mit dem, was individuell ist, was der einzelne Mensch aufgrund seiner Begabung hervorbringt. Das kann nicht [von dem Boden] des Rechtsstaates aus verwaltet werden, sondern das Geistige muss sich auf dem Boden vollkommener Freiheit seine eigenen Organe schaffen. Nur dann kann es zur Förderung des Staats- und des Wirtschaftslebens den Beitrag leisten, den es zu leisten berufen ist. Da es das politische Glied des sozialen Organismus, das Rechtsglied nur zu tun hat mit dem Verhältnis von Mensch zu Mensch, also mit dem, worin alle Menschen gleich sind, deshalb kann auch das Wirtschaftsleben nicht mit dem Staatsleben verschmolzen werden. Sonst kann das Wirtschaftsleben nicht gedeihen. Im Wirtschaftsleben steht jeder Mensch drinnen durch Beruf und Konsum. Zum Wirken im Wirtschaftsleben genügt nicht das Menschsein, sondern dazu gehÖren die wirtschaftlichen Assoziationen. Dieses Wirtschaftsleben kann und darf es mit nichts anderem zu tun haben als mit Warenproduktion, Warenzirkulation und Warenkonsumtion. Aber nun haben sich in das Wirtschaftsleben eingeschlichen: menschliche Arbeitskraft, Grund und Boden und die Produktionsmittel, und damit im Zusammenhang das Kapital. Das Kapital ist das «fünfte Rad am Wagem des Wirtschaftslebens. Es kann aus dem Wirtschaftsprozess vollkommen weggedacht werden. Die große Frage des Wirtschaftsprozesses ist nur die, wie bin ich imstande, für dasjenige, was ich hervorbringe, anderes einzutauschen, das meine Bedürfnisse befriedigt? Deshalb darf im Kreislauf des Wirtschaftslebens nichts anderes sein als Ware oder Leistung, die in diesem Zusammenhang auch Ware ist. Wenn Kapital in den Wirtschaftsprozess eindringt, so verunreinigt das den Wertausgleich der Güter. Mit dem Kapital hängt zusammen das Lobnoerbältnis, d. h. die Betrachtung der menschlichen Arbeitskraft als Ware. Und das ist es ja gerade, was der Proletarier als unwürdig empfindet. Denn da er sich von seiner Arbeitskraft nicht trennen kann wie von einem Rock, den man auszieht, deshalb muss er sich selbst mit seiner Arbeitskraft verkaufen und kommt so in eine richtige Lohnsklaverei hinein. Deshalb muss die Arbeitskraft erlöst werden vom [Warencharakter]. Das ist einer der Kernpunkte der sozialen Frage. Das geht aber nur, indem man die Arbeitskraft aus dem Wirtschaftsprozess, in den sie ihrem Wesen nach nicht hineingehört, herausnimmt und sie auf den Rechtsboden des Staates verbringt. Der Rechtsstaat, der das Verhältnis von Mensch zu Mensch regelt, entscheidet grundsätzlich über Arbeitsart, -maß und -zeit. Diese Fragen müssen entschieden sein, bevor der Mensch an eine Arbeit herangeht. Dann schließt der «Arbeitnehmer» nicht wie heute mit dem «Arbeitgeber» einen Arbeitsvertrag, sondern - diese Begriffe fallen ganz weg - Arbeiter und Arbeitsleiter sind Gesellschafter und verwalten gemeinsam den Grund und Boden und die Produktionsmittel und ernten in entsprechender Weise den Ertrag ihrer individuellen Leistung an den Produktionsmitteln. So wird der Arbeiter wirklich frei und jeder Lohnsklaverei entnommen. Sein Recht und seine Menschenwürde sind gesichert durch den Rechtsstaat, denn seine Arbeitskraft kann nicht mehr wie eine Ware in den Wirtschaftsprozess hineingezogen werden. Das Gleiche gilt von Grund und Boden und den fertigen Produktionsmitteln. Diese können schon aus dem Grund nicht in den Wirtschaftsprozess, der es nur zu tun mit Warenerzeugung, Warenumsatz und Warenkonsum, hineinbezogen werden, weil sie ja überhaupt nicht käuflich sind; sondern man kann höchstens das Recht auf alleinige Nutzung des Bodens oder eines Produktionsmittels erwerben. Hier handelt es sich also nicht um eine wirtschaftliche Angelegenheit, sondern um ein Recht. Und Rechte werden auf dem Boden des Staates entschieden. Grund und Boden und fertige Produktionsmittel gehören also der Gesamtheit des Volkes als Wirtschaftsgemeinschaft und werden von den Wirtschaftsräten jeweils demjenigen geistigen Leiter zur Bewirtschaftung übertragen, der das Vertrauen seiner Mitarbeiter besitzt und der den besten Gebrauch von den Produktionsmitteln zu machen verspricht. Das Kapital hat an Grund und Boden und Produktionsmitteln keinen Anteil mehr. Maß und Art der Produktion richtet sich nach den vorhandenen Bedürfnissen. Es darf nicht mehr im privatkapitalistischen Interesse sinnlos darauf los produziert werden. Der von Steiner in Aussicht genommene «Abbau des Kapitalismus» und die Überführung des Bodens und der Produktionsmittel in den Besitz der Allgemeinheit ist auf dem Gebiet der geistigen Produktion heute schon bis zu einem gewissen Grade durchgeführt, indem das geistige Eigentum 30 Jahre nach dem Tode seines Erzeugers in den Besitz der Allgemeinheit übergeht. In ähnlicher Weise muss alles Eigentum, auch das materielle, in Fluss gebracht werden. So wie der Körper erkrankt, wenn in irgendeinem Organe eine Blutstockung eintritt, so erkrankt der soziale Organismus, wenn durch privatkapitalistische Wirtschaft eine Stockung im Kreislauf der wirtschaftlichen Güter eintritt. Das Geld darf nichts anderes sein als Anweisung auf Warenerhalt ohne allen Eigenwert. Dann ist seine Anhäufung, das ist Kapitalisierung, ganz von selbst hinfällig. So kommt man zu einer Lösung der sozialen Frage ohne gewaltsame Umwälzungen auf dem Wege einer richtigen, von den Verhältnissen selbst geforderten Gliederung des sozialen Organismus. Anders ist es nicht möglich. Dr. Steiner betonte zum Schlusse noch, dass bei einer solchen Dreigliederung der Staat nicht etwa in drei Teile zerschnitten werde. Es soll nur dafür gesorgt werden, dass nicht z.B. religiöse und kirchliche Interessen das politische Leben schädlich beeinflussen und umgekehrt, und dass nicht wirtschaftliche Fragen verwirrend auf das politische Gebiet übergreifen. Dadurch entstehen jene Knäuel- und Geschwürbildungen am sozialen Körper, die zu Krisen und Kriegen führen müssen. Die Dreigliederung dagegen führt zur Gesundung des sozialen Organismus. Sie zerreißt diesen nicht künstlich, sondern stellt ihn einfach auf seine drei gesunden Beine. So hören auch die drei Losungsworte der Französischen Revolution, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, auf, sich gegenseitig auszuschließen, sondern sie finden ihre Erfüllung, indem wir sagen können: Freiheit auf geistigem Gebiet, Gleichheit auf politischrechtlichem Gebiet und Brüderlichkeit auf wirtschaftlichem Gebiet. Mit einem eindringlichen Appell an die Anwesenden, den Ernst der Stunde zu bedenken und den in der Dreigliederung des sozialen Organismus sich bietenden Weg zur Gesundung der sozialen Verhältnisse bald zu beschreiten, schloss der Redner seine mehr als eineinhalbstündigen Ausführungen. Die zunehmende Aufmerksamkeit der Hörer und ihr reicher Beifall zeigten, dass seine Worte nicht ohne Widerhall geblieben waren. Selbstverständlich ließen die Ausführungen Dr. Steiners bei dem Umfang und der Schwierigkeit des zu bewältigenden Themas und bei der Neuheit seiner Ideen eine Menge von Fragen offen; und so konnte es auch nicht an Bedenken und Missverständnissen fehlen. Diese kamen in der bis nach 12 Uhr währenden Debatte, an der sich 16 Redner beteiligten, neben reichlicher Zustimmung zum Ausdruck. Wir müssen es uns hier versagen, auf alle Einzelheiten der Debatte einzugehen. Beachtenswert war es jedenfalls, dass trotz verschiedenartiger sachlicher Bedenken alle Redner mit Ausnahme von wenigen, deren einem die Versammlung selbst wegen fortwährender unsachlicher persönlicher Angriffe gegen Dr. Steiner das Wort entzog, einen tiefen Eindruck empfangen hatten von dem Ernst und der Kraft der Steiner'schen Ideen. Besonders eindrucksvoll war es, dass zwei Vertreter proletarischer Parteien dankbar und warmherzig für Dr. Steiner eintraten, während Herr Kommerzienrat Molt aus Stuttgart darauf hinwies, dass er in seinem Betrieb die Steiner'sche Idee durch Einsetzung eines von den Arbeitern frei gewählten Betriebsrates bereits, soweit es unter den gegenwärtigen Verhältnissen möglich ist, verwirklicht habe, und dass nach seiner Überzeugung der allgemeinen praktischen Durchführung der Steiner'schen Gedanken nichts im Wege stehe. Herr Dr. Uriger gab bekannt, dass sich in Stuttgart soeben ein Kulturrat gegründet habe, der die Begründung eines freien, selbstständigen Geisteslebens zur Aufgabe habe. Herr Prof. Wilbrand trat als wissenschaftlicher Fachmann für die Durchführbarkeit der Steiner'schen Ideen ein und widerlegte damit eine Reihe von Bedenken, die von anderer Seite geäußert waren. Dasselbe versuchte Herr Dr. Steiner noch zu tun in einem längeren Schlusswort, in dem er daran erinnerte, dass man das Neue nicht am Alten abwägen dürfe, sondern dass man sich innerlich erst einmal ganz neu einstellen müsse, um die vorgeschlagene Neuordnung begreifen zu können. Besonders erinnerte Steiner nochmals daran, dass die drei Glieder des sozialen Organismus nicht feindlich einander gegenüberstehen würden, wie offenbar vielfach vorausgesetzt werde, sondern dass sie in friedlicher Arbeitsteilung sich gegenseitig befruchten würden. Die Idee der Dreigliederung diene keiner Partei und keiner Schablone, sondern der inneren Gesundung unseres erkrankten sozialen Organismus. - Starker Beifall der bis nach 12 Uhr ausharrenden Teilnehmer dankte dem Redner für seine kraftvollen Ausführungen. Es werden nun manche fragen, was können wir tun, um zur Durchführung der Steiner'schen Ideen beizutragen? Die Antwort lautet, schließt euch dem «Bund zur Dreigliederung des sozialem Organismus» (Geschäftsstelle Stuttgart, Champignystraße 17) an und verstärkt damit die Wirkungskraft seiner Bestrebungen, damit diese sich in den zweifellos noch kommenden schweren Zeiten bewähren können als Heilmittel gegen die Gefahr russischer Zustände. Der Bund ist parteilos und ruft Mitglieder aller Parteien auf zur gemeinsamen rettenden sozialen Tat. So ist die Steiner'sche Idee auch schon von vielen Tausenden aus allen Parteien verstanden und aufgenommen worden. Damit ist der Beweis erbracht dass der Gedanke der Dreigliederung imstande ist, die weitesten Kreise mit der Hoffnung auf eine innere Gesundung unseres sozialen Organismus zu erfüllen und die Brücke zu schlagen zwischen den sich heute noch befeindenden Parteien. Angesichts dieser bedeutsamen Tatsache sollten kleine Bedenken und Ängstlichkeiten hinsichtlich der praktischen Durchführbarkeit zurücktreten, zumal Dr. Steiner hier die größte Bewegungsfreiheit lässt und dem eignen Urteil und der kommenden Entwicklung in keiner Weise [vorgreift]. Er sagt darüber in seinem Buch «Die Kernpunkte der sozialen Fragem «Eine Vorstellungsart, die wie die hier dargestellte wirklichkeitsgemäß sein will, wird niemals mehr wollen als auf die Richtung weisen, in der sich die Regelung bewegen kann. Geht man verständnisvoll auf diese Richtung ein, so wird man im konkreten Einzelfälle immer ein Zweckentsprechendes finden. Doch wird aus den besonderen Verhältnissen heraus für die Lebenspraxis aus dem Geiste der Sache das Richtige gefunden werden müssen. Je wirklichkeitsgemäßer eine Denkart ist, desto weniger wird sie für Einzelnes aus vorgefassten Forderungen heraus Gesetz und Regel feststellen wollen> Außerdem betont Dr. Steiner immer wieder, dass er nicht etwa eine gewaltsame, überschnelle Durchführung seiner Ideen wünscht, sondern dass dieselben auf dem Wege einer organischen Überleitung in die neue Form zur Durchführung gebracht werden sollen. Zunächst wird für Arbeiter in Betracht kommen als praktische Verwirklichung der Steiner'schen Ideen, dass sie sich unverzüglich zusammenschließen im Sinne des Aufrufes des Arbeitsausschusses des Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus zu richtigen, freien Betriebsräten, die den Kernpunkt bilden sollen für die künftige freie Organisation der Gemeinwirtschaft. - Für die geistigen Arbeiter im Besonderen, aber auch für alle anderen, wird es sich weiter darum handeln, sich dem neu gegründeten Kulturrat anzuschließen, dessen Aufruf lautet: An alle Menschen! Jahrhundertelang diente unser Kulturleben (Schule, Wissenschaft, Kunst und Religion) dem Staat und der Wirtschaft. Gesetzesparagraphen und Verordnungen machten uns zu ideenlosen unselbstständigen Wesen. Eingespannt in das einseitige Wirtschaftsleben war hoch und nieder. Ein politisch gänzlich ungeschultes volk - so traf uns die Weltkriegskatastrophe. Der Zusammenbruch war die Folge. Mangelnde soziale Erkenntnis der führenden Klasse übersah die Notwendigkeiten für das besitzlose Proletariat, das nur die Brocken der Kultur-Errungenschaften bekam, im Übrigen sich verbrauchte im Kampf um seine Existenz. Von der Revolution erhoffte das Proletariat Befreiung vom seelenverödenden Kapitalismus. Innerhalb des Wirtschaftslebens allein in der wirtschaftlichen Besserstellung sucht es sein Heil. In Wahrheit ringt jedoch der Drang nach Menschenwürde zum Durchbruch. Nur auf dem Kulturgebiet durch Schulung und Bildung des Geistes ist erreichbar das große Ziel. Drohend steht vor uns die erschreckende Gefahr, versklavt werde neuerdings das Kulturleben, indem Geistesprodukte zur Ware gestempelt werden. Das darf nicht geschehen, soll nicht untergehen die Menschheits-kukur. Frei auf sich selbst gestellt muss werden das ganze Geistesleben in eigener Selbstverwaltung. Sie nur kann segensvoll befruchten Wirtschafts- und politisches Leben. So nur wird möglich die wahre Ausbildung der wirklich Tüchtigen. Wie auf der einen Seite das Wirtschaftsleben durch die Betriebsräteschaft, so muss auf der ändern Seite das Geistesleben durch einen Kulturrat verwaltet werden. In dem müssen sich alle die Menschen zusammenfinden, welche ernstlich gewillt sind, ein jeder an seiner Stelle, das Geistesleben zu erneuern und mitzuarbeiten daran, dass es, frei von den Einflüssen des Staates und den Interessen der Wirtschaft, seinen eigenen Gesetzen folgen kann. - Geistesarbeiter ist jeder, der nach wahrem Menschentum ringt. Im Kulturrat ist sein Arbeitsplatz. Ob er in der alten Ordnung auf politischem Feld, auf Wirtschaftsboden oder Kulturgebiet tätig, ob Proletarier oder Nichtproletarier -, jeder trete sofort bei, ehe es zu spät ist!! Die Zeit ist ernst!! In dieser Gründung haben wir den Keim zum Geisteslebens. Für alle diese Organisationen bereit, Zuschriften entgegenzunehmen und zuleiten. Hermann Heider ist Aufbau eines freien der Unterzeichnete nach Stuttgart weiter DIE ÜBERSINNLICHE WESENHEIT DES MENSCHEN UND DIE ENTWICKLUNG DER MENSCHHEIT Mannheim, 26. Juli 1919 Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn der Mensch der Gegenwart nachdenkt über die heutige Not, das heutige Elend, dann frägt er wohl zunächst nach den Ursachen dieser Not, dieses Elendes. Und er fragt wohl auch: Wie lässt sich herauskommen aus der Wirrnis, aus dem Chaos der sozialen Menschheitsentwicklung, in die wir hineingeraten sind? Zumeist werden nach den besonderen Anlagen des heutigen Menschen solche Fragen hin gerichtet werden nach den allernächsten äußerlichen Ursachen, die etwa liegen in den furchtbaren, in den schreckensvollen Ereignissen der letzten fünf bis sechs Jahre. Oder es werden die Gedanken hingelenkt werden auf Maßnahmen, die auf das Äußere gehen, um abzuhelfen dem Leid und dem Chaos, in denen wir drinnenstecken. Allerdings, mancher Mensch wird sich nicht begnügen mit demjenigen, was ihm die allerletzten Jahre sagen können. Er wird seine Aufmerksamkeit auf eine längere Zeit richten, auf die letzten Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte, in denen sich, wenn auch weniger anschaulich für die Menschheit, vorbereitet hat dasjenige, was so furchtbar in den letzten Jahren zum Ausdruck gekommen ist, wie etwa, bildlich gesprochen, sich vorbereitet durch lange Zeit in Schwüle ein Gewitter, das dann plötzlich sich entlädt. Aber auch da bleibt man immerhin stecken beim Aufsuchen der äußeren Veranlassungen, und beim Aufsuchen äußerer Maßnahmen zur Hebung des Elendes. Man hat in einer gewissen Weise einseitig mit einem solchen Denken, mit einem solchen Empfinden, durchaus recht. Und inwieweit man recht hat, was sich fruchtbar ergeben kann aus einer Erkenntnis unserer Weltlage heraus mit Bezug auf Äußeres, davon, meine sehr verehrten Anwesenden, werde ich mir ja erlauben, übermorgen genauer zu sprechen. Heute aber möchte ich sprechen von jenen Ursachen, die in dem menschlichen Innenleben wirksam waren und an deren Abänderung die gegenwärtige Menschheit wird denken müssen, wenn sie herauskommen will aus der chaotischen Lage, in der sie sich befindet. Ist es denn nicht bei einem einigermaßen genaueren Umblick und bei einem gutwilligen Umblick über dasjenige, was heute in der Menschheit steckt, leicht auffällig jedem Beobachter, dass wir in dieser Zeit, in der wir aus so vielen Herzen, aus so vielen Seelen heraus den Ruf vernehmen nach einer sozialeren Gestaltung unserer Verhältnisse, als diejenigen waren, die wir bisher hatten, ist es denn nicht merkwürdig, dass wir trotz dieses Rufes vernehmen, dass in unserer gegenwärtigen Menschheit intensive antisoziale Triebe überall walten? Ja, das ist gerade die Schwierigkeit, die dem ernsten Beobachter unserer Weltlage entgegentritt, dass man die Kräfte lenken soll nach einer sozialeren Gestaltung unseres Menschenlebens in einer Zeit, in der aus den Tiefen der Seele über unsere ganze zivilisierte Welt hin antisoziale Triebe aufsteigen. Dieses Aufsteigen von antisozialen Trieben, es hängt doch damit zusammen, dass der heutige Mensch nur sehr schwer eine Sehnsucht sich erfüllen kann, die nicht einmal bewusst, sondern mehr oder weniger unbewusst in seiner Seele steckt, die aber, wenn auch unbewusst, so stark sich in der heutigen Menschheit geltend macht, dass sie in moralischer, ja auch in äußerlich leiblicher Art oftmals wie krankhaft zum Vorschein kommt. Die Sehnsucht - wie gesagt, sie wird nicht leicht bemerkt, denn sie äußert sich für viele Menschen heute noch unbewusst -, die Sehnsucht ist diese, in einer neuen Art, in der Art, die sich heranerzogen hat der Mensch durch die letzten Jahrzehnte, ja auch durch die letzten drei bis vier Jahrhunderte, in der Art ein Verhältnis zu gewinnen zu dem, was als Ahnung wenigstens, wenn eben auch nicht als voll ausgesprochenes Bewusstsein, lebt in jeder Seele, als Ahnung von einem übermenschlichen Wesen in unserer vergänglichen, in unserer sinnlichen Menschenwesenheit. Auf der Suche, könnte man sagen, nach dem übersinnlichen Menschenwesen ist einmal der heutige Mensch. Und derjenige, der tiefer in die Bedürfnisse unserer Gegenwart hineinschaut, der wird es vor allen Dingen als erste Pflicht der geistig Strebenden empfinden, dieser Ahnung und Sehnsucht der gegenwärtigen Menschheit entgegenzukommen. Zu den wichtigsten Aufgaben unserer Zeit gehört es, jene innere Seelenforderung zu befriedigen, die sich ausspricht in dieser Ahnung und in dieser Sehnsucht. Aber so, wie man heute noch vielfach in weitesten Kreisen dieser Sehnsucht entgegenkommen will, so werde ich am heutigen Abend nicht zu Ihnen sprechen können. Dasjenige, was ich werde zu Ihnen zu sprechen haben, das ist von einem Gesichtspunkte aus gesprochen, den ich nun schon seit Jahren zeigte als den der anthroposophischen Geisteswissenschaft. Die Aufgabe der anthroposophischen Geisteswissenschaft ist es, für Menschen den Weg zu suchen in die übersinnliche Welt hinein, welche aufgenommen haben die Ideen, die Empfindungen, die Gefühle, die Willensimpulse der neueren Zeit, die aus der naturwissenschaft-wissenschaftlichen Weltanschauung hervorgegangen sind. Was von diesem Gesichtspunkte aus der gegenwärtigen Menschheit zu sagen ist, das wird in weitesten Kreisen heute entweder unverständlich oder auch unnötig gefunden. Man sagt dem Geistesforscher: Du bietest zwar Verständliches; nun ja, allerdings, so leicht Verständliches werde ich Ihnen gar nicht bieten können, als viele bieten möchten den heutigen Menschen noch, die ausgehen von der inneren Seelenbequemlichkeit, die in den heutigen Menschen gerade mit Bezug auf die höchsten Ziele des geistigen Menschenstrebens besteht. Jeder Mensch gibt heute zu, dass man einige Anstrengungen machen muss, wenn man kennenlernen will jene wissenschaftlichen Verrichtungen, die dazu führen, etwas zu wissen, sagen wir, über die Mondberge oder die Jupitermonde; oder über die Zellen des Organismus. Aber wenn es sich darum handelt, etwas zu erkennen über die übersinnliche Welt, da lehnt man es aus innerer Seelenbequemlichkeit heraus ab, einen ähnlichen schwierigen Weg zu gehen. Da heute sagen noch viele: Zu dem, was dem Menschen und der Welt zugrunde liegt als Übersinnliches, muss der Mensch kommen durch das einfältige Bekenntnis oder durch den bloßen einfältigen Bibelglauben. Zu kompliziert wird dasjenige befunden, was anthroposophische Geisteswissenschaft zu sagen hat. Aber hier liegt gerade einer der Hauptschäden unserer Zeit; einer derjenigen Schäden, die unserem verworrenen sozialen Streben zugrunde liegen. Wer das Menschenleben kennt, der weiß, wie ungenügend diejenige Seelenbetätigung ist, die stehen bleiben will bei dieser Einfalt des Glaubens, des Bekenntnisses; ungenügend aus dem Grunde, weil, wenn man nicht auch in Bezug auf das Übersinnliche es hinausbringt über diese Einfalt des Glaubens, wenn man bei dieser Bequemlichkeit stehen bleibt, dann kann man nicht meistern die großen Fragen des sozialen Lebens, die in unserer Gegenwart an die Menschheit herantreten. Man sieht heute noch nicht, aber man wird bald sehen, wie diejenigen, die immer bei dem «schlichten Glauben des Bekenntnisses» bleiben wollen, diejenige Denkgesinnung in der Menschheit heranzüchten, die sich heute in den sozialen Wirrnissen über ganz Europa und die zivilisierte Welt überhaupt kundgibt. Da fordern die Menschen auf, wieder zurückzukehren zum schlichten Glauben des Bekenntnisses, weil sie nicht wissen, dass das Stehenbleiben bei diesem schlichten Glauben das hervorgebracht hat, was heute als Chaos und Wirrnis auftritt. Deshalb betrachtet es anthroposophische Geisteswissenschaft als · eine erste Pflicht, von ihrem ganz anders gearteten Standpunkte aus über diese Dinge zum gegenwärtigen Menschen zu sprechen. Wenn der gegenwärtige Mensch vernimmt die Ahnung in seinem Herzen, in seiner Seele nach der übersinnlichen Menschenwesenheit, dann blickt er wohl in einer Art von Selbsterkenntnis von der Welt ab und er blickt auf sich selbst. Was bietet sich dem Menschen nun einmal da an, nach der Lage des gegenwärtigen Bewusstseins? Der Mensch drückt heute dasjenige, was sich ihm darbietet, wenn er nachdenkt über seine eigene Wesenheit, er drückt es dadurch aus, dass er sagt: Diese menschliche Wesenheit besteht aus Leib und Seele. Und dann glaubt der Mensch, dass er seinen Leib kennenlernt dadurch, dass er eben ihn mit seinen Sinnen beobachtet; dadurch, dass er die Sinnesbeobachtung dann zu begreifen sucht mit dem denkenden Verstande. Und für dasjenige, was der Mensch heute auf diesem Wege nicht selbst erreichen kann, wendet er sich dann an die landläufige Wissenschaft, an die Naturwissenschaft, an dasjenige, was Biologie, was Physiologie und so weiter über diesen Menschenleib zu sagen haben. Und dann glaubt der Mensch, dass er etwas Wirkliches wisse zunächst über das eine Glied der menschlichen Wesenheit, über den menschlichen Leib, wenn er sich auf diese Weise unterrichtet hat. Und dann denkt er wohl auch vielleicht nach über dasjenige, was im Innern seiner Seele lebt als Denken, als Fühlen, als Wollen. Da aber geht ihm, wenn er dasjenige etwas sich zum Bewusstsein bringt, was im Innern der Seele ist, da geht ihm sogleich auf das große Rätsel über das Menschenwesen. Denn da muss er finden: Ja, dasjenige, was mir äußerlich als mein Leib entgegentritt, es ist ja etwas ganz anderes, etwas radikal anderes, als dasjenige ist, was sich im Innern meiner Seele als Denken, Fühlen und Wollen offenbart. Und dann frägt der Mensch: Welches Verhältnis besteht zwischen dem, was im Innern als Seelisches sich mir offenbart, und dem Äußerlichen des Leibes? Und es liegt diesem Menschenrätsel ein Großes, Gewaltiges zugrunde in der Menschennatur. Es liegt zugrunde die große Frage nach dem Sinn des Lebens; die Frage: Wie lebt in dem, was mir als der vergängliche, sinnliche Menschenleib entgegentritt, dasjenige, von dem ich, wenn das Leben einen Sinn haben soll, nimmermehr glauben kann, dass es entsteht und verschwindet mit diesem äußerlich-sinnlichen Leibe, wie steht mit diesem äußerlich-sinnlichen Leibe die Seele in Beziehung? Der Mensch kann in den meisten Fällen, wenn diese Frage an ihn herantritt, sie nicht anders empfinden als ein umfassendes Rätsel. Und wendet er sich von seinem eigenen, in der Regel ohnmächtigen Denken über diese Frage zu denjenigen, die wissenschaftlich nach der heutigen Denkgesinnung über diese Frage nach der Beziehung des Leibes zur Seele etwas ausmachen wollen, so findet er in der Regel, dass diese ihm nicht mehr zu sagen wissen als dasjenige, was ihm schon selbst so rätselhaft entgegengetreten ist: Philosophische und andere Weltanschauung, sie lassen den ernsten Frager auf diesem Gebiet wahrhaftig recht unbefriedigt. Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, sie geht daher auf ganz anderen Wegen nach dem Übersinnlichen hin, und sie darf gar nicht anders reden über dieses Übersinnliche als in einer Art, die sehr verschieden ist von der Art der äußeren Wissenschaft. Denn kaum wird jemand zum wirklichen Geistesforscher, der nicht gelernt hat, gelernt hat auf seine Art, wie unmöglich es ist, mit dem gewöhnlichen Nachdenken und der gewöhnlichen äußeren Wissenschaft irgendetwas zu erkennen über die übersinnliche Menschenwesenheit. Nicht nur muss man, wenn man vom Standpunkte der anthroposophischen Geisteswissenschaft über diese Dinge spricht, über etwas anderes sprechen, als die Sinne und der Verstand dem Menschen darbieten, sondern man muss auch in anderer Art sprechen. Und das macht es eben, dass man heute noch, weil diese Art ungewohnt ist, wenig verstanden wird. Besser wird verstanden, wenigstens glaubt man dieses, der einfache schlichte Glaube. Allein er befriedigt die Menschheit nicht mehr, die durch die Erziehung der letzten drei bis vier Jahrhunderte gegangen ist. Schon wenn Sie den Geistesforscher reden hören wollen über die allerersten Ausgangspunkte seiner Geisteswissenschaft, dann werden Sie etwas anderes von ihm vernehmen, als Sie hören von denjenigen, die durch die äußere Wissenschaft der Natur heute hindurchgegangen sind. Ist es denn nicht so, dass, wenn uns jemand erzählt, der auf irgendeinem Gebiete, wie man sagt, «Fachmann» geworden ist, erzählt von dem, was er im Laboratorium, in der Klinik, auf der Sternwarte durchgemacht hat, dass er über alles dasjenige, wovon er spricht, mit einer gewissen Ruhe spricht, sodass man sieht, es ist recht gleichmäßig sein Gemiitsgang gewesen, während er über dieses oder jenes naturwissenschaftliche Fach im Laboratorium oder in der Klinik oder auf der Sternwarte gearbeitet hat. In einer solchen Weise kann Ihnen der Geistesforscher von seiner Arg zu erkennen, nicht sprechen. Fragen Sie ihn, wie er zu seinen Erkenntnissen gekommen ist, dann wird er Ihnen nicht von jenem gleichgültigen Forschen sprechen können, das in der Art ist, wie ich es eben gekennzeichnet habe, sondern der Geistesforscher wird Ihnen sprechen müssen von inneren Seelenkämpfen, von Leiden und Schmerzen, die seine Seele durchgemacht hat in Überwindungen, bevor er auch irgendeinen Schritt tun konnte, um zu solchen Erkenntnissen zu kommen, von denen wir heute Abend sprechen werden. Wiederholt war der Geistesforscher, der zu wirklichen Erkenntnissen des Übersinnlichen gekommen ist, vor inneren Abgründen, denen gegenüber es ihm so erscheint, als müsse die Seele in das Nichts hinunterstürzen. Und er weiß zu erzählen, was es heißt, alle Kraft zusammennehmen, um dasjenige in der Seele zu entwickeln, was die Seele hineinträgt in jene Regionen, in denen die wirkliche übersinnliche Menschenwesenheit, nicht bloß eine Illusion, geschaut werden kann. So verläuft dasjenige, was der Geistesforscher in sich wirklich durchzumachen hat. Denn er muss anders stehen zu der äußeren Natur und zu sich selbst als der gewöhnliche Forscher. Ich möchte nicht missverstanden werden, meine sehr verehrten Anwesenden, deshalb sage ich von vorneherein: Derjenige, der ein Geistesforscher in dem hier gemeinten Sinne geworden ist, der verachtet nicht die zu so großen Triumphen gekommene Naturwissenschaft der Gegenwart. Er sieht es vielmehr als die Grundbedingung seiner Geistesforschung an, dass er zuerst sich bekannt gemacht hat mit den großen, gewaltigen Ergebnissen der Naturwissenschaft der letzten Jahrhunderte. Und er anerkennt vollständig diese Naturwissenschaft. Denn nur dadurch weiß er, wie man hinaussehen muss über diese Naturwissenschaft, um in den Geist, dem auch die Menschenwesenheit angehört, einzudringen. Der Naturforscher redet mit Recht von gewissen Grenzen seines Naturerkennens. Und gerade die bedächtigsten Naturforscher, sie haben davon gesprochen, dass die Naturforschung immerzu den Menschen führt zu Begriffen, zu Vorstellungen, bei denen man nicht weitergehen kann im Naturforschen. Voreilige Menschen sprechen dann davon, dass bei solchen Grenzen eine Beschränkung des menschlichen Erkennens überhaupt läge. Der vorsichtige Naturforscher weiß, dass er nur mit dem Naturforschen nicht über diese Grenzen hinausgehen kann. Er wird daher, solange er Naturforscher bleibt, bei diesen Grenzen stehen bleiben; sagen wir, bei solchen Begriffen, die sich wie unüberbrückbare Fälle kundgeben der Naturforschung, wie zum Beispiel das Wesen der Materie, das Wesen der Kraft und viele andere; der Naturforscher bleibt da stehen. Der Geistesforscher kann das nicht. Der Geistesforscher beginnt gerade da, wo der Naturforscher stehen bleiben muss, seine Arbeit, indem er mit dem, was Grenze der Naturwissenschaft ist, innere Kämpfe ausfechten muss. Das ganze innere Seelenleben muss in Regsamkeit gebracht werden. Und während der Naturforscher an solchen Grenzen stehen bleibt, beginnt der Geistesforscher, lebendig sich hineinzufinden in Ideen und Begriffe und Empfindungen und Gefühle von solchen Grenzen. Dann erlebt er etwas, indem er immer mehr und mehr sich hineinfindet in das, worüber die Naturwissenschaft nichts sagen kann oder nichts sagen soll; dann empfindet er, was es eigentlich heißt, mit den Grenzen des Naturerkennens leben. Dasjenige, was ich jetzt sagen werde, meine sehr verehrten Anwesenden, von dem kann man selbstverständlich bemerken, dass es nicht im gewöhnlichen Sinne logisch beweisbar ist. Denn es ist nichts Ausgedachtes. Es ist dasjenige, was die Geistesforschung an einem bestimmten Punkte der Entwicklung erlebt. Der Geistesforscher, er kommt in diesem inneren, lebendigen Erleben zu einem großen, erschütternden Ergebnis, indem er erlebt dasjenige, was sich an den Grenzen des Naturerkennens erleben lässt: Er muss sich aus innerer Erfahrung, aus eigenem Erleben die Antwort geben, dass wir als Menschen zwischen Geburt und Tod in unserem physisch-sinnlichen Leben nicht soziale Wesen jemals werden könnten, wenn wir die Grenzen der Naturerkenntnis überschreiten würden. In einer merkwürdigen Weise sind wir angepasst an den Gang der Welt als Menschen. Wir hätten etwas nicht- das erkennt erlebend der Geistesforscher -, wir hätten etwas nicht in unserer Menschennatur, wenn wir nicht, indem wir die Natur erforschen wollen, an Grenzen aufgehalten würden; wir hätten etwas sehr Wesentliches nichK wir hätten nicht dasjenige, was eine Grundbedingung unseres sozialen, menschlichen Zusammenlebens ist; wir hätten nicht in uns die Kraft der Liebe. Sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist das erste erschütternde Erlebnis auf dem Wege in die übersinnliche Welt hinein, dass man so die Menschennatur kennenlernt, dass man sich sagt: Wir müssen begrenzt sein im Anschauen der Natur, dann sprudelt gewissermaßen aus uns im Anschauen der Natur die Kraft heraus, die in alles untertaucht ohne Grenzen; dann gingen wir Menschen im physischen Leben aneinander vorbei, könnten nicht Sympathie und Antipathie, könnten nicht die verschiedensten Nuancen der Liebe, ohne die das Leben nicht sein kann, entwickeln. Damit der Mensch zwischen Geburt und Tod leben könne, ist notwendig, dass er mit Bezug auf seine Naturerkenntnisse begrenzt werde. Innerhalb dieser Grenze kann sich dann die Kraft der Liebe ergeben. Das aber ergibt zugleich den Fingerzeig, wie nun der Weg dennoch gegangen werden kann, der ausmündet in einem gewissen Sinne in die Erkenntnis der übersinnlichen Welt. Wir haben die Kraft der Liebe im gewöhnlichen Leben dadurch, dass wir leibliche Menschen sind in einem gewissen Grade; und dieser Grad genügt uns für das äußere soziale Zusammenleben mehr oder weniger - gewiss, in manchen Epochen sehr wenig, wie in der Gegenwart -, aber wenn er voll entwickelt wird, genügt er für das äußere Zusammenleben. Was nötig ist gerade mit Bezug auf diese Liebekraft und anderes, um den Geistesweg hinein in das Übersinnliche zu gehen, das habe ich ausführlich geschildert in allen Einzelheiten in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten»; heute kann ich es Ihnen nur in wenigen prinzipiellen Dingen andeuten, aber das soll geschehen. Vor allen Dingen ist es notwendig, dass, wenn man durchgemacht hat dasjenige, von dem ich soeben gesprochen habe, dass man sich erfüllen könne von einer gewissen inneren Seelenverfassung, die der Mensch im gewöhnlichen Leben in einem sehr geringen Maße nur hat; ich möchte diese Seelenverfassung nennen die «intellektuelle Bescheidenheit». Macht man das durch, was ich geschildert habe, dann kommt man dazu, sich zu sagen: Und wenn du ein noch so begabter Mensch bist in Bezug auf die gewöhnlichen Denk- und Forschungsfähigkeiten, du musst dir gestehen: Mit diesen gewöhnlichen Denk- und Forschungsfähigkeiten kannst du überhaupt nicht in die übersinnliche Welt hineindringen. - Der Mensch möchte das. Deshalb ist er im gewöhnlichen Leben intellektuell unbescheiden. Aber gerade diese intellektuelle Unbescheidenheit, sie muss zunächst bekämpft werden. Wir müssen fähig werden, uns etwa das Folgende zu sagen. Nehmen wir an, ein fünfjähriges Kind habe zum Beispiel einen Band Goethe'scher Gedichte in der Hand. Mit seinen Fähigkeiten wird es mit diesem Bande Goethe'scher Gedichte nicht dasjenige anfangen können, was vermöge der Wesenheit dieses Gedichtbandes mit ihm angefangen werden soll. So wie dieses fünfjährige Kind der Wesenheit dieses Gedichtbandes gegenübersteht, so - das müssen wir uns sagen in intellektueller Bescheidenheit -, so stehen wir mit den gewöhnlichen Denk- und Empfindungs- und Forschungsfähigkeiten der Welt und uns selbst in Bezug auf die übersinnliche Wesenheit gegenüber. Wie das fünfjährige Kind erst entwickeln muss diejenigen Fähigkeiten, die es ihm möglich machen, heranzutreten an das Wesen eines Gedichtbandes, so muss der Mensch ebenso in voller intellektueller Bescheidenheit, wenn er ein Geistesforscher werden will, das gewöhnliche Denken, das gewöhnliche Fühlen und Wollen erst entwickeln. Und wie bei dem fünfjährigen Kinde von außen durch seine Erziehung die seelischen und körperlichen Fähigkeiten entwickelt werden, so muss derjenige, der etwas wissen will über die übersinnliche Welt aus unmittelbarer Anschauung, seine Seelenentwicklung selbst in die Hand nehmen. Das heißt aber, meine sehr verehrten Anwesenden, man muss sich in einer wirklichen inneren Seelenbescheidenheit das Bekenntnis ablegen können: Die Kraft, die du nötig hast, um Übersinnliches zu erkennen, die musst du in dir selbst entwickeln. Und sie muss im Einzelnen entwickelt werden. Man wird in der Regel gar nicht zu dieser Entwicklung kommen, wenn man nicht darauf aufmerksam wird durch jene Erlebnisse, die ich heute schon geschildert habe, dass man ja - und mag man noch so tief hineingedrungen sein in das Äußere der Naturerscheinungen -, dass man mit diesem Denken, mit den Errungenschaften über die äußeren Naturerscheinungen nichts wissen kann über dasjenige, was vorgeht im menschlichen Leibe, um zum Beispiel ein Verhältnis zu gewinnen zu dem, was wir als Denken eine wichtige Seelenbetätigung nennen. Da muss man erst dieses Denken auf eine ganz andere Stufe bringen, als es im gewöhnlichen Leben ist. Man muss dieses Denken weiterentwickeln. Das kann man, wenn man gewisse Verrichtungen der Seele, die man im gewöhnlichen Leben instinktiv und unbewusst nebenher macht, wenn man diese Verrichtungen sich angewöhnt, immer bewusster und bewusster zu machen. Ich will herausgreifen aus dem vielen, was in dieser Beziehung der Geistesforscher zu tun hat, zwei Dinge. Das eine ist: Der Geistesforscher muss dasjenige, was man die Kraft der Aufmerksamkeit und die Kraft des Interesses für die Sache nennt, er muss sie in ganz anderer Weise ausbilden, als sie im gewöhnlichen Leben ausgebildet sind. Im gewöhnlichen Leben werden wir aufmerksam auf eine Sache, die uns durch die Sinneseindrücke auf sich hinweist. Wir lenken dann die Aufmerksamkeit, wenn wir eben aufmerksam gemacht werden durch die äußeren Eindrücke, auf die Sache hin. Aber wir strengen uns in der Regel nicht aus der innersten Kraft unserer Seele heraus an, um die Kraft der Aufmerksamkeit zu verstärken; irgendetwas erweckt von außen her unser Interesse. Immer ist im gewöhnlichen Leben es beim Menschen so: das von außen her geweckte Interesse, das seine Seele aufmerksam macht. Übt sich der Mensch nun ernst und würdig darin, aufmerksam zu sein, dauernd lange aufmerksam zu sein auf dasjenige, auf das er aufmerksam sein will nur aus der inneren Gedankenkraft heraus, wendet er Dingen sein Interesse zu, die sich ihm nicht aufdrängen, denen er sich zuwendet aus ureigenster, innerster Initiative, macht er solche Übungen, wie ich sie in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten» beschrieben habe, übt der Mensch längere Zeit hindurch, denn der Weg in die übersinnlichen Welten hinein ist ein langer Weg, dann merkt er endlich, dass sein Denken etwas ganz anderes wird, als es im gewöhnlichen Leben ist. Er merkt, dass dieses Denken anfängt, eine innere Lebendigkeit zu bekommen. Und er merkt, dass er eigentlich eine ganz neue Art von innerem, lebendigem, von innerem in Aktivität versetztem Denken in sich hat. Richtig durchschaut man das, was sich da durch Anstrengungen, durch eine Entwicklung, als ein neues Denken entwickelt; richtig schaut man das, wenn man ganz geduldig nach und nach in der Seele heraufsteigen sieht: Du hast dein altes Denken; dein Denken, das sich mehr oder weniger passiv anschließt an die Dinge, das selbst dann noch forttreibt, wenn du dich nicht anstrengst, wenn du nicht irgendwie die Sinne oder den Verstand als Grundlage dieses Denkens anstrengst. Dieses Denken läuft fort, es schläft nicht. Aber gewissermaßen wie über diesem Denken stehend, es neben sich verlaufend schauend, wie eine Art Traum, steht dann das andere, das ganz helle, das niemals träumerische Denken, das man so entwickelt, wie ich es eben charakterisiert habe. Dann kommt man zu einer inneren Entdeckung, zu einer inneren Erfahrung, die ich nun schildern mÖchte als das zweite erschütternde Ereignis auf dem Wege in die übersinnlichen Welten hinein: Man erfährt innerlich, dass das gewöhnliche Denken von uns gar nicht unterschieden werden kann von der äußeren leiblichen Tätigkeit; dass aber dasjenige Denken, das man so durch die eigene Kraft entwickelL dass das so verläuft, dass man es an ihm erlebt: Es hat nichts zu tun mit irgendeiner äußeren leiblichen Tätigkeit; es hat nichts zu tun mit irgendeiner Nerven- oder sonstigen Tätigkeit. Indem man so denkt, wie ich es jetzt geschildert habe, weiß man: Du bewegst dich in einem rein geistigen Element mit deinem Denken, und du hast dein Leibliches neben dir; du bist wirklich aus deinem Leibe herausgetreten. Und jetzt merkt man, dass dieses Menschenwesen, wenn es so sein Denken verrichtet, wenn es seine innere Seelentätigkeit vollzieht, wie das oftmals aus den alltäglichen Illusionen der Menschen heraus beschrieben wird. Die Menschen glauben auch aus der heutigen landläufigen Wissenschaft heraus vielfach, indem sie sich materialistischen Ideen hingeben: Wir haben in uns das Nervensystem zum wunderbaren Gehirn ausgebildet; in diesem Gehirn sieht man, wie in der menschlichen Entwicklung die Forschung weiterschreitet; mit jeder Stufe des Denkens entwickelt sich das Gehirn weiter. Und da sagen dann die Menschen: Also entsteht durch die Tätigkeit des Gehirns, durch die Tätigkeit des Nervensystems das Denken, das Vorstellen. Und im Grunde genommen kÖnnen die Menschen, die nichts wissen von dem, was ich Ihnen jetzt eben geschildert habe, von dem selbstständigen leibfreien Denken, diese Menschen können gar nicht anders, wenn sie irgendwie ehrlich sind, als das Illusorische über den Leib denken. Aber derjenige, der das leibfreie Denken kennenlernt, der weiß aus unmittelbarer Erfahrung ein anderes. Ich möchte Ihnen dafür ein Bild hinstellen: Denken Sie sich, Sie gehen über einen aufgeweichten Weg; auf diesem Wege finden Sie Furchen; Sie finden menschlichen Fußtritten ähnliche Eindrücke in dem eingeweichten Erdreich. Glauben Sie, dass derjenige über diese Tatsache etwas Richtiges sagt, der nun glaubt, da unten, unter der Oberfläche der Erde, da sind Kräfte, die wirken so, dass oben an der Oberfläche so etwas erscheint wie Eindrücke menschlicher Fußtritte? Nein, derjenige beurteilt die Sachlage richtig, der weiß, dass von außen in das weiche Erdreich die Furchen eingedrückt worden sind. Derjenige, der das selbstständige, leibfreie Denken kennengelernt haL der weiß, dass das GeistigSeelische so unabhängig ist vom Nervensystem und vom Gehirn wie der Wagen, der hinrollt über die Straße, wie die Füße des Menschen, der hingeht über die Straße. Das leibfreie Denken gräbt in das Gehirn die Furchen ein. Kein Wunder, wenn sich das Denken im Laufe der Menschheitsentwicklung fortentfaltet, dass das Gehirn überall Abdrücke desjenigen zeiµ was das Denken entwickelt. Aber eine furchtbare, eine die Menschheit irreführende Illusion ist es, wenn man glaubt: Aus dem Innern des Nervensystems steigt dasjenige herauf, was das Gehirn furcht und dadurch das Denken in irgendeiner Weise bewirkt. Über dasjenige, was zur unsterblichen Menschenwesenheit führt, kann erst Aufschluss geben das aus der intellektuellen Bescheidenheit herausentwickelte und entfaltete lebendige, leibfreie Denken. Dann aber lernt man durch dieses leibfreie Denken den ersten übersinnlichen menschlichen Wesensteil kennen, dasjenige, was ich in meinen Schriften genannt habe - auf Namen kommt es ja nicht an, aber man muss Namen für die Sachen haben - den Ätherleib oder Bildekräfteleib. Das ist etwas, was der Mensch an sich trägt eben so, wie er an sich trägt den physischen Leib, aber etwas, das für die äußeren Sinne und für das gewöhnliche Denken nicht erfassbar ist; was erfassbar wird, wenn der Mensch dieses imaginative Denken - so nenne ich es - entwickelt, von dem ich heute gesprochen habe. Dann wird dieses imaginative Denken zu einem [Geistes]auge; mit dem sieht er den geistigen Menschengehalt, den Bildekräfteleib, der den Menschen durchdringt, so wie der Mensch an sich hat den physischen Leib. So steigt man auf zu dem ersten übersinnlichen Gliede der Menschenwesenheit. Aber man kann nicht aufsteigen so, ohne dass man, indem man zum leibfreien Denken aufsteigt, andere Erfahrungen mitmacht. Sie werden ahnen können aus der Beziehung, von der ich Ihnen gesprochen habe zwischen den Grenzen des Erkennens und der Liebekraft im Menschen, Sie werden ahnen können, dass überhaupt tiefe, geheimnisvolle Beziehungen sind zwischen dem, was im Menschen Erkenntniskräfte sind, und dem sozialen menschlichen Leben. Eignet sich der Mensch an das übersinnliche Denken, wie ich es eben geschildert habe, dann findet er in einer neuen Art, wie sich gestaltet das soziale Leben, das sich abspielt zwischen Menschenseele und Menschenseele. Wir begegnen Menschen im Leben. Zu dem einen Menschen gewinnen wir starke, zu dem anderen Menschen weniger starke Sympathie; zu manchem Menschen auch entwickeln wir Antipathie. Aber es durchzieht unser ganzes Leben, indem wir unsern menschlichen Verkehr haben, ein Netz von aus der Liebekraft heraus gestalteten Beziehungen zu anderen Menschen. Lernt man erkennen die Kraft des übersinnlichen Denkens, dann führt dies dazu, zu erkennen, dass diejenigen Sympathien und Antipathien, welche wir entwickeln zu den Menschen, die uns in der physischen Welt begegnen, daher kommen, dass wir mit diesen Seelen schon verbunden waren, bevor wir durch die Geburt oder die Empfängnis gegangen sind. Es eröffnet sich aus dem physischen Leben durch das entwickelte Denken der geistige Blick in diejenige Welt, in der wir gelebt haben - gelebt haben geistig-seelisch ebenso, wie wir hier leiblich-physisch leben -, in der wir gelebt haben als in einer geistigen Welt, bevor wir durch die Empfängnis und die Geburt herabgestiegen sind in die physische Welt. MÖglich ist es in unserer heutigen Zeit durch eine kraftvolle Entwicklung des Denkens aus intellektueller Bescheidenheit heraus, zu schauen in die geistige Welt, aus der wir vor unserer Geburt heruntergestiegen sind. Nicht Spekulation, nicht Phantasterei ist es, wenn wir dann sagen aus solcher Erkenntnis: Wie du den Menschen hier im Leben gegenübertrittst, Seele zu Seele, das ist die Fortsetzung von dem, wie du ihnen entgegengetreten bist, nun ganz im Geiste, in der übersinnlichen Welt, bevor diejenigen Menschen, die hier Beziehungen eingehen, heruntergestiegen sind in diese sinnliche Welt. So wie der Mensch auf eine neue Art aufgesucht hat naturwissenschaftliche Zusammenhänge seit drei bis vier Jahrhunderten, so wird er von der heutigen Zeit an aufsuchen müssen - er wird sonst nimmermehr seine Ahnungen nach dem Übersinnlichen befriedigt fühlen -, er wird aufsuchen müssen geistige Beziehungen zu den übersinnlichen Welten. Es muss ja zugegeben werden: Wenn man so spricht, spricht man heute noch von etwas recht Unverständlichem und Unglaublichem zu der gegenwärtigen Menschheit. Allein derjenige, der die Geschichte der Kulturentwicklung kennt, der weiß, in welch bedeutsamer Art sich die Menschen verhalten zu dem, was die großen Kulturfortschritte sind. Es war ja in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, als ein Ärzte-Kollegium und andere Gelehrten gefragt worden sind, ob man Eisenbahnen bauen solle. Da haben sie das Urteil abgegeben - ich erzähle kein Märchen, sondern etwas, was dokumentarisch verbürgt ist -, man solle keine Eisenbahnen bauen, denn sie würden die Gesundheit derjenigen untergraben durch die großen Erschütterungen bei der Fahrt, die in ihr fahren werden. Und wenn man sie schon doch bauen wolle, so sagten sie, wenn doch Menschen sich finden sollten, die in den Eisenbahnen fahren, dann müsse man wenigstens links und rechts von der Eisenbahn große, hohe Bretterwände aufrichten, damit diejenigen, an denen die Eisenbahn vorbeifährt, keine Gehirnerschütterung bekommen. - So äußerte sich die Furcht vor dem wirklichen Fortschritt. Solche Furcht lebt unbewusst heute in der Menschheit vor dem Übersinnlichen. Nicht eher werden wir zur Bekämpfung der antisozialen Triebe der Menschheit kommen, ehe wir uns nicht einlassen auf diesem Gebiet, nicht zu glauben, dass wir seelische Gehirnerschütterung bekommen, wenn vom Übersinnlichen gesprochen wird. Das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist das eine Glied der menschlichen Wesenheit, wie es hineinschaut in das vorgeburtliche Leben. Noch in einer anderen Weise kann der Mensch aus seiner inneren Seelenbescheidenheit heraus seine Entwicklung in die Hand nehmen. Das ist, wenn so, wie im ersten Fall, den ich geschildert habe, er das Denken weiterentwickeln kann, wenn er [nun] seinen Willen weiterentwickelt. Da ist wiederum etwas, was der ganz Mensch ganz unbewusst im Laufe seines Lebens in sich entwickelt. Gestehen wir uns nur, meine sehr verehrten Anwesenden, dass wir doch im Grunde genommen im rein äußerlichen Werdegang des Menschen von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat anders werden. Wir lernen immerzu vom Leben. Man sehe nur zurück, wie man anders ist, als man vor zehn, vor zwanzig Jahren war. Aber dasjenige, was wir da an uns heranentwickelten, wir entwickelten es unbewusst heran. Wir lernten nicht, unsere Weiterentwicklung als Mensch, unsere Höherentwicklung als Mensch selber in die Hand zu nehmen. Und wiederum gibt es Methoden - Sie können auch darüber das Nähere in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten» nachlesen -, wodurch man vom Leben fortwährend lernen kann; wodurch man alles dasjenige betrachtet, was sich im Leben darbietet so, dass wir handelnd eingreifen; dann sagen wir uns: Was wir da getan haben - wären wir selber höher, reifer entwickelt, wir könnten es besser machen. Wenn wir diese Bescheidenheit in Bezug auf den Willen immerzu entwickeln - es kann immer weiter- und weitergehen mit unserer Entwicklung -, nehmen wir davon den Anlass, unsere Willensentwicklung so in die Hand zu nehmen, wie wir vorher in der geschilderten Weise unsere Denkentwicklung in die Hand genommen haben, dann stellt sich heraus, dass wir nach einer anderen Richtung hin den Weg in die übersinnliche Welt hinein finden. Dasjenige, was wir nunmehr in uns entwickeln dadurch, dass wir unsere Willenskräfte weiter entfalten, das ist, dass wir, indem wir das Leben absolvieren, wir immer unser eigener Zuschauer werden können. Wir werden gewissermaßen dann so, wie wenn wir in der Nacht schlafend über uns selbst schwebten und unseren im Bette liegenden Leib von außen anschauen würden. So lernen wir durch innere Entfaltung der Willenskräfte der Seele, in allem, was wir tun, uns selber zu schauen. Das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist eine starke menschliche Kraft. Dadurch, dass man sich einlebt in diese Kraft, dadurch wird man in einem höheren Grade als bloß durch die Entwicklung des Denkens unabhängig von seinem Leibe. Dadurch lernt man die höhere übersinnliche Wesenheit des Menschen kennen; dasjenige, was ich nennen möchte den Bewegungsleib, oder - schaudern Sie nicht zurück, es ist nur ein Name - den astralischen Leib des Menschen. Man lernt erkennen, was übersinnlich in uns ist, indem wir uns nur bequemen dazu, unsere Hände zu bewegen, indem wir arbeiten, uns überhaupt zur Willensentfaltung bringen, wenn wir den Willen in unserem eigenen Wachstum, in unserem eigenen menschlichen Werdegang entwickeln. Dann lernen wir also außer dem Ätherleib den Astralleib des Menschen kennen, der uns, weil wir ihn haben, einzig und allein befähigL wirklich den Willen in der äußeren Welt zum Ausdruck zu bringen. Lernt man aber das in sich erleben, was erst die so entwickelte Willenskraft ist, dann schaut man nach einer anderen Richtung in die übersinnliche Welt hinein. Dann macht man zunächst die Erfahrung: Du verhältst dich zu den Menschen, denen du sozial nahe trittst, so oder so; du tust ihnen Liebes oder tust ihnen wenig Liebes; du tust ihnen Zweckvolles oder Unzweckvolles; du handelst ihnen gegenüber so, dass sie die Folgen deiner Handlung erfahren. Indem man die Willenskräfte so entwickelt hat, wie ich es jetzt gesagt habe, lernt man erkennen, dass man dasjenige, was da lebt, erlebt durch den Astralleib, durch das eigentliche Geistig-Seelische. Der Ausdruck «Leib» ist eben nur ein Ausdruck. Was wir da entwickeln, das trägt unsere übersinnliche Wesenheit durch die Pforte des Todes hindurch; und wir werden die Fortsetzung nach dem Tode in der geistigen Welt erleben von dem, was wir an Verhältnissen zu den Menschen hier in der physischen Welt in der eben geschilderten Weise entwickelt haben. Das heißt, es tritt auf in der Geistesschau das unmittelbare Hineinblicken in die Welt, die wir durchleben, wenn wir durch die Pforte des Todes gegangen sind. Dasjenige, was den Menschen verbindet mit der geistigen Welt, es wird anschaulich, wenn er seine Seelenkräfte so entwickelt, wie ich es geschildert habe. Dann aber, meine sehr verehrten Anwesenden, treten diese beiden Kräfte zusammen. Diejenige Kraft, die sich aus dem Denken, aus dem lebendigen Denken entwickelt, und diejenige Kraft, die sich aus dem Willen entwickelt, sie gehen gleichsam eine innerliche Ehe ein. Und dann, dann wird etwas Neues für den Menschen die Betrachtung seiner eigenen Entwicklung; dann wird etwas ganz Neues dasjenige, was wir die Geschichte der Menschheit nennen. Oh, über diese Geschichte der Menschheit weiß das gewöhnliche, äußere Erkennen wenig, nur die äußeren Tatsachen. Mehr wie eine fable convenue ist es aber eigentlich nicht, was man heute die Geschichte nennt. Was in der Geschichte lebt, was aus der Geschichte heraus die Menschheit vorwärtsbringt, das lernt man erst in seiner Wahrheit kennen, mit denjenigen Kräften, die ich Ihnen eben geschildert habe. Da lernt man erkennen, wie Geistiges waltet im geschichtlichen Werdegang der Menschheit. Nun, ich will Ihnen nicht dasjenige, was ich auf diesem Gebiet zu sagen habe, in abstrakten Worten schildern, sondern ich möchte Ihnen dasjenige darstellen, was unmittelbar Beziehung haben kann zu den großen Aufgaben der Menschheit in der Gegenwart. Derjenige, der [so, wie] ich jetzt meine, aus den geistig entwickelten Seelenkräften heraus die neuere Menschheitsgeschichte betrachtet, der findet einen bedeutsamen Wendepunkt in der neueren Menschheitsentwicklung in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Sehen Sie, im Leben werden oftmals sprichwörtlich Dinge gesagt, die eigentlich Illusionen sind oder einseitige Wahrheiten sind. Man sagt zum Beispiel oftmals: Die Natur - und man meint damit im Grunde genommen das ganze Weltgeschehen -, die Natur macht keine Sprünge. In gewissem Sinne ist das richtig, aber in einem anderen Sinne ist es ganz und gar nicht richtig. Die Natur macht fortwährend Sprünge. Man sehe sich eine wachsende Pflanze an: Das grüne Laubblatt macht den Sprung zum farbigen Blumenblatt, zu den Staubgefäßen, zu dem Stempel und so weiter im weiteren Wachs tum. So auch geschehen in der Geschichte fortwährend Sprünge; diese Sprünge werden nun nicht bemerkt, weil eben der Mensch nicht seelisch das Wirken der Geschichte verfolgt, sondern äußerlich. Derjenige, der seelisch das Werden in der Geschichte verfolgt, der kann deutlich sehen, dass seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts die menschliche Seelenverfassung in der zivilisierten Welt eine ganz andere geworden ist als vorher. Da haben wir zu unterscheiden einen langen Zeitraum der Menschheitsentwicklung von dem unsrigen, der in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts begonnen hat und in dem wir jetzt noch als in unserer Entwicklungsepoche drinnenstecken. Die unmittelbar vorhergegangene Entwicklungsepoche, sie hat begonnen etwa im achten Jahrhundert v. Chr. Sie hat gedauert vom siebten vorchristlichen Jahrhundert bis in die Mitte des fünfzehnten nachchristlichen Jahrhunderts, was die äußere Geschichte gar nicht erzählt. Wer so, wie ich es heute geschildert habe, die Geschichte betrachtet, dem geht es auf: Die Menschen waren ganz anders in derjenigen Epoche, die im achten vorchristlichen Jahrhundert begonnen hat, und die in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts abgeschlossen war. Da waren die Menschen so anders, wie ich es Ihnen durch ein Bild kurz darstellen will. Sie wissen alle, meine sehr verehrten Anwesenden, dass der Mensch heute, indem er sich entwickelt in seinen Kinderjahren, mit Bezug auf seine körperliche, physische Entwicklung, ParallelStadien durchmacht mit seinem Seelisch-Geistigen. Bedenken Sie nur - und Sie können das nachlesen, was das bedeutet, in meinem kleinen Büchelchen «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus» —, wie tief eingreift in dasjenige, was sich im Kinde heranentwickelt, der Zahnwechsel gegen das siebente Jahr. Und für denjenigen, der gut beobachten kann, wie wichtig ist dasjenige, was da eingreift in das Leben des Kindes, in das Seelische und Geistige noch viel intensiver eingreift, als die Menschen gewöhnlich glauben. Das ist die erste Epoche, wo der Mensch neben der leiblich-physischen Entwicklung eine Parallel-Entwicklung durchmacht in Bezug auf sein Geistig-Seelisches. Die zweite Epoche beendet der Mensch mit der Geschlechtsreife im vierzehnten, fünf zehnten Jahr. Ganz anders entwickelt sich der Mensch zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahr. Und wiederum anders, aber so, dass er noch den Parallelismus hat mit der leiblichen Entwicklung, bis zum einundzwanzigsten Jahr. Und derjenige, der genau beobachten kann in unserer Zeit, der sieht, dass die heutige Menschheit in Bezug auf das Geistig-Seelische noch zeigt einen Parallelismus bis zum siebenundzwanzigsten Jahr. Dann hört dieser Parallelismus auf. Dann emanzipieren wir uns gewissermaßen innerlich mit Bezug auf unser Geistig-Seelisches von dem Physisch-Leiblichen. Dann gehen diese Entwicklungen nicht mehr miteinander parallel. Das aber, was ich jetzt schildere als ein Kennzeichen der gegenwärtigen Menschheitsentwicklung und wovon alles abhängt, was zwischen Mensch und Mensch, was in der menschlichen Gesamtheit überhaupt vorgeht, das war anders vor der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, das war anders durch den ganzen langen Zeitraum, allerdings sich fortentwickelnd vom achten vorchristlichen Jahrhundert bis zur Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Da war der Mensch mit einem Parallelismus behaftet viel längere Zeit. Da konnte man noch, wenn auch nicht so stark wie beim Zahnwechsel und bei der Geschlechtsreife, leibliche Veränderungen, die seelischen Veränderungen entsprachen, bis in den Anfang der 30er Jahre erleben. Und derjenige, der wirklich verstehen will, was mit dem Griechentum in der Welt da war, was mit dem Griechentum eingetreten ist in die Menschheitsentwicklung, der muss wissen, dass das, was man gewöhnlich die griechische Menschennatur nennt, was man als das Harmonische des Griechentums empfindet, was man so empfunden hat, dass man die Nachwiichse und auch Nachwehen des Griechentums bis in unsere Zeit hereinträgt, dass das beruht auf dieser länger aufsteigenden Entwicklungsfähigkeit des Leiblich-Physischen der Menschennatur. Das geht parallel mit demjenigen, was die geistigseelischen Eigenschaften sind. Beim Griechen, beim Römer waren die geistig-seelischen Eigenschaften so, dass man sagen kann: Die Verstandes- und Gemütskräfte entwickelten sich mehr instinktiv; instinktive Gemütskräfte, instinktive Logik, instinktiver Verstand, instinktives Forschungsvermögen finden wir in jener Zeit. Seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts treten an Stelle des instinktiven Verstandes die selbstbewussten Verstandeskräfte, die selbstbewussten Gemütskräfte. Alles, was im Staate und in der Gesellschaft, im sozialen Organismus ist, es war anders in dem Zeitraum vom achten vorchristlichen bis zum fünfzehnten nachchristlichen Jahrhundert, anders, als es in unserem Zeitalter sein kann. Aus dem Innersten der menschlichen Entwicklung heraus entwickelte sich dasjenige, was in der Außenwelt für die heutige Menschheit dasteht. Niemals hätte sich entwickeln können die neuere Naturwissenschaft mit alledem, was in der menschlichen Seelenverfassung liegt, niemals hätte sich entwickeln können der neue Industrialismus, wenn nicht um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts dasjenige in der Menschheitsentwicklung geschehen wäre, was man nennen kann den Übergang der instinktiven in die selbstständigen Seelenund Gemütskräfte. Daher will sich der Mensch seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts aus der inneren Natur heraus auf die Spitze seiner Persönlichkeit stellen. Aus diesen inneren Impulsen der Entwicklung der Menschheit folgt dasjenige, was äußeres Wirtschaftsleben ist, was ökonomische, industrielle Ordnung ist, was auch naturwissenschaftliche Erkenntnisrichtung ist; folgt dasjenige, was man so charakterisieren kann, dass man sagt: Der Mensch musste, weil er selbstbewusst werden sollte seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, mehr oder weniger auf Verstandes- und auch auf praktischen Gebieten eine Art Materialismus entwickeln. Er musste gewissermaßen von den Instinkten des Geisteslebens verlassen werden. Aber heute ist die Zeit wiederum gekommen, wo der Mensch selbstbewusst auch von der Erringung [Orientierung] im Materiellen aufsteigen muss zum bewussten Ergreifen des Geisteslebens, wie ich das geschildert habe. Nun sieht man am besten dasjenige, was sich wandelte in der Entwicklung der Menschheit, wenn man den Blick lenkt auf das bedeutsamste Ereignis, das im Laufe der ganzen menschheitlichen Erdenentwicklung innerhalb dieser Entwicklung aufgetreten ist, auf dasjenige Ereignis, das der Menschheits- und Erdenentwicklung den eigentlichen Sinn gibt, wenn man den Blick hinlenkt auf das Mys terium von Golgatha, durch welches das Christentum begründet worden ist. Was hat die Menschheit die ihre seelischen und leiblichen Kräfte so, wie ich es geschildert habe, ausgebildet hat vom achten vorchristlichen bis zum fünfzehnten nachchristlichen Jahrhundert, was hat diese Menschheit, die auch leiblich-physisch entwicklungsfähig geblieben ist, bis in die 30er Jahre herein, was hat diese Menschheit empfunden gegenüber dem, was geheimnisvoll sich bei dem Mysterium von Golgatha abgespielt hat? Diese Menschheit hat mit jenen Seelenkräften, die aus dem instinktiven Verstand, aus dem instinktiven Gemüt herauskommen, die aus einem Leibe herauskommen, der so, wie der unsrige nur bis zum Ende der 20er Jahre entwicklungsfähig ist, bis in die 30er Jahre hinein entwicklungsfähig war, diese Menschheit des griechisch-lateinischen Zeitalters, sie konnte hinschauen auf das Mysterium von Golgatha, und sie empfand in dem Ereignisse von Golgatha ein übersinnliches Ereignis, das hereinbrach in die menschheitliche Erdenentwicklung. Man verstand dazumal instinktiv, dass nicht nur gelebt hat irgendein Mensch in Nazareth oder in Palästina iiberhauµ sondern dass in diesem Menschen Jesus von Nazareth eine übersinnliche Wesenheit gelebt hu, auf die nicht hinschauen konnten, weil sie noch nicht mit der Erde verbunden waren, die Menschen vor der Entwicklung des Christentums. Durch das Ereignis von Golgatha trat ein Geistiges, das vorher nicht mit der menschheitlichen Erdenentwicklung verbunden war, durch den Leib des Jesus von Nazareth in diese menschliche Erdenentwicklung ein. Das hat die Menschheig die entwicklungsfähig war bis in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts so, wie ich es geschildert habe, instinktiv verstanden. Anders sollte die Entwicklung verlaufen von der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts angefangen bis heute. Da waltete nicht der instinktive Verstand, die instinktiven Gemütskräfte. Da entwickelte sich nicht wie bis zum Ende der zwanziger Jahre unser Leib bis in die dreißiger Jahre hinein; dafür aber, dass wir unabhängig werden heute ungefähr nach dem siebenundzwanzigsten Jahr ganz und gar von der leiblich-physischen Natur, dadurch entwickeln wir die menschliche Persönlichkeit zur vollen Freiheit. Aber diese Erziehung zur FreiheiL sie muss den Geist aus sich selber finden. Sie muss daher, indem sie äußerlich um sich schaut, eine Weile nur die Materie schauen. Denn würde sich uns der Geist aus der Materie aufdringen, so würden wir uns nicht selber zum Geiste zu erziehen brauchen. Aber unter dem Einflüsse dieser menschheitlichen Entwicklungsimpulse ist die Wahrheit von Golgatha selber einer Veränderung unterworfen gewesen. Derjenige, der innerlich nicht mit Vorurteilen der heutigen äußerlichen Erkenntnis, sondern der innerlich die Entwicklung der Gedanken der Menschheit über das Christentum in Betracht zieht durch die Jahrhunderte hindurch, der weiß, dass sich im materialistischen Zeitalter, das notwendig über die Menschheit kommen musste seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, das von heute ab aber wieder überwunden werden muss, er weiß, dass damit auch die Anschauungen über das Mysterium von Golgatha materialisiert werden mussten. Wir haben es erlebt, dass im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts schon und insbesondere im Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die Menschen, auch die Theologen, geradezu stolz darauf gewesen sind, nicht mehr von dem Christus als einem übersinnlichen Wesen zu sprechen, das in dem Leibe des Jesus von Nazareth gelebt hat; sondern sie haben es gefunden als besser anstehend dem aufgeklärten Menschen der Gegenwart, wie sie sagen, von dem «schlichten Mann von Nazareth» bloß zu sprechen. Sie haben den Christus verloren und schildern in einer materialistischen Terminologie den Menschen von Nazareth so, als ob nicht der Christus als eine übersinnliche, überirdische Wesenheit gelebt hätte in ihm. Sie schildern ihn nur als einen hoch entwickelten Menschen, aber eben doch nur als einen entwickelten Menschen». Auch durch diese Prüfung musste die neuere Menschheit hindurchgehen. Aber es ist eine Prüfung, meine sehr verehrten Anwesenden. Und indem wir so, wie ich es geschildert habe, finden, auch aus dem selbstbewussten Verstand, aus den selbstbewussten Gemütskräften, aus intellektueller Bescheidenheit heraus den Weg in die übersinnlichen Welten, werden wir auch wiederum den Weg finden zu einer übersinnlichen Auffassung des Christentums. Be wusst werden wir hinschauen lernen zu dem Mysterium von Golgatha, wie die Menschen des griechischen Zeitalters, wie in einer heute abgelaufenen Weise die Menschen bis in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts instinktiv hinschauten auf das Mysterium von Golgatha, das nach dem ersten Drittel jenes griechisch-lateinischen Zeitraumes als der Erde eigentlicher Sinn hereingebrochen ist in die Menschheitsentwicklung. Das wird ein Bedeutsames sein in der neueren Menschheitsentwicklung, wenn aus der Eroberung der geistigen Welt, aus der Erkenntnis der übersinnlichen Menschenwesenheit heraus der Mensch finden wird in einer neuen Art auch den Weg zum Mysterium von Golgatha. Dann wird diese neue Christuserkenntnis Platz greifen können in den Seelen über die ganze zivilisierte Erde hin. Dann wird überwinden diese neue Christusidee dasjenige, was heute anhaftet den Christusauffassungen aus konventionellen Beengtheiten heraus, selbst aus Religionsbekenntnissen-Beengtheit heraus. Die Menschen, wie sie auch sonst nach Rassen und VÖlkern stehen mÖgen, sie werden, wenn selbstbewusst der Weg zum Mysterium von Golgatha gefunden wird, sie werden diesen Weg finden über die ganze zivilisierte Erde hin. Dann wird, von diesem Impuls ausgehend, etwas kommen, was heute gesucht wird, aber gesucht wird von einem utilistischen Standpunkt aus. Wir hÖren heute von Leuten, die eben am Äußerlichen haften, von dem Streben nach einem Völkerbund. Und einer derjenigen Menschen, die nun leider auch zu einer gewissen Zeit in Deutschland recht sehr überschätzt wurden, einer derjenigen, die die Menschen in solche Abstraktionen leiten, einer derjenigen Menschen ist Woodrow Wilson. Redet man so wie er über die Begründung eines Völkerbundes, dann redet man über etwas, zu dem man nicht erst aus der Wirklichkeit heraus die Bedingungen schafft. Wer heute davon redet, dass sich aus den Aspirationen der einzelnen Völker ein Völkerbund ergeben soll, der redet so, dass man sieht, er hat nie begriffen das große Gleichnis des Turmbaus zu Babel. Denn was will er denn eigentlich? Er will den Turmbau zu Babel fortsetzen. Die Völker so [lassen], wie sie sind; durch dasjenige, wodurch sie zu Völkern aus dem Einheitlichen heraus geworden sind, will er gerade den VÖlkerbund begründen. Als eine Illusion, als eine Abstraktion wird sich das ergeben. Aber umgekehrt ist es. Durch ein neues geistiges Leben muss begründet werden dasjenige, was gemeinsam werden kann in allen Menschenseelen: die Erkenntnis des geistigen Mittelpunktes der Menschheitsentwicklung; die Erkenntnis der übersinnlichen Natur des Mysteriums von Golgatha in seiner Bedeutung für die ganze Menschheit, ohne Unterschied von Religion und Rasse und Volkstum. Aus dieser Empfindung heraus, aus diesem Hinschauen zu dem Christusereignis, dem einmaligen Christusereignis, wird die reale Kraft zu dem neuen Völkerbund entstehen. Und nicht eher werden die Menschen über die Erde hin, über die zivilisierte Welt hin ihre Harmonie finden, ehe sie nicht aus einer neuen Eroberung des Geistes heraus den Weg gefunden haben zu einem neuen Christentum, das die Menschen über die Erde hin einigen kann. So sehen wir: Das liefert diejenige Erkenntnis, von der ich Ihnen schildern durfte, dass sie über Geburt und Tod hinaus zum ewigen, übersinnlichen Menschenwesen führt. Wir sehen, dass diese Erkenntnis zu gleicher Zeit zu einer solchen Durchdringung der menschlichen Entwicklung führt, die gehören muss zu den allerwichtigsten Aufgaben der gegenwärtigen Zeit. Und erfasst man die menschliche Natur in einer solchen Tiefe, dass man bei diesem Erfassen nicht auf jene äußere Menschenwesenheit bloß stößt, auf die die heutige äußere wissenschaftliche Erkenntnis stößt, fasst man die Menschenwesenheit so, dass man aus der intellektuellen Bescheidenheit heraus die Kraft findet, sich weiterzuentwickeln, wie man sich von der Kindheit bis hierher entwickelt hat, wo man im gewöhnlichen Leben angekommen ist, dann findet man auch die die Menschen einigenden Worte. Ein starkes Chaos lebt über die zivilisierte Erde hin, eine furchtbare Wirrnis. In jeder Seele muss aufgehen die Sehnsucht, den Weg zu finden aus solcher Wirrnis, aus solchem Chaos heraus, Wirrnis und Chaos sind groß. Die Kraft, die angewendet werden muss, um aus ihnen herauszukommen, sie muss auch groß sein; sie muss starke, große Vorurteile überwinden. Scheint es auch heute vielleicht für viele zu stark, das Vorurteil, das überwunden werden muss, der Weg zu der neuen Erfassung des übersinnlichen Ereignisses von Golgatha, er muss gegangen werden. Denn die Menschheit, sie hat heute vor sich - das werden wir nun von außen zu beleuchten haben im nächsten Vortrag - zwei Wege. Der eine Weg geht links, der andere geht rechts. Wir können in einseitiger Weise auffassen, indem wir das Pendel zwischen beiden ausschlagen lassen, dasjenige, was in Materialismus, in den egoistischen Persönlichkeitskräften sich seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts entwickelt hat. Wir können aber auch rechts gehen und kÖnnen bewusst den Geist wieder erobern aus unserem industriellen und naturwissenschaftlichen Zeitalter heraus. Lernt man erkennen die Entwicklung der Menschheit so, dass sozial übersinnliches Leben in dieser Entwicklung drinnenlebt, dann wird das [zur Erkenntnis werden], was heute noch viele für einen Aberglauben oder für eine Illusion halten, dasjenige, auf das Lessing hingewiesen hat, die wiederholten Erdenleben. - Lessing, der aufgeklärte Mensch, er hat zuerst, wie in der Morgenröte der neueren Zeit, in seiner «Erziehung des Menschengeschlechtes» auf die wiederholten Erdenleben des Menschen hingewiesen; sodass der Mensch durchläuft, solange die Erde in ihrer Entwicklung ist, wiederholte Erdenleben. Zwischen diesen wiederholten Erdenleben lebt er in einer geistig-seelischen Welt, aus der er durch die Geburt oder die Empfängnis herunterkommt in die physische Welt, aus der er dann wieder hinaufgeht durch die Pforte des Todes. Sich hineinzufinden in das Große, das mit solchen Gedanken bereits einmal angehoben hat bei Lessing, bei Herder, bei Goethe und so weiter, das führt nach rechts. Und wir in Mitteleuropa, wir müssen jetzt, da die Zeit der äußeren Not und des äußeren Elends vielleicht für uns begonnen hat, [das muss] schon gesagt werden in unserer schweren Zeit, wir müssen lernen, wiederum anzuknüpfen an jene Schritte, die in Mitteleuropa gemacht worden sind von den großen deutschen Geistern, die ich eben genannt habe, in die übersinnliche Welt hinein. Und wir müssen den Mut haben, weitere solche Schritte zu machen, weiter hineinzugehen in die übersinnliche Welt. Sonst verfällt die Menschheit in dasjenige, was man in der folgenden An charakterisieren kann. Will die Menschheit den Weg nur nach links gehen, dann wird sie dasjenige weiter fortsetzen, was eine Zeit lang über die Menschheit kommen musste, damit der Mensch seine freie Persönlichkeit ausbilden konnte. Von einem anderen Gesichtspunkte aus habe ich das schon im Beginn der Neunzigerjahre in meinem Buche «Die Philosophie der Freiheit» geschildert. Um zur Freiheit zu gelangen, musste der Mensch ausbilden, was in das neuere Zeitalter ihn so hineinführte, dass er seinen Geist mechanisiert hat. Er übersieht nur dasjenige, was maschinenmäßig ist in der äußeren Welt, und begreift es. Bleibt er dabei stehen, dann kann er seine Seele nicht zu dem erwecken, was ich heute geschildert habe als erweckbar aus der intellektuellen und willentlichen Bescheidenheit heraus; dann tritt zu der Mechanisierung des Geistes die Vegetarisierung der Seele, die Schläfrigkeit der Seele. Dann aber tritt zu der Schläfrigkeit der Seele, weil der Leib unedel wird, wenn er nicht von der geistdurchleuchteten Seele durchglüht wird, dann tritt für den Leib ein die Animalisierung. Dann treten die sozialen Forderungen aus den animalischen Trieben heraus auf. Das zeigt sich in der Gegenwart. Wir haben ein mechanisiertes Geistesleben. Wir haben aber auch mit Bezug auf die übersinnliche Menschenwesenheit die schläfrige, pflanzenartige Seele, die vegetative Seele. Und wir haben dasjenige, was im Osten Europas gerade auf der groß angelegten russischen Volksseele, wie diese Volksseele tötend, heute auftritt; auftritt wie ein Neues an sozialen Forderungen, was aber nichts anderes ist als das Sprechen des animalisierten Menschen. Das ist das Dritte. Wollen wir wirklich einen Ausweg finden aus dem heutigen Chaos und der heutigen Wirrnis, dann müssen wir ohne Vorurteile hinblicken darauf, dass wir in Mitteleuropa, und dass die westliche Zivilisation die Mechanisierung des Geistes und die Schläfrigkeit der Seele ausgebildet haben, und dass als die Folge davon im Osten die animalisierten Triebe auftreten, die der Mensch heute nur fürchtet, die er aber verstehen lernen muss, damit er sie überwindet, damit er aus diesem illusionistischen, aus diesem verderblichen Sozialismus des Ostens zu einem wahren Sozialismus, von dem wir eben übermorgen sprechen wollen, zu einem durchgeistigten, zu einem durchseelten Sozialismus kommen können. Das ist für den Menschen notwendig, dass er nicht den Weg links mit der Mechanisierung des Geistes, der Vegetabilisierung der Seele, der Animalisierung des Leibes geht, sondern dass er den Weg geht, der ihn wiederum hinführt zur Durchdringung der übersinnlichen Menschennatur und der übersinnlichen Natur der Welt überhaupt. Dass er empfange aus seinem höher entwickelten Selbstbewusstsein der neueren Zeit heraus in seinem Geiste das Licht, in seiner Seele die Wärme, das Geistige, dadurch in seinem Leibe das Veredelnde, das zur wirklichen sozialen Liebe, zur echten Brüderlichkeit führen wird. Nur wenn wir so finden den Weg zur Durchleuchtung des Geistes, zur Durchgeistigung der Seele, zur Veredelung des Leibes, nur dann werden wir in eine bessere Zukunft hineingehen können. Dann wird nicht die äußere Materie, der ökonomische Prozess, sondern dann werden der Geist und die Seele uns hineinführen in diese Neuordnung. Der Geist aber kann den Menschen nur leiten, wenn der Mensch dem Geiste entgegenkommt; wenn der Mensch seinen Intellekt in Bescheidenheit durchglühen lässt von dem Geiste; wenn der Mensch die Seele wiederum durchdringen lässt von dem, was er als Geist erleben kann. Und glauben Sie nicht, dass in unserer Zeit jeder selber ein Geistesforscher werden soll, obwohl bis zu einem gewissen Grade heute jeder Geistesforscher werden kann; wie ich es ausgeführt habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hÖheren Weltenm Aber während man auf allen übrigen Gebieten nur hinschauen kann in der Wissenschaft auf den Autoritätsglauben der 'Wissenschafter hin, ist gerade das nicht wahr, was die Menschen so gerne behaupten möchten, dass die übersinnlichen Wahrheiten, wenn sie erforscht sind, nur auf Autoritätsglauben hin für wahr befunden werden können. Nein, die menschliche Natur ist so geschaffen, dass, wenn sie nur die Vorurteile wegräumt, die die letzten vier Jahrhunderte vor die Menschenseele aufgetürmt haben, dann wird jede einzelne Menschenseele, wenn auch heute noch nicht, hineinschauen können in die übersinnliche Welt, doch hinnehmen können dasjenige, was der Geistesforscher erforscht hat. Was der Astronom, der Physiologe erforscht, es wird hingenommen von den anderen Menschen. Es kann aus dem gesunden Menschenverstand heraus jede Seele heute auf die bloße Offenbarung derjenigen hin, die diese übersinnliche Welt erforscht haben, in diese übersinnliche Welt hinein den Weg selber finden. Dann wird diese Seele auch den Weg in ein wahres soziales Leben hinein [finden]. Denn dieses soziale Leben, es kann nimmermehr auf bloßer Naturnotwendigkeit, auf bloß äußerer wirtschaftlicher oder Ökonomischer Notwendigkeit beruhen. Es kann das geläuterte soziale Leben nur auf der Freiheit beruhen. Die Freiheit des äußeren Lebens aber, sie kann nur auf jener höchsten Freiheit beruhen, welche ausgebildet werden muss im Innersten der Menschenseele. Alle äußere Freiheit darf nur sein in alle Zukunft hinein, damit die Menschheit aus Wirrnis und Chaos herauskommt, alle äußere Freiheit darf nur sein die unmittelbare Ankündigung der innerlich befreiten Menschenseele. Möge der Mensch durch den Weg des Geistes und der seelischen Erforschung den Weg finden zu dieser innerlichen Befreiung, damit er ihn auch finden kann zur äußeren sozialen Befreiung. FREIHEIT FÜR DEN GEIST, GLEICHHEIT FÜR DAS RECHT, BRÜDERLICHKEIT FÜR DAS WIRTSCHAFTSLEBEN Mannheim, 28. Juli 1919 Meine sehr verehrten Anwesenden! In dem Vortrage vorgestern versuchte ich darzustellen den Weg in übersinnliche Welten hinein, welcher von der modernen Menschheit begangen werden kann und welcher entsprechen soll demjenigen, was aus dem Zeitbewusstsein und aus der Stufe der Menschheitsentwicklung, auf der wir stehen, heraus der Mensch von sich aus heute als eine Forderung aufstellt, wenn er auch diese innere Seelentatsache bisher mehr ahnt, als mit genauem Bewusstsein verfolgt. Eine Forderung, eben hinein in die übersinnliche Welt auf anderen Wegen, als diejenigen sind, die man bisher zu verstehen gewöhnt war. Nicht so sehr, weil ich glaube, dass das unmittelbare inhaltliche Hineinleben gerade in diejenige Form übersinnlicher Weltanschauung, von der ich vorgestern gesprochen habe, zugrunde liegen müsse auch den Gedanken und Impulsen der Neugestaltung unseres äußeren Öffentlichen, namentlich sozialen Lebens, sondern weil ich der Überzeugung bin, dass zum Durchdringen des Übersinnlichen vom Gesichtspunkte des heutigen Menschen aus eine solche Umwandlung des ganzen Seelenlebens notwendig ist, wie sie auch stattfinden muss, um die großen Probleme, [um] die sozialen Probleme der Gegenwart zu lösen, weil sich einfach, wie ich glaube, das Denken, das Empfinden schulen muss an solchen Gedanken und Ideen über das Übersinnliche, wie sie erwähnt worden sind, habe ich den Vortrag am letzten Sonnabend hier dem heutigen vorangeschickt. Denn, meine sehr verehrten Anwesenden, ich glaube allerdings, dass ein Herauskommen aus den Wirrnissen und dem Chaos der gegenwärtigen sozialen Lebensgestaltung nur möglich ist dadurch, dass man mit vollem Bewusstsein und ohne Scheu auf das ganz Radikale der Umwandlung hinzuschauen vermag, in der wir gegenwärtig mit Be zug auf dieses unser öffentliches Leben drinnenstehen. Ich glaube nicht, dass derjenige, welcher in der so schreckensvollen Weltkriegskatastrophe nur ein Ereignis sieht, das gewissermaßen unterbricht den Menschheitsentwicklungsgang, der sich nachher wiederum in derselben Weise fortsetzen kann, ich glaube nicht, dass, wer so diese Kriegskatastrophe ansieht, geneigt ist, die Gedanken und Empfindungen aufzubringen, welche heute notwendig sind für den Menschen, der mittun will an dem, was notwendiger Aufbau ist. Mir scheint, dass nur derjenige so mittun und mitdenken kann, welcher in dieser Weltkriegskatastrophe den Zusammenbruch einer alten Geistes-, einer alten Weltanschauung wirklich zu sehen vermag, und der zugleich zu sehen vermag neue Forderungen, die herauftauchen, die keineswegs noch eine bestimmte Gestalg von der man sich das NÖtige für die Zukunft versprechen kann, angewöhnt haben, die aber doch schon ankündigen überall wenigstens Teile dessen, dem wir zuzustreben haben. Aber noch können diejenigen, welche in der alten Anschauung drinnenstehen, welche mit ihren Gedanken sich eingewöhnt haben in den alten sozialen Geist, welche mit ihren Lebensgewohnheiten in den alten Einrichtungen wurzeln, noch können sie sich nicht entschließen, wirklich anzunehmen, dass eine gründliche Umwandlung notwendig ist. Und noch können diejenigen, welche mit ihren neuen Forderungen ehrlich und aufrichtig auftreten, sich nicht entschließen, die Wirklichkeit des Lebens so gründlich anzusehen, wie es nÖtig ist, um diese Forderungen des Charakters der Parteiungen, des Charakters der abstrakten Programme zu entkleiden und sie herauszudenken, herauszuempfinden aus der unmittelbaren Wirklichkeit des Lebens. Erst wenn die Menschheit dahin gelangt sein wird, dass sie sehen wird den furchtbaren Abgrund, der zwischen zwei Bevölkerungsschichten heute sich aufgetan hat, dann wird sie auf der Höhe des geistigen Lebens und seiner Forderungen stehen. Tatsächlich leben wir heute so in einer Übergangszeit, dass wir alle Einzelheiten, alle einzelnen Eigenschaften eines Untergehenden uns vor die Seele führen müssen; dass wir auf der anderen Seite sorgfältig alles dasjenige prüfen müssen, was sich in mehr oder weniger unbestimmter Weise als neue Forderungen geltend macht. Und so, meine sehr verehrten Anwesenden, wird unser Blick zunächst, indem wir die Zeiterscheinungen anschauen, nicht hingewendet zu dem, wovon ich letzten Samstag sprach. Sondern unser Blick wird hingelenkt zu demjenigen Glied des Lebens, das gewissermaßen entgegengesetzt ist der eigentlichen Geistesströmung der Menschheit, aus dem aber aufquillt alles dasjenige, was die heutige Zeit an neuen Forderungen enthält, und an dem sich zeigt der Zusammenbruch aller Denk- und Lebensgewohnheiten; unser Blick wird gewendet, wenn wir uns klar werden wollen über den eigentlichen Charakter der Zeit, auf das Wirtschaftsleben. Und innerhalb dieses Wirtschaftslebens, ich denke, man sieht ganz klar, dass zwei Menschheitsanschauungen, Menschheitsempfindungsweisen sich geltend machen, zwischen denen ein Abgrund ist, und die sich heute weniger verstehen können, als solche Menschheitsströmungen jemals innerhalb der Menschheitsentwicklung sich verstanden haben. Man hat auch nicht die Neigung, überall auf das eigentlich Charakteristische hinzuschauen. Vor allen Dingen hat man nicht die Neigung, auf das Wirtschaftsleben der Gegenwart so hinzuschauen, dass man in ihm erkennt andere Kräfte noch als die eigentlich wirtschaftlichen, die sich geltend machen sowohl im Zusammenbruch wie in dem zu erhoffenden Neuaufstieg. Aber eine umfassende Anschauung, sie darf nicht zurückscheuen vor dem Aufmerksammachen auf diese anderen Kräfte. Daher werde ich heute nötig haben, nicht bloß vom Wirtschaftsleben zu sprechen, sondern auch von allem Übrigen, das im Wirtschaftsleben steht, und das ebenso eine Erneuerung, eine Umwandlung durchmachen muss als das Wirtschaftsleben selbst. Ich werde Ihnen daher zu sprechen haben heute von der eigentlichen Grundforderung unserer Zeit als einer dreifachen. Ich werde zu sprechen haben von der sozialen Frage als einer Geistesfrage oder Kulturfrage, ich werde zu sprechen haben von der sozialen Frage als einer Rechts- oder Staatsfrage; ich werde zu sprechen haben von der sozialen Frage als einer Wirtschaftsfrage. Aber hat sich nicht dieses wirtschaftliche Leben in der neueren Zeit so herausgebildet, dass wir sagen können: Es überflutet im Grunde genommen alles, und wir sind mit Bezug auf das äußere öffentliche Leben ganz abhängig geworden, auch mit Bezug auf das geistige Leben und mit Bezug auf das rechtliche Leben, ganz abhängig geworden von der Gestaltung unseres Wirtschaftslebens. Sehen wir zunächst hin auf dasjenige, was wir nennen können die geistige Kultur der Gegenwart. Diese geistige Kultur der Gegenwart, sie hat viele Lobreden erfahren. Immer wieder und wiederum hat man es betont, und von einem gewissen Gesichtspunkte aus mit Recht betont, wie unendlich weit die Menschheit es gebracht hat mit Bezug auf die Ausgestaltung des geistigen Lebens, der geistigen Kultur. Immer wiederum hat man darauf aufmerksam gemacht, wie märchenhaft unsere Geisteskultur erscheinen müsste demjenigen, der heute aufstehen würde als ein Bürger, der vor einem Jahrtausend gelebt hat und das damalige menschliche Geistesleben überblickt. Immer wiederum hat man betont, wie der Gedanke heute durch die menschlichen Hilfsmittel mit Blitzesschnelle über die ganze Erde hineilt. Immer wiederum hat man betont, wie die Grenzen, die früher den einzelnen Kulturgebieten gezogen worden sind, in der neueren Zeit überwunden wurden - und Ähnliches mehr. Allein wenig war man bedacht auf etwas, was zusammenhängt, innig zusammenhängt mit dem ganzen Grundcharakter dieses unseres neueren Geisteslebens. Mit diesem Grundcharakter unseres neueren Geisteslebens hängt zusammen, dass nur eine geringe Minderheit von Menschen an dieser eigentlichen Geisteskultur teilnehmen kann. Sie selbst ist so geartet, diese Geisteskultur, dass nur diese geringe Minderheit aus ihren Denkgewohnheiten, aus ihrer ganzen Gefühlsweise sich hineinfinden kann in dasjenige, was auf den verschiedensten Gebieten des neueren Geisteslebens zutage tritt, wenn es sich handelt um die eigentliche geistige Ausgestaltung dieser Kultur. Wir haben ein reiches Literaturleben, ein reiches Kunstleben. Wir haben die verschiedensten Weltanschauungen. Wir haben eine ausgebildete Ethik und so weiter, und so weiter. Aber alles das umschließt menschliche Impulse, menschliche Ideen, menschliche Empfindungen, die herausentspringen aus der besonderen Seelenartung von wenigen. Und diese Wenigen, sie müssen sich erobern dieses geistige Leben dadurch, dass die große Masse der Menschen einfach nicht teilnehmen kann an diesem geistigen Leben. Derjenige, der von diesem Gesichtspunkte aus überblickt, was eigentlich in der Gegenwart mit Bezug auf diese Kultur geschieht, der weiß das Folgende sehr gut: Er weiß, dass heute auf vielen Seiten der gute Wille besteht, durch allerlei volkstümliche Kunstveranstaltungen, Volkshochschulen und dergleichen dasjenige, was von einer Minderheit geistig erobert wird, der großen Mehrheit mitzuteilen. Allein, so gut der 'Wille auf diesem Gebiete sein mag, er führt nicht zu dem, wozu er eigentlich führen soll; er führt im Grunde genommen doch nur zu einer Kulturliige. Denn, meine sehr verehrten Anwesenden, das Geistesleben ist so geartet, dass man an irgendeiner Gestaltung desselben nur teilnehmen kann, wenn dieses Geistesleben herausquillt aus den ursprünglichsten menschlichen Lebensempfindungen und Lebenserfahrungen. Nun aber ist unsere Menschheit gespalten in eine geringere Minderheit derjenigen, aus deren Lebensgewohnheiten heraus das heutige Geistesleben quillt, und in die große Masse, welche nur der Handarbeit, dem äußeren Wirtschaftsleben hingegeben ist und innerhalb dieses äußeren Wirtschaftslebens die Lebensgewohnheiten, die innere Seelenverfassung entwickelt, und keinen wirklichen inneren Zugang finden kann zu dem, was die Seele einer Minderheit ihr Geistesleben nennt. Wir mögen heute mit noch so gutem Willen dasjenige, was wir an Wissenschaft, an Kunst erzeugen, mitteilen durch volkstümliche Veranstaltungen der großen Masse, wir geben uns einer großen Illusion hin, wenn wir glauben, dass diese große Masse wirklich ins Innere der Seele hinein aufnehmen kann dasjenige, was die Minderheit als ihr geistiges Eigentum anzuschauen in der Lage ist. Darüber, meine sehr verehrten Anwesenden, muss man eigentlich aus den Lebenserfahrungen heraus sprechen. Und daher gestatten Sie, dass ich gerade mit Bezug auf das eben Angedeutete eine scheinbar persönliche Bemerkung vorbringe, die aber symptomatisch gemeint sein soll für dasjenige, was ich hier bespreche. Ich war lange Jahre hindurch Lehrer an einer Arbeiterbildungsschule. Meine Schüler waren durchaus Angehörige des Proletariats. Ich versuchte dazumal innerhalb dieser Arbeiterbildungsschule auf den verschiedensten Gebieten des Kulturlebens dasjenige vorzubringen, was ich unmittelbar vorbringen konnte von Mensch zu Mensch, was ich aussprechen konnte auf dem Gebiete der Geschichte, auf dem Gebiete der Naturwissenschaft, sodass immer waltete in dem, was ich aussprach, anderes als etwa dasjenige, was als Allgemein-Menschliches nur auf anderen Gebieten auch letzten Sonnabend hier vorgebracht worden ist. Und ich wurde, indem ich umgestaltete die Geschichte im allgemein-menschlichen Sinn, indem ich umgestaltete das Naturwissen im allgemein-menschlichen Sinn, eigentlich immer gut verstanden. Aber man hatte aus einer gewissen Zeitmode heraus unter den Schülern und der Leitung der Schule auch das Bedürfnis, dass ich zum Beispiel die Schüler führen sollte durch Galerien und dergleichen. Und da stellte sich mir heraus, dass ich mir eigentlich vorkam wie jemand, der von etwas spricht zu den Leuten, die davorstanden, wie von einem ihnen völlig Unbekannten. Sprach ich dasjenige aus, was ich unmittelbar aus der Seele der Menschen entnahm in der Schulstunde, so verstanden wir uns. Sprach ich den Leuten von dem, was von der Minderheit als ihre Kultur, als ihr Geistesleben erzeugt worden ist, so war eigentlich die Mitteilung im Grunde genommen eine Lüge, denn die Menschen fanden nicht aus ihren Denkgewohnheiten, aus ihren Empfindungen heraus den Zugang zu dem, was eben aus ganz anderen Seelenuntergriinden heraus stammte. Man hat die Gedanken durchaus in den leitenden Kreisen auf solche Tatsachen und Erscheinungen nicht gerichtet. Daher richtete sich die Kluft, der Abgrund auf zwischen der Geisteskultur der Minderheit und dem Seelenleben, dem ganz in den wirtschaftlichen Kreislauf eingespannten Leben des Proletariers. Was wusste im Grunde genommen in den letzten drei bis vier Jahrhunderten, insbesondere aber im neunzehnten und am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts derjenige, der der Minderheit angehörte, von dem, was in den Seelen der breiten Masse des Proletariats vorging? Er dirigierte diese breiten Massen zur Arbeit hin, zur Arbeit, die durchaus in der Richtung der Minderheitskultur geschaffen worden ist. Aber er suchte nicht den Zugang zu den Menschen, er suchte nicht den Zugang zu den Herzen und zu den Seelen. Das merkte man gerade dann, wenn man ihn suchte, wie es in dem angeführten Falle durch mich geschehen ist. Das, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist ungefähr dasjenige, was sich von der geistigen Seite her geltend machen lässt mit Bezug auf die Charakteristik der einen Menschheitsstufe. Und sieht man sich dann dieses geistige Leben, dieses Kulturleben der Minderheit näher an, dann muss man in der Tat sagen: Es ist dieses Kulturleben, weil es eben das Leben einer Minderheit ist, fremd dem ganzen menschheitlichen Leben der Gegenwart. Im Grunde genommen leben wir trotz all unseres Hochmuts auf unseren Wirklichkeitssinn, wir leben in einer abstrakten Kultur drinnen; in einer Kultur, die nicht eindringt in die Wirklichkeit des Menschenlebens. Daher braucht man sich nicht zu verwundern, dass diese Kultur ein Gedankenleben erzeugt, das eigentlich wirklichkeitsfremd ist. Ein Gedankenleben, das aus den ganzen Menschen heraus ist, es hat die Eigentümlichkeit, dass es auch untertauchen kann in die Wirklichkeit. Und wenn Sie mir gestatten, noch einmal eine persönliche Bemerkung zu machen, die wiederum nur symptomatisch gemeint ist, so ist es die Folgende: Ich war genötigt, im Jahre 1914 im Januar zusammenzufassen, absichtlich dazumal in Wien vor einer kleinen Versammlung, denn eine grÖßere hätte mich dazumal wahrscheinlich noch ausgelacht, ich war genötigt, zusammenzufassen dasjenige, was sich mir als Anschauung, die ich erzählte, gebildet hatte über den ganzen [Verlauf] dieses neuzeitlichen Kulturlebens und seiner Denkweise, was ich mir als Anschauung bilden musste über die Richtung, in der dieses Kulturleben hinsteuert. Und ich musste dazumal diese meine, ich glaube, es Erkenntnisse nennen zu dürfen, zusammenfassen — also im Frühfrühling des Jahres 1914 - über dasjenige, was durch die Widersprüche in diesem Geistesleben in die Welt der Menschen hereingebracht wird, ich musste das zusammenfassen, indem ich sagte: Unsere sozialen Verhältnisse bis in die höchsten Höhen hinauf, sie machen auf den, der sie unbefangen beobachtet, den Eindruck einer sozialen Krankheit, eines sozialen Krebsgeschwüres, das in der nächsten Zeit über die ganze zivilisierte Welt hin in furchtbarer Weise zum Ausdruck kommen muss. Das war dazumal die Meinung eines ampraktischen Idealistem, wie die heute sagen; die Meinung eines Menschen, der aus seinem Eigenen heraus über die Wirklichkeit etwas entscheiden will. Heute könnte man schon erinnert werden an eine solche Auffassung der Wirklichkeit, wenn man denkt, wie auf der anderen Seite diejenigen, die nun ganz hervorgegangen sind aus der Geisteskultur der Minderheit mit ihrem wirklichkeitsfremden Sinn, wie diese dazumal gedacht haben über das, was da kommen werde. Erinnern wir uns doch daran, dass ein dirigierender Staatsmann im Januar 1914 seine Anschauungen, trotz der Verantwortung, die auf ihm lastete, zusammenfasste in die Worte, die er dazumal einer parlamentarischen Körperschaft sagte: Wir leben in einer allgemeinen Entspannung der politischen Verhältnisse - so sagte er ungefähr -, die uns hoffen lässt, in der nächsten Zeit in Europa den Frieden zu erhalten. - Und er fügte hinzu: Wir stehen in den freundschaftlichsten Beziehungen zur russischen Regierung, die dank der Bemühungen der Kabinette sich nicht einlässt auf die Lügereien der Pressemeute. Und wir denken durchaus - der betreffende Staatsmann sprach als Staatsmann Mitteleuropas - wir denken durchaus, unsere freundnachbarlichen Beziehungen zu Polen fortzusetzen. - Und er fügt hinzu, also in der damaligen Zeit: Mit England schweben Verhandlungen, die das Allerbeste versprechen für den europäischen Frieden. Sie sind zwar noch nicht zum Abschluss gekommen, aber sie werden wünschenswerte Zustände herbeiführen. Das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist die Gedankenrichtung eines in der Bildung der Gegenwart drinnenstehenden Menschen in der Zeit, auf die dann folgte jene furchtbare Weltkatastrophe, durch die Tausende und Abertausende von Menschen in Europa getötet worden sind und dreimal so viel zu Krüppeln geschlagen worden sind. Solche Dinge sollen von dieser Weltkatastrophe gelernt werden, dass bis ins Innerste der Seele hinein die Minderheitskultur den Sinn, den Instinkt für Wirklichkeiten verloren hat. Diese Dinge sind ernster zu nehmen als jemals. Und sie werden nur dann ganz ernst genommen, wenn man nicht vorübergehen will an der Tatsache, dass die Gedanken, die aus dieser wirklichkeitsfremden Grundlage herauskamen, eben nicht geeignet waren, in unser Wirtschaftsleben hinein befruchtende Idee[n] zu bringen. Das will man heute noch nicht wahrhaben. Das ist aber die wichtigste Tatsache des Wirtschaftslebens der neueren Zeit, dass die eigentlich leitenden Kreise verloren haben die umfassenden Gedanken dieses Wirtschaftslebens, und dass daher durch einen langen Zeitraum hindurch über die ganze zivilisierte Welt dieses Wirtschaftsleben eben ablief, wie wenn es mechanisch von selbst ginge. Und die Weltkriegskatastrophe ist nichts anderes als das in seine eigenen Widersprüche, seine eigene Vernichtung Hineintreiben des von den Gedanken verlassenen Wirtschaftslebens; von den Gedanken verlassen deshalb, weil diese Gedanken innerhalb der modernen Geisteskultur nicht aus der Wirklichkeit heraus genommen waren und deshalb auch nicht diese Wirklichkeit meistern und beherrschen konnten. So trieben die leitenden, führenden Kreise ein Wirtschaftsleben, das eben, weil es alte Einrichtungen fortsetzte, das Leben auch fortgab. Aber sie kümmerten sich niemals darum, dieses Wirtschaftsleben vom Menschen aus in die Hand zu nehmen. Aber innerhalb dieses Wirtschaftslebens stieg auf dasjenige, was herkam aus den Herzen, aus den Seelen derjenigen Menschen, die durch ihre Arbeit bloß in dieses Wirtschaftsleben eingespannt sind. Und indem wir darauf blicken, kommen wir auf die andere Seite des Abgrundes; auf die Seite, wo diejenigen stehen, die nicht teilnehmen konnten in der angedeuteten Weise an der Geisteskultur der Minderheit, die, seitdem die moderne Technik, der moderne Kapitalismus heraufgekommen ist, ganz eingespannt waren mit all ihrem Menschenwesen in diese Technik, in diesen sinnverödenden Kapitalismus. Nun möchte ich sagen: Alles dasjenige, was ich charakterisiert habe als eine Minderheits-Geisteskultur, als ein gewisses Sich-Stellen zu den breiten, arbeitenden Proletariermassen, und als ein Sich-Stellen zu dem mechanischen Ablauf des Wirtschaftslebens, das auf der einen Seite bemerkbar ist - es hat sein Echo gefunden auf der anderen Seite. Und dieses Echo, es entwickelt sich langsam, nach und nach herauf. Nur dann wird man der gegenwärtigen Zeit gerecht, wenn man in dieser Weltkatastrophe sieht das Sich-selbst-ad-AbsurdumFühren des Geistes- und Wirtschaftslebens, das ich soeben geschildert habe. Aber nun tönt von der anderen Seite seit mehr als einem halben Jahrhundert dasjenige, was ausklang einmal in die Worte, die welterschütternden Worte: «Proletarier aller Länder, vereinigt euch!» Und die Weltkriegskatastrophe, sie hat heraufgebracht das Zeitalter, in dem alles dasjenige, was mittlerweile unter dem Einflüsse dessen, aus dem jener Ruf entstanden isL in den Herzen und Seelen der weitesten Kreise des Proletariats sich geltend gemacht hat. Es hat das alles heraufgebracht und zusammengefasst in einer neuen Weise. Daher ist die Gegenwart erst recht von der Notwendigkeit durchdrungen, verständnisvoll hinzuweisen auf dasjenige, was wie ein Echo auf der anderen Seite des Abgrundes steht. Da sehen wir, dass die Proletariermassen anschauen die Geisteskultur der Minderheit, die ihnen abgegeben werden sollte durch allerlei volkstümliche Veranstaltungen und alles dasjenige, was für die Lebensgewohnheiten der Minderheit zusammenhängt mit diesem geistigen Leben -, da sehen wir, dass die Proletariermassen hinschauen auf das alles, an dem sie nicht teilnehmen konnten; und sie fanden es verständlich, als ihnen der genialische Führer, der ebenso groß in seinen Wahrheiten ist, wie er groß in seinem Irrtum ist, als ihnen Karl Marx das Wort, was in einer missverständlichen, allgemein missverständlichen, aber für die Herzen umso verständlicheren Weise dieses ihr Verhältnis zu dem Leben der Minderheit charakterisierte in den Worten «Mehrwert» und «Arbeitsleistung». Und mehr oder weniger deutlich wurden von dem Bewusstsein ergriffen große Proletariermassen, man möchte sagen, nicht überall zu verstehen, aber zu fühlen: Dasjenige, was wir als Verhältnis haben zwischen dem, was religiös erhebt, was künstlerisch befriedigt, was als Weltanschauung durchwärmt die Minderheiten, das ist, dass wir für diese Geisteskultur der Minderheiten die Unterlagen schaffen, indem wir die Kapitalsgrundlage durch den Mehrwert dafür erzeugen, durch dasjenige, was uns abgenommen wird von dem von uns Erzeugten, von den Erträgnissen unserer Erzeugnisse über das hinaus, was nur Entgelt ist für unsere Arbeitskraft. Und man muss die heutige Zeit nicht bloß äußerlich national-Ökonomisch beurteilen, da wird man ihr nicht gerecht; man muss sie beurteilen auch vom Standpunkte der Massen-Psychologie der Menschheit. Da kommt es nicht darauf an, ob man über ein solches Wort wie Mehrwert mehr oder weniger zutreffend diskutieren kann, sondern darauf, wie ein solches Wort in den Massen wirkt; wie es Gefühle erregt, die Hoffnungen anregt. Diese Hoffnungen, sie liegen durchaus auf der Linie, die ich eben charakterisiert habe. Und immer genauer und genauer sahen sich diese Proletariermassen an, was ihr Anteil ist an demjenigen, was da als Geisteskultur lebt, und was als Geisteskultur leitet auch das rechtliche und das wirtschaftliche Leben. Und deshalb verstanden sie auch noch ein zweites Wort, welches ihnen von derselben Seite her geprägt worden ist; sie verstanden das Wort von der Arbeitskraft des Menschen, die auf dem Arbeitsmärkte als Ware gekauft werden kann, so, wie andere Waren gekauft und verkauft werden können. Es mag wiederum so sein, dass verstandesmäßig die Menschen durchaus nicht begriffen, was damit gemeint ist, aber sie fühlten es. Indem sie auf dieses Wort aufmerksam gemacht worden sind, und es auch aus mehr oder weniger hellen oder trüben Quellen vernahmen, empfanden sie sich hinein in alte Zeiten, in denen noch die Sklaverei herrschte, wo der ganze Mensch auf dem Arbeitsmarkt gekauft und verkauft werden konnte, wie eine Sache oder wie ein Tier. Und sie sahen hin auf die etwas spätere Zeit der Leibeigenschaft, wo weniger, aber immer noch genug Menschenkraft und Menschenarbeit in Unfreiheit eingespannt war. Und sie empfanden etwas von jenem Persönlichkeitsbewusstsein, das in der Entwicklung der Menschheit die Herzen, die Seelen ergriffen hat, wie ich es vorgestern ausgeführt habe, seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Und sie empfanden: Die Zeit ist vorüber, in der noch etwas wie eine Ware, wie eine Sache verkauft werden kann von dem Menschen. Und sie empfanden: Die leitenden, führenden Kreise haben versäumt, den Zeitpunkt ins Auge zu fassen, wo entkleidet werden muss die Arbeitskraft des Charakters der Ware. Und in der einen oder anderen mehr oder weniger deutlichen oder undeutlichen Weise steigt diese Forderung «Entkleidung der Arbeitskraft des Charakters der Ware» herauf. So war die Antwort auf das Unverständnis, das von den leitenden, führenden Kreisen den großen Massen des Proletariats entgegengebracht worden ist. Und ein anderes machte sich noch geltend, das man berücksichtigen muss, wenn man in so naiver Weise, wie es auch Woodrow Wilson tut, die soziale Frage der Gegenwart nur als eine Produktionsfrage behandelt. Sie ist gewiss eine Produktionsfrage, aber dass sie nur eine Produktionsfrage hat werden können, das ist eben die Schuld und das Versäumnis der leitenden, führenden Kreise. Dasjenige, was seit den letzten drei bis vier Jahrhunderten sich heraufentwickelt in der Menschheit, das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist nicht nur das neuere Wirtschaftsleben mit seiner ausgebreiteten Technik, mit seinem Kapitalismus. Das ist auch eine ganz bestimmte Richtung des Geisteslebens. Dieses Geistesleben ist nicht nur das Geistesleben der Minderheit, wie ich es charakterisiert habe, sondern eine ganz bestimmte Richtung des Geisteslebens ist in die Menschheit eingezogen. Wenn wir zurückblicken in frühere Zeiten, da war auch ein religiöses, ein künstlerisch geartetes Geistesleben; ein Geistesleben, das man heute mehr oder weniger als Phantasieleben ansieht. Darüber wollen wir jetzt nicht sprechen. Aber es war ein Geistesleben, das eine lebendige Weltanschauung den Menschen lieferte, mit einer inneren Stoßkraft; das den Menschen hineinstellte so in die Menschheitsentwicklung und in die Gesellschaftsordnung, dass dieser Mensch in irgendeiner Weise sich die Antwort geben konnte aus diesem Geistesleben heraus, wie er zusammenhängt als Geist, als Seele, mit dem Geiste, mit der Seele der Welt. Er bekam die Antwort auf die Frage: Habe ich in der ganzen Welt ein menschenwürdiges Dasein? Diese MÖglichkeit hörte auf unter dem Eindruck desjenigen, was aus der neueren Wissenschaft den Menschen entgegenkam. Diese neuere wissenschaftliche Gesinnung und Orientierung, sie hat zuletzt wirklich alle Zusammenhänge mit den Untergründen des Daseins verloren; sie richtet sich bloß auf das Äußere des Daseins. Man hatte zuletzt nicht das Gefühl: In deine Gedanken, in deine Vorstellungen leuchtet hinein ein Übersinnliches - sondern man hatte die Empfindung: Die Gedanken, die Vorstellungen sind nur Gedanken, nur Vorstellungen. Man gestand sich das nicht ein; man behielt zurück die Geste des alten religiösen, des alten künstlerischen und sonstigen Weltanschauungsempfindens; aber dasjenige, was man neu gestaltete, das bildete sich so aus, dass es den Menschen nicht als ganzen Menschen erfüllen konnte. Der Proletarier, der hinweggeholt worden ist aus derjenigen Gesellschaftslage, in der er früher war, an die Maschine, in den seelenverödenden Kapitalismus hinein, der Proletarier, er konnte an dieser Maschine, innerhalb dieses Kapitalismus wahrhaftig nicht an dasjenige glauben, was sich den leitenden, führenden Kreisen als der Inhalt dieses Geisteslebens ergeben hatte. Die sprachen noch in den alten Formeln, welche davon reden, dass eine göttliche Weltordnung, eine sittliche Weltordnung sich im geschichtlichen Werden der Menschheit ausspricht. Der Proletarier war eingeklemmt in die bloße Wirtschaftsordnung, in den Kapitalismus, der diese bloße Wirtschaftsordnung orientiert und führt. Da empfand er nichts anderes als: Das ist Phrase, Ideologie, was sich da in dem neueren Geistesleben entwickelt; Wahrheit hat nur das Wirtschaftsleben; Wahrheit hat nur die ökonomische Ordnung! Und so ertönte immer wiederum gerade in den führenden denkenden Menschen des Proletariats die Anschauung: Alles Geistige, alles Künstlerische, alles Religiöse, alles Wissenschaftliche, alles Recht, alle Sitte ist etwas, was wie ein Rauch aufsteigt aus der einzig wirklichen, aus der ökonomisch-wirtschaftlichen Grundlage des Daseins, die die einzige Wirklichkeit ist. Ja, mit einer solchen Anschauung lässt sich denken, eine solche Anschauung lässt sich wissen - was man so wissen nennt —, aber mit einer solchen Anschauung lässt sich nicht leben, weil die Seele verödet damit, weil die Seele endlich abgezogen wird von alledem, was ihr antworten kann auf die Frage: Führe ich ein menschenwürdiges Dasein? Die Seele wird erst hingetrieben zum bloßen brutalen Glauben an das äußere Produkt und seine Wirksamkeit. Diese Ideologie, sie hat das Proletariat nicht ausgebildet! Diesen Unglauben an den Geist, ihn hat das Proletariat nicht ausgebildet. Das alles ist das letzte Erbe, das das Proletariat von den leitenden, führenden Kreisen übernommen hat. Übernommen hat in gutem Glauben, dass das die neuere Weltanschauung sein müsse. Und alles dasjenige, was Seelenverödendes in die Herzen, in die Geister der Proletarier sich hineingegraben hat, das kommt von dieser Seite her. Und so sehen wir, wie es auf der anderen Seite des Abgrundes aussieht. Und wir werden aufmerksam, dass das Proletariat zuletzt, wenn es hingeschaut hat auf das Geistesleben, das die neuere Zeit gebracht hat, dass es dann gesagt hat: Das ist schließlich nur Rauch und Schall desjenigen, was aufsteigen lässt das Wirtschaftsleben, die eigentliche Grundlage des Menschenlebens, des Lebens der leitenden, führenden Kreise. Mit dem wollen wir nichts zu tun haben! Und das andere Bewusstsein entstand im Proletarier: Diese leitenden, führenden Kreise, sie haben sich von uns getrennt, indem sie die alte Struktur des Wirtschaftslebens in ihren Besitz genommen haben, indem sie davon das Leben der Minderheit gestaltet haben. Uns aber haben sie eine Klasse zweiter Ordnung sein lassen, und unser Verhältnis zu ihnen ist nicht dasjenige von Mensch zu Mensch; unser Verhältnis zu ihnen ist eigentlich das Verhältnis einer benachteiligten Klasse zu einer bevorrechtigten Klasse. Und eine Phrase ist es, wenn sie sprechen von der göttlichen, der sittlichen Weltordnung, von den Ideen, die in der Geschichte leben, von den geistigen Mächten, denn alles das kommt aus der Wirtschaftsordnung her. Und aus einer anderen Wirtschaftsordnung muss dasjenige kommen, was uns so befriedigt, wie sie befriedigt werden durch ihre Geistes- und sonstige Kultur, ihre Lebenskultur in der Minderheit! - Dasjenige, was man «geschichtlichen Materialismus» nennt, es entstand aus diesen Empfindungen heraus. Von den dreifachen Wegen her hat das Proletariat erfahren, wie eine Kluft sich aufgerichtet hat zwischen ihm und den leitenden, führenden Kreisen, auf dem Wege des Geisteslebens in der Art, wie ich es angeführt habe. Dann entstand aber, indem dieses Geistesleben sich heraufentwickelt hat und indem die Minderheit heranziehen musste zu seiner Arbeit die breiten Massen des Proletariats, noch etwas anderes. Man musste dasjenige, was man neuere Menschheitsbildung nennt, mehr oder weniger in die breiten Massen hineintragen. Was war die Folge davon? Ja, da tritt eine besondere Tatsache auf. Die Tatsache, dass, wenn eine Eigenschaft der Seele sich entwickelt, gleichzeitig eine andere sich entwickelt. Die eine Eigenschaft war diese, die sich entwickelte durch die Intellektualität des Proletariats, indem demokratische Bildung, Volksbildung in das Proletariat hineingetragen wurde. Aber indem sich diese Eigenschaft entwickelte, entwickelte sich etwas anderes als allgemein menschliches Weltbewusstsein. Man hat viel gefabelt über dieses heutige Bewusstsein. Für denjenigen, der die Dinge dieser Welt unbefangen betrachtet, ist dieses heutige Bewusstsein ein elementarer Ausfluss des Menschenwesens selbst. So wie man im Grunde genommen nicht diskutieren kann über die Farbe mit demjenigen, der kein gesundes Auge hat, so kann man mit einer nicht aufgewachten Menschenseele nicht diskutieren über dasjenige, was allgemeines Menschenrecht ist. Aber mit der immer mehr und mehr aus patriarchalischen Zuständen heraus aufwachenden Proletarierseele ließ sich diskutieren über diese allgemeinen Menschenrechte. Und ein deutliches Bewusstsein entstand von dem Recht, das der Mensch hat dadurch, dass er ein Mensch ist. Von diesem Bewusstsein aus sah der Proletarier hin auf dasjenige, was in dem Staate, den die leitenden, führenden Kreise an sich genommen haben, als Recht lebt. Und er fand nicht dieses Menschenrecht, sondern das Recht bevorzugter Klassen und die Benachteiligung anderer Klassen. Das war dasjenige, was sich immer tiefer und tiefer einfraß in die Seelen der Proletarier. Und das war dasjenige, was den zweiten Leidensweg bildet, den Rechtsweg, und das Dritte war das, was sich notwendigerweise dadurch ergab, dass der Proletarier ganz und gar eingespannt war in das Wirtschaftsleben und in den Kapitalismus; dass er nicht konnte, wie die anderen, die [Muße] und die Arbeitsruhe finden, nicht konnte die menschliche Entwicklung durch die Erziehung finden, um teilzunehmen an demjenigen, was das Leben der Minderheit verschönt. Das war dasjenige, was er empfand, indem er sich sagen musste: Ich bin ja nur eingespannt in das Wirtschaftsleben; ich bin im Grunde genommen nur ein Rad im Wirtschaftsleben. Das ganze menschliche Leben ist für mich ein Ablaufen dieses Wirtschaftslebens. Ich bin wie eine Maschine in dieses Wirtschaftsleben eingespannt. Das ist der dritte Leidensweg, den das Proletariat durchmachte. Dieser dreifache Leidensweg des Proletariats, er führt, wenn man ihn sachgemäß verfolgt und vergleicht damit dasjenige, was auf der anderen Seite des Abgrundes in der von mir charakterisierten Weise lebt, er führt dazu, zu suchen dasjenige, was erst aus unserem heutigen Zeitbewusstsein heraus angestrebt werden muss, wiederum auf einem dreifachen Weg: auf dem Weg des Geisteslebens, auf dem Weg des Rechts- oder Staatslebens und auf dem Weg des Wirtschaftslebens. Und dass in Bezug auf diese drei Lebenswege aus dem Bewusstsein der neueren Menschheit heraus etwas angestrebt werden muss, es tritt einem entgegen in drei Grundforderungen der neueren Zeit, die sich ganz deutlich ausgesprochen haben, die aber mehr oder weniger Allgemeinheiten dennoch geblieben sind, und sich nicht voll hineinversetzen konnten in unser neueres Wirklichkeitsleben. Da dringt herauf im Laufe der letzten Jahrhunderte immer mehr und mehr im Menschheitsbewusstsein der Ruf nach Liberalismus. Heute ein Wort, das nur noch wenig geschätzt wird. Da dringt herauf ebenso der Ruf nach Demokratie. Da dringt herauf als Drittes immer deutlicher und deutlicher der Ruf nach Sozialismus. Man konnte von dieser oder jener Seite nicht widerstehen dem einen oder anderen Impuls, der in diesen Dreien sich ausdrückt; aber man versuchte dennoch, in den alten Zuständen zu bleiben und das, was sich in diesen drei Ausdrücken ankündigt, in die alten Zustände hineinfließen zu lassen, hineinzupressen. Man nahm einfach den alten Einheitsstaat und wollte ihn liberal, demokratisch, sozial gestalten. Heute leben wir in dem Zeitalter, wo eingesehen werden muss, dass jener Irrtum endlich erkannt werden muss, der darin besteht, dass man unter der Suggestion dieses Einheitsstaates lebt und glaubt, in diesen Einheitsstaat lässt sich hineinpressen dasjenige, was in Liberalismus, Demokratie und Sozialismus zum Ausdruck kommt. Nehmen wir einmal dasjenige, was wie das Mittlere in der neueren Menschheit als ein Impuls sich herausgestaltet hat, als Demokratie. Lebt nicht in dem Rufe nach Demokratie alles dasjenige, was ich eben charakterisiert habe aus dem Rechtsbewusstsein des Menschen heraus, lebt nicht in dem Rufe nach Demokratie der Impuls nach etwas, was jeden Menschen jedem Menschen in der Welt gleich macht? Lebt darin nicht etwas, was sagt, dass hineinzureden hat in alles dasjenige, was betrifft einfach den mündig gewordenen Menschen in seiner Stellung im Menschendasein, dass da hineinzureden hat jeder mündig gewordene Mensch? Ausgedacht dieses, gibt die Notwendigkeit der Ausgestaltung demokratischer Staatsordnung. Herausgestaltet werden solche demokratischen Staatsordnungen, wo jeder mündig gewordene Mensch sich auseinandersetzt mehr oder weniger unmittelbar durch Vertretung mit jedem mündig gewordenen Menschen über das, worin jeder Mensch dem anderen Menschen gleich sein soll. Man konnte nicht widerstehen im Laufe der neuzeitlichen Entwicklung dem, was [als] ein solcher Impuls der Demokratie in der Menschheit lebt. Und man versuchte, dasjenige, was man historisch als die alten Staaten übernahm, zu durchdringen in den modernen Parlamentarismen mit diesem demokratischen Element. Man nahm nicht wahr, dass in dieses demokratische Element, gerade wenn es ehrlich und aufrichtig aufgefasst werden soll, zwei Elemente des Lebens nicht hineinpassen. So wahr es ist, dass über alles das, worin jeder Mensch dem ändern gleich ist, worüber zu entscheiden hat jeder mündig gewordene Mensch gegenüber jedem mündig gewordenen Menschen, so wahr es ist, dass das vom Standpunkte demokratischen Parlamentarisierens aus erlebt und geregelt werden muss, so wahr ist es, dass in dem Augenblick, wo man dieses demokratische Element entscheiden lässt auf der einen Seite über das Wirtschaftsleben, auf der anderen Seite über das Geistesleben, dass dieses in Unmöglichkeiten hineinführt. Betrachten wir zunächst das Wirtschaftsleben. Das Wirtschaftsleben, es steht ja auf dem Boden, der nur gegeben werden kann dadurch, dass der einzelne individuelle Mensch sich hineinarbeitet im Verlaufe seines Lebens in die wirtschaftliche Kenntnis des einzelnen Berufs- und Produktionszweiges. Nur derjenige, der nicht bloß theoretisch, sondern dadurch, dass er miterlebt hat, drinnensteht in einem Berufs- oder Produktionszweige, nur derjenige kann entscheiden über das, was in diesem Berufs-oder Produktionszweige notwendig ist. Nur demjenigen kann man Vertrauen entgegenbringen in diesem wirtschaftlichen Leben, der zusammengewachsen ist mit irgendeinem Berufe, durch den das oder jenes erzeugt wird. Kurz, irgendein Produktionszweig des Wirtschaftslebens, eingespannt in die Demokratie, wird zur Unmöglichkeit. Denn es entscheidet dann durch Majorität derjenige, der nicht drinnensteht und der nichts versteht oder auch mit Einseitigkeit drinnensteht in einem wirtschaftlichen Zweige, er entscheidet über diejenigen, die in ganz anderen Zweigen drinnenstehen, von denen er eben gar nichts versteht. Wir haben gesehen, wie furchtbar sich hineingelebt hat dieses Unverständnis der Beziehungen von Demokratie zum Wirtschaftsleben in denjenigen Staaten, die sich vor allen Dingen am wenigsten reif erwiesen haben zum Unter ... [Lücke in der Mitschrift]. Aber gerade wer seine halbe Lebenszeit, drei Jahrzehnte des Lebens, dort gelebt hat und das politische Leben in Österreich mitgemacht hat, der weiß, wo die Schäden lagen, welche es zuletzt dahin gebracht haben, dass über dieses Österreich so furchtbare Schrecknisse aufgezogen sind, dass dieses Österreich so furchtbar zusammengebrochen ist in dieser Weltkriegskatastrophe. Denn sehen Sie, als man auch in diesem patriarchalisch-klerikalen Österreich in den [18]60er Jahren daran arbeitete, aus den alten Zuständen herauszukommen, dem modernen Rufe nach Liberalismus und Demokratie wenigstens etwas Rechnung zu tragen durch eine Volksvertretung - wie gestaltete man diese Volksvertretung? Man gestaltete sie so, dass man vier Wahlkurien kreierte: Großgrundbesitz, Städte und Märkte etc., Handels- und Gewerbekammern, Landgemeinden; lauter Wirtschaftskurien. Die Vertreter waren Leute, welche die wirtschaftlichen Interessen einzelner Gruppen zu vertreten hatten. Die bildeten nun das Parlament Österreichs. Was pflegte man denn eigentlich da? Was strebte man an? - Nichts anderes als die bloße Umwandelung wirtschaftlicher Interessen in menschlich-rechtliche Verhältnisse, in die staatlichen Verhältnisse, die Sicherheitsverhältnisse. Die staatlichen gegenseitigen menschlichen Verhältnisse sollten hervorgehen aus demjenigen, was aus dem Interesse einzelner wirtschaftlicher Kreise beschlossen wurde. Man hatte die Ansicht, dass nur wirtschaftliche Interessen umgestaltet zu werden brauchten, dann entstehen Rechtsinteressen. Wer die Entwicklung Österreichs hat verfolgen können, weiß, dass in diesem Aufbau des Staatslebens aus bloßen wirtschaftlichen Verhältnissen heraus jene Schäden entsprungen sind, die notwendig zum Untergang führen müssen. Und wie durch dieses Beispiel, so könnte durch zahlreiche Beispiele für andere Staaten erhärtet werden, dass es unmöglich ist, dasjenige zusammenzuschmieden, was als demokratische Forderung heraufkam in der neueren Zeit, mit dem, was im Wirtschaftsleben gestaltet worden ist. Eine gleiche Frage taucht auf mit Bezug auf das geistige Leben, auf die ganze geistige Kultur. Es ist unmöglich, dass aus demokratischer Grundlage heraus entschieden werde über dasjenige, worauf es eigentlich bei der geistigen Kultur ankommt. Bei der geistigen Kultur kommt es darauf an, dass alles dasjenige, was, sagen wir, aus unbekannten Untergründen als menschliche, individuelle Fähigkeiten und Begabungen sich ergibt, dass das entwickelt werde nach bloß geistigen Prinzipien; nach denjenigen Prinzipien, die unbefangen hinschauen auf das, was im Menschen geistig-individuell sich entwickeln kann bis in die physische Arbeitskraft hinein. Aber die neuere Zeit hat die ganze Sorge für dieses Entwickeln der menschlichen individuellen Fähigkeiten in den Staat hineingebannt. Das ist gekommen durch ganz begreifliche geschichtliche Tatsachen. In der neueren Zeit, als man nötig hatte, aus gewissen Untergründen heraus, zu entreißen das Staatliche des Erziehungswesens der Kirche, da war es berechtigt, dass man zunächst dem Staate, an den man sich halten musste, gewisse Zweige, die Öffentlichen Zweige nämlich, die Zweige der Erziehung, des Unterrichts, als das Geistesleben übergab. Immer wiederum stellte sich heraus, dass dadurch dieses Geistesleben zum Abklatsch des Staates würde; dass schließlich in dem, was die Menschen geistig hervorbrachten, nicht dasjenige lebt, was hervorquillt aus der unmittelbaren Menschennatur, was das Geistige erzeugt im Menschen, sondern dass hervorging im Geistesleben dasjenige, was den Interessen, den Bedürfnissen des Staates entsprach. Kein Wunder, dass schließlich - und die Weltkriegskatastrophe hat das ja furchtbar gezeigt -, kein Wunder, dass dieses Geistesleben auf einzelnen wenigen Zweigen, auf künstlerischen oder dergleichen, frei geblieben ist; dass das Geistesleben im Übrigen nichts wurde als ein Abklatsch, ein Spiegelbild der Niitzlichkeitsforderungen und Interessen der modernen Staaten. Und indem die modernen Staaten durch das Überhandnehmen der modernen Kompliziertheit des Wirtschaftslebens immer mehr und mehr Wirtschaftskörper geworden sind, war schließlich das Geistesleben nur noch der Ausdruck des Wirtschaftslebens. Das sah das Proletariat, was die neuere Zeit aus dem Geistesleben gemacht hat. Das sah das Proletariat und glaubte, das sei die absolute Wahrheit, dass das Geistesleben immer nur aus dem Wirtschaftsleben hervorgehe. Das ist der große Irrtum des modernen Proletariats, eine Erscheinung für etwas zu nehmen, was absolut sein soll. Das ist der große Irrtum des Marxismus, dass man nicht hinschaut darauf, dass gerade durch die Entwicklung der letzten drei bis vier Jahrhunderte, auf dem Wege, wie ich es angedeutet habe, das Geistesleben aufgesogen worden ist von dem Staate, der immer mehr und mehr zum Wirtschaftskörper geworden isg und dass wir unter der Wirkung dieser Tatsache heute stehen; dass es aber nicht richtig ist zu sagen: Ändern wir das Wirtschaftsleben, dann kommt auch ein anderes Geistesleben und ein anderes Rechtsleben. Sondern notwendig ist es heute, zu sagen: Es muss das Geistesleben wiederum frei gemacht werden; es muss das Geistesleben losgerissen werden von der Staatsordnung; es muss das Geistesleben auf seinen eigenen Grund und Boden gestellt werden. Es darf sich fernerhin in dem Geistesleben nur das ausdrücken, was aus geistigen Untergründen des Menschenwesens hervorkommt. Es darf das Geistesleben nicht ein bloßes Spiegelbild des Staats- oder des Wirtschaftslebens sein. Aus diesen Unterlagen heraus ist nun dasjenige entstanden, was sich zuerst angekündigt hat in meinem Aufruf «An das deutsche Volk und an die Kulturwelt» und dann in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Fragen in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft» und was nun vertreten wird durch den Bund für soziale Dreigliederung in seinen verschiedenen Verzweigungen. Was dieses Buch anstrebt, das ist, aufzuheben die Suggestion, als ob der soziale Organismus nur der Einheitsstaat sein müsste, den auf der einen Seite das Wirtschaftsleben ganz überflutet, von dem auf der anderen Seite aufgenommen wird das Geistesleben. Nein, dasjenige, was notwendig ist für die Zukunft, das ist, dass das Wirtschaftsleben auf seine sachlich-fachliche Grundlage gestellt werde, dass dieses Wirtschaftsleben herausgehoben werde aus dem demokratischen Parlament. Dann nur ist es möglich, dieses Wirtschaftsleben zu sozialisieren, wenn dieses Wirtschaftsleben so auf seinen eigenen Grund und Boden gestellt wird, dass sich zusammenschließen in Assoziationen diejenigen Menschen, die gleichen Berufes sind, gleichen Berufes als Handarbeiter, als geistige Arbeiter; wenn sich zusammenschließen in anderen Assoziationen diejenigen Menschen, die gewisse Konsumenten- und Produktionskreise umfassen. Wenn solche Wirtschaftsgemeinschaften entstehen, die kettengliedartig aneinandergereiht sind durch föderative Grundlagen, dann wird von Beruf zu Beruf, von Konsumententum beziehungsweise zusammengekettet mit Produktionszweig zu anderen Zweigen verhandelt werden. Dann wird es nicht möglich sein, dass in einem auf demokratischen Grundlagen ruhenden Parlamente mit der Majorität von Leuten über wirtschaftliche Interessen entschieden wird, die nur aus Interessen oder aus Unkenntnis heraus entscheiden. Dann wird von Berufszweig zu Berufszweig, von Produktionszweig zu Produktionszweig durch freies wirtschaftliches Verhalten dem Interesse des Wirtschaftslebens gedient. Dann wird innerhalb dieses Wirtschaftslebens nichts anderes auftreten als dasjenige, was dazu führen wird, die gegenseitigen Preise der Waren in gerechter Weise zu regeln. Dann wird in diesem Wirtschaftsleben nichts anderes sich geltend machen als Warenerzeugung, Warenzirkulation und Warenkonsum. Dann wird vor allen Dingen ausgeschaltet werden müssen alles dasjenige, was auf demokratischer Grundlage verwaltet werden muss, vor allen Dingen die menschliche Arbeit und das Kapital. Wohin führt uns die menschliche Arbeit? Heute steht innerhalb des Wirtschaftslebens die menschliche Arbeit. Ich habe auf das Bewusstsein des Proletariats hingedeutet, dass das Lohnverhältnis im Wirtschaftsleben drinnen wie andere Waren steht. Man kauft die Ware Arbeitskraft durch den Lohn. Herausgenommen werden muss die Arbeitskraft hinsichtlich ihrer Maße, hinsichtlich ihrer Art aus dem Wirtschaftsleben, dann wird in den Preisen der Ware nur der gegenseitige Wert der Ware stecken. Dann wird nicht in dem Preise der Ware dasjenige drinnenstecken, was heute durch Lohn verhältnisse drinnensteckt. Dann wird entschieden werden auf dem Boden des Wirtschaftslebens nur über den vom Menschen abgesonderten Warenpreis. Dann wird entschieden werden auf dem Boden des Rechts- oder Staatslebens, des politischen Lebens, des Sicherheitslebens über Maß, Art und Zeit der menschlichen Arbeit. Die Regelung der menschlichen Arbeit wird ein Rechtsverhältnis sein. Die Regelung der menschlichen Arbeit wird nicht so erfolgen, dass einen Einfluss darauf hat das wirtschaftliche Zwangsverhältnis. Sondern auf die Feststellung der menschlichen Arbeitskraft wird nur dasjenige Einfluss haben, was auf dem Boden der Demokratie sich entscheidet, wo entscheidet jeder mündig gewordene Mensch über dasjenige, was jedem mündig gewordenen Menschen zukommt. In die demokratische Rechtsordnung gehört hinein die Regelung der menschlichen Arbeitskraft. Ist diese menschliche Arbeitskraft durch die Demokratie geregelt, dann betritt der Arbeiter als ein über seine Arbeitskraft frei Verfügender den Wirtschaftskörper und schließt nicht einen Arbeitsvertrag, der niemals Gerechtigkeit enthalten kann, [sondern] einen Vertrag über die Leistungen mit denjenigen, die als geistige Leiter mit dieser Leistung zu tun haben. Dann wird einfach über das Erträgnis und seine Leistungen der Vertrag geschlossen. Dann wird die Regelung der Arbeitskraft vom Wirtschaftsleben vollständig getrennt. Das erscheint den heutigen Menschen in ihrem Vorurteil ganz unglaublich, sodass selbst solch ein Denker wie [Rathenau] glaubt, dass ein solches Loslösen der Arbeitskraft vom Wirtschaftskreislauf gar nicht möglich sei. Es ist gerade so möglich, wie auf der anderen Seite im Wirtschaftskreislauf nicht drinnen ist dasjenige, was von den Naturverhältnissen abhängt; was für ein Erträgnis der Boden liefert, was die klimatischen Verhältnisse bedingen, das muss hingenommen werden im Wirtschaftsleben. Was als Rohprodukte im Boden ist, wie es heraufbefördert werden kann, es muss hingenommen werden als gegeben. Das kann man nicht nach sogenannten Wirtschaftskonjunkturen entscheiden. Ebenso wird man in Zukunft nicht entscheiden dürfen aus Wirtschaftskonjunktur heraus über das, was der Arbeiter bekommt. Das wird entschieden durch mündige Menschen auf demokratischem Boden. Mit diesem Entscheid wird der Arbeiter in den Wirtschaftskreislauf eintreten und einen Vertrag abschließen, in dem seine Arbeitskraft eine Grundbedingung liefert, wie die Naturbedingungen selber. Der Wirtschaftsprozess wird eingeklemmt sein auf der einen Seite von den Naturbedingungen, auf der anderen Seite von Rechtsbedingungen. Das ist dasjenige, was zu erreichen fordert unbewusst die breite Masse der Menschheit. Man braucht diese unbewusste Forderung nur zu verstehen; man braucht sie nur ins Bewusstsein hinaufzuheben und zu formulieren; dann wird man dasjenige, was heute so furchtbar verwirrend lebt, was sich als soziale Unklarheiten auslebt, das wird man in Klarheit empfinden. Dasjenige, was dieser Weg will, der hier als Dreigliederung des sozialen Organismus angedeutet wird, das ist ein wirklicher Weg, zur Klarheit über die abstrakten Forderungen, die heute erhoben werden. Sagt jemand: Abschaffung des Lohnverhältnisses! -, so kann man das lange sagen. Solange man keinen Weg zeigt, wie dieses Lohnverhältnis überwunden werden kann, so lange bleibt es eine abstrakte Forderung, die nur beunruhigend wirkL die nur die elementaren Triebe der Menschennatur erregt, die aber zu nichts führt. In dem Augenblick, wo man einsieht, dass in Bezug auf die öffentlichen Einrichtungen ganz losgelöst werden muss das Wirtschaftsleben von dem Rechtsleben, dass auf dem Boden des demokratischen Rechtslebens sich entwickeln muss das Arbeitsrecht als Vorbedingung des Wirtschaftslebens, in dem Augenblick zeigt man einen Wirtschaftsweg, der jeden Tag beschritten werden kann von jedem beliebigen Ausgangspunkte aus. Denn es ist eine Unmöglichkeit, solch einen Weg sogleich morgen zu beschreiten, wenn man nur den guten Willen dazu hat. Und ebenso steht es mit den heute in das Wirtschaftsleben hineingeklemmten Kapitalverhältnissen. Oh, die Menschen haben eigentlich schon ganz vergessen das, was der Ursprung des Kapitalismus eigentlich ist. Der Ursprung des Kapitalismus ist verschiedenartig. Er beruht zum Beispiel darauf, dass in älteren Zeiten Grund und Boden erobert worden ist und dadurch in Privatbesitz übergegangen ist, und diejenigen, über die die Eroberungen sich ausdehnten, in Abhängigkeit, in Besitzlosigkeit herein gekommen sind. Er beruht darauf, dass aus dem, was sich als Besitz aus den Eroberungen ergab, die Möglichkeit geboten war, die Kraftbedingungen der modernen Zeit, die Produktionsmittel wiederum in privategoistischen Besitz des einzelnen Menschen zu bringen. Indem das Proletariat darauf hinsieht, was jetzt eben angedeutet worden ist;, formt es wiederum eine Forderung: Abschaffung des Kapitals. In seiner Naivität weiß es nicht, dass mit den Worten «Abschaffung des Kapitals» eigentlich gar nichts gesagt ist, auch wenn man es immer wieder und wieder wiederholt. Man spricht etwas aus, was man gerecht empfindet, aber man berücksichtigt nicht, dass diese modernen Verhältnisse eben so sind, in ihrer wirtschaftlichen, ihrer sonstigen Konfiguration, dass schon einmal in dem modernen sozialen Leben mit dem Kapital gearbeitet werden muss. Verwandeln Sie auch, wie das manche Sozialisten wollen, den ganzen modernen Staat in eine große Genossenschaft, so könnte doch auch darin nichts anderes als Kapital arbeiten, nur wird anstelle der heutigen Privatbesitzer der [bürokratische] Beamte treten. Und diejenigen, die heute als Proletarier diese Forderung erheben, sie würden sehr bald bemerken, wie sie unter diesen neueren Verhältnissen viel schlimmer daran sind als unter den gegenwärtigen Verhältnissen. Da muss man, indem man aus der Wirklichkeit heraus denkt, ganz anders gerade über die Kapitalverhältnisse denken. Man muss sich auch klar darüber sein, dass es schließlich die Grundlagen menschlicher Fähigkeiten sind, die den Einzelnen dahin bringen, eine gewisse Übermacht über den anderen zu haben. Dadurch, dass der Einzelne eine gewisse Übermacht erlangt hat, dadurch ist es mÖglich, einzusammeln jene Boden- und Produktionsmittel, welche ihn zum Leiter machten und welche ihm möglich machten, was er als Leiter sich errungen, auf andere zu übertragen. Wer dies genau durchdenkt, wer es seiner Wirklichkeit nach beurteilt, unbefangen beurteilt, der weiß, meine sehr verehrten Anwesenden, dass alles Kapital beruht auf der Fähigkeit des individuellen Menschen, und dass diese individuelle Fähigkeit des Menschen durchaus nicht beseitigt werden darf. Stellen Sie an die Stelle des individuellen, befähigten Menschen, welcher die Produktionsprozesse leitet, die abstrakte Allgemeinheit, sie wird nur zum Abbau oder Raubbau des Wirtschaftslebens führen, nicht zu einem Neu-Aufbau. - Das aber bedingt nun nicht, dass die alten Einrichtungen fortleben sollen, dass so, wie das gegenwärtig geschieht, das, was Kapital- oder Produktionsmittel ist, im Sinne der alten Ordnung immer wiederum übertragen werden. Sondern es kann an die Stelle dieser alten Ordnung, durch die nach und nach diejenigen Menschen in den Besitz des Kapitals in Form auch von Geldkapital und Rente kommen, die nichts mehr mit der Produktion zu tun haben, mit Anwendung individueller Fähigkeiten in der Leitung des Wirtschaftslebens, in den Besitz des Kapitals kommen. Dagegen richtet sich dasjenige, was sich aufbäumen muss gegen die alte Wirtschaftsordnung. Es muss auch in der neuen Wirtschaftsordnung durchaus möglich sein, dass Kapital konzentriert wird durch die Fähigkeiten des einzelnen individuellen Menschen, dass aber nur so lange dieser einzelne individuelle Mensch, der diese Kapitalien, das heißt Produktionsmittel zusammengebracht hat, Leiter bleibt, oder überhaupt in einem Zusammenhang bleibt mit diesen Produktionsmitteln, als seine individuellen Fähigkeiten damit verbunden sein können. Dann geht auf den Wegen, die ich angedeutet habe in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage», das Kapital beziehungsweise die Summe der Produktionsmittel durch Rechtsübertragung über auf diejenigen, die wiederum die besten individuellen Fähigkeiten haben. Dadurch wird etwas eingeleitet, was ich nenne die Zirkulation des Kapitals im sozialen Organismus. Diese Zirkulation des Kapitals, beziehungsweise des Eigentums, sie ist auf geistigem Boden wenigstens im Prinzip bis zu einem gewissen Grade immer zugegeben worden. Mutet man heute den Menschen zu, dass dasjenige, was sie auf geistigem Boden zugeben, auch eintreten soll auf dem Gebiete des materiellen Besitzes, dann machen sie allerdings verwunderte Gesichter. Das, was ich geistig produziere, das bleibt ja geistig mein und meiner Erben Eigentum nur eine gewisse Zeit hindurch; dann geht es über in die Allgemeinheit, in der es jeder, der die individuelle Fähigkeit hat dazu, es verwalten kann. - In ähnlicher Weise muss in der Zukunft dasjenige, was als materielles Eigentum erworben wird, übertragen werden auf denjenigen, der es am besten durch individuelle Fähigkeiten leiten und verwalten kann. Dann wird eintreten eine Harmonie des physisch Arbeitenden mit dem geistig Arbeitenden. Dann wird das Kapital, das seinen Ursprung immer aus den individuellen Fähigkeiten hat, nicht übergehen können an diejenigen, die den Besitz nicht rechtfertigen durch individuelle Fähigkeiten. Sondern dann werden die individuellen Fähigkeiten immer verbunden bleiben mit der Leitung der Produktionsmittel. Dann wird derjenige, der zu arbeiten hat unter solchen Leitungen, sich sagen: Meine Arbeit gedeiht am besten, wenn die Zirkulation des Kapitals in dieser Weise stattfindet, dass immer eine Summe von Produktionsmitteln an den, der die besten Fähigkeiten hat, übergeht; denn er leitet meine Arbeit am besten. Es ist durchaus so, dass man den Impuls für Dreigliederung des sozialen Organismus nicht anklagen darf eines falschen Idealismus. Diejenigen, die da sagen, es müssten erst andere Menschen kommen, um so etwas durchzuführen, die berücksichtigen nicht dass dieser Impuls für Dreigliederung des sozialen Organismus durchaus mit den Menschen rechnet, die wir gegenwärtig haben. Derjenige, der Handarbeiter ist, er hat sein egoistisches Interesse daran, dass immer der Beste Leiter da sein kann. Das aber kann nur dadurch herbeigeführt werden, dass eine solche Zirkulation der Produktionsmittel stattfindet. Das bedingt aber, meine sehr verehrten Anwesenden, dass man bricht mit dem Prinzip, die Produktionsmittel seien eine Ware wie diejenigen Güter, die unmittelbar durch die menschlichen Bedürfnisse konsumiert werden. Ein Produktionsmittel, das heißt dasjenige, in das Kapital hineingesteckt wird, darf nur so lange Kapital in Anspruch nehmen können, solange es etwas kostet, bis es fertig ist. Die Lokomotive darf nur so lange als Kapital gelten, bis sie fertig ist. Dann hört sie auf, einen äußeren Warenwert zu haben. Dann geht sie nur noch durch Übertragung beziehungsweise durch Rechtsverhältnisse über an denjenigen, der sie im Sinne des Ganzen am besten zu leiten weiß. Grund und Boden wird ... /Lücke in der Mitscbrift/ von allem Anfang an. Den Leuten widerstreben solche Dinge heute noch aus ihren Vorurteilen heraus, die nicht nur begründet sind in Denkgewohnheiten, sondern auch in Bezug auf Lebensgewohnheiten in alten Einrichtun gen. Aber derjenige, der sich nicht überwinden kann, einzusehen, dass uns die furchtbare Weltkriegskatastrophe auffordert, nicht an eine kleine, sondern an eine große Abrechnung zu denken, der wird nur beitragen zum weiteren Hineinsegeln und zum Untergang, niemals aber dazu, aus dem Untergang herauszukommen. - So sehen wir, dass einfach das Wirtschaftsleben, in dem nur Warenerzeugung, Warenzirkulation, Warenkonsum sein darf, getrennt werden muss von der Regelung der Arbeitskraft, von der Verwaltung des Kapitals. Und was muss eintreten in unser gesamtes Leben auf dem Umwege, den ich eben bezeichnet habe? Dass das Kapital, das heißt die Produktionsmittel, immer derjenige zu verwalten hat, der dazu die individuellen Fähigkeiten besitzt. Da muss eintreten dasjenige, was die Loslösung ist des geistigen Lebens von unserem Wirtschaftsleben und Rechtsleben. Dieses geistige Leben muss auf seinen eigenen Grund und Boden gestellt werden. Sodass in der Zukunft nicht mehr irgendwelche, bloß in den Staatsbürokratismus eingespannte Sachverständige, die herausgerissen sind aus dem geistigen Leben, in der Verwaltung mitwirken, sondern dass dieses geistige Leben aus sachlichen Untergründen ganz allein durch sich selbst, durch seine Selbstverwaltung organisiert werde. Es muss in der Zukunft das Leben des sozialen Organismus so gestaltet werden, dass das geistige Leben von denjenigen verwaltet wird, die zu gleicher Zeit irgendwie produzierend unmittelbar in diesem geistigen Leben drinnenstehen. In diesem geistigen Leben, wenn wir es im Speziellen betrachten, auf dem Boden des Erziehungs- und Unterrichtswesens, so müssen in dem geistigen Organismus einzig und allein drinnenstehen jene Menschen, die an der Erziehung teilnehmen, vom untersten Volksschullehrer bis hinauf zum hÖchsten Hochschullehrer. Derjenige, der auf irgendeinem Gebiete lehrend tätig ist, wird in der Zukunft nur so viel zu lehren haben, dass ihm von diesem Lehren noch Zeit übrig bleibt, zu gleicher Zeit mit zu verwalten. Das heißt, Produktion des Geistes, Verwaltung des geistigen Lebens wird in einer Tätigkeit vereint ausgeübt werden. Kein staatliches Schulwesen, kein Zusammenhang des Geisteslebens mit dem Wirtschaftsleben; ganz auf sich selbst gestellt, sodass die unterste Volksschule lediglich darauf aus geht, Menschenkunde oder Anthropologie im umfassendsten Sinne künstlerisch sich anzueignen, sodass der Mensch vom sechsten bis zum vierzehnten Jahre so unterrichtet wird, dass dieser Unterricht einzig und allein dazu führt, die Kräfte auszubilden, die der Mensch braucht im Leben. - Das wird von selbst eine Einheitsschule geben, keine solche, die vom Staate diktiert ist. Alles, was sich aufbaut, wird aus allgemein menschlichen Bedürfnissen hervorgehen. Es wird zum Beispiel an den Mittelschulen aufhören dasjenige, dass diese Mittelschulen so gestaltet werden, dass auf bestimmten Schulstufen der Unterricht sich danach richtet, dass derjenige, der den Unterricht empfangen hat, geeignet ist, in dieses oder jenes Staatssystem hineinzugehen. Das Umgekehrte muss eintreten: dass nach pädagogisch-didaktischen, nach geistigen Prinzipien die Schulstufen gestaltet werden, und die Menschen werden mit 17, mit 19 Jahren dieses oder jenes erreicht haben, und der Staat wird sich zu fragen haben: Wie verwende ich die Menschen, die ausgebildet sind nach geistigen Grundsätzen? Der Staat wird sich anpassen müssen dem Geistesleben. Die Hochschulen werden Autonomie haben müssen; sie werden die Verwalter im höchsten Sinne des geistigen Unterrichts- und Erziehungswesens selbst sein. Ich kann das alles nur skizzieren. Es soll nur ausgedrückt werden, dass auf diesem Gebiet des Geisteslebens wirklich ein Kampf geistiger Tüchtigkeit mit geistiger Tüchtigkeit stattfinden muss. Dass weiter dasjenige sich ausleben muss, was man nennen kann: umfassender Liberalismus. Auf dem Gebiete des Staatslebens, auf dem Gebiete, wo entschieden wird über die Übertragung des Kapitals, über die Verwaltung des Arbeitsrechtes, da wird sich ausleben dasjenige, was als demokratische Impulse heraufgekommen ist. In demjenigen, was im Wirtschaftsleben der Zirkulation der Waren und den menschlichen Fähigkeiten dient, wird sich ausleben dasjenige, was als Sozialisierung in der neueren Zeit heraufgekommen ist; zusammenhängen werden nach sachlichen Grundsätzen, wo nur Güter und ihre Erzeugung verwaltet werden, nicht Menschen regiert werden, die einzelnen Kreise des Wirtschaftslebens. Dann wird man im Wirtschaftsleben produzieren können aus Assoziationen heraus, die die Bedürfnisse der Menschen kennenlernen in liberaler Weise, nicht durch Statistiken oder andere Zusammenhänge, sondern die sie kennenlernen in liberaler Weise. Man wird so produzieren können, dass die abstrakten Forderungen des Proletariats sich in konkretere Forderungen, in einen wirklichen Weg verwandeln. Das Proletariat hat betonL in Zukunft soll nicht produziert werden, um zu profitieren, sondern um zu konsumieren. Es kann aber nur konsumiert werden, wenn durch die Assoziationen des sozial gestalteten Wirtschaftskreislaufes wirklich solche Zusammenhänge entstehen zwischen Produzenten und Konsumenten, welche nicht nach der Zufälligkeit von Angebot und Nachfrage auf Märkten, sondern welche nach sorgfältigem, verständnisvollem, sachgemäßem Studium der Bedürfnisse produzieren. Es wird das eintreten müssen, dass man die wirtschaftlichen Gesetze ganz anders kennt und vor allen Dingen befolgt, als sie in dem heutigen Zufallsverhältnis von Angebot und Nachfrage befolgt werden. Da wird man wissen müssen: In dem Augenblick, wo zu viel Arbeiter in einem Produktionszweige arbeiten, da wird in diesem Produktionszweige zu billig produziert. Es wird Menschenkraft verschwendet. Es müssen Arbeiter durch Verhandlungen und Verträge in andere Produktionszweige hinüberdirigiert werden. Wenn irgendwo zu wenig produziert wird, wird der Artikel zu teuer; dann werden andere Arbeiter in diesen Produktionszweig hineindirigiert werden müssen. Kurz, es muss in der Zukunft in dem sozialistischen, kapitalistischen Wirtschaftsleben dasjenige geben, was jetzt angefangen wird durch die Bemühungen des Bundes für Dreigliederung einzurichten als die Institution der freien [Betriebsräte], zu denen sich später gesellen werden die Verkehrsräte, die Wirtschaftsräte, dieses ganze System, das aber kein politisches System ist, weil das Politische auf dem Boden der Demokratie stehen muss. Dieses Rätesystem, das im Wirtschaftsleben drinnen wurzelt, das es nur zu tun hat mit sachgemäßer Verwaltung des Wirtschaftslebens, dieses Rätesystem ist dasjenige, was nicht durch die willkürliche Forderung der einzelnen Menschen, sondern durch die berechtigte Zeitforderung an die Oberfläche des neuzeitlichen Lebens treten wird. Das Institut der Beratenden wird eine solche KÖrperschaft sein, welche nicht durch bürokratische oder demokratische Zwangsgesetze waltet, sondern welches waltet durch Verhandlungen von Mensch zu Mensch, von Rat zu Rat, von Wirtschaftsassoziation zu Wirtschaftsassoziation. Über eine solche Verteilung der Arbeiterschaft über einzelne Produktionszweige, dass jede Ware, jedes Gut, dessen der Mensch bedarf, erzeugt wird in einer solchen Menge, wie dafür Bedürfnis ist. Dann kommen solche Preise heraus, dann herrscht im Wirtschaftsleben dasjenige, was den Grund bilden kann, dass im Wirtschaftsleben gerechte Preise walten, während, indem wir den Lohn haben im Wirtschaftsleben, der als Ware der Arbeitskraft entspricht, da können Sie den Lohn steigern, ... /Lücke in der Mitschrift] die Warenpreise steigern sich auch, weil kein gerechtes Rechtsverhältnis hergestellt werden kann, solange im Wirtschaftsleben drinnen ist etwas, was nicht hineingehört, nämlich die menschliche Arbeitskraft, die in das Rechtsleben gehört. So sehen wir, meine sehr verehrten Anwesenden, dass zukünftig gegliedert werden muss dasjenige, was wie durch eine suggestive Kraft auf den Menschen gewirkt hat als Einheitsstaat, in den dreigliedrigen sozialen Organismus, in das selbstständige, aus seinen eigenen Anforderungen heraus verwaltete Geistesleben; in das demokratische Staats- oder politische Leben, in dem entschieden wird mittelbar und unmittelbar von jedem mündig gewordenen Menschen dasjenige, was ihn betrifft als Gleichem jedem anderen Menschen gegenüber. Dazu gehören auch Besitz und Arbeitsverhältnisse. Als drittes selbstständiges Glied tritt uns entgegen in der Zukunft das Wirtschaftsleben, worin nur sachgemäße Verwaltung durch wirtschaftliche Assoziationen und Körperschaften stattfindet. Diese drei Gebiete werden miteinander auskommen. Man hat es ja erfahren, dass zum Beispiel die Mitglieder des Geisteslebens Sorgen haben, nicht leben können, weil vom Staat nicht genügend Gehalt bezahlt wird. Es wird sich eben in Zukunft herausstellen, dass schließlich gerade so, wie jetzt das Proletariat, der Mensch als Lehrer bezahlt werden muss, nur dass der Weg ein anderer sein muss. Die geistigen Korporationen werden in Bezug auf ihre [Produktion] dem Wirt schaftskörper gerade so angehören wie auch dem Wirtschaftskörper als Konsumenten, und es wird sich das entsprechende Verhältnis ergeben müssen. Es wird diese Regelung nur ein Grund sein, die einzelnen Glieder des Rechtslebens, des Wirtschaftslebens, des Geisteslebens werden gerade dadurch harmonisch sich zusammenfinden, dass ein jeder in seiner Tüchtigkeit wirklich wirken kann. Und man braucht auch keine Furcht darüber zu haben, wie das internationale Verhältnis diese Dinge beurteilt. Dasjenige, was ich vorgetragen habe, das ist zuerst entstanden durch jene Betrachtung der internationalen Verhältnisse, die unsere furchtbare Kriegskatastrophe herbeigeführt haben. Wer studiert durch Jahrzehnte die Entwicklung der neueren Menschheit, die vorangegangen ist dieser Katastrophe, der weiß zum Beispiel, wie durch das Zusammenknäueln da unten im Südosten Europas der drei Gebiete, des geistigen oder Kulturlebens, des politischen oder Rechtslebens und des Wirtschaftslebens die Balkanfragen entstanden sind, soweit sie das Verhältnis des Balkans zu Österreich betroffen haben; dass sie dann geführt haben zum Ausbruch des Weltkrieges von dieser Seite her. Zuerst hat vorgelegen die allgemeine Kulturfrage der kulturellen, der geistigen Auseinandersetzung des Slawentums mit dem Deutschtum. Wie weit vorgelegen hat eine Rechtsfrage, als das alte konservative türkische Element vom jungtiirkischen Element abgelöst wurde, die türkisch-bulgarische Frage vorgelegen hat, zum Beispiel die Geschichte der Sandschak-Bahn, wenn man sie studiert, dann sieht man, dass wirtschaftliche Interessen vorgelegen haben von Österreich nach dem Balkan hin. Hätten diese Verhältnisse geordnet werden können aus eigenen Grundlagen heraus, es wäre etwas anderes entstanden als diese Zusammenknäuelung der Verhältnisse. Diese Zusammenknäuelung war es, die solche internationalen Konflikte heraufgebracht hat. Ebenso kÖnnen Sie studieren das Problem der Bagdadbahn. Auch da werden Sie sehen, wie immerfort durcheinanderwirbelt Kulturelles der Nationen, die daran beteiligt sind, Politisch-Rechtliches und Wirtschaftliches. Und immer wieder sehen wir, wie das Wirtschaftliche mächtiger wird als das Kulturelle, und dadurch immer wieder ein anderer Staat obenauf ist, zum Beispiel bei dem Problem der Bagdadbahn, und so weiter. Gerade in die internationalen Verhältnisse spielt in furchtbarerer Weise diese Zusammenknäuelung der drei Gebiete herein, die auf dem Boden eines jeden sozialen Organismus zu drei Gliedern werden müssen. Ein Heil für die Entwicklung der Menschheit der Zukunft ist nur in der Dreigliederung des sozialen Organismus zu finden, in ein selbstständiges Geistesleben mit eigener Verwaltung, in ein demokratisches Rechtsleben, in ein selbstständiges, sich selbst aus der Sachgemäßheit heraus in Assoziationen und Korporationen, in Genossenschaften verwaltendes Wirtschaftsleben. Und wer studiert dasjenige, was sich verbirgt in dieser furchtbaren, schreckensvollen Kriegskatastrophe und in dem, was jetzt aus ihr entstanden isg der braucht nur hinzuschauen nach Osten, und er wird finden, dass hinter diesen Verhältnissen, die im Osten herrschten, die heute zu einem so furchtbaren Raubbau führen aus missverstandenen sozialen Impulsen heraus, leben die großartigen geistigen Impulse des russischen und anderer östlicher VÖlker. Diese geistigen Impulse glimmen unter der Oberfläche heute, und sie müssen sich erst wiederum emporarbeiten aus dem, was sich aus Zivilisationsvorurteilen herübergelagert hat und was als das drohende soziale Schreckgespenst vom Osten her lauert nach Mitteleuropa. Dass es nicht dieses Mitteleuropa überfallen soll, dazu sollen die Bestrebungen dienen, dass in diesem Mitteleuropa nicht konfundiert werde dasjenige, was im Osten konfundiert wird, sondern dass in Mitteleuropa auseinandergeschält werden geistiges Leben, Staats- oder Rechtsleben, Wirtschaftsleben. Und schauen wir nach dem Westen hin. Diese westlichen Staaten, sie haben es im Wesentlichen dazu gebracht, das Wirtschaftsleben auszubilden. Sie durchdringen die Weltwirtschaft; sie dehnen aus die Privatkonkurrenzverhältnisse zu den großen imperialistischen Verhältnissen. Dasjenige, was da einseitig als Wirtschaftsleben waltet, korrumpiert das Staats-und Geistesleben. Hier in Mitteleuropa müssen diese drei Gebiete auseinandergeschält werden. Hat man das nicht begriffen durch die Lehre der furchtbaren Kriegskatastrophe, man wird es begreifen aus der Not heraus, in die uns gebracht hat dasjenige, was aus dreifach unnatürlichen Untergründen heraus sich in der neueren Zeit, in der neuzeitlichen Entwicklung ergeben hat, als begonnen hat jener Zeitpunkt, jene Epoche, die ich vorgestern besprach, um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Die Menschen lechzten nach einem Geistesleben, aber es kam nicht ein neues Geistesleben herauf. Es wurde nicht das Geistesleben auf den eigenen Boden der neuzeitlich geistig produzierenden Persönlichkeiten gestellt. Es kam nur herauf die Reformation und die Renaissance, eine Erneuerung des Alten. Heute leben wir in einer großen, in einer wichtigen Zeit. Heute dürfen wir nicht mit einer Renaissance eines alten Geisteslebens uns begnügen; heute müssen wir appellieren an ein ganz neues Geistesleben. Das kann aber nicht gedeihen im Schatten eines Wirtschaftslebens, im Schatten einer Staatsordnung. Das kann nur gedeihen, wenn es frei auf sich selbst gestellt ist. Schauen wir nach dem Osten; da konnte man sehen, wie das Geistesleben zuerst es war, das gewirkt hat, und hinter dem sich nur versteckt haben wirtschaftliche und Rechtsinteressen. Erst war es so, dass von Russland aus die Banatvölker befreit werden sollten. Das ging hervor aus echten VoIksinstinkten. Damit konfundiert, trat dasjenige auf, was damit nicht konfundiert werden durfte. Und dann die Französische Revolution, man sieht da das Gleiche heraufkommen. Diese FranzÖsische Revolution war eine andere Art von Renaissance. Die Menschen dürsteten nach Menschenrechten. [Biirger]rechte nur kamen in die Menschheit hinein, eine Renaissance des staatlichen Lebens, der wir uns ja im neunzehnten Jahrhundert in Mitteleuropa auch hingegeben haben. Aus dem Menschen als solchem heraus aber wird gefordert ein neues Rechtsleben. Wir können auch auf dem Gebiete des Rechtslebens keine Renaissance gebrauchen, keine römischen oder anderen Rechtsanschauungen. Wir brauchen eine gründliche Absonderung des Rechtslebens vom Geistes- und vom Wirtschaftsleben, aus denen beiden nicht hervorgehen darf ein Machtverhältnis, weder geistig noch physisch, des einen Menschen über den anderen; sondern nur dasjenige, was alle mündig gewordenen Menschen gleichstellt, darf hervorgehen aus dem demokratischen Staatswesen. Gebildet hat sich aus alledem ein Wirtschaftsleben, dem gegenüber man glaubt, dass es souverän ist. Im Osten Europas will man aus dem bloßen Wirtschaftsleben heraus regeln auch das rechtlich-politische Leben, das geistige Leben. Man wird auf diese Weise zwar erreichen können eine bloße Verwaltung von Gütern, aber nur eine solche Verwaltung von Gütern, welche, statt ein neues Menschenrecht zu begründen, die alten Rechte abbaut und nichts an die Stelle setzen kann; welche, statt ein neues Geistesleben zu begründen, das alte Geistesleben hindämmern und zuletzt versickern lässt, und alles umwandelt in den Mechanismus eines Wirtschaftslebens. Dann werden die Menschen erst sehen, ob sie etwas Besseres erreicht haben, wenn sie überwunden haben das Alte, das man mit Recht den Dienst gegenüber Thron und Altar genannt hat. Aber dieser Dienst gegenüber Thron und Altar darf nicht bloß weichen dem Dienst gegenüber Kontor und Maschine im mechanisierten Wirtschaftsleben, sondern es muss die Zukunft uns bringen ein selbstständiges Wirtschaftsleben, in dem sich die einzelnen Korporationen und Assoziationen und Genossenschaften brüderlich zusammenschließen zur wirklichen Sozialisierung. Das aber kann nur aufgebaut werden, wenn ihm zur Seite steht ein demokratisches Staatswesen, in dem der Mensch sein Recht als Gleicher neben dem anderen Gleichen findet. Und befruchtet werden kann das Wirtschaftsleben, das sonst versickern und verhärten muss, wenn immerzu in einem freien Geistesleben die Kräfte erzeugt werden und hineingeschickt werden in das Leben, die aus diesem freien Geistesleben nicht eine wirklichkeitsfremde Begriffswelt und Wissenschaft, nicht eine wirklichkeitsfremde Geisteskultur liefern, sondern die eine solche Geisteskultur liefern, die überall im Leben angreifen kann. Wir haben die Renaissance zu sehr dem Griechentum nachgebildet; das hatte aber ein Geistesleben für sich gebildet. Wir brauchen ein Geistesleben, das nur für unsere Gegenwart geeignet ist. Und, so sonderbar es klingt, je geistiger, desto praktischer wird dieses Geistesleben sein; und je mehr werden wir imstande sein, wirklich einzugreifen im Staats- und Wirtschaftsleben. Nur wird der Geist es sein, der befruchten kann das Kapital; der die Arbeit aufruft, den gleichen Dienst zum gleichen Dienst für alle. Nicht wie es heute ist, wo bloß schafft die Produktion für den Markt. Dann wird man erst verstehen, was es eigentlich bedeutet hat, dass im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts sehr gescheite Leute nachgedacht haben über die große Devise vom Ende des achtzehnten Jahrhunderts: Freiheit, Gleichheit Brüderlichkeit, und gesagt haben - wahrhaftig nicht aus Vorurteilen heraus - es müsse die Freiheit der Gleichheit widersprechen, und schließlich sei alles, was in Freiheit und Gleichheit lebt, nicht mit Brüderlichkeit vereinbar. Es stellte sich heraus, dass Widersprüche bestehen zwischen demjenigen, was man als Freiheit, als Gleichheit und als Brüderlichkeit empfand, also zwischen den drei großen, öffentlichen Idealen der Menschheit. Worauf beruht das, dass drei Ideale dastehen können, wie herausgeboren aus dem innersten, ehrlichsten Streben des menschlichen Herzens und der menschlichen Seele, und dass sie dennoch sich widersprechen können? Darauf beruht es, meine sehr verehrten Anwesenden, dass man bisher diese drei Ideale aufgestellt hat unter dem Gesichtspunkt des Einheitsstaates. Solange man glaubt, dass diese drei Ideale, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, im Einheitsstaate leben müssen, so lange muss man sie widerspruchsvoll finden. Die Zukunft muss verstehen, dass dieser Einheitsstaat nicht zusammenknäueln darf drei Lebensgebiete, welche aus verschiedenen Untergründen heraus verwaltet werden müssen. Die Zukunft muss verstehen, dass dieser Einheitsstaat als sozialer Organismus gegliedert werden muss in drei Gebiete, und dass herrschen muss in der Zukunft der Geist in der Freiheit. Dass leben muss der Mensch als Besitzer seines Menschenrechtes in demokratischer Gleichheit. Dass gearbeitet werden muss für die Bedürfnisse der Menschen in Assoziationen, in Genossenschaften, kurz, durch Bruderschaften im Großen aus der wirtschaftlichen Brüderlichkeit heraus. Wird man nicht mehr unter der Suggestion des Einheitsstaates stehen, dann wird man erst den Ruf der Zukunft gründlich genug vernehmen. Haben wir bisher noch eine gewisse Scheu getragen in Mitteleuropa, unsere Gedanken, unser Empfinden, unsere Lebensgewohnheiten zu richten auf die drei Lebensgebiete in ihrer wahren Gestalt - seit Versailles, seit wir leben unter der Aussicht, dass uns Not und Elend noch viel bevorstehen werden, werden wir vielleicht zurückfinden den Weg zu jenen Kräften unseres mitteleuropäischen Volkstums, aus denen das hervorgegangen ist in früheren Zeiten, was wir den deutschen Idealismus nennen, der auch leben kann auf anderen als den künstlerischen und ideellen Gebieten. Es ist nur ein Vorurteil, zu glauben, dass die Praktiker diejenigen sind, die aus alten Zeiten herstammend zu kurze Gedanken hatten für das Wirtschaftsleben, sodass dieses Wirtschaftsleben der neueren Zeit in die Vernichtung hineinsegelt. Man wird diejenigen als wirkliche Praktiker in der Zukunft ansehen, die man heute als unpraktische Idealisten verspottet. Man wird sich für öffentliche Angelegenheiten zu denjenigen wenden, die diese Kräfte ausgebildet haben, zu den Kräften, die uns Lessing, Goethe, Schiller hervorgebracht haben. Dann aber wird man aus diesen gesunden Kräften Mitteleuropas in die Entwicklung der Menschheitszukunft hinein so arbeiten, dass stehen wird der dreigliederige soziale Organismus auf seinen drei gesunden Grundlagen, die sich charakterisieren lassen dadurch, dass leben muss in der Zukunft der Geist in Freiheit, in der freien Entwicklung; dass leben muss alles dasjenige, was jeden Menschen gleich dem anderen Menschen macht, in demokratischer Gleichheit; dass leben muss in der Sonne dieser demokratischen Gleichheit das Rechtsleben; dass leben muss unter dem Prinzip der Brüderlichkeit das assoziativ geregelte, föderativsachlich verwaltete Wirtschaftsleben. Dann wird erst gedeihen die Menschheitszukunft Mitteleuropas. Es soll ausstrahlen von diesem Mitteleuropa etwas, was Musterbild sein kann für Ost und West. Es soll ausstrahlen von Mitteleuropa, was der Menschheit in Zukunft frommt. So wird das, was geschehen soll gerade von diesem Mitteleuropa aus, geschehen müssen, dass man wird sagen müssen von diesem Geschehen: Freiheit für den Geist, Gleichheit für das Recht, Brüderlichkeit für das Wirtschaftsleben! Diskussion [nicht überliefert] Schlussworte Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich muss sagen, dass ich den ersten Diskussionsredner außerordentlich schätze mit Bezug auf sein sehr schönes soziales Wollen, aber dass ich doch - indem ich einiges zu sagen habe mit Bezug auf dasjenige, was er heute vorgebracht hat -, dass ich doch bedenklich finden muss, dass auch durch ihn dasjenige eintritt, was ich überhaupt als ein sehr bedauerliches Zeichen unserer Zeit ansehen muss. Nehmen Sie es mir nicht übel, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn ich das offen und ehrlich auch einem geschätzten Diskussionsredner gegenüber zum Ausdruck bringe. Dasjenige, was Herr Dr. Einstein gesagt hat, ich habe es durchzudiskutieren gehabt, sagen wir, in den Achtzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts, zum Beispiel mit [Adler und Pernerstorfer] oder dergleichen Leuten. Diese Dinge, die heute auch wieder von Herrn Dr. Einstein vorgebracht worden sind, sind gewissermaßen nur die typischen Redewendungen desjenigen, was sich als sozialdemokratische Parteiordnung seit mehr als einem halben Jahrhundert in der zivilisierten Welt, insbesondere aber in Mitteleuropa entwickelt hat. Das kennt man sehr gut. Und gerade wenn man es sehr gut kennt, vielleicht sogar noch etwas anders kennt als Herr Dr. Einstein, dann steht man gerade in der gegenwärtigen Zeit vor einem gewaltigen Problem, auf das ich, so gut es möglich war in der Kürze eines Vortrages, der ohnedies schon zu lange war, doch etwas hingewiesen habe. Dasjenige, was als sozialdemokratisches Programm auftritt, es war geeignet - ich habe im Vortrag gesagt, bei solchen Dingen, die gewissermaßen große kulturpädagogische Mittel sind, kommt es nicht so sehr darauf an, ob man diskutieren kann, ob man die Dinge beweisen oder widerlegen kann, sondern darauf, wie sie erzieherisch wirken. Und in dem, was man hatte als sozialdemokratisches Programm, was gewissermaßen im RCsumC, wie der Herr Dr. Einstein aufgeführt hat, in dem hat man ein solches Erziehungsmittel. Und ich kenne alle die einzelnen Strömungen, die einzelnen Empfindungen und Gedanken, die auf diesem Wege in die Herzen und Seelen der Proletarier des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts eingezogen sind. Vor allen Dingen aber darf nicht vergessen werden, wie dieses Programm dazu geführt hat, zu begründen innerhalb unseres neuzeitlichen Wirtschafts- und politischen Lebens die Anschauung von, sagen wir, der Selbstentwicklung dieses Wirtschaftslebens und politischen Lebens. Man hat sich so leicht vorgestellt: Dasjenige, was als Kapitalismus heraufgezogen ist, es ist Privatkapitalismus geworden, es wird sich immer mehr und mehr konzentrieren zu großem Kapitalbesitz, dann wird von selbst die Umformung der kapitalistischen Gesellschaft in eine sozialistische eintreten. Heute kann man es noch immer erleben, dass man von positiven Impulsen spricht, die Keimgedanken zu Taten sind, und dass einem diese Selbstentwicklung entgegengehalten wird. Sie hängt innig zusammen mit dem, was Herr Dr. Einstein als richtiges sozialistisches Programm ansieht. Aber die ganze Sachlage in Bezug auf das eben Erwähnte ist einmal für den wirklich unbefangenen Beobachter der gegenwärtigen Zeitereignisse durch die Weltkriegskatastrophe etwas anders geworden. Wir haben es heute nicht zu tun mit einer selbstläufigen wirtschaftlichen oder politischen Entwicklung; wir haben es damit zu tun, dass sich alte Kulturströmungen - wie ich es im Vortrag ausgedrückt habe -, in die Selbstauflösung hineingeführt haben. Wir haben es heute nicht zu tun mit irgendeinem Programm, sondern mit der Tatsache, dass Menschen vor einer zusammenbrechenden Wirtschaftsordnung stehen und sie neu aufbauen müssen. Wir stehen heute vor dem proletarischen Menschen mit seinen subjektiven Forderungen, subjektiven Impulsen. Da ist es notwendig, dass man nicht stehen bleibt bei allgemeinen Redensarten, wie zum Beispiel «Vergesellschaftung der Produktionsmitteb, sondern dass man zeigt: Wie muss man es machen, dass die Produktionsmittel wirklich im Zukunftssinne funktionieren können? Und für mich war das Problem dieses, alle Abstraktionen, zu denen auch das gehört, was Herr Dr. Einstein gesagt hat, auf eine konkrete Wirklichkeit zu bringen und immer zu fragen: Was kann geschehen, ohne dass wir abbauen, sondern indem wir das, was da ist, weiterentwickeln; nicht indem wir die Kulturentwicklung zugrunde richten, sondern indem wir sie so weiterentwickeln, dass die berechtigten FOrderl]ngen, die ich auch heute in meinem Vortrag aufgezählt habe, für die breiten Massen befriedigt werden können. Das war die Aufgabe: nicht stehenzubleiben bei den alten sozialistischen Parteiprogrammen, die heute noch herumschwirren wie Urteilsmumien von Parteibeamten, sondern fortzuschreiten im Sinne der Lehre, die uns diese Weltkriegskatastrophe gegeben hat. Das ist, um was es sich handelt, dass das Abstrakte, das Nicht-Wirklichkeitsgemäße der Sozialdemokratie wiederum umgewandelt werden muss in dasjenige, was im Sinne des heute ausgeführten dreigliedrigen sozialen Organismus gedacht ist. Es ist eine sehr merkwürdige Sache, wenn irgendein Redner auftritt, der die Ideologie und die Tatsache, dass die Ideologie in Herzen und Seelen der Menschen eingezogen ist, als Seelen verödend schildert, wenn ein Redner auftritt, der in der Ideologie ein schädliches Erbe des Proletariats vonseiten der bisherigen führenden Kreise siehL dass dann ohne Weiteres ein Redner dogmatisch auftritt, der sagt: Dieser Redner will nur eine neue Ideologie. Das heißt zurückfallen in alte Dogmatik; das heißt nicht mitgehen wollen mit dem, was sich redlich bemüht, das Alte in eine wirklich zeitgemäße Form zu bringen. Dass heute wiederum ausgesprochen wird, dass das alte Heilmittel im Beginn, wenn auch nicht am Ende eine Überführung der Produktionsmittel in den Besitz der Gesamtheit sei, dagegen muss immer wiederum eingewendet werden: Was ist diese Gesamtheit? Ich habe Ihnen konkret ausgeführt, wie diese Überführung in den Dienst der Gesamtheit dadurch geschieht, dass die Zirkulation der Produktionsmittel eintritt. Es ist ein inhaltleerer Begriff, der niemals einen Tatkeim in sich enthält, wenn man nur spricht, man solle die Produktionsmittel in den Dienst der Gesamtheit überführen. Denn, wie diese Gesamtheit funktionieren kann mit dem Produktionsmittel, darauf kommt es an. Das ist etwas, was derjenige erkennen wird, der nicht bei der alten Dogmatik stehen bleibt, dass man hier nicht eine neue Ideologie geben will; sondern er wird darauf eingehen, wie hier versucht ist, ehrlich und gut gemeinte Abstraktionen endlich einmal in wirklichkeitsgemäße Gedanken und wirklichkeitsgemäßes soziales Wollen umzusetzen. Ich sehe gerade in denjenigen, die nicht sich entwickeln wollen unter dem Eindruck unserer so schwierigen, so not- und leidvollen Zeit, sondern die nur stehen bleiben wollen bei den alten Dogmen, ich sehe darin - ohne damit irgendjemand persönlich treffen zu wollen, am wenigsten selbstverständlich Dr. Einstein -, ein furchtbar Konservatives der Meinungen. Und ich freue mich darüber, dass immerhin es heute schon gerade im Proletariat Leute gibt, die über diese konservativen Führer hinweggehen und die da fordern, dass über die Köpfe der Führer hinweg dasjenige gesucht werde, was endlich zu den Zielen führen kann. Wenn man in derselben Weise wie Du Bois-Reymond sein «Ignorabimus» ausgerufen hat gegenüber den Grenzen der Natur, ein Ignorabimus ausruft gegen diese Dreigliederung des sozialen Organismus; oder wenn man sagt: Wir können nicht darauf warten -, so redet man eigentlich so, dass man ein Nichts an die Stelle setzt desjenigen, was ja natürlich nicht in einem kurzen Vortrag erschöpfend charakterisiert werden kann. Aber es ist heute notwendig, dass man nicht bei leeren Abstraktionen stehen bleibt, dass man nicht immer nur redet: Wir brauchen, weil das Manometer auf 95 steht, die Revolution. Was ist denn das nun schließlich wiederum, die Revolution, wenn man nicht daran denkt, was eigentlich gewollt sein soll durch eine Revolution? Wenn die Leute nur immer reden von Eroberung der Maschinen, dann muss die Frage gestellt werden: Was fangen sie denn an mit diesen Maschinen, wenn sie sie haben? Das ist die Frage. Man hat oftmals in der Entwicklung der Menschheit das Beispiel gehabt, dass Leute, die Maschinen gehabt haben, nicht wussten, was sie mit diesen Maschinen anfangen sollten. Soll wiederum aus den unbestimmten Abstraktionen heraus die Forderung der Maschinen erstrebt werden, und dann erlebt werden, dass man nicht weiß, was man damit anfangen soll? Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, das habe ich Ihnen ausführen müssen gerade in Anknüpfung an einen Standpunkt, der von mir geschätzt wird, wie der, der in gewohnter Weise davon gesprochen hat. Ich bin daran gewöhnt seit den 80erJahren, und was ich für mich daran gelernt habe, das ist aufgegangen in dem, was ich heute als Dreigliederung des sozialen Organismus vertrete. Derjenige, der hier eingewendet hat, dass man nicht warten kann, den verweise ich nur darauf, dass er einmal genauer und gründlicher anschauen soll in meinem Buche «Kernpunkte der sozialen Frage», wie im Einzelnen konkret das ausgeführt werden kann, was ich heute mit großen Zügen angedeutet habe; dann wird er nicht mehr sagen, wir hätten so und so viele Jahre zu warten, sondern er wird sagen: Wir können von jedem Punkte des geistigen, des wirtschaftlichen, des politischen Lebens aus die Entwicklung in eine solche Richtung bringen, wie sie im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organismus vorgesehen ist, von heute auf morgen. Man soll sie nur in diese Richtung bringen, dann wird sich das Weitere ergeben, aber man braucht dazu den Mut. Man braucht weniger Mut, davon immerzu zu reden, dass die Revolution kommen muss, dass die Diktatur des Proletariats angestrebt werden müsse und so weiter, als nun wirklich in Einzelheiten die Hand anzulegen. Denn dieser Mut schließt ein das Überwinden alter Denkgewohnheiten. Meine sehr verehrten Anwesenden, wenn Sie näher eingehen auf das, was die Dreigliederung des sozialen Organismus ist, dann werden Sie nicht mehr sagen: Praktische Arbeit soll getan werden und nicht ewig Vorträge gehalten werden! Praktische Arbeit ist Stück für Stück gerade in dem Wollen der Dreigliederung des sozialen Organismus angedeutet worden. Und wenn da gesagt wird: Man braucht andere Menschen, ja, dann weiß man eben nicht, welche Beziehung besteht zwischen dem Sozialen, in dem der Mensch drinnenlebt, und zwischen dem, was der Mensch wirkt. Sehen Sie, neulich stand in einer Zeitschrift, die sich auch eine soziale nennt: man solle die Sozialisierung nicht überstürzen, denn die Menschen wären heute noch nicht reif. Wenn ich so etwas höre oder lese, dann bin ich immer der Ansicht, dass diejenigen, die so reden, selber nicht reif sind. Denn hätten wir diejenigen Menschen, die nun in diesem Sinne ganz reif wären, dann brauchten wir ja nicht mehr zu sozialisieren, dann würden die Menschen wahrhaftig frei und gleich und brüderlich leben. Dann würden wir die ganze soziale Frage nicht haben. Dasjenige, um was es sich handelt, ist etwas anderes. Da möchte ich eine Tatsache anführen, die auf einem gewissen Gebiete aufgetreten ist. Während der sogenannten Kriegswirtschaft hatte man nötig, in die Bürokratie hineinzustellen Kaufleute zum Beispiel, weil das Fachleute waren. Die Kaufleute unterschieden sich von den Bürokraten noch sehr beträchtlich, als sie draußen waren. Aber eine merkwürdige Tatsache trat ein: Nach wenigen Monaten waren diese Kaufleute bürokratischer als die Bürokraten. So hatte die Umgebung auf sie abgefärbt. Das wird eintreten, wenn Sie in dem sozialen Organismus nicht jedem einzelnen Glied den Charakter geben, den ich heute angeführt habe. Dann wird dadurch eine soziale Minorität geschaffen werden, worin die Leute, die früher ganz anders waren, im Sinne einer Menschenveredelung sich weiterentwickeln können. Ich möchte wissen, wie man an soziale Ideale denken könnte, wenn man sich immer in dem Kreise bewegen würde: Wir brauchen andere Menschen zu den anderen Zuständen, Wenn wir dabei stehen bleiben, werden wir niemals andere Zustände herbeiführen können. Es handelt sich ja gerade um die Herbeiführung solcher Zustände, unter denen die Menschen sich ethisch und ideell entwickeln können! Das ist wiederum ein Kennzeichen der Dreigliederung, dass sie sich nicht im Kreise herumdreht, sondern auf Tatsachen losgeht; dass sie darauf ausgeht, in die Wirklichkeit unmittelbar einzugreifen. Wenn da gesagt wird, ich hätte das vor zehn bis fünfzehn Jahren sagen sollen, da wäre es neu gewesen: Es ist heute nicht anders als vor zehn Jahren. Aber woher wissen Sie denn, ob ich nicht, vielleicht weniger deutlich formuliert, dasjenige, was ich heute sage, auch schon vor zehn bis fünfzehn Jahren gesagt habe. Da möchte ich Ihnen doch etwas erzählen. Ich habe schon erwähnt: Ich war lange Jahre Lehrer an der von Liebknecht begründeten Arbeiterbildungsschule. Da habe ich insbesondere den Leuten zu zeigen versucht, wie die materialistisch gerichtete Lehre nur abstrahiert ist vom geschichtlichen Verlauf der letzten drei bis vier Jahrhunderte. Dazumal - also Anfang des jetzigen Jahrhunderts - hatte ich eine ziemlich große Schülerschaft. Als ich wenig Schüler hatte, kümmerten sich die Par teibonzen wenig um dasjenige, was ich da den Leuten sagte. Als die Schülerschaft immer größer wurde, wurden diese Parteibonzen in unangenehmer Weise aufmerksam auf dasjenige, was da in einer zentralen Arbeiterbildungsschule gelehrt wird. Da kam es dazu, dass einmal die Schüler in einer großen Anzahl zusammengerufen wurden und einige Parteiführer zu den Leuten hingeschickt wurden. Ich sagte dazumal: Sie wollen doch eine Partei der Zukunft sein, wollen Zukunftsverhältnisse begründen. Ich möchte nun wissen, wo heute Lehrfreiheit herrschen soll, wenn Sie diese immer unterdrücken wollen, wenn Sie hier einen Parteidogmatismus lehren wollen. Da stand der eine dieser Führer auf und sagte, im Widerspruch mit seiner gesamten, nach Hunderten zählenden Schülerschar: Freiheit des Lehrens können wir nicht dulden; wir kennen keine Freiheit auf diesem Gebiet, wir kennen nur einen vernünftigen Zwang. - Das ist das [Erlebnis], das ich dazumal gehabt habe. Das zeigte mir, dass man zunächst weiterarbeiten muss, dass man aber warten muss, bis einem Verständnis entgegenkommen kann. Deshalb muss ich es auch heute ablehnen, wenn gesagt wird: Man braucht ja nicht eine neue Partei! Die braucht man gewiss nicht. Wo das aus dem Vortrag zu entnehmen war, dass ich eine neue Partei will, das weiß ich wirklich nicht. Ich habe mein ganzes Leben so zugebracht, dass ich studiert habe die verschiedenen sozialen Verhältnisse in allen Kreisen und allen Gesellschaftslagen. Worin ich aber niemals gesteckt habe, das waren die Parteien. Und dessen bin ich froh. Und glauben Sie, dass ich jetzt am Ende meines sechsten Jahrzehnts mich selber in eine Partei hineinstecken möchte, nachdem ich sagte, was die Parteien eigentlich bewirkt haben, wohin sie unser politisches Leben gebracht haben? Ich appelliere an Verstand und Vernunft jedes einzelnen Menschen und nicht an Parteien; das muss ich immer wiederum sagen, wenn mir erwidert wird, dass das schwer verständlich sei, was ich vortrage. Ich weiß, es ist der Wirklichkeit entnommen. Und dasjenige, was der Wirklichkeit entnommen ist, das fordert einen gewissen Instinkt seiner Realisierbarkeit. Dieser gewisse Instinkt für die Realisierbarkeit kann nicht aufgenommen werden von abstrakten ParteimenschenMeinungen. Aber das sollten wir auch von der Zeit lernen. Wir haben es ja auch leider in Mitteleuropa genügend erlebt, dass die Leute dasjenige angenommen haben, was ihnen von irgendeiner Seite her anzunehmen befohlen worden ist, durch reichlich viereinhalb Jahre. Wir haben es erlebt: Wenn nur vom großen Hauptquartier oder sonst woher die Meinungen, die man wahrhaftig nicht gut verstehen konnte mit seiner eigenen Vernunft, wenn man die nachbeten konnte, dann sah man sie ein. Man frug nicht darnach: Soll das verstanden werden oder nicht? Man ließ sich das Verstehen befehlen. Jetzt handelt es sich darum, etwas zu begreifen, was einem nicht befohlen wird, dass man es verstehen soll, sondern aus Freiheit der Menschenseele heraus. Und nur dieses Appellieren an die unmittelbare Freiheit der Menschenseele, das führt uns vorwärts. Ich denke nicht an eine Partei, aber ich denke an alle diejenigen Menschen, die heute aus der Not und aus dem Elend heraus sich retten wollen ein vernünftiges Urteil des gesunden Menschenverstandes: Die werden sich nicht in eine Partei scharen. Sie werden aber vielleicht die Träger desjenigen sein, was wir für die Zukunft brauchen, was wir anstreben müssen, wenn wir aus Wirrnis und Chaos herauskommen wollen. DIE DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS I Dresden, 18. September 1919 Nicht ein Programm zur Lösung der sozialen Frage will ich geben, sondern ich will sprechen über Lebensbeobachtungen. Man sagt, die Menschen hätten nie, seit es Geschichte gibt, solch Furchtbares erlebt wie diesen Krieg: Folgerichtig müsste man dann aber auch hinzufügen: Es bedarf einer ganz besonderen Idee, um Lösung zu finden der heutigen Aufgabe. Ganz anders muss es jetzt sein, was gegeben wird, was die Menschen in sich aufnehmen müssen, als bisher. In dem Kommunistischen Manifest liegt nicht nur eine theoretische Frage, sondern eine Weltgeschichtsfrage, das muss man verstehen. Was man soziale Frage nennt, ruht tief, tief unten in der Menschheitsentwicklung, nur muss man sie anfassen. Thermometer - Erkennungszeichen für die Temperatur eines Raumes. Was da bewusst an die Oberfläche tritt, die Forderungen, die sind gar nicht das Wirkliche. Ein geschichtlich Notwendiges ist alles, was da in dem Kommunistischen Manifest aller Länder [aufflackert]: «Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!» Es wird appelliert nicht an eine Idee, sondern an das, was an Impulsen aus einer gewissen Lebenslage herauskommt, gerade da herauskommt, dass man Proletarier ist, was da an unbestimmten Forderungen aus dem proletarischen Leben aufsteigt, etwas Ideenloses, eine Kraft steigt da auf. Nichts wird da gewollt an Ideen, Ideologie wollen die Proletarier gerade nicht. Aber aufgebaut ist und wird nun auf dem, was aus dem Bürgertum herstammt. Man spricht so, als ob die proletarischen Programme etwas Neues seien, aber dem ist nicht so. Sie sind aus dem Bürgertum übernommen. Das wird man erst später erkennen. Eine Kluft ist aufgetan zwischen den führenden Kräften und dem Proletariat. Aber dem ist nicht so; das ist nicht der Fall, nur die Klassenunterschiede sind da; die proletarische Welt hat viel gelernt von den führenden Kreisen. Aber als sie sah, dass deren Wissenschaft ihr nicht zum Heile gereichen konnte, da verlor sie das Vertrauen in diese Wissenschaft, verlor das Vertrauen zu jenen Kreisen. Die Ideologie des Geisteslebens erkannte das Proletariat. Die frühere Weltanschauung hatte noch eine ganz andere Stoßkraft, sie hing noch zusammen mit der geistigen Welt. Die heutige Weltanschauung hat keine Stoßkraft, das Wirken der geistigen Kraft fehlt. Diese Weltanschauung füllt den Menschen nicht aus. Sie ist eine Kopfsache, während jene eine Herzenssache ist. Zum Ausdruck ist dieser Unterschied in dem evangelischen Bekenntnis gekommen: mit dem Verstand alles verstehen, was die Welt um uns herum bietet; für das andere muss der Glaube ausreichen. Im Bürgertum ist noch der letzte Rest der früheren Weltanschauung, eine Art Zusammenhang mit der geistigen Welt. Ganz anders im Proletariat. Der Proletarier ist hineingestellt in die Fabrik, an die Maschine. Nichts geht in ihn über, was zum Beispiel im alten Handwerk noch darinnen war, was da an Seelischem sprach aus den alten Türgriffen zum Beispiel, und so weiter. Abgeschieden von jeglichem Zusammenhang, den das alte Handwerk noch haue, was aus den Dingen und Ereignissen sprach. «Was bin ich in der Welth - «Ich bin ein höher entwickelter tierischer Organismus> - So ist die Auffassung des Proletariats als das, was er [der Proletarier] von der Wissenschaft übernommen hat. Man kann sich begeistern für solche Ideen, aber leben kann man damit nicht auf die Dauer. Dem Verstande leuchtet dies ein, nicht aus dem Geistigen zu stammen, aber die Seele revoltiert dagegen. Und das ist es, was allen sozialen Fragen zugrunde liegt. Das ist das eigentliche Gesicht. Man meint, dass alles, was als Kunst, als Wissenschaft, als Sitte, Recht und so weiter lebt, das sei Ideologie, Rauch. Mit einer solchen Auffassung lässt sich denken - es lässt sich nicht damit leben. Es hängt auch damit zusammen, dass das Wirtschaftsleben aufgesogen ist von dem Staat in den letzten Jahrhunderten. Die Stadtverwaltungen wurden aufgesogen, mit den fürstlichen Interessen vereinigt. In diese Staatgebilde mündet ein das Geistesleben. Dass man die Schule der Kirche entriss und dem Staat überantwortete, das musste ja kommen. Dem «Schleppe-Nachtragen» der Kirche ist gefolgt ein Aufsaugen vonseiten des Staates betreffs der Schule. Bei der Forderung nach Sozialismus und Demokratie muss man durchaus zu dem Rufe kommen nach Befreiung des Geisteslebens vom Staat. Soll jetzt die Abhängigkeit der Schule und des Erziehungswesens noch mehr gekettet werden an den Staat? Totgetreten wird jetzt in Russland das Geistesleben. Jeder mündig gewordene Mensch soll frei sein betreffs Einrichtung alles dessen, worüber der mündig gewordene Mensch zu entscheiden hat. In dem geistigen Leben sollen mitreden nur die, die sach- und fachkundig sind in diesem geistigen Leben. Nur solche sollen da mitzubestimmen haben, die selbst tätig sind im geistigen Leben, vom untersten Lehrer bis zum höchsten Lehrer an der Hochschule. Er muss so viel Zeit haben, dass er in der Verwaltung dieses Lebens mitttätig sein kann neben seiner Tätigkeit im Erziehungswesen. Nicht wie heute, dass Leute, die nicht im Berufe praktisch darinnenstehen, bestimmen, was zu geschehen hat. Dann haben wir wahre Demokratie im Rechtsleben und sachkundige, tüchtige Leitung des geistigen Lebens. Das aber, was im Wirtschaftsleben zur Geltung kommt, kann nur kommen von sachkundigen und fachkundigen und tüchtigen Persönlichkeiten oder Gruppen von Personen. Es ist schwer, sich sachgemäße Urteile zu bilden. Die heutige wirtschaftliche Ausgestaltung des Staates ist ein Entwicklungsprodukt der Geschichte. Das ist sehr richtig. Marx' Freund, Engels, hat dies sehr gut ausgeführt in seinem Buche. DIE DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS II Dresden, 19. September 1919 Da, wo sachkundiges und fachtüchtiges Urteil nötig ist, da kann nicht die Majorität entscheiden. Einseitiges wirtschaftliches Denken kann nicht zur Lösung der sozialen Frage führen. Um die Umwandlung des Kreditwesens richtig in die Wege zu leiten, ist ferner erforderlich, dass sachkundige und fachtiichtige Persönlichkeiten tätig sein müssen. Vertrauen haben zu Personen oder Personengruppen ist Kreditfähigkeit. Nicht drei Parlamente, sondern nur eins für das politische Leben. Auf dem geistigen und wirtschaftlichen Gebiete nicht Majorität, sondern sachkundige und fachtüchtige Persönlichkeiten, die führen und leiten. Zentral-Verwaltung ist nichts anderes als dasjenige, was politisch gereiftem Denken entstammt. Das Wirtschaftsleben wird nicht entpolitisiert, wenn es nur getrennt wird von dem politischen Parlament und daneben mit politisch gereiftem Denken zentralistisch verwaltet wird. Sondern ganz anders gerade muss diese Verwaltung vor sich gehen, wie es in der Dreigliederung vorgesehen ist. Es darf nicht produziert werden, um zu profitieren, sondern es muss produziert werden, um zu konsumieren. Nicht der Unternehmerprofit soll der Antrieb sein zum Produzieren, sondern das, was das Volk nötig hat. Liegt dieser an sich richtigen Forderung irgendetwas zugrunde, um in sachgemäßer Weise zur Lösung der sozialen Frage zu kommen? Abschaffung der herrschenden Lohnverhältnisse und Wahlrecht für alle Gleichberechtigten - das sind tatsächlich Forderungen, die bis zum Eisenacher Programm aufgestellt waren. Dann kam das Erfurter Programm: nichts mehr von diesen zwei Forderungen, aber etwas ganz anderes: Abschaffung alles Privatbesitzes und Überführung alles Besitzes, aller Produktionsmittel in die Staatsverwaltung. Die alte soziale Ordnung hatte ihre gute Stütze in Thron und Altar. Das hat sie jetzt nicht mehr. Aber an deren Stelle steht Kontor und Fabrik, davon haben wir jetzt nicht jene «gute Stützem Gesamtbuchhaltung an Stelle von Kirchenverwaltung, Verstaatlichung und so weiter. Das wird bereits getan im Osten, fürchterlich ist es, was da getan wird und was da vor sich geht. Das ist das Grab der gesamten modernen Zivilisation. Man merkt das nicht gleich, weil noch geistige und politische Stoßkräfte von früher her in den Verhältnissen darinnen sind. Hypnose des geistvollen Lenin. Spiritismus des [Lücke in der Mitschrift] Trotzki. Kapital: Summe der Produktionsmittel und Grund und Boden. Entwicklungssprung der ganzen Menschheit im fünfzehnten Jahrhundert, wie im einzelnen Menschenleben im sechsten [bis] siebten und dreizehnten [bis] vierzehnten Jahre. Und dieser Entwicklungssprung geht darauf hinaus, dass der Mensch als Persönlichkeit - jeder Einzelne - angesehen werden will. Und das springt jetzt heraus in der sozialen Frage. Früher das patriarchalische Verhältnis, jetzt Industrie. Wie steht es jetzt mit den Produktionsmitteln? Früher Grund und Boden in Händen einiger Menschen, die anderen arbeiten an diesem Grund und Boden, dadurch entstand ein besonderes Verhältnis. Heute müssen die Produktionsmittel mit großen Geldmitteln beschafft werden und werden verwaltet von diesen Besitzern. Aber diese Verwalter haben versäumt, das Verhältnis zu den Arbeitern zu ändern. Wenn irgendwo Schäden sind, macht man Statistiken. Aber Ideen zur Abänderung findet man nicht. Ideenlos waren die Menschen. Es muss die Zeit kommen, wo wieder Ideen die Tatsachen leiten dürfen. Heute werden Menschen, die solche Ideen haben, als Utopisten, Idealisten, unpraktische Menschen gebrandmarkt. Von Abschaffung des Privatbesitzes zu sprechen ist nichts als mehr oder weniger kindisch. Die Einzelinitiative ist ja gerade nichts Unsoziales, sondern gerade sozial. Kapital zentralisieren muss derjenige, der die Fähigkeit hat, das in der richtigen Weise durch eigene Initiative zu vollbringen. Auf geistigem Gebiet geht das Eigentum dreißig Jahre nach dem Tod des Eigentümers auf solche über, die dieses Eigentum am besten für die Allgemeinheit verwalten können. Verdutzte Gesichter machen die Menschen heute noch, wenn man davon spricht, dieses Prinzip ins Wirtschaftliche zu übertragen. DIE DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS III Dresden, 20. September 1919 In dem platonischen Lehr-, Wehr- und Nährstand hat man das genaue Gegenteil von dem, was jetzt mit der Dreigliederung angestrebt werden muss. Eine Scheidewand wird in jenem aufgerichtet, Stände. Bei der Dreigliederung wird gerade der Klassenunterschied überwunden werden. Das, was außerhalb des Menschen ist, das wird dreigegliedert, während jeder jedem dieser drei Bereiche angehören kann. Nicht mit abstrakten Programmen an die Menschheit herantreten - Betriebsräte und so weiter -, sondern sach- und fachkundige Menschen sprechen lassen aus der Wirklichkeit heraus. Das ist das Wesentliche. Wenn man etwa 800 solche Betriebsräte zusammenbrächte, würden dabei doch nur 25 bis 30 sein, die wirklich etwas leisten und Gutes angeben. Ein schÖnes Stück Arbeit wird es schon sein, aus dem heutigen Chaos heraus etwas zu erzielen. Aber wenn da nicht nur debattiert und parlamentisiert, sondern wirklich gearbeitet wird, dann wird das, was diese 25 bis 30 sagen können, schon verstanden werden von den übrigen 700 bis 800. Das Verständnis ist schon da in der breiten Masse. Eine ganz bestimmte Größe muss eine Wirtschaftsgemeinschaft haben. Wird diese zu groß, dann saugt sie zu sehr aus, wird sie zu klein, dann ist nicht der richtige Erfolg zu erlangen. Was zwischen diesen beiden liegt, hat die richtige Größe. Das muss man erst verstehen und wissen. Rathenau, auf der einen Seite höchst geistreich, auf der anderen Seite eingespannt in die alten, ältesten Ideen und Begriffe, die heute erst überwunden werden müssen. In das Wirtschaftsleben gehören nicht Gesetze, sondern es gehören Verträge hinein. Sobald ein Erzeugnis zu teuer wird, arbeiten zu wenige daran - wird es zu billig, arbeiten zu viele daran. Wird ein Artikel zu teuer, dann zeigt sich, dass der bestimmte Artikel zu wenig erzeugt wird; so muss vertragsmäßig dafür gesorgt werden, dass mehr Menschen sich diesem Artikel zuwenden. Wird ein Artikel zu billig, wird zu viel davon erzeugt, so muss eventuell ein Betrieb stillgelegt werden. Schwierig! Gewiss ist das schwierig. Will jemand nur sagen, das ist schwierig, und nicht eingreifen, so will er nicht für richtige Verhältnisse sorgen. Durch Assoziationen, nicht durch Zufall des Marktes soll geregelt werden das Wirtschaftsleben. Föderationsgliederung, nicht zentrali[sti]sche Verwaltung muss für richtige Produktion, Zirkulation sorgen. Die Impulse zur Dreigliederung wollen nicht gescheiter sein als andere Ideen, sondern sie gehen darauf aus, dass die Gescheiten aufgerufen werden. Darauf kommt es an. Die Sprache der Tatsachen soll sprechen. Man hat sich nur sehr taube Ohren angezüchtet gegen die Sprache der Tatsachen. Gespeist werden muss vom geistigen Leben aus das Wirtschaftsleben. Nur von einem selbstverwalteten Geistesleben kann das Richtige ins Leben fließen auf allen Gebieten. Das frei verwaltete Geistesleben entlässt nie Träumer; man kann nie ein wirklicher Philosoph sein, wenn man nicht zu gegebener Zeit auch Holz hacken kann, d.h. ein ganzer Mann sein. Zusammenschmelzen Bluterbe ... [Lücke in der Mitschrift] und Erziehungsresultate, ... [Lücke in der Mitschrift] und doch seelische Einheit. So im dreigliedrigen Staat. Das Geistige wirkt in alles Leben hinein, bleibt nicht draußen stehen. Nicht kann sozialisiert werden im Sinne einer [Planwirtschaft] oder dergleichen, sondern es können Verhältnisse geschaffen werden, dass die Menschen sozial wirken können. Darauf kommt es an. Die Menschen müssen die Möglichkeit haben, sozial zu sein, die Erziehung muss so sein, dass sie sozial werden. Es müssen wirklichkeitsgemäße Ideen in genügend vielen Seelen Platz gegriffen haben. Das ist das «Wie» dieses Impulses zur Dreigliederung des sozialen Organismus. DAS GOETHEANUM UND DIE DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS Dornach, 25. Mai 1920 Roman Boos: Ich möchte nur noch die Mitteilung machen vor dem Vortrag von Herrn Dr. Steiner über Dreigliederungsprobleme, dass nach dem Vortrag Gelegenheit geboten wird, Fragen zu stellen. Ich bitte sehr, von dieser Gelegenheit Gebrauch zu machen und Fragen zu stellen, die sich ergeben im Hinblick auf diese Probleme der Dreigliederung. Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Es ist nicht aus irgendeiner persönlichen oder Gesellschaftswillkiir heraus, dass von diesem Goetheanum aus, beziehungsweise von der geistigen Bewegung, deren Repräsentant dieses Goetheanum sein soll, auch in der neueren Zeit [aus]geht eine Anregung mit Bezug auf die soziale Frage der Gegenwart und der nächsten Zukunft. Es ist eine innere Notwendigkeit, dass aus dem Ernste heraus, mit dem hier die geistigen Angelegenheiten der Menschheit behandelt werden sollen, auch Anregungen erfließen müssen über die wichtigsten, das heißt eben die sozialen Probleme der Gegenwart und der nächsten Menschheitszukunft. Nun sind die Anregungen, welche von hier ausgehen, in der sonderbarsten Weise oft missverstanden worden. Und indem ich auf einiges Prinzipielle der von hier ausgehenden Betrachtung der sozialen Frage heute hindeuten mÖchte, soll zu gleicher Zeit vielleicht Gelegenheit gegeben werden, Missverständnisse entweder sogleich in den Auseinandersetzungen oder nachher, anknüpfend an Fragestellungen, zu erledigen. Es handelt sich, wenn man heute die soziale Frage betrachtet, doch im Grunde genommen um ein wirklich schon recht altes Missverständnis. Es handelt sich darum, dass man eigentlich diese soziale Frage in der Zeit, in der sie am allerheftigsten begann aufzutreten und in der sie sich am intensivsten entwickelte, dass man diese soziale Frage doch nicht in ihrer wahren Gestalt sah. Im Grunde genommen ist sie erst in ihrer wahren Gestalt herausgekommen nach der furchtbaren oder vielleicht während der furchtbaren Kriegskatastrophe der letzten Jahre. Vorher hat man sich im Grunde genommen denn doch damit abgefunden, über die soziale Frage von den verschiedensten Parteistandpunkten aus zu reden, oder auch nach dem einen oder dem anderen Verständnisse - aber meistens sehr geringen Verständnisse -, das man für diese Frage entwickelt hat, die oder jene Auskunftsmittel, diese oder jene Einrichtungen zu versuchen, welche dem einen oder dem anderen im Verlaufe der sozialen Bewegung auftretenden Übelstände abhelfend entgegenkommen sollten. Aber ein wirkliches intensives Verständnis [dessen], was eigentlich vorliegt in dem, was man soziale Frage nennt, das ist im Grunde genommen doch in den letzten Jahrzehnten nicht zutage getreten; schon seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts eigentlich, wo es hätte zutage treten sollen, ist es nicht zutage getreten. Heute stellt sich ja heraus, dass diese soziale Frage gar nicht angefasst werden kann, ohne sie zu betrachten als eine Menschheitsfrage, als eine Lebensfrage unseres ganzen gesellschaftlichen Zusammenseins innerhalb der europäischen und der amerikanischen Zivilisation. Und solange man wird nicht den Weg finden, diese [soziale] Frage als eine Menschheitsfrage aufzufassen, so lange wird man auch nicht zu Ansichten kommen, wird man nicht zu Einrichtungen kommen, welche in irgendeinem erheblichen Maße dienlich sein können, dieser Frage eine menschenmögliche Lösung entgegenzubringen. Geredet wird ja über die soziale Frage seit Langem sehr viel, und man muss sagen: Gegenwärtig machen sich die Menschen eigentlich gar nicht recht Vorstellungen darüber, wie in den letzten, in den aufeinanderfolgenden Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts diese Frage in den Köpfen der Menschen gelebt hat, wie sie auf der anderen Seite in das Leben der Menschen eingegriffen hat. Es ist schon einmal so, dass heute die Menschen verhältnismäßig kurz denken, dass sie bei ihrem Denken nur auf das Allernächste sehen, und dass ihnen die Möglichkeit nicht gegeben ist, größere Zusammenhänge zu überblicken. Man kommt nicht, meine sehr verehrten Anwesenden, ohne das Durchschauen größerer Zusammenhänge zu einem Verständnis dieser sozialen Frage. Nun liegt aber der Mangel, auf den hier hingewiesen wird, tatsächlich in unserer ganzen gegenwärtigen Bildung. Er liegt auch in der Art, wie unsere gegenwärtige Bildung die Menschen der verschiedensten Gesellschaftsklassen durch die besondere Entwicklung der zivilisierten Welt in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ergriffen hat. Geisteswissenschafg wie sie von diesem Bau hier in Dornach ausgehen will, sie soll ja nicht bloß sein ein Erheben der Menschenseele zu geistigen Welten, sie soll nicht bloß sein das Herantragen von auf die Geisteswelt bezüglichen Erkenntnissen, sondern sie soll sein ein Durchdringen des ganzen menschlichen Tuns mit dem, was man als Frucht aus dieser Geisteswissenschaft bekommen kann. Und nun wurde ja von mir in öffentlichen Vorträgen, ich darf jetzt schon sagen, seit zwei Jahrzehnten betont, dass das Wichtigste bei dieser Geisteswissenschaft nicht das ist, das man inhaltlich aufnimmt - es ist schon wichtig, aber es ist nicht das Wichtigste, es ist sozusagen die Vorbedingung, aber es ist nicht dasjenige, bei dem man stehen bleiben soll. Es ist nicht dieses das Wichtigste, dass man aufnimmt die Erkenntnisse, aus diesen und jenen Gliedern physischer und geistiger Art bestehe der Mensch, so und so verlaufe, von geistigen Gesichtspunkten angesehen, das menschliche Leben - sondern das Wichtigste ist, dass man vorwärtsschreitet von dieser geisteswissenschaftlichen Grundlegung der menschlichen Erkenntnis zu etwas ganz Lebensvollem. So muss man sich dieses Vorwärtsschreiten denken. Hört man von den Erkenntnissen der Geisteswissenschafg liest man davon - man kann ja jetzt in zahlreichen Werken einer maßgebenden Literatur viel über diese Geisteswissenschaft schon lesen -, liest man, hört man an dasjenige, was sie darbietet, so ist man gezwungen, ganz anders zu denken, als man gewohnt worden ist zu denken in den letzten drei bis vier Jahrhunderten. Das muss ja jeder empfinden: Will er verstehen das, was hier als Geisteswissenschaft geboten wird, so muss er sich andere Ideen, andere Begriffe aneignen, als diejenigen sind, die heute und schon seit längerer Zeit die landläufigen sind. Dadurch aber, dass man sich diese anderen Gedanken, diese anderen Begriffe aneignet, dadurch wird zuerst unser Denken viel beweglicher. Denn die Unbeweglichkeit des Denkens, das ist ein Kennzeichen der neueren Bildung. Das Denken wird viel beweglicher. Man muss, um die großen Zusammenhänge, welche die Anthroposophie darbietet, nur einigermaßen sich nahezubringen, man muss umfassendere Begriffe und vor allen Dingen solche Begriffe, die nicht an den Einzelheiten hängen bleiben, in sich aufnehmen. Man trainiert also gewissermaßen zunächst sein Denken auf größere Lebensmaßstäbe hin. Man macht sein Denken auch beweglicher. Dass das so ist, das ist ja durch einen äußeren Umstand, meine sehr verehrten Anwesenden, eigentlich erhärtet. Man kann immer wieder und wiederum hÖren, wenn Öffentliche anthroposophische Vorträge gehalten werden und sich die erlauchten Herren von der Journalistik doch herbeilassen, irgendetwas darüber zu schreiben, man kann immer wiederum hören: «In dem Saal war vorzugsweise ein Damenpublikurm - wobei den dort anwesenden verehrten Damen nicht immer gerade bloß Komplimente gemacht werden mit Bezug auf ihre geistige und sonstige Verfassung. Aber es ist ja in einem gewissen Sinne nicht immer unwahr, dass das Publikum vorzugsweise bei solchen Vorträgen ein djamenpublikum» ist. Aber vielleicht hat die Sache doch eine andere Seite noch, als gewöhnlich gemeint wird, wenn das als Vorwurf gegen diese geisteswissenschaftliche Bewegung erhoben wird; vielleicht könnte man doch auch das sagen, was ich ja öfter dieser als Vorwurf gemeinten Aussage entgegengesetzt habe: Ja, warum sind denn die Männer nicht da? Sie kÖnnten ja ebenso gut kommen wie die Damen, und vielleicht liegt es nicht gerade an der Geisteswissenschaft, dass diese Männer nicht da sind, denn schließlich - zu denjenigen, die nicht da sind, kann man ja, wie Sie zugeben werden, meistens nicht reden! Nun hat die Sache auch einen inneren Grund, und da muss ich schon bitten, dasjenige, was ich zu sagen habe, wirklich sine ira und ohne Emotion aufzunehmen. Ich freue mich ja niemals, dass - verzeihen Sie - die Majorität des Publikums meistens aus Damen besteht. Ich hätte es ja sehr gerne - die Damen mögen das nicht als irgendeine Anspielung auf irgendetwas ansehen -, ich hätte es ja sehr gerne, wenn sozusagen jede Dame beim Vortrage ihren Herrn haben könnte. Aber das ist nun schon einmal nicht der Fall, und es liegt nicht bloß ein äußerer Grund vor, sondern es sind schon da tiefere Gründe. Sehen Sie, unsere ganze moderne Bildung ist ja im Grunde eine Männerbildung. Wie lange ist es denn her, dass die Frauen in einer gewissen Weise teilnehmen konnten an dem, was die Bildungsmittel der neueren Zeit bieten? Unsere ganze Zivilisation ist mehr oder weniger eine Männerzivilisation. Mir trat das wirklich sehr stark entgegen in all den Gesprächen, in denen ich zum Beispiel solchen Leuten wie der Gabriele Reuter entgegensetzen musste: Ja, die Frauenbewegung kann im Grunde genommen nur dann etwas Bedeutsames für das ganze soziale Leben der neueren Zeit sein, wenn die Frauen nicht einfach eintreten in dasjenige, was in unserer Zeit ja nur eine Männerbildung ist. Was würde denn schließlich viel herauskommen, wenn die Frauen alle sich Fräcke anziehen würden, Beinkleider, [und] Zylinder aufsetzen würden? Sie würden eben die Geschmacklosigkeiten der Männer mitmachen. Aber es ist ja im Grunde genommen auf geistigen Gebieten dasselbe geschehen! Die Frauen haben nicht dasjenige, was in ihnen lag, hineingetragen in das moderne Leben, sondern sie haben sich angepasst, sie haben die geistigen Hosen angezogen, das heißt, sie sind solche Mediziner geworden, wie die Männer es geworden sind, sie sind solche Juristen oder Philologen geworden, wie die Männer Juristen oder Philologen wurden, werden jetzt sogar anstreben, solche Theologen zu werden, wie die Männer es geworden sind - sie haben eben nur die geistigen Hosen angezogen. Es ist so, dass man sagen muss: Aus der Frauenbewegung wird erst dann etwas, wenn die Frauen ihr besonderes Element - ich meine jetzt gar nicht das Weibliche, sondern das besondere Element - hinzutragen zu unserer geistigen Zivilisation, welches davon herkommt, dass nun, ich will mich drastisch ausdrücken, obwohl es nicht immer so drastisch gemeint sein muss -, dass nicht ihr Gehirn eingeschnürt ist in die spanischen Stiefel, welche aus den verschiedenen Fakultäten auch noch der Gegenwart kommen; denn die Männergehirne, sie sind eben in diese spanischen Stiefel seit Jahrhunderten eindressiert worden. In ihnen sind geworden jene Gedanken, die keine großen Zusammenhänge übersehen können, die vor allen Dingen unbeweglich sind, starr, und die so etwas wie die Geisteswissenschaft, weil sie längere Gedanken fordert, eben nur als etwas Phantastisches ansehen können. So kommen die Frauen, geschützt durch ihre Naivität, durch den Umstand, dass in ihre Gehirne noch nicht eingezogen ist das falsche Stiefelelement der Männerbildung, so kommen sie in die anthroposophischen Vorträge. Sie kommen aus dem Grunde, weil - wenn ich mich bildlich ausdrücken darf - ihr Gehirn noch weicher geblieben ist. Es kann noch ein Neueres mehr aufnehmen als das Männergehirn. Das ist auch als ein tieferer Grund schon vorhanden. Ich will also gar nicht den Damen etwa ein Kompliment machen, dass sie etwa das bessere Gehirn haben; sie haben nur dasjenige, welches weniger verbildet ist. Ich will den Damen auch nicht das Kompliment machen, dass sie die Anthroposophie, weil sie Damen sind, besser verstehen, sondern nur deshalb verstehen sie sie besser, weil sie aus dem Gemüte heraus urteilen und weniger gelernt haben von dem, was man gewohnt worden ist zu lernen in den letzten vier Jahrhunderten. Da stellt sich eben gerade dieser Bildung der letzten vier Jahrhunderte ganz bewusst die Geisteswissenschaft entgegen und verlangt einfach umfassendere Gedanken, welche auch zunächst das Vorstellen beweglicher machen, aber vom Vorstellen aus den ganzen Menschen beweglicher machen. So kann man schon sagen: Jemand, der durch die Trainierung der Geisteswissenschaft gegangen ist, wird leichter eine Wirklichkeit, auch vom wirtschaftlichen Zusammenhang, durchschauen als derjenige, der nur aus der Bildung der letzten Jahrhunderte hervorgegangen ist. Ich habe schon letzthin einmal aufmerksam darauf gemacht, wie wenig diese Bildung der letzten Jahrhunderte geeignet war, auf das Wesentliche der Sache hinzusehen. Ich habe aufmerksam darauf gemacht, wie in einer bestimmten Zeit des neunzehnten Jahrhunderts die Goldwährung aufgekommen ist gegen den früheren Bimetallismus. Diejenigen, die die Goldwährung vertreten haben, haben überall - Sie können das nachlesen in den verschiedensten Parlamentsberichten - überall behauptet, durch die Goldwährung werde der Freihandel auf die Beine gebracht werden. Die Zollschranken der verschiedenen Länder werden fallen. - Nun, es ist zweifellos, wenn diese Zollschranken gefallen wären, wir stünden heute woanders, als wir stehen. Aber es sind ja nicht bloß die Zollschranken nicht gefallen, sondern jeder, der heute Grenzen passiert, der weiß, dass noch ganz andere Schranken aufgerichtet worden sind. Nichts ist eingetroffen von dem, was gelehrte Nationalökonomen und Lebenspraktiker vorausgesagt haben als Frucht der Goldwährung, des Monometallismus. Gar nichts ist davon eingetroffen, überall das Gegenteil davon: Aufrichtung der Zollschranken. Das heißt: Die verehrten Praktiker auf allen Gebieten des Lebens, sie haben sich gründlich geirrt, sie haben gar nichts vorausgesehen von dem, wie die Wirklichkeit läuft. Was da im Großen zutage getreten ist - im Geschäftsleben -, im Kleinen ist es überall zutage getreten und tritt heute noch überall zutage. Dasjenige, was Überschauen der Verhältnisse ist, es ist nicht anerzogen worden den Menschen. Aus dem, was man bis in die höchsten Schulen hinauf lernen konnte, ergab sich nicht eine Erziehung der Menschenseele für das Überschauen auch der größeren Zusammenhänge des praktischen Lebens. Nun glauben Sie aber durchaus nicht, dass ich all die Praktiker oder die gelehrten Nationalökonomen, die das ausgesagt haben, was ich eben jetzt angedeutet habe, dass ich die für Dummköpfe halte. Im Gegenteil, ich finde, dass die Leute, die, namentlich in den Sechzigerjahren, Fünfzigerjahren, in den europäischen Parlamenten geredet haben, in den europäischen Zeitungen geschrieben haben, sehr gescheite Leute waren. Sehr gescheite Leute haben Falsches vorausgesagt, aus dem Grunde, weil man gar nichts Richtiges voraussagen konnte nach den Verhältnissen, die da waren. Denn, meine sehr verehrten Anwesenden, die Gescheitheit hilft einem nichts, wenn man nicht durch diese Gescheitheit Lebenserfahrungen machen kann. Und die Verhältnisse, wie sie da waren im Industrialismus, im Kommerzialismus, die boten eben nur die MöglichkeiL das Nächste zu sehen; sie boten nicht die Möglichkeit, auch die gescheitesten Gedanken anzuknüpfen an dasjenige, was in der Wirklichkeit lebt. Man hatte sich gewöhnt, in der Wissenschaft durch das Mikroskop zu sehen, das Kleinste sich zu vergrößern, damit man ja nicht irgendwie Größeres zu beurteilen hat. Das hat anerzogen den Menschen den Blick auf die kleinsten Verhältnisse. Das ist nur ein Vergleich, eine Analogie, aber die Analogie gilt. Geisteswissenschaft will also als Wichtiges nicht betrachten dasjenige, was man als Inhalt lernen kann, sondern sie will als Wichtigstes betrachten die Erziehung, welche der Mensch erlangt durch die Gedanken, die er sich machen muss, wenn er Geisteswissenschaft begreifen will. Und deshalb liegt eine innere Notwendigkeit vor, dass gerade diese Geisteswissenschaft sich ergeht heute in den praktischen Gebieten des Lebens, denn sie will jene Schulung des Menschen heranbilden, welche ihn befähigt, klar, ohne Illusion in die praktischen Gebiete des Lebens hineinzuschauen. Und so kann man sagen: Weil man [nicht] in der Lage war, von solchen grÖßeren Gesichtspunkten aus die soziale Frage zu betrachten, deshalb ist man zum wahren Antlitz eigentlich nicht gekommen. Heute, nach der Kriegskatastrophe, könnte man eigentlich schon sehen: All die Diskussionen, die man geführt hat, all die schönen Theorien, die man aufgestellt hat, sie sind eigentlich für nichts, sie führen im Grunde genommen nicht zu etwas; denn man hat es ja gar nicht zu tun mit der Schlechtigkeit von Einrichtungen; man hat es gar nicht zu tun, nicht wahr, nicht im Großen, selbstverständlich im Einzelnen wohl, aber nicht in dem Umfange, wie man sich das in den illusionären Theorien der Sozialisten und Antisozialisten ausmalt, man hat es nicht zu tun, nicht im Allerentferntesten zu tun mit solchen Gegensätzen wie Kapital und Lohn - worauf ganze breite Theorien aufgebaut werden -, nein, man hat es mit etwas ganz anderem zu tun. Man hat es zu tun mit dem, dass in breiten Massen der Bevölkerung der zivilisierten Menschheit Empfindungen, Triebe herangewachsen sind, die man durch Jahrzehnte hindurch unberücksichtigt gelassen hat und die man verstehen sollte. Man sollte menschlich verstehen dasjenige, was da heranstürmt. Man sollte sich fragen: Wie sind die Menschen gearteL die heute Revolution oder sonst etwas verlangen, die heute anstreben die politische Macht oder dergleichen? Wie ist das heraufgekommen in diese Menschenseelen? Als eine Menschheits frage sollte man das betrachten, was soziale Frage ist, dann könnte man Ideen gewinnen, wie man das, was uns vorliegt, bewältigen soll. Immer wieder und wiederum wurde nicht danach gefragt: Wie bilden sich die Seelen der breiten Masse des Proletariats aus? Sondern es wurde danach gefragt: Wie sind die Lebensverhältnisse der breiten Masse des Proletariats, da die Proletarier selber, unter dem Einfluss der bürgerlichen Bildung, bildeten sich nur Begriffe, die eigentlich herangeschult waren in der nationalökonomischen Wissenschaft des Bürgertums. Irgendetwas, was wirklichkeitsgemäß die soziale Lage erfasst, haben wir ja in der allgemeinen Weltbildung heute überhaupt noch gar nicht. Man kann sagen, meine sehr verehrten Anwesenden: Dasjenige, was einem das Herz am meisten belastet, wenn man es heute aufrichtig mit der sozialen Frage meint, das ist, dass so wenige klar und deutlich einsehen wollen, welche Schuld die führenden Kreise in der neueren Zeit auf sich geladen haben, eine wirkliche Schuld, wahrhaftig nicht auf dem Gebiete des äußeren wirtschaftlichen Lebens so sehr als gerade auf dem Gebiete des Bildungslebens, auf dem Gebiete des geistigen Lebens. Man hat eine ganz neue Klasse in den letzten Jahrhunderten heranwachsen sehen. Man hat diese neue Klasse neben sich gehabu man hat es mit angesehen, wie diese neue Klasse eine ganz neue Sprache für Seelenentwicklung hat, auf die man nicht hingeschaut hat. Man hat fortgefahren, die alte Sprache der Tradition zu sprechen im Bildungsleben der führenden Kreise. Man hat sich nicht darum gekümmert, zu überbrücken die Kluft zwischen den führenden Klassen und den Klassen, die heraufkamen im Proletariat. Man hat dem, was in der Menschheit heraufwuchs als Menschheitsfrage, wirklich kein Interesse zugewendet. Man hat höchstens Anstalten und Einrichtungen getroffen, die im Sinne der altorientierten Wohltätigkeit sorgen sollten für die breiten Massen, sorgen sollten für Magen, Kleid und Wohnung und so weiter. Man hat aber nicht bedacht, dass es nötig geworden ist, eine Weltanschauung zu erringen, in der sich verständnisvoll alle Menschen der neueren Zeit zusammenfinden können. Heute haben wir die Früchte. Sie lesen heute in den Zeitungen des Proletariats hohnerfiillte Auslassungen über alles dasjenige, was von den führenden, von den ehemals führenden Klassen ausgegangen ist. Sie lesen davon, dass eigentlich all das, was man gedacht hat in früherer Zeit, all das Denken über Kapitalismus, Sie lesen, dass das alles nichts taugt, dass ein ganz anderer Geist kommen müsse, der Geist der großen Masse, der Geist, der herausraucht so aus den großen Massen, wie der Rauch aus dem Schornstein raucht. Die allerärgste Abstraktion, sie ist der Götze geworden der breiten Masse des Proletariats; ein unbestimmter Geist, der aufsteigen soll aus der Gesamtheit. Zwei Fragen kann man stellen; die eine, die man sich beantworten muss aus einem tieferen Verständnis der Geschichte, die immer wieder und wiederum besagt, dass ja der Geist, wenn er wirken will im Leben, durch Persönlichkeiten gehen muss, dass niemals ein Geist herumfliegt, ohne dass er durch Persönlichkeiten wirkt. Aber die andere Frage - man kann sie heute sehr konkret stellen. Zuerst ist ausgegangen eine praktische Verwirklichung desjenigen, was gemeint werden kann in sozialer Beziehung, hier von Dornach aus [und] von unseren Freunden in Stuttgart. Sie wissen, unsere Freunde Molt, Ungek Kühn, Leinbas und andere haben sich in Stuttgart zusammengetan, um einmal dasjenige, was von Dornach in sozialer Beziehung ausgehen kann, ins praktische Leben überzusetzen. Wir haben dann - ich will die Einzelheiten selbstverständlich übergehen -, wir haben dann angefangen etwa im April 1919 zu arbeiten. Selbstverständlich kann ein solches Arbeiten - wo man es nicht zu tun hat mit Wachsfiguren, sondern mit der lebendigen Menschheit der Gegenwart -, es kann ein solches Arbeiten nur so sein, dass es Schritt für Schritt verläuft, mit genauer Berücksichtigung der wirklichen Verhältnisse. Und man darf sagen: Insbesondere in den ersten 14 Tagen unserer damaligen Arbeit ist eigentlich alles recht gut gegangen. Es ist dasjenige bis zu einem gewissen Grade gelungen, was gelingen muss: für vernünftige soziale Ideen breitere Kreise des Proletariats zu gewinnen. Wäre dazumal auch noch etwas anderes gelungen, nämlich breitere Kreise des Bürgertums, der führenden Klasse, für diese Ideen zu gewinnen, namentlich die damals Erstführenden zu gewinnen, dann wäre ganz gewiss etwas, was sehr fruchtbar hätte werden können, geschehen. Aber die breiteren Kreise des Bürgertums haben im Grunde genommen zunächst ganz versagt, weil sie eben nicht wussten, dass man es mit einer Menschheitsfrage zu tun habe. Ich habe damals in Stuttgart zu so manchem gesagt, auf den es hätte ankommen können, solche Dinge zu verstehen: Ja, sehen Sie, dass wir uns, Sie und ich, über soziale Theorien unterhalten, das kann ja ganz gewiss einen guten theoretischen und später auch einen praktischen Wert haben, aber darauf kommt es jetzt zunächst nicht an, sondern es kommt darauf an, dass man etwas tun könne, dass man die Menschen zusammenbringt, die zusammen etwas wirklich tun können. Dazu ist es notwendig, dass zum Beispiel zu den Arbeitern so geredet wird, wie [es] die Arbeiter verstehen können, sodass man zunächst die Arbeiter hat. Ich sagte sogar: Wenn Ihnen manches nicht gefällt, was in der Sprache des Proletariats zu dem Proletariat gesprochen sein muss, so kommt es ja darauf zunächst nicht an, sondern es kommt darauf an, dass man die Menschen zusammenbringt. Habe man nur die Geduld, die Menschen zusammenzubringen. Dass die moderne soziale Frage eine Menschheitsfrage ist, dem brachte man wirklich recht wenig Verständnis entgegen. Und so konnte es kommen, dass eines Tages die sogenannten Führer des Proletariats bemerkten - es ist immer dies das Schlimmste, wenn die Führer irgendeiner Partei oder Klasse oder Religionsgemeinschaft bemerken, dass man unter ihren Schäflein Anhänger erwirbt; das ist immer das Gefährlichste eigentlich. Sie interessieren sich nicht stark für die Dinge, wenn man Kohl redet und keine Anhänger gewinnt. Aber als die Leute merkten: Ja, da verwandelt sich etwas, da erschienen sie auf dem Plan, und da zeigte es sich sehr bald, dass durch alles MÖgliche, was an törichter Aufwärmung alter sozialistischer Theorien und Marxismen getan werden konnte, eben getan wurde, dass den Leuten eingeredet wurde, dass man es doch nicht ehrlich und aufrichtig mit ihnen meine, sondern dass man doch auch etwas von verkappter Kapitalist oder mindestens Kapitalistenknecht sei. Kurz, es erschienen einige wenige führende Persönlichkeiten auf dem Plane, und flugs war die Masse verflogen, verstoben. Das ist etwas, was in sehr konkretem Sinne lehrt, dass der Geist nicht etwas ist, was aus der breiten Masse herauskommt und herumfliegt, sondern indem uns die Stuttgarter Arbeiter gezeigt haben, dass sie in Bezug auf die Methode [des] Gehorchens katholischer sind, als nur jemals römische Katholiken gewesen sind, konnte man sehen, dass all das ein Klimborium ist, eine Phrase von dem «Geiste», der «aus den Massem stammt, dass auch heute die Massen, wie sie es immer getan haben, folgen einigen wenigen Leithammeln. Nicht nur die Geschichte lehrt das, sondern das lehrt auch die Erfahrung. Denn es hätte sich eben [darum] gehandelt, zu untergraben den Boden - ich sage es ganz aufrichtig -, zu untergraben den Boden den Führern. Ehe man sich das nicht eingesteht, dass nichts besser werden kann, wenn die Führer nicht wegkommen aus dieser Führung der breiten Massen, die herausgekommen sind aus den Verhältnissen der letzten Jahrzehnte, eher wird die Sache nicht besser. Das ist dasjenige, auf was es ankommt. Deshalb musste man auch - und darinnen sind sogar von uns Fehler gemacht worden -, deshalb musste man auch mit Ausschaltung alles desjenigen, was die Führer taten, direkt herangehen an die Masse selber. Eine Menschheitsfrage ist es, und sie ist im Grunde genommen als Menschheitsfrage aufgestiegen, und man hat hie und da bemerkt: Es handelt sich darum, zu erringen nicht einzelne Einrichtungen, sondern eine solche Welt- und Lebensauffassung, durch die man eine Brücke schaffen kann zwischen den Menschen, die als führende Klasse aus der alten Weltordnung hervorgegangen sind, und denen, die so wild wühlen im Proletariat. Aber das ist das Merkwürdigste: Diejenigen Menschen, die etwas gesehen haben, sie sind immer wie Prediger in der Wüste gewesen. Man kann ja die merkwürdigsten Erfahrungen durch sachgemäße Rückblicke machen. Als ich meinen ersten Aufruf geschrieben habe, der ja dann als Nachtrag in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» auch erschienen ist, den so viele Leute unterschrieben haben, da wurden manche Leute wütend darüber, weil ich [darauf] hingewiesen habe, wie die letzten Jahrzehnte, namentlich in Deutschland, ganz und gar nicht geeignet waren, wirklichkeitsgemäße Aufgaben zu stellen und zu lösen; und heute noch immer bekomme ich wütende Briefe gerade über diesen ersten Aufruf von «gutmeinenden» Leuten. Und dennoch, diese Leute kennen alle nicht die Tatsachen. Tatsachen spiegeln sich nur in so etwas, wie zum Beispiel das Folgende ist. V[iktor] A[imC] Huber hat in einer Zeitschrift 1869 - ich bitte, die Jahreszahl zu berücksichtigen, ich wähle diese Jahreszahl und gerade dieses Zitat ganz absichtlich, weil dasjenige, was da niedergeschrieben wurde, also liegt vor der Wiederaufrichtung des deutschen Reiches -, Huber hat in einer in Stuttgart erscheinenden Zeitschrift 1869 das Folgende zum Beispiel geschrieben, indem er zuerst hingewiesen hat darauf, wie die Arbeiterfrage entstanden ist, wie die soziale Frage zu den Fenstern hereinschein4 nachdem er auseinandergesetzt hat, wie man versuchen soll, wie er es nennt, durch den «Korporationsweg», durch den Weg des sachgemäßen Zusammenschlusses etwas von Minderung der Gegensätze, die sich herausbilden müssen, zu schaffen, nachdem er - 1869, meine sehr verehrten Anwesenden -, nachdem er gesagt hat: Wenn man den Geist weiter entfaltet, den man bisher entfaltet hat im Ansehen der sozialen Frage, dann kommt die Zeit, wo der Militärstaat in einer furchtbaren Weise offenbaren wird diese Frage als «Sein oder Nichtsein». - Diese Worte stehen 1869 in einer Stuttgarter Zeitschrift! Ich möchte wissen, wie viele Menschen das gedacht haben, jetzt oder nach der sogenannten deutschen Revolution, wo man das Wort «Sein oder Nichtsein» immer wieder gebraucht hat, wie viele Menschen bedacht haben, dass ein etwas Hellsichtigerer 1869 [das] schon hingeschrieben hat, in einer Zeit, in der man ganz anderen Tatsachen gegenübergestanden hätte, als man heute gegenübersteht. Der Mann schrieb, nachdem er solche Dinge auseinandergesetzt hat: Auch hier werden wir also schließlich auf eine Reform, Stärkung und Vermehrung aller Anstalten und Mittel der sozialen Volksbildung auf allen, hier aber namentlich auf den höheren Stufen, als unerlässliche Bedingung sozialer Reformen verwiesen. Der Mann hat gemerkt, dass es sich handelt um die Ausbreitung eines besonderen Geisteslebens, das allerdings damals noch nicht da war. Aber es hätte können aus solchen Untergründen Verständnis für ein Geistesleben erwachsen, wenn man überhaupt solche Menschen gehört hätte in dem Taumel der nächsten Jahrzehnte. Und sogar noch präziser hat dieser Mann gesprochen 1869: Dass davon ohne eine gründliche Hebung des Geistes unserer Universitäten nicht die Rede sein kann, versteht sich von selbst, und zwar umso mehr, je weniger man dort - nämlich an den Universitäten eine Ahnung oder gar ein Verständnis dieses Bedürfnisses und dieses Berufs hat. Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, während der Mann gesagt hat, 1869: An den Universitäten muss begonnen werden, da muss was anderes hinein in die Hörsäle, denn es ist von dem Geiste weit entfernt, der Platz greifen muss in der Menschheit, wenn Besserung eintreten soll -; während der Mann das 1869 gesagt hat, kommen heute die Leute, die's «gut meinen», und sagen: Also begründen wir Volks-Hochschulen! Das heißt: Nehmen wir in Bausch und Bogen dasjenige, was an den Universitäten ausgekocht worden ist, kochen wir es in etwas günstigeren Präparaten, dass es der Menge frommt, in Präparaten, in kleineren Gefäßen verabreichen wir dasselbe Zeug, dann wird alles besser werden. - Was heißt das in Wirklichkeit? In Wirklichkeit heißt es: Das, was nichts getaugt hat, als es die führenden Klassen getrieben haben, nun hineingetragen in die breiten Massen, da soll es etwas taugen. Nicht darum handelt es sich, dass wir dasjenige, was gelehrt worden ist, weiter hineintragen in die breiten Massen, sondern darum handelt es sich, dass wir an die Stelle desjenigen, was gelehrt worden ist, und was uns in die Katastrophe hineingetragen hat, dasjenige setzen, was hier immer betont wird, wovon hier ausgegangen wird, ist: Wir müssen erst diejenige Geisteskultur finden, die in die Volkshochschule hineinführt. Die werden wir nicht finden, wenn wir uns nicht herbeilassen, aus der materialistischen Wissenschaft den Weg herauszufinden in die Geisteswissenschaft hinein. Dasjenige, was aus der alten Wissenschaft kommt, das haben gelernt die Führer der Proletarier, das haben gelernt die Trotzkis, Lenins und so weiter, und so weiter. Das hat zu dem geführt, was diese Leute den Proletariern predigen, was sie einrichten. Das, das ist genügend verbreitet. Das ist dasjenige, womit man eben nichts machen kann. Dasjenige, was wir brauchen, das ist dasjenige, was aus der Geisteswissenschaft kommt. Das ist nicht etwas, was den Leuten zum Beispiel auf sozialem Gebiet sagt: Richten wir das so ein und so ein, militarisieren wir die Arbeit, dann wird ein Paradies auf der Erde entstehen! Solch einen Satz werden Sie in den «Kernpunkten der sozialen Frage» nicht finden. In den «Kernpunkten der sozialen Frage» finden Sie als Ausgangspunkt dieses: Wir wollen einen möglichen sozialen und lebensfähigen sozialen Organismus haben, das heißt, wir wollen nicht ein irdisches Paradies, ein solches ist vielleicht ganz unmöglich. Das ist überhaupt gar keine Frage, ob man dies oder jenes anstreben soll, denn selbstverständlich streben die Leute, wenn ihnen eines geboten wird, wieder etwas Höheres an; denn dasjenige, was man einmal angestrebt hat als das Höchste, das ist sogleich wiederum das Niedrigste in einem nächsten Moment. Darauf kommt es gar nicht an, den Leuten den Himmel auf der Erde zu versprechen, sondern darauf kommt es an allein, zu studieren, wie der soziale Organismus lebensfähig wird, wie er am besten zum Leben gebracht werden kann. Dann wird sich vielleicht ergeben, dass nicht alle Wünsche der Menschen erfüllt werden können, aber es könnte ja sogar ein besonders geistreicher Mensch sagen - ich habe solche gekannt, ich habe in meinem langen Leben manchen Kostgänger des Lebens kennengelernt -, es könnte zum Beispiel Menschen einfallen, zu sagen: Es ist eine höchst unzweckmäßige Einrichtung, dass sich da Wesen auf zwei Pendeln weiterbewegen, das könnte alles anders eingerichtet sein; dieser physische menschliche Organismus, da ist so vieles unzweckmäßig, und so weiter, und so weiter. - Es könnte durchaus besonders angelegte Köpfe geben, die sich den menschlichen Organismus viel anders vorstellen kÖnnten, als er ist. Es würde die Vorstellung natürlich keine wirklichkeitsgemäße sein. Aber es gibt diese Leute, ich habe sie kennengelernt. So gibt es natürlich auch die Menschen, die den anderen das Paradies auf Erden versprechen. Aber das ist kein Beweis, dass das auch möglich ist, einzurichten, was die Leute versprechen und worinnen sie Verständnis finden, denn, selbstverständlich, man braucht den Leuten nur das zu versprechen, das, was sie wollen und wünschen, dann findet man Verständnis in breiten Kreisen leichter, als wenn man bloß von dem spricht, was möglich ist, wenn man bloß von dem spricht, was die soziale Frage wirklich gestalten kann. Von dem allein sprechen die «Kernpunkte der sozialen Frage». Deshalb, weil von dem allein gesprochen werden kann, ist man zu der scheinbar utopistischen, aber nur für oberflächliche Blicke scheinbar utopistischen Dreigliederung des sozialen Organismus gekommen, denn man mag, wenn man nicht geblendet ist durch vorgefasste Theorien, wo immer das Leben anfassen - überall zeigt sich, dass die Hauptstruktur unseres jetzigen Geisteslebens, sogenannten Geisteslebens, dadurch heraufgezogen ist, befördert worden ist, dass der Einheitsstaat dieses Geistesleben mit seinen Prinzipien beglückt hat, dass der Einheitsstaat, gewiss, unter dem Zwänge der konfessionellen Notwendigkeiten - damals, als es geschehen ist, war es eine Notwendigkeit, heute können wir darüber hinauskommen -, dass der Einheitsstaat damit dieses Geistesleben, indem er die Schulen an sich gezogen hat, dieses Geistesleben so gestaltet hat. Er erzieht sich seine Menschen, wie er sie braucht. Er erzieht sich Theologen, wie er sie braucht, er erzieht sich Juristen, Mediziner, wie er sie braucht. Die Schweiz braucht zum Beispiel Mediziner, die nur in der Schweiz, an schweizerischen Fakultäten gebildet sind, weil ein ein paar Stunden weiter weg gebildeter Mediziner eben nicht heilen kann in der Schweiz; und so ist es mit den Philologen, so ist es mit allen. Der Staat, wenn er das Bildungswesen in der Hand hat, muss selbstverständlich seinen Gesichtspunkt geltend machen. Nun stellen Sie sich an Stelle eines solchen staatlichen Bildungswesens ein Bildungswesen vor, das sich ganz und gar selbst regiert, ein Bildungswesen, das von den untersten Schulen bis hinauf zu den höchsten Schulen als Verwalter diejenigen hat, die lebendig in diesem geistigen Bildungswesen drinnenstehen - der Lehrer so lange unterrichtend nur, dass er Stunden frei behält, in denen er sich der Verwaltung des Unterrichtswesens widmen kann; niemand anders beteiligt an dieser Verwaltung des Unterrichtswesen als derjenige, der aktiv drinnensteht. Keine KÖrperschaft hat hineinzureden, kein Parlament; denn dasjenige, was in Bezug auf die Heranbildung des Geisteslebens zu sagen ist, erfordert Fachbildung und Sachkenntnis, erfordert gewisse Fähigkeiten und würde sich nur ausbilden können, wenn das Geistesleben auf seinem eigenen Boden steht. Sobald dasjenige, was aus Majoritätsmeinungen oder aus der Durchschnittsanschauung herauskommt, als Gesetz verfügt wird und dann in die Verwaltung übergeht über das geistige Bildungswesen, muss dieses geistige Bildungswesen verkümmern. Und ein innerer Zusammenhang ist zwischen dem materialistischen Typ unseres modernen Geisteslebens und der Verstaatlichung dieses Geisteslebens. Sehen Sie, man kann da besondere Dinge erleben. Die Leute können nicht immer gleich einsehen, wenn sie nicht in der Geisteswissenschaft drinnenstehen, die selbst durch sich, durch ihre ganze Wesenheit zeigt: Es kann das, was durch sie angestrebt werden muss, nur im freien geistigen Leben angestrebt werden; es kann nur angestrebt werden, wenn es von den Persönlichkeiten einzig und allein ausgeht, wenn es nur so gut und so schlecht wird, als die Persönlichkeiten eines Zeitalters es machen können, wenn man sich nicht der Illusion hingibt: Da sind Gesetze, die schreiben vor, wie unterrichtet werden soll. Was nützen die Gesetze! Auf die Lehrer kommt es an, auf die realen konkreten LehrerpersÖnlichkeiten kommt es an; auf die Menschen kommt es an, die im Unterricht, im Geisteswesen überhaupt drinnenstehen, dass sie zu gleicher Zeit das verwalten. Wenn wir hypothetisch einmal annehmen wollten den traurigen Fall, dass in einem Zeitalter, in einer Generation nur blitzdumme Lehrer da wären, so würde eben diese Generation blitzdumm auferzogen werden müssen. Das wäre noch immer besser, als wenn gute Gesetze da wären für das Unterrichtswesen, und diese guten Gesetze eben in einer noch schlechteren Weise behandelt würden als schließlich die Dummheit, wenn sie aus dem Menschen selber hervorsprießt. - Auf geistigem Gebiete ist es notwendig, dass dasjenige, was geschieht, aus den Fähigkeiten des Menschen herauskommt, denn dadurch wird es das zu einem gegebenen Zeitalter immer denkbar Beste. Das ist es, worauf es ankommt. Daher kommt es, dass man nicht gleich einsehen kann, dass diese Freiheit, diese Emanzipation des Geisteslebens als des einen Gliedes des sozialen Organismus, eine Notwendigkeit ist. Es kann vorkommen, dass einem sehr gutmeinende, sehr gescheite Leute den Einwand machen - er kommt immer wieder vor -, sagen wir zum Beispiel, es ist einer, ich will jetzt sagen, in dem Staate X - um keinem nahezutreten -, es ist einer im Staate X, und man sagt ihm, dass das notwendig sei, die Dreigliederung des sozialen Organismus, die Freiheit des Geisteslebens. Da wird er vielleicht das Folgende sagen: Ja, im anderen Staate Y, Z und so weiter, da ist es schon so, wie du sagst, aber bei uns in X, da, da merken wir nichts von der Abhängigkeit des Unterrichts von der Regierung, von den staatlichen Mächten; bei uns ist das Unterrichtswesen nicht gestört durch die staatlichen Mächte. Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, ich möchte sagen: Das ist eben gerade das Schlimme, dass die Leute so sagen, denn indem sie so sagen, merken sie eben nicht mehr, wie sie abhängig sind. Sie sind schon so abhängig, dass ihnen ihre Abhängigkeit als Freiheit erscheint. Durch ihren Kopf geht nur die Abhängigkeit. Sie finden alles gut, was in ihren Kopf hineingesetzt wird, und weil sie den Staatsanordnungen so brav wie eine Selbstverständlichkeit gehorchen, so fühlen sie sich nicht im Geringsten durch sie beirrt. Sie merken gar nicht nämlich, wo eigentlich die Sache liegt. Das ist gerade vielleicht das Allerschlimmste, dass gerade auf geistigem, namentlich aber auf erzieherischem Gebiete es schon so weit gekommen ist, dass die Leute gar nicht mehr fühlen, wie sie abhängig sind, dass sie diese Abhängigkeit als Freiheit glorifizieren. Selbstverständlich, wenn einer so denkt, wie jener Pfarrer als Auskunft gegeben hat, der gerade eine Predigt gehalten hat und in dieser Predigt ausgeführt hat, dass der Mensch nach der Weisheit der Welt am allerbesten gebaut ist, da wartete am Kirchenausgang auf ihn ein Buckliger, und der fragte dann den Herrn Pfarrer: Ja, Hochwürden, können Sie mir sagen, dass auch ich am allerbesten gebaut sei? - Da sagte er: Für einen Buckligen bist du am allerbesten gebaut. - Ja, sehen Sie, wenn man selbstverständlich spricht von der Freiheit des Geisteslebens zu Menschen, die die Abhängigkeit als Freiheit empfinden, so sagen einem diese: Ja, wir haben ja alle Freiheit! Das ist das eine Glied des dreigliederigen sozialen Organismus, das freie Geistesleben. Ebenso wenig wie das Geistesleben verträgt die schematische Einordnung gerade in den demokratischen Staat, in den am allerwenigsten, weil Demokratie nur zur Manifestierung von Durchschnittsmeinungen führen kann, und Durchschnittsmeinungen sind am allerunerträglichsten in der freien Entfaltung des Geisteslebens, geradeso wenig aber, wie das Geistesleben die schematische Prinzipienreiterei des Staates verträgt, ebenso wenig [verträgt sie] das Wirtschaftsleben. Das Wirtschaftsleben, das verträgt nur ein Arbeiten so aus wirklichen Verhältnissen heraus, wie das Geistesleben ein Arbeiten aus den menschlichen Anlagen heraus verträgt. Das Geistesleben muss so arbeiten, wie es aus den Anlagen der Menschen eines Zeitalters heraus möglich ist; das Wirtschaftsleben muss so arbeiten, dass in diesem Wirtschaftsleben zur Entfaltung kommen kann voll Sachverständigkeit, Fachtiichtigkeit und Drinnenstehen in einem Zweige des Wirtschaftslebens, so, dass die anderen, die mit diesem Wirtschaftszweig zu tun haben, Vertrauen haben können zu dem, der in diesem Wirtschaftszweig drinnensteht. Das heißt, das Wirtschaftsleben ist nur mÖglich, wenn es aufgebaut wird auf assoziativem Wege, wenn es so aufgebaut wird, dass dasjenige, was im Wirtschaftsleben zusammengehört, sich zusammenschließt, dass sich Wirtschaftskreise - seien es Berufskreise, seien es Kreise, die einander gegenüberstehen wie Produktionskreise, Konsumtionskreise und so weiter, dass sich Kreise zusammenschließen so, dass sie assoziiert sind. Selbstverständlich kann nicht jeder Kreis in jedem Kreis assoziiert sein; aber es ist auf mittelbare Weise ein Assoziieren durch das ganze Wirtschaftsleben möglich. Dadurch aber, dass so [siehe WandtafelTafel 1 zeichnung, S. 596/ die einzelnen Wirtschaftskreise ineinander assoziiert sind, dadurch steht derjenige, der in irgendeiner Assoziation drinnensteht, der steht [einer anderen] gegenüber und kann aus den Verhältnissen, denen er gegenübersteht, durch Verträge oder Ahn liches, das herausgewinnen, was notwendig ist, damit man Unterlagen hat für ein sachgemäßes Wirtschaften. Das Wirtschaftsleben kÖnnen Sie nie organisieren, sondern man kann es nur assoziieren. Man kann nicht von einer Zentralstätte aus, so, wie es Lenin und Trotzki machen wollen, organisieren, wie die einzelnen Berufsstände arbeiten sollen und so weiter, sondern man kann nur, indem man die Berufsstände hat, versuchen, sie in solche wirtschaftlichen Verbände zu bringen, dass der eine den ändern trägt, dass der eine für seine Arbeit aus dem, was er vom ändern erfährt, Vertrauen herausgewinnt. So die Verhältnisse wirklichkeitsgemäß anzuschauen, liegt ja den Menschen der Gegenwart so furchtbar ferne. Ach, was für Ironie der Tatsachen erlebt man doch in unserer Zeit! Wir haben es erlebg meine sehr verehrten Anwesenden, dass in gewissen Staaten der Segen des Militarismus von den Parlamenten ausgesprochen worden ist, dass niemand als höchstens kleinere Parteien Widerspruch erhoben hat. Es ist jahrzehntelang hinter uns. Wir haben es erlebt, insbesondere während dieses Krieges, dass diejenigen, die die Verhältnisse am wenigsten durchschaut haben wiederum, aus dem Antimilitarismus [heraus] ihre Dekrete losgelassen haben! Es kommt ja gar nicht darauf an, dass einer recht hatte, sondern darauf, dass man weiß, warum einer recht haben kann, dass man die Verhältnisse kennt. Und wir haben es erlebt, dass heute im sozialistischen Deutschland zum Beispiel über einen Militarismus losgedonnert wird, und wir erleben einen Mann, der nun auch in einer gesetzgebenden Versammlung heute sagt: «Der Militarismus hat nicht nur Schattenseiten gezeitigt, sondern der Militarismus hat große Wohltaten unter die Menschheit gebracht. Bei denjenigen Menschen, die in diesen Krieg gezogen sind, haben wir gesehen, wie sie gelernt haben, zu organisieren; und als sie wieder zurückgekommen sind, haben wir es erlebt, dass wir in den Menschen, die durch die Schule dieses Krieges gegangen sind, die besten Menschen gefunden haben, die in den Fabriken die Arbeit im militärischen Sinne organisieren könnten. Wir haben es erlebt, dass wir eine richtige Stufenfolge von iibereinanderstehenden Menschen durch die Schulung dieses Krieges bekommen haben, dadurch, dass die Menschen dieses Krieges gelernt haben, systematisch zu arbeiten, sich unterzuordnen. Wir sind in die Lage gekommen, den Sieg der militärischen Ordnung für das soziale Leben gründlich einzusehen» - Und noch weiter in diesem Sinne hat dieser Mann fortgesprochen vor wenigen Wochen! Wer war es? Trotzki in Moskau, um zu rechtfertigen die Militarisierung der russischen Arbeit! Ja, man möchte solchen Dingen gegenüber doch fragen: Ist denn nur noch ein Funke von Wachheit in der heutigen Menschheit, wenn sie nicht hinsieht auf diesen krassen Widerspruch des Lebens? Soll denn das Leben fortgehen, wenn diese krassen Widersprüche in diesem Leben drinnenstehen? Es handelt sich wirklich darum, dass zum Beispiel in diesen «Kernpunkten der sozialen Frage» nichts anderes angestrebt wird als dasjenige, was entstehen kann - es ist ausführlich an einer Stelle klar hervorgehoben -, was entstehen kann gerade aus den gegenwärtigen Einrichtungen heraus. Wenn die Menschen, die in diesen gegenwärtigen Einrichtungen drinnenstehen, nur anfangen, sich als Zielrichtung vorzusetzen dasjenige, was der Sinn der Dreigliederung ist - man kann überall heute im Sinne der Dreigliederung [arbeiten], wenn man sich sie als Zielrichtung vorsetzt, wenn man weiß, dass es sich nur darum handeln kann, wirklich auf der einen Seite, wie ich's charakterisiert habe, zu einem freien Geistesleben zu kommen, auf der anderen Seite aber zu einem Wirtschaftsleben [zu] kommen, das nur aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten heraus arbeitet. Sehen Sie, es ist sogar möglich geworden, einige Wochen hindurch in Stuttgart die Leute beisammen zu haben, mit denen man reden konnte über die nächsten Anforderungen eines unstaatlichen, freien Wirtschaftslebens. Wirklich nicht einmal, sondern oftmals sagte ich da den Leuten: Diejenigen, die jetzt berufen sein werden, mitzuarbeiten an dieser freien Gestaltung des Wirtschaftslebens, sie werden wahrhaftig bald, wenn es an den Ernst gehen wird, sehen, dass sie nicht stehen bleiben können bei den sozialistischen Phrasen, bei dem Marxismus und so weiter, sondern dass sie werden arbeiten müssen aus den konkreten Forderungen des Wirtschaftslebens heraus, und jeder an seinem Platze; der Betriebsleiter, der Arbeitsleiter ebenso wie der Proletarier, sie werden arbeiten müssen, jeder von seinem Platze aus, unter Gesichtspunkten, die vom Wirtschaftsleben selber kommen. Da treten dann ganz andere Fragen zutage als diejenigen, die man gewöhnlich heute aufwirft, und namentlich die die Praxis aufwirft. Gerade eben war man daran, einzusehen, dass unter vielem anderen zum Beispiel [es] notwendig sei, darauf zu kommen, wie in einem gewissen Wirtschaftsgebiete ein bestimmter Artikel einen ganz bestimmten Preis haben müsse, eine ganz bestimmte Preislage, und dass einfach die Einrichtungen so getroffen werden müssen, dass eine bestimmte Preislage da ist. Ich habe gezeigt den Leuten, wie man durch Einrichtungen diese Preislagen erreichen kann, nicht durch Dinge, wie zum Beispiel die Geld-Theoretiker mit ihrer Statistik, mit ihrem Staatsamt, was alles utopistisch ist, [es] wollen, sondern wie man das erreichen kann durch die tatsächliche soziale Struktur, durch das, was entsteht durch das Zusammenwirken der Assoziationen. Was ist heute Praxis? Heute ist Praxis, dass durch gewisse Verhältnisse irgendetwas teurer wird. Es wird mehr Lohn gefordert, oder man streikt. Dadurch, dass mehr Lohn gefordert wird, werden wiederum andere Verhältnisse teurer, selbstverständlich, dann wird wieder mehr Lohn gefordert. Und so ist dasjenige, was am wichtigsten ist, zu berücksichtigen: ein bestimmtes Preis-Niveau, dasjenige, was durch unsere sozialen Verhältnisse gerade als das Nichtigste betrachtet wird. Jede beliebige Preissteigerung wird heute mit einer Gleichgültigkeit von den meisten angesehen, während sie ruinös ist für unser Menschheitsleben. Wir waren eben daran, in die konkreten Verhältnisse einzutreten, und man kommt ja nicht weiter, meine sehr verehrten Anwesenden, als dadurch, dass in möglichst vielen Köpfen Verständnis für die konkreten Fragen eintritt. Was wollen Sie denn mit Menschen machen, die nichts verstehen von dem, was sein muss, die nur dasjenige verstehen, was ihnen ihre Agitatoren vorsagen? Glauben Sie, dass Sie da mit denen eine neue wirtschaftliche Ordnung herbeiführen können? Nur mit denjenigen können Sie eine neue wirtschaftliche Ordnung herbeiführen, die zuerst Verständnis gewonnen haben für die Anforderungen des Lebens selber. Alles Übrige im Grunde ge nommen, was die «Kernpunkte der sozialen Frage» für ein freies Wirtschaftsleben fordern, liegt schon in diesem. Denn wovon Einzelne gesprochen haben, wo das aufkuchtet - und schließlich, man muss ja sagen: Die Dreigliederungsidee, ein Stück davon, leuchtet ja auf, ein Stück leuchtet auf -, das machen Theoretiker sogar zu einem Einwände; immer wiederum kommen die Leute und sagen mir: Ja, was Sie da sagen, das wird ja da und dort schon gewollt! Ich kann den Leuten immer nur sagen: Mir wäre es am allerliebsten, wenn alles das, was ich sage, schon gewollt würde. Ich strebe durchaus nicht darnach, etwas Neues zu sagen, sondern dasjenige, was vernünftig aus den Verhältnissen folgt! Aber das ist ja das Wesentliche, dass die Einzelheiten da oder dort gefordert werden, dass es sich aber darum handelt, eben diese Einzelheiten zusammenzufassen. Um das Umfassende, um die großen Linien handelt es sich. Deshalb muss Geisteswissenschaft eingreifen, weil die erzieht zu den großen Linien. Es ist richtig, dass da und dort auftritt Verständnis für das oder jenes, aber dann muss man die Möglichkeit haben, [dieses Verständnis] zur Geltung zu bringen. Und so leuchtet auch bei einzelnen Menschen auf, wie unsinnig es ist, wenn zum Beispiel geurteilt werden soll über eine Frage, nun, sagen wir, die die Industrie interessieren soll. Nun wird geurteilt in den Zweigen, die verstaatlicht sind, von der staatlichen ZentralVertretung oder dergleichen. Das heißt, es wird geurteilt von einer Majorität von Menschen, die unter Umständen überstimmen können jene kleine Minorität, die gerade etwas versteht von der Sache; abgesehen von allem Übrigen, was da an Gegenseitigkeiten und so weiter entwickelt wird, worüber ja einzelne, namentlich Weststaaten wunderbare Gelegenheit geben zu Studien, auch Südstaaten. Daher haben manche vorgeschlagen: Nun ja, das Parlament müssen wir ja haben, den Einheitsstaat müssen wir haben; also brauchen wir wenigstens für das Wirtschaftsleben industrialistische Komitees, Berufsvertretungen im Parlamente. Ja, aber darauf kommt es an, dass diese Berufsvertretungen im Parlamente zunächst für sich wirklich das geltend machen können, was dann von Berufsverband zu Berufsverband entschieden werden kann, was notwendig ist; nicht, dass wiederum alles zusammengemuddelt wird in einem Parlament, um vielleicht Tafel I dasjenige, was für diesen Kreis zu entscheiden ist [siebe Wandtafelzeicbnung/, von den anderen, die's gar nichts angeht, entschieden wird. Man hat in Bezug auf Majoritäten manchmal ganz sonderbare Dinge erlebt zum Beispiel in Österreich, welches ja der «Musterstaat» ist für das Staats-Zugrundegehen. Denn dieser österreichische Staat, man hat ihn zugrunde gehen sehen - ich habe drei Jahrzehnte drinnen gelebt -, man hat ihn zugrunde gehen sehen, wenn man mit offenen Augen dasjenige gesehen hat, was da eigentlich vorgegangen ist. In diesem österreichischen Staat kam es einmal dazu, dass man das Schulgesetz, das da war, zuriickrevidieren wollte. Man wollte wiederum ein reaktionäres Schulgesetz an die Stelle desjenigen setzen, das man nun einmal gehabt hat. Dieses Schulgesetz wäre mit einer Minorität abgelehnt worden, wenn die Verhältnisse normal gewesen wären. Es war nur eine Majorität dadurch zu erreichen, dass mit den ändern Leuten, die für dieses reaktionäre Schulgesetz waren, die Polen mitgestimmt haben. Die Polen mussten mit den anderen Reaktionären zusammen eine Majorität bilden. Die Polen haben dazumal gesagt: Gut, wir bilden mit euch eine Majorität, wir machen mit euch das schlechte Schulgesetz, aber unser Galizien, das muss ausgenommen werden von diesem schlechten Schulgesetz! - So also kamen die Leute im gemeinschaftlichen Parlament zusammen. Es fand sich eine Gemeinschaft, die polnische Delegation, die mit den ändern zusammen den Ländern der anderen, die's nicht haben wollten, ein Schulgesetz gaben, von dem sie ihr eigenes Land ausnahmen. Krass trat das dazumal besonders hervor. Aber wie sollte denn das nicht auf anderen Gebieten vielfach der Fall sein in einem Parlamente wie das österreichische, das ja eigentlich nur Wirtschaftsvertreter gehabt hat. Denn sehen Sie, als man in Österreich, wo ein Minister, der Giskra, ungefähr in derselben Zeit, als der Huber da, [in Stuttgart], seine Anschauungen niedergelegt hat, gesagt hat: Soziale Fragen gibt's ja gar nicht, die hören bei Bodenbach auf - es ist öfter besprochen worden -, in diesem Lande hat man doch so etwas von einer neuen Zeit erträumt. Es kamen solche Träume, dass eine neue Zeit notwendig sei, dass ein Parlament eingerichtet werden müsse. Da hat man das Parlament aufgebaut auf vier Kurien: die Kurie der Großgrundbesitzer, die Kurie der Städte, Märkte und Industrialorte, der Landgemeinden und die Kurie der Handelskammern - durch ihre besondere Eigenart lauter Wirtschaftsgenossenschaften, lauter Wirtschaftsgemeinschaften. Die bildeten dann das Parlament, welches die österreichischen Gesetze machte, die Rechte fabrizierte. Es ist doch ganz selbstverständlich, dass nicht eine Majorität zustande kommen konnte aus den Vertretern der Handelskammern und der Großgrundbesitzer zusammen, dass diese solche Gesetze machten, die in ihren Interessen gelegen waren, nicht solche Gesetze, die hervorgegangen wären aus dem, was in der Neuzeit immer mehr und mehr heraufdämmert in der Menschheit aus dem Gefühl der Demokratie. Gerade derjenige, der es in der Demokratie ernst nimmi; muss das Wirtschaftsleben und [das] Geistesleben, die ja gar nicht auf Demokratie beruhen können, sondern die aus Sach- und Fachkenntnis herauskommen, der muss das Wirtschaftsleben, der muss das Geistesleben absondern von dem, was das Rechtsleben im weitesten Sinne ist, das nur sich entwickeln kann, wenn im Parlament entgegensteht der mündig gewordene Mensch dem ändern mündig gewordenen Menschen als ein Gleicher. Dann darf aber in diesem Parlament auch nur entschieden werden dasjenige, was angeht jeden mündig gewordenen Menschen gegenüber jedem [ändern] mündigen Menschen als einem Gleichen. Und die Frage muss immer wieder sein: Es kann sich nicht darum handeln, dass sich Berufskomitees bilden in einem demokratischen Parlament, und dann doch die Entscheidungen herbeigeführt werden durch Majoritätsbeschlüsse, sondern dass dasjenige, was im Wirtschaftsleben Zukunftstat ist, aus Verhandlungen, aus den direkten Verhandlungen der wirtschaftlichen Verbände dasjenige hervorgeht, was im Wirtschaftsleben aus dem Wesen des Wirtschaftslebens selbst sich herausentwickelt. Dasjenige, was als Dreigliederung des sozialen Organismus auftritt, ist ja gar keine Theorie, ist ja gar kein Programm. Programme habe ich genug erlebt. Es war in den 80er Jahren, da trank ich auch immer meinen schwarzen Kaffee nach Tisch im Wiener LiteratenCafC, im sogenannten CafC Griensteidl. Da kamen nächst Literaten und Verfassern aller Größen, Dichter, Maler, Bildhauer - jeder war eine GrÖße, was immer alle ändern leugneten -, da kamen auch die Sozial-Reformer, da kamen auch die Marxisten zusammen. Viktor Adler war auch immer da. Da konnte man die Programme mittags und abends und mitternachts erleben in den verschiedensten Gestalten. Jeder hat immer gewusst, was das Allerbeste ist, und jeder meinte, die Welt wird zum Paradiese, wenn gerade just sein soziales Programm durchgeführt wird. Das Gegenteil von allen diesen Programm-Macherei[en] ist dasjenige, was angestrebt wird von der Dreigliederung des sozialen Organismus. Auf eine einfache Formel gebracht - was heißt es denn eigentlich? Es heißt: Es gibt im sozialen Leben der Menschheit drei verschiedene, genau voneinander zu scheidende Interessenkreise, Sachkreise. Das eine ist das geistige Leben. Keiner hat das Recht, sich anzumaßen, zu sagen, wie am besten dieses geistige Leben verwaltet wird; keiner hat das Recht, zu sagen: Ich schreibe diesem geistigen Leben ein Programm vor. Das sagt man auch nicht, wenn man in der Wirklichkeit steht, für die man erzogen wird in der Geisteswissenschaft. Aber man sagt: Lasst einmal verwaltet sein dieses geistige Leben von den Leuten, die dazu berufen sind, die aktiv drinnenstehen, dann kannst du dir dein Programm ersparen; dann wird durch dasjenige, was das Leben hervorbringt, das Richtige entstehen. Es handelt sich nicht darum, Programme anzugeben für die Dreigliederung des sozialen Organismus, sondern es handelt sich darum, hinzuweisen darauf, wie die Menschen im Leben sich finden müssen, damit von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr im Leben selber das Beste entstehe. Und ebenso handelt es sich darum, dem Wirtschaftsleben eine solche Gestalt zu verleihen, dass durch die Wirtschaftenden dasjenige entsteht, was immer wieder von Neuem entstehen muss. Denn sehen Sie, das Allerabsurdeste ist überhaupt, soziale Programme aufzustellen, die immer gelten sollen. Denn die soziale Frage, sie ist einmal heraufgekommen, aber man kann sie nicht von heute auf morgen lösen. Die soziale Frage ist eine gewisse Art von Lebensverhältnissen, ist eine Menschheitsfrage, und es kann sich nur darum handeln, dass man das Leben so einrichtet, dass sie fortwährend gelÖst wird, dass von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt die Menschen immer da sind, die das herbeiführen, was die sozialen Fragen lösen kann. Die soziale Frage kann nicht im Bausch und Bogen [auf] einmal gelöst werden, sondern sie muss fortwährend durch das Leben gelöst werden. Dazu ist aber notwendig, dass dieses Leben so dasteht, dass sich die Menschen, die zur Lösung berufen sind, aus diesem Leben herausentwickeln. Außer den wirtschaftlichen und außer den geistigen Fragen bleiben dann noch diejenigen, die sich einfach zwischen den Menschen, die mündig geworden sind, abspielen. Die werden demokratisch entschieden. Sie sind die Rechtsfragen im weitesten Sinne. Das ist dasjenige, was das Leben aufgibt: Das heißl eine Gestaltung des Lebens verlangen, nicht ein Programm aufstellen, nicht eine Theorie ausbilden, sondern nachdenken darüber, wie die Menschen zusammenleben sollen, damit das Leben gestaltet werden könne. Wir können uns heute nicht darüber unterhalten, ob es nun schon zu spät ist für die europäische Zivilisation, oder ob es noch Zeit ist dazu, dass die Menschen sich so zusammenfinden können. Aber wir sollten uns wohl immer wieder und wieder sagen: Deshalb ist die soziale Frage nicht in ihrer rechten Gestalt ergriffen worden, weil man dasjenige, auf was es ankommt, überhaupt niemals ausgesprochen hat, weil man immer glaubte, Programme finden zu müssen oder Einrichtungen aussinnen zu müssen, während es darauf angekommen wäre, sich so zu verständigen in der Menschheit, dass dort [gemeinsame] Interessen sich gebildet hätten, wo das Leben gemeinsame Interessen fordert. Wenn das Wirtschaftsleben, selbstverständlich, heute auf seine eigenen Füße gestellt wird - wir können nicht verlangen, dass gleich morgen die Leute, die drinnenstehen, die nun vollgepfropft sind, sei es mit liberalen, sei es mit sozialistischen, sei es mit konservativen Ideen, dass die aus den wirtschaftlichen Erfordernissen heraus urteilen. In den Fünfziger-, Sechzigerjahren wäre das in einem hohen Maße möglich gewesen. Heute ist schon viel zu viel konfuses Zeug in die Köpfe hineingefahren. Aber darüber hat man ja nicht zu entscheiden, sondern der Wille ist aufzuwenden, dass auch heute noch das Rechte geschehe. Aber man sollte schon eben darauf hinsehen, wie dadurch, dass man, statt sich zusammenzufinden bei den gleichgerichteten Interessen, die Dinge abzulenken hat auf ganz andere Gebiete. Nehmen Sie einmal an, hypothetisch zunächst - was ja heute natürlich eine Hypothese ist -, es stünden die Menschen, gleichgültig, ob sie Arbeitsleiter, ob sie Arbeitsnehmer sind, im reinen Wirtschaftsleben drinnen und wären eine Zeit lang gewöhnt worden, aus den Tatsachen des Wirtschaftslebens heraus die Fragen des wirtschaftlichen Lebens zu entscheiden. Dann würden sich gebildet haben, wenn auch vielleicht erst in der nächsten Generation, aber es würde sich gebildet haben eine Gemeinsamkeit der Interessen, welche zum Beispiel vorliegen muss, wenn diejenigen, die Produzierende sind, zusammenzuwirken haben. Der Arbeiter und der Arbeitsleiter, beide haben ja das gleiche Interesse, wenn die gleichen Interessen nur gepflegt werden. Der Arbeiter und der Arbeitsleiter, sie haben nicht verschiedene Interessen mit Bezug auf zum Beispiel die Entlohnung, sie haben die gleichen Interessen. Aber damit sie ausgefüllt werden in ihren Empfindungen von diesen gleichen Interessen, müssen sie das Wirtschaftsleben überschauen. Man kann es nur überschauen, wenn man erfahren kann von der einen Assoziation aus dadurch, dass man mit der nächsten Assoziation etwas zu tun hat, diese wieder mit einer nächsten [und so weiter], dass sich ein Netz von Vertrauensverhältnissen bildet. Man kann nur erfahren dasjenige, was das wahre Interesse ist, auf diese Weise. Stattdessen werden wahre Interessen aus alledem herausgetragen. Die Menschen, die Arbeitsleiter sind, die stehen dann da [in Tafel 1 der Wandtafelzeicbnung: gefüllte Kreise 0/, die Arbeitsnehmer sind, und 2 die stehen da [in der Wandtafelzeicbnung: offene Kreise O]. Von dem Nächsten werden nun wiederum die Arbeitleiter da stehen, die Arbeitnehmer stehen da, und so weiter, und so weiter. Und so, wie [im] Parlamente sich die Partei bildet - was hier in der wirklichen Arbeit zusammensteht, das steht sich, parteimäßig gesondert, kämpfend gegenüber - ein unnatürliches Verhältnis, ein unsinniges Verhältnis, dem Leben gegenüber betrachtet! Warum? Weil das Wirtschaftsleben nicht abgesondert ist, nicht in seiner Selbstständigkeit lebt, sondern diejenigen, die wirtschaften, nach ganz anderen Gesichtspunkten sich hier in Parteien gliedern, in parlamentarischen Parteien. Wenn hier das Leben mit nichts anderem zu tun hat als mit dem, was angeht alle mündig gewordenen Menschen als Gleiche, was nichts zu tun hat mit dem, was entsteht innerhalb des Wirtschaftslebens selbst, dann ist es unmöglich, dass sich das entwickelt, was sich in unsere Zeit hereinenrwickeln will. Diese Dinge werden schwer verständlich gefunden. Diejenigen, die sie dann schwer verständlich finden, die sagen: Ja, das ist nicht übersichtlich. Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist eben aus dem Leben, und was aus dem Leben ist, das erfordert, dass derjenige, der es verstehen will, ins Leben schaut. Aber heute schauen ja die Leute gar nicht mehr ins Leben, heute schauen sie auf ihre Vorurteile. Der eine hat seine Vorurteile von Marx bekommen, der andere, nun, von den liberalen oder sozialdemokratischen Führern, der Dritte vom Herrn Pfarrer und so weiter, und so weiter. Heure schauen sie nur auf dasjenige, was Theorien sind, was sie nur Praxis nennen. Und so spürt man heute etwas von dem, was eigentlich längst einzelne Menschen gefühlt haben. Sehen Sie, da ist mir was Merkwürdiges passiert. Ich habe in Stuttgart und auch hier an verschiedenen Orten in der Schweiz einen Vortrag gehalten, in dem ich gesagt habe aus der Sache heraus: Wir haben heute statt eines ursprünglichen Geisteslebens Phrase, die sehr der Lüge verwandt ist; statt eines wirklichen Rechtslebens haben wir bloß die Konvention. - Es kann in Bezug auf diese Dinge vielleicht auch noch etwas Ähnliches passieren. - Aber nun habe ich über das dritte Gebiet, über das Wirtschaftliche gesprochen und habe gesagt: Auf dem wirtschaftlichen Gebiete haben wir nicht eine wirkliche Lebenspraxis, nicht dasjenige, was aus wirtschaftlichen Verhältnissen herauswächst, sondern die bloße Routine. - Nun denken Sie, das habe ich gesagt, und heute lese ich - nämlich erst heute habe ich diesen Huber gelesen, wirklich, ich will Ihnen durchaus nicht irgendetwas anheften, was nicht stimmt, ich habe ihn heute wirklich gelesen -, und da lese ich bei diesem Huber - er hat sich nämlich gewisse Korporationsinteressen ausgedacht -, da lese ich bei diesem Huber: «Wo ist denn aber in unserem Reiche> - so sagt der 1869 in Stuttgart -, «wo sind denn die Männer, die diese Einrichtungen treffen könnenh Und dann setzt er fort und sagt: «Am allerwenigs ten finden wir sie bei den Praktikern, bei denen, die sich Praktiker nennen, denn da herrscht heute nichts anderes als die Routine» Und - sagt er - wir brauchten mindestens zehn [Männer]. «Aber wenn ich mich umschaue», sagt er, «ich will gleich (er ist nämlich, wie die Leute damals waren, loyal, ein sehr loyaler Herr) seine Majestät ausnehmen, aber da er ja ohnedies nicht in Betracht kommt, finden sich nicht nur nicht zehn, sondern um die Stufen des Thrones herum und überall draußen findet sich nicht einmal ein Einziger» Ich weiß nicht, ich konnte das nicht so schnell untersuchen, inwiefern der Mann für das Jahr [18]69 recht hatte; aber in unseren heutigen Verhältnissen hat man alle Veranlassung, diejenigen aufzusuchen, die wenigstens Herz und Sinn haben für ein Studium und für ein Eingehen auf die wirklichen Verhältnisse. Das ist es, um was es sich heute handelt. Wir brauchen Menschen, die einsehen, dass eine Erneuerung des Geisteslebens, ein Stellen des Wirtschaftslebens auf seine eigenen Unterlagen durchaus notwendig ist. Wir brauchen dies, weil wir entlasten müssen den Staat, der dann das dritte Glied des dreigliederigen sozialen Organismus bildet mit seinem Rechtsverhältnisse und dem, was dem Rechtsverhältnis verwandt ist. Alles Genauere kann man in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage» nachlesen. Wir brauchen dieses dritte Glied, das die ändern links und rechts abwirft; kurz, wir brauchen diejenige Gliederung des sozialen Organismus, aus der heraus eine Menschengliederung entstehen kann, die gewachsen ist den schwierigen, den außerordentlich komplizierten, den schwierigen Verhältnissen der Gegenwart, die noch komplizierter und schwieriger werden in der nächsten Zukunft. Deshalb wollte ich heute noch einmal hier aufmerksam machen darauf, dass nicht durch eine Willkür, nicht durch die Willkür eines einzelnen [Menschen] und nicht durch die Willkür der Anthroposophischen Gesellschaft, von Dornach hier mit einer geisteswissenschaftlichen Bewegung ausgeht eine Anregung auf sozialem Gebiete. Denn tatsächlich wahr ist es, was immer wieder und wiederum doch einzelne Menschen in den letzten Jahrzehnten eingesehen haben: Ein Besserwerden wird nur möglich sein, wenn eingreift eine gründliche Verwandlung unseres gesamten geistigen Lebens. Dann muss es aber eine solche Verwandlung sein, die nicht bloß theoretisch fordert, die nicht bloß idealistisch ausgesprochen wird, sondern die nicht davor zurückschreckt, wirklich auch Geist, wie man ihn nicht gekannt hat bisher, vor die Welt hinzustellen. Vom Geiste zu reden, das bringen heute viele zustande. Es handelt sich aber nicht darum, vom Geiste zu reden, sondern darum, dass positiver, konkreter Geist gegeben wird. Positiver, konkreter Geist muss schöpferisch sein, schöpferisch auch im Wirtschaftsleben. Die Zeit muss als vorbei seiend betrachtet werden, [in] der die Menschen gesagt haben: Wirtschaftsleben ist das Äußere, darauf lässt sich die geistige Welt nicht ein, die findet man gerade, wenn man weggeht vom Wirtschaftsleben, wenn man es verlässt, das Grob-Materielle, wenn man zum Geistigen aufsteigt in höhere Regionen. Die Zeit, in der man so gesprochen haL das ist diese, [die] in Europa Ströme von Blut heraufgebracht hat. Und die Leute, die heute noch von ihren Kanzeln reden: Kehrt wieder zurück zum alten Christentum! - denen muss immer wieder und wiederum gesagt werden: Wenn wir zu euch zurückkehren, dann können wir ja wiederum dort anfangen - bei den Dingen, die uns endlich geführt haben zu 1914. Es handelt sich darum, den Mut zu haben, den neuen Geist wirklich vor die Menschen hinzustellen. Dann muss man [damit] aber auch ernst machen. Es kommen heute Personen heran - wenn sie hören, in Dornach würde auch Wirtschaftsleben angestrebt -, die sagen: Ja, wie macht man denn das? Sagen wir zum Beispiel, irgendjemand, der im Wirtschaftsleben von Amerika steht, der sagt: Das ist ja ganz schÖn, wenn in Dornach Wirtschaftsleben angestrebt wird; wenn die wissen, wie man's macht, dann sollen uns die das sagen. - Das würde ja heißen: Man verlangt von uns ein Programm. Mit Programmen, das heißt mit lebensfremden Dingen, soll aber hier nicht gearbeitet werden, sondern hier handelt es sich darum, das Leben zu suchen. Daher kann niemand von uns verlangen, wir sollen ein Programm finden, das man durch diese oder jene amerikanische Bank ausführen soll, sondern hier handelt es sich darum, dass ein Mittelpunkt eines Lebens geschaffen werden muss, der ein realer, lebendiger Mittelpunkt ist, um den herum sich die Leute gliedern müssen. Daher muss den amerikanischen Bankiers gesagt werden: Nicht davon hängt es ab, dass du durch deine Bank dein Programm ausarbeitest, das dir von hier gegÖen wird; sondern darauf kommt es an, dass du dasjenige, was du tust, um Dornach herum zentrierst, dass du mit Dornach den Zusammenschluss suchst. Denn nicht um Ausgeben von kbenslosen Programmen handelt es sich, sondern um die Schöpfung eines realen Mittelpunktes, der als solcher schaffen muss. Hier kann man nicht bloß studieren, von hier aus soll gearbeitet werden. Das ist das Wesentliche, dass alles, was von hier ausgeht, als Leben aufgefasst wird, nicht als Theorie, nicht als Gedanke, nicht als Idee. Deshalb werden die schon nicht zu ihrem Rechte kommen, die entweder nach Dornach gehen oder nach der Waldorfschule, um dort zu sehen, wie's am allerbesten aussieht, wie man es selbst machen könne; sondern die, die einsehen: Hier ist begonnen worden, hier ist der Anfang gemacht worden. Man muss mit dem [zusammenarbeiten], womit nicht als mit einer Theorie der Anfang gemacht worden ist, sondern mit dem Leben, man muss mit dem zusammenarbeiten. Im Zusammenarbeiten, meine sehr verehrten Anwesenden, können wir uns mit allen Menschen der zivilisierten Welt heute finden - aber im lebendigen Zusammenarbeiten. Es muss einmal ernst gemacht werden damii; dass der Geist nicht in leeren Gedanken, nicht in Abstraktionen lebt. Und weil wir hier das geltend machen wollen, dass der Geist nicht in Abstraktionen lebt, dass der Geist ein Lebendiges ist, so können wir nicht denjenigen befriedigen, der bei uns nur dasjenige aufsuchen wollte, was abstrakte Gedanken sind, die man nun in beliebiger Weise verwirklichen könnte, sondern wir können nur denjenigen befriedigen, der versteht, dass zusammengearbeitet werden muss in dem Sinne, wie es gekennzeichnet ist, wie es angeregt ist - aber nicht programmatisiert ist - in den «Kernpunktm der sozialen Frage» und der nächsten Nummer der «Zukunft». Nicht bloß doziert von hier aus soll werden, dass der Geist ein Lebendiges ist, sondern der lebendige Geist soll gesucht werden. Man wird sehen, ob in der Welt genug Verständnis dafür vorhanden ist, dass der lebendige Geist, nicht der abstrakte Geist, gesucht werden müsse, dass gesucht werden müsse für eine Verbesserung der Zukunft, für einen wahren Aufbau nicht bloß irgendeine abstrakte Idee, sondern [dass gesucht werden muss] der lebendige Geist. (Lebhafter Beifall.) Diskussion Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden, ist vielleicht jemand hier, der mündlich eine Frage zu stellen hat oder irgendetwas zu bemerken hat? Es sind hier zwei Fragen schriftlich gestellt worden (über den «dreig]iedrigen Staat»; Frage, ob ein Schulverein mitzureden habe im freien Geistesleben des «dreigliedrigen Staates»). Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, manchmal ist es notwendig, dass ich, was ich sonst verabscheue, ein furchtbarer Pedant werde, um der Sache willen! Der Staat wird von der Dreigliederung des sozialen Organismus als eines der drei Glieder gedacht, und eigentlich ist es unmöglich, zu sagen: der dreigliedrige Staat. Man kann es aus Opportunität einmal durchgehen lassen, aber es muss auch manchmal wiederum auf solche Dinge aufmerksam gemacht werden. Das sage ich aus dem Grunde, weil hier ausdrücklich in der Frage steht «des dreigliedrigen Staatesm Nun, nicht wahr, Fragen werden begreiflicherweise aus dem Gegenwartsbewusstsein heraus gestellt, und das ist auch schließlich ganz richtig. Aber man muss sich schon einmal, wenn man auf das Leben hinschauen will, damit bekannt machen, dass das Leben ein Werdendes ist, und dass sich unter Umständen manches, was wünschenswert ist, erst nach längerer Zeit einstellen kann, das aber auch, wenn der Mut dazu da ist, unter Umständen verhältnismäßig sehr bald sich einstellen kann. Und so muss man sich auch das Fragen ein wenig überlegen, muss sich überlegen, dass aus den Verhältnissen der Gegenwart heraus Fragen gestellt werden, vielleicht schon aus sehr naheliegenden Verhältnissen der Zukunft heraus, aber in einer Form, wie sie gar nicht mehr dann gestellt werden können. So namentlich diese Frage nicht. Denn sehen Sie, es wird sich darum handeln, dass das Geistesleben von denjenigen verwaltet wird, die lebendig darinnenstehen. Diejenigen, die da lebendig darinnenstehen, die werden ja selbstverständlich darauf zu sehen haben, dass in ihre Entschlüsse restlos all dasjenige einläuft, was diesen Entschlüssen in irgendeiner Weise günstig sein kann. Nun denken Sie sich, ich sei Volksschullehrer, ich bekomme ein Kind in die erste Klasse der Waldorfschule herein. Es würde ganz selbstverständlich sein, dass man da gerade so verfährt, wie auch ein vernünftiger Arzt verfährt, der, wenn ein Krankheitsfall vorliegt, nicht aus dem Blitzblauen heraus urteilt, sondern der sich gewissermaßen mit der Biografie des Kranken bekannt macht. Man muss die Biografie kennenlernen und lesen, wenn man ein Schulkind bekommt, um dasjenige zu wissen, was das Kind bisher durchlebt hat. Man wird es am besten kennenlernen können, selbstverständlich aus der Konferenz mit der Mutter, wobei der Vater ja nicht ganz durchzufallen braucht - aber hier ist nur die Frage für die Mütter gestellt. Nehmen Sie nur einmal in ganz geringem Grade das, was ich auch heute gesagt habe über das freie Geistesleben, nehmen Sie das im Ernste, dass dieses freie Geistesleben alle cHejenigen Faktoren zur Entfaltung bringen wird, die eben dieses freie Geistesleben allein möglich machen. Was folgt daraus? Das folgt daraus mit Notwendigkeit, dass die Mütter herangezogen werden. Es ist ja eine Selbstverständlichkeit! Aber nur ja sollen wir nicht auf das freie Geistesleben übertragen wollen dasjenige, was einem im alten Geistesleben so furchtbar nach und nach entgegengetreten ist. Wenn irgendwo etwas vorgekommen ist, geringfügiger Natur, da konnte man überall hören: Ja, da sollte ein Gesetz gemacht werden. Die Leute hatten schon gar nichts mehr anderes in ihren KÖpfen als: Es sollte ein Gesetz gemacht werden. Für alles sollte ein Gesetz gemacht werden! Sodass ich mir einmal erlaubte, in einem Nürnberger Vortrag zu sagen: Welches ist das Ideal des modernen Menschen? Und dies charakterisierte ich dort so, dass ich sagte: Der Mensch wünscht eigentlich nur heutzutage, dass er immer in seinem Leben begleitet werde links vom Polizisten und rechts vom Arzt; sodass er für die Zeit der Krankheit den Arzt hat, und für die andere Hälfte des Lebens sorgt der Polizist oder eine andere Fakultät. Das ist ja gerade das, dass wir solch einen sozialen Organismus herbeiführen wollen, der es dem Menschen möglich macht, für sich selbst zu sorgen, der gewissermaßen als Selbstverständlichkeit das hervorbringt, wofür man aus dem Philistertum heraus überall Gesetze haben will. Ich weiß, dass heute die Leute in einem solchen Falle meistens sagen: Ja, aber dazu sind ja die Menschen noch nicht reif. - Für mich ist das und manches andere eben dann ein Anlass, wenn mir jemand sagt: Die Menschen sind dazu noch nicht reif -, zu antworten, dass daraus zwei Dinge resultieren; erstens, dass er sich für reif hält, und zweitens, dass er ganz sicher nicht zu den Reifen gehört, wenn er meint, dass er das verstehe zwar, aber dass die anderen dafür noch nicht reif seien, dass er also aus einer unterbewussten, aber im Bewusstsein nicht lebendigen Selbsterkenntnis heraus urteile. Es handelt sich gar nicht darum, dass wir warten, bis die Leute reif sind, denn da können wir warten bis an das Ende der Erdentage, sondern es handelt sich darum, dass wir zugreifen und dann wanen, was unter den Verhältnissen eben geschehen kann. Wenn die Menschen reif werden, dann lösen sich manche Fragen eben durchaus aus den Verhältnissen heraus von selbst. Die andere Frage, die hier gestellt worden ist: «Kann irgendeine der heute üblichen Verbandsformen, Arbeitsgenossenschaft oder eine einzelne Firma als besonders geeignet betrachtet werden, für [die] assoziative Form den Ausgang zu bildenh Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, bedenken Sie da wiederum das Leben in seinem Werden. Bedenken Sie es so, dass es ja fortwährend sich umgestaltet, so, wie der Organismus selber, bis ein gewisses Stationäres zunächst erreicht ist, in dem oder jenem Gebiete, dann eine Zeit lang bleibt, um dann abzusterben. Sie finden es schon in den «Kernpunkten der sozialen Frage» angedeutet. Dasjenige, was wir heute haben, das soll zunächst den Ausgangspunkt bilden. Es kann ja auch gar nicht anders sein. Wir haben heute Aktien-Gesellschaften; ja, wir gründen sie sogar, wir haben in Stuttgart eine gegründet. Also wir gründen sie selber, sind hier daran, eine zu gründen, als Geisteswissenschaft«. Wir knüpfen überall an das an, was besteht. Wir reden nicht vom Wolkenkuckucksheim, sondern wollen anknüpfen an das, was besteht. Dann haben wir vielleicht lauter solche Verbände aus dem Bestehenden heraus, Genossenschaften, Aktiengesellschaften, Tafel 2 was weiß ich, was alles, und wir suchen nur nach den Assoziationen. rechts /Siehe Wandtafelzeicbnung, S. 597/ Aber dadurch, dass diese Verbände in das assoziative Leben eintreten, dadurch ändern sie sich ja wiederum, und dadurch werden die Aktiengesellschaften eine andere Form annehmen, wenn das assoziative Leben erwacht. Auch die Genossenschaften werden eine andere Form annehmen. Es ist ganz gleichgültig - nehmen Sie an, hier wäre eine Korporation, die spottschlecht wäre, die assoziiert sich auch. Für sich ist sie spottschlechu aber dadurch, dass sie in das Netz der Assoziation hineingestellt wird, dadurch wird sie ja fortwährend beeinflusst, wird nach und nach mitgerissen von dem, was entsteht aus dem Assoziieren, und wird mit der Zeit eben etwas ganz anderes, oder geht zugrunde. Es handelt sich für uns nicht darum, etwas abzuschaffen, sondern darum, die Dinge hinzunehmen, wie sie sind. Und ist etwas schlecht, so geht es eben selbstverständlich zugrunde. Aber durch Gesetze etwas abzuschaffen, darum kann es sich niemals handeln. Das ist dasjenige, was einen heute am meisten bedrückt, dass ja eigentlich erst die gesunden Gedanken in die Menschenseelen hineinmüssen! Sehen Sie, ich möchte das noch aussprechen, obwohl es schon im Vortrag angedeutet war: Es ist so, dass einem heute am meisten wehetut, dass durch lange Zeiten hindurch gar nicht angestrebt worden ist, die Brücke über die Kluft zwischen den Menschenklassen wirklich zu bauen. Was hat man sich denn bekümmert um dasjenige, was aus dem Proletariate wird, in den ganzen langen Jahrzehnten der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts? Man hat im Grunde genommen zugeschaut zu dem, was da geschieht; man hat sich nicht viel darum bekümmert, hÖchstens so, wie man es manchmal in größeren Städten gehört hat, dass einem die Leute gesagt haben: Da ist wieder ein Haus, die lassen sich schon dickere Fensterläden machen, weil sie fürchten, dass in der nächsten Zeit was ausbricht! - Höchstens in dieser Weise hat man sich um die Sachen gekümmert. Aber ein lebendiges Leben hervorrufen, welches die Grundlage gewesen wäre für das Verständnis, so etwas hat man nicht gesucht. In meinen «Kernpunkten der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft» finden Sie angedeutet, wie tatsächlich der Arbeiter in jeder Fabrik hingeführt werden sollte vor den ganzen Gang der Fabrikation, in die Kenntnis der Rohprodukte eingeführt werden sollte, bekannt gemacht werden sollte mit dem Gang, den das Produkt nimmt, sodass er gemeinschaftliches Interesse mit dem Gewerksleiter bekommt, sodass er mit Interesse darinnenlebt. Heute, selbstverständlich, ist das noch sehr schwierig, und wenn man es auch anstrebt, so erreicht man es nicht von heute auf morgen! Es ist aus dem Grunde heute noch sehr schwierig, weil Sie es erleben können, dass Sie in einem Betrieb darinnenstehen, und sehr gut als Mensch fertig werden mit dem einen oder anderen Arbeiter; Sie kommen sehr gut mit ihm zurecht. Aber wenn es sich um irgendeinen Entscheid handelg dann sagt er Ihnen: Ja, aber ich kann ja nicht derselben Meinung sein, ich muss ja der Meinung sein, die mir meine Gewerkschaft vorschreibt. - Heute sind eben die Leute so. Aber warum sind sie denn so geworden? Sie sind so geworden, weil in den führenden Kreisen, bei denen die Führerschaft doch hätte bleiben müssen, weil in den führenden Kreisen gar nicht das Bedürfnis vorhanden war, die Welt kennenzulernen. Ja, man sagte zwar, man will sie kennenlernen, man tut nach und nach aus seinen Ideen heraus etwas. Aber derjenige, der das kennengelernt hat, der weiß über die Dinge noch ganz andere Sachen. Aus den Jahren, in denen ich Lehrer an der Arbeiterbildungsschule [war], die im Grunde rein eine sozialdemokratische Einrichtung war, da konnte ich durchaus sehen, wie von dem, was vorging unter der Arbeiterschaft, die Werkleiter nicht das Geringste wussten, konnte sehen, wie sie sich auch da nicht dafür interessierten. Man sieht das, was ich jetzt sage, als eine Übertreibung an, weil man in demselben Fall ist wie derjenige, der sagt, Gesetze sollen ... /unleserlicb im Stenogramm] und so weiter, und so weiter. Die Staaten, die mögen ja also das Geistesleben knechten, aber bei uns in X spüren wir gar nichts von einer solchen Knechtung. Geradeso, wie man da die Augen verschlossen hat, durch Jahrzehnte verschlossen gegenüber dem, was eigentlich heraufzog! Höchstens, dass man die Leute einsperrte. Aber darauf kommt es an, dass der Mensch das Leben wirklich kennenlernt. Und das fehlt heute auch noch im alleräußersten Maße. Das ist das eine, was ich gerade in Anknüpfung an solche Fragen sagen möchte. Man hört überall aus dem, was geäußert wird, heraus, wie die Menschen immer nur einen kleinen Kreis kennen. Das wird anders. Bedenken Sie nur das, was ich gesagt habe gegenüber dem ...; die Leute waren ja alle nicht dumm: Da kommt der und frägt, und die Argumente, die vorgebracht wurden, waren sehr gescheit; aber sie konnten nichts wissen über das, was man erklärt, wenn man in einer Fabrik drinnen ist. Durch die Assoziationen, die immer mehr entstehen, wo man im lebendigen Austausche steht, wo man nicht erst zu prüfen hat, sondern wo man weiß, wie weit Vertrauen in die Dinge zu setzen ist, da lehrt das, was zu erfahren ist, die eigene Erfahrung. Das ist dasjenige, was man für sein Urteil braucht. Man konnte ja bisher nur nach Vorurteilen urteilen und urteilte daher nebenvorbei. Und wirtschaftliche Erfahrung, die wird gegeben durch jene Assoziationsprinzipien, von denen in meinen «Kernpmkten» gesprochen wird. Das ist es, worauf es ankommt. Hat nun vielleicht noch jemand eine Frage? Emil Molt, Stuttgart: Ich weiß nicht, ob es gestattet ist, ob noch Zeit ist, ein paar Ausführungen in Frageform zu stellen, weil ich nicht weiß, ob hier in Dornach die Gepflogenheit herrscht, dass, wenn soziale Fragen aufs Tapet kommen, es weder Zeit noch Uhren gibt; aber bei uns in Stuttgart ist es so, dass wirklich ohne Zeit gesprochen werden kann. Da mÖchte ich nun anknüpfen an das, was eben gesagt worden ist. Gerade wenn man in der Dreigliederung als arbeitender Mensch für die Dreigliederung darinnensteht, dann lastet es einem gerade in jüngster Zeit ungeheuer schwer auf der Seele, dass man so wenig Angriffspunkte hatte, um die Dreigliederung in Wirklichkeit durchzuführen. Wir hatten im letzten Jahre, wie auch heute Abend ausgeführt wurde, versucht, die politische Lage, die ja damals noch so war, dass gewissermaßen eine Revolution überstanden worden ist, dass also immer noch eine gewisse revolutionäre Stimmung da war, wir hatten versucht, die Dreigliederung auf dem Wege durch das Proletariat in die Praxis überzuführen, und dabei allerdings nicht außer Acht gelassen, dass auch bürgerliche Kreise, vor allen Dingen unter diesen Kreisen, mit der Sache Bekanntschaft machen sollten. Der Erfolg ist heute Abend geschildert worden. Die Parteien haben ihre Schäflein zurückgezogen, und die Unternehmer haben uns von Anfang abgelehnt. Unsere Arbeit ging weiter. Etwas übrig geblieben von dem, was man mit dem Proletariat arbeitet, ist ja immer so: Es werden immer noch die Urteile gerade von proletarischer Seite uns vor Augen geführt, dass zum Beispiel alle die Versammlungen, die jetzt vonseiten der Verbände, Parteien und so weiter stattfanden, dass die so furchtbar langweilig und phrasenhaft seien. Das wird uns gerade von proletarischer Seite gesagt, dass das eine andere Zeit gewesen sei, wie Dr. Steiner noch in Stuttgart über die Fragen, über die sozialen Fragen uns etwas zu berichten hatte. Aber wir finden doch, dass das Proletariat im Allgemeinen nicht genügend reif ist, um das große Verständnis für die Kernpunkte aufzubringen. Und wir finden auf der anderen Seite, dass die Unternehmerkreise einfach es einem unmöglich machen dadurch, dass sie einen schon als Spartakisten und Bolschewisten abtun, wenn man nach der Richtung hin intensiv arbeitet. Da fragen wir uns immer: Was ist zu tun, besonders in den Zeiten jetzt, um die Dreigliederung nicht nur [mehr] in die Köpfe hereinzubringen, sondern vor allen Dingen auch, um die Dreigliederung in die Praxis einzuführen? Und da möchte ich gern, weil ja die Frage eigentlich jetzt immer von Neuem auf der Seele lastet, besonders jetzt, wo in Deutschland das [..Jleben so ist, dass die Unternehmer sich schon lieber an den Großkapitalismus haften, als soziale Fortschritte durchzuführen, und wo auf der anderen Seite der Zug so stark nach rechts ist, dass wir das schon berücksichtigen müssen. Man hat eine ganz andere Meinung über die Dinge. In diesen Zeiten werden gerade Menschen, die für die Dreigliederung ihr ganzes Sein einsetzen, immer von Neuem erschüttert durch die Frage: Was hat zu geschehen, um die Dreigliederung des sozialen Organismus durchzubringen, ehe es zu spät ist, ehe es unmöglich ist, ehe Bürgerkriege und wirtschaftliches Chaos kommt? Nach dieser Richtung hin lastet gerade auf demjenigen, der die Frage stellt, diese Fragestellung besonders schwer auf der Seele, und er wäre dankbar für eine Antwort. Rudolf Steiner: Wenn ich die Frage richtig verstanden habe, so handelt es sich darum: Wie ist es möglich heute, überhaupt etwas Praktisches auf dem Gebiete der Dreigliederung in die Welt einzuführen bei dem Widerstande, der schließlich von allen Seiten der Dreigliederung des sozialen Organismus entgegengebracht wird? Diese Frage ist ja selbstverständlich diejenige, die auf einem lastet. Aber auf der anderen Seite liegt doch dieser Frage ein ganz anderes noch zugrunde, das nicht unberücksichtigt bleiben darf. Das ist eben gerade die Frage: Wie fasst man etwas tatsächlich lebendig an? Und ich habe im Grunde genommen etwas als Antwort auf diese Frage schon im Vortrag ganz leise zwischen den Zeilen angedeutet gehabt, indem ich sagte: Es sind ja selbstverständlich auch von uns Fehler gemacht worden. Und das ist schon richtig. Wir sind in der Praxis der Dreigliederung des sozialen Organismus durchaus noch nicht über die Kinderschuhe hinausgewachsen. Ich will zum Beispiel auf Folgendes aufmerksam machen. Wenn man lebendig wirken will, wenn man etwas im Leben fördern will, dann handelt es sich darum, dass man wirklich auch aus dem Leben heraus arbeitet und versucht, das Leben zu verstehen. Nun liegen ja heute die Dinge so, dass, wenn man vor einer Proletarierversammlung spricht, man die Wahl hat, entweder in der Sprache der Proletarier dasjenige zu reden, was schließlich doch auch zum Heil des Proletariers ist, es herauszuentwickeln aus den Vorstellungen, die die Proletarier haben. Und das ist von mir immer versucht worden. Oder man macht das andere: Man redet aus einer allgemeinen Theorie heraus, man sagt, das und jenes muss geschehen - dann fliegt man zur Tür hinaus! Denn das Proletariat ist heute sehr rasch fertig mit seiner Entscheidung. Nun, das ist eigentlich in Stuttgart nirgends passiert, dass wir zur Türe hinausgeflogen sind; aber etwas anderes ist passiert. Sehen Sie, ich habe überall selbstverständlich so gesprochen, dass ich nicht zur Türe hinausgeflogen bin, denn ich hätte es als nicht sehr ersprießlich angesehen - ich meine nicht gerade schließlich wegen der kleinen Hautabschürfungen, die dabei passieren können, sondern weil man ja dann nichts erreichen kann, nicht wahr, von außerhalb der Türe lässt sich ja nichts erreichen! Also ich habe nicht so gesprochen, dass man zur Türe hinausgeworfen wurde. Dann aber ist es bekannt, dass ich dies oder jenes in der oder jener Versammlung gesagt habe. Dann sprach ich mit jemandem, ja, der sogar Minister war, und zu dem sagte ich in aller meiner Unschuld: Warten Sie es doch nun einmal ab, was daraus wird. Es handelt sich ja nicht darum, dass man den Leuten die Dinge ins Gesicht wirft, über die sie wütend werden, sondern es handelt sich darum, dass man die Leute dazu kriegt, dass man mit ihnen zusammenarbeiten kann. Also warten wir es ab, bis wir so weit sind, dass zusammengearbeitet werden kann. Dann wird sich das ergeben, was sich als ein arithmetisches Mittel vielleicht ergeben muss aus der einen Meinung und aus der Meinung der anderen, oder die anderen werden sich zu Ihrer Meinung bekehren, und so weiter. Aber es muss aus dem Leben heraus gearbeitet werden. Dazu ist auch Neigung vorhanden gewesen! Solchen Dingen also steht man einfach gegenüber. Man wird selbst wütend darüber, wenn man hört;, es ist irgendwo etwas gesagt worden, was nur der Form nach abweicht von demjenigen, was man selbst gewöhnt ist zu hören; und in dieser Beziehung, sehen Sie, sind ja wirklich von uns auch Fehler gemacht worden. Denn ich habe zum Beispiel vor den Arbeitern der Daimler-Werke einen Vortrag gehalten, der ganz gewiss nur günstig hätte wirken können, wenn er so aufgefasst worden wäre - er war für die Arbeiterschaft für die Daimler-Werke gesprochen, er war in ihrer Sprache gesprochen. Nun, nicht wahr, es ist in unsern Kreisen leider die Gepflogenheit, dass immer verlangt wird, und man kann gar nicht widerstehen, dass alles dasjenige, was vor irgendeinem Publikum gesprochen wird, nun mit Haut und Haar gedruckt werden soll und für alle anderen aus dem Zusammenhang heraus auch lesbar werden soll. Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, das geht eben nicht! Und man sollte einsehen, dass das nicht geht. Es ist nicht möglich, dass so etwas geschieht. Es sollte darauf verzichtet werden, dass dasjenige, was ich für ein bestimmtes Publikum spreche, nun mit Haut und Haar in die Welt hinausgetragen wird, denn es kann nur aus dem Zusammenhang heraus verstanden werden. Deshalb begreife ich es wiederum sehr gut, dass ich von Nürnberg einen Brief bekam von einem bürgerlichen Pfarrer, der selbstverständlich nicht so denken konnte, wie ein Arbeiter der Daimler-Werke jetzt zum Beispiel denken kann. Es kann sich ja einmal ergeben, wenn man wirklich arbeitet, wenn sich die Leute zusammenfinden. Aber dass der wütend war über den Vortrag der Daimler-Werke, das ist ja ganz selbstverständlich, dass das so ist und so gehen muss! Aber es handelt sich ja wirklich nicht darum, dass ich einen Vortrag halte, um das Entzücken eines Nürnberger Bourgeois-Pfarrers zu erregen, sondern darum, dass lebendig gearbeitet wird, dass das Proletariat dorthin gebracht wird, wo es zu seinem eigenen Heile in Zusammenarbeit mit den anderen Kreisen irgendeinmal stehen soll. Das ist dasjenige, was bei uns Praxis werden soll, es muss tatsächlich eingesehen werden, dass man hier nicht theoretisch spricht, sondern so spricht, wie es das Leben fordert, niemals selbstverständlich etwas sagt, was an der Wahrheit vorbeigeht, aber dasjenige sagt, was das Leben fordert. Nun darf aber alles solches wiederum nicht, möchte ich sagen, schematisiert werden. Auch das wäre falsch, wenn es schematisiert würde. Denn nehmen Sie an, ich halte hier einen Vortrag über Thomismus, über Thomas von Aquin, und es käme ein Sozialist, der gar nichts je gehört hätte von den Zusammenhängen. Nun, der würde natürlich wütend darüber sein. Das lässt sich nicht verhindern, dass der bei dem öffentlichen Vortrag wütend würde. Aber die Praxis des Arbeitens muss dennoch eine andere werden, als sie bisher durch uns gepflogen worden ist. Man muss ein Verständnis dafür kriegen, dass im Leben Differenzierung vorhanden ist. Und so handelt es sich schon darum, dass wir erst uns wirklich über diese Vorfrage verständigen: Wie bekommen wir eine Anzahl, eine genügend große Anzahl von Menschen zusammen - die haben wir noch nicht -, die nun wirklich zeigen, dass heute die Sachen so weit sind, einzusehen, dass ja die Menschen gar nicht mehr eine einander verständliche Sprache führen, und dass man sich hinauserheben muss über dasjenige, was auf der einen Seite und auf der anderen Seite auf den Parteiseiten gesprochen wird. Also es muss vor allen Dingen gearbeitet werden für die Verbreitung unserer Anschauungen, und erst wenn wir eine genügend große Anzahl von Menschen haben, dann werden wir in der Lage sein, auch weiter unsere Anschauungen einzuführen in das universelle Leben der Gegenwart. Es ist bei allen Dingen, wo es auf den Willen ankommt, ebenso. Da kann man sehen: Das Leben kann von Tag zu Tag immer nur Gelegenheit dazu geben, pessimistisch zu werden. Man muss aber optimistisch wollen; man muss so wollen, dass dasjenige, was man sich vorsetzt, geschehe. Darinnen besteht ja nicht das freie menschliche Wollen, dass man sich immer sagt: Das kann nicht und jenes kann nicht geschehen; sondern darum handelt es sich, dass man weiß, was man will, und dass man arbeitet in der Richtung dieses Wollens. Und das ist das Einzige, was wir zunächst, jeder an seinem Platze, wirklich tun können. Dann wird schon außerordentlich viel geschehen; für die Verpraktizierung der Dreigliederung im Ganzen ist eine sachliche Schwierigkeit vorhanden. Sehen Sie, meine «Kernpunkte der sozialen Frage» sind aus jahrzehntelanger Beobachtung des europäischen Lebens auf allen Gebieten heraus gewachsen. Sie sind ganz aus der Lebenspraxis heraus gewachsen. Und ich bin überzeugt davon, dass, wenn die Praktiker gerade auf sie eingehen würden, so würde am besten eine Verständigung zu erzielen sein. Aus dem einfachen Grunde ist keine Verständigung zu erzielen, weil die Praktiker sich nicht angewöhnt haben, dasjenige, was aus der Praxis heraus gesagt wird, zu prüfen, sondern weil sie sagen: Reformgedanken in einem Buche! In Büchern stehen Theorien, also ist es eine Theorie. - Man liest das Buch nicht. Würde man es lesen und studieren, so würde man sehen, dass es sich eben von ändern Büchern unterscheidet. Also es handelt sich darum, dass diese sachliche Schwierigkeit vorhanden ist. Es ist dieses Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage» zum Unterschiede von allen ändern ähnlichen Büchern ein Lebensbuch. Es ist hervorgegangen aus einer jahrzehntelangen Beobachtung; es ist nichts Ersonnenes darinnen. Daher tritt es auch nicht so auf, dass man sagen kann, es trete auf in dem Sinne, leicht verständlich wie eine Zeitungslektüre zu sein. Aber niemals möchte ich zugeben, dass man dieses Buch zum Beispiel bei ernsthafter Arbeit nicht jedem Menschen verständlich machen kann. Ich glaube, es ist auch mit dieses Buche so, wie ich gefunden habe, dass bei Theaterdirektoren immer war. Die haben immer gesagt: Ja, mit diesem Stück kriegen wir kein Publikum, wir müssen andere Stücke geben - von denen sie sich eingebildet haben, dass sie Publikum bekommen sollten. Ich habe da die allermerkwiirdigsten Erfahrungen gemacht. Ich lernte zum Beispiel einen Theaterdirektor kennen, dem wurde ein Stück aufgeschwatzt; das gab er, und er war vollständig überzeugt, er hat es nur aus Konzilianz gegeben. Und an einem Abend gibt er es - dann ist's nichts, und er wettete mit seiner Frau, die anderer Ansicht war, er wettete um die gesamten Tantiemen, die für ihn herauskamen. Die Frau wettete mit ihm, wenn das Stück ginge, so sollte sie die Tantiemen bekommen. Nun, der Mann hat seine Wette verloren, das Stück wurde eines der besten Besuchsstiicke. Da sagte er in seiner Theatersprache: Beim Theater kann man alles fälschen, man kann Kritik fälschen, man kann Zustimmung fälschen, man kann alles fälschen, bloß die Kasse nicht. Die Kasse kann man nicht fälschen. Es hilft wenigstens nichts, wenn man die Kasse fälscht. So ist es auch im Grunde genommen, wenn man sagt, irgendetwas wäre nicht verständlich zu machen. Es ist verständlich zu machen, wenn man nur die entsprechenden, richtigen Wege findet. Und ich kann ja nicht gut auf die Frage eingehen, warum in Stuttgart gesagt worden ist, dazumal wären die Abende interessant gewesen, als ich da war, und dann seien sie langweilig geworden; aber ich möchte eben doch auch diese Sache in eine - ich mÖchte sagen - Willensrichtung bringen. Es handelt sich wirklich nicht darum, dass wir nachgrübeln darüber, warum das so oder so ist, sondern dass wir versuchen, die Mittel und Wege zu finden, um die Dinge verständlich, um die Dinge populär zu machen, dass wir uns keinen Illusionen hingeben vor allen Dingen. Es ist nicht anders, als dass wir erst eine genügend große Anzahl von Menschen brauchen, die unsere Ideen verstehen; dann wird es gehen. Aber wir dürfen niemals die Hand in den Schoß legen, wir müssen eben arbeiten. Und ich glaube, wir werden Verständnis finden, wenn wir uns nicht die Türe zu leicht selbst verschließen dadurch, dass wir doch eben nicht aus dem Leben heraus, sondern aus unseren Vorurteilen heraus handeln wollen. Wir dürfen nicht jedem jede Theorie an den Kopf werfen, sondern wir müssen jedem in seiner Sprache sprechen; nicht deshalb, weil wir ihn etwa für dümmer halten, als wir selber sind, es wird uns ja manchmal natürlich schwer, in seiner Sprache gerade zu reden, wenn er gescheiter ist als wir; aber wir sollten auch dann uns bemühen, in seiner Sprache reden zu können, selbst wenn er auf seinem Gebiete viel gescheiter ist als wir. Das ist dasjenige, was vielleicht notwendig ist, dass wir uns wirkliche Lebenspraxis zunächst für die Propaganda der Dreigliederung des sozialen Organismus erarbeiten und erhalten. Emil Molt: Ich darf vielleicht etwas richtigstellen von den langweiligen Abenden, wo es sich um Partei-Versammlungen handelte. Die Proletarier haben einsehen gelernt, dass gerade Partei-Versammlungen das möglichste Phrasengeschwätz jetzt verzapfen, und dass das seinerzeit im Gewerkschaftshaus anders war als jetzt, als wir noch Vorträge für das Publikum veranstaltet haben. RudolfSteiner: Ich wollte nur sagen, ich habe schon verstanden, dass die damaligen Abende interessant waren, und dass nachher Kohl verzapft worden ist, selbstverständlich nicht von unseren Leuten. Das habe ich nicht gemeint, aber ich habe gemeint, dass uns ja das nichts hilft, wenn die Leute das einsehen, dass sie da etwas Besseres kennengelernt haben. Es spricht ja zwar gerade für die Leute, wenn sie das einsehen, aber es hilft uns nichts, wenn sie uns nicht folgen. Wir haben erst dann etwas an ihnen, wenn sie das, was sie da als Urteil fällen, praktisch machen. Nicht wahr, Sie sehen ein, bei uns waren die Versammlungen interessant. Aber sie laufen jetzt nicht zu uns, sondern zu den anderen. Das spricht eben dafür, dass vor allen Dingen in Erwägung gezogen werden muss, wie die Leute eine Hammelherde sind, wie sie einfach ihren Führern nachlaufen, ganz gleichgültig, ob sie nun langweiliges Zeug reden oder nicht. Sie stimmen ja auch für ihre Führer, wenn es sich um etwas handelt, und sie folgen der Dressur. Und das ist es, dass wir uns darinnen keinen Illusionen hingeben. Es hilft einfach nichts, wenn wir den Leuten interessante Versammlungen nur abhalten; sondern es hilft nur, wenn wir es zuwege bringen, die Führer wegzuwerfen und die Leute zu führen. Das ist die Erfahrung. Selbstverständlich braucht das Zeit, und es braucht sehr vieles andere noch; aber wir haben auch da die Fehler gemacht eben, wir haben mit den Führern zu viel verhandelt. Das hätten wir nicht tun sollen. Denn wir hätten vom Anfange an uns klar darüber sein sollen: Die Leute wollen uns nicht verstehen und können uns nicht verstehen. Und so ist es nach den verschiedensten Seiten hin, dass wir uns erst die volle Praxis des Lebens aneignen sollen und wollen. Also ich bitte, nicht zu glauben, dass ich gemeint habe, unsere Versammlungen seien langweilig geworden; sondern ich habe gemeint, uns hilft dieses Urteil eben eigentlich nichts. Was hilft es denn, wenn man eintritt in eine Diskussion über ein Urteil, das bei den Leuten, unfruchtbar ist? Es hilft gar nichts. Sehen Sie, ich habe einen katholischen Pfarrer sehr gut gekannt. Er machte mit mir öfter - ich war noch auf der Schule - einen Weg, fast eine Stunde lang, den ich zu machen hatte von der Schule nach Hause. In dem Orte waren öfter Jesuitenpredigten. Und der Pfarrer redete mit mir, trotzdem ich noch ganz jung war, eigentlich ganz aufrichtig. Ich sagte zu ihm dazumal aus aller Naivetät heraus: Ja, Hochwürden, wie kommt es denn, dass Sie nicht selber die Predigten halten? Sie brauchen ja nur alle Sonntage für die gleiche Gemeinde Predigten zu machen. Warum lassen Sie denn da die Jesuiten herüberkommen? Das ist doch nicht nötig. - Er antwortete: So ist es, aber es ist doch notwendig, dass der Kohl den Leuten vorgeredet wird; nur dadurch sind sie brav. Und den werde ich ihnen nicht selber vorreden, das können sie nicht von mir verlangen! Also was nützt es, dass ein Mensch irgendetwas einsieht, wenn er durch die ganze soziale Struktur, in der er drinnensteht, anders handelt! Das ist es eben, wozu wir kommen müssen, dass wir das Leben ohne Illusion, ganz nüchtern auffassen, trotzdem wir zu den höchsten Höhen des geistigen Lebens streben. - Ich weiß nicht, ob ich die Frage erschöpfend beantwortet habe. Emil Mob: Gewiss, Herr Doktor. RudolfSteiner: Ist sonst noch irgendetwas, was gefragt werden soll? Emil Mob: Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, dass in Stuttgart die Gepflogenheit war, nicht wieder so rasch nach Hause zu gehen, wenn man einmal beisammen war. Rudolf Steiner: Na, hier scheint aber doch eine Neigung zu sein, wieder nach Hause zu gehen und zu schlafen. So wünsche ich allen gute Nacht. DIE GROSSEN FRAGEN DER ZEIT UND DIE ANTHROPOSOPHISCHE GEIST-ERKENNTNIS Freiburg im Breisgau, 18. November 1920 Meine sehr verehrten Anwesenden! Es ist zweifellos, dass gegenwärtig unter dem Einfluss der die Menschheit so tief berührenden Kriegskatastrophe, deren Ergebnisse ja keineswegs schon durchaus sich zu irgendeinem Ende geneigt haben, viele Kreise bereits zu der Überzeugung gekommen sind, dass dasjenige, was sich an Aufgaben heute aus der Menschheitsentwicklung heraus ergeben hat, durchaus nicht mit kleinen Mitteln zu lösen ist; vor allen Dingen nicht zu lösen ist mit denjenigen Mitteln, mit denen man auf den verschiedenen Gebieten des öffentlichen Lebens glaubte, vor dieser die Zivilisation der Menschheit so sehr verheerenden Katastrophe zurechtzukommen. Bei den Siegern herrscht ja allerdings heute noch eine, ich möchte sagen, begreifliche Stimmung, die nicht nötig scheinen lässt, von den alten Denkgewohnheiten, von den alten Empfindungen und Willensimpulsen zu neuen überzugehen. Und im Grunde sind es recht wenig Persönlichkeiten, gerade in Siegerländern, welche sich heute schon irgendwie dazu bequemen, von den alten Gewohnheiten des Denkens und Empfindens gegenüber den öffentlichen Menschheitsangelegenheiten abzugehen. Man möchte sagen, wie ein weißer Rabe nimmt sich der Mann aus, der ja einen Teil der Zeit, in der man in Versailles verhandelt hat, bei diesen wichtigen Verhandlungen zugegen war, John Maynard Keynes. Dieser John Maynard Keynes hat nur eben aus den Verhandlungen in Versailles einen Eindruck bekommen, dass durchaus aus den Gesinnungen, aus den Gedankenrichtungen, die da herrschend waren, kein irgendwie mögliches Ergebnis für die Gestaltung der gegenwärtigen zivilisierten Welt hervorgehen könne. Ein recht anschauliches Bild - ich möchte dies einleitungsweisc heute erwähnen - entwirft John Maynard Keynes von den Persönlichkeiten, welche dazumal so ausschlaggebend waren für das Schicksal Europas. Da weist er hin auf denjenigen, der wie eine Art von politischem Heiland von einem großen Teil der Welt lange Zeit hindurch angesehen worden ist, dessen abstrakte, lebensfremde 14 Punkte selbst eine kurze Zeit in Deutschland anerkannt worden sind wie eine Grundlage für einen Frieden, da weist Keynes darauf hin, wie dieser Mann, als er in Versailles angekommen war unter Triumph, der eigentlich dem Bilde galt, das man sich von ihm gemacht hatte, sich erwies als gänzlich außerhalb der gegenwärtigen Verhältnisse Europas stehend, wie er durchaus nicht die Kapazität hatte, auf dasjenige sich einzulassen, was ihm vorgebracht wurde, man darf schon sagen - durchaus die Ausführungen Keynes damit treffend, der das alles ja mit angesehen hat -, der sich alles Mögliche vormachen ließ von denjenigen, die dazumal so bedeutsam waren für die Zukunft Europas, von Clemenceau, von Lloyd George. Woodrow Wilson ist ja als solch ein Weltheiland angesehen worden. John Maynard Keynes, der wegen der Aussichtslosigkeit der Verhandlungen in Versailles frühzeitig, trotzdem er Abgeordneter Englands war, diese Verhandlungen verlassen hat, er charakterisiert Wilson eben als einen Mann, dessen Intentionen, ganz und gar nicht geeignet waren, irgendwie Impulse für die Wirklichkeit abzugeben. Er charakterisiert Clemenceau als einen Menschen, welcher eigentlich verschlafen hat die ganze neuere Entwicklung seit dem Jahre 1871, der nur noch erfüllt war von denjenigen Stimmungen, die man dazumal in Frankreich hatte, und der mit einer wilden Wut alles daransetzte, um eben Europa auszugestalten, wie er es sich nach seinen alten Denkgewohnheiten, eigentlich Nationalgewohnheiten, vorstellen musste. Und Lloyd George, seinen eigenen Ministerpräsidenten, charakterisiert Keynes so, dass er sagt: Der hat eigentlich, trotzdem er förmlich durch ein feines Riechen die Gedanken der anderen immer intim wahrnehmen kann, doch nichts gesucht als solche Ergebnisse, mit denen er ein paar Wochen in England, in London glänzen konnte. Dann hat Keynes sein Buch geschrieben über die wirtschaftlichen Folgen dieses unglückseligen Friedensschlusses. Und dieses Buch scheint mir doch ein bemerkenswertes Symptom zu sein für dasjenige, was an Geistesverfassung, was an ganzer Gedankenart und Empfindungsart in unserem gegenwärtigen öffentlichen Leben vorhanden ist. Denn von diesem Buche hat man, wenn man es sorgfältig durchgenommen hat, das Gefühl, es müsste eigentlich zweimal so dick sein, als es ist, denn auf das Wichtigste wird auf der letzten Seite erst hingewiesen, und für diese Hinweise fehlt im Grunde genommen jegliche Ausführung. John Maynard Keynes ist Wirtschaftspolitiker. Er ist sich klar darüber, dass die Gestaltung Europas - und das beweisen ja die Ereignisse der Gegenwart durchaus -, dass die Gestaltung Europas, die man sich einbildete, in Versailles bewirken zu kÖnnen, durchaus keinen Bestand hat. Er rechnet das gewissermaßen aus den wirtschaftlichen Maßnahmen heraus, die in Versailles getroffen worden sind. Und es ist bemerkenswert, meine sehr verehrten Anwesenden, dass er das alles ja als Engländer, als englisch denkender Mensch errechnet. Und dann sagt er am Schlusse etwas sehr Merkwürdiges: Alle Anzeichen sprechen dafür, dass, wenn nicht in weitesten Kreisen eine Besinnung eintritt, wir dann innerhalb der modernen europäischen zivilisierten Welt in die Barbarei hineingeführt werden. - Und er sagt nichts Geringeres als dieses: Die Angelegenheiten der nächsten Zeit werden nicht bestimmt sein durch die Handlungen der Staatsmänner, sondern durch unter der Oberfläche desjenigen, was man im gewöhnlichen Sinne «öffentliches Leben» nennt, befindliche Gedanken und Empfindungs- und Willensströmungen. - Ja, er sagt noch viel mehr. Er sagt: Wenn wir nicht dazu kommen, ganz neue Kräfte zu entwickeln für das Erkennen und für die, wie er sich ausdrückt, Imagination gegenüber den öffentlichen Verhältnissen - er meint das Vorstellen gewisser Bilder, die wir brauchen, um die Zukunft zu gestalten -, so können wir nicht vorwärtskommen. Damit schließt diese Manifestation eines immerhin bedeutsamen Staatsmannes und Denkers der Gegenwart. Und man muss ja doch die Frage aufwerfen: Ja, wie soll denn aber die Menschheit sich entwickeln innerhalb dieser von Keynes angedeuteten intimen Strömungen? Wo sollen denn die herkommen? 'Wo sollen neue Kräfte der Erkenntnis, wo sollen neue Kräfte einer Imagination über die Gestaltung unserer wirtschaftlichen Verhältnisse herkommen? Mit einem ungeheuren Fragezeichen bezüglich der großen Aufgaben der Gegenwart schließt dieses Buch, schließen aber auch alle die Verhandlungen, welche gepßogen worden sind bis jetzt, nach dem vorläufigen Ausgang der großen Weltkatastrophe im Jahre 1918, ich sage: vorläufigen Ausgang, denn wir stehen ja eigentlich noch mitten in dieser Katastrophe drin. Und nur weil sie eine andere Form angenommen hat, beruhigen sich die Menschen zunächst ein wenig darüber. Sehen Sie, meine verehrten Anwesenden, die großen Fragen der Gegenwart, sie werden selbstverständlich auf denjenigen Gebieten erscheinen müssen, die eigentlich die Grundgebiete allen öffentlichen und Gemeinschaftslebens der Menschheit waren. Sie werden erscheinen müssen auf den Gebieten des geistigen Lebens, des staatlich-rechtlichen Lebens und auf dem Gebiete des wirtschaftlichen Lebens. Allerdings müssen wir sagen: Eine große Anzahl von Menschen sieht heute nur die großen Zeitaufgaben auf dem Gebiete des wirtschaftlichen Lebens. Derjenige aber, der, ich mÖchte sagen, mit derselben Zielrichtung, aber etwas tiefer als Keynes, die öffentlichen Angelegenheiten zu durchschauen vermag, der kann nicht anders als sich sagen: Die großen Aufgaben der Zeit werden heute nicht gelöst mit dem, was man gewöhnt worden ist zu denken, was ja eben hineingeführt hat in die Katastrophe. Es bedarf schon durchaus neuer Antriebe. Und diese neuen Antriebe, woher müssen sie kommen? Ich glaube, meine sehr verehrten Anwesenden, man kommt nicht zur Beantwortung dieser Frage, wenn man nicht von einem gewissen Gesichtspunkte aus, auf den ich andeutend hier hinweisen möchte, wenn man nicht verfolgt, wie sich gerade das Denken und Empfinden und das Anschauen der Welt innerhalb der neueren Zeit, seit den letzten drei bis vier Jahrhunderten, namentlich innerhalb Europas, aber auch innerhalb seines Anhanges, Amerikas, entwickelt hat. Man muss da schon hinschauen auf die menschlichen Gedanken. Daran wollen ja die meisten Menschen der Gegenwart noch nicht denken, dass von den menschlichen Gedanken im Grunde genommen doch letzten Endes alles Staatsgestalten, letzten Endes alles Gestalten der wirtschaftlichen Verhältnisse eigentlich ausgeht. Wenn wir unbefangen wieder etwas tiefer blicken, namentlich die europäischen Verhältnisse betrachten, so sehen wir ja deutlich eine Art untergehenden Lebens, und auf der anderen Seite eine Art aufgehenden Lebens. Das untergehende Leben, geistig betrachtet, ist eigentlich heute noch immer eine Art Erbgut uralter Menschheitskulturen. Wir haben in Europa Weltanschauungsimpulse, die sich ausdrücken in Philosophien, in religiösen Bekenntnissen und anderem. Man fragt heute nur nicht gründlich genug, woher eigentlich diese Weltanschauungsimpulse kommen. Man wird einstmals über diese Weltanschauungsimpulse, die auch in unserem Wirtschaftsleben vorhanden sind, unbefangener denken, wenn man sich ganz klar darüber sein wird, was eigentlich im Grunde genommen erst seit den drei bis vier letzten Jahrhunderten deutlich von der westlichen Kultur her in dieses altorientalische Erbgut einer Weltanschauungskultur hereingezogen ist. Hat man es denn nicht oft genug betont - und man hat von einem gewissen Standpunkt aus sehr recht damit -, dass der größte Stolz der neueren Zeit sein müsse dasjenige, was als Wissenschaftsgeist in den letzten drei bis vier Jahrhunderten heraufgekommen ist. Gewiss, es sind heute noch tief eingreifend bei einem großen Teil der Bevölkerung der zivilisierten Welt alte Bekenntnisse und dergleichen. Über diese soll durchaus nicht kritisierend gesprochen werden; sie sollen in ihrem Wert durchaus anerkannt werden. Aber dasjenige, was man nennen könnte die größte Autorität im Gedanken-, Empfindungs- und Anschauungsleben der neueren Zeit, das hat unstreitig dasjenige, was als Wissenschaftsgeist heraufgekommen ist. Man muss ja, wenn man von diesem Wissenschaftsgeist redet, durchaus nicht bloß hinblicken auf dasjenige, was in einer Oberschichte, wo die Wissenschaft als solche betrieben ist, lebt. Mit dem Wissenschaftsgeist kann man auch etwas anderes meinen. Man kann heute, in der Zeit, wo eine populäre Literatur, wo das Zeitungswesen auch bis zu den scheinbar Ungebildeten dringt, davon sprechen, dass zwar vielleicht nicht die wissenschaftlichen Ergebnisse und Erkenntnisse als solche, dass aber deren Ausläufer, dasjenige, was aus ihnen als Empfindungsart entsteht, in die weitesten Kreise dringt. Man kann heute in seinem Inneren und in Bezug auf sein religiöses Bekenntnis ein guter Katholik, ein guter Protestant sein; wenn man aber über dasjenige urteilt, was unmittelbare Wirklichkeit ist, was einem im Leben umgibt, dann betrachtet man doch den modernen Wissenschaftsgeist als die eigentliche Autorität. Und dieser Wissenschaftsgeist, er ist es ja im Grunde genommen auch, den wir verfolgen können in den sozialen Anschauungen der Gegenwart. Wir können ihn verfolgen in den sozialen Anschauungen, die sich seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts allmählich über ganz Europa unter dem Proletariat ausgebildet haben. Innerhalb dieser sozialen Anschauung war man ja gerade immer stolz darauf, dass dasjenige, was man sich vorstellte als eine soziale Gestaltung, durchaus gerade vom Geiste der modernen «unbefangenen Wissenschaftlichkeit» getragen werden solle. Und bis heute wird man ja betont finden, dass selbst solche Zerstörer des öffentlichen Lebens, wie sie auftreten in Europas Osten, dass selbst Trotzki und Lenin, wenn sie über die Fundamente ihres sozialen Denkens reden wollen, diesen Wissenschaftsgeist dann geltend machen. Sodass man sagen kann: In diesen sozialen Utopien, die aber eine sehr bedauerliche Wirklichkeit gewinnen, will sich ausprägen dieser Wissenschaftsgeist. Dieser Wissenschaftsgeist, er hat seine deutlichste Gestalt in alledem, was gerade in der westlichen, mehr materialistischen Denk- und Anschauungsweise in der neueren Zeit aufgetreten ist. Er hat nicht so sehr seine Wurzeln in der mitteleuropäischen Denkungsart, denn, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man solche für Mitteleuropa charakteristischen Persönlichkeiten wie Herder, Goethe, Fichte, Schiller, auch die deutschen Philosophen nimmt, so findet man bei ihnen etwas durchaus Verschiedenes von der Denkweise etwa eines Adam Smith oder eines englischen Philosophen wie Spencer oder Darwin. Aber man kann andererseits sagen: Dasjenige, was sich da als Wissenschaftsgeist namentlich von Westen her über die zivilisierte Welt ausbreitet - ich kann es jetzt nur skizzenhaft andeuten, es würde sich aber streng beweisen lassen -, es hat allmählich überflutet das ganz Andersartige, das in den gerade genannten Persönlichkeiten sich in Mitteleuropa geltend machen wollte. Und wenn man ergreifen will anschaulich dasjenige, was als moderne Wissenschaftlichkeit sich gel tend gemacht hat, dann muss man neben diese Wissenschaftlichkeit hinstellen die größte Frage, die es für den Menschen gibt, jene größte Frage, die hervorgeht [ebenso] aus seinem Erkenntnisbedürfnis wie aus seiner Sehnsucht, Aufklärung über seine Stellung zur Welt zu gewinnen, Impulse zu gewinnen für sein soziales Handeln, ja, die auch die bedeutsamste Frage ist, wenn es sich um den Ursprung des Edelsten im Gemeinschaftsleben handelt, um die Betätigung der Liebe unter den Menschen. Und die wichtigste Frage ist diejenige nach dem Wesen des Menschen selber. Den Menschen erkennen, den Menschen verstehen, mit dem Menschen auskommen, mit den Menschen gemeinsam leben können - das ist schließlich dasjenige, wohin im Grunde alles menschliche Denken doch tendieren muss, wenn dieser Mensch nicht den Boden unter den Füßen verlieren will. Und man sehe nur, wie wenig zunächst auf dem Erkenntnisgebiet eigentlich dasjenige, was man modernen Wissenschaftsgeist nennen kann, zurechtgekommen ist. Hier soll durchaus nicht, denn das liegt nicht in der Absicht der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, dasjenige, was als Naturwissenschaftsgeist oder sonstiger wissenschaftlicher Geist sich in der neueren Zeit geltend gemacht hat, herabgesetzt werden. Nein, meine sehr verehrten Anwesenden, mit Bezug auf die Anerkennung der großen Triumphe und der ganzen Bedeutung moderner Wissenschaftlichkeit für das Leben bin ich mindestens vollständig einverstanden mit all den Lobrednern dieses Wissenschaftsgeistes. Das sei von vorneherein anerkannt, und dass ich von vorneherein zustimme all denen, welche von der Bedeutung dieses Wissenschaftsgeistes sprechen. Aber anderes muss gesagt werden, wenn das eben charakterisierte höchste Ziel des Menschen: Menschenerkenntnis, Anschauung des menschlichen Wesens, Durchschauen desjenigen, was die Gründe der Liebe sind -, wenn das neben diesen Wissenschaftsgeist hingestellt werden soll. Nehmen wir zunächst das Gebiet der Erkenntnis. Da zeigt sich uns - ich will ein Beispiel herausgreifen, das in weitesten Kreisen bekannt ist -, da zeigt sich uns, wie großartig diese Wissenschaft zu verfolgen in der Lage war aus darwinistisch-spencerischem Geist heraus, der dann in etwas anderer Art durch den Deutschen Haeckel vervollkommnet worden ist, wie dieser Wissenschaftsgeist fähig gewesen ist, die ganze Reihe der Organismen in ihrer Entwicklung zu verfolgen. Zu verfolgen, wie dasjenige, was für uns als das vollkommene erscheint, aus dem Unvollkommenen hervorgeht und wie an der Spitze dieser Entwicklung der Mensch als physisches Wesen steht. Allein man versuche sich nur einen unbefangenen Blick zu verschaffen über das, was da eigentlich vorliegt. Wie versteht man den Menschen von diesem Gesichtspunkte aus? Nun, man verfolgt alles dasjenige, was sich dann beim Menschen wiederfindet, in seiner Organisation, sogar in seinem Seelenleben wiederfindet, durch die ganze Tierreihe hindurch. Wiederum mit einem gewissen Recht von einem Gesichtspunkte aus, und indem man alles das kennengelernt hat,, was Organisation ist, was die Bedingungen des organischen Lebens sind, indem man das kennengelernt hat durch die Tierreihe bis zum Menschen hinauf, man begreift ihn als vollkommeneres Tier, aber man muss eigentlich dabei stehen bleiben. Indem man alles das, was man im Außermenschlichen gelernt hat, auf den Menschen anwendet, weiß man zu sagen, der Mensch stehe an der Spitze der Tierreihe, aber man charakterisiert ihn nur aus demjenigen, was man außer dem Menschen kennengelernt hat, und steht vor der großen Frage: Was ist der Mensch? ohnmächtig. Man lässt sich damit genügen, denn man kann den Menschen nicht aus dem Menschen erkennen, sondern nur aus dem Außermenschlichen. Wer sich die ganze Tragik dieses modernen Wissenschaftsgeistes, der durch seine ganze Art vor dem Menschen haltmachen muss, vergegenwärtigt, der wird begreifen, wie vielleicht heute bei dem größten Teil der Menschheit in unterbewussten Seelentiefen gerade die Frage nach dem Wesen des Menschen wurmt, und wie sie wirkt als Sehnsucht nach etwas anderem, als dieser moderne Wissenschaftsgeist geben kann. Wie sehen wir diesen Wissenschaftsgeist wirken, meine sehr verehrten Anwesenden, im Erkenntnisgebiet? Wie sehen wir ihn wirken innerhalb des sozialen Empflndens? Innerhalb der Anschauung der sozialen Verhältnisse? Wir müssen da etwas weiter zurückgehen, denn dasjenige, was in der Gegenwart noch immer lebt, ist eigentlich in dieser Beziehung das Ergebnis desjenigen, was sich seit langer Zeit innerhalb der europäischen Welt herausgebildet hat. Da müssen wir aufmerksam machen darauf, dass ja unsere europäischen Staatengebilde, die jetzt zerbröckeln, [dass] das Wirtschaftsleben Europas doch hervorgegangen ist aus den Resten desjenigen, was ich «die alte orientalische Erbschaf> in Bezug auf die Weltanschauung nennen möchte. Von dem Wissenschaftsgeist, der im Westen sich geltend machte, ist der orientalische Geist, der auch noch in den christlichen Bekenntnissen - nicht im Christentum, ich werde gleich darauf zurückkommen sich geltend macht, durchaus verschieden. Diesem orientalischen Geist steht die Frage nach dem Wesen des Menschen vornean. Er kennt dasjenige nicht in demselben Maße wie die westliche Welt, was ich eben vorher das Außermenschliehe genannt habe. Dieser orientalische Geist, den wir aber heute im Orient nur in der Dekadenz finden, im Niedergang, der sich in älteren Zeiten zu seiner besonderen Größe entwickelt hat, er hielt wenig von der äußeren Erfahrung. Er hielt wenig von dem, was wir heute mit Recht als Naturbeobachtung kennen und methodisch unserer Weltauffassung zugrunde legen. Er schöpfte dasjenige, was er über den Menschen wissen wollte, was er auch dem sozialen Leben einpflanzen wollte, aus innerer menschlicher Erleuchtung, aus innerer menschlicher Imagination. Will man charakterisieren den Unterschied zwischen diesem orientalischen Geiste und dem Geiste der westlichen Wissenschaftlichkeit, so muss man sagen: Dieser orientalische Geist hat eigentlich Weltanschauung durch unmittelbare menschliche Intuition ohne Wissenschaftlichkeit. Das ist das Merkwürdige, was durchaus noch zu beobachten ist bis in die heutigen christlichen Bekenntnisse herein. In späteren Jahrhunderten, in mittelalterlichen Jahrhunderten, hat man nicht mehr in der rechten Weise verstanden, wie die alten orientalischen Menschen zu dieser Weltanschauung ohne Wissenschaftsgeist gekommen sind; man hat aber ihren Inhalt, den Inhalt, den sie der Welt gegeben haben, den Inhalt der Erleuchtung, der innerlichen Imagination, genommen. Der hat sich hereinverpflanzt in das europäische Geistesleben. Man hat ihn nicht seinem Ursprung nach erkennen können, denn man hatte nicht mehr jene geistigen Fähigkeiten, die man im alten Orient hatte. Und so kam denn das Folgende als Menschheitsentwicklung zustande: Sehen wir hin auf dasjenige, was nun ja wirklich auch für den Geistesforscher in dem Mittelpunkt der ganzen Erdenentwicklung der Menschheit steht, sehen wir hin auf das Ereignis von Golgatha, auf die Begrijndung des Christentums. Sie erfolgte aus geistigen Untergrijnden heraus. Das will ich heute nur andeuten, ich habe es ja in zahlreichen Schriften besprochen, insbesondere in dem Buche «I)as Christentum als mystische Tatsachcm Aber etwas anderes, meine sehr verehrten Anwesenden, ist das Ereignis von Golgatha als Tatsache, als etwas, was geschehen ist; etwas anderes ist die Art und Weise, wie man dieses Ereignis von Golgatha in den Zeiten, da es geschehen ist, und in den unmittelbar darauffolgenden Jahrhunderten verstanden hat. Man hat es verstanden mit dem, was aus alter orientalischer Weisheit ohne Wissenschaftsgeist von Asien durch Griechenland, durch Rom herübergekommen ist. Das Begreifen des Mysteriums von Golgatha ist ja etwas anderes als das Ereignis von Golgatha selber. Mit alter orientalischer Weltanschauung hat man das Ereignis von Golgatha begreifen wollen, und hat es lange begriffen. Und im Mittelalter, was hat sich da geltend gemacht? Da sehen wir merkwürdig zusammenstoßen das Altorientalische in der Menschheits-Anlage und dasjenige, was schon heraufkommt als Morgenröte der neueren Zeit. Wir sehen im Mittelalter gerade im katholischen Geiste zwei Mächte in der Menschenseele statuiert. Wir sehen da Hinweise auf die Offenbarung, die aus übersinnlichen Höhen an den Menschen herankommen soll, ohne dass man einen menschlichen Ursprung für sie sucht. Und wir sehen auf der anderen Seite dasjenige, was die menschliche Vernunft, die menschliche Erfahrung selber umfassen soll. Beiden lässt man in dieser Zeit die gleiche Geltung zukommen. Indem die neuere Menschheitsentwicklung heraufzieht, wird dasjenige, was man Offenbarung nennt, was aber nur eigentlich die Erbschaft des alten, orientalischen Weltanschauungsgeistes ist, immer mehr und mehr abgelähmt. Das gilt nicht mehr für das eigentliche öffentliche Denken und Empfinden [als Autorität], wenn es auch seine Autorität innerhalb gewisser Grenzen noch behauptet. Und die andere Autorität, [die] gewissermaßen nur neben die Offenbarungsautorität hingestellt worden ist im Mittelalter, die Vernunftautorität entwickelt sich zum modernen Wissenschaftsgeist. Dieser moderne Wissenschaftsgeist - wozu hat er es bis heute noch nicht gebracht? Nun, wir haben auf dem Gebiet der Erkenntnis gesehen: Er versagt, wenn er vom Außermenschlichen zum Menschlichen kommt. Er weiß nichts der menschlichen Sehnsucht nach Erkenntnis des menschlichen Wesens entgegenzuhalten. Aber er wusste auch nichts vom Wesen des Menschen in menschliche Anschauung hereinzubringen auf sozialem Gebiet. Diese Entwicklung der europäischen Wissenschaft ohne Weltanschauung, sie ist im Grunde genommen außerordentlich interessant. Sie stellt sich so dar, dass man sieht: Als letztes Produkt desjenigen, was im Grunde genommen vom alten Orient herüberkommt, auf dem Umweg durch die Araber, auf anderen Umwegen, was dann als etwas Sicheres, als etwas Autoritatives noch bleibt, was auch orientalischen Ursprung hat, so, wie die Bekenntnisse, die auf Offenbarung fußen, was aber nicht in seinem Offenbarungscharakter anerkannt wird, sondern dem WissenschaftsCharakter fortdauernd zugeschrieben würde - was ist das? Meine sehr verehrten Anwesenden, das ist der Inhalt alles Mathematischen. Gerade so, wie sein Bekenntnis, so hat der europäische Mensch seine Mathematik und das mit ihr verwandte mechanische Denken, das sich dann im Materialismus der Wissenschaft ausgelebt hat, allerdings sehr gesiebL aus dem Orient herüber bekommen. Und in Europa wirkt dasjenige, was sozusagen letztes Produkt alter orientalischer Weltanschauung ist, was aus dem Menschen allein herausquellen kann, denn die Mathematik lässt sich nicht äußerlich erfahren, die muss aus dem Menschen herausquellen, ebenso wie die alte orientalische Weltanschauung. Und was so her[iiber]gekommen ist zu den europäischen Menschen, es wird durch Galilei, durch Newton, durch den ganzen westlichen Wissenschaftsgeist anerkannt. Es ist der eine Flügel desjenigen Wesens, das hindurchfliegt durch die Entwicklung der modernen Menschheit, den Wissenschaftsgeist zu seinen höchsten Höhen tragend. Wir sehen den mathematischen Geist heraufkommen, selbst die Atome durchdringend mit Mathematik. Der mathematische Geist ist die eine Seite der modernen Wissenschaftlichkeit. Und die andere Seite, der andere Flügel dieses Wesens, das ich symbolisch angedeutet habe, das ist dasjenige, was wir die Beobachtung der Außenwelt, die äußere Beobachtung auch des Menschen selbst, nennen können. Diese treue Beobachtung der Außenwelt, der Orientale kannte sie nicht. Sie lebt daher auch nicht fort in dem, was als Erbgut aus der alten orientalischen Weltanschauung geblieben ist, sie lebte nicht fort in den Bekenntnissen. Aber sie lebte auf innerhalb des europäischen Wissenschaftsgeistes. Sie ist die andere Seite dieses Wissenschaftsgeistes. Aus Zweien wächst zusammen dieser Wissenschaftsgeist: aus dem, was aus dem Innern des Menschen aufsteigt als mathematisches Denken und Anschauen, und dem, was der Beobachtung entstammt. Dasjenige, was da hineingezogen ist in die Seele des europäischen Menschen, insbesondere des Westmenschen, das wurde nun auch ausschlaggebend für das soziale Denken. Derjenige, der zum Beispiel Adam Smith, Ricardo, alle sozialen Denker bis zu Marx, bis zu den gegenwärtigen, mit unbefangenem Sinn durchgehen kann, der sieht fortwirken diese beiden Elemente, die zuerst in den Wissenschaftsgeist eingezogen sind, auch im sozialen Denken. Man braucht nur dasjenige, was Adam Smith, was später Marx und andere auseinandergesetzt haben, mit einem eigenen unbefangenen Geiste zu überschauen, und man wird die Denkweise Newtons auf der einen Seite, die Denkweise eines solchen Geistes wie etwa Spencer auf der anderen Seite überall [drinnen] finden. Auch dasjenige, was Darwin begeistert hat zu seiner Evolutionslehre, man wird es überall [drinnen] finden. Aber gerade so, wie in Bezug auf die Erkenntnis haltgemacht hat dieser Wissenschaftsgeist, wie er auf dem Gebiete der Erkenntnis nicht hat Weltanschauung werden können, so konnte [er] nicht weltgestaltend werden auf sozialem Gebiet. Und so sehen wir, wie dieser Geist, der sich ja in diesen hervorragenden Persönlichkeiten nur ausgelebt hat, der aber im Grunde genommen in der ganzen europäischen Menschheit drinnensteckt, in ein praktisches Leben hineinzieht, das nun immer mehr und mehr ein getreues Abbild wird dieses Geistes. Geradeso, wie die Erkenntnis haltmacht vor dem Menschen, so macht im Grunde genommen das soziale Leben auch halt vor dem Menschen. Was konnte dieser moderne Wissenschaftsgeist, der gerade die führenden Geister erzogen und ausgebildet hat, was konnte er denn eigentlich zuwege bringen? Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, er konnte das zuwege bringen, was die großartige moderne Technik ist. Dieses mathematische Denken auf der einen Seite, das trug er hinein in die Maschinen, in den modernen Industrialismus, in das moderne Geldwesen, ja sogar in die soziale Gestaltung der modernen Menschheit. Darin ist dieser Geist groß gewesen. Wir können sagen: Alles dasjenige, was zahlenmäßig in den Büchern der modernen Industrie, der modernen Praxis überhaupt steht, das ist doch Abbild dieses Geistes, der zur Technik geworden ist aus der Mathematik heraus. Wenig noch hat sich dagegen das andere, das erst in den ersten Ansätzen vorhanden ist, die Beobachtung, die im Grunde genommen heute erst groß ist auf naturwissenschaftlichem Gebiet, in das Menschenwesen selber hineintragen können. Es zeigt ja der Umstand, dass man nicht in der Lage war, mit dem Erkennen bis an den Menschen heranzudringen, dass man nicht die Kraft in sich hat entwickeln können, um dem Menschen so gegeniiberzutreten, dass man Verständnis hat für das Innerste des Menschenwesens. Dasjenige, was als bloßer Wissenschaftsgeist vorhanden ist bei Adam Smith, bei Ricardo und anderen, das zeigt sich im ganzen modernen Denken praktisch dadurch, dass die Praxis ideenlos geworden ist, dass sie eine bloße Routine geworden ist, dass groß in ihr nur die Technik ist; dass groß in ihr ist alles dasjenige, was bis in die Ausläufer dieser Technik kommen kann, was noch bis in die Arbeit an der Maschine großartig sein kann, aber auch haltmacht, wie die Erkenntnis vor dem Menschen das ganze praktische Leben, das soziale Leben. Auf der einen Seite macht man halt vor dem Menschen in der Erkenntnis, auf der anderen Seite macht man halt vor dem Menschen im sozia kn Leben. Derjenige, der heute als Praktiker eine Fabrik leitet, der heute in einer Handelsunternehmung oder einem sonstigen Zweig des modernen praktischen Lebens drinnensteht, kann keine [andere] Erziehung aus dem, was unser Wissenschaftsgeist des Westens ist, erhalten als eine solche, die ihn denken lässt bis in die äußersten Fasern des Technischen hinein, die ihn aber haltmachen lässt als Arbeitsleiter vor demjenigen, der die Arbeit nimmt. Vor dem Menschen wird haltgemacht. Furchtbar schmerzlich ist, es, dieses Haltmachen mit innerem Verständnis zu verfolgen. Wer heute hineinschaut in das Menschengefiige der Gegenwart, der sieht, wie die leitenden, führenden Kreise, für die der Wissenschaftsgeist Autorität geworden ist, eben haltmachen vor dem Menschen. Wie sie in ihre Bücher eintragen können alles das, was aus dem mathematischen Flügel kommt bis in die Technik hinein, wie aber die Erziehung, die daraus als Volks-, als Geisterziehung wirkt, kein Verständnis überliefert für den Menschen als solchen. Und so steht da eine Grenze zwischen Mensch und Mensch. Und diese Grenze ist zum furchtbaren Schicksal der modernen Zivilisation geworden. Denn dasjenige, was in kein Haupt und Kassenbuch geschrieben werden konnte, wo nur die Ausflüsse des Technischen stehen, bis in die Menschenbehandlung hinein, das trat auf in der neueren Zeit mit den Forderungen eines menschenwürdigen Daseins, mit anderen Forderungen. Und kein Verständnis kann im Grunde genommen noch heute für die Sprache gefunden werden, die jeweilig eine andere Klasse spricht, bei der einen Klasse. Die Menschen haben das Verständnis füreinander verloren, wenn sie in verschiedenen Klassen stehen, weil das tiefere Verständnis für den Menschen mit dem Erkenntnis-Verstehen, auch mit dem Verstehen, mit dem Sich-lnteressieren für das praktische Leben verloren gegangen ist. Der Praktiker ist heute ein Routinier, er ist nicht ideengetragen. Warum? Weil er durch die Erziehung, die der moderne Wissenschaftsgeist mitgebracht hat, eben gar nicht die Ideen hineintragen kann in das eigentliche soziale Leben, sondern beim technischen Leben stehen bleiben muss. Das, meine sehr verehrten Anwesenden, deutet hin auf eine der größten Aufgaben der Gegenwart, denn könnte nichts beigetragen werden zur Lösung dieser größten Aufgabe, so müsste sich ein solches Schicksal an der modernen Menschheit erfüllen, wie es etwa Oswald Spengler mit genialem Blick, aber einem umso genialeren Irrtum heraus entwickelt hat aus einer Erkenntnis fast aller Wissenschaften der Gegenwart, es müsste sich entwickeln der Niedergang in die Barbarei. Es ist ja schmerzlich genug, dass wir heute nicht nur sehen, wie dieser Niedergang geschieht, sondern dass geradezu geniale Gelehrte, aber auch geniale Verirrer auftreten, die mit derselben strengen Wissenschaftlichkeit beweisen, dass die Entwicklung in die Barbarei hineinführen wird, wie irgendwelche historischen oder naturwissenschaftlichen Dinge heute streng bewiesen werden. Meine sehr verehrten Anwesenden, das Durchschauen dieser Verhältnisse war es, welches dazu geführt hat, dass dasjenige, was ich seit zwei Jahrzehnten nenne «anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaf>, gerade aus den katastrophalen Vorgängen der neueren Zeit seine besonderen Aufgaben erhalten hat, die zusammengewachsen sind mit den großen Aufgaben der Gegenwart. Ich darf hinweisen auf einzelnes Konkretes. In den letzten Wochen des September und den ersten des Oktober haben wir an der Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach eine Reihe von Hochschulkursen abhalten können. In diesen Hochschulkursen wirkten bereits dreißig Dozenten, dreißig Menschen, die durchaus aus der modernen Fachwissenschaft hervorgegangen sind. Dozenten, die da wirkten auf dem Gebiet der Mathematik, der Sprachwissenschaft, der Geschichte, der Rechtswissenschaft, der Psychologie, auf dem Gebiete der Philosophie, auch auf dem Gebiete der Wirtschaftslehre, auf dem Gebiete des praktischen Lebens - ich könnte noch mancherlei Gebiete aufzählen -, auch auf dem allerbedeutsamsten Gebiet der Medizin, der Heilkunde und so weiter. Was sollte gezeigt werden durch diese Hochschulkurse, die sich radikal unterschieden von alledem, was sonst gegenwärtig als Geistesleben sich in die Welt stellt? Ja, gehen wir von dem aus, was heute schon viele ganz wohlmeinende Menschen zu ihrer Anschauung gemacht haben. Es ist nötig, meinen sie, eine Erneuerung des modernen Menschenbewusstseins aus dem Geiste heraus; wir können es nicht mit wirtschaftlichen, staatlichen Dingen allein versuchen. Wir müssen das Denken der Menschheit ergreifen, wir müssen die Weltanschauung ergreifen. Ja, aber was will man eigentlich da? Man will dasjenige, was gepflegt worden ist in modernen Bildungsanstalten, durch Volksbildungsanstalten, durch Volkshochschulen, durch Volksbildungsvereine, in die breitesten Kreise des Volkes tragen. Man will fortschrittlich sein fast auf allen Gebieten, man bleibt konservativ auf dem eigentlichen Geistesgebiet. Denn man glaubt, dass dasjenige, was wir als modernen Wissenschaftsgeist haben, schon gut genug ist. Aber wer unbefangen das moderne Leben durchschaut, der muss sich sagen: Die Kreise, in denen dieses Leben, dieser moderne Wissenschaftsgeist mit all seinen Ergebnissen, auch für die praktische Routine - denn zu einer solchen ist es unter seinem Einfluss gekommen -, auf die d[ies]er Geist gewirkt hat, sie sind ja ebenso hineingesegelt in die moderne Weltkatastrophe. Glaubt man, dass dasjenige, was sie nicht hat behüten können vor dieser Katastrophe, nun segensreich werden soll, wenn man es in alle Welt verbreitet? Derselbe Geist, der Unheil angerichtet hat, Unheil anrichten musste bei wenigen, er würde noch größeres Unheil anrichten bei vielen. Daher steht man in Dornach innerhalb des Geistes dieser Hochschule für Geisteswissenschaft auf anthroposophischer Grundlage nicht auf dem konservativen Boden, dass das Geistesleben, das an unseren Bildungsanstalten vorhanden ist, einfach hinausgetragen werden soll in alle Welt, sondern dass aus einem neuen Geiste heraus, aus einer Erneuerung des Geisteslebens erst der nötige Geist, der Zukunftsgeist in die Bildungsanstalten selber hineingetragen werde - dann wird er erst das Volk ergreifen können. Nun kann ich durchaus ganz gut verstehen, wie man skeptisch sein kann gegenüber dem, was hier zugrunck liegt dieser Betrachtung, was zugrunde lag den Dornacher Hochschulkursen: der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft. Doch ich glaube, dass ein großer Teil derjenigen, die zugehört haben - und sie waren sehr zahlreich, waren auch sehr zahlreich gerade aus der deutschen Studentenschaft heraus -, dass diejenigen, die da zugehört haben, doch den Eindruck bekommen haben: Diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ist etwas, was nicht in einem Wolkenkuckucksheim von abstrakten Ideen schwebt, sondern sie ist etwas, was hineinwirken kann in alle Zweige des wissenschaftlichen, aber auch in alle Zweige des praktischen Lebens, was die Routine verwandeln kann gerade auf dem Gebiet des praktischen Lebens in ideengetränkte Wirklichkeit. Praktischen Geist will man haben in demjenigen Geistesleben, um das es sich da handelt. Nun muss es den modernen Menschen vielleicht absurd erscheinen - ich kann das ganz gut begreifen, dass es der alten Denkgewohnheit absurd erscheint -, dass etwas so Intimes, ich will es gleich in seinen Grundzügen schildern, wie die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ist, gerade die Unpraxis der neueren Zeit verbessern soll. Man hat sich eben zu sehr daran gewöhnt, dass man in der Routine, in der ideenlosen Praxis drinnensteht. Und man hat sich daran gewöhnt, Theorie Theorie sein zu lassen, weil man diese Theorie nur als eine Summe von Abstraktionen im Grunde genommen kannte, und weil man auch nicht aus dem, was als Weltanschauung aus dem alten Oriente geblieben ist, in das praktische Leben hat viel mehr hineintragen können als die erste Seite in den Kontobüchern, da steht «mit Gott», ob nun von dieser Gesinnung sehr viel auf den übrigen Seiten steht, das überlasse ich den Zeitgenossen, genauer zu beurteilen. Was ist anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft? Meine sehr verehrten Anwesenden, zuerst ist dazu zu erwähnen, dass diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft durchaus nicht den streng wissenschaftlichen Geisg der sich innerhalb der modernen Zivilisation geltend gemacht hat, verlassen will, sondern dass sie im Gegenteil ihn voll ausbilden will. Nicht umsonst heißt die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach das «Goetheaiiumm Goethische Gesinnung soll fortgepflegt werden - allerdings auch fortentwickelt, fortgebildet, fortgestaltet werden. Goethe hatte schon viele Elemente dieses modernen anthroposophischen Geistes. Er hatte aber für alles das, was er auch auf dem Gebiete der Wissenschaft geltend gemacht hat, gesagt, dass er das Gefühl habe: [Auch] das, was man zum Beispiel über die Lebewesen sagt und wissenschaftlich meint, es müsse sich vor dem strengsten mathematischen Geiste rechtfertigen lassen; nur derjenige könne als ein Wissenschafter gelten, der sich vor dem strengsten Mathematiker gewissenhaft rechtfertigen könne. - Das möchte gerade diese Geisteswissenschaft. Aber sie will dasjenige, was sonst nur bei der Mathematik zutage tritt als letzter Rest des alten orientalischen Weltanschauungsgebietes, sie möchte das, was da aus dem Menschen heraufsteigt, in einer größeren Lebendigkeit aus diesem Menschen heraufsteigen lassen. Es gibt Methoden - Sie können das Nähere finden in meiner «Geheimwissenschaft», in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hÖheren Welten» und anderen Schriften -, es gibt Methoden, durch welche das innere menschliche Seelenleben so behandelt werden kann, dass es sich entwickelt. Ich möchte das durch Folgendes veranschaulichen: Wir wenden hin den Blick auf ein noch unvollkommenes Kind, auf ein Kind von fünfJahren. Wir legen diesem Kinde vor einen Band lyrischer Gedichte von Goethe, was wird es damit machen? Es wird wahrscheinlich das Büchelchen zerreißen, wenn es ein gesundes Kind ist. Es wird kein Verhältnis haben zu demjenigen, was das Büchelchen eigentlich meint. Zehn Jahre später oder fünfzehn Jahre später wird das Kind schon ein anderes Verhältnis haben; es wird untertauchen können in dasjenige, was mit dem Büchelchen eigentlich gemeint ist. So steht es auch mit dem Menschen noch in späteren Lebensjahren. Zu einer intellektuellen Bescheidenheit muss man allerdings vordringen, wenn man an anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft herankommen will. Intellektuelle Bescheidenheit erkennt, dass der Mensch, wenn er auch noch so alt geworden ist, seine inneren seelischen Fähigkeiten methodisch entwickeln kam. Wie gesagt, ich habe die Methoden geschildert in den genannten Büchern und mÖchte nur angeben, dass man durch eine besondere Vertiefung des Vorstellungslebens, durch eine solche Vertiefung in das Vorstellungsleben, welche vor allen Dingen aus dem Willen heraus das Vorstellungskben meditativ in der Seele da sein lässt, dass man durch eine solche Behandlung des Vorstellungslebens, die ich hier nicht ausführlich schildern kann, dazu kommen kann, gewisse Kräfte, die sich sonst durch die gewöhnliche Erziehung heranbilden lassen im Menschen, noch weiter zu vertiefen. Und das, was ich meine als intellektuelle Bescheidenheit, es führt einen zum Schlusse dahin, sich zu sagen: Durch dasjenige, was man einfach durch die gewöhnliche Erziehung entwickelt, liegt die Welt der Menschenumgebung und die Welt des Menschen selbst vor einem, wie das Goethebüchlein vor dem fünfjährigen Kinde. Man muss die innerliche seelische Kraft zu einer weiteren Höhe entwickeln, dann lernt man das Buch der Natur in einer anderen Weise lesen. Dann tritt man mit anderen Kräften der menschlichen Seele an dieses Buch der Natur heran. Was sind diese menschlichen Seelenfähigkeiten, die man da entwickelt? Im gewöhnlichen Bewusstsein spielt ja, wie alle wissen werden, dasjenige, was wir Gedächtnis, Erinnerungsvermögen nennen, eine ungeheure Rolle. Wir brauchen dieses Erinnerungsvermögen. Wird es nur ein wenig krank, löscht sich nur ein kleiner Teil desjenigen, was wir in unserer Erinnerung haben, in der menschlichen Seele aus, tritt eine Diskontinuität des Gedächtnisses ein, so leidet die Seele Schiffbruch. Furchtbar sind die Erkrankungen, die durch diese Gedächtnisstörung auftreten können. Das Gedächtnis ist eine Kraft für das normale theoretische wie praktische Menschenleben, aber man kann es weiter ausbilden. Was ist denn im gewöhnlichen Bewusstsein im Grunde genommen dasjenige, was uns im gegenwärtigen Augenblick zu unserem eigentlichen Seelenmenschen erst macht? Wir sind ja im Grunde genommen in jedem Lebensalter dasjenige, was wir durch unser Gedächtnis sind. Was wir erfahren haben im Leben seit der Kindheit, was sich da niedergesetzt hat in dem Innersten, manchmal in dem Unterbewussten des Seelenlebens, das ist es, was eigentlich unser Wesen im gegenwärtigen Moment ausmacht. Und wir blicken auf dieses Wesen, indem wir von dem, was wir gegenwärtig sind, zurückblicken erinnernd auf das, was wir erfahren haben seit unserer Kindheit. Die Kraft gerade, meine sehr verehrten Anwesenden, die kann zu einer höheren Stufe des Erkennens ausgebildet werden. Das glauben heute noch die wenigsten Menschen. Es ist eben auf diesem Gebiete gerade so, wie es war zum Beispiel zur Zeit des Kopernikus, wo die wenigsten Menschen das glaubten, was der Kopernikus über die Welterscheinungen gesagt hat. Es glauben heute noch die wenigsten Menschen, dass man dadurch, dass man meditativ sich in gewisse Vorstellungen vertieft, dass man sich nicht hingibt, wie sonst im äußeren Leben es der Fall ist, dem gewöhnlichen Verlauf der Vorstellungen, sondern dass man Vorstellungen, die man sich erst gebildet hat, oder von einem Lehrer überliefern lässt, hat, sich in sie versenkt, [dass man] lernt, mit einem erhöhten kraftvollen Leben in solchen Vorstellungen jahrelang drinnenzustehen durch strenge, innerlich geregelte Übungen, Übungen, die so geregelt sind wie die Gesetze des Rechnens, der Mathematik, der Geometrie es glauben die wenigsten Menschen, dass das auf dem Wege streng wissenschaftlicher Methode erreicht werden kann, ebenso streng wissenschaftlich, wie die Arbeit im chemischen Laboratorium ist. Aber es ist möglich, dass wir dadurch das Erinnerungsvermögen des Menschen weiter ausbilden; so ausbilden, dass uns nun nicht nur unser gegenwärtiges Seelenleben erscheint als ein Ergebnis unserer Erfahrungen und Erlebnisse seit unserer Geburt, sondern dass uns unser ganzer Mensch, wie er mit seinem physischen Leibe dasteht in der Welt, wie er hineingetreten ist durch die Vererbung mit seinem physischen Leibe bei der Geburt oder besser gesagt der Empfängnis in diese physische Welt, das Ergebnis ist von Ereignissen, die seiner Empfängnis vorangegangen sind, aber nicht im bloß Menschlichen, sondern innerhalb des ganzen Kosmos. Wie man durch das gewöhnliche Gedächtnis auf das eine Leben seit seiner Kindheit zurückblickt, so lernt man zurückblicken auf etwas, was außerhalb dieses Lebens zwischen Geburt oder Empfängnis und dem Tod liegt. Man lernt auf dasjenige hinblicken vor allen Dingen, was der Mensch geistig war, bevor er physisch geworden ist. Man lernt die Wirklichkeit des geistigen Lebens kennen. Man lernt dasjenige kennen, was heute noch der Mensch als Ewiges in sich trägt, wovon ausstrahlt sein erkennendes, sein Gemeinschaftsleben, sein soziales Leben, in seinem Erleben in einem Dasein vor der Geburt oder Empfängnis. Und man lernt sich eine bedeutsame Frage beantworten, die Frage: Warum erscheint denn solch ein Hineinschauen in das vorgeburtliche Leben, [solch ein Hinschauen] auf das Leben des Menschen im Geiste, der heutigen abendländischen Menschheit gar so absurd? Und man lernt erkennen, dass da gepflegt worden ist das Ewige des Menschen nur nach der anderen Seite hin durch Jahrhunderte, ja Jahrtausende. So war es nicht innerhalb der Blütezeit der Weltanschauungen im Oriente. So ist es geworden im Westen. Zum menschlichen Egoismus wollte man auch mit dem Seelenleben sprechen. Vom menschlichen Egoismus ließ man auch das, was man als Anschauung entwickelte über das Ewige des Menschen, beeinflusst sein. Man kam dadurch zu keinem Glauben, zu keinem Wissen, zu keiner Erkenntnis vom Ewigen, denn man betrachtete nur das Ende des Lebens, was durch die Todespforte durchgeht. Das drückt sich selbst in Äußerlichkeiten aus. Wir haben ein Wort «Unsterblichkeit», wir weisen damit hin auf das, was nach dem Tode liegt. Wir haben aber in unserer heutigen Sprache kein Wort, welches ausdrückt, dass dieses Ewige vor der Geburt oder Empfängnis da war, wir haben kein Wort, wie etwa Ungeburtlichkeit, Ungeborensein oder dergleichen als ein gewöhnliches Wort. Wir haben kein Wort, was dem Worte Unsterblichkeit als der anderen Seite des Lebens entspricht. Dann aber, wenn man durch strenge Methoden ausbildet dasjenige, was im gewöhnlichen Leben nur als Gedächtnis lebt, zu einem [höheren] Erkenntnisvermögen, dann wird Wissen, nicht bloßer Glauben, sondern Anschauung, dasjenige, was der Mensch erlebt hat, bevor er durch die Empfängnis in die Vererbungsströmung des physischen Lebens aufgenommen worden ist. Das wird einmal so wahre Wissenschaft werden, wie Wissenschaft geworden ist die kopernikanische, die keplerische Weltanschauung. Aber es wird Wissenschaft werden; es wird nicht bloßer Glaube sein. Denn der Glaube ist eben dadurch entstanden, dass man nur auf das Nachtodliche hinblickte, nicht auf das Vorgeburtliche. Damit man auf das Vorgeburtliche blicken kann, kann man nicht bei dem Seelenleben bleiben wie vorher; man muss andere Kräfte entwickeln. Es wird einem das Wissen von den höheren Welten nicht wie eine Gnade geschenkt, es wird einem nur durch innere Anstrengung. Dann aber verbreitet sich wie ein Licht dasjenige, was man so über das Ewige des Menschen erkundet hat, auch über die natürliche Außenwelt. Dann werden alle diejenigen Naturgesetze, die wir kennenlernen, vom Geiste durchdrungen. Dann reden wir nicht mehr von einer materialistischen Atomenwelt, sondern von einem Geiste, der auch der Natur zugrunde liegt und aus dem wir herausgeboren sind. Da sehen Sie, im Erkenntnisgebiet eröffnet sich dem Menschen durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ein Ausblick auf die Frage: Was ist das Menschenwesen? Hier wird nicht haltgemacht vor dem Menschen. Hier wird geradezu auf dasjenige losgegangen, was tiefste Erkenntnissehnsucht des Menschen in Bezug auf sein eigenes Wesen ist. Und dasjenige, was hereingezogen ist in die moderne Welt als Beobachtungsgeist, das muss sich sozusagen wie von selber vertiefen, wenn der Mensch solche inneren seelischen Übungen durchmacht. Wenn der Mensch [solch] ein höheres Erkenntnisvermögen, das hinausblicken kann über die Geburt in die geistige Welt hinein, wirklich in sich entwickelt, da wird die An und Weise, wie der Mensch gegenübertritt der äußeren Beobachtung, eine ganz andere, als sie in der bloßen Naturwissenschaft ist. In dieser Naturwissenschaft sind wir, und ich betone wiederum: mit vollem Rechte, stolz darauf, dasjenige zu beobachten, woran wir menschlich so wenig wie möglich Anteil haben, wo das menschliche Innere nicht mitspricht. Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, derjenige, der schon einmal vorstellungsgemäß an seiner Seele so arbeitet, dass das Erinnerungsvermögen zu einer höheren Stufe kommt, der wird unmittelbar auch angeregt, die anderen Seelenkräfte, vor allen Dingen den Willen, weiter auszubilden. Wenn er dies tut, wenn er [SO] unter dem fortwährenden Ansturm des Erkenntnisvermögens, wie ich es in seiner hÖheren Entwicklung eben gezeigt habe, auch den Willen höher entwickelt, dann wird dasjenige Verhältnis, das wir sonst zur äußeren Natur haben, das Verhältnis einer inneren Hingabe. Dann bleibt man nicht an der Oberfläche haften und konstatiert nur materielle Atome, die man erfindet, die nicht gefunden sind, sondern man wächst zusammen mit dem, was das Innere der Dinge ist. Man lernt jetzt erst die Anschauung Goethes verstehen, die er ausdrücken wollte, indem er gegen Haller die Worte gebrauchte, die Ihnen ja wohl bekannt sind. Haller hatte gesagt: Ins Innrc der Natur dringt kein erschaffener Geist, Glückselig, wem sie nur die äußere Schale weist. Und Goethe antwortete: ·Ins Innre der Natur· - O, du Philister ·Dringt kein «schaffner Geist», Mich und Geschwister Mögt Ihr an solches Wort Nur nicht erinnern. Wir denken: Ort für Ort Sind wir im Innern. ·Gliickselig, wem sie nur Die äußre Schale weistb Das hÖr ich sechzig Jahre wiederholen, Ich fluche drauf, aber verstohlen, Sage mir tausend, tausend Male: Alles gibt sie reichlich und gern, Natur hat weder Kern, Noch Schale, Alles ist sie mit einem Male; Dich prüfe du nur allermeist, Ob du Kern oder Schale seist. Von selbst wird auch das nicht dem Menschen. Er muss seinen Willen zu höherer Stufe entwickeln. Er muss gewissermaßen im inneren seelischen Wesen dasjenige zur Entwicklung bringen, was sonst als Willensemotionen im äußeren Leben zum Ausdruck kommt. Ich kann mich etwa in der folgenden Weise ausdrücken: Unser Erkennen, namentlich das Naturerkennen, es bleibt in der Regel dasjenige, was wir objektiv, unpersönlich nennen. Wenn wir aber im gewöhnlichen Leben drinnenstehen, wenn wir Freunden gegenüberstehen, wenn wir unserem eigenen Schicksal gegenüberstehen, dem, was wir im Leben zu tun haben, dann sind wir mit Interesse an unsere Umgebung gebunden. Dann quillt in uns das persönliche Leben auf. Dann haben wir Freude und Schmerz, Lust und Leid; in Erhebung und in demjenigen, was wir als Depression, als Verzweifelung empfinden, machen wir innerlich etwas mit. Auf einer höheren Stufe objektiv, geradeso objektiv, wie irgendetwas anderes in der Wissenschaft objektiv wird, kann man, wenn man [durch] die Methoden, die ich in «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten» geschildert habe, [den Willen ausbildet], untertauchen in das Wesen der Dinge. Man wird mit dem innersten Menschlichen gewissermaßen hineingesenkt in das Innere der Naturdinge. Man entdeckt allerdings keine Atome, sondern Geistiges, dasjenige, was als geistige, menschenverwandte Tragkräfte zugrunde liegt dem Naturgeschehen. Und man macht jetzt eine besondere Entdeckung gegenüber dem Erkennen und dem willensmäßigen Hineindringen in die Natur. Wenn man nämlich das Gedächtnis so ausgebildet hat, dass man auf das vorgeburtliche Leben hinblickt, da merkt man, es wird alles finster und stumm, unklar und unbehaglich, wenn man nicht auf demselben strengen Wissenschaftsgeiste steht, auf dem die äußere Wissenschaft steht. Meine sehr verehrten Anwesenden, mit mystischem Schwafeln, mit alledem, was in der landläufigen Theosophie zum Ausdruck kommt, mit all diesen Schwärmereien und all dieser Phantastik kommt man mit dem, was wahre Geistesforschung ist, nicht zurecht. All diese schwafelnde Mystik senkt sich nur in Unklarheiten hinein. Mit dem Geiste, den man erst heranerzogen hat an der modernen Wissenschaft, muss man diese Entwicklung der Seele suchen, wie ich angegeben habe. Dann versteht man erst, wie sich die Wissenschaft fortsetzt in das Menschenwesen hinein. Dann aber, wenn man eingehen will in das Innere der Natur durch die Entwicklung der Willenskrafg dann merkt man, was einem fehlt, wenn man es nicht immer weiter und weiter entwickelt. Was im gewöhnlichen Leben so sehr, wenn es auch schön ist, unter dem Einfluss des Egoismus steht, das muss man haben; das muss man im umfassendsten Sinne haben, wenn man willensmäßig in die Wesen der Welt untertauchen will: Man muss die Liebe haben zu allen Wesen, die um einen herum sind. Wer nicht die Liebe entwickeln kann, die ganz selbstlose Liebe, die einzige Leidenschaft des Menschen, die frei von Selbstsucht ist - so hat sich mancher bedeutsame Geist gerade gegenüber der Liebe ausgesprochen -, wer diese wahre Liebe nicht in seiner Persönlichkeit hat, der merkt, wie ihm Finsternis und Kälte entgegentreten, wenn er untertauchen will, sich hingeben will an die äußere Welt, an die äußere Natur, wenn man den Geist finden will in dem Äußeren. Man kann auf diese Weise durch Willenskultur die Beobachtung, die ja durch den modernen Wissenschaftsgeist nur an der Oberfläche stehen bleibt, ergründen. Und wenn man so die Beobachtung ergründet, indem man in das zu Beobachtende hineindringt, lernt man noch ein anderes erkennen. Ebenso, wie man durch den Erkenntnisgeist hinschaut auf das vorgeburtliche Leben, so lernt man jetzt mit einem neuen Geiste hinschauen auf dasjenige, was sich seit der Geburt als unser Seelenleben entwickelte. Abstrakte Formen hat es zunächst, so, wie es der gewöhnlichen Selbstschau, Selbsterkenntnis erscheint. Wenn man aber dasjenige, was ich Ihnen charakterisiert habe als Versenkung in die Außenwelt, als vertieften Beobachtungssinn [entwickelt], dann lernt man chsjenige, was wir in jedem Augenblick unseres Lebens sind, dasjenige, was wir gegenwärtig sind, als den Geistseelenkeim des Zukünftigen kennen. Dann verwandelt sich auch der Glaube an die Unsterblichkeit in die Erkenntnis der Unsterblichkeit. Aber was muss denn an den Menschen herangebracht werden, wenn er gerade diese Art von Erkenntnis entwickelt? Ich habe ja gesagt, dass auf der einen Seite, auf der Erkenntnisseite, herausgebildet werden muss der rechte Wissenschaftsgeist. Aber er bleibt nicht stehen, er macht nicht halt vor dem Menschen. Dieser Wissenschaftsgeist wird wieder Weltanschauung. Und wir müssen begründen für die Zukunft eine Wissenschaft, die Weltanschauung sein kann, wie der alte Orientalismus hatte eine wissenschaftsfreie Weltanschauung. Und wir müssen aus dieser Wissenschaft, welche wieder Weltanschauung sein kann, erlebte Weltanschauung sein kann, neu begreifen auch dasjenige, was das Mysterium von Golgatha, das Mysterium des Christentums ist. [Dieses Mysterium von Golgatha ist eine Tatsache.] Es ist eine Verleumdung, wenn da oder dort gesagt wird, dass anthroposophische Geisteswissenschaft das Christentum verkenne. Nein, es ist gerade Kleinmut, wenn man behaupten will, dass das Christentum etwas zu verlieren hat, wenn eine neue geistige Ent wicklungsstufe der Menschheit an dieses Christentum, an die Tatsachen des Christentums herantritt. Das Christentum ist so groß, dass es aushalten kann bis ans Ende der Erdentage alle Entdeckungen auf materiellem und geistigem Gebiete. Und wie man einstmals geglaubt hat, dass der kopernikanische Geist dem Christentum ein Ende machen könne, wie man ihn ausrotten wollte, so begegnet man heute auch dieser Geisteswissenschaft. Man verleumdet sie, man will sie ausrotten. Aber sie wird nicht zur Verkleinerung des Christentums, sondern sie wird zur Erhöhung des Christentums beitragen, indem sie gerade dem modernen Geiste, dem modernen Streben das Christentum, das Mysterium von Golgatha als ein Geistereignis, das der Erdenentwicklung erst Sinn gibt, wiederum begreiflich machen wird. - Das nach der Erkenntnisseite hin. Und nach der praktischen Lebensseite hin, wenn wir eindringen wollen in die Beobachtung, die nicht bloß Naturbeobachtung bleiben will, müssen wir den Geist der Liebe entwickeln. Wenn wir die Liebe nicht haben, ist es nicht möglich, die äußere Beobachtung zu vertiefen. Wir erziehen unseren Wissenschaftsgeist, indem wir uns zugleich zum Geiste der Liebe erziehen. Das aber gibt uns die Möglichkeit jetzt uns mit den Dingen zu verbinden. Das war ja das furchtbar Tragische der modernen Menschheitsentwicklung, dass der Mensch im modernen Wissenschaftsgeiste menschenfremd in abstrakten HÖhen lebte, dass er nicht eindringen konnte in das praktische Leben, weil er auch dem Geiste der Natur selber fernestand. Indem anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in den Geist der Natur eindringt, indem sie zusammengeht mit der Wissenschaftlichkeit auf dem Erkenntnisgebiete, bereitet sie vor jenes Zusammenleben mit der Wirklichkeit des äußeren Menschenlebens, der menschlichen Gemeinschaft: das Geistesleben der Menschheit, das Rechts- oder Staatsleben der Menschheit, das Wirtschaftsleben der Menschheit. Man lernt an der Art und Weise, wie man mit den Gegenständen der Wissenschaft zusammenlebt, bis zur Handgeschicklichkeit hinein auch an die äußeren praktischen Dinge heranzugehen. Aus den Routiniers, die eben nur neben sich hatten den Geist der Bildungsanstalten, der nicht praktisch sein konnte, weil der moderne Wissenschaftsgeist eben so war, wie ich es auseinandergesetzt habe, aus dieser Art der modernen Routine wird sich geisterfiillte Lebenspraxis entwickeln. Dann wird man nicht mehr sagen, das geistige Leben könne nur eine Ideologie, ein Aufbau auf den wirtschaftlichen Prozessen sein, sondern man wird erkennen, wie der Mensch es immer war und sein muss, der sein geistiges Leben auch in seine soziale Gemeinschaft hineinträgt, der das wirtschaftliche Leben nur gestalten kann, wenn er in seinem geistigen Leben zuerst sich so erzogen hat, dass er weiß, wie man mit der Wirklichkeit zusammenlebt. Das ist dasjenige, was man immer mehr und mehr erkennen wird, dass bis in die Fundamente des Lebens hinein Geisteswissenschaft deshalb praktisch ist, weil durch sie der Mensch mit der Wirklichkeit zusammenwächst. Daher wird er auch als Praktiker, als wirtschaftlicher Praktiker hineingestellt sein in die Wirklichkeit. Geradeso wenig, wie man haltzumachen braucht im Sinne dieser Geisteswissenschaft vor der Erkenntnis des Menschen, so wenig wird man mit dieser Gesinnung, [die] ohne die Geisteswissenschaft sich nicht entwickeln kann, als Arbeitsleiter oder als Arbeiter, wenn man nur die Dinge im Fundament versteht, im sozialen Leben vor dem Menschen stehen bleiben. Solche Menschen wie Keynes, sie verlangen, dass man nicht bloß Handlungen der Staatsmänner vollführe. Auf den letzten Seiten seines Buches sagt dieser an der Gegenwart verzweifelnde Mensch: Was haben wir zu tun in der nächsten Zeit? Wahrheit verbreiten, Trugbilder zerstören, den Hass zerstäuben, die Menschen zu einem Gemeinschaftsleben zu erziehen. - Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, wie macht man das? - muss man fragen. Aber diese Frage kann nicht beantwortet werden durch äußere Maßnahmen, sondern nur, wenn man auf das Fundament des menschlichen Lebens selbst und seine Umgestaltung in der Gegenwart hinweist. Was sollen wir für Gedanken [verbreiten]? Nicht die, die in die Katastrophe hineingeführt haben. Diejenigen Gedanken sollen wir [verbreiten], die nicht haltmachen vor dem Menschen im Erkenntnisleben wie im sozialen Leben. Wir werden Trugbilder nicht zerstören, wenn die Menschen [glauben], diese Trugbilder, besonders dieses [die des] sozialen Lebens, [beweisen zu können] aus dem Geiste der modernen Wissenschaftlichkeit heraus. Wie sollen wir das Trugbild des Hineinsegelns in die Barbarei zerstören, wenn ein Mensch wie Spengler aus wirklicher Genialität heraus beweisen will, dass die Menschheit im dritten Jahrtausend hineinsegeln muss in die Barbarei? Wie sollen wir den Hass [zerstäuben], wenn wir nicht die Brücke schaffen, in Liebe die Brücke schaffen zwischen Mensch und Mensch, zwischen allen Menschen, aber in einer Liebe, die nicht gepredigt wird, sondern die erzogen wird durch die Geisteskräfte? Wenn in der Wissenschaft nur kalte Nüchternheit, nur kalter Wissenschaftsgeist isl und nicht auch die Liebe erzogen wird, dann wird sie auch nicht durch irgendwelche sozialistische Theorien, die ja nur die Kinder dieses Wissenschaftsgeistes sind, in das öffentliche Leben eindringen können. Dass diese moderne anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht stehen bleiben will bei demjenigen, was Theorie ist, das zeigt sich ja zunächst auf dem einen Gebiet, wo die große Frage der Zeit, die große Aufgabe der Gegenwart uns entgegentritt: auf dem Erziehungsgebiet. Aus dem Geiste der anthroposophischen Geisteswissenschaft heraus ist in Stuttgart auf den Impuls des Herrn Emil Molt hin die freie Waldorfschule gegründet worden. Sie ist so gegründet worden, dass nicht etwa der Geist irgendeiner abstrakten Weltanschauung ein neues Religionsbekenntnis in diese Schule hineintragen will, sodass die Kinder gewissermaßen auferzogen werden sollen in Anthroposophie. Ganz und gar nicht. Aber etwas anderes ist der Fall. Derjenige, der diese Anthroposophie als Lebendiges in sein Seelenleben aufnimmt, der entwickelt aus ihr heraus dasjenige, was die praktischen Handgriffe der Erziehung, des Unterrichts sind; der entwickelt eine pädagogische Kunst, welche nicht mehr zusammenhängt mit dem, was uns in die Katastrophe hineingeführt hat, sondern was zusammenhängt mit dem, was als Geist der Zukunft ersehnt wird. Hier haben Sie auf dem Gebiete des Geisteslebens durch diese SchÖpfung Emil Molts etwas, was aus dem Menschen heraus die Erziehungskunst entwickeln will; aus jener Menschenerkenntnis, die nur aus dem Boden einer solchen Wissenschaft strömen kann, welche vor dem Menschen nicht erkennend und wollend haltmacht. Da kann man auch das, was im Kinde heranwächst, von Woche zu Woche so entwickeln, dass der Mensch sich hereinstellt als ein Wesen, das nun wirklich das soziale Leben in Liebe praktisch gestalten kann, dass die Routine ausgemerzt wird; dass geisterfüllte Wirklichkeit, geisterfiillte Praxis an Stelle der Routine gesetzt wird. Und, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn wir heute schon sehen, was selbst die wohlmeinenden Menschen beabsichtigen im öffentlichen Leben gegenüber den großen Aufgaben der Zeit, nun, auf der einen Seite ist es die Wiederauffrischung des parlamentarischen Lebens - es soll selbstverständlich nicht gegen das parlamentarische Leben gesprochen werden, es hat seine Berechtigung -, aber desjenigen, was solche Früchte gezeigt hat, dasjenige Wirtschaftsleben, das im Grunde genommen nur hervorgegangen ist aus dem Misswuchs der modernen Zeit. Wir sehen heute, wie in großen TrustBildungen allerdings Arbeiterbeteiligung eingeführt wird, die aber zu nichts anderem führen wird, wie die Volksbildung etwa führen würde, wenn sie nur von den heutigen Bildungsanstalten kommen würde, wo dasjenige, was [letzter] Rest des Alten ist, wie ein neues Evangelium verkündet wird. Gerade als ich zu diesem Vortrage hinfuhr, wurde mir ein Aufsatz überreicht von einem englischen Pädagogen, der die Waldorfschule in Stuttgart vor Kurzem besucht hat und bekannt geworden ist mit dem, was man da will. Er sagt merkwürdigerweise: Diese Waldorfschule stellt nicht etwa in ihrem Erziehungssystem die Ergebnisse desjenigen dar, was man moderne Pädagogik bis jetzt genannt hat, sondern sie stellt eine vollständig neue pädagogische Kunst in die Welt hinein. Durch unmittelbare Anschauung gewann dieser Artikelschreiber, der selber ein englischer Dozent ist, das Folgende; er sagt: Das, was da in der Geisteswissenschaft nicht in Theorien, sondern durch Erziehungskunst selber sich auslebt, das zeigt, dass diese Geisteswissenschaft nicht ist ein Zusammenfluss von abstrakten «Bahnen» - wie er sich ausdrückt -, sondern es ist dasjenige, was als Lebendiges in die Menschheitsgestaltung, in das unmittelbare praktische Leben hineinfließen kann. So haben wir mit unserer Waldorfschule aus dem Geiste der anthroposophischen Geisteswissenschaft heraus auf dem geistigen Gebiete, dem einen Gebiete des von uns angestrebten dreigliedrigen sozialen Organismus, etwas durchaus Praktisches erstreben wollen. Und was in einem Jahr, denn so lange besteht erst die Waldorfschule, erreicht werden konnte, es kann selbstverständlich nur ein Anfang sein. Aber Sie sehen, man erkennt in diesem Anfang einen neuen pädagogischen Geist, einen pädagogischen Geist der Zukunft. Von diesem ausgehend, sagt dieser selbe Mann: Was ist das Wesentliche da? Das Wesentliche ist da in dieser Waldorfschule, dass man nun nicht sagen kann - und er sagt, das gäben die Lehrer selber zu, mit denen er gesprochen hat -, das sei ein Ideal für alle Zeiten, das brauche man nur nachzumachen. Nein, dasjenige, was da ausgeht, kann nur wiederum von Geisteswissenschaft ausgehen; das muss immer als Praktisches herausfließen aus der Geisteswissenschaft. - Und der Mann sah sich weiter um. Er sah, was behandelt worden ist an übrigen praktischen Dingen. Und es ist viel, wenn von dieser Seite des Auslandes gesagt wird: Geisteswissenschaft gibt so viele Impulse, dass geschäftsmäßige Praktiker erzogen werden können zu einem ganz praktischen Leben in der Zukunft. Nicht spintisierend in irgendein wirklichkeitsfremdes Wolkenkuckucksheim [hinauf] will die Geisteswissenschaft, sondern die großen Aufgaben der Gegenwart sind solche, die unmittelbar herandringen an unser gewöhnlichstes Leben. Aber mit dieser allgewOhnlichsten Lebenspraxis kann es auch die Geisteswissenschaft, trotzdem sie in die höchsten geistigen HÖhen hinaufsteigt, zu tun haben. Und man darf der Hoffnung sich hingeben, dass dasjenige, was nun schon gesehen wird von den Leuten, die es sehen wollen, auf geistigem Gebiet, auch auf einigen praktischen Gebieten sich geltend macht, [und] sich immer mehr und mehr geltend machen kann. Darum sind die Dornacher Hochschulkurse gehalten worden zu einer Reform des gesamten wissenschaftlichen Lebens, weil von einer Umwandelung des Denkens, der ganzen Weltanschauung ausgehen muss dasjenige, was allein beitragen kann zu einer LÖsung der großen Fragen, die der Gegenwart gestellt sind. Und man wird ja zugeben aus dem Beispiel, das ich eben ausgeführt habe, das aber durch zahlreiche andere vermehrt werden könnte, dass es doch schon etwas heißt, wenn von diesem Geiste des Auslandes in der heutigen Zeit etwas anerkannt wird, was wir mitten in Deutschland machen. Meine sehr verehrten Anwesenden, wir dürfen nicht die Erinnerung, die lebendige und tatkräftige Erinnerung an dasjenige vergessen, was in Goethe und Schiller, den großen Deutschen, gelebt hat. Wir müssen es fortentwickeln. In dieser Gesinnung haben wir in jener Grenzecke, die nach dem Westen hinüber, nach den Siegern hinüber in der Schweiz sich eröffnet, das Goetheanum hingestellt, weil wir ausdrücken wollten, aus welchem Geiste heraus geschaffen werden soll auch ins Allerpraktischste hinein. Und wenn wir uns von dieser Gesinnung durchdringen, dann werden sich die Beispiele vermehren, wo von solchem, außerhalb Deutschlands liegenden Geiste der gegenwärtigen Zivilisation dasjenige anerkannt wird, was wir aus dem alten deutschen Geiste heraus vermögen. Äußerlich konnte man uns besiegen. Dasjenige, was wir vermögen werden, wenn wir treu, im Geiste treu zu dem halten, was des deutschen Volkes Größtes ist, dann wird man uns anerkennen. Und Geisteswissenschaft kann schon auf Proben hinweisen, wie man dasjenige, was aus wirklich deutschem Geiste heute vor die Welt hingestellt wird, immerhin anerkennt. So kann Geisteswissenschaft auch praktisch an der Gesundung des nationalen und internationalen Lebens mitwirken, weil sie in Bezug auf alle Gebiete wirklichkeitsgemäß und deshalb im wahrsten Sinne des Lebens praktisch sein will; praktisch sein will, weil sie keine Praxis entwickelt, welche den Geist verleugnet, keinen wirklichkeitsfremden Geist anstrebt, sondern weil sie einen wahren, einen echten, einen ewigen Geist anstrebt, der aber nicht bloß für eine theoretische oder eine Bekenntnisbetrachtung da ist, sondern der tatkräftig hineinzuwirken vermag in die Materie. Ein materielles Leben, das den Geist nicht verleugnet, ein Geisj, der sich nicht zu stolz fühlt, um das materielle Leben zu bezwingen - das ist dasjenige, was mit den großen Aufgaben der Gegenwart und Zukunft zusammenhängt. So werden wir lösen müssen die großen Aufgaben der Gegenwart und der nächsten Zukunft im Sinne einer Versöhnung des wahren Geistes mit dem materiellen, auch mit dem praktischen, mit dem wirtschaftlichen Leben. WIRTSCHAFTLICHE FORDERUNGEN UND GEIST-ERKENNTNIS Stuttgart, 7. Januar 1921 Meine sehr verehrten Anwesenden! Dasjenige, was als der Impuls zur Dreigliederung des sozialen Organismus heraus entsprungen ist aus anthroposophischer Geisteswissenschaft, muss immer wieder vielleicht nicht verteidigt, aber erklärt werden gegenüber der Auffassung, dass man es bei der Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus zu tun habe mit irgendetwas Utopischem, irgendeiner Utopie. Derjenige, der sich in meine Schrift «Die Kernpunkte der sozialen Frage» oder in dasjenige, was jetzt schon als eine reiche Literatur sich an diese Schrift angeschlossen hat, wirklich vertieft, könnte den grundsätzlichen Unterschied erkennen zwischen dem, was hier gewollt wird gerade aus anthroposophischen Untergründen heraus, und demjenigen, was mit Utopien, utopistischen Ideen in sozialer, in wirtschaftlicher oder sonstiger Beziehung gewöhnlich gegeben wird. Sonst weist man darauf hin, man findet es sogar selbstverständlich, darauf hinzuweisen, wie man, um zu diesem oder jenem die Menschheit befriedigenden Ergebnis, zu befriedigenden Zuständen zu führen, das eine oder das andere an Institutionen einrichten müsse. Diejenige Lebensauffassung, welche zugrunde liegt dem Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus, sie weiß, dass gegenüber den heutigen Zeitverhältnissen die Geltendmachung irgendwelcher utopistischen Ideen durchaus keine Bedeutung hätte. Ja, ich habe es in der neueren Auflage meiner «Kernpunkte der sozialen Frage», die eben im Erscheinen begriffen ist, gerade in der erneut geschriebenen Vorrede ausgesprochen, dass ich mir selbst dann nichts versprechen würde von irgendwelchen rein gedanklichen Schilderungen, wie es nun sein solle in der Zukunft, dass ich mir auch davon nichts versprechen würde in dem Fall, wenn diese Anschauungen noch so geistvoll wären. Denn heute handelt es sich durchaus nicht darum, dass man irgendwelche fertige geistvolle Ideen über soziale Institutionen ausspricht, sondern heute handelt es sich gegenüber der auf ihre Mündigkeit stolzen Menschheit darum, die Gelegenheiten zu bezeichnen, unter denen durch soziales Zusammenwirken der Menschen erst das Wünschenswerte entstehen könne. Also nicht, wie es in der Welt ausschauen soll, will der Impuls für Dreigliederung des sozialen Organismus charakterisieren, sondern wie dieser soziale Organismus selber die Menschen in gewisse gegenseitige Verhältnisse bringen soll, damit sich die Menschen nach ihren jeweiligen Fähigkeiten, nach ihren jeweiligen Bedürfnissen selber die Zustände schaffen, in denen sich in der Zukunft leben lässt. Es ist so gemeint, dass die Gliederung des sozialen Organismus nicht etwa in drei Klassen, sondern in drei besondere soziale Glieder, an denen jeder Mensch seinen Anteil hat, dass diese Gliederung in ein freies Geistesleben, in ein Staats-, politisches Leben und in ein auf sich selbst gestelltes Wirtschaftsleben geschehe. Und zugrunde liegt die Anschauung, dass, wenn sich die Menschen ihre Zustände gestalten durch einen solchen dreigliedrigen sozialen Organismus, dann muss aus den Menschen selber herauskommen dasjenige, was eine soziale Lebensmöglichkeit ist. Also nicht darum handelt es sich, etwas Utopistisches hinzustellen, sondern darum handelt es sich, Gelegenheiten zu charakterisieren, unter denen die Menschen selber, jeder Einzelne, möchte man sagen, denjenigen Einfluss bekommen kann auf die soziale Gestaltung des Lebens, den er vermöge seiner Fähigkeiten, seiner Bedürfnisse haben kann, und der in der notwendigen Weise ins Gewicht fallen muss, damit die lebensmöglichen Zustände entstehen. Das ist der grundsätzliche Unterschied des Impulses für Dreigliederung des sozialen Organismus von, man darf sagen, allem Übrigen, was ja so reichlich aufgesprossen ist in unserer Zeit, begreiflicherweise aufgesprossen ist aus der tiefen Not dieser Zeit heraus. Aber gerade diese Notwendigkeit, den abstrakt-einheitlich gewordenen sozialen Organismus in seine drei naturgemäßen Glieder so auseinanderzuschälen, damit diese wiederum umso inniger zusammenwirken können, gerade diese prinzipielle Grundlage, sie wird in weiteren Kreisen heute noch wenig verstanden. Und das, meine sehr verehrten Anwesenden, kann man auf der einen Seite recht begreiflich finden, auf der anderen Seite muss man es tief bedauern, aus dem Grunde, weil wir ja heute wirklich nicht unbegrenzte Zeit haben, um aus der Not heraus, aus dem Niedergang heraus wiederum zu einem Aufbau zu kommen, sondern weil wir nötig haben, sobald als möglich zur wirklichen Gesinnung in geistiger, in politischer, in wirtschaftlicher Beziehung zu kommen. Aber begreiflich, sagte ich, ist es. Und man muss die Art, wie es begreiflich ist, ins Auge fassen, um vielleicht auch daraus den Weg zum Besseren zu finden. Ich möchte meinen Ausgangspunkt nehmen von einem Urteil, das in der letzten Zeit gefällt worden ist, nicht, weil es in einem Buche eines Nationalökonomen auftritt, sondern weil es charakteristisch ist, trotzdem es der Einzelne hier äußert, für die Denkweise weitester Kreise - für diejenige Denkweise, die gerade das schärfste Hemmnis ist für ein Eingreifen eines solchen Impulses, wie der der Dreigliederung ist. Man darf sagen, ein recht lesenswertes Buch hat der NationalÖkonom, der Jenenser Professor Fritz Terhalle über freie und gebundene Preisbildung geschrieben. Das Problem der Preisbildung ist ja dasjenige, welches im Mittelpunkt eigentlich des wirtschaftlichen Denkens stehen muss. Es sind namentlich die Preisbildungsprozessc, die während des Krieges stattfanden, welche Terhalle in scharfer Weise kritisiert. Man darf sagen, manches in dieser Schrift ist geradezu glänzend beleuchtend dasjenige, was eigentlich im gegenwärtigen wirtschaftlichen Denken vorliegt. Terhalle fragt, welchen Nutzeffekt, welche Wirkung die verschiedenen Preisregulierungen, die während des Krieges ausgegangen sind vom Staate, welchen Nutzeffekt und welche Wirkungen die gehabt haben. Und ich darf wohl seine vier Punkte, in denen er sein Urteil zusammenfasst, Ihnen mitteilen. Nachdem er in ausführlicher Weise dargestellt hat, wie sich die Wirkungen gezeigt haben, nachdem immer wiederum von amtlichen Stellen Preisregulierungen, Gesetze über die Preise ausgegangen sind - nachdem er diese Wirkungen geprüft hat, sorgfältig geprüft hat, fasst er sein Gesamturteil in folgende vier Punkte zusammen: [Erstens: Die meiste Zeit war in den interessierten und maßgeblichen Kreisen eine falsche Auffassung von dem überwiegend, was erstrebt werden sollte. Zweitens: Die dadurch, sowie durch die einer Anwendung auf die Praxis und durch die Praxis durchaus widerstrebenden theoretischen Konstruktionen, sowie endlich durch die verschiedenartigste Rechtsprechung bedingte Unsicherheit brachte die beteiligten Erwerbskreise in sehr unerwünschte Verwirrung und Erregung. Drittens: Die Bekämpfung des Preiswuchers gelang auf manchen Gebieten so gut wie gar nicht, insbesondere bei der Urproduktion, auf anderen nur teilweise und da oft in übertriebenem Umfange, so namentlich in manchen Zweigen des Kleinhandels.] Und ganz besonders charakteristisch ist der vierte Punkt, in dem dieser Nationalökonom sein Urteil zusammenfasst. Er sagt: Alles das wirkte zusammen, das reelle Geschäft zugunsten des Schiebertums zu schädigen. Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, so spricht sich ein Mann aus, der ausdrücklich wissenschaftlich sein will, der die entsprechenden Erscheinungen wissenschaftlich untersuchen will. Und dies ist sein wissenschaftliches Urteil über dasjenige, was vom Staate ausgegangen ist zur Preisregulierung während der Zeit der Not. Aber es liegt noch etwas anderes vor: Dass dieser Nationalökonom nun von seinem wissenschaftlichen Standpunkte, den er den volkswirtschaftlichen nennt - und man sollte glauben, dass es selbstverständlich ist, dass über wirtschaftliche Forderungen vom volkswirtschaftlichen Standpunkte aus geurteilt werden müsse -, er spricht es aus, dass von seinem wissenschaftlichen, volkswirtschaftlichen Standpunkte diese Art und Weise, vom Staate auf das Wirtschaftsleben zu wirken, zu verurteilen ist. Also er nennt diese Erscheinungen, die zutage getreten sind durch diese staatlichen Eingriffe, solche, die er von seinem wissenschaftlichen Standpunkte aus bekämpfen muss. Und dann sagt er etwas ganz außerordentlich Charakteristisches. Er sagt: Ja, das ist das [wirtschaftliche] Urteil, aber vielleicht ist dieses [wirtschaftliche] Urteil ein solches, das nicht maßgebend sein darf, vielleicht kommt etwas Wichtigeres, etwas Bedeutsameres viel, viel mehr in Frage. Und als solches Wichtigere, Bedeutsamere nennt er die wirtschaftspolitischen Gesichtspunkte, hinter denen zurücktreten müsste dasjenige, was vom wirtschaftlichen Standpunkte aus geltend gemacht werden müsse. Also wir werden darauf verwiesen, dass man wissen könne, irgendetwas sei volkswirtschaftlich berechtigt, aber der Volkswirtschafter müsse den Mund zumachen, denn chsjenige, was zur Schädigung eventuell von der einen oder anderen Seite herkommt, die vom wirtschaftspolitischen Standpunkte aus urteilt, das muss auf eine höhere Warte gestellt werden. Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, man kann wohl nicht klarer abdanken für das wirtschaftliche Denken als in dieser Weise. Man kann es nicht klarer aussprechen, dass das wirtschaftliche Denken innerhalb des staatlich-einheitlichen sozialen Organismus nicht zur Geltung kommen kann, wenn diejenigen, die sich fachlich berufen fühlen, dieses Urteil geltend zu machen, sagen: Das ist unsere ehrliche wissenschaftliche Überzeugung, aber sie muss zurückstehen hinter den wirtschaftspolitischen Maßnahmen des Staates. Die sind wichtiger im gegebenen Fall. Haben wir da nicht durch die Tatsachen des Lebens einen deutlichen Hinweis darauf: Es muss das wirtschaftliche Leben auf seinen eigenen Boden gestellt werden; es ist notwendig, dass innerhalb des sozialen Organismus dieses wirtschaftliche Leben losgelöst werde von demjenigen, was es schädigen muss, wenn es sich über dasselbe stellt. Derjenige, der heute nicht aus theoretischen Erwägungen heraus, sondern aus der vollen Lebenspraxis heraus solche Dinge beurteilt, der namentlich aus der Lebenspraxis heraus die Ratlosigkeit der Menschen überschaut in diesen Dingen, der kann es mit Händen greifen, wie notwendig es ist, das Wirtschaftsleben auf seine eigene gesunde Basis zu stellen. Und dass dies nur möglich ist, wenn auf der anderen Seite das Geistesleben auf seine eigene Basis gestellt wird, das habe ich hier öfter ausgeführt, und werde es in dem weiteren Verlaufe auch des heutigen Vortrages wiederum zu berühren haben. Ausgehen möchte ich aber noch von einer Bemerkung, die gerade von jener Seite, die ich charakterisiert habe, gemacht wird. Nachdem in einer solchen Weise gegenüber den gegenwärtigen sozialen Verhältnissen die Ratlosigkeit des wirtschaftlichen Denkens eingestanden worden ist, wird betont, worauf es eigentlich in der Zukunft ankomme. Und da sagt Terhalle: In der Zukunft kommt cs vor allen Dingen darauf an, über die wirtschaftlichen Notwendigkeiten die große Masse des Volkes zu unterrichten, sodass die große Masse des Volkes in die Möglichkeit versetzt werde, wirklich wirtschaftlich zu denken. Merkwürdig, auf der einen Seite wird der alte Einheitsstaat aufgerufen als die höhere Instanz, dann wird die Forderung erhoben nicht nach irgendwelchen schönen wirtschaftlichen Institutionen - das ist ganz gescheit von Terhalle -, aber es wird die Forderung erhoben, dass das Volk über die wirtschaftlichen Zusammenhänge unterrichtet werde. Und wenn man weiterliest, so erstreckt sich diese Kenntnis, die das Volk sich erwerben soll über die wirtschaftlichen Zusammenhänge, sogar über die Konstitution des Marktes und der Marktverhältnisse. Es wird verlangt, dass das Volk aufgeklärt werde, um unter dem Einfluss dieser Aufklärung so sich in den wirtschaftlichen Organismus hineinzustellen, dass dieser wirtschaftliche Organismus gedeihen könne. - Auf der einen Seite also ein merkwürdiges Urteil über die wirtschaftliche Politik, auf der anderen Seite der Appell an die wirtschaftliche Aufklärung des Volkes. Und man merkt deutlich durch, es ist eben als eine Notwendigkeit anerkannt, hier von dem Wirtschaftspolitiker, dem Wirtschaftswissenschafter, dass die wirtschaftlichen Handlungen selbst, dass das ganze wirtschaftliche Gebaren sich ändern soll dadurch, dass die Menschen nicht mehr mit voller Unkenntnis, wie die Preise entstehen, mit voller Unkenntnis der Konstitution des Marktes, der anderen wirtschaftlichen Zusammenhänge, darauf loswirtschaften, sondern dass jeder Einzelne mit wirtschaftlicher Aufklärung handle, diese wirtschaftliche Aufklärung ins unmittelbare Wirtschaften selber hineintrage. In abstracto eine sehr, sehr vernünftige Forderung! Aber eine bedeutsame Frage sprießt heraus aus diesem ganzen Zusammenhang, meine sehr verehrten Anwesenden, und das ist diese: Woher soll denn in der Zukunft diese Aufklärung über wirtschaftliche Notwendigkeiten kommen? Es ist interessant, dass Terhalle den Sozialisten Richard Calwer zitiert mit Bezug auf einen Gedanken, den derselbe äußert. Der sagt einmal: Man braucht eine hinreichende, gut begründete Kenntnis der Warenvorräce, um in einer entsprechenden Weise die wirtschaftliche Versorgung betreiben zu können; also um zu entsprechenden wirtschaftlichen Preisbildungen zu kommen. Man braucht Kenntnis der Warenvorräte. Ja, wie soll sich denn die geltend machen? Woher kann denn die stammen? Und wie kann man mit einer solchen Kenntnis dann der Warenvorräte- und gewiss ist noch manches andere dazu notwendig, um das Volk von wirtschaftlichen Notwendigkeiten zu unterrichten - wie kann man denn mit einer solchen Kenntnis aufklärend auf das Volk wirken? Sehen Sie, da nagen und kauen gewisse Menschen, möchte ich sagen, an gewissen Fragen, und kommen nicht weiter. Es [sind] dies die Frage[n], welche in einer konkreten, sachgemäßen, praktischen Weise der Impuls für Dreigliederung des sozialen Organismus ins Auge gefasst hat. Der ging aus von dem Wissen, dass durchdringen muss eine gewisse Erkenntnis, eine gewisse Einsicht in die wirtschaftlichen Verhältnisse, in das Wirtschaften selber. Aber er deklamiert nicht, solch eine Aufklärung muss geschaffen werden, ohne Rücksicht darauf, wer sie denn schaffen soll. Er deklamiert auch nicht, dass sie der alte Einheitsstaat schaffen soll. Er weiß auch, dass in einer ganz bestimmten Art diese Aufklärung nicht sein darf, weil eine Aufklärung in der bestimmten Art, woran wahrscheinlich solche Menschen immer denken, gar nichts fruchten würde. Denn nehmen wir an, es würde propagiert der «gescheite» Gedanke - ich sage «gescheit» in Gänsefüßchen natürlich -, Staatskommissäre, Staatsräte oder wie man sie dann heißen will, eben irgendwie sachverständige Räte aufzustellen, welche nach den bekannten heutigen Methoden durch allerlei Statistiken oder dergleichen sich Kenntnis verschaffen würden von der Konstitution der wirtschaftlichen Verhältnisse, und die würden dann auf den Wegen, die heute beliebt sind, unter das Volk treten und Aufklärung schaffen, damit dann das Volk unter dem Einfluss dieser Aufklärung wirtschaftet - was würde erreicht werden? Genau dasselbe würde erreicht werden, meine sehr verehrten Anwesenden, was an zahlreichen Stellen Terhalle tadelt mit Bezug auf die Aufklärung, die während der Kriegszeit immer von den Behörden geschaffen worden ist. Viele Stellen gibt es in seinem sehr interessanten Buche, in denen er aufmerksam macht, wie [von] alle[n] möglichen Stellen schnell hintereinander alle möglichen Aufklärungen, mehr als Beruhigungsmittel allerdings, in der aufgeregten Zeit unter das Volk geworfen wurden. Aber er konstatiert das nicht nur aus dem Grund, der ja allerdings auch vorlag, dass die Leute mit solchen Aufklärungen so überschwemmt wurden, dass sie sie überhaupt nicht berücksichtigten, sondern auch noch aus dem anderen Grund, dass solche Dinge überhaupt nicht wirken, wenn sie in dieser Weise unter das Volk gebracht werden. Warum wirken sie nicht? Aus dem einfachen Grunde, weil solche Aufklärungen lediglich zu dem menschlichen Verstand sprechen, lediglich zum menschlichen Intellekt sprechen, weil man solche Aufklärung mit dem Kopf erfassen muss. Und dann, dann muss man sich nach dem, was man vernünftig gefunden hat, man müsste sich nach dem nun halten. Man müsste sich immer sagen: Du musst das Vernünftige tun! Das ist nicht die Art, wie man wirtschaftliche Aufklärung verbreiten kann. O nein. So wollen wirtschaftliche Aufklärung verbreiten abstrakte Theoretiker, die nicht nach dem Leben urteilen, sondern nach ihren Vorstellungen vom Leben; man könnte auch sagen, nach ihren Illusionen vom Leben. Derjenige, der weiß, wie das Leben ist, der kennt eine andere Art der Aufklärung: diejenige Aufklärung, die auf dem Vertrauen aufgebaut ist zwischen dem Aufklärenden und demjenigen, der aufgeklärt werden soll. Diejenige Aufklärung, die auch nicht in allgemeinen Redensarten redet, sondern im Einzelnen, Konkreten, das gerade vorliegt nach den wirtschaftlichen Bedürfnissen oder wirtschaftlichen Verhältnissen, mit der Tat zugleich aufklärend wirkt. Mit anderen Worten: Diejenigen, die miteinander wirtschaften, sie müssen so zusammengeschlossen sein, dass einfach, indem sie sich begegnen in der wirtschaftlichen Tat, der eine auf den anderen aufklärend wirkt. Der eine kennt mehr die Verhältnisse des Konsums auf einem Gebiet, der andere mehr die Verhältnisse der Produktion auf einem anderen Gebiel je nachdem er in den einen oder anderen Zweig des Wirtschaftslebens eingelebt ist. Wenn man aus dem Leben weiß: Der steht dort drinnen -, wenn man andere konkrete Lebensverbindungen mit ihm hat, dann hat man Vertrauen zu ihm, dann glaubt man ihm dasjenige, was er sagt. Und wiederum er, er kommt einem mit Bezug auf dasjenige, was man selber zu sagen, was er nicht wissen kann, entgegen. Und während man in dieser Weise sich verständigt, vollziehen sich gerade die wirtschaftlichen Handlungen. Es fallen nicht auseinander wirtschaftliche Aufklärung und das Wirtschaften selber, sondern, indem man wirtschaftet in einem Vertrauenskreise, wo Produzenten und Konsumenten, je nach den verschiedenen Verhältnissen, zusammengezogen sind, indem man in einem solchen Vertrauenskreise verhandelt, wirtschaftlich verhandelt, klärt man sich auf. Man klärt sich auf innerhalb dieses Kreises. Man klärt sich an den Tatsachen selber auf. Es wird die Aufklärung in das Leben hereingezogen. Es wird nicht die Aufklärung als etwas behandelt, das man von außen in das volk hineingießt. Denn, meine sehr verehrten Anwesenden, dann kann im Wirtschaften auch soziales Ethos sein, soziale Sittlichkeit sein, weil dasjenige, was von Mensch zu Mensch verhandelt wird und in der Verhandlung getan wird, getragen ist von gegenseitigem Vertrauen, von einem solchen Vertrauen, welches in seiner Potenzierung schon genannt werden darf wirkliche wirtschaftliche Brüderlichkeit. Und dies, meine sehr verehrten Anwesenden, dies ist das assoziative Prinzip. Das assoziative Prinzip besteht in nichts anderem als darin, dass die Menschen, die in irgendeiner Weise wirtschaftlich miteinander zu tun haben, sich eben zusammenschließen, assoziieren, dass sich die Assoziationen wieder weiterassoziieren. Dadurch kommt dasjenige heraus, was notwendig ist zur Aufrechterhaltung der Wirtschaft. Dadurch kommt auch dasjenige heraus, wodurch wirkt im Wirtschaften selber die unmittelbare Kenntnis des Wirtschaftslebens. Überall können Sie sehen, dass aus dem Leben selbst heraus dasjenige geholt wird, was der Dreigliederung zugrunde liegt. Nur dass dieses Leben nicht angeschaut wird nach vertrauten Illusionen und illusionistischen Theorien, sondern so, dass man auf die Menschen hinschaut, auf die Empfindungen, die Gefühle der Menschen hinschaut, dass man vor allen Dingen sich fragt: Wie gewinnen die Menschen Vertrauen zueinander? Man stelle sich vor, was es bedeuten würde, wenn aus solchem Vertrauensverhältnis heraus die Preisregulierungen entstehen würden, statt dass sie diktiert werden von außen, bestimmt werden von außen. Es soll deshalb durchaus nicht irgendwie gesagt werden: So und so muss man es machen, um einen gerechten Preis herauszubekommen. Sondern es soll auf die Tatsachen hingewiesen werden, dass, wenn solche Assoziationen bestehen, und die sich mit der Preisbildung befassen, dann werden die entsprechenden Preise aus einem solchen real erfassten Wirtschaftsleben heraus sich bilden. Es wird nicht gesagt, man solle es so oder so machen, sondern es wird gesagt: So und so sollen sich die Menschen zusammenschließen, damit aus diesem Zusammenschluss heraus die Sachen entstehen, die notwendig sind, und so die anderen wirtschaftlichen Institutionen, die anderen wirtschaftlichen Maßnahmen. Das ist das Reale im Denken über die Dreigliederung des sozialen Organismus. Und ich habe ja auch öfter darauf aufmerksam gemacht, möchte es hier nur kurz wiederholen, dass das Wirtschaftsleben seine eigenen Gesetze hat. Die Größe der Assoziationen ergibt sich aus den wirtschaftlichen Verhältnissen eines Territoriums heraus von selbst. Zu kleine Assoziationen würden zu kostspielig arbeiten, zu große Assoziationen würden unübersichtlich sein. Ich habe das in der neuen Vorrede zu meinen «Kernpunktem genauer ausgeführt. Alle Einwände, die gerade gegen das assoziative Prinzip gemacht werden, zerfallen in nichts, wenn man eben die realen Verhältnisse betrachtet. Dieses assoziative Prinzip, es wird allein imstande sein, den weltgeschichtlichen Forderungen des sozialen Lebens in entsprechender Weise entgegenzukommen, diese weltgeschichtlichen Forderungen des sozialen Lebens zu erfüllen. Und worin sprechen sich denn diese weltgeschichtlichen Forderungen des sozialen Lebens aus? Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, der wirtschaftliche Teil des sozialen Lebens ist eigentlich im Grunde genommen erst in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts dasjenige geworden, als das er uns entgegentritt. Erst aus dem, was aus dem wirtschaftlichen KÖrper der zivilisierten Menschheit in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts geworden ist und bis in unsere Tage herein geblieben ist, erst aus dem konnte dasjenige, was doch die hauptsächliche Grundlage unserer Weltkriegskatastrophe ist, die wirtschaftliche Verwirrung von der Mitte des zweiten Jahrzehnts des zwanzigsten Jahrhunderts entstehen. Wie ist sie entstanden? Wir können sagen: Wenn wir die unmittelbar vorhergehende Signatur der Wirtschaft der zivilisierten Menschheit nehmen, so hat sich aus früheren Formen des menschlichen Zusammenlebens allmählich dasjenige herausgebildet, was wir nennen können das Welthandelsprinzip. Von einem Welthandelsprinzip können wir auch schon im achtzehnten Jahrhundert, mehr noch in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts sprechen, aber dasjenige, was dann entstanden ist aus dem Welthandelsprinzip im wirtschaftlichen Leben, das ist die Weltwirtschaft. Und etwas anderes als der bloße Welthandel und dasjenige, was er in sich schließt, ist die Weltwirtschaft. Weltwirtschaft liegt erst in dem Augenblick vor, wo verschiedene Staaten ihre Produktion so austauschen, dass dasjenige, was der eine als Rohprodukte gewinnt, der andere in der Industrie verarbeitet; dass also eine wirtschaftliche Produktionsgemeinschaft zwischen verschiedenen staatlichen Gebieten entsteht. Vorher war es doch im Wesentlichen - natürlich immer im Wesentlichen - so, dass die Staaten abgeschlossene Nationalwirtschaften hatten, dass sie ihre Überschüsse verhandelten nach außen, dasjenige, was sie nicht selbst erzeugen konnten, von außen bezogen. Aber dass sich ausdehnte über das Gebiet der ganzen zivilisierten Menschheit ein gemeinsames Arbeiten, wie es insbesondere hervorgerufen wurde durch die Baumwollindustrie - das charakteristische Beispiel für dasjenige, was die Weltwirtschaft geschaffen hat -, das ist eigentlich erst ein Ergebnis der allerneuesten Zeit. Und man darf nun nicht glauben, dass dasjenige, was so als Weltwirtschaft charakterisiert werden kann und was eine weitgehende Abhängigkeit der einzelnen Nationalwirtschaften voneinander begründete, dass das etwa nur so wie eine Wolke über der Menschheit schwebt. O nein, meine sehr verehrten Anwesenden, dasjenige, was sich da als Weltwirtschaft abspielt, in jeden einzelnen Haushalt wirkt es hinein. Jeder einzelne Mensch stand endlich unter der Einwirkung dieser Weltwirtschaft. Für diese Weltwirtschaft waren aber die früheren Gemeinschaften, die auf etwas ganz anderes hinzielten, die Einheitsstaaten, einfach zu klein. Sie waren auch in ihrer Konstitution so, dass sie nicht eingestellt waren auf dieses gegenseitige Abhängigsein in der Weltwirtschaft. Kurz, die Verbände, die von früher bestanden, die aus der Hauswirtschaft heraufkamen in die StädtewirtschafL dann in die Staatswirtschaft, die wurden zu klein. Das Wirtschaftsleben sprengte dasjenige, was diese Verbände leisten konnten. Und schließlich, derjenige, der nicht an der Oberfläche die Erscheinungen betrachtet, sondern der mit aller Gründlichkeit studien, welches namentlich zwischen Mitteleuropa und den westlichen Gebieten der zivilisierten Welt die Kriegsursachen waren, der weiß, dass sie aus diesem Sprengen der nationalen Grenzen durch die Weltwirtschaft gekommen sind. Und wenn man die Sache so betrachtet, muss man ernstlich die Frage aufwerfen: Wodurch kann denn geheilt werden dasjenige, was durch die Weltwirtschaft, die ja einfach eine historische Notwendigkeit ist - wegen der Ausbreitung der Verkehrsverhältnisse, wegen der Möglichkeit, mit der sie vollführt werden kann, ist einfach die Weltwirtschaft eine Notwendigkeit -, wodurch kann dasjenige, was sie ungesund gemacht hat, wiederum gesund werden? Allein dadurch, dass man sieht: Diese Wirtschaft und ihre Einrichtungen, die aus ihr heraus entstanden sind, dass man die Seelenverfassung, das ganze Ethos der Menschen auch frägt, welche innerhalb dieser Weltwirtschaft wirken, wie man aus dieser Weltwirtschaft heraus selber zu einer Gestaltung des Wirtschaftslebens kommen könne. Darauf gibt eben der Impuls für Dreigliederung des sozialen Organismus die Antwort: Diejenige Art des Zusammenarbeitens innerhalb der Weltwirtschaft, die aus dieser heraus selbst folgt, nicht aus den alten Institutionen, das ist das assoziative Prinzip im Wirtschaftsleben. Nachdem sich die alten Verbände, die von etwas anderem herkamen, die mit der alten Form des Wirtschaftslebens zurechtkamen, ad absurdum geführt haben, muss sich die Wirtschaft selber ihre Verbände geben. Und diese Verbände, wie ich sie heute mehr ethisch, sonst mehr wirtschaftlich geschildert habe, wie sie auch deutlich charakterisiert sind in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage», diese Assoziationen, wie sie hervorgehen aus dem Wirtschaftsleben selbst, die fordert die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus. Und diese Assoziationen können in jedem Augenblick, ohne zu einer Utopie ihre Zuflucht zu nehmen, geschaffen werden, wenn einfach die wirtschaftenden Menschen sich auf sich selbst besinnen und dadurch herbeiführen die Emanzipation des Wirtschaftslebens. Wenn Assoziationen entstehen, sie werden zunächst natürlich nur dasjenige verrichten können, was ihnen die Außenwelt frei lässt, aber sie werden sich bewähren in demjenigen, was sie tun, und dann wird man sie auch gewähren lassen müssen, denn sie werden sich für die Wirtschaft fruchtbar erweisen. Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man so überblickt, wie aus der modernen Gestaltung des weltwirtschaftlichen Lebens sich die Notwendigkeit der Assoziationen ergibt, dann muss man auf der anderen Seite sich fragen: Wodurch kann denn dasjenige herbeigeführt werden, was wirken muss in den Menschen, die sich assoziieren? Diejenigen Menschen, die in Assoziationen wirken wollen, die auf Vertrauen gebaut sind, sie müssen Vertrauen erwecken können. Das heißt: Man muss als Mensch in die Welt sich so hineinstellen können, dass einfach aus der ganzen menschlichen Seelenstimmung, aus der ganzen menschlichen Seelenverfassung dieses Vertrauen innerhalb der Assoziationen wirken könne. Mit anderen Worten: Man braucht nicht bloß wirtschaftlich orientierte Assoziationen, man braucht in den Assoziationen den sozial wirkenden Menschen, denjenigen Menschen, dessen soziales Wirken von sittlichen Prinzipien, von geistigen Gesichtspunkten durchzogen ist. Deshalb ist es, dass eine Besserung im Wirtschaftsleben gar nicht zu denken ist, ohne dass zu gleicher Zeit eine Metamorphose des geistigen Lebens selber eintritt. Denn warum denken denn heute, man möchte sagen, in einer ganz begreiflichen Weise die Menschen, man könne das Volk aufklären, wenn man einfach irgendeine Aufklärung von oben herunter über das Volk gießt? Warum denken die Menschen SO? Weil sie sich allmählich unter der geistigen Entwicklung der letzten Jahrhunderte daran gewöhnt haben, dass alles, was irgendwie vernünftig gedacht ist, nur auf den Intellekt des Menschen wirken muss, nur den Intellekt des Menschen ergreifen müsse. Um in diesem Punkte das Richtige zu zeigen, habe ich gerade in den Vorträgen, die diesem vorangegangen sind, in dem von dieser Woche, aber auch schon in früheren Vorträgen, darauf hingewiesen, welches das Bedeutsamste Charakteristikon der Geisteswissenschaft ist. Das bedeutsamste Charakteristikon der hier gemeinten anthroposophischen Geisteswissenschaft ist das, dass sie aus solchen tiefen Untergründen der menschlichen Natur und Wesenheit herausgeholt ist, dass sie auch wiederum, indem sie sich ausbreitet, auf den ganzen Menschen wirken muss, wenn dieser ganze Mensch selber so erzogen ist, dass er sich ihr Öffnet. Ein Wirken auf den ganzen Menschen und ein Wirken aus dem ganzen Menschen - das ist dasjenige, was der Geisteswissenschaft eignet. Und das brauchen wir auf der anderen Seite. Wir können das wirtschaftliche Leben nicht hinaufbringen, wenn wir nicht Menschen haben, die ordentlich mit beiden Füßen auf dieser Erde stehen und die aus dem Geistesleben heraus diejenige Seelennahrung auch bekommen, durch die sie mit beiden Füßen auf dieser Erde stehen. Dass diese Seelennahrung heute einfach dadurch erhalten werden könne, dass man die gebräuchliche Bildung, wie sie gepflegt wird unter den Dächern unserer Schule, in VolksbildungsVereinen, in Volksbibliotheken, Volkshochschulen weiterverbreitet, das ist ja eine heute geläufige Meinung. Aber sehen wir uns einmal an, an einem Beispiele - man muss ja immer die Sache im Konkreten anschauen -, wie die heutige Geistesbildung wirkt gerade da, wo sie auf das menschliche Gemüt wirken soll, wo sie ergreifen will vor allen Dingen den sittlichen, den geistigen Inhalt des Menschen. Die Anthroposophie wird in Grund und Boden gebohrt von dem neulich erwähnten Lizenziaten der Theologie, Kurt Leese, der Pfarrer ist; es steht auf dem Titelblatt, ich kenne den Mann nicht weiter, ich kenne nur das Buch. Er ist also Pfarrer. Er ist [also] eine derjenigen Persönlichkeiten, von der man doch voraussetzen müsste innerhalb eines gesunden sozialen Organismus, dass, wenn er spricht, aus seinen Worten etwas erklingt, was sich hineinergießt in die Seelen so, dass die Seelen in sich aufsprießen fühlen dasjenige, was an sittlichen, an geistigen, an seelischen Impulsen in ihnen ist. Dass die Menschen, die dieses geistige Leben empfangen, fühlend werden desjenigen, was ihnen eigentlich der Mensch ist, was der Mensch innerhalb der Weltenordnung ist, die er um sich sieht in den Sternen, den Wolken, in Blitz und Donner, in der Aufeinanderfolge der irdischen und weltgeschichtlichen Ereignisse. Man bedenke doch, was es heißt für das menschliche Empfinden, das menschliche Gemüt, wenn man sich sagen kann, aus dem geistigen Leben heraus sich sagen kann: Ich bin nicht nur ein verlassenes Kind in einem physischen Leibe, sondern ich bin etwas, was herausgeboren ist aus dem ganzen physischen und seelischen und geistigen Weltenall. Ich gehöre dem Weltenall an, insofern dieses Weltenall ewig ist. Man fühle, was innerlich in der Seele sich erkraftet, wenn der Mensch sich also im Kosmos drinnen fühlt. Das geht bis in die Kräfte des Blutes, das gibt die Kraft zum Handeln im Leben; das durchdringt und durchgeistigt den Willen, wenn der Mensch weiß, was er als Mensch im Weltenall ist. Das aber sollte ihm durch die Pflege des geistigen Lebens werden. Anthroposophie versucht ein solches Geistesleben den Menschen zu geben. Was aber sagt der Pfarrer, Lizenziat der Theologie Kurt Leese? Er sagt: Was soll alles Reden vom Gottcsdicnst des Erkennens, von Lebensrätsein und ihrer Lösung? Was soll aller Aufschwung der Erkenntnis in Urweltengriinde und Urwekfernen, wenn die Anthroposophie - hier steht: «Theosophie» nichts zu sagen vermag, warum es besser ist, ein Ich als ein Nicht-ich zu sein. Und warum denn eigentlich sind sieben Weltalter notwendig? Und dann sagt dieser Pfarrer und Lizenziat der Theologie: Das weiß eben der Anthroposoph ebenso wenig, wie wir es wissen, da hält er sich auch an die bloße Tatsächlichkeit. Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, da findet sich der Vertreter des gegenwärtigen Geisteslebens, und da spricht nicht der Einzige, der Einzelne kann nur als ein Exemplar angeführt werden, da sprechen Tausende und Abertausende, im Namen des Geisteslebens sprechen sie. Sie sprechen: Man könne ja doch nicht dahin gelangen, zu diesem, warum es besser ist, ein Ich als ein Nicht-lch zu sein, das heißt zu sein im ewig Unbewussten des äußeren Naturdaseins. Demgegenüber betont anthroposophische Geisteswissenschaft - das mag als Ergebnis so mancher Vorträge, die ich hier gehalten habe, hervorgehen -, da betont anthroposophische Geisteswissenschaft, was es heißt, sich bewusst zu werden, wie man in diesem Weltenall drinnensteht. Nehmen wir nur einmal unseren Ausgangspunkt zum Vergleich vom alltäglichen Leben. Wir Menschen im alltäglichen Leben, wir haben gewisse Erlebnisse durchgemacht seit dem Zeitpunkt, bis zu dem wir uns in unserer kleinsten Kindheit zurückerinnern. Mit diesen Erlebnissen fühlen wir uns verbunden. Diese Erlebnisse tauchen freundlich oder schmerzlich in unserer Erinnerung auf. Aber dasjenige, was wir da heraufbringen, sind wir im Grunde selber. Wir fühlen uns verschmolzen mit demjenigen, was wir in Leid und Freude durchgemacht haben und woran wir uns erinnern können. Wir sind uns bewusst, dass wir das sind, was als Schmerz und Freude an uns vorübergegangen und dann durch das Vorübergehen in unsere Seele hineingezogen ist. So werden wir im gewöhnlichen Leben nur etwas dadurch als kleiner Mensch zunächst, dass wir uns in Zusammenhang bringen mit demjenigen, womit wir zusammenhängen seit unserer Geburt, was an uns herangetreten ist, was gewissermaßen zu uns selber gehört. - Was tut Anthroposophie? Sie erweitert gewissermaßen dieses Zusammengehörigkeitsgefühl des Menschen mit der Umgebung über die ganze Welt, die in sein Bewusstsein hineintreten kann. Wie in sich sonst der Mensch nur fühlt als eins mit seinen persönlichen Erlebnissen, so macht ihn die Anthroposophie aufmerksam, wie er zusammenhängt in seinem Wesen mit dem ganzen Wesen der ihm wahrnehmbaren, von ihm erlebbaren Welt. Ausgedehnt wird das kleine Persönlichkeitsbewusstsein zum Weltenbewusstsein. Zusammen wachsen wir mit allem geschichtlichen Werden der Menschheit, indem wir erkennen, wie wir immer wieder und wiederum selber drinnen sind. Wir werden eins mit der Welt. Und in demselben Maße, in dem sich ausdehnt dieses Bewusstsein über die Welt, dieses Bewusstsein, das wir sonst durch unsere natürliche Entwicklung haben mit unseren Erlebnissen in Leid und Freude, dieses Bewusstsein, wodurch wir Teilnehmer werden auch an dem Leid und der Freude der ganzen Welt, indem wir uns als Mensch als ein Glied der ganzen Welt fühlen, in demselben Maße, in dem sich dieses Bewusstsein erweitert, in demselben Maße wächst unser Bewusstsein von unserer Menschenwesenheit, in demselben Maße werden wir stärker in diesem Bewusstsein, wächst unsere innere sittliche Kraft, weil wir wissen - obzwar auch durchaus, und das ist recht, unser Verantwortlichkeitsgefiihl wächst -, es wächst etwas in uns heran, wodurch wir wissen, innerhalb der Welt Mensch zu sein; wodurch wir wissen, was es heißt, ein Ich zu sein und nicht ein Nicht-lch. Dieses Bewusstsein von dem, was der Mensch ist, von dem, was er ist im Verhältnis zur Welt und zum ganzen Dasein, dieses Bewusstsein, das, wie wir sehen, wie wir es an solchen Beispielen handgreiflich haben, der Welt im gegenwärtigen Geistesleben verloren gegangen ist, dieses Bewusstsein will Geisteswissenschaft wiederum unter die Menschen bringen. Und in demselben Maße, in dem dieses Bewusstsein aus der Geisterkenntnis heraus, die vermittelt werden soll nicht als ein abstraktes Wissen, sondern als ein erlebtes Wissen, aus dem ganzen Menschen herausquillt, in demselben Maße wird wachsen unsere sittliche, unsere geistige Kraft. Und das, was da in uns erwächst, das wächst hinein in die wirtschaftlichen Assoziationen, das wird sich geltend machen als die Grundlage des Entgegentretens von Mensch zu Mensch, des Vertrauens, das wir brauchen. Das, meine sehr verehrten Anwesenden, muss gesagt werden, wenn geschildert werden soll, wie die Geisterkenntnis hintreten muss neben die wirtschaftlichen Forderungen. Denn diejenige Geisterkenntnis, die wir haben, die spricht sich heute so aus, dass es ihr etwas Gleichgültiges ist, ob man weiß, warum man ein Ich oder ein Nicht-lch ist. Wir brauchen auf dem Gebiet der Geisterkenntnis eine Erneuerung. Und diese Erneuerung, sie führt uns noch zu etwas ganz anderem, was auch schon angedeutet wurde in diesen oder jenen Vorträgen, die ich gehalten habe, was immer kühn erscheint, wenn man es ausspricht, was aber durchaus ein Ergebnis dieser Geisteswissenschaft ist, so sicher, wie nur irgendein wissenschaftliches Ergebnis sein kann. Nehmen wir dasjenige, was aus der Weltanschauung, die heute die gewohnte ist, folgt. Da blickt man zurück in eine urferne Vergangenheit unseres Weltensystems, in der sich etwa aus irgendeinem Weltennebel heraus erhoben hat dasjenige, was die Welt ist, in der wir leben. Sonne und Planeten, sie haben sich in einer gewissen Weise nach äußerlichen Naturkräften herausgebildet aus diesem Nebel. Wir leben auf dieser Erde als einsamer Mensch, der in seiner Seele aufsprießen fühlt die sittlichen Ideale, die die letzten Impulse auch seines sozialen Handelns bedeuten. Er steht da mit seinen sittlichen Idealen, die seine eigentliche seelische Nervenkraft als Mensch im Grunde ausmachen; mit denen steht er da, von denen weiß er, dass er ohne sie nicht im vollen Sinne des Wortes Mensch sein kann. Dann aber wiederum blickt er hin auf dasjenige, was nach der gebräuchlichen Weltanschauung das Ende sein kann dieses unseres Planetensystems mit unserer Sonne und unserer Erde. Dasjenige, was da geschieht in unserer Außenwelt, es fragt nicht nach unseren Idealen, nach unseren sittlichen und geistigen Impulsen. Das verläuft nach äußeren Naturgesetzen und kommt in einem Endzustand an, der eine Art Erstarrung bedeutet, ob Erstarrung in Wärme oder Kälte, das ist gleichgültig; das ist dann der Leichenplatz zugleich, der große Friedhof für alle sittlichen Ideale; die sind als Illusionen aufgetaucht in der Mitte dieses Weltenwerdens, die haben dem Menschen ein illusionäres Bewusstsein von seiner Menschenwürde gegeben, die werden mit dem Planetensystem selber zu [Grabe] getragen. Dass sich viele Menschen das nicht gestehen, dass es so ist, das ändert ja nichts daran, dass aus dem gegenwärtigen Weltenbilde unbewusst das mit in die Empfindungen hineinfließt. Und im Grunde genommen ist es auch ein solcher Ausspruch, wie, dass man ja doch nicht darauf kommen könne, warum es besser sei, ein Ich als ein Nicht-ich zu sein, der hervorquillt aus jener trostlosen Empfindung, die man haben muss, wenn man dieses nur nach natürlichen Kräften sich abspielende Weltgeschehen erblickt, in der Mitte drinnen die geistigen, sittlichen Illusionen der Menschheit, die dem Menschen ein illusionäres Bewusstsein von seiner Menschenwürde geben, das er aber einstmals mit der ganzen Menschheit zu [Grabe] zu tragen hat. Dem steht gegenüber, wenn auch heute noch so viele Vorurteile dagegen sprechen, die Anschauung der Geisteswissenschaft. Ich habe sie schon Öfter hier einzeln ausgeführt und will sie heute nur kurz schildern. Die Geisteswissenschaft schaut auch hin auf das äußerliche Weltengeschehen, aus dem der Mensch als physisches Wesen heraus entsprungen ist. Dann aber erkennt sie, dass dieses Weltengeschehen, das den Naturgesetzen unterliegt, so ist im ganzen, zu uns gehörigen Weltall, dem relativen Weltall selbstverständlich, wie die Pflanze, welche in Blättern sprießt, zur Blüte wird, die Fruchtumhüllung entwickelt bis zum Keim im Innern. Dasjenige, was da bis zur Keimentwicklung entsteht in der Pflanze, was da Umhüllung ist, das vergeht; der Keim geht hinüber, und aus ihm entsteht das neue Pflanzenleben. Es muss das alte Umhüllende vergehen, damit das neue Pflanzenleben entsteht aus dem Keim. Anthroposophie zeigt, dass alles dasjenige, was an uns leiblich ist, als zugehörig der äußeren physischen Welt zu solch Vergänglichem des Weltenalls gehört, dass aber ein Keim lebt. Dass ein Keim lebt in dem Menschenwesen, das ist das Geistige, das Sittliche der Impulse, das da drinnen lebt. Das sind unsere sittlichen Ideale, die sind eine noch junge Welt. Wie um den Pflanzenkeim herum die Hüllen vertrocknen und fallen, so werden fallen die sichtbaren Sterne, die sichtbaren äußeren Gegenstände der drei Naturreiche. Sie fallen dahin. Dasjenige, was der Keim der Zukunft ist, liegt in unserem sittlichen Seeleninhalte. Aus dem entsteht die Welt der Zukunft. Dasjenige, was wir heute tun, was wir heute wollen, das wird reale, äußerlich wiederum wahrnehmbare Weltgestaltung. Es wächst allerdings das Verantwortlichkeitsgefiihl ins Große, wenn man sich dessen bewusst wird, dass dasjenige, was wir heute in unseren moralischen Absichten haben, einstmals so der Welt wahr nehmbar werden wird, wie uns heute die Sterne wahrnehmbar sind. Aber man versteht manches Wort, das in den religiösen Urkunden ahnend gesagt worden ist, nur dann, wenn man sich dessen bewusst ist, was so aus einer wirklichen Geisterkenntnis herausfließt. Man muss immer mit erhobenen Gefühlen sich erinnern, dass einstmals ausgesprochen wurde in einer besonders paradigmatischen Weise, wie das, was im Menschen als Ideale lebt und sich in Worte ergießt, der schöpferische [Keim] für Zukunftswelten ist, denen nicht diejenigen beigegeben sein werden, die jetzt als äußerliche Natur da sind; die werden nicht mehr da sein dann, wenn neue Welten aus unseren sittlichen Idealen entstanden sind. «Himmel und Erde werden vergehen», so sprach der Begründer des Christentums, «aber meine Worte werden nicht vergehen> Das heißt: Sie werden Welten sein, wenn die Welt der Himmel und der Erde, die man jetzt mit Augen sieht, vergangen sein wird. Das ist die Vorausnahme einer geisteswissenschaftlichen Wahrheit, meine sehr verehrten Anwesenden. Und wenn wir so zusammenhängen mit dem Weltenwerden durch unsere sittlichen Ideale, dann wächst auch dadurch das Bewusstsein von unserem wahren Wesen als Menschen. Wiederum haben wir aus der Geisteswissenschaft selber zu schöpfen moralische Kräfte, die dann übergehen in soziale Kräfte. Geisteswissenschaft theoretisiert nicht bloß, Geisteswissenschaft stellt nicht bloß abstrakte Lehren hin, Geisteswissenschaft stellt etwas hin in die Welt, was Kraft wird in der menschlichen Seele. Und Kraft, meine sehr verehrten Anwesenden, brauchen wir, wenn wir soziale Menschen werden wollen. Denn kraftvolle, moralisch-soziale Menschen müssen sich hineinstellen in die Assoziationen. Darum handelt es sich. In dem, was ich eben gesagt habe, ist allerdings etwas ausgesprochen, was für den heutigen Wissenschafter als etwas sehr Laienhaftes, etwas sehr Dilettantisches vielleicht erscheint. Darum wurde ich auch belehrt, als ich jüngst dasselbe ausgesprochen habe in Zürich, von einem Zürcher Privatdozenten, dass ich auf diesen und anderen Gebieten meine Ideen «verdingliche», wie er sagte. Nun, er spricht von diesem Verdinglichen so, wie wenn ich sprechen würde von Ideen als Realitäten. Er hat natürlich keine Ahnung, wie die Dinge gemeint sind. Er spricht von diesem Verdinglichen sehr wegwerfend und sagt, dass ich ja sogar behauptet hätte: In seinen zwei Vorträgen sagt Steiner wörtlich: - er sagt ausdrücklich wörtlich, und nun will er Worte zitieren, weil ihm das als etwas Ungeheuerliches erscheint -, ich hätte es im Verdinglichen so weit gebracht, dass ich gesagt hätte: ·Dic anthroposophische Geisteswissenschaft erkennt das Sittliche als ein ebenso Reales wie das Physische. In unserem sittlichen Leben erkennt sie unzerstörbare Keime für werdende spätere Welten> Sehen Sie, dieser Beherrscher der gegenwärtigen Wissenschaft zeiht einen des logischen Fehlers, dass man Ideen verdingliche, wenn man aus dem Untergrund wirklicher geistiger Forschung heraus die Wahrheit hinstellt, dass sich, allerdings nicht durch logischen Irrtum, sondern durch die großen, für die Menschheit sehr aussichtsvollen Weltenvorgänge, die sittlichen Ideen, die wir in uns tragen, selber verdinglichen, zu Dingen, zu Realitäten werden. Man wird heute schon getadelt, wenn man es wagt zu behaupten - dann wird das in Gänsefüßchen gesetzt -: Die anthroposophische Geisteswissenschaft erkennt das sittliche Leben als einen unzerstörbaren Keim für werdende spätere Welten, für alles Physische. - Das darf man nicht vom Gesichtspunkte heutiger, richtiger Universitätsphilosophien, da wird man gescholten als einer, der von der Welt nichts versteht. Denn derjenige, der von der 'Welt etwas versteht, kann nach der Ansicht dieser Leute nicht anders urteilen, als dass da draußen nach den realen Gesetzen die Welt aus einem Nebel entstanden ist, dass sie nach bloß äußeren physischen Gesetzen verläuft und als Schlacke in die Sonne zurückfällt, während sich die nicht verdinglichten, sondern bloßen Ideen gleichenden sittlichen Impulse begraben lassen müssen auf dem gleichen Weltenkirchhof. Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, soll das wirtschaftliche Leben gesunden, soll mit den wirtschaftlichen Forderungen Ernst gemacht werden, dann kann das nicht geschehen, ohne dass man zu gleicher Zeit die Geist-Erkenntnis, welche das sittliche und damit auch zugleich das Leben in religiöser Inbrunst, neben dieses Wirtschaftliche hinstellt. Denn aus den wirtschaftlichen Assoziationen wird die lebendige Einsicht entstehen, die die anderen auch fordern, von der sie nur nicht wissen, wo sie herkommen soll. Und aus demjenigen, was Geist-Erkenntnis ist, wird das soziale Ethos, die sozialethische Kraft kommen, um diese Einsichten zur Realität zu bringen. Das ist dasjenige, worauf man hinschauen muss, wenn man heute von wirtschaftlichen Forderungen spricht. Man darf gar nicht im Ernst von ihnen sprechen, ohne zu gleicher Zeit hinzustellen dasjenige, was dem Menschen die Kraft geben kann, diese wirtschaftlichen Forderungen auch zu erfüllen. Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, warum ist es denn dazu gekommen, dass heute die Leute aus dem Geistesleben heraus schon sagen, man kÖnne ja gar nicht etwas wissen darüber, warum es besser sei, ein Ich als ein Nicht-lch zu sein? Wenn es auch unangenehm ist, das zu sagen, es muss gesagt werden: Derjenige, welcher den Antrieb für sein geistiges Wirken nur aus dem hat, was die Wirtschaft allein, was der Staat geben können, die den einzelnen Menschen an einen bestimmten Platz hinstellen, derjenige, der diesem Antrieb unterliegen muss, weil das eben in unserer jetzigen Ordnung eine Lebensnotwendigkeit geworden ist, der, er mag als Einzelner noch so stark Idealist sein, sogar ein Geistgläubiger sein, er kommt aber immer mehr und mehr dahin, den Geist nur zu einem bloßen Anhängsel des Lebens zu gestalten. Dann ist eben die letzte Konsequenz diese, welche in weitesten Kreisen unserer Sozialisten als eine herrschende geworden ist, dass das geistige Leben nur eine Ideologie ist, etwas ist, was gleichsam als Dunst und Nebel aufsteigt aus der einzigen Wirklichkeit, der äußerlichen, materiellen, wirtschaftlichen Wirklichkeit. Dass in den weiteren sozialistischen Kreisen diese Anschauung heute herrscht, dass diese Anschauung in diesen Kreisen auch die Empfindungen, Gefühle und Willensimpulse beherrscht, das rührt nur davon her, dass die herrschenden, leitenden Kreise durch Jahrhunderte hindurch den unmittelbaren Zusammenhang mit der wirklichen geistigen Welt verloren haben; mit derjenigen geistigen Welt, wo wir nicht reden bloß von dem Geiste als von einer Summe von abstrakten Begriffen, sondern als von einer Wirklichkeit, wie wir von der physisch-sinnlichen Wirklichkeit reden. Dieses Geistesleben, das den Geist in seiner Wirklichkeit erkennt, das muss sich frei und unabhängig, emanzipiert vom Staats- und Wirtschaftsleben, entfalten; das muss auf sich selbst gestellt sein. Denn je länger abhängig ist das Geistesleben von irgendwelchen äußeren Faktoren, desto mehr verliert sich auch das Bewusstsein von dem inhaltvollen, selbstständigen Geiste, der durch die Welt webt und pulst und wirkt und west. GeistErkenntnis, sie kann es nur geben innerhalb eines freien Geisteslebens. Und diesem freien Geistesleben wird auch wiederum wirkliche GeistErkenntnis sein. Von dieser wirklichen Geist-Erkenntnis wird die Kraft in die wirtschaftlichen Zusammenhänge hineinfließen, die wir brauchen, um auch im wirtschaftlichen Leben vorwärtszukommen. So, meine sehr verehrten Anwesenden, fließt alles dasjenige - ich konnte es heute nur wiederum von gewissen Seiten her charakterisieren -, so fließt alles dasjenige, was in dem Impuls für Dreigliederung des sozialen Organismus enthalten ist, aus einer wirklich realen Betrachtung des Lebens heraus. So ist alles unmittelbar praktisch gemeint, aber so, dass man unter dem praktischen Blick nicht bloß eng versteht den Blick, der auf die Maschinen hinschaut und auf die Länge des Arbeitstages, sondern auf den ganzen Menschen, der Kopf und Herz und Gemüt und Gefühl uns entgegenbringen will und uns entgegenbringen wird, wenn wir in solchen wirtschaftlichen und geistigen Zusammenhängen ihm entgegentreten, dass Vertrauen das Lebenselement und brüderliche Liebe als die höchste Wirkung dieser Verbindung die Lebensatmosphäre dieser Zusammenhänge ist. Das muss immer wieder betont werden gerade gegenüber den Missdarstellungen, die so zahlreich heute über die Geisteswissenschaft in anthroposophischer Orientierung, wie sie hier gemeint ist, gegeben werden. Von dieser Geisteswissenschaft darf nicht gesagt werden, sie habe sich nicht hineinzumischen in das praktische Leben. Sie ist es gerade, von der man sagen kann, was ich das letzte Mal vor ein paar Tagen hier gesagt habe, sie ist dasjenige, was nicht die Seele erheben will zu einem mystischen, weltfremden Sein, in ein mystisches Wolkenkuckucksheim, sondern sie ist dasjenige, was die Seelen erfüllen soll so mit Geist, dass dieser Geist sich stark fühlt, in das materielle Leben hinein auch Geistiges zu tragen. Nicht in egoistischer Weise soll der Mensch als Mystiker weltfremd werden, sich irgendwohin flüchten, wo die Welt nicht ist, sondern vom Geiste soll er sich erfüllen, damit er diesen Geist hineintragen kann in dasjenige, was uns als ein freigeistiges, als ein demokratisch gleich orientiertes, als ein wirtschaftliches, auf Vertrauen gebautes, äußerlich materielles Leben umgibt. Durchdringen muss gerade aus Geisteswissenschaft die Erkenntnis, dass es der krasseste, raffinierteste Egoismus ist, sich in eine weltfremde Mystik zu flüchten, nach Askese zu schreien, während ein wahrhaft geistiges Durchdringen eben gerade die Kraft für das Leben geben soll. Diese Kraft für das Leben, sie allein kann uns aus dem so drohenden Niedergang, aus der so furchtbaren Not und Elend, einer Aufgabe entgegenführen. Dann in der Mitte das eigentliche Staatsleben, das sich herausbilden wird, wenn auf der einen Seite das freie Wirtschaftsleben, auf der ändern Seite das freie Geistesleben abgegliedert wird. So wird der dreigliedrige soziale Organismus die notwendige soziale Ordnung der Zukunft lebensvoll gestalten können. Man hört heute manchmal das Urteil, ich habe es wenigstens zehnmal gehört, und das weist mich immer nur darauf hin, wie sehr es verbreitet ist: Was soll aus dem Staat, aus dem Rechtsleben in der Mitte werden, wenn das Geistesleben und das Wirtschaftsleben abgegliedert werden? Ein berühmter Rechtsgelehrter der Schweiz, der bedeutendste Rechtslehrer der Schweiz und der Gegenwart, hat selbst dieses gesagt, als er die Dreigliederung kennenlernte. Er sagte, die Dreigliederung wäre ihm sympathisch, aber er könne nicht verstehen, was dann noch zwischen Wirtschafts- und Geistesleben für den Staat übrig bleiben solle. Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, das wird sich zeigen, dass sehr, sehr viel gerade für ein mächtiges und kraftvolles StaatsRechtsleben übrig bleiben wird und dass diejenigen, die die Dinge nach den heutigen Verhältnissen beurteilen, nur nicht sehen, was übrig bleiben wird, weil gewissermaßen dasjenige, was im auf gleicher demokratischer Grundlage gebauten Staatsleben da sein soll, auf der einen Seite aufgezehrt hat das Wirtschaftsleben, und es erst recht aufzehren will da, wo man die letzten Konsequenzen aus diesem Prinzip ziehen will. Darauf sehen die Menschen gewöhnlich nicht, die da sagen, Wirtschaft-Politisches sei ein höherer Gesichtspunkt als das eigentliche Wirtschaftliche. Dass die letzte Konsequenz der furchtbare, weltmörderische Bolschewismus ist, der aus solchen Anschauungen folgt, das sehen die Menschen nicht. Das werden sie nach und nach sehen, wenn sie sich nicht zwingen zu einer vernünftigen Ansicht. So wird in der Mitte stehen dieses Staats-Rechtsleben, und das Wirtschaftsleben wird auf seine eigenen Kräfte aufgebaut sein, das Geistesleben wird frei und selbstständig dastehen. Das ist dasjenige, worauf als eine soziale Gestaltung der Impuls für Dreigliederung arbeiten will. Denn er muss, nicht auf irgendeine programmatische Weise, nicht aus abstrakten Gedanken heraus, sondern aus einer gründlichen Durchdringung der wirklichen Notwendigkeiten der Gegenwart, sagen, dass nur auf den Grundlagen, die er vielleicht heute noch in unvollkommener Weise nur aussprechen kann - ich gebe das durchaus zu -, die aber weiter ausgestaltet werden muss durch die Mitarbeit, die sehr notwendige Mitarbeit recht vieler sachverständiger Persönlichkeiten. In dieser Einschränkung aber sind diejenigen, die heute sich als die Träger fühlen dieses Impulses für die Dreigliederung des sozialen Organismus, überzeugt: Wenn in dieser gründlichen Weise kennengelernt wird, beobachtet wird das soziale Leben mit seinen Sehnsuchten nach einer Zukunftsgestaltung und wenn nachgekommen wird mit den Maßnahmen diesen Sehnsuchten, dann muss sich dasjenige ergeben, was den sozialen Organismus lebensmöglich macht. Denn es wird sein in einem solchen sozialen Organismus die Grundlage für die Lebensmöglichkeit, es wird sein ein wirklich kraftweckendes, fruchtbares Geistesleben, das aus sich hervorbringen wird ein gesundes, auf Brüderlichkeit gebautes Wirtschaftsleben. Es wird sein in einer solchen sozialen Gestaltung ein wirklich freier Geist in einem auf Vertrauen als auf die einzig mögliche soziale wirtschaftliche Kraft, auf Vertrauen gebaute Wirtschaftsordnung. INWIEFERN IST DIE DREIGLIEDERUNG BERUFEN, AUS DEM CHAOS HERAUSZUFÜHREN St. Gallen, 25. Januar 1921 Es ist ja gut denkbar, dass mancher Mensch ein Thema wie dasjenige, über welches heute gesprochen werden soll, fruchtlos und vielleicht zu besprechen sogar unmöglich findet, weil er glaubt, dass aus solchen Untergründen heraus, aus Untergründen der sozialen Erkenntnis und sozialen Einsicht heraus doch gegenüber den Tatsachen etwas Fruchtbares nicht geschaffen werden könne. Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, die große Katastrophe, welche hereingebrochen ist im zweiten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts, man darf wohl sagen, über unsere ganze zivilisierte WelL die konnte die Menschen belehren darüber, wie notwendig es sei, die neueste Entwicklung der Zivilisation ins Auge zu fassen, um vielleicht doch zu einer ändern Einsicht zu kommen, als diejenige ist, die ich eben einleitungsweise charakterisiert habe. Dasjenige, was im Laufe der letzten Jahrzehnte, der letzten 70 bis 80 Jahre innerhalb der zivilisierten Welt sich vollzogen hat, das ist gerade das Unberiicksichtigt-Lassen der heraufkommenden sozialen Lage der Menschheit. Wenn man zurückschaut auf diese eben angegebene Zeit, dann findet man, dass gerade diejenigen Persönlichkeiten, die den führenden Klassen angehört haben, sich jeweilen, wie es ihnen [ein] äußeres Schicksal gebracht hat, hineinbegeben haben in irgendeine Lage, in irgendeine Berufs- oder Schaffenslage, und dass sie in dieser Lage gewirkt haben, so, wie es die Verhältnisse eben seit langer Zeit gegeben haben, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, ob es nötig sei, irgendwie in diese Verhältnisse hineinzuschauen, in diese Verhältnisse selbst einzugreifen, man hat hingenommen, was einem geboten wurde, ohne viel Dazutun, was dann ergeben hat das allerdings großartige und gewaltige Fortschreiten und den Triumph der modernen Zivilisation, und man hat es überlassen den breiten Massen der Arbeiter-Bevölkerung, dem Proletariat, aus Einseitigkeit heraus Kritik zu üben an dem, was aus sozialen Verhältnissen heraus gekommen ist. Aus der Unbequemlichkeit, einzugreifen, erwuchs den führenden Klassen eine gewisse Sehnsucht, im Grunde genommen die Dinge gehen zu lassen, wie sie eben gingen unter dem Einflusse der rapid sich vorwärts entwickelnden Produktionsverhältnisse, und diejenigen, die die Kritik ausübten, die waren hineingestellt in die Räder der sozialen Verhältnisse; ihre Unfruchtbarkeit zeigte sich ja gar in vielen Gebieten. Wenn man darüber nachdenkt, wie man es gerade unterlassen hat, durch lange Zeiten hindurch eine Überschau zu halten über dasjenige, was eigentlich zu tun ist, darüber, wie die Verhältnisse heute ein anderes Denken, ein anderes Empfinden von den Menschen fordern als früher, dann wird man doch zur Einsicht kommen, dass jetzt, wo die Zeit der furchtbaren Katastrophe gekommen ist, dass jetzt begonnen werden müsse mit einem solchen Umdenken, Umempfinden; das dürfte ja jedem Unbefangenen klar sein. Wenigstens nach dem Westen hinüber ist dasjenige, was uns 12 bis 15 Millionen Menschen hat zusammenschießen lassen und ebenso viele zu Krüppeln hat machen lassen, aus unmöglichen wirtschaftlichen Verhältnissen heraus entstanden. Nach dem Westen hin ist das ganz zweifellos, nach dem Osten hin haben wir wieder ganz andere Zivilisations-Verhältnisse, dort haben mehr seelische Verhältnisse mitgewirkt. Jedem müsste es klar sein, dass aus den Unterlassungssünden der letzten Jahrzehnte dieses ganze Chaos, die Kriegslage der gegenwärtigen Not entsprungen ist. Wir haben die Friedensschlüsse. Aber schließlich, ist der Friede, der geschlossen wurde, ein wirklicher Friede? Ein Friede von Bedeutung könnte er nur sein, wenn sich Aussichten bOten, dass sich die alte Zivilisation der Menschheit wieder aufrichten würde. Aber sehen wir uns die tatsächlichen Verhältnisse an, ob die dafür sprechen, dass es so sein könne. In England hat es zuerst aufgedämmert, und wirklich sehr bedeutend. Bei englischen Denkern finden wir Aussprüche über das Trostlose der gegenwärtigen Lage und was zur Besserung notwendig ist. Da haben wir es denn im Oktober [1920] in der zweiten nationalen Wirtschaftskonferenz aussprechen hören, wie bedenklich das aus der Kriegskatastrophe Hervorgebrachte ist und dass es durch etwas anderes ersetzt werden müsse, wenn das Elend nicht immer größer werden soll. Es waren da zahlreiche Männer, die eingesehen haben, wie es eigentlich steht. Wir in unserer Zivilisation gleichen heute einem Menschen, der sich damit tröstet, dass er noch einen Rock hat, der beginnt, schäbig zu werden et cetera. [Lücke in der Mitschnift?] So steht [es] mit demjenigen, was man als die Besserung ansieht. Es ist durchaus diese Besserung nur scheinbar, denn dasjenige, was geblieben ist aus der Zivilisation der Vorkriegsepoche, ist in einer gewissen Beziehung abgetragen, muss in furchtbare Zustände hineinführen, wenn nicht beizeiten daran gedacht wird, wirkliche Besserung zu schaffen. Ein bedeutendes Wort tönt einem in den Ohren, wenn man hört, wie ein Gewissenhafter über die Verhältnisse der Gegenwart es ausgesprochen hat, was eigentlich vorliegt, mit den Worten: dnnerhalb der gegenwärtigen Zustände der europäischen Zivilisation wird ein großes Verbrechen unvergleichlicher Art begangen und wir sind alle Teilnehmer an diesem Verbrechen» Das Wort ist in England gefallen, und man darf schon sagen: Es klingt einem ein solches Wort in den Ohren als etwas, was recht wahrhaft sich ausnimmt. Denjenigen Menschen, die über die jetzigen Verhältnisse nachdenken, fallen die wirtschaftlichen Zustände zuerst in die Augen, und man denkt, dieser Herr zu werden. Man glaubt, ihrer Herr werden zu können auf diese oder jene Weise, dann werde es sich auf alle ändern Gebiete der Zivilisation ausbreiten. Allerdings, innerhalb der wirtschaftlichen Verhältnisse sind Zustände da, die leicht, sehr leicht zeigen, wie im Grunde genommen nicht aus irgendwelchen vernünftigen Untergründen heraus, sondern aus dem Chaos heraus, aus einer vom Zerfall durchsetzten Situation heraus gewirtschaftet wird. Kann man es denn überhaupt noch wirtschaften nennen, wenn zum Beispiel die Schweiz, die im ersten Halbjahr 1920 eine Million Tonnen Kohle notwendig hatte, von dieser Million Tonnen 4000 Tonnen aus Amerika bezogen hat? Man braucht sich nur zu überlegen, dass die Schweiz umgeben ist von Staaten, die Kohle produzieren, und dass es jedenfalls eine unmögliche Bewirtschaftung der Welt ist, wenn die Dinge so teuer wie möglich zugeführt werden. Solche Beispiele könnte man heute zu Hunderten anführen; man könnte sehen, aus welchem Impuls heraus die Wirtschaftlichkeit eigentlich fließt. - Für die Wiedergutmachung sind etwa 4500 Millionen Pfund Sterling notwendig et cetera. [Lücke in der Mitscbrift?/ Das alles gibt eine Übersicht, die furchtbar ist, und man soll nicht glauben, dass irgendein Gebiet, wie die Schweiz, ausgenommen werden könne von den Folgen. Es ist heute durchaus die Zeit, wenn man sich auch dagegen sperrt, in der der Fortschritt der Zivilisation die Weltwirtschaft notwendig macht. Wenn man weiter darauf Rücksicht nimmt, dass diese mitteleuropäischen Länder, wenn sie überhaupt zur Arbeit nur die Möglichkeit haben sollen, mindestens 100 Millionen Pfund Sterling an Kredit brauchen, dann wird dasjenige, was als Perspektive vor uns steht, nur ein gar trauriges Bild geben. Die wirtschaftlichen Verhältnisse stehen vor unseren Augen; [von derselben Seite], von der aus die wirtschaftlichen Verhältnisse jetzt schon klar betont werden, geht auch etwas anderes aus. Man hat es in der Konferenz vom Oktober 1920 hören können. Es konnte im Grunde genommen nicht anders kommen, denn diejenigen, die versammelt waren, das waren Diplomaten, das waren Politiker alle zusammen, die verstanden alle miteinander nichts von einer Nationalökonomie; es sei notwendig, dass Wirtschafter aus den wirtschaftlichen Verhältnissen heraus zu einer Besserung ihre Hand bieten, um in die Besserung einzugreifen. - Es wird heute zugestanden, dass die Politiker, diejenigen, die nur politisch geschult sind - und sie sind politisch leider schlecht genug geschult -, dass diejenigen gar nicht in der Lage sind, irgendwie bessernd in die wirtschaftlichen Verhältnisse einzugreifen. Sehen Sie, meine verehrten Anwesenden, von den Anschauungen, die da heute durch die Not der Zeit wenigen endlich aufgedrängt werden, geht dasjenige aus, was als Impuls die Dreigliederung des sozialen Organismus in die Welt hineinstellen will, um zum Aufstieg zu führen. Er will die Zivilisation als Ganzes fassen, er will durchschauen, wie zusammenwirken die verschiedenen Faktoren, die verschiedenen Elemente des [ganzen] zivilisierten Lebens. Wir können gar nicht das wirtschaftliche Leben für sich betrachten; wir kÖnnen einzig und allein nur das Ganze in das Auge fassen, dann aber zeigt es uns ganz deutlich, wie radikal verschieden die einzelnen Gebiete sind, und auf dieses radikal Verschiedene der drei Lebensgebiete der Zivilisation, auf das lässt sich die Dreigliederung des sozialen Organismus ein und versucht von da aus, das Ihrige zur Gesundung der menschlichen Entwicklung beizutragen. Diese drei Gebiete, sie sind das geistige Leben auf der einen Seite, das Wirtschaftsleben auf der ändern Seite, und mittendrinnen, da steht, was wir das staatliche, das rechtliche oder eigentlich das politische Leben nennen können. Als das neuere Zivilisationsleben begonnen hat, war es ganz natürlich, ja geschichtlich notwendig, dass dasjenige, was sich aus dem modernen Staat herausgebildet hat, dass das sich allmählich bemächtigt hat nicht nur des politischen, des rechtlichen Lebens, sondern auch des geistigen Lebens, des Erziehungs-, Unterrichts- und des ganzen geistigen Lebens. Allein heute stehen wir in einem Zeitalter, wo dies seine Aufgabe erfüllt hat und etwas anderem Platz machen muss. Es ist durchaus so, dass die Zivilisationsformen zuerst jung sind, dann reif sind und dann alt werden und verfallen. So ist der tiefste Grund unserer gegenwärtigen Not eigentlich dieses, dass wir nicht einsehen, dass wir in einem abstrakten Einheitsstaat leben, dass das entgegengeht eigentlich seiner [Untergangs-]Periode, und dass etwas Neues geboren werden muss, was an seine Stelle treten kann. Dasjenige, auf das hingestrebt wird, das ist ein Herausgliedern des geistigen Lebens, des Wirtschaftslebens aus dem Staatsleben, sodass an die Stelle des abstrakten Einheitsstaates, der alles durcheinander hat, drei Glieder treten sollen: ein selbstständiges Staatsleben mit den Rechtsverhältnissen in sich, ein selbstständiges Geistesleben und ein selbstständiges Wirtschaftsleben, das aus diesen Bedingungen heraus wachsen und gedeihen muss und kann. Dasjenige, was selbstständiges Geistesleben ist, das muss so sein, dass die größte Möglichkeit besteht, dass dasjenige, was der Mensch durch seine Geburt ins physische Dasein bringt - sei es geistig oder seelisch -, dass das zur Entfaltung kommen kann. Dasjenige, was da zur Entfaltung kommen soll, das muss mit seiner größten Kraft eingeführt werden in die ändern Gebiete des Lebens, das muss man völlig frei entfalten können. Es hat sich der Staat in der neueren Zeit des Unterrichts- und Erziehungswesens bemächtigt; er hat das Seinige geleistet - was ist herausgekommen? Diejenigen, die im Unterrichts- und Erziehungswesen die menschlichen Fähigkeiten entwickeln sollen, die fanden sich abhängig von demjenigen, was ihnen der Staat vorzeichnete, sie waren in gewisser Weise dasjenige, was dem Staate zu seiner Bereicherung, zur Fruchtbarkeit gereichen sollte. Dadurch aber, dass das eigentlich Lebendige in Erziehungs- und Unterrichtswesen geleitet wurde von außerhalb heg dadurch entfremdete sich der Inhalt des Unterrichtswesens zu dem, was wir heute sehen - besonders angesehen von gewissen Persönlichkeiten -, zu einer abstrakten Wissenschaftlichkeit, zu einem abstrakten Geistesleben. Diese Erzieher der Menschheit, sie konnten nicht aus ihren eigenen Herzen zu gleicher Zeit das Unterrichts- und Erziehungswesen verwalten; so blieb ihnen nichts anderes übrig, als in einer Abstraktheit zu leben. Dass das von vielen Seiten nicht zugegeben werden will, darauf beruht unser gegenwärtiges Elend. Dasjenige, was helfen kann, ist das Geistesleben. Der wichtigste Bestandteil des Geisteslebens ist die Unabhängigkeit, die geistige Selbstständigkeit. Möge diese in völlig eigene Verwaltung kommen, und zwar in die Macht derjenigen, die unmittelbar lebendig in der Erziehung und im Unterricht drinnenstehen. Hier muss angestrebt werden, dass sie in ihren Korporationen, in ihrem Zusammenwirken auch dieses Unterrichtswesen frei, autonom verwalten können, sodass alles dasjenige, was auf Verfügung aus dem Unterrichtswesen selbst hervorgeht, nicht zu fürchten ist. Erzwungene Autoritäten werden bekämpft. Derjenige, der die Bedingungen des Geisteslebens kennt, weiß, dass ein Fachmann selbstverständlich auch den größten Einfluss hat, weil die ändern ihn brauchen, um von ihm lernen zu können. Unabhängigkeit, darauf kommt es an. Es wird selbstverständlich die Einrichtung des Geisteslebens aus dem wirtschaftlichen Leben heraus entwickelt. Aber in Bezug auf das Geistige muss dieses geistige Gebiet ganz und gar unabhängig sein von jedem ändern Einfluss. Für Millionen Menschen ist das Geistesleben eine Ideologie geworden. Zu einer solchen Anschauung kann man aber nicht kommen, wenn man erfährt, dass der Geist nicht nur etwas ist, über das man gedacht hat, sondern was man erlebt hat; aus diesem lebendigen Leben fließt dann dasjenige an Verfassung des Herzens, wie es eigentlich ist. Man hört ganz berechtigte Aussprüche, dass sich in der letzten Zeit das Geistesleben in einer gewissen Weise in die Dekadenz gebracht habe, sogar verroht sei, deshalb, weil es nach dem reinen Intellekttum hingestrebt habe, während das Gemüt, das Herz, eigentlich verkümmert ist. Man kann leicht solche Sachen sagen, aber schwerer ist es, zu durchschauen, wie dem eine Gefolgschaft geleistet werden kann. Man kann fordern, dass die Atmosphäre der Gemütsbildung herauskommen soll et cetera. /Lücke in der Mitschrift?] Aber man kann doch nicht einfach einen Strich machen unter das, was bis jetzt war. Dieses moderne Leben hat eben seine Technik, es hat eben den Intellekt, die Verstandesbildung, das einseitige Gescheitwerden großgezogen. Da handelt es sich darum, dass die ernste tiefe Frage gerichtet werde an die Menschenschicksale: Was bringt in Einklang mit der Gemütsund Herzensbildung? ... (Hinweis auf die Geisteswissenschaft). Eine solche Wissenschaft kann nicht derart sein wie früher, wie dabei auch dasjenige in Betracht kommt, dass es die große Aufgabe ist, die man sich dort stellen will, zum Geiste, zum wahren Geiste zu kommen; nicht zum Spiritismus, zur Theosophie et cetera, sondern zu einem Geiste, der den ganzen Menschen durchdringen kann, der Geist mit Gemüt versöhnen kann. Das ist dasjenige, was in Wirklichkeit angesehen wurde, was nun von innen heraus zur Belebung dieses Geisteslebens vom Goetheanum in Dornach aus geschehen will. Damit allerdings gibt ja Dornach Anlass zu vielen Ärgernissen, weil es sich gegenüber ändern Bestrebungen der Gegenwart, die vielleicht aus guter Meinung heraus kommen, aber sich als unfruchtbar erweisen sollten, weil es gegenüber diesen Stellung nehmen muss. Was streben die Leute an, jetzt in der Zeit am meisten, um das Leben des Gemüts, das Leben der Sittlichkeit, der Religionsvertiefung zu verstärken? Was strebt man da an? Man will dasjenige, was man in intellektueller Weise erworben, durch allerlei Unternehmungen, wie Volksbibliotheken et cetera, verbreiten. - In dieser Weise kann Dornach die Sache nicht mitmachen, weil es die Aussichtslosigkeit erkennt. Man muss sich fragen: Haben diejenigen, die Führer waren, nicht dasjenige, was die Schulen geleistet haben, selber gesehen und gewusst, haben sie nicht gerade das [besessen], was auf den Universitäten gelehrt wird? Hat sie das aber daran gehinderL hinauszusegeln in die Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts? Und wenn diejenigen, die im Besitze dieser Bildung waren, nicht davor bewahrt geblieben sind, sondern auch hineingetrieben worden sind, kann man dann hoffen, dass es dann in seinem Weiterverbreiten zu etwas anderem führt? Will man dasjenige den Millionen noch überliefern, damit es diese Früchte in noch viel verheerenderem Maße bringt? Das ist es, was man auf dem Gebiete in Dornach durchschaut, um es von dort aus nun hinauszutragen in das Volk. Zuerst muss das Hineintragen geschehen in die Bildungsanstalten, damit etwas anderes herauskommen kann. Ich wollte nur anführen, aus welchen Untergründen heraus dieses Begreifen der Notwendigkeit an der Befreiung des Geisteslebens hervorgehen kann. Gerade daraus ergibt sich die Forderung des freien Geisteslebens. Die Lehrer von den untersten bis zu den obersten Klassen haben dieses Geistesleben selbst zu verwalten; sie werden selbst einzurichten haben dasjenige, was an praktischen Lehranstalten da ist; man wird ihnen nicht Anweisung geben, was sie zu lehren haben, weil man sagt, dasjenige, was im Geistesleben verwendet werden soll, das müssen die Betreffenden selbst verwalten. Dann sind sie aber auch gezwungen, sich hineinzubegeben ins praktische Leben, herauszuunterrichten und zu erziehen, weil sie nicht eine abstrakte Wissenschaftlichkeit zu lehren haben, sondern dasjenige, was das Leben wirklich trägt. Auf dem einen Flügel des sozialen Organismus muss das freie Geistesleben stehen. - Auf diesem einen Flügel des sozialen Organismus wird es schon notwendig sein, dass man sich aus dem Hineinversetzen in den Geist die Dinge selbst beurteilt. - Das wird Schwierigkeiten machen, weil die Menschen ungewohnt sind, ein solches Geistesleben richtig zu erfassen; sie haben nur ein bloßes Denken über den Geist. Aber wir können keine Entscheidung darüber treffen, ob man lassen oder verbessern soll; es muss verstanden werden, dass damit das Leben von der geistigen Seite her in der rechten Weise befruchtet wird - es muss selbstständig werden. Das ist auf dem einen Flügel. Auf dem ändern Flügel steht das Wirtschaftsleben. Ich möchte durch einen äußerlichen Vergleich Ihnen zeigen, welche anderen Lebensbedingungen im Wirtschaftsleben drinnen sind als im Geistesleben. (Beispiel) Auf wirtschaftlichem Gebiete ist eine solche Freiheit, wie wir sie im Geistesleben haben, nicht möglich. Im Wirtschaftsleben sind wir eigentlich alle ausnahmslos aufeinander angewiesen. Im Wirtschaftsleben handelt es sich darum, dass man dasjenige, was man sich durch die wirtschaftliche Erfahrung, durch das Verbundensein auf einem Wirtschaftszweige erworben, sich nach und nach aneignet. - Auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens ist es unmöglich, von der Freiheit auszugehen. Das kann man strikte beweisen, dass es unmöglich ist. (Beispiel: gepflogene Unterhandlungen über die Einführung der Goldwährung.) Das Gegenteil von dem, was die gescheiten Leute gepredigt haben, ist eingetreten. Was da im Großen auf dem Boden der Weltwirtschaft entstanden ist, das zeigt sich in der gegenwärtigen Zeit im Kleinen. Sie werden in der Regel in Bezug auf das Gesamtwirtschaftsleben und damit in Bezug auf das Wirtschaftsleben überhaupt das Gegenteil bewirken. In dieser Beziehung müsste man etwas unbefangen hinschauen. Schon in früheren Jahr[zehnt]en haben wir das Heraufkommen der sozialen Frage. In dieser Beziehung haben auch wiederum recht gescheite Leute merkwürdige Gedanken gehabt. (Österreichischer Minister M.) Ich habe manches Gespräch in den 80er Jahren gepflogen mit Leuten aus dem Wirtschaftsleben. Man hat gerade in dem Gebiet am spätesten etwas gemerkt von den Druckverhältnissen, von dem Aufflimmern der sozialen Frage, die solches Elend und solche Not gebracht hat. Aber diejenigen, die sich mit im Gespräch be fanden, die haben gesagt: Wir sind machtlos, um ins wirtschaftliche Leben produktiv einzuschreiten et cetera. - Diese Dinge wurden eben hingenommen als ein unbestimmtes Schicksal. Heute muss im Großen über diese Dinge nachgedacht werden. Auf dem Gebiet des Wirtschaftslebens ist das Allerwichtigste der Preis; denn nur, wenn die Preise so stehen, dass die Menschen ihre Sachen austauschen können, dann ist das soziale Leben wirklich in einer auch menschlichen Weise vorhanden. Nun kann man sehr leicht, mit einer mathematischen Sicherheit, sagen, wie es sein muss in Bezug auf [eine] Feststellung der Preise, der Urzelle des Wirtschaftslebens, und die heißt so: Derjenige, der irgendetwas hervorbringt, muss für diese Hervorbringung so viel erhalten, dass er für das Erhaltene sich selbst und diejenigen, die zu ihm gehören, sich und die Seinen, erhalten kann, bis er wiederum ein gleiches Erzeugnis hervorbringen kann (Beispiel: Stiefel). Das ist, wie gesagt, abstrakt ausgesprochen. Es muss so einleuchten; es handelt sich nur darum, wie das herbeigeführt werden kann in der Wirklichkeit des Lebens. Da muss dasjenige eingreifen, und das muss man durchaus ernst nehmen, dass zu einem wirtschaftlichen Urteil der einzelne Mensch kommen kann. Man strebt danach, dass jeder tüchtig werden kann auf einem einzelnen Gebiete, daher muss dasjenige entstehen, das zum lebendigen Handeln im Wirtschaftsleben führt und das Lebendige in Bewegung bringt, dasjenige muss eintreten, was ich genannt habe in den «Kernpunkten der sozialen Frage» das Assoziationsprinzip des Wirtschaftslebens. (Zur Erläuterung Beispiel aus dem eigenen Leben.) Man schreibt Bücher et cetera, die werden in die Druckereien befördert, gesetzt, gedruckt und versendet, und Unzähliges [von dem] wird Makulatur. Bedenken Sie, was das heißt! Das heißt nichts anderes, als dass so und so viel Hände sich geregt haben zum PapierHervorbringen, zum Setzen, Drucken und so weiter. Das ist unnötige Arbeit. (Beispiel: Verlag, Konsumwirtschaft.) Solche Beispiele, sie weisen auf dasjenige hin, was ich im Sinne meiner Kernpunkte unter dem Assoziationsprinzip beschrieben habe. Es handelt sich darum, dass diejenigen, die am wirtschaftlichen Leben beteiligt sind - und das sind alle Menschen -, sich zusammenschließen, das ergibt dann schon eine Assoziation. Die Einzelnen schließen sich zusammen nach der Produktion und diese mit den Konsumentenkreisen. Konsumieren, Produzieren, wenn man alles das berücksichtigt, so kommen einem ganz bestimmte Gruppen dieser Assoziation. (Weltwirtschaftsbund.) Innerhalb dieser Wirtschaftsassoziation wird verhandelt von Mensch zu Mensch, und da kommt dasjenige zustande, dass der Mensch alles hineinwirft, was er kann; was er nicht kann, wird von ändern ergänzt. Wenn gerade darauf gesehen wird, dass die Preisverhältnisse das Maßgebende sind, so muss es möglich sein, in diese Preisgestaltung einzugreifen; das kann man nicht durch theoretische Verordnungen machen. Dasjenige, um was es sich handelt, ist, dass von der ändern Seite begonnen werden muss. Es lässt sich durchaus nicht durch Verordnungen, sondern nur durch das lebendige Leben regeln, es lässt sich nur durch das assoziative Wirtschaftsleben erreichen, das auf gesunden wirtschaftlichen Erfahrungen ruhen soll. Weder im geistigen noch im Wirtschaftsleben lässt sich parlamentarisieren; denn über dasjenige, was auf beiden Gebieten zu geschehen hat, kann nur derjenige handeln, der sachkundig und fachtiichtig ist. Da muss also von Mensch zu Mensch, von Korporation zu Korporation erhandelt werden, sodass derjenige, der Erfahrung hat, an den betreffenden Platz gestellt wird, weil er eben Erfahrung hat, nicht, dass er in eine Partei hineingestellt wird, von der er nichts verstellt, sodass Sachkenntnis und Fachtüchtigkeit zur Geltung kommen. Man wird viele Einwendungen machen können. Aber diese Einwendungen beheben sich, wenn man bedenkt, dass höchstens zum Beispiel diejenigen, die zu ihrem Beruf eine milde Freizügigkeit brauchen, sich bedrängt fühlen könnten durch die Assoziationen. Allein, wenn die Sache praktisch gemacht wird, ist sie nicht schwieriger als das Geldwechseln. (Bürokratismus entfernt.) Diese Dinge werden lebensvoll behandelt, daher werden sie auch in einer lebensvollen Weise abgewickelt werden können. Das aber, was mit den Assoziationen gemeint ist, würde gerade den Menschen frei machen, und dann würden die anderen Freimachungen auf ändern Gebieten schon nachkommen. (In Stuttgart angewendet.) Man kann einwenden: Auf der einen Seite vom Staate ist das Geistesleben und auf der ändern Seite ist das Wirtschaftsleben, dann ist in der Mitte nichts mehr. Man warte nur, was in der Mitte wird; da ist ein großes, größeres Gebiet da; die Menschheit fordert aus ihrem Wesen heraus die Entscheidung aus sich selbsi; aus dieser Mitte. (Vereinigung der mündig gewordenen Menschen, Festsetzung von Ware, Zeit, Maß.) Diese Dinge, die den Menschen selber betreffen, und für die der Mensch mit seiner Person eintreten muss - es darf keine Ware werden. - Im Wirtschaftsleben muss man hinnehmen, was die Natur bietet, und danach wirtschaften, daher muss es unabhängig vom Staate sein. Vieles andere wird gerade da hineingehören; man wird da sehen, was das lebendige Recht ist. Dasjenige, was da entstehen soll, es ist in Wirklichkeit gar nicht da; das eigentliche Rechtsleben ist verdorben. Dasjenige, was Recht sein soll, was nur aus den mündig gewordenen Menschen fließt, ist verkümmert. Da müssen die Menschen die MÖglichkeit haben, ein Gebiet zu finden, wo sie dasjenige festsetzen können, was in jedem Urteil der mündig gewordenen Menschen liegt; man darf durchaus nicht Angst davor haben. (Anführung eines Artikels aus einer Zeitung.) Solch ein Mann kann sich nicht vorstellen, dass gerade dadurch, dass in der richtigen Weise begründet wird, diese drei Glieder des sozialen Organismus zusammengreifen zu einer Einheit. So ist es im Menschen auch; die Einheit, die lebendige Einheit im Menschen besteht auch aus einer Dreigliederung, und so muss es auch sein im sozialen Organismus. Ein Mann hat einmal eingewendet: Ja, das Leben muss eben eine Einheit sein, und man kann das nicht anders denken, als dass ein Einheitsstaat ist; alles muss ineinandergehen. (Beispiel: ländliche Wirtschaft, Frauen, Knechte, Kinder, eine Anzahl Karren, die in einer Einheit zusammenwirken.) Es kommt die Einheit gerade dadurch zustande, dass jeder das Seinige tut. Wir haben gesehen, dass sehr erleuchtete Leute sagen: Diejenigen Menschen, die zusammengezimmert haben diese scheinbar neue Gestalt, das waren eben Politiker, die haben vom Wirtschaftsleben nichts verstanden. Man hat nur nicht den Mut, dasjenige ins Auge zu fassen, wonach sich die Menschen sehnen, den Willensimpuls zu entfalten. Wir miis sen umlernen. Die großen bedeutsamen Ideale, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, sie haben bisher die Menschen nicht herausführen können aus dem Chaos der Zeit. Sehr gescheite Leute haben immer wieder und wieder bewiesen, wie Freiheit und Gleichheit bestehen können, wie durch beide wieder Brüderlichkeit beeinträchtigt wird. Freiheit kann es geben vom Gebiete des Geisteslebens aus, Gleichheit wird hervorgehen können aus dem Staatsleben, und im Wirtschaftsleben wird Brüderlichkeit entfaltet werden können, echte, praktische Brüderlichkeit. So wird man sagen müssen: Dadurch, dass man erkennt, wie diese drei großen, bedeutsamen Ideale ins Leben strömen müssen, dadurch wird durch die Dreigliederung die Menschheit herausgeführt aus dem furchtbaren Chaos, wenn sie in der richtigen Weise verstanden wird. Aus der Empfindung der bittren Not der Zeit heraus und aus einer jahrzehntelang gemachten Erfahrung kann man sagen, diese Dreigliederung des sozialen Organismus, sie strebt an, die Menschheit dadurch herauszuführen, dass nichts chaotisch zusammengedrängt werden soll, sondern dass diese drei Ideale in ihre eigentlichen Besitztümer hineingeführt werden sollen, zu einem großen sozialen Organismus. Und dieser lebensfähige Organismus, er wird dasjenige zusammensetzen, was entspringen kann: Freiheit im Geistesleben, Gleichheit im Rechtsleben, Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben. DAS SELBSTSTÄNDIGE GEISTESLEBEN IM DREIGLIEDRIGEN SOZIALEN ORGANISMUS Dornach, 27. Juni 1921 Meine sehr verehrten Anwesenden! Als ich im Frühling 1919 meine «Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und der nächsten Zukunft» veröffentlichte, stand man einem etwas anders gearteten öffentlichen Leben des Abendlandes gegenüber, als dies heute der Fall ist. Man sollte sich eigentlich durchaus klar machen, wie schnell das Tempo des gegenwärtigen Ablaufens der Ereignisse ist. Man sollte sich klarmachen, wie innerhalb der letzten zwei Jahre wiederum sich die zivilisatorische Konfiguration des abendländischen Lebens wesentlich geändert hat. Damals im Frühling, im Frühjahr des Jahres 1919, war nämlich genügender Grund vorhanden zu der Hoffnung, dass sich eine genügend große Anzahl von Menschen vereinigen werde, in der Meinung, aus geistigen Impulsen heraus den sozialen Niedergangskräften entgegenzuarbeiten. Die furchtbaren Erfahrungen der Kriegsjahre lagen hinter der Menschheit des Abendlandes, diese furchtbaren Erfahrungen, von denen dazumal viele Menschen das Gefühl hatten, dass sie unvergleichlich dastanden in dem geschichtlichen Leben der Menschheit überhaupt. Und aus diesen furchtbaren Erfahrungen war hervorgegangen die Meinung, es müsse etwas ganz Durchgreifendes und etwas vor allen Dingen aus den Untergründen des geistigen Lebens heraus Geholtes geschehen, damit man in einer entsprechenden Weise die Niedergangskräfte paralysiere und die Menschheit arbeitend aus den Aufgangskräften heraus machen könne. Man möchte sagen: Nach wenigen Monaten schon konnte man sehen, dass diese Meinung, die ganz intensiv in weitesten Kreisen vorhanden war, dass diese Meinung eigentlich wesentlich zurückgegangen war. Man hatte deshalb auch im Februar, März, April, Mai des Jahres 1919 glauben können, mit der Geltendmachung solcher Ideen, wie sie angeschlagen wurden in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage», wie sie kurz zusammengefasst wurden in meinem Aufruf «An das deutsche Volk und an die Kulturwelt», man hatte glauben können, mit dem Anschlagen solcher Ideen heranzukommen an diejenigen Menschen, die der eben charakterisierten Meinung waren. Man brauchte wahrhaftig nicht der hochmütigen Meinung zu sein, dass mit solchen Ideen, die man in einer solchen Art anschlug, schon das absolut Richtige getroffen sei, sondern man brauchte bloß den Glauben zu haben, dass in ehrlicher Weise aus den Untergründen des Daseins, aus den berechtigten Untergründen des Daseins, solche angeschlagenen Ideen heraufgeholt seien, und dann konnte man glauben, es werden sich aus den Erfahrungen, die sich eben ergeben hatten, eine genügend große Anzahl von Menschen finden, um überhaupt dem ganzen Duktus, dem ganzen Wollen solcher Ideen Verständnis und Tatkraft zuzutragen. Man konnte sehen, wie sehr bald die Menschen wiederum des Glaubens waren, es müsse doch durch ein Zusammenleimen dieser oder jener auseinandergerissener alter Impulse zunächst der Menschheit weitergeholfen werden. Man konnte sehen, wie die Tatkraft, die immerhin damals für eine Zeit lang bemerkbar war, wie diese Tatkraft sich ablähmte und so weiter. In dieser Zeit, im Frühjahr 1919, musste gewissermaßen hineingeworfen werden dasjenige, was ich nannte «Die Dreigliederung des sozialen Organismus». Wie gesagt, mochte sie korrekturbediirftig sein wie immer, diese Idee, aber sie musste in die Zeit hineingeworfen werden, denn sie ergab sich aus zwei Voraussetzungen. Die erste Voraussetzung ist eine historische, eine geisteswissenschaftlich-historische, eine solche, die gewonnen ist aus der Betrachtung des Entwicklungsganges der Menschheit, wie er sich ergibt derjenigen geisteswissenschaftlichen Betrachtung, die hier als die anthroposophische betrieben wird. Die andere Voraussetzung ergab sich aus einer jahrzehntelangen Beobachtung der Impulse, die in den Untergründen des geistigen, des staatlich-politischen, des wirtschaftlichen Lebens überall aus den Untergründen heraus nach der Oberfläche strebten. Aus der Beobachtung desjenigen, was eigentlich sich verwirklichen wollte, dem man nur zur Verwirklichung verhelfen sollte, aus dieser Beobachtung, aus der unmittelbar praktischen Beobachtung der drei verschiedenen Gestaltungen des Lebens ergab sich die zweite Voraussetzung. Auch die erste Voraussetzung war keineswegs eine theoretische. Geisteswissenschaft, wie sie hier ist, soll ja durchaus in die volle Wirklichkeit hineinleiten. Daher sind auch alle ihre Betrachtungen, auch diejenige über die Entwicklung der Menschheit, von Wirklichkeitssinn durchdrungen. Wer könnte auch nicht durch ein unbefangenes Anschauen desjenigen, was sich immer intensiver und intensiver im Heraufkommen der neueren Menschheit geltend machte, erkennen das demokratische Prinzip? Dieses demokratische Prinzip, ich brauche es ja nicht zu definieren. Gewiss versteht der eine darunter dies, der andere jenes. Aber im Allgemeinen, man hat ein Gefühl von dem, was sich herauflebt in der neueren Geschichte als das demokratische Prinzip, dasjenige Prinzip, das der Mensch einfach dadurch, dass er Mensch ist, geltend machen müsse innerhalb der sozialen Gemeinschafg dass so viel, als das Urteil des einzelnen Menschen wert ist, dieses Urteil auch bedeuten müsse im sozialen Geschehen. Dieses Drängen nach Demokratie, es war seit langer Zeit da, sprach sich aus durch die verschiedensten Bewegungen und Konvulsionen des neueren geschichtlichen Lebens der abendländischen Menschheit mit ihrem amerikanischen Anhange. Aber auf der ändern Seite konnte man sehen, dass dieses demokratische Leben sich eigentlich nicht allseitig verwirklichen kann. Und es ergibt sich für den unbefangenen Betrachter der menschlichen Sozietät doch, dass eben nur ein Gebiet des sozialen Lebens da ist, das wirklich demokratisch werden kann, und das ist das politiscbstaatliche Gebiet. Das politisch-staatliche Gebiet kann aber, wenn es demokratisch werden will, nur umfassen diejenigen Angelegenheiten, über die urteilsfähig ist jeder mündig gewordene Mensch. Und man kann gerade, wenn man praktisch denkt, das Gebiet des sozialen Lebens, das der Urteilsfähigkeit jedes mündig gewordenen Menschen unterliegen kann, deutlich abgrenzen. Dagegen gibt es zwei Gebiete, die einfach nicht demokratisiert werden können, weil sie sich nur entfalten können, wenn sie sich entwickeln im Sinne der Sach- und Fachkenntnis der Menschen, der einzelnen menschlichen Individualität, und das ist auf der einen Seite das gesamte Gebiet des Geisteslebens, namentlich dasjenige Gebiet des Geisteslebens, das das eigentlich öffentliche ist, das Gebiet des Unterrichts- und Erziehungswesens, und das ist auf der anderen Seite das des Wirtscbaftslebens. Das geistige Leben und sein Hauptbestandteil, das Unterrichtsund Erziehungswesen, kann sich sachgemäß nur entwickeln, wenn es aus dem Sachurteil und der Fachtüchtigkeit der einzelnen in diesem Gebiete betätigten Persönlichkeiten hervorgeht und auch verwaltet wird, in völliger Selbstständigkeit verwaltet wird. In diesem Gebiete kann nicht urteilen jeder mündig gewordene Mensch. Daher kann es in diesem Gebiete nicht dasjenige geben, was man demokratische Verfassung und demokratische Verwaltung nennt. Ebenso wenig kann es demokratische Verfassung und demokratische Verwaltung geben im Gebiete des Wirtschaftslebens. Ich möchte da auch heute wiederum auf eine Tatsache aufmerksam machen, die aber verhundertfältigt oder vertausendfältigt werden könnte aus den Erfahrungen des Lebens heraus, auf eine Tatsache, die sich in der neueren Zeit abgespielt hat. So um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und gegen das letzte Drittel zu wurde besonders fällig, möchte ich sagen, die Frage nach der Goldwährung, der eigentlichen Goldwährung. Und man kann da eine sehr interessante Beobachtung machen, wenn man alles dasjenige, was pro und contra Goldwährung so bis zu der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts und gegen das letzte Drittel hin von sehr gescheiten Menschen in Parlamenten, Handelsfirmen, Unternehmervereinigungen, Industrie-Unternehmervereinigungen und sq weiter damals gesprochen worden ist. Ich meine das gar nicht ironisch, wenn ich sage, dass dazumal eine Unsumme von Gescheitheit pro und contra in der Goldwährung aufgebracht worden ist. Und insbesondere spielte eine Schluss-Art dazumal eine große Rolle, und zwar diese, dass man sagte, wenn man wirklich zu dieser einheitlichen Goldwährung komme, dann werde überall sich das Streben nach Freihandel und auch die Verwirklichung des Freihandels geltend machen. Der Freihandel wird endlich seine Triumphe feiern. Man kann sagen, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man das liest, was dazumal vorgebracht worden ist, was dazumal gesprochen worden ist, es ist wirklich gescheit, es ist nicht von dummen Menschen gesagt worden, sondern es ist von außerordentlich klugen Menschen gesagt worden. Aber die Wirklichkeit hat das Gegenteil nachher gleich gesagt. Die Wirklichkeit hat gezeigt, dass überall aus der Goldwährungsbestrebung die Bestrebung nach Schutzzollsystemen, nach Absperrung der einzelnen Landesgrenzen entstanden ist. Das heißt, die gescheitesten Leute, diejenigen Menschen, die also aus ihrer industriellen Gescheitheit heraus das Vernünftigste gesagt haben, die haben sich müssen belehren lassen von der Wirklichkeit, dass eben wirklichkeitsgemäß das Gegenteil hätte gesagt werden müssen! Wie gesagt, ich sage das von der «Gescheitheit» nicht ironisch, sondern ich meine es ganz ernst. Denn diese Tatsache - und sie könnte verhundertfältigt werden - weist uns vieles. Was weist sie uns? Dass auf dem Gebiete der wirtschaftlichen Zusammenhänge der Einzelne überhaupt nicht maßgebend sein kann, dass der nur maßgebend sein kann, wenn sein Urteil zusammenfließt mit dem der ändern, die wiederum auf einem anderen Gebiete des Wirtschaftslebens erfahren sind und sachtiichtig sind, das heißt, dass der Einzelne mit seinem Urteil nur einen Wert hat innerhalb der Assoziation. Und so haben wir zwei Gebiete: das geistige Gebiet auf dem Unterrichts- und Erziehungswesen, das gestellt werden muss in die Kraft der einzelnen menschlichen Individualität, das Wirtschaftsgebiet, das gestellt werden muss in die Kraft der Assoziation, der Assoziation aus dem sachgemäßen Zusammenarbeiten der einzelnen Wirtschaftszweige, der Produktion, der Konsumtion, der Warenzirkulation. Was sich aus alledem ergeben kann an sachgemäßem Zusammenwirken, schon aus dem Urteil heraus in den Assoziationen, daraus muss sich das Wirtschaftsleben gestalten. Sodass wir drei Glieder, nicht Teile, haben; indem man von Dreiteilung des sozialen Organismus sprach, hat man zu vielen Missverständnissen Anlass gegeben; man kann auch nicht vom dreiteiligen Menschen sprechen, man kann nicht den Menschen teilen in Kopf-, Rumpf-, Gliedmaßen- und Stoffwechselmenschen, während er wirklich aus diesen drei Gliedern besteht, der Mensch; so kann man auch nicht von der Dreiteilung des sozialen Organismus sprechen, sondern nur von der Dreigliederung, denn diese drei Glieder sollen nicht dazu da sein, je einzeln ihren Weg zu gehen, gleichsam dass der Kopf, das Zirkulationssystem - das rhythmische -, und das Stoffwechselsystem ihren eigenen Gang gehen können, sondern gerade wegen ihrer relativen Selbstständigkeit arbeiten sie in der ökonomischsten und in der rationellsten Weise auch zusammen. Man kann dann, wenn man Ernst macht mit dieser Dreigliederung, als Demokrat ehrlich sein, denn dann kann man die Demokratie wirklich durchführen auf dem Gebiete, wo sie durchgeführt werden soll, auf staatlich-politischem Gebiete, wo der mündig gewordene Mensch dem mündig gewordenen Menschen gegenübersteht, und wo nur dasjenige entschieden und verwaltet wird, was im Urteil eines mündig gewordenen Menschen liegen kann. Es ist durchaus möglich, ganz im Einzelnen, Konkreten die Gestaltung zu finden, wie man nach dieser Dreigliederung des sozialen Organismus hinzuarbeiten hat. Allerdings, sehen Sie, die Verhältnisse sind schon so unnatürlich geworden in dieser Beziehung, dass man manchmal, auch damals im Frühling 1919, wo die Sachen viel ernster genommen worden sind mit der Dreigliederung als heute, manchmal sonderbare Antworten geben musste. So musste ich in einem Staate antworten, in dem ein sogenanntes Arbeitsministerium eingerichtet wurde, und ich gefragt wurde von dem Arbeitsminister: Ja, wenn nun der soziale Organismus dreigegliedert werden soll, wohin gehöre dann ich eigentlich? - Er meinte als Arbeitsminister. Nun, denkt man ganz konkret die Notwendigkeiten durch, so ist das Arbeitsministerium ein Zwitterding zwischen Wirtschaftsleben und dem politischen Leben drinnen. Deshalb sagte ich dem betreffenden Minister: Ja, bei Ihnen ist es schon leider so, dass Sie mitten auseinandergeschnitten werden müssen. - Wie bei jenem wackeren Schwaben, der sich nicht forcht und den Türken mitten auseinandertranchierte, so hätte auch links und rechts ein halber Arbeitsminister herunterfallen müssen aus unseren unnatürlichen gegenwärtigen Verhältnissen heraus. Aber gerade diese Dinge beweisen ja, wie die Dinge liegen, und wie alles durcheinander, konfundiert ist. Und so muss man sagen: Aus der historischen, geisteswissenschaftlich historischen Beobachtung des Heraufkommens der Demokratie ergab sich die Notwendigkeit der Dreigliederung des sozialen Organismus. Wenn man den ganz radikalen Umschwung, der dann eintrat in dem zweiten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts, beobachtete, dann konnte man auch wissen: Es sind jetzt in einer gewissen Weise die Erfahrungen möglich, die die Menschen dazu bringen könnten, so etwas ernst zu nehmen und zu verstehen. Man kann auch sagen: Es war im Grunde genommen nur die letzte Konsequenz desjenigen, was schon hervorgetreten ist am Ende des achtzehnten Jahrhunderts in dem Appell an Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Dieser Appell an Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, der aus der Französischen Revolution hervorgegangen ist, er ist ja so, dass er jedem unbefangenen Menschen tief ins Herz hineinschneidet, dass er als etwas Selbstverständliches angesehen werden muss, nach dem man zu streben hat. Aber wer ein wenig die kulturpolitische Literatur des neunzehnten Jahrhunderts kennt, der weiß, wie viel vorgebracht worden ist - und auch wiederum nicht von dummen, sondern von ganz gescheiten Menschen - gegen diese drei Ideen der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Lesen Sie nur einmal das außerordentliche mehrbändige Werk des sehr begabten Magyaren [EötvÖs] aus den Fünfzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts, und Sie werden sehen, wie da durchaus in einer feinen philosophischen Art bewiesen wird, dass die Idee der Gleichheit neben [der der] Freiheit absolut unmöglich sich verwirklichen könne, und wiederum die Idee der Brüderlichkeit sich nicht verwirklichen könne neben der Idee der absoluten Gleichheit, und so weiter. Man muss sagen: Das, was da vorgebracht wird, es ist klug. Man sieht zuletzg dass eben diese Ideen im Verlauf der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit wie etwas ganz Berechtigtes aus den Untergründen an die Oberfläche hervorquellen, aber dass man trotzdem noch das ganze neunzehnte Jahrhundert und in das zwan zigste Jahrhundert hinein unter der Suggestion des Einheitsstaates stand. Diese Suggestion des Einheitsstaates war ja so groß, dass man immer mehr und mehr hinarbeitete, insbesondere in Mitteleuropa und auch über Westeuropa, mit Ausnahme von England, immer mehr und mehr hinarbeitete, den Einheitsstaat in Bezug auf seine Agenzien immer intensiver und intensiver zu gestalten. Man stand unter der Suggestion der Allbedeutung des Einheitsstaates, der sich über alles ausdehnen müsse. Und dahinein konnte man dann die Ideen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit nicht unterbringen. Sieht man ein, dass dieser Einheitsstaat nach Dreigliederung drärigt, dann kommt man auch sehr bald darauf: Das Geistesleben drängt nach Freiheit, das staatlich-politische Leben nach Gleichheit aller mündig gewordenen Menschen, und das wirtschaftliche Leben nach wahrer Brüderlichkeit in den Assoziationen, und von da aus dann überhaupt in das ganze Leben hinaus. Sobald man die Idee der Dreigliederung hat, so bald hat man auch das Agens der Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Nun, selbstverständlich, meine sehr verehrten Anwesenden, gab es zahlreiche Menschen, die, indem sie so etwas hörten wie die Dreigliederung des sozialen Organismus, sprachen von Utopie. Aber es ist keine Utopie. Gerade so, wie es zum Schluss hervorgegangen ist aus einer geisteswissenschaftlich-historischen Betrachtung, so ist es auf der ändern Seite hervorgegangen aus einer praktischen Beobachtung des Lebens selber, und es ist einfach nicht wahr, dass es sich bei dieser Dreigliederung handeln würde um so ein Überstülpen über die etwa chaotisch gewordene Menschheit, um so ein Überstülpen einer Idee, sondern es handelt sich darum, dass für den, der diese Dreigliederung des sozialen Organismus begreift, von jedem einzelnen Punkte des Lebens aus diese Dreigliederung in Angriff genommen werden kann. Man kann überall anfangen, und dann, dann fließen zusammen die einzelnen Anfänge schon von selber zum Ganzen. So haben wir ja auf dem Gebiete des geistigen Lebens angefangen mit der Dreigliederung. In unserer Stuttgarter Freien Waldorfschule haben wir zunächst angefangen, da sie ja eben eine Schule ist wie andere auch, aber eben eine Schule, die aus einem wirklich freien Geistesleben heraus geschaffen ist, will ich sie zunächst anführen. Allerdings, es ist heute schwierig durchzudringen, gerade mit Anschauungen über das Schulwesen. In dieser Beziehung erlebt man ja auch Sonderbares. Da habe ich neulich einen Artikel gelesen in einer Zeitschrift, da wird etwas geschimpft über jene «Nationdversammkng», die sich in der Goethe-Schiller-Stadt, in Weimar abgespielt hat nach der sogenannten deutschen Revolution; ich habe selbstverständlich nichts gegen das Schimpfen auf diese Nationalversammlung, denn im Grunde genommen kann man schon sagen: Es ist wirklich kaum irgendein Wort zu stark, um dieses nationale Geschwätz - Parlamentarismus hat ja immer etwas mit Geschwätzvereinigung oder Schwatzhaftigkeit zu tun, nicht wahr, die so besondere Art des Zusammensprechens! -, nun, ich habe nichts dagegen, dieser Nationalversammlung ein gehöriges Bild vorzuhalten. Aber etwas sehr Sonderbares war da gesagt. Da war gesagt, diese Weimarische Nationalversammlung, die habe eigentlich auf allen Dingen des öffentlichen Lebens nur Unheil gestiftet -, mit Ausnahme auf einem einzigen Gebiete, wo sie etwas Brauchbares geliefert hat, das ist nämlich auf dem Gebiete der Schule, durch das Schaffen der sogenannten Grundschule, der sogenannten Einheitsschule und so weiter. Nun, diesem Aufsatz liegt ja nichts anderes zugrunde, als dass es leichter ist, auf den anderen Gebieten des Lebens zu bemerken, was die «Weimarer Nationalversammlung» für Unsinn inauguriert hat, als auf dem Gebiete des Schulwesens, wo jeder eben sehr lange schwatzen kann, bevor man den Unsinn bemerkt. Nun handelte es sich darum, als unsere «Freie Waldorfschule» in Stuttgart begründet wurde, dass tatsächlich das Geistesleben selbst der Grund und Boden sein sollte mit seinen eigenen Erfordernissen, aus dem sich hier Unterricht und Erziehung heraushebt. Gewiss, anthroposophische Geisteswissenschaft ist dasjenige, was die Quelle für Pädagogik und Didaktik der Waldorfschule abgegeben hat. Aus anthroposophischer Geisteswissenschaft heraus habe ich den Seminarkurs gehalten vor der Eröffnung der Waldorfschule für die Lehrer dieser Waldorfschule. Aber nicht etwa wurde diese Wal dorfschule dazu missbraucht, um in einer Weltanschauungs-Schule schon den Kindern dogmatisch Anthroposophie einzuimpfen. Ganz fern davon war die Begründung der Waldorfschule. Bei der Begründung der Waldorfschule handelte es sich darum, anzuwenden eine Pädagogik und Didaktik, innerhalb welcher bis in die Geschicklichkeit der Finger hinein sich anthroposophische Geisteswissenschaft praktisch erweisen kann; aus der Handhabung der Pädagogik und Didaktik und dem, was man tat, wollte man die Früchte zeigen des anthroposophischen Fühlens und Empfindens und Denkens, nicht in dem Einimpfen irgendwelcher Dogmen. Daher wurde geradezu, ich möchte sagen, radikal abgesehen davon, die Waldorfschule zu einer Weltanschauungsschule zu machen. Es wurde daher der ReligionsUnterricht ausgeschieden von den übrigen Lehrfächern. Der religiÖse Unterricht für die katholischen Kinder wurde dem katholischen Pfarrer übertragen, der religiöse Unterricht der evangelischen Kinder dem evangelischen Pfarrer. Und dann ergab sich im Laufe der Schulwirksamkeit, dass eine große Anzahl von Kindern da war, Dissidentenkinder, die gar keinen Unterricht weder den katholischen noch den evangelischen, mitmachten. Was nun mit diesen Kindern tun? Zunächst war ja der Kinderkreis der Waldorfschule heraus aus den Arbeiterkindern der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik; denn von unserm Freunde Emil Molt in Stuttgart ist ja diese Waldorfschule begründet worden, und zunächst waren die Kinder «die Arbeiterkinder», die Kinder der Arbeiter der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik. Nun, da waren sehr viele Eltern, die wollten ihre Kinder in keinen der Religionsunterrichte schicken; aber sie hatten das Bedürfnis, dass die Kinder nicht ohne Religion, ohne hingeführt zu werden in Geistiges, aufwachsen sollen. Und so waren wir genötigt, gerade so neben den übrigen Unterricht hinzustellen eine Art anthroposophischen freien Religions-Unterricht, den wir dann auch pädagogisch-didaktisch ausbauten, und der jetzt als dritter dasteht, gleichberechtigt mit den beiden ändern. Dafür, dass namentlich die evangelischen Religions-Lehrer äußern mussten, sie fürchteten, dass ihnen die Kinder davonlaufen und hi niiberlaufen in den anthroposophischen Religionsunterricht, nicht wahr, dafür können wir ja nichts, dafür sind die Herren selber verantwortlich. Aber wie gesagt, gerade in dieser Behandlung der Religions-Unterrichts-Fragen sollte gezeigt werden, wie die Waldorfschule entfernt davon ist, eine Weltanschauungs-Schule sein zu wollen. Dagegen ist man durch anthroposophische Geisteswissenschaft imstande, sich die Frage zu beantworten: Welches sind die Kräfte, die in dem Kinde, nachdem es heruntergestiegen ist aus der geistigen Welt, physischen Leib angenommen hat, welches sind die Kräfte, die jetzt in dem Kinde besonders tätig sind bis zu dem Lebensjahre, in dem die Zähne wechseln, so um das siebente Lebensjahr herum? Es sind vorzugsweise Imitationskräfte, nachahmende Kräfte, und alles dasjenige, was man in diesem Lebensalter an das Kind heranbringen soll, muss durch ein gewisses Studium dieser kindlichen Nachahmungskräfte erreicht werden. Andere Kräfte treten aus dem Untergrund des kindlichen Gemütes dann um das siebte Jahr auf. Man muss rechnen mit diesen Kräften. Man sieht dann, wie man Lesen, Schreiben und so weiter zu behandeln hat; aus dem, was man ja kannte aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft, wurde eine Pädagogik und Didaktik geformt, eine wirkliche Erziehungskunst, die darauf hinarbeitet, nicht in abstrakter Weise Lesen und Schreiben an die Kinder heranzubringen, sondern so, dass aus einem gewissen künstlerischen Vollmenschentum das Lesen und Schreiben herausgeholt wird. Zwischen dem sechsten, siebten und neunten Jahre ist der Unterricht so, dass man durchaus Rücksicht darauf nimmt, dass an das Kind nichts Abstraktes, nichts herantritt, das den bloßen Kopf, den bloßen Intellekt beschäftigt. Unsere bloßen Zahlen und Buchstabenzeichen beschäftigen nämlich den bloßen Intellekt, wenn man sie nicht herausholt aus der vollen Betätigung des Menschen. Und so musste namentlich auf dieses kindliche Alter in hohem Grade Licht fallen durch anthroposophische Betrachtung der menschlichen Entwicklung. Darauf wurde die entsprechende Pädagogik und Didaktik begründet. Zwischen dem neunten und zehnten Lebensjahre liegt nun für die kindliche Entwicklung ein wichtiger Punkt, der von dem Erziehen den und Lehrenden berücksichtigt werden muss. Da tritt etwas ein, das gewöhnlich gar nicht bemerkt wird. Vorher unterscheidet sich das Kind kaum von seiner Umgebung. Man belehrt es am besten, wenn man möglichst wenig an sein Ich-Gefühl appelliert. Aber zwischen dem neunten und zehnten Lebensjahr, da bricht in das kindliche Gemüt etwas herein, dessen hauptsächlichste Entwicklung nur kurz dauert. Man muss gewachsen sein der Beobachtung desjenigen, was da geschieht in der kindlichen Entwicklung, denn manchmal hängt es von wenigen Tagen ab, dass man die richtigen Worte, den richtigen Zuspruch für das Kind findet, dass man das Richtige richtig heranbringt. Und so handelt es sich darum, dass man in jedem Jahre, in jeder Woche weiß, was die menschliche Natur will. Und so bringt man das Kind hinauf, und wir haben diese Pädagogik und Didaktik ausgebildet, um das Kind hinaufzubringen bis zum 13., 14., 15. Lebensjahr, wo wiederum etwas ganz anderes in der kindlichen Entwicklung auftritt. Dieses Jahr, sehen Sie, vor acht Tagen war ich nun genötigt, in einem Nachkursus vor der Lehrerschaft zu sorgen dafür, dass in der entsprechenden Weise nun unsere sogenannte zehnte Klasse eröffnet werden konnte. Das ist diejenige Klasse, in die die Kinder hineintreten, so durchschnittlich, indem sie eben die Geschlechtsreife erlangt haben, oder wie wir in der anthroposophischen Geisteswissenschaft sagen, in dem Lebensalter, in dem die kindliche Astralität, der astralische Leib, wie wir sagen, der eigentliche geist-seelische Leib geboren wird. Das erfordert eine ganz besondere Vertiefung in dieses wichtige Lebensalter. Und indem wir diese Klasse eröffneten, musste wiederum die pädagogisch-didaktische Maxime gefunden werden, um die Jugend in dieses Lebensalter hineinzuführen. Sehen Sie, man muss in einer gewissen Weise die ganze Schwere des Zeitalters auf der Seele lasten fühlen, wenn man in dieser Art will nun wirklich zeitgemäße Pädagogik und Didaktik praktisch treiben. Denn man hat es ja gesehen: In den letzten Jahrzehnten - ich möchte sagen, es ist eine internationale Angelegenheit - ist heraufgekommen die sogenannte Jugendbewegung in den mannigfaltigsten Gestalten. Was bedeutete denn diese Jugendbewegung? Die Jugend forderte etwas ganz Neues plötzlich und ist sich bewusst: Das, was sie fordert, können ihr die Alten nicht geben. Der Wandervogeltrieb und so weiter, wie sie alle heißen, sie sind ja den Menschen bekannt geworden. Nun hat diese Jugendbewegung doch deutlich gezeigt: Die Alten waren nicht mehr imstande, die richtige Autorität zu sein der Jugend gegenüber. Die Jugend erwartete nicht mehr dasjenige, was früher von der Jugend gegenüber dem Alter erwartet worden ist und ein furchtbares seelisches Sehnen ging durch die Jugend. Ich möchte sagen: In diesem seelischen Sehnen, so irrtumsreich, so nebulos es in gewisser Beziehung war, drückt sich ganz klar aus der Ruf nach einer neuen Pädagogik und Didaktik. Man braucht gar nicht zu [sehen], ob irgendetwas, was mit einer solchen elementaren Kraft aus den Untergründen des Lebens heraufkommt, ob das nun mehr oder weniger richtig oder falsch ist, sondern man braucht es nur anzusehen in seiner Tatsächlichkeit, dann kann es einem schon dies oder jenes beweisen. Insbesondere wer dann gesehen hat die neueste Phase dieser Jugendbewegungen, die erst in den letzten Jahren zum Vorschein gekommen ist, der muss sich dieses sagen: Diese Jugendbewegung äußerte sich ja zuerst so, dass aus dem nebulosen chaotischen Drängen der Anschluss des einen an den anderen hervorgegangen ist. Ich möchte sagen - in Rudeln, in Cliquen lebte sich das Jugendliche aus. Da trat plötzlich eine merkwürdige Wendung ein, erst in den letzten Jahren und gerade bei den besten Zugehörigen zu dieser Jugendbewegung trat eine kolossale Wendung ein. Man bekam es satt, dieses Anschließen des einen an den ändern in kleinen Cliquen. Und diejenigen, die früher förmlich den Drang gehabt haben, sich anzuschließen der eine an den ändern, bekamen eine Art Ekel vor dem Zusammensein. Ein gewisses Eremitentum machte sich geltend, jugendliches Eremitentum. Sie schlossen sich ab, sie kapselten sich ein, die jungen Leute. Ein vollständiger Umschwung hat stattgefunden. Wiederum tief bezeichnend ist das. Und wiederum ist es nicht etwa eine mitteleuropäische, sondern eine internationale Angelegenheit, die heute alle möglichen Jugendkreise der zivilisierten Welt ergriffen hat. Es handelt sich schon darum, dass heute die Notwendigkeit vorhanden ist, für geistiges Leben aus dem tiefsten Untergrund des gesamten Lebens heraus zu sorgen. So etwas sollte durch die Freie Waldorfschule in Stuttgart, die, möchte ich sagen, eben einmal auch aus den sozialen Verhältnissen heraus entstand, geschaffen werden. Alles Schwafeln von der Einheitsschule aus allen möglichen Rankünen und Antipathien und Sympathien heraus verliert sich natürlich sofort an das Sachliche, wenn man aus der Natur des Menschen heraus unterrichtet und erzieht. Da werden ja selbstverständlich die Menschen einheitlich unterrichtet und erzogen. Aber sachgemäß wird die Sache ins Leben gerufen, nicht aus politischen Anträgen oder Antipathien und Rankünen und Räsonnements heraus. Davon hängt die gedeihliche Fortentwicklung der Menschheit ab, dass aus Sachlichem heraus das Sachliche gegründet werde. Aber um so etwas zu verwirklichen, um nun wirklich die Lehrer zu haben, die in einer solchen Weise mit einer solchen Pädagogik und Didaktik an die Jugend herankommen können, dazu brauchen Sie das freie Geistesleben, denn Sie müssen die volle Kraft der Lehrer einsetzen können. Meine sehr verehrten Anwesenden, gar mancher hat lange gedacht, insbesondere in den Zeiten der liberalen Ideen, in denen die Freiheit in so großartiger Weise untergegangen ist, gar mancher hat gedacht: Man braucht Programme, man braucht zusammenfassende Ideen. Man hat auch viele Programme ausersonnen über die beste Art, zu unterrichten, namentlich über die Lehrpläne. Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn Sie fünf, sechs, zwölf gar nicht besonders gescheite Leute zusammensetzen - verzeihen Sie diese etwas zarte oder unzarte Anspielung -, wenn sich so und so viele Leute zusammensetzen und ihren abstrakten Verstand spielen lassen, dann bekommen sie die idealsten Programme heraus, alles vollkommen; Paragraf I, der Lehrer hat dies in der Klasse zu lehren, Paragraf II, der Lehrer hat die Schüler so und so zu behandeln, Paragraf III, das oder jenes hat zu geschehen. Für das achte Jahr hat das zu geschehen und so weiter. In der größten Vollkommenheit, Paragraf I bis x, kann alles so hingestellt werden, und man kann geradezu ein ideales Programm herausbekommen, bei mittlerer intel lektueller Veranlagung der zwölf Leute, die sich da zusammengesetzt haben. Um irgendetwas festzulegen in abstracto, ist gar nicht besonders viel notwendig. Nur weil die Leute schon einmal den Drang haben, nicht einig zu sein, so haben wir nicht eines, sondern viele Programme erhalten. Es schwirren nur so die Programme und die Gescheitheit durch die Welt. Wann hätten denn mehr die Programme und die Gescheitheit - wobei auch das Wort «Gescheitheit» nicht einmal ironisch gebraucht ist - durch die Welt geschwirrt, als gerade just im neunzehnten Jahrhundert. Aber sehen Sie, auf das kommt es ja nicht an, sondern auf dasjenige kommt es an, was in der Wirklichkeit geschieht. Es kommt auf das echte, praktische Leben an. Nun, wir sind ja allerdings allmählich in merkwürdige Gebiete der Abstraktion hineingekommen. Die Leute denken ja heute sogar in der Theorie über ganz sonderbare Theorien. Sie denken zum Beispiel nach darüber, wenn sie mit gewöhnlicher Geschwindigkeit fahren von einem Orte A zum Orte B, wenn an dem Orte A eine Kanone losgelassen wird, und an dem Orte B eine Kanone losgelassen, nachher abgeschossen wird, so hören sie die später abgeschossene Kanone später als die früher abgeschossene. Wenn sie aber immer schneller sich bewegen, so verändert sich die Zwischenzeit; und dann rechnen sie sich aus, wenn sie sich mit gewöhnlicher Schallgeschwindigkeit bewegen, so hören sie sogar die eine Kanone, die später abgeschossen wird, gleichzeitig. Und wenn sie sich schneller als der Schall bewegen, dann hören sie die später abgeschossene Kanone sogar früher als die früher abgeschossene! Nun, sehen Sie, das mag sich theoretisch ganz richtig ausnehmen, man hat gar nichts einzuwenden dagegen. Nur derjenige, der im geisteswissenschaftlichen Sinne denkt, wirklichkeitsgemäß denkt, nicht nur logisch, der hat etwas einzuwenden, denn das ist nur die eine Seite, zur Wahrheit zu kommen, und der will wirklichkeitsgemäß denken, und dann muss er sich vorstellen auch, wie ein solcher Mensch aussehen würde, der sich nun schneller bewegen würde als der Schall. Der Einstein hat ja sogar ausgerechnet, wie eine Uhr aussieht, wenn sie mit Lichtgeschwindigkeit hinausfliegt ins All und wieder zurückkommt. Theoretisch lässt sich das alles machen, selbstverständlich ist das theoretisch alles richtig. Es ist das viel bewundert worden. Aber man soll sich nur vorstellen, wie die Uhr aussieht, wenn sie wieder zurückkommt, oder wie ein Mensch aussieht, der mit Schallgeschwindigkeit sich weiterbewegt! Das eine wäre sicher, man könnte da nicht über die Verschiedenheiten in der Schallgeschwindigkeit urteilen, denn der Mensch müsste ja selber Schall werden. Das würde einen eben darauf führen, dass man nicht anders kann mit seinem Denken, als dass einem überall die konkrete Wirklichkeit hineinfließt in seine Seele, nicht die abstrakte Theorie. Dann erst ist man auf dem wirklichen Wege zur Wahrheit. Dann aber sieht man auch ein: Ganz schöne Programme könnten ein Dutzend Menschen ausarbeiten. Aber ein Dutzend Lehrer kann eben nur dasjenige verwirklichen, was in der Kraft dieser Lehrer liegt. Und die schönsten Ideale haben gar keinen Wert gegenüber demjenigen, was real in den Menschen lebt. Daher muss aus der Realität der Menschen hervorgeholt werden dasjenige, was erreicht werden soll. Man muss einfach aus den einzelnen Individualitäten der Lehrer heraus diese Schulrepublik schaffen, muss nicht mehr wollen, als die Lehrer leisten können, die man gerade an ihren Platz stellen kann. Man muss mit den konkreten Lehrern rechnen, und das Schulprogramm ergibt sich aus dieser konkreten Lehrerschaft heraus. Das aber ist nur möglich bei einem freien Geistesleben, bei einem solchen Geistesleben, wie es angestrebt wird für den dreigliedrigen sozialen Organismus, wo tatsächlich der einzelne Mensch der geistigen Welt unmittelbar gegenübersteht, sich verantwortlich weiß für dasjenige, was er auf dem Gebiete des Geisteslebens zu leisten hat, verantwortlich weiß unmittelbar der geistigen Welt, nicht dem Schulrat, oder durch seine Hilfe dem Unterrichtsminister und so weiter, sondern unmittelbar den Mächten der geistigen Welt. Denn so entfalten ein Unterrichtsund Erziehungswesen, wie ich es eben auseinandergesetzt habe, ist nur möglich, wenn man nicht ein abstraktes, ein intellektuelles Geistesleben bloß hat, sondern ein wirkliches Geistesleben, wenn der Geist es selber ist, der durch die Taten der Menschen real auf der Erde waltet, wenn man an den lebendigen Geist appelliert, nicht bloß an Begriffe und Ideen, nicht bloß an das Intellektuelle und Intellektive. Das aber können Sie nur hervorholen, herausbringen, dieses lebendige Geistesleben, diesen wirksamen Geist, aus den einzelnen menschlichen Individualitäten selber. Wenn von dem Lehrer der untersten Volksschulklasse bis hinauf zu dem Lehrer des höchsten Schulwesens ein jeder eingegliedert ist in den selbstständigen geistigen Organismus, sodass jeder nur selber sich folgen kann, und so viel Unterricht nur zu leisten hat, dass ihm noch übrig bleibt, Verwaltungsaufgaben zu leisten, sodass alles, was verwaltet wird, verwaltet wird von denjenigen, die nun - nicht etwa, nachdem sie pensioniert sind, oder herausgeholt sind aus dem Schulwesen -, die noch lehrend sind, die wirklich noch lehren, Verwaltung des Schulwesens ist, zugleich Sache derjenigen ist, die im lebendigen Lehren drinnenstehen. Autorität würde da nicht sein, sagt man. Nein, gerade da würde die richtige Autorität des geistigen Lebens sein, nämlich die selbstverständliche Autorität. Auf keinem Gebiete darf sich eine andere Autorität ergeben als diejenige, die sich ganz von selbst ergibt. Ich möchte wissen, wie nicht Autorität da sein sollte, wenn irgendjemand wirklich den Willen hat, etwas Heilbringendes machen will und weiß, der andere kann ihm einen Rat geben, dann kommt er schon, und dann wird derjenige, der ihm den Rat geben kann, die selbstverständliche Autorität. Mir ist die Aufgabe zugefallen, die Freie Waldorfschule in Stuttgart zu leiten. Jeder Lehrer ist in seiner Klasse sein selbstständiger Herr. Derjenige, der in der Stunde irgendetwas leistet, leistet es aus seinem eigenen Impuls heraus. Noch niemals ist irgendwie die Meinung aufgetaucht, ich hätte irgendjemandem in der Waldorfschule etwas befohlen. Dagegen holt sich jeder in allen möglichen Angelegenheiten Rat, und es ist ein einheitlicher Geist in dieser Waldorfschule. Es ist die ganz selbstverständliche Autorität da. Und man konnte sie wachsen sehen, diese selbstverständliche Autorität, auf dem Geist der Waldorfschule in den letzten zwei Jahren, seit diese Waldorfschule besteht. Man konnte in dieser Schule, die vor zwei Jahren begonnen wurde mit nicht ganz 200 Kindern, die jetzt über 500 Kinder hat, der man neuerlich Schwierigkeiten macht, weil man ihr nicht die Klassen vergrößern will, die unteren vier Klassen, es sollen nur immer so viele Kinder aufgenommen werden, als vor dem Grundschulgesetz schon da waren; in der letzten Zeit stellt sich allerdings heraus, dass sich die Eltern das nicht gefallen lassen werden - nun, [in] dieser Waldorfschule ist ein Ort gegeben, wo man tatsächlich auf einem gewissen Gebiete realisieren kann dasjenige, was man aus dem freien Geistesleben heraus wissen kann. Man macht ja da manchmal seine sonderbaren Erfahrungen, über die ich vielleicht aus leicht begreiflichen Gründen, insofern sie die Erfahrungen im Zusammenwirken, in dem doch sozialen Zusammenwirken, das wir aber nicht in den Unterricht hineinlassen, mit dem behördlichen Leben sich ergeben, über die ich aus leicht begreiflichen Gründen lieber jetzt keine Mitteilungen machen will; aber es ist schon möglich, zu sehen, wie aus dem konkreten Praktischen heraus das Einzelne in Angriff genommen werden kann, was in dieser Dreigliederung des sozialen Organismus liegt, und wie man es nicht zu tun hat mit irgendeiner Utopie. Ebenso kann das gemacht werden auf anderen Gebieten des geistigen Lebens. Und tatsächlich wird anthroposophische Weltanschauung etwas sein, was sich nicht dogmatisch aufdrängen wird, sondern was durch seine Lebensfähigkeit seine Daseinsberechtigung erweisen wird. Denn, meine sehr verehrten Anwesenden, man sollte überhaupt nicht glauben, dass derjenige, der aus solchen Untergründen heraus, aus wirklichkeitsgemäßen Untergründen heraus so etwas hinschreibt wie «Die Kernpunkte der sozialen Frage», dass der an irgendetwas Utopistisches denkt. Davon kann gar nicht die Rede sein, nicht einmal in der Wahl der Ausdrücke: Dreigliederung des sozialen Organismus. Ich habe es immer wiederum in den letzten Jahren, als mir viele Leute die Dreigliederung zu einer Sektensache gemacht haben, was sie natürlich von mir ganz gewiss nicht gedacht war, ich habe es insbesondere in Deutschland immer wieder erleben müssen, dass gefragt worden ist: Wie hat man das zu organisieren? Wie das, wie jenes? Es ist schon wirklich recht schlimm, wenn einem auch noch in der Nachkriegszeit «organisieren» immer entgegentritt, und insbesondere, wenn einer dasjenige, was er gern verwirklicht sehen möchte, Organismus nenng wenn man da noch hört die Worte: organisieren, organisieren; organisieren tut man da, wo Mechanisches ist; ein Organismus ist ja eben dazu da, dass man ihn nicht organisieren kann. Man kann das Organische nicht organisieren. Das muss sich als ein Organismus ausnehmen. Wo man etwas organisieren will, muss man nur das [Anorganische] vorliegend haben. Man kann nicht einen Organismus organisieren. Den muss man werden lassen. Man kann dabei das gründlich Missverstandene der Dinge sehen, wenn solche Dinge auftreten. Und so liegt denn auch dieser Dreigliederung des sozialen Organismus durchaus zugrunde die angestrebte Tatsache, dass sich die Dinge bilden müssen, dass man nur die Bildekräfte zu entwickeln hat, dass der dreigliedrige soziale Organismus eben entstehen muss. Deshalb kann man ihn nicht abstrakt beschreiben. Gerade diejenigen, die von Utopie gesprochen haben, mÖchten eigentlich immer gerne Utopien haben. Man kann dann, wenn von solchen Dingen gesprochen wird, es hören, dass man gefragt wird, nun ja: Wie wird dann im dreigliedrigen sozialen Organismus der Besitz einer Nähmaschine sich ausnehmen? Was ja hier einmal an diesem Orte gefragt worden ist, und so weiter. Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ein freies Geistesleben ist aber nur unter der Voraussetzung eines wirklichen Geisteslebens möglich. Es wurde mir in einer schweizerischen Stadt einmal, als ich über solche Dinge sprach, von einem Universitätslehrer erwidert: Ja, aber wir haben doch schon die Freiheit des Geisteslebens, denn in allen Staatsverfassungen steht: Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei. - Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, da handelt es sich doch darum, dass die Wissenschaft, die frei ist, frei sein soll, erst als eine freie da ist. Wenn die Wissenschaft von vorneherein so aufwächst, dass Leute ausgebildet werden, die für dieses oder jenes Amt taugen, denen aufgeprägt wird das Programm ihres Amtes, dann können Sie ruhig verfügen, die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei. Wenn die Wissenschaft selber versklavt ist, dann fühlt sich natürlich die versklavte Wissenschaft sehr frei, wenn sie sich als Sklave entfalten darf. Und so wurde einem vielfach erwidert: In dem oder in jenem Lande, da redet der Staat ja gar nicht hinein in die Schule. Das ist schon am schlimmsten, wenn man das sagt, denn dann merkt man es gar nicht mehr, und das ist dann viel schlechter, als wenn man's merkt und sich dagegen auflehnt, als wenn man es gar nicht einmal mehr merkt, wie hineinfließt dasjenige, was nur aus den staatlichen Prinzipien heraus ist, die ohne Sach- und Fachkenntnis aus dem unrichtigen Demokratischen entspringen, wenn man das gar nicht mehr merkt, was aus den Fähigkeiten ersprießen soll, für jede neue Generation neu, was noch der Mensch hereinbringt stets aus der geistigen Welt, indem er durch die Geburt ins physische Dasein tritt. Wir brauchen einfach eine Erzieher- und Lehrerschaft, die mit heiliger Ehrfurcht steht vor dem Kinde, und die sich sagt: In dem Kinde ist mir hereingeschickt etwas aus der geistigen Welt, was ich als ein Rätsel zu ergründen und zu lösen habe. Ich habe mich zu erkundigen, was sie aus der geistigen Welt ihm für einen Brief mitgegeben haben. Die Kenntnis der geistigen Welt muss leben im Unterrichten und im Erziehen; diese geistige Welt muss real sein im Unterrichten und im Erziehen. Wenn man tyrannisiert durch dasjenige, was schon da ist, durch die lebende Generation diejenige, die nachkommt, dann wird das Geistesleben unfrei gemacht. Und es ist zum großen Teil die Unterrichts- und Erziehungsfrage im freien Geistesleben eine Lehrerfrage, die Frage, die Möglichkeit, die richtigen Lehrer zu finden, diejenigen, die so stehen vor den heranwachsenden Kindern, wie ich es jetzt eben charakterisiert habe. Meine sehr verehrten Anwesenden, ich wollte mit ein paar Strichen, die ja natürlich immer nur fragmentarisch bleiben müssen, hinweisen darauf, wie in dem dreigliedrigen sozialen Organismus das freie Geistesleben zu denken ist. Heute, sagte ich im Eingänge meiner Worte, stehen wir eigentlich einer ändern Zeit gegenüber als im Frühling, im Frühjahr 1919. Dazumal konnte man glauben, dass wirklich sich eine genügend große Anzahl von Menschen für die Verwirklichung der Dreigliederungsidee finden wird. Heute würde man unzeitgemäß denken, wenn man denselben Glauben hätte wie dazumal. Auch Dreigliederung darf nichts Sektiererisches werden, wovon man glauben kann, dass man es immer und überall vertreten kann theoretisch als seine Meinung. Heute ist ganz klar zu sehen, mit so schwerem Herzen man das auch bekennen muss, dass innerhalb der europäischen Zivilisation zunächst die eigentlich wirtschaften den Leute keinen Sinn für Fortschritt haben, keinen Einblick in die wirklichen Bedürfnisse, dass man tauben Ohren predigt, wenn man ins Wirtschaftsleben hineinwirken will mit vernünftigen Grundlagen. Heute ist ohne Weiteres klar, dass man zwar einzelne produktive Beispiele, wie wir es versucht haben im «Kommenden Tag», im «Futurum», vor die Welt hinstellen kann, sie werden als einzelne weiße Raben bestehen, sie werden ja achtgeben, dass sie bestehen können, und sie werden die Erwartungen, die auf sie gesetzt werden, jedenfalls als Einzelne erfüllen. Aber davon kann heute nicht die Rede sein, dass man auf eine Einsicht stößt im allgemeinen wirtschaftlichen Leben, um mit solchen Dingen tatsächlich solche Ideen erfassen zu kÖnnen, wie man noch glauben konnte in dem ersten Drang der Menschheitserfahrungen und Ergebnisse im Jahre 1919. Die Menschen haben sich mittlerweile daran gewöhnt, die alten niedergehenden Kräfte weiterzuleimen. Niedergehende Kräfte sind sie ja deshalb doch, und der Zusammenbruch kommt doch. Man hat sich nur entschlossen, den Zusammenbruch etwas zu leimen, alles laufen zu lassen, damit man nicht nötig hat, die Kraft aufwenden zu müssen, zu neuen Ideen vorzuschreiten. Und die Menschheit schläft ja zum großen Teile und bemerkt nicht wie die Niedergangskräfte eigentlich wüten, und wie mit jedem Vierteljahr näher die zivilisierte Menschheit diesem Niedergänge ist. Die Menschen gehen eben viel lieber den Konvulsionen, den furchtbaren Erschütterungen, die im Schoße der Gegenwart für die Zukunft liegen, entgegen, wenn sie sich [nicht] dafür [erwärmen] kÖnnen, in der unmittelbaren Gegenwart zu [greifen] zu Ideen, die allerdings aus der Wirklichkeit heraus sachgemäß in ruhiger Entwicklung herausholen könnten dasjenige, was in der Zukunft dennoch gebraucht wird. Und so kann man sagen: Auf das Wirtschaftsleben ist heute wenig Hoffnung zu setzen. Das wird gezwungen werden müssen, die neuen Ideen aufzunehmen, durch die eigene Not, durch die Wirkung der Niedergangskräfte. Im geistigen Leben aber müssen wir unbedingt tätig sein, das freie Geistesleben als ein Glied des dreigliedrigen Organismus auszubilden. Das ist dasjenige, was nicht erlahmen darf, was unbedingt gepflegt werden muss, denn die Zeit, in der wir leben, ist geistig ja so, dass die Menschen in ihren Seelen immer leerer und leerer werden, immer mehr und mehr veröden. Sie sind zu bequem, um sich das heute noch selber zu gestehen; aber wir gehen furchtbaren Zeiten entgegen in Bezug auf die Seelenverfassung der Menschen, die sich schon ausleben werden, auch im physischen Befinden. Ich habe davon öfter gesprochen, auch in öffentlichen Vorträgen schon. Das geistige Leben, das muss uns hinüberretten bis in diejenigen Zeiten, in denen auch wiederum auf wirtschaftlichem Boden etwas eingesehen wird von Vernünftigen. Notwendig hat man, dass dieses Geistesleben in seiner Freiheit überall da gepflegt wird, wo es nur gepflegt werden kann. Anthroposophischer Boden ist der denkbar beste Boden dazu, denn dann muss aus völliger Freiheit heraus gearbeitet werden. Denn dasjenige, was erarbeitet werden muss, ist ja noch nicht da. Und da es Geist ist, kann es nur aus der Freiheit heraus [er]arbeitet werden. Und daher wird gerade für die allernächste Zeit anthroposophisches Streben und wahrhaftiges soziales Streben immer mehr zusammenfallen. Und vor die Seelen wird man sich hinstellen müssen, dass das Wirtschaftliche erst nachhinken wird, dass das Geistige heute einfach vorangehen muss. Das zeigen ja auch die Qualitäten unserer Gegner; in Mitteleuropa macht sich jetzt eine sonderbare Gegnerschaft, die gut organisiert ist, geltend. Diese gut organisierte Gegnerschaft hat es bei meinem letzten Vortrag in Stuttgart, den ich am 25. Mai gegen diese Gegnerschaft hatte halten müssen - es sind mir immer Vorträge, die sich mit der Gegnerschaft befassen, besonders antipathisch, aber er war mir aufgenötigt worden -, diese Gegnerschaft hat sich bis zu dem Grade bereits durchgearbeitet, dass dazumal eigentlich auf gedruckten Zetteln, die an alle Menschen dieses vollbesetzten grÖßten Stuttgarter Saales verteilt worden sind, Zettel, auf denen nicht bloß in Anspielungen, sondern ziemlich deutlich stand, dass eigentlich ich daran schuld war, dass die Marneschlacht verloren worden ist 1914, und dass der Minister Simons in England schlecht abgeschnitten hat in der letzten Zeit. Es war nicht bloß etwa in Anspielungen, sondern es war in ganz grobklotziger Weise das auf verteilten Zetteln! Man konnte sehen, wie es hier steht bei weit ausgedehnten Partei en, die sich nicht gestehen wollen, was eigentlich geschehen ist, die Sündenböcke brauchen, welfs nicht mehr zieht, dass man sagt, der Dolchstoß von hinten, mit dem man zudecken wollte zuerst einen wirklich ganz eminent verlorenen Krieg, einen Krieg, der nach allen Regeln der Kunst verloren ist, das wollte man zudecken durch den «Dolchstob von hinten; jetzt wollte man zudecken die absolute Unfähigkeit, die jemals ein Heer geführt hat, des Ludendorffismus, die will man zudecken. Man will heute durchaus unfähigste Menschen zu großen Genies machen. Ein durchlogenes Geistesleben ist eben ein Geistesleben, das im Niedergänge begriffen ist. Und nicht anders sieht es im Westen aus, nicht anders sieht es in Amerika aus. Es tritt alles da etwas schärfer hervor, wo eben die Niederlage die Sachen schärfer hervortreten lässt. Überall haben wir nÖtig, aus der Korruption der Menschheit, die in Lüge und Unwahrhaftigkeit heute erstickt, hervorzuholen ein wirkliches, ein wahres, ein freies Geistesleben. Denn dieses ist identisch mit der Wahrheit, und dieses ist identisch zu gleicher Zeit mit einem wirklichkeitsgemäßen Streben. Deshalb darf man doch glauben, wenn auch heute wenig Aussicht vorhanden ist, dass sich eine genügend große Anzahl der Menschen erwärmen kann für ein volles Verständnis der Dreigliederungsidee. Derjenige, der den nötigen Enthusiasmus und den nötigen Mut für ein freies Geistesleben aufbringen kann, der hilft dem dreigliedrigen sozialen Organismus auf die Beine. Dann wird ein wirkliches freies Geistesleben Realität. Wird es Realität in den Herzen, in den Kräften, in den Handlungsweisen der Menschen, dann folgt ganz gewiss aus einem solchen wahren freien Geistesleben der dreigliedrige soziale Organismus aus der Notwendigkeit, aus der Not der Zeit von selber nach. (Lebhafter Beifall!) Diskussion Frage: Wie kann jeder gewöhnliche Mensch, der ganz ohne Einfluss ist auf öffentliche Einrichtungen, arbeiten im Sinne der Dreigliederung? Rudolf Steiner: Die Frage, die hier zunächst gestellt ist lautet: Wie kann jeder gewöhnliche Mensch, der ganz ohne Einfluss auf Öffentliche Einrichtungen ist, arbeiten im Sinne der Dreigliederung? - Nun, erstens ist es mir nicht recht anschaulich, wie jemand ohne Einfluss auf öffentliche Einrichtungen sein kann. Wenn er nicht gerade im Gefängnis ist, oder auf eine andere 'Weise an einem Orte, an dem er sich kaum bewegen kann, so ist er eigentlich immer von einem gewissen Einfluss auf öffentliche Einrichtungen. Es sorgt ja schon die äußere Welt dafür, dass man niemals ganz ohne Einfluss auf öffentliche Einrichtungen isj man muss Steuern bezahlen und so weiter, man hat also immer irgendwelchen Einfluss auf öffentliche Einrichtungen. Es kann also eigentlich gar nicht so die Frage gestellt werden. Dann aber, wenn vielleicht gemeint ist: Wie kann man im Sinne der Dreigliederung wirken?, wenn man vielleicht nicht die Gelegenheit hat, zu reden, irgendwie frei zu reden, wenn man nicht die Gelegenheit hat, sagen wir, Parlamentarier zu sein oder etwas Ähnliches, wie kann man im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organismus wirken? Dann muss man sagen: Nun, dieser Impuls zur Dreigliederung ist eben etwas ganz Konkretes. Und deshalb kann man eigentlich auch nur in konkreten Beispielen über die Sache reden. Sehen Sie, ich will zum Beispiel Folgendes sagen. Es bestehen Einrichtungen überall im Sinne der Verstaatlichung, partieller oder mehr oder weniger weitgehender Verstaatlichung - sagen wir, der Medizinal-Angelegenheiten, des Kurierens. Nun, es ist immer wieder und wiederum vorgekommen, dass gute - ihrer eigenen Meinung nach «gute» Bekenner unserer Anschauung kommen und sagen, sie möchten dies oder jenes Heilmittel haben und so weiter! Also sie möchten einen eigentlich veranlassen zur Kurpfuscherei, und zum Verstoßen gegen das Gesetz! Dazu wären sie immer zu gewinnen, die Leute! Sie brauchen gar nicht irgendwie Einfluss auf öffentliche Einrichtungen zu haben, aber wenn ihnen irgendetwas fehlt, dann erkennen sie nicht an - vielleicht mit mehr oder weniger Recht - den staatlich anerkannten Arzt und möchten irgendwie von hinten herum kurieren. Ich habe sogar schon Minister kennengelernt, die im öffentlichen Parlament aufgetreten sind gegen die Kurpfuscherei und für den Schutz des Ärztestandes durch Gesetz, und hinterher haben sie sich selber in Fällen, wo sie krank geworden sind, oder irgendein anderer, an irgendjemanden, der nicht staatlich anerkannter Arzt ist, gewendet! Die Leute sind furchtbar schwer dafür zu gewinnen, wirklich sich anzuschließen denjenigen Bewegungen, die entsprechen einfach der Herbeiführung solcher Einrichtungen, die notwendig sind, wenn man ein freies Geistesleben haben will, oder überhaupt, wenn man dasjenige haben will, zu dem man sich bekennt! Solche Beispiele ließen sich viele anführen, wo jeder an seinem Platze, indem er sich nicht scheut, überall da, wo es ihm möglich ist, einzutreten gegen dasjenige, was er als schlecht anerkennt. Erkennt man dasjenige, was staatlicher Schutz der Medizin ist, als eine Absurdität an, dann trete man auch dafür ein! Oder, meine sehr verehrten Anwesenden, ist es nicht eine Absurdität, dass da drüben, jenseits der Grenze, über [die] Leopoldshöhe da drüben, dass da eine andere Kunst des Gesundmachens sein muss als da ein paar Schritte herüben? Aber ein Arzt, der drüben approbiert ist, der darf hier nicht helfen. Sie werden, wenn Sie sich ihrer Vernunft hingeben, die Sache sofort als eine Absurdität ansehen. Wenn Sie aber, sagen wir, zum Beispiel Bundesratsmitglied sind, oder etwas Ähnliches, dann sehen Sie diese Absurdität nicht ein! - Und wenn Sie sie einsehen, dann finden Sie es nicht opportun, sie zu vertreten. Aber wenn sich einer zum ändern findet, so stehen zuletzt genügend Menschen da, um wirklich zum Vernünftigen zu kommen. Und statt zu fragen: Wie kann ein gewöhnlicher Mensch, der keinen Anteil hat an öffentlichen Angelegenheiten, sich im Sinne der Dreigliederung betätigen, tue man dasjenige, was man bei jedem Schritt und Tritt des Lebens fortwährend findet um es im Sinne der Dreigliederung auszuführen. Dann wird man sehen, dass man stündlich, jeden Tag findet Gelegenheit, um sich im Sinne der Dreigliederung zu betätigen. Frage: In Holland soll jetzt das Verfassungsverbot der offiziellen katholischen Prozessionen aufgehoben werden, worüber sich die Gemüter sehr aufregen. Wäre dies eigentlich eine Frage des freien Geisteslebens oder auch des öffentlichen Rechtslebens? Rudolf Steiner: Bei manchen Fragen ist es so beim dreigliedrigen sozialen Organismus, obwohl die Idee ganz richtig ist selbstverständlich: Wie kommt es dem Blute der Brust oder des Kopfes zu, bei der Migräne diese oder jene Rolle zu spielen? Das Blut zirkuliert eben, und so kann man nicht sagen, das Blut des Brustorganismus und das Blut des Kopfes, sondern man kann nur vom Blute im Allgemeinen sprechen. Und so wird es auch nicht leicht, die Dinge nun wiederum einzuschachteln. Der dreigliedrige soziale Organismus zeigt sich gerade darin, dass sich die Dinge nicht einschachteln lassen. Man erlebt dabei allerdings ganz sonderbare Dinge. Nicht wahr, ich habe ja in den letzten Jahren immer sprechen müssen von dem dreigliedrigen menschlichen Organismus, dem Sinnesorganismus, dem rhythmischen Organismus und dem Stoffwechsel-GIiedmaßen-Organismus, und es ist ja in den letzten Jahren schon manches von mir selbst und unseren medizinisch naturwissenschaftlichen Freunden aus getan worden, um diese Idee von dem dreigliedrigen Menschen auszubauen. Aber neulich ist ein Buch geschrieben worden, Kurt Leese, glaube ich, heißt der Betreffende. Der hat nun, weil ich gesagt habe, man soll nicht die Dinge so schachtelförmig nebeneinander fügen, sondern der ganze Mensch ist Kopf, trotzdem der Mensch hauptsächlich im Kopfe Kopf ist, ist der ganze Mensch Kopf. Die Dinge gehen ineinander. Auch der Kopf ist wieder versorgt und abhängig von den Gliedmaßen. Die Dinge gehen alle ineinander. Das kann der Kurt Leese nicht mehr denken. Er kann von drei nur denken, wenn es hübsch nebeneinander ist, aber er kann es nicht denken, wenn's ineinandergeht. Da sagt er: Es ist eine schockierende Idee. Aber man wird sich schon gewöhnen müssen auch beim dreigliedrigen sozialen Organismus an solche Schocks, [die man bekommt], wenn man ausdenken soll heute durch die Wirkung der Abstraktlinge, wie eine Uhr ausschaut, wenn sie mit Sonnenlicht-Geschwindigkeit fortfliegt und nach Jahren wiederum zurückkommt, das geht aus den verschiedensten Gründen schwer [nachzuschauen], erstens wegen der Beschaffenheit der Uhr, zweitens wegen demjenigen Menschen, der dann, [wenn] die Uhr zurückkommt, wiederum nachschauen [müsste] und so weiter. Also durch solche Ideen der Abstraktlinge wird die Gegenwart durchaus nicht schockiert. Aber schockiert wird sie, wenn etwas Wirklichkeitsgemäßes vor sie hingestellt wird. Also es ist schon notwendig, die Dinge nicht so zu pressen, dass man nun frägt: Ist das nun eine Sache des freien Geisteslebens oder des Rechtslebens? Man kann sagen: Beginnt man einmal damit, irgendwelche Äußerungen, Offenbarungen des Geisteslebens überhaupt zu verbieten, gesetzliche Bestimmungen darüber aufzustellen, dann ist man auf einer abschüssigen Bahn in Bezug auf das Geistesleben. Sagen muss ich schon, sehen Sie, mit Bezug auf diejenigen Institutionen auch sagen, über die ich Ihnen einmal hier - denjenigen, die da gewesen sind - ein eigentümliches Dokument gezeigt habe, das Dokument, das als ein Patent einmal 1847, glaube ich, ausgegeben worden ist in der Schweiz, wo es heißt: Es ist durch die Kraft des Allmächtigen gelungen dem tapferen schweizerischen General Dufour, die Jesuiten aus dem Lande auszutreiben. Dann wird das im Weiteren ausgeführt. Es mutet heute in der freien Schweiz etwas sonderbar an, wenn dazumal der Gnade Gottes und der Kraft, die Gott gegeben hat, zugeschrieben wird die Ausrottung der Jesuiten! Aber es ist so erhalten; ich habe das Dokument, weil es so schön ist, fotografieren lassen. Bei Gelegenheit werde ich auch einmal wieder die Fotografie vorzeigen. Es ist immerhin ganz gut, ab und zu ad oculos den Leuten die Sachen vor die Seele zu bringen. Aber auch in Bezug auf den Jesuitismus bin ich nicht dafür, dass er gesetzlich bekämpft wird. Derjenige, der ihn bekämpfen will, soll ihn mit geistigen Waffen bekämpfen. Man soll sich durchaus nicht ersparen die Unbequemlichkeit, mit geistigen Waffen kämpfen zu müssen gegen alles Geistige, nicht dadurch, dass man Gesetze macht. Gesetze kann man machen mit Majoritätsbeschlüssen. Man braucht ja nicht zu sagen, dass die Mehrheit immer Unsinn sei, denn dann würde ja die Realität, die soziale Realität immer Unsinn sein. Nun, wie gesagt, man braucht nicht so weit zu gehen, aber jedenfalls kann man auch nicht sagen, dass die Mehrheit immer Weisheit ist. Und Gesetze kann man eben machen im demokratischen Staatswesen besonders mit Majoritätsbeschluss. Aber gewisse Dinge lassen sich eben einfach nicht durch Majoritätsbeschlüsse machen. Sie müssen sich ausleben. Und so muss sich auch alles dasjenige ausleben, was man als das irrtümliche Geistige anschaut. Daher muss man schon sagen: Es ist eine Sache der Freiheit und nicht des Zwanges, wenn gestrebt wird danach, die verbotenen katholischen Prozessionen wieder einzuführen, die Verbote gegen die katholischen Prozessionen aufzuheben. Man sollte einzig und allein das Heilmittel darinnen suchen, dass, wenn man sie nicht für vernünftig hält, diese Prozessionen, so bringe man den Leuten diese Vernunft bei, dass sie nicht daran teilnehmen; dann hören sie von selber auf! Das ist das einzige Mittel im geistigen Leben, ebenso, wie man dem Menschen guten Geschmack beibringen kann und er von selber das Richtige tut, aber nicht mit Gesetzen dagegen angehen. Das ist dasjenige, was freies Geistesleben durchaus fordern muss. Derjenige, der überhaupt auf geistigem Gebiet zu Gesetzen übergehen muss, der kommt eben auf die Bahn, die ich 1908 einmal bezeichnete in Nürnberg in einem Vortragszyklus, wo ich sagte - nicht wahr, man sagt etwas, was schon bedeutsam ist, indem man starke Tinten aufträgt, aber diese starken Tinten sollen eben gerade adäquat charakterisieren - ich sagte dazumal: Eigentlich strebt ja die heutige Menschheit danach, nicht mehr auf die Straße zu gehen, ohne dass rechts der Arzt und links der Polizeimann geht, der Arzt zum Schutz für die Körperlichkeit, der Polizeimann, nu ja, zum Schutz in der materialistischen Zeit ja auch für die Körperlichkeit! Das ist ja nach und nach das Ideal geworden. Ich habe mancherlei Dinge gehört im Leben, aber immer wiederum musste ich ein wenig innerlich zurückzucken, wenn ich in zunehmender Progression der Häufigkeit immer wiederum hörte gegenüber dem oder jenem: Das sollte man gesetzlich verbieten. Das war eben nach und nach eine furchtbar verbreitcte Redensart geworden - statt sich die Mühe zu geben, den Leuten Geschmack selber beizubringen, damit diese Dinge von selber aufhören -, «gesetzlich verbietem, «Majoritätsbeschluss» oder so etwas müsse gemacht werden. Das ist dasjenige, was schon im Prinzipiellen geltend gemacht werden muss. Daher hebe man alle Verbote gegen Prozessionen und so weiter auf, lasse die Sachen sich ausleben, dann wird sich das Geistesleben auch in der freien Weise ausleben können. Es handelt sich durchaus darum, dass die Dummheit, Torheit, Schlechtigkeit durch die Gescheitheit, durch die Güte besiegt werde, dass das Hässliche durch das Schöne besiegt werde, und dass auf dem Gebiete des Geisteslebens gar nichts «gesetzlich» ausgerottet werde. Frage zur Jugendbewegung: Der Redner führt aus, dass die einzelnen Menschen der Jugendbewegungen Wahrheit und Wirklichkeit erleben wollen und müssen; das Wirtschaftliche scheint ihnen das Gebiet, wo jeder das Mitspracherecht hat, wo jeder lebhaft und tätig werden soll. Später zieht sich oft der Einzelne wieder zurück, um zu sinnen oder einfach weg zu sein von der Gesellschaft. Man komme fast nicht heraus zu einer Lösung. Bald sei es das Wirtschaftliche, das eine Wertmöglichkeit gibt; Erkenntnis des Staatlichen, Politischen existiere nicht für sie, sondern es werde alles bedingt durch das Wirtschaftliche. Einzelne werden von ihrer geistigen Natur abgebracht durch das Wirtschaft[sleben - oder sie ziehen sich zurück in die Einsamkeit]. RudolfSteiner: Im Wesentlichen hat ja der Herr das charakterisiert, was ich schon im Vortrage gesagt habe: die Phänomene der Jugendbewegungen der letzten Jahrzehnte. Aber es wäre doch nicht ganz richtig, wenn man bei diesem Phänomen derJugendbewegung stehen bleiben würde. Ich habe doch schon einiges Verständnis gefunden bei Angehörigen dieser Jugendbewegung dann, wenn von mir angeschlagen worden ist dasjenige, was immerhin in den tieferen Untergründen der ganzen Zeitentwicklung lebt. Ich musste zu manchem Angehörigen der Jugendbewegung, der Sie ja selbst anzugehören, sie genau zu kennen scheinen, sagen: Ja, das Jahr 1899 etwa ist für die gesamte Menschheitsentwicklung, namentlich auch für die abendländische Zivilisationsentwicklung ein außerordentlich Wichtiges, und derjenige, der für so etwas einen Blick haL der weiß, wie grundverschieden diejenigen Menschen sind, die entweder noch ihre Kindheit durchlebt haben, bevor das Jahr 1899 da war, also die ein paar Jahre oder zehn Jahre erst alt waren, oder denjenigen Menschen, die, sagen wir, sogar erst später geboren sind, die also jetzt kaum um die zwanziger Jahre herum sind, und denjenigen Menschen, die schon vor dem Jahre 90 und so weiter geboren sind. Auf dem Grunde der Seelen gingen da ganz wichtige Dinge, ich möchte sagen, aus dem Urquell des Daseins hervor, und das hängt doch zusammen damit, dass mit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts Tore gegen die übersinnliche Welt sich einmal für die abendländische Welt eröffnet haben. Es war nämlich nicht möglich, sagen wir, in den Achtzigerjahren noch, ein anderes Leben zu führen, selbst mit einem mächtigen Drang nach dem geistigen Leben; das Nietzsche-Leben ist etwa jenes Leben, das man darstellen muss als ein solches, das krank geworden ist an dem Niedergang der abendländischen Kultur, weil es das nicht finden konnte, was es suchte: die geistige Grundlage in allem Phänomenalen, in allem Äußerlichen, in allem Sinnlichen. Das Nietzsche-Leben ist deshalb außerordentlich interessant gerade von diesem Gesichtspunkte aus zu studieren. Er beteiligt sich am Schopenhauerismus, wird krank am Schopenhauerismus; er beteiligt sich am Historizismus, wird krank am Historizismus; er beteiligt sich am Wagnertum, wird krank am Wagnertum. Er beteiligt sich am Naturalismus, am Positivismus, wird daran krank. Er beteiligt sich an dem darwinistischen Gestalten zur Idee der Menschheit, wird daran krank und so weiter, und so weiter. Statt der Idee der wiederholten Erdenleben kommt er zu der Idee der Wiederkunft des Gleichen wird daran krank. Nietzsche konnte nicht anders als erkranken an seinem Drang nach der übersinnlichen Welt. Es war eben nicht möglich zu erreichen unmittelbar, elementar am Ende des neunzehnten Jahrhunderts oder vor dem Ablauf des neunzehnten Jahrhunderts. Die Tore haben sich geöffnet, und wir können heute nicht anders, wenn wir überhaupt zu einem innerlich befriedigten Dasein kommen wollen, als uns wenden an die Offenbarungen der geistigen Welt. So von der Natur zu sprechen, wie es eine Berechtigung hatte in den Achtzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts, hat heute keine Berechtigung. Man kann heute hinweisen darauf, wie eine IgnorabimusStrömung da war, wie ein Naturforscher, der Du Bois-Reymond, von Ignorabimus gesprochen hat, wie Ranke, der Historiker, indem er gesucht hat die Geschichte auch darzustellen als Ereignis mit Aus nähme des Christusereignisses; das komme aus den Urgewalten, da gehört Geschichte nicht hin - also Ignorabimus. Heute können wir das alles nicht. Heute steht man davor, dass die übersinnliche Welt herein will, und es ist nur die stumpfe Widerwilligkeit noch, die eben sich stemmt gegen die Annahme einer geistigen Weltanschauung. Und das rumort in der Jugend, das ist doch das Tiefere, das drinnen rumort. Und deshalb mag noch so sehr von einzelnen Mitgliedern der Jugendbewegung gesagt werden, wir wollen nicht das Abstrakte, wir wollen das Gemüthafte -, sie werden noch einsehen müssen: Was Geisteswissenschaft in der Anthroposophie sein will, ist eben nichts Abstraktes, ist das Vollmenschliche, ist das aus dem ganzen Menschen Herauskommende, ist dasjenige, was sich als Kunst und als Religion und als Wissenschaft äußert, und ist dasjenige, derjenige Punkt, auf dem der ganze, volle Mensch zu seiner inneren Auswirkung kommen kann. Und heute kranken wir nur daran, dass die wirtschaftliche Routine nicht den Abschied nehmen will gegenüber der wirtschaftlichen Vernunft und dass wir eben zunächst anfangen, an der Gesundung des Geisteslebens arbeiten müssen, bis die Unvernünftigkeit des Wirtschaftslebens durch die Not eben nachfolgen muss. Und ich bin doch überzeugt, aus der Jugendbewegung wird sich gerade so etwas im richtigen, guten Sinne ergeben, wie ich nicht verzweifle daran, wenn meinetwillen die Leute auch immer wieder sagen, sie können beim Expressionismus nicht unterscheiden eine Windmühle von einem eben aus dem Wasser gezogenen und zum Trocknen aufgehängten Handtuch oder von einem menschlichen Porträt, sagen wir zum Beispiel einen Stiefelabsatz. Gewiss, man kann das manchmal bei den Expressionisten nicht unterscheiden, dennoch aber liegen darinnen überall Ansätze zu etwas, was, wenn es an den verschiedensten Orten, wo es auftaucht, veredelt wird, einmünden wird in dasjenige, worinnen nur führend und leitend und eben aus dem Alkr-Elementarsten heraus arbeitend die Geisteswissenschaft sein will, wie sie hier vertreten wird. Aber allerdings, da erlebt man's ja auch manchmal, dass einem das Konkrete, trotzdem man's so konkret meint, entgegengehalten wird, ich will das nur zum Jux zuletzt sagen. Vorgestern hatte ich vorzutragen in Zürich. Ich sprach mit Lichtbildern über diesen Bau hier. Dann hinterher stand einer auf, der sagte: Ja, wozu braucht man solch einen Bau, wozu braucht man einen Christuskopf und Christus überhaupt, wozu braucht man das heute? Ich bin heute Nachmittag auf der Straße gegangen, da war ein ganz angetrunkener Mensch, dem bin ich nachgegangen, und ich habe mich zu ihm gesellt. Das ist ein Tempel Gottes, das ist ein wirklicher Tempel und wir brauchen nicht gebaute Tempel. - Bei der Gelegenheit habe ich nur bedauert, dass kein befreundeter Geist sich gefunden hat, die richtige Türe zu finden mit dem betreffenden Menschen. Aber es kann ja auch bei den heutigen Unnatürlichkeiten einem begegnen, dass Menschen kommen - die meine ich nicht, die meinen, man solle nicht Tempel bauen, sondern Betrunkenen nachgehen -, sondern die wirklich aus dem Elementaren heraus arbeiten wollen, und die verdienen gewissermaßen, dass man das Geisteswissenschaftliche zu ihrem vollen Verständnisse brinµ denn sie können es verstehen. Denn dieJugendbewegung hängt zusammen mit einem ganz großen Umschwung, der am Ende des neunzehnten Jahrhunderts eingetreten ist und der eigentlich nicht bloß auf geschichtlichen oberflächlichen Kräften, sondern geradezu auf kosmisch-tiefen Kräften beruht. ANHANG Yortragsankündigungen und Eintrittskarten Manuskriptseite Eintragungen in Notizbüchern Zeitungsberichte Chronik zur Dreigliederungsbewegung '9'7-'9" \()RIR\,(.x\\K} \;)l(,[ \(.1 \ 1\jj . " . · ' · . ' ' '. " I kö|h=k f}E|):üa|| I t BERN E f · " .· . · · '· · ' ' ' ·'- - · -. ·· ' ' I Oeffentliche Vortr·äge f YD n ; Dr. Rudolf Steiner Z g am 6. und 7. Februar 1919 2 abends 8 Uhr, im Großratssaal 1 1 VONä9 ?" wirkliche Gestalt der so¢ · 'ialen Fragen, erfasst aus den :· Ybcnsnot wendigkeiten der gegenwärtigen fi , lenschheit. t Die vom Leben getorde rten % ll vorim wirklichkeltsgemässen Lösungsversuche für die sozialen FraRen und NOtr wendigkeitem (814Y) "2454 uo mntrittBk&rten zu F\r. 2.50, 1.50, 50 Chi. im Vorverkauf in der Buchhandlung Francke und Akadem. BuchhandluDg Erlachstrasse md am Saaleingang von 7 Uhr an. . Anzeige für die' \ortrage 1[) Bern ,lt)) I). und ". i'ebru.ir !9V/ /),'rB,·,7,,/, 4.]c|)r,l,\! j')|'), Nt. 51, S.4 Nd öffcMlichc Mdi9c von Dr. Rudolf Steiner Dmentü dea 13. und Freifat den 14. Februar, abeods'8 I'hr m IlCüü Konzertsaal des Slddl·Kashl9/j: Themens · ' 1. Dfe wfrkljche G~uüt der wo>iaien Fr8Kem. verfa$8t 8118 don Leb0nRDotwendikWt(jr, der jzogmwiirtigen Mengchheit, &uf Grund goi«tt+ wi880nRch&ftlicber Unter8uchuDg. ', 2. Die voa Lebeu Kefbrderten wbrkw llehkeSqBgemäMAea LöqonRwv·rmneh0 , für dio Mzi&leD FraRon u. Notwendiqkeiten, guf Gii.ind geiste8wi8ßen8cbuftlicher L0beo8&uffäs8u ng. Zcim Be8uch ktdcit eia P 7156 Q 791..1 Der ,,Verein des Goetheanum, der freien Hod)schu|e für Geisteswissensdiaft" in Dormch. Eintritt Fr. 2.50, 1.20 und 60 CG. Vorverkauf fär die beiden emten Plätze bei Herren Hug & Cie. Anzeiµ: für die Vorträge in Basel am 13. und 14. Februar 1919 Basler Vorwärts, 8. Februar 1919, Nr. 33, S. 5 ' VEREIN DES GOETHEANUI1 Geistesn)issen$d]afuidler Vortrag gon Dr. Rudolf Steiner Donnerstag. den 13. Februar 1919. abends 8 Uhr im neuen Konzertsaal des Stadtkasinos. Thema: Die Mrkjkhe Gestalt der sozIalen f'mqen. erfasst bus _ den LebensnowendWkeiten der men.T&njQen !1ensch· heit. auf Grund eets[esm$$ens±8ftlld)er Untersudiunq. II. Platz No."~ Preis Fr. 1.20 Eintrittskarte für den Vortrag in Basel am 13. Februar 1919 VEREIN DES GOETHEANUM Geistesn)issensdlafui(her vG)rtrag pön Dr. Rudo teiner Freitaq. den 14. r 1919. abends 8 Uhr im neuen K aal des Stadtkasinos. Thema: Die n geforderten wirkli±kewqemWen Lö· — su ehe für die sozia!en l'röeen und Nowendtq· ketten. a" ¢elst=l&$ensdl&ftlicher Lebensau¶assunq. . Preis Fr. 2.50 Eintrittskarte für den Vortrag in Basel am 14. Februar 1919 Die soziale Frage als (Mrtsüiafts-, Redts-u. (ieistesfrage. Vortrag """ von Dr. Rudolf Steiner preima, den 28. Februar, abenn B Llbr m neuen Konzertsaal des Stadl-Kaslnos. Eintritt Fr. 2.50. 1.20 und 60 Cts. Vorverkauf für die beiden er8ten Plätze von Montag den 24. Februar an bei HH. Hug & Cie. p1034q 6esellsdiall des 6oeiheanums, Domadi. Anzeijze für den Vortrag in Basel .im 28. Februar 1919 Basler \'bru'ärts, 24. l'ebru a r I') I'), N r. 4 6. S. 4 VEREIN DES GOETHEANUI1 Die soziale Fi1iqc alsWirtsdiafts·, ReChts- u. Geistesfrage Vortrag oon Dr. Rudolf Steiner Freitag den 28. Februar 1919, abends 8 Uhr im neuen Konzertsaal des Stadtkasinos II. Platz No. '"1"2-2"? Preis Fr. 1.20 Eintrittskarte für den Vortrag in Basel am 28. Februar 1919 ¢111 ?ßt 0 st. cf' t6' eh ii'g ci$ S. !in )d, )1· ier aMllcünl1yh°atiidj¢ *al'tei %il'qfe(ö¢l|. )i 9lu bit 8rdetarier bott ¶liin4em¢em$gl¢ue. ' ludt, Mdeöbeim CDornad), gieh(a4 uiib Ykfdi. b SxraiiS, il)r ?(r6eiter! Erid!eillt in 9)lafjen mit n ¢ucu11 {grmlell mit S[¢it(lO ctÜntN 8 Uljr int Gjoc: ii tSc'anunt (3dmpn¢06¢m) ölm 'Uom'm öci' !Fi.i. t *llÖOit r© tC i n C r. ;' . . Der 2kMtanb ©ci' i06idjel)lo(rAt. 9M°tct '. -9Riilläenßein.. 3er 'Boniam) öcr &1"6ei:¢l'pal1ei gll1ei(jeilll. Mr Boritmtb .bet fod.öejn. ¶kirtei 3outacE. t' # eodialbtm. »wtci ~($1. Shtiö '1Babh 4' I'efnltat »oni 30. 9)läu Nirj m@ in allen %ci· g Anzeige für den Vortrag in Dornach am 4. April 1919 Basler Vorwärts, 4. April 1919, Nr. 80, S. 6 490 9cäci1 . g¢rm11i Il11g. 9r. 9hibolf Eteinet (ejtuttgal't) fprid)t am 9Ilontag, ben 2. Suni, abcnbs 8 Ufjr im G@IIcrjaal bes Wiifeums iibcr: 9¢1 3|11Nls \111 9rcigliümg ÖlS ' jo\idcll 9lgmisllills %11 ,bloßcr 3btdiswüs", loümi üimiltcltcr Mül¢t @röcrüug bes &gcülidis. 3S" Q[nfd)[i¢ß¢nb ®ighuffion. "m mialiftifge Etubentengruppe. Wnfrül 50 'Wb. 'Bomrkcnif bei 5ttiius Ciern, Aedtarffrafie 4 unb bei $rifeur mibunger, bei Der 'Poft 0&e L7angee unb &kmähe, (für Drgclnifiertc ¶rbeiferfcbaft 25 ¶Jfg.; ßoroerhauf im .,Sahnen"). Anzeige für den Vortrag in Tübingen am 2. Juni 1919 Tübinger Chronik, 30. Mai 1919, Nr. 123, S. 6 ,r Nibelungensaal — Rosengarten Montag, delk 28. Juli, abends 7',6 Uhr Vortrag Dr. Rudolf Steiner Freiheit für den Geist. — Gleichheit für das Recht. — Brüderlichkeit für das Wirtschaftsleben. Karton m Mk. 1 und 3n4 -~50 m der Komertkamo Heckej, O % 10 und m der Anzeige für den Vortrag in Mannheim am 28. Juli 1919 Mannheimer Genera/-Anzeiger, 20. Juli 1919, Nr. 340, S. 8 491 'I 1 " Dr. Rudolf Steiner spricht 1 1 In der VolkD·Hook¶okuj0, Großor 8caj du uu!mlknD0üm Oß(NAl}ee 9: . Do»nerMg deo IS. Sentembßr ]019, naohmttoqg 3 Uhr tjh6r SoElDl|$|BejnK[ F'«t^f doß 19. ßuuember ' m ncchmituln 3 Uhr ) ,,DEo DrmnedrmmC 808 M. 'Bcmomeod dem ECk Soptember J91!), uAchmbtt866 J L'br Bj&n6m~" · \ Ko'rtom lCr JditE]M?r 1,50 jL µltt|mb6tNa f BL', für GJüte 3 BL fär dlo j vbrtt䀰/ ? ' Id dm 8ohop0äßaor.ae60ußeb&A O:Upuppo Dmdem " gonn638tj(! don %. 9optomNr Mq, 6Dondß 8 Cbr, Graer mi 4or K6uTmßbDߢl)&h. (JÜ7be AJJ09 91 ,,Md pbnoBoph!gcbe mck¢teru6wmu d AMr0n00phk." Ax»ohL A,ueßprbcb& I ' M!t6!i«jor (jo M. }beltrlbe) oad Hoaodo (8 M. Bei$r66;) hei. (J&8tk&rtea 2 BL am 8ab]uonce. , , \ ' ' :m Fnmenklab Drudom MO, Joh=-Cleoreen-Ajlbe IS, La [1499 ) ' SloDIjt&€ den u. 8eptember 1919, Dkamlmg 4'/, Uhr! nD0r W« Qqkf 9MQ0T0R botmjwug ' ; . wnd dto &etßhren d^ Okkul¢tgmm (8plrltlunm, .\!0diumKhcn uod Q8ms)j Gmt 1 km"ten 2 Id. ßüj Sb8|010[8ng. Z 4 T Anzeige für die Vorträge in Dresden am 18., 19. und 20. September 1919 Dresdner Neueste Nachrichten, 11. oder 18. September 1919, Nr. ? hihi m k. Mill äöii Dionstag, den 25, januar, abend8 8 Uhr im Sing8aal der Madch0nr0a|8chule Talhof. ,Jnwidorn ist dio DräglMorung berufbn, aus dom houtigon Chaos horauszuführon ?" Eiotritt Pr. 1,— zur D6(jku06 der Uokmten. o Fmgt/m] Anzeige fiir den Vortrag in St. Gallen am 25. Januar 1921 S1. Galler 7ägb/att, 24. Januar 1921. Nr. 19/1, S. 4 d7 «O ^ I , I f 1. k km1kr4 'i+u_&N_ ijy Rly +J m ~ a~t0· t.qk'ilA"!l" d" ¥r""""kr' m¢4k'j ~ J ü mt . hj l'c m Alm bc-j414r oü]vnj dAq-vb Jan Knäyü:1µ hj&lkvA dui a44m 7·l·c ·1ä '?'J' 'Ry " rab·{ 1j I M 'q'" /-t "vA '4' d, mj c:m i I Ry cG aw~LU¢mA"µj m 1Y\¢dAc,µ JLw :taUL ll"vuä m wu'Ä¢m b"/-/°"µ+ ' bäh. :bü E07jn4r vC 3~-)WvLLb 1%m4tam ,JL cal~Ata m Ll/¥::p|· "~k4" 22! &dr"rµL'L ¢Le!µ MLJij bdmüuumLtm ?Ul4;mGl f'~ '-it' jLä, m |d w:rul* zm j'·jfp- og1µ cm4t|L'|k —'Lj k)CLu~A m KAtad~rL ujb'ui ~"^t & a-dww 1L'j4äj VujCfum w— dü µ~j~ %';he:1µbj— j'Ä¢ jgekMg i a Lt,m d« 1/c'UL ܵ —I+LJcm µ— - 'm' µ cA' llµ4=1 "W alum^A;U~m Jühurmm·LY /JYt· m^~ "4 vt4 S,AZm j'Äf -^r" ""d' ata r öLur ~a^i|4cLj·ü a4/—'£·¶µ· Im' r4' 4' pl E" = ;,NrN, iij &"ÜV;L'|i"uv'^ LJuA ¢"nopCS c'iw$· ß"t 'a4 ·"-:·SL—/t,.'| . p Iumm¢n|al Gmj'4ju"Gj PbnMjUh, s'lä aL ,tum j"iact,,:n, Acn ('w1~ h"krf'a W '1- 'L !1± µj K'jajo'4q = ¥m·u^ "u/l- m : K~ "L" Z9 j'up, uüm cjU =r4|p v» 'M«vo L.Aul"- 4~~ 'Jkm k m 5<j , ü 'kL4w &b Wj Rcuy dä=ldj IU1wi)m 41 , dä MJbd~ü PLu—u'?Ä{F 'q «' r-ä nÄ^jb-GÄ u~m4m hdUÜ~ üä J~ 'F'"*> r' 1'^ , 'V—J Y1—:'mj a & nu64uµ ·L 'U·du—g "i:' ,k t, ,:,C~ , w-m ·A·4 T4f4u4 Lt— .Al4 n"'u"1µA k-4-j/', V ikj 6Äj 66" Alv J¥^1nA,iw du ~rjkNmLAn :?Q<mqq-t oT~, ju^ :"= =Z == == "U¶Nr lijjuh !~» 4 ':Mru'i' , 4MbQ a4 oLä Üyw"Äj ^e—'-~j~ . - . ... , . . Irste Seite des Autoreferars zum Vortrag in Bern vom 6. Februar 1919 ( kxt siehe S. 15) 493 Eintragungen in Notizbüchern r y i f ;j |1 I i fbä ~ +ca ckc k"{A kr +j aiä A^ u~d~[,bük m q'ru'ur ynuN· L) ljä m Ky'j· % + 'ur1¶baL 'a ,; vaA wü a Eüäu, .Le µiä ,mäl &— ¶Y'ÄNb ¶m4f1L· L) H4 (JA &m aq m~ GL Ml©y"' ujü uä tvbGL1ly H ' w'am µqt m d" M wiwj"¢tij ,u- lt41 T" ¥-Jw^ & ä6 Li [J üL¢nS,4m Lmn6 : L~' ^ cG{ 'ma Yy4m, L) u' i"4 'LJÄ (d N^· '·) » k'ü " & M"" N-q'L'j f 1¶" µ vuiüP ^ 'iÄj)j l' j&j ' p '4 & UMmAyj+ rm UM" µ-um m4 NB 97 [Bern, 6. Februar 1919] Die wirkliche Gemk de' sQziAlen FrAgen erfasst / aus den Lebensnotwendigksü!aLdeLg!Eg~um /MmsdlheiL / i.) Wie die soziale Frage am Ausgangspuncte und / im Verlauf wie ein Faktor da stand, mit dem / man rechnete. / 2.) Nun lastet etwas auf einem Teile Europa's / wie ein tragischer Zug: man steht vor der / Notwendigkeit, ein Urteil zu gewinnen, das / in die Tat übergehen kann = man kann / wol doch kaum zugeben, dass ein solches / Urteil sich zeigt. / 3.) EÜ1!es tritt in der prolet. Bewegung zu Tage: / Sie verleugnet den Gedanken und doch: sie / ist im eminentesten Sinne eine Gedanken= / bewegung. ü G'yrv'¥ ~a S'"-|'c· ." " , 'Jb Lq""""'?! |'M"(' "Q ¶ J¢·M !"ka üe..,t k} . ' "-. — Z KA Jtt LÜUb 1'"'j"""~ j:'j mA ^ i Ja a, ".U'w C\ |öL·u i:j k \4:jL4 ,,lG&.4, I'm WOW Fj '"'°'1" k, ü/, R$Mk wü M=h;-paRQ'w»T" E ;v, Lt'jhLlj .'Ljt + rj4µ' i h k;nt/,}""·-:'C';L '4ä µAL & cu,b Um, W d S. cg au jl':lt· ;La &(,dLk j·d;"' t|ü !r"d'jl'µp" |J"w ,Jg lujj m Mp-'u ' " l/%vl EjÜ$ ,ib .Hy vtvf hc1-jÜ/ m"jp" ! , k 0 ! I 0 I NB 97 [Bern, 6. Februar 1919] Nur derjenige wird gewachsen sein der Zeit, der im / Stande ist, sein Urteil umzuwandeln - / Die ahmn~mm_e sind noch da; aber die Tatsachen / haben sich so gründlich geändert, dass man sich innerhalb / dieser Tatsachen wie mumifiziert ausnimmt - / Das Leben stellt überall neue Forderungen - / Die Kriegskatastrophe ist wie der letzte Akt, in den / die menschlichen Impulse ausgelaufen sind; was / sie zurückgelassen haben, das wird ein neues / Verständnis der Dinge notwendig machen. 495 4°'j 4) jod Kl uÄÄ A m Cj'·.u·t ]·.t,";"j ,' g & R m ')J)J amth.114""' ä Jm m'1{4uLjl n* ja C(tQ\ cb .·t-a k Um 1Ka+ m äü ,L ,3,Lj &4·· 4 iudja"j µu 1j ' & m~ "JJ ] ua 1~ 00 tu4^kdrP " , i S) du cjG4b6 , KIACMkwm"|+" " * dd " A 6;l W'M|üuui1. G "qµ d lj44j dm 2 1/n~l—µµ ~'4' am cb m&64'µj O L,a 14~4A cRu Kcar't·L"F+ W'"d4'f10 M)y'&}· ' g.)ua) uj * (j/üm G^m ü'üq u-jk 'm ukc/"q+ 'r'A± 1r'klr m ß'v~ :J d~ ?vU(LAavij, j,>.hm a vL"j1· 1/üNl-, cAm 4^1(A~ 'jcmZj (·r µj· L 1\Mp b4 Ka~'c tjulu w1J6, ^ ,Ljü wyjm'f j'n k V mipv# ;wj'uä . NB 97 [Bern, 6. Februar 1919] 4.) Doch sie weist auf ganz andere Impulse als / die in den Gedanken ausgesprochenen. / Im Miuelpuncte steht für den, der das / Leben beobachten kann und der mit dem / Proletariat gelebt hat: der proletarische Mensch / mit seinem »Klassenbewußtsein" / 5.) Aber dieses »Klassenbewußtsein" ist doch nur / eine Maskierung. Es ist in Wahrheit das / Menschheitsbewußtsein erwacht an der Maschine / und innerhalb der Kapitalistischen Wirtschafts= / ordnung. / 6.) Und es ist letzten Endes doch nicht der / Wirtschaftsgegensatz zwischen dem Bürgertum / und dem Proletariat, sondern ein Nicht= / verstehen, das andere Grundlagen hat. / Der Bürger sieht Hauptmann's Weber an. / Was er dabei wahrnimmt, ist Sein / Mißverständnis. Pd F -4 Ii 'P." . a W Z g -a 5S 4 4 'i S4 r , n 3 - > k .A "»"· Nk V 7·) i« mA cÄUL Lj,L,( m, oLu w4f~ . ijduäAi = & dem |4&1µ4'kLhvu% 0"/j'"j u"¥4r—UL MjAy{u-7dg y'umq nÄY' i"-! r: Auw ymrjuhÄ^, d'mjüt ( r j'1j· k·' Yü-i8) A Sp) Dicfu hj'hm ij AU jfo3·Kn4{| vü'L""", l/a itä |cmäv^ 1'Abm^u^ "Xl ~""'1'. u-+dj4 r Y'i'"ym· mj M"" Qi Kahh Y"Wh ,n& clbi akmomAp ÖTJ*u":1 '& + " q.) fujg RJG M"LYJh ^ µF~ W'k,µ -+C~ S * ~Ll' " & $'1 ua h yLUüb ' lo.j b4- jÄL,jj & jvbjj. d¢uALm Jl,i .1 dlLU(uri'· ii\ k m'A m Au %=1'Mjm " ajA '&+ e et' Q""'" µ' bül G·¥ ^ jlä IuL1jO. Sq wM & 1b+gLÄ u-y'F^ 4"· 0 ' k ¶ NB 97 [Bern, 6. Februar 1919] Z) Der von der Welt an der Maschine / isolierte und in den Kapitalismus isoliert / eingespannte proletarische Mensch ringt sich / zu dem modernen Denken (z. B. bei Marx) / auf. / 8.) Dieses Denken hat die Stosskraft verloren, / um in seinem Erkennen eine Menschheits- / empfindung zu zeitigen. Mit diesem / Denken kann man nur die ökonomische / Ordnung verstehen. / 9.) Dieses Denken ist ~hnirgends als selbständige / Macht aufgetreten. Es ist untergetaucht in / die Staatsgebilde. / 10.) Daher innerhalb des prolet. Denkens / die J&Qkgie". / 11.) Die Meinung von der Grundforderung - / Arbeitskraft sdl nicht Waare sein. / Diese Frage an die Politik. So wird / die Ungkkhheik empfunden. t: ' b f / Y. k bA f K . <> " !:t ; ~ . ~ I 1 4b) bm KajmLj U'+uµ jti &y'"{+ , dfm m-44AÜN Yt' lj'vlld"l" µ'·g'm· i' B '4 db W;(Al4+ 1""y"' i " JL('" "L'" KW(JVu6~{1L, budjdcUr nü-Lj µq' '1" =E" 'ri--m. Sa a^ ul' , IJviL:T4 cK' m-«h'1lr Ykaju&"+{· 13·) A) ¶j4ü, · Aä Fa ,,d J.t L) pA1µ14 ' Ar lAi'üt yvvL 1{"\4 I.) lu;j|4"|le-4 ' a&¥ . ^U7 p)'sgm' "'d j~ < (Bh 1,=E):)i R W NB 97 [Bern, 6. Februar 1919] 12.) Das Kapital verfälscht die Beziehung / des Menschen zum Wirtschaftsprozess. Es / ist der Wirtschaftsprozess, welcher die Kapitalvermehrung bewirkt - der Mensch / steht ihm ,machtks gegenüber. Es ist die / Verleugnung der menschlichen Brüderlichkeit. / 13.) I.) Geistig = die Liebe zur Sache / 2.) politisch = der Wille zum Recht / 3.) wirtschaftlich = die4ät / das Begehren nach dem / Nutzen (Zweck). / (Das Interesse am Nutzen / Nutzwert) -. Lt @1AÄ yj' C{ ~i'njW ,k, 'y &· b's¶'t c(j4 suuµ|, bµ — :'b¥'" t b, zt,», &m 1AA '41 cq' - l^)+ d" a J i MlA/j'Ir"A La1k;vcLU( - ü) Kam ~ " ' S Q,,k,n44 8'yu\a kn\v'l'm — : ibi wa J'j F Mutvä' ('oL"""Y ·j'c-'"f) -Z R~ ¶ ,1,u R U"rg1A; A µü "!" """ vQlmbA /jL~y ,Wunm " cm 1h"jm jti"" 1uk, Jw bq(AÄrALAm &, qAjA) Ir "'4"" W,» nm cbm%dLt^u Ai h"r s't ).,' 1 'i,ir9 pjA " ljrulL (1V',u'"" l ; " VW 'ik'k uä f^; . i ' hi >|'üm KKwY>jÄL'^ ""' ' , k, Wka||+- IÜy— ; m & ,Ak4 iüyvm ~'k" k m Y 0 NB 97 [Bern, 6. Februar 1919] Der Capitalismus geht auf Mehrwert-Profit, / das ist die Wurzel des Glaubens an einen / ändern Efkct. - / Das Elend, das Übel ist nicht im Wesen des / Menschenlebens begründet - es kann nur aus den / Einrichtungen kommen -: das weiß der / Proletarier (vielleicht unbewusst) - Man kann sich / über seinen Organismus nicht freuen; aber man / erleidet Schmerz, wenn er in Unordnung ist - / Jeder, der behauptet = das Elend sei notwendig, / wird von dem Proletarier nicht ernst genommen. / Gesund hindert der soziale Organismus nicht / die Entfaltung von Glück und Freude. / Der Wirtschafts-Körper kann gestört nur / von den ändern Körpern werden. 0 I Kr JbY 7 1^-·'"4 4(|u.i , . w'4'i/·4'röc'% C4u' "Z wrL'AA) ' · »v" ;"" i"t "'""" ü' i -'^"'nd· oLC, |k·b*l 0 \'v'tf·gLit LÄjv\ & eNuk^'kc\·-üjw P Jmm wm7ji y':,ulutu u'"Äw¶ km :.'·:1l , mur v'Äl( {µj'gl::l w'U"l|"l'Qvt ?JI+·a/"" VCAcÄtm Khmm " Zäm v; l'j(kUTl( Kr~m ' %P !|'n,rj" uuj a(Ar& poL(jj,. nuuyücr&r Vm v^w'"-'lq|oAt(:..P {1A)ra't ' &$ )RNiT""AI/|MLL jvv,üü P4" "+"' M'm"P'" 'A~ Cj"hj' , cjUj 1'\l.a \,,Ä· Gl;7 r P K Itijp 'ijj"'41 : ~"W,' V'" "/'j't¶^,"' '::j!.:='j ':": f NB 58 [Stuttgart, 7. Januar 1921] EiiL&nZjanuaLmL / Wirtschaftspolitische Fragen: sie ergeben sich, / wenn im sozialen Organismus die Kräfte / ungegliedert in einander spielen. / Dann muß zugegeben werden, dass diese / Fragen nicht lediglich wirtschaftlich entschieden / werden können - / Dass in Betracht kommen: ethische, soziale / und allgemein politische Erwägungen. / Vom volkswirtschaftlichen Standpuncte / ergiebt sich: Ablehnung der Kriegswirtschaftlichen / Maßnahmen auf dem Gebiete / der Preispolitik. - / Also vielleicht: Unmenge von geistigem / Scharfsinn, energische und I ausdauernde Arbeit und wn'!/¢~ a;j1;vr ctt/ 4 v·'"'¶ti3:ä 0¢m ¢N ju' i>'L'u j¢jb b., Gy «a+d:j"' Mj""'m *'*1^a+ k" "€n R; m 'TL»"n". ¶'t= ' ,t,t.u·0 ;Au"-"" wAW'ß+ i p, ~ ^ bAH :';g T" ":".""""H""' G i» dbmÄ 0·4njd'" u~4 " ' j+ ·1·' '(jt·· (/l-!' ,A g· ßwj" "' \ybüwE; inj ""4" '+ Qüj 7(·aMA n(4" J, ,~ Jµ vu·' L:·"|{ 'jjL^('Ä v\/"ziY " ¥ 0 P 0 I L 4 ,µÜYj.'"-' k"&'" ' jt ::, :";'::1:L:)t! !1F'r /PYP"' "' ? uo:jl k' I ' r ' K r . NB 58 [Stuttgart, 7. Januar 1921] wirtschaftliche Schädigungen durch die / Kriegs'""politik ein Opfer für hÖhere Ziele - / das liege auSserhalb des Rahmens / wissensChaftlicher Beurteilüngl Für die Zukunft: ,,die Erkenntnis der / wirtschaftlichen Notwendigkeiten in den / breiten Volksschichten mehr als bisher / zu pflegen, diese letzteren zum wirtschaftlichen / Denken zu erziehen." / Es wird darauf aufmerksam gemacht - / nach G. Brandes -, daß die öffentliche / Meinung weit mehr von der Phantasie / als von der Vernunft geleitet wird # Wer wirklich einen nicht äusseren, sondern / innern Impuls für Geistiges folgen soll, / brauchLdmLGeisLs w'Mk4u4 Fnje^·^:+ m'H|-mäl 1) ", wM d2" ßurµ-j wy' Tµ{q ! :'Lq'-' '"j"j4 " CLt21^3, Ld, "= h/ic(lä"lµ2j) a = ^Ym+<"% ="~-, " " \ttvjY -'j'dkl+|'. ma ?aµ'·' U; ' «(w d~ +1' C Jbi ^ ur·utlh%N :">\ rdAv'itp (y"P" ' "üj'jt """' w]'up4'h" , fll~j yü-cä "(hu" qdM bjc>dt.v" 6B»$nhu ! I' I 0 . V C 4) t: hjjj t4'M! 'na""' " Ky" 1Nv:ilt µ cAä w·c'tf|o¶µ(4$ a4KE;i,, r' ,Lu hüh mAp" A=na ¥ m ~=1. v·· J'nf juj q4Ä'j p-j ·&1 X,C,.Ji{fj ,I, vm \,..M!AA eiuäi tÄAÄj4Ä.' ak'r ,, . .YÜtÄj, ,). 'J Q./,A,^ ·1 C. ' Ia. !. Lj d·i , ')ti^f""Y Jl "4~___ _ ---' )___/, NB 58 [Stuttgart, 7. Januar 1921] ' ' - " ./ I.) Es wird die Beziehung nicht gesucht / zwischen Geist-Erkenntnis und Wirtschaft - / 3.) Es wird abgewiesen, was die / Kriegs-Wirtschaftspolitik gethan hat; / aber dann gesagt, dass eben wirtschafts-/politische fragen, nicht vom wirtschafts-/Standpunct allein gelöst werden können. / 4) Es wird gesagt, dass man sorgen / müsse für die wirtschaftliche Aufklärung / der breiten Massen. / 2.) Der Preis ist ganz offenbar dasjenige, / in dem sich Gesundheit oder Krankheit / der Volkswirtschaft ausdrückt. Aber / gerade darin zeigte sich das Ungen[iigen?]de C.) yna^- V-1^Mjyt cm~)·,~+N i qrA KLajµajau^ :tej b)aFUY^' imdh Cia' ?u\-:·a CaÄnl4 Tt:^ ¥ARu:·K^^ Wu.i[|jt"' lün ji "— e g.) b/dh&m· (ükg4 ','?j Xm , N'y'll+"') - v'q A w=4bl ' (V,Lmdl;03 ;µu·) - 6:Ll0 wM"jp'°j ,K^ njl:ünd w-MiAü- " F) > 'A "La' 'm" ""' ' . =. 'eur>ül jm^AF :J E,i' D, ,NW.. ,MÄÄ,Ä ,).,eL, w"'"m . U, & 'Y'!' 'yd' ia'" P" " fbA' \Äuyj ü) + e'"'{"'"'"bµ" , , Gun Lb&jy'» . ,i NB 58 [Stuttgart, Z Januar 1921] 5) Man verlangt (Calwer) = ,,möglichste / gute Kenntnis der Waarenvorräte auf Grund einer ausgebauten / Wirtschaftskunde" - / 6.) MxMusdiah. (Abhängigkeit des / Wirtschaftens) - Noch nicht in "'""Handel - / (Baumwollindustrie) - Dieser Widerspruch / der Nationalwirtschaften = / Z) Aber es wurde geschQben das / geistige Leben. Selbständige Impulse / kann es nur entwickeln, wenn / es den Geist zur Quelle hat. / Sonst wird es zum Anhängsel. / Zur Ideologie. I) 3Vr 1µ10TpyCk^b Cluu^ALk !,A jä Äüylä, i ,'/Q{äAY)"' E·'l/" " ' ! 2·)3'm 'r' fk "'('"·"'h"^ 1';Au= LÄA6 J Lpj j;- \1^"a7· " ';t'- bk pa . (TAl"lq 8) 1J'a Pr d" "-" ' !+¶,d'l» " Gj4lt- CJwwi c'4a±!'!r"q'cc 0 q 'tüüp |v1G & (imZj('0{L·\ ja ":' AKLab =S Ib""" ? 0 s.)' m» IGuW'v vt;,/lA Ka l^)jt(-t·2·, 1)"7 : , 'dütL("' jr!;m ¢4f' Ym4-jj ,Jh,, \/'cNl,a,,LN cb. JR' C n m 0 P NB 58 [Stuttgart, 7. Januar 1921] I.) Der besondere Charakter des Dreiglie= / derungsimpulses -/ 2.) Der große Lehrmeister könnten die / Erfahrungen der letzten Jahre sein - / (Terhalle) I 3.) Was sagen die Wirtschaftsgelehrten - / Terhalle - Calwer.? AuhsuN5EuhaL 1916. / 4.) Woher sollen die Grundlagen für die / Aufklärung kommen? / 5.) Man kann nicht durch Belehrung das / Nolk" aufklären. Dazu ist notwendig, / dass Vertrauen da ist. i G·) ¢^'FµAJu~A:9 ,Ai emdul wü .d,, nm N·vj Lt·j' — l— vw'q' A"k\Mi.j.tu p! Up. J.,l La) ui j'·'"'nj.&"" b , I') bi f+C)jb,jjä ,UvmÄll " ULA ' jü Jbwj a ih_ i- M'uV~b' C,j ,Ui JULa:) > m al'h'erjc jiµu4 !)"4nuu'6 &' Sur^"'jt " a" Llr"(M ltj)m YYlji Arm LJeju-+ " Ädb k 1'G jy- :'h"(':'4 -jl tm~ zt ,,l, --' , 'ci·qj J^"9' "' ' '" · W 0 . NB 58 [Stuttgart, Z Januar 1921] 6.) Eine Geisteserkenntnis, die endet wie / die von Kurt Leese - kann nicht den / Menschen fest in die Welt hineinstellen. / Z) Die Geist-Erkenntnis mündet in Ethik. / Sie erkennt ein Leben in absteigender / Entwickelung und in aufsteigender / Sittliche Impulse der Gegenwart in der / Zukunft Welten - Mit den Welt-ldeen / zugleich die sittlichen Impulse geboren. / Und die religiöse Kraft liegt darinnen. i m I I 1 1 I. I 1j ¶—j'm" d4 ^h w·Am v·-j1 Jim o'$"~:b ; .A' 1·' '~:;'S 'A;"+ — L))m % Pujjm wb:yß U~'"3 pa - m':l' A 1"·jj,t.» Aa (k' m(A¥ - ("«'c"' '·m Ll^+ " "tt!)'_'YE¥;F,E:4(|'$1'\4;" V" Y, !>Y, ~ J ,d qlij'^w'y, '» l(:'ß —c) ltuütj,)Cnu v|'v41 JÜl 1,äcm' bj·r'6jä rs a Juu (Ä)iiH'qi '"liNn"h* P µuia Lj Jit'L Ljq'l(^jvµ 1nv« &AeNAM & '+11ln 6;e4 NB 192 [Dornach, 27. Juni 1921] I.) Organisieren kann man nicht das / Organische; dieses muß wachsen - / 2.) Das Geistesleben muss lebendig / sein - muß auf Menschen und der / Menschen - Erkenntnis beruhen - / 3.) »Wissenschaft und ihre Lehre sind / frei" h" 'o p' kcin·n$mn- sie müssen als freie entstehen / können - / 4.) Trennung von Kirche und Staat - / wenn nicht die hOhern Wahrheiten / ganz aus der Wissenschaft verschwinden / sollen und die Wissenschaft nur / dienen dem technischen Dienst ¢ 1 cAü J/)lll liut4"d'S= """ ü" bw'iä, !,äj bqAoLm \u L""""d " im ak r geGjk=- cA" ,/JÄ " ,,~ V, ,,m J¢My>jt+f"F!Nj",, ' *,a,J ,,,m Hu& w<^A p1Lt,,(.'j 'd"jl"l( ,.". 1,( yOm hlw(tr r^"uµ fl°µikYT um 1,.b,,c (o nic« _ (k,vlww'm' dc " 1 i NB 192 [Dornach, 27. Juni 1921] die freie Anlehnung an die Autorität, / weil man sie braucht - / Man muß ein Laboratorium etc- haben / wenn es von den geistigen Fähigkeiten / gefordert wird. Heute wird die »Wissenschaft" / nicht von Menschen gemacht, sondern von / Laboratorien - Sternwarten etc clmktA K d- Staäj-S<cal'= . Mµiµ'h ¢j'vc~ µs~aA'" m tq~& oAkFr'il"hj '1t-^ "Jb ·4FMj'~ NB 192 [Dornach, 27. Juni 1921] Ausbildung für den Staat - / Sozialismus - / ,,Einheitsschule" - / Paedagogik von heute - / Selbstverwaltung. - zugleich Lehrer etc- / Abhängigkeit vom Wirtschaftsleben. I I jyjj, <,, Cua Li Aal cLo R4uuL ' ,pü bA~ LtjilA km Vu14~L4 \1Ak, , lb+ 3'0 vtj (ü'ÄY'j \-Vk mjkL"!L;b ! r"*'"" 0 i \/ni luull & (1A4tuLA Aj) 1 ihhjk um'r""qü'} ! i NB 192 [Dornach, 27. Juni 1921] Engels: »An die Stelle der Regierung / über Personen tritt die Verwaltung von / Sachen und die Leitung von Producüon- / processen".- [Friedrich Engels: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, 6. Aufi. 1919, S. 49] Von wem die Anstalten des / Unterrichtes einzurichten? Zeitungsberichte Zu den Vorträgen in Basel, 13., 14. und 28. Februar 1919 Geisteswissenschaftliche Yorträge von Dr. Rudolf Steiner. Basler Vorwärts, 10. Februar 1919, Nr. 34, S. 3 (Mitg.) Die geisteswissenschaftlichen Vorträge von Dr. Rudolf Steiner wollen von einem Gesichtspunkte, welcher der vollen Lebens'zuirklichkeit durch geisteswissenschaftliche Denkungsart und Forschung Rechnung trägt, und durch eine nach Vorurteilslosigkeit strebende allseitige Erfassung der wahren gegenwärtigen Menschheitsbedürfnisse die sozialen Fragen und Notwendigkeiten erörtern. Sie wollen als Tatsache geltend machen, dass nur eine solche Erörterung Verständnis der Lebensforderungen an die Stelle von Missverständnis, fruchtbare Arbeit an Stelle unfruchtbarer, unpraktischer Debatten und Bestrebungen treten lassen kann, und dass auch nur in solcher Betrachtungsart das im Menschen fest begründete Freiheitsbewusstsein mit den Notwendigkeiten sozialen Zusammenlebens vereinigt gedacht und verwirklicht werden kann. Nähere Angaben über Ort und Zeit siehe im Inseratenteil. Basler Vorwärts, 26. Februar 1919, Nr. 48, S. 4 Die soziale Frage als Wirtschafts-, Rechts- und Geistesfrage. Über dieses Thema wird Dr. RudolfSteiner am nächsten Freitag einen öffentlichen Vortrag halten. Es soll in diesem Vortrag gezeigt werden, wie Geisteswissenschaft imstande ist, die brennendste Zeitfrage in neuer Art zu beleuchten, und zugleich der Versuch gemacht werden, dieselbe in einer Weise zu lösen, wie es die Lebensnotwendigkeiten der gegenwärtigen Menschheit erfordern. Nähere Angaben finden sich im Inseratenteil. P. Die soziale Frage als Wirtschafts-, Rechts- und Geistesfrage. Basler Vorwärts, 3. März 1919, Nr. 52, S. 3 Über dieses große Problem wurde letzten Freitagabend im neuen Konzertsaal von Dr. R. Steiner ein Vortrag gehalten. Die Auffassung des Referenten hatte folgende Hauptpunkte zur Grundlage: Man hat darauf hingewiesen, dass die wirtschaftlichen Tatsachen selbst, die sich unter dem Kapitalismus herausgebildet haben, durch ihre eigene Entwicklung etwas wie eine Art Lösung der sozialen Frage bringen werden. Karl Marx hat die Lehre aufgestellL die vom Proletariat als richtig empfunden wird, dass die Arbeitskraft eine Ware sei, deren Preis sich nach Angebot und Nachfrage richte. Er versuchte klarzumachen, dass diese Arbeitskraft unterbezahlt wird. Der Arbeitgeber bezahlt für sie gerade das, was zu deren Fortführung am nötigsten ist. Der Arbeiter aber muss länger arbeiten, als für dieses Entgelt nötig ist, und das, was er mehr produziert, ist der Profit des Kapitalisten. Aber die menschliche Arbeitskraft ist gar keine Ware, kann also auch nicht gegen solche getauscht werden. Der Arbeitgeber irrt, wenn er glaubt, man könne überhaupt menschliche Arbeitskraft kaufen. Er kauft die Leistung und entzieht sich der Bezahlung derselben. Indem der Arbeiter das empfindet, fühlt er den Verlust seiner Menschenwürde. Die ganze Frage darf nicht als eine rein Ökonomische angesehen, sondern muss auch als eine solche des Rechtes beurteilt werden. In den Wirtschaftsprozess gehört nicht das Besitz-, vielmehr das Rechtsverhältnis hinein. Das wurde schon versucht durch die Gründung von Gewerkschaften, Arbeitsnachweisen und so weiter. Derjenige, welcher das moderne Leben durchschauL wird empfinden, dass das nur Surrogate sind. Mit Hilfe des Staates hat man es verstanden, die Privatinteressen zu vertreten. In einer ähnlichen Weise verhält sich die Sache mit Bezug auf das Geistesleben. Es ist zum Überbau der Interessen der leitenden Kreise geworden. Der Geist muss in das wirkliche Leben und auf sich selbst gestellt werden. Tatsächlich ist das dritte Glied der sozialen Frage eine Geistesfrage, es ist ein Lechzen nach dem Geistesleben. Heute muss sich jeder mit diesen Dingen beschäftigen, muss sich eine eigene Meinung bilden. Entweder man bleibt beim bisherigen Zustand und sieht zu, wie die Welt ihren Lauf nimmt, oder man beginnt damit, das Leben von dem wirtschaftlichen Gebiete ins geistige zu stellen. Im erstern Falle würden Ereignisse eintreten, die keine Lösung der Frage bedeuten würden. Wir betrachten diese Auffassung des Referenten über das Problem, mit dem sich die Weltgeschichte gegenwärtig auseinandersetzt, als den Appell an die herrschenden Klassen, auf dem vorgezeichneten Wege sich um die Menschheitspflichten zu kümmern. Er wird nicht gehört werden. Die Vorbedingung zu einem Geistesleben und damit zu wirklichem Menschentum ist der Sieg der Arbeiterklasse im Sinne des Marxismus. Dann wird das «Geistesleben» als Überbau der Profitinteressen seine Zeit gewährt haben. -st Dr. Rudolf Steiner über die soziale Frage. Vortrag gehalten am 28. Februar 1919. Basler Anzeiger und Basler Zeitung, 5. März 1919, Nr. 64, S. 1 Es ist 8'/1 Uhr: Auf dem Podium des neuen Konzertsaales steht im schwarzen Gehrock die schlanke Gestalt Dr. Rudolf Steiners. Die Augen in dem durchgeistigten Antlitz sind geschlossen. Die Hände halten die Stuhllehne hinter dem grünen Tisch umklammert. Langsam, stockend, wie ein dem Ernst seiner Aufgaben tief bewusster Priester, beginnt er zu sprechen. Die Zeit schreitet vor: Die Rede wird bewegter, lebendiger, die Augenlider öffnen sich, die Hände greifen in die Luft. Es geht gegen 10 Uhr: Ein zürnender Prophet, dessen Blicke wie Blitze den Saal durchzucken, schleudert mit weitausholenden Armbewegungen gellende Weckrufe und drohende Mahnworte in die Menge. - Die Tatsachen des sozialen Lebens führen eine neue, ungewohnte Sprache, auf welche die Gedankenwelt der Menschheit wenig vorbereitet ist. Man erwartete wohl, dass durch die fortdauernde Entwicklung der Technik und durch die Ausbildung des Wirtschaftslebens eine Krisis herbeige führt worden, nach deren LÖsung die Führung in die Hände des Proletariats übergegangen sein werde. Aber nun drängt nicht die Entwicklung, sondern das Proletariat persönlich zur Entscheidung, durch seine Kritik an den führenden Kreisen und an dem, was die für das Richtige halten. Und diese Kritik bleibt nicht nur eine Kritik der Worte, sondern sie ist eine Kritik der Handlungen. Diese Tatsache zwingt uns, sich mit dem proletarischen Menschen zu beschäftigen. Die Lehre von Karl Marx und ähnliche Anschauungen fassen die Arbeitskraft als eine Ware. In dieser Auffassung liegt die dem Proletarier selbst freilich unbewusste Ursache dafür, dass er seine Lage als menschenunwürdig empfindet! Diese Auffassung ist falsch. Menschliche Arbeitskraft lässt sich nicht mit Ware vergleichen, sie kann daher auch keine Ware sein, und doch ist sie in unserer jetzigen Gesellschaftsordnung dazu geworden. Hierin liegt ein Lebenswiderspruch. Die Arbeitskraft wurde eingespannt in den Wirtschaftsprozess, der besteht aus Warenproduktion, -zirkulation und -Konsumation, und der dem Bedürfnis jedes Einzelnen entspricht. Der Wen der Ware wird bedingt durch ihr Verhältnis zu anderen Waren. Der Wert der menschlichen Arbeitskraft jedoch sollte bestimmt sein durch das Verhältnis zu einer anderen menschlichen Arbeitskraft. Nicht in das Wirtschaftsleben, sondern in das Rechtsleben, welches das Verhältnis von Mensch zu Mensch zu regulieren hat, ist die Arbeitskraft einzufügen. Die Wirtschaftsfrage und die Rechtsfrage sind zwei verschiedene Organismen, die jede für sich getrennt in der gesunden sozialen Gesellschaft wirken müssen, im menschlichen Körper haben wir eine erläuternde Analogie. Stoffwechsel und Atmung sind zwei getrennte Organismen, die jedoch beide gleich notwendig sind für die menschliche Gesundheit. Die Tendenz des Proletariates, alles zu zentralisieren, zu verstaatlichen, zu vergesellschaften, ist daher der Gesundheit des sozialen Lebens ungünstig, der soziale Gesamtorganismus lässt sich in kein zentralisiertes System bringen, wie der Gesamtorganismus des menschlichen Körpers sich nicht zentralisieren lässt. Wirtschaftskörper und Rechtskörper verschmelzen zu wollen, hat eine direkt antisoziale Wirkung, wogegen ein selbstständiger RechtskÖrper an sich schon sozialisierend wirkt. - Endlich greift tief in die soziale Frage ein das geistige Leben. Auch dieses darf nicht verquickt werden mit dem Wirtschaftsprozess und mit dem Rechtsleben. Es ist falsch, wenn heute das Proletariat und das Nichtproletariat gleicherweise der Meinung sind, Religion, Kunst, Wissenschaft, Sitte, das heißt das geistige Leben habe nur eine Spiegelung, eine Ideologie des Wirtschaftslebens zu sein. In unseren gegenwärtigen Verhältnissen ist es freilich so. Der Staat sog gleichsam das geistige Leben auf. Durch die Wissenschaft und die anderen Zweige des geistigen Lebens ließ er seine Interessen vertreten, dadurch sank freilich das geistige Leben zur Ideologie des politischen Lebens herab. (Z. B. die Geschichte der Hohenzollern, die in Zukunft gelehrt werden wird, wird wohl etwas anders aussehen als wie die, welche vor dem Kriege gelehrt wurde.) Die denkenden Sozialistenführer ziehen nur die letzten Konsequenzen des bürgerlichen Denkens. Das Proletariat hat zur gleichen Zeit, als es in die Fabriken geführt wurde, auch mit unbegrenztem Vertrauen das geistige Leben, speziell das wissenschaftliche Denken der führenden Kreise übernommen, aber das Proletariat erhoffte von diesem Denken eine Erlösung, während es den führenden Kreisen nur eine unterhaltende Spielerei bedeutete. Der Mangel an echtem geistigem Leben muss empfunden werden. Und wird er empfunden, so werden alle Traditionen, in welche die Entwicklung des Staates Religion, Kunst, Wissenschaft und Sitte aufgenommen hat, fallen. Also nicht nur der Wirtschaftsprozess und das Recht, sondern auch der Geist muss völlig auf sich selbst gestellt werden. Ein vom Staat abhängiger Geist bringt nur eine Ideologie, kein Lebensgut. - Das abstrakte Denken, welches die Sachlage nur übertüncht, muss abgelöst werden durch ein anschauliches Denken, welches die soziale Frage in der Wirklichkeit anpackt. Die Dreiteilung der soz. Frage in eine Wirtschafts-, eine Rechts- und eine Geistesfrage entspricht einer solchen wirklichkeitsgemäßen Anschauung. Die Entwicklung der Tatsachen zwingt die Menschen, wirklichkeitsgemäß zu denken; wird dieses Denken unterdrückt, so werden eines Tages die entfesselten Instinkte die Lösung der sozialen Frage mit Elementargewalt herbeizuführen suchen. - Ein Blick auf die Menge der gespannt lauschenden Zuhörer zeigte, dass der Redner es vermochte, alle vollkommen in den Bann seiner Ausführungen zu zwingen. Dr. R. L. Dr. R. Steiner über die soziale Frage. Basler Nachrichten, 7. März 1919, Nr. 112, S. 1 Am 28. Februar sprach Dr. R. Steiner vor zahlreicher Zuhörerschaft über die soziale Frage als Wirtschafts-, Rechts- und Geistesfrage. Den tiefsten Grund für die heutige soziale Bewegung sieht der Vortragende darin, dass das Proletariat es als menschenunwürdig empfinden muss, seine Arbeitskraft als bloße Ware behandelt zu wissen. Damit ist als erstes Glied der sozialen Frage das Wirtscbaftsproblem zu erkennen: Wie ist es möglich, die proletarische Arbeitskraft des Charakters der Ware zu entkleiden? Ware ist das, was im Wirtschaftsprozess, durch das menschliche Bedürfnis gefordert, erzeugt wird und seinen Wert dadurch erhält, dass es in zweckmäßigster Weise verbraucht wird. Daraus ergibt sich, dass Arbeitskraft keine Ware sein kann. Somit ist es ein volkswirtschaftlicher Fundamentalirrtum, wenn der Arbeitgeber glaubt, er könne Arbeitskraft bezahlen; in Wirklichkeit kauft er die Leistung des Arbeiters. Arbeitskraft kann gar nicht beurteilt werden vom Wirtschaftsleben aus; sie muss daraus heraus ins Rechtsleben gehoben werden, und dieses muss, streng geschieden von jenem, als selbstständiger Teil des sozialen Organismus bestehen. Diese Parallelgliederung ist für dessen Gesundheit unbedingt erforderlich; daher ist es irrig, wenn das Proletariat, bestimmt durch die Verstaatlichungsanfänge der leitenden Kreise (Post, Telegraph, und so weiter), die Vergesellschaftung des gesamten Wirtschaftslebens, ein straff zentralisiertes System anstrebt. Nur aufgrund ihrer Selbstständigkeit können Wirtschafts- und Rechtskörper wirksam ineinandergreifen. Das Rechtsleben muss, da in ihm radikal andere Impulse wirksam sind, ganz anders als das Wirtschaftsleben in das soziale Gebiet eintreten. Das öffentliche Recht muss sich in unmittelbarem Verkehr von Mensch zu Mensch entzünden, sodass sich jeder innerhalb der Gesellschaft als Mensch fühlen kann. Somit muss das Rechtsleben, das sich auf das demokratische Prinzip stützt, an und für sich schon auf Sozialisierung hinarbeiten; aber viele heutige Gesetze haben antisozialen Charakter, weil sie auf wirtschaftlicher oder politischer Macht beruhen. Auch die jetzigen Arbeitsverträge wirken antisozial, da ihr Gegenstand die Arbeitskraft ist. Verträge sollen sich nur auf Arbeitsleistung beziehen; erst wenn diese in den sozialen Organismus eingeordnet wird, kann der Proletarier einsehen, dass er dem sozialen Gesamtleben dienen muss, und wird seine Arbeitskraft freiwillig zur Verfügung stellen. Die soziale Frage ist also nicht nur Wirtschafts-, sondern auch Rechtsfrage; sie ist drittens eine Geistesfrage. Nach den sozialistischen Führern ist das geistige Leben nichts anderes als ein Spiegelbild des Wirtschaftsprozesses. Das verödet die proletarische Seele, und doch lechzt sie nach Wissen und Erkennen; ihre Sehnsucht kann von den jetzt leitenden Kreisen nicht gestillt werden, da diese, ihren Interessen gemäß, das geistige Leben mit dem heutigen Staate zu sehr verbunden und das Proletariat davon ausgeschlossen haben. Das Geistesleben wurde so zum Spiegelbild des Staatslebens. Damit ein neues von Wirtschaft und Staat unabhängiges Geistesleben sich entwickeln kann, hat die ganze Menschheit umzudenken. Dazu ist gerade der Proletarier am ehesten befähigt, weil er frei ist von alten Traditionen. Dieses neue Geistesleben wird seelentragend sein, wird die ganze Seele erfüllen können wie früher die Religion. Die soziale Frage wird nicht heute und auf einmal erledigt, sondern wird in fortschreitendem Werden gelöst. Nur wenn die drei Teile, Wirtschafts-, Rechts- und Geistesleben, als selbstständige Glieder auseinandergehalten werden, können sie richtig zusammenwirken und so den sozialen Organismus gesund und lebenskräftig machen. Zum Vortrag in Winterthuk 26. Februar 1919 Arbeiterzeitung, Freitag, 28. Februar 1919, Nr. 49 Der bekan[n]te Theosoph und hochgebildete Denker Dr. Rudolf Steiner hielt Mittwochabend in Winterthur über die Kernpunkte der sozialen Frage einen Vortrag, der weit über den Rahmen einer geistreichen Abhandlung hinausging, ja in heutiger Zeit eine mutige Tat bedeutete. Es ist ganz unmöglich, in einer kurzen Zeitungsnotiz eine Zusammenfassung der weittragenden Gedanken zu geben. Wir verzichten darauf im Hinblick, dass Herr Dr. Steiner im Begriff ist, seine Auffassung von der die Welt jetzt mehr als je bewegenden Frage in einer Broschüre zu veröffentlichen. Was dem Vortrag seine große Bedeutung gibt, ist der Umstand, dass er in hohem Maß das Verständnis für die soziale Frage in ihren tiefsten Motiven und Zielen weckt. Auch die Schattenseiten derselben werden uns klar. Im Grund ist die soziale Bewegung eine Angelegenheit des Geisteslebens. Der Referent bezeichnet sie in geistreicher Weise als eine vertikale Völkerwanderung von unten nach oben. Aber während seinerzeit die vorwärtsdrängenden Völker in den alten Besitzungen der Griechen und Römer eine hohe, mit christlichem Geist durchsetzte Kultur vorfanden, bot sich dem aufwärts strebenden Proletariat in der modernen Bildung und Technik eine seelenlose, rein materialistische Welt dar. Das Proletariat sah sich getäuscht und gewöhnte sich, die höheren Geistestätigkeiten, wie Kunst, Philosophie und Religion, nur als wesenlosen Schein (Ideologie) zu betrachten, während der öde Kapitalismus die Wirklichkeit beherrschte. Dabei sank die menschliche Arbeitskraft zur bloßen Ware herab, die nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage mit in den Handel kommt: Das ist moderne Sklaverei. Diese menschliche Arbeitskraft davon zu befreien ist eine Rechtsfrage. Weil aber im modernen Wirtschaftsleben Menschen stecken und darin als wirtschaftliche Faktoren zirkulieren, ist die soziale Frage auch eine wirtschaftliche Frage. Diese drei Dinge: die geistige, rechtliche und wirtschaftliche Vergewaltigung des Menschen im modernen Erwerbsleben sind die Kernpunkte der sozialen Frage. Es ist ganz unmöglich, hier auch nur anzudeuten, auf welchem Weg der tiefdenkende Referent eine Lösung versucht. Es soll nur darauf hingewiesen werden, dass das geistige Leben in Schule und Erziehung, wie auch die Rechtsvorstellungen im Staat und die wirtschaftlichen Maximen im Erwerbsleben eine fundamentale Änderung erfahren müssen, bis der gesamte Organismus der Gesellschaft wieder gesunden kann. Dazu müssen nicht nur die Dinge sich wandeln, sondern auch die Menschen müssen umdenken lernen. Darum richtete der Vortragende zum Schluss einen energischen Appell an die führende Klasse, nicht damit zu warten, bis es zu spät ist und die wilden Instinkte sich gewaltsam Bahn brechen. Man hat wohl noch selten in einer aus allen Ständen der Bevölkerung gemischten Versammlung in Winterthur so verständnisvolle, tiefgreifende und kräftige Worte über die gewaltigen Kämpfe der Gegenwart gehÖrt. Sie sind auch eine Stimme eines Predigers in der Wüste. St. Zum Vortrag in Dornach, 4. Apnil 1919 Basler Vorwärts, 4. April 1919, Nr. 80, S. 6 An die Proletarier von Münchenstein-Neuewelt, Arlesheim, Dornach, Reinach und Aesch. Heraus, ihr Arbeiter! Erscheint in Massen mit euern Frauen am Freitagabend 8 Uhr im Goetheanum (Johannesbau) zum Vortrag des Dr. Rudolf Steiner. Der Vorstand der sozialdemokrat. Partei Miinchenstein. Der Vorstand der Arbeiterpartei Arlesheim. Der Vorstand der soz.-dem. Partei Dornach. Neue Freie Zeitung, 3. April 1919, Nr. 79, S. 3 Dornach. (Korr.) Genossen erscheint morgen Freitag, abends 8 Uhr, mit euren Frauen zahlreich im Goetheanum, wo Gen. Dr. Steiner spricht. Neue Freie Zeitung, 12. April 1919, Nr. 87, S. 3 Dornach. (Einges.) Letzten Freitagabend hielt Hr. Dr. Steiner im neuen Goetheanum-Tempel Dornach einen Öffentlichen Vortrag, über «Die soziale Fragem Eine riesige Volksmenge hatte sich dort eingefunden. In ausgezeichneter Weise schilderte er die gegenwärtige Not des Arbeiterstandes und umgekehrt schilderte er das Prassertum des Kapitalismus, welcher auch das unendliche Elend des Weltkrieges mitgebracht hat. Mancher Bürgerliche hat aus diesem lehrreichen Referat seine Lehre gezogen. (? Red.) Wir möchten hoffen, dass dieser verehrte Redner bald wieder von sich hören lässt. Zum Vortrag in Müncbenstein, 10. April 1919 «Soziales Wollen und proletarische Forderungen» Basler Vorwärts, 15. April 1919, Nr. 89, S. 4 Miinchenstein. Der Öffentliche Vortrag vom 10. April des Herrn Dr. Steiner, veranstaltet durch die soz. Jugendorganisation im Gemeindesaal, war von zirka 600 Personen beider Geschlechter und verschiedener politischer und religiöser Anschauungen besucht. Die Grundzüge seiner Ideen sind die Dreigliederung des sozialen Organismus in Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben. Herr Dr. Steiner spricht sein Vertrauen, das er in die gegenwärtige Arbeiterbewegung setzt, deutlich aus. Auf die vielseitigen Fragen, mit welchen Begleiterscheinungen sich die Umwälzung vollziehen werde, antwortet er hauptsächlich mit einem Appell an die Vernunft der Bürgerlichen. Die gegenwärtige soziale Strömung wird von ihm in wissenschaftlicher Auslegung als eine Völkerwanderung von unten nach oben bezeichnet. In der rege benützten interessanten Diskussion spricht zunächst Genosse Paul Bregger in seiner kernigen Weise; er bringt seine Freude zum Ausdruck, dass die Leute aus dem Goetheanum, die früher in hiesiger Gegend als eine mysteriöse, religiös fanatische Sekte betrachtet wurden, der Proletarierfrage so viel Aufmerksamkeit und Mitwirkung schenken. Genosse Meyer schildert die traurigen Zustände, in welche die Arbeiterschaft und speziell die Familienväter seit dem Kriege durch die verbrecherischen Nachlässigkeiten und Machenschaften unserer degenerierten Regierung gedrängt wurden. Die anwesenden Spießer konnten sich da eine gehörige Prise nehmen, besonders als er betonte, dass er es nur der Hilfe unserer Organisation verdanke, mit seiner Familie dem Hungertode entronnen zu sein. Jugendgenosse Leuenberger spricht mit Begeisterung. Hr. Thomi tritt auf als religiöser Apostel und will allem voran die Religion und den Spruch: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbs> setzen. Wirklich ganz nett! Nur war er etwas deplatziert. Hr. Thomi könnte seine Sprüche eher in eine Bundes- oder andere Spießbiirgerversammlung hineinschleudern - wir glauben nicht mehr daran, unser Zutrauen ist zu lange missbraucht worden. Immerhin auch ihm sei gedankt. Jedem sein Pläsierchen, und er sorgte doch ein wenig für Humor. Herr Pfarrer Schwarz fühlte sich hierauf veranlasst, sein durch die hervorgerufene Stimmung etwas bloßgestelltes Wirkungsfeld zu beschützen. Seine Amtspflicht! Er will auch, trotzdem er vorläufig noch nicht Sozialdemokrat ist, krasse Gegensätze zwischen den Grundsätzen der Sozialdemokratischen Partei und dem Problem Steiners konstatieren, die ihm aber durch Genosse Mäglin und Herrn Dr. Steiner widerlegt werden. - Es sei festgestellt, dass Herr Dr. Steiner von der soz[ialistischen] Jugendorganisation eingeladen war, aber nicht Parteimitglied ist. Osc. Zum Vortrag in Tübingen, 2. Juni 1919 Tübinger Chronik, 30. Mai 1919, Nr. 123 Vortrag. Wie uns die Sozialistische Studentengruppe mitteilt, ist es ihr gelungen, Herrn Dr. Rudolf Steiner (Stuttgart) zu einem Vortrag über seine Idee «Dreigliederung des sozialen Organismus» zu gewinnen, der Anfang nächster Woche im Schillersaal des Museums stattfinden wird. [Vortrag Dr. Steiner] Tübinger Cbronik, 4. Juni 1919 - s. Vortrag Dr. Steiner. Auf Einladung der sozialistischen Studentengruppe hielt gestern Dr. Steiner in dem überfüllten großen Museumssaal einen Werbevortrag für den Gedanken der Dreigliederung des sozialen Organismus. Ich will dem Berichterstatter, der eine ausführliche Wiedergabe übernommen hat, nicht vorgreifen, wenn ich sage, dass aus den Steiner'schen Gedankengängen sich sehr wertvolle Kernpunkte herausfinden ließen. Aber, und das muss offen gesagt werden, die Art, wie Dr. Steiner das, worauf es ihm eigentlich ankommt, in einem Schwall von Worten ertränkt, die er in rhetorisch unvollkommener Weise und in schlecht stilisierten Sätzen mit eintönig lautem Vortrag vorbringt, ist nicht geeignet, das Wertvolle, vielleicht sogar Bedeutende seiner Anregungen erkennen zu lassen. Es ist ganz gewiss nicht Böswilligkeit eines großen Teiles der Erörterungsredner und der bis zur Mitternachtsstunde ausharrenden Zuhörer gewesen, wenn sie immer wieder erklärten: das Wesentliche und das Ziel des ganzen Gedankenkomplexes sei ihnen nicht verständlich geworden. Die Vorstellung allein, dass hier ein Mann von großem Idealismus zu helfen bereit ist und glaubt, einen (richtigen) Weg zur Hilfe gefunden zu haben, hat heute eine große Werbekraft. Und daraus erklärt sich zweifellos die Anhängerschaft einfacher Kreise, die Dr. Steiner in hohem Maße gefunden hat. Nur ist zu bezweifeln, dass man in Schichten, die mit philosophisch-ideologischen Problemen nicht vertraut sein dürften, versteht, worum es nun tatsächlich geht. Mit dem Gefühl, der Mann will und der Mann geht auf einem gangbaren Weg, lässt sich ein Ziel nicht erjagen. Die Erörterung verlief sehr erregt und nicht immer in Formen, die als parlamentarisch oder akademisch bezeichnet werden können. Mehr Ernst und mehr Würde wäre bei der Wichtigkeit der Sache am Platze gewesen; dagegen wurde verschiedentlich gesündigt. Die Unsachlichkeit wurde aber auf die Spitze getrieben, als ein Redner gegen die Sicherheitskompagnien sprach. Es ist eine Verkehrung der Tatsachen, zu behaupten, man wolle mit Maschinengewehren Gedanken des Kommunismus usw. bekämpfen. Was bekämpft werden muss, ist lediglich die gewaltsame, Eigentum und Leben bedrohende Durchführung dieser Gedanken, sind lediglich die Verbrecherelemente, die sich an die Rockschöße der Kommunisten usw. klammern, die Desperados, denen es um materielle Dinge geht. Zum Vortrag in Mannheim, 26. Juli 1919 Erster Vortrag Dr. Rudolf Steiner: «Die übersinnliche Wesenheit des Menschen und die Entwicklung der Menschheit» Mannheimer Generalanzeiger Montag, 28. Juli 1919 (Mittagsausgabe), Nr. 340 H. Es ist ein Zeichen übersättigter und zerfallender Kulturen, dass das Abwenden von ihnen gleichzeitig jenen uralten Drang der Menschheit nach dem Übersinnlichen, nach jenem "jenseits aller Erfahrung» immer wieder von Neuem gebiert. Wir stehen im Augenblick am Abschluss einer solchen Entwicklungsepoche. Der hinter uns liegende Krieg ist nur der Anfang dieses Abschlusses. Wollte man dieser, zu Ende gehenden, Periode ein Etikett verleihen, so wäre es: Überschätzung des durch Verstand Erreichbaren und demgemäß Hypertrophie des Intellekts. Die Objektivierung dieser eigentümlichen, nur nach außen orientierten Geistesrichtung ist die gewaltige Blüte der Naturwissenschaften, die - mit ihren Anfängen bis zur Renaissance zurückreichend - gerade in den letzten 100 Jahren Erstaunliches geleistet haben. Die Anthroposophie nun, deren geistiges Oberhaupt und Führer Dr. Steiner ist, lehnt die naturwissenschaftliche Erkenntnis, die kein Erklären, sondern nur ein Beschreiben ist, nicht ab (wie jene nebulistischen und halb gebildeten Schwärmer, die sich «Mystiker» und «Cjkkultistem nennen, ohne auch nur eine Ahnung von dem wahren Wesen der Mystik zu haben), sondern baut auf ihren Ergebnissen auf, liegt sozusagen in ihrer Verlängerungslinie. Sie will die seit Jahrhunderten, zugunsten des Verstandes, vernachlässigten seelischen Kräfte des Menschen pflegen und weiterentwickeln, denn die naturwissenschaftliche Forschung und das Wissen von den äußeren Dingen genügt nicht und befriedigt nicht. So ist die Anthroposophie, auf eine kurze Formel gebracht, die Wissenschaft von dem, was jenseits der sinnlichen Erfahrung liegt. Es ist auf dem uns zur Verfügung stehenden knappen Raum leider unmöglich, die prachtvollen, von hohem Ernst getragenen Gedankeniibergänge Dr. Steiners auch nur andeutungsweise zu skizzieren. Wir bedauern das umso mehr, als Dr. Steiner einer von jenen ganz wenigen großen Rednern ist, deren Pathos nicht im Schauspielertum wurzelt, sondern in der restlosen Überzeugung von der Wahrheit der eigenen Lehre. Der riesige Nibelungensaal war nahezu vollkommen besetzt und es ist dem heute Abend stattfindenden zweiten Vortrag des Redners: «Über die Dreiteilung des sozialen Organismus» ein gleich guter Besuch zu wünschen. Zum Vortrag in Mannheim, 28. Juli 1919 Zweiter Vortrag Dr. Rudolf Steiner: ·Freiheit für den Geist, Gleichheit für das Recht, Brüderlichkeit für das Wirtschaftsleben». Mannheimer Generalanzeigek Mittwoch, 30. Juli 1919 (Abendausgabe), Nr. 345 H. Das sind die drei Forderungen des «Bundes für Dreigliederung des sozialen CJrganismus», dessen Sprecher Dr. Steiner am Montag Abend in dem vollbesetzten Nibelungensaal war. Durch das bisherige Zusammengeballtsein dieser drei Erscheinungen - Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben - innerhalb des Einheitsstaates entstanden die großen Katastrophen. Unserer Zeit, die ein Abschluss und ein Wendepunkt ist, kann nicht, wie vor 500 Jahren, durch eine «Renaissance», nicht durch die Wiederbelebung eines griechischen oder römischen Ideals, geholfen werden, sondern etwas ganz Neues, aus der tiefsten Menschennatur Strömendes, muss auf den Trümmern aufgebaut werden. Der zusammengebrochene Dienst von «Thron und Altar» darf nicht ersetzt werden durch einen ebenso geistlosen und mechanischen Dienst von Kontor und Maschine. Der neue Geist, der von allen ersehnt wird, kann nicht das Produkt einer neuen Wirtschaftsordnung sein, sondern umgekehrt gilt es, zuerst den Geist zu erneuern, um auf ihm das neue soziale Leben zu errichten. Die vornehme Geistesart Dr. Steiners verstand es wiederum, das in unseren Tagen gewiss heikle und ermüdende Thema aus den Niederungen einer öden politischen Propaganda auf die reinen Höhen allgemeinen Menschentums zu führen, das über jeder Politik und jeder politischen Partei erhaben ist. Starker Beifall und die anschließende Diskussion zeugten von der tiefen Wirkung des Gehörten. Zum Vortrag in Freiburg, 18. Nouember 1920 Die grossen Fragen der Zeit und DIE ANTHROPOSOPHISCHE GEISTERKENNTNIS. Volkswacbt, 20. November 1920, Nr. 271 Über dieses Thema sprach am Donnerstagabend in der Harmonie Herr Dr. Rudolf Steiner, der bekannte Vertreter der Dreigliederung des sozialen Organismus. Der Redner ging von den Tatsachen des Zusammenbruchs und der Katastrophen aus, die über einen großen Teil der Länder der Erde hereingebrochen sind, und warf die große Frage nach den Wegen der Neuerung auf. Er wies darauf hin, dass in den Köpfen der meisten Menschen nur Gedanken an den wirtschaftlichen Aufbau zu finden sind, während sie die Gebiete seelischen und geistigen Neubaues kaum ergreifen. Das Wertvolle müsse herbeigeholt werden, auch aus vergangenen Zeiten. Was hätten, so müsse gefragt werden, die letzten Jahrhunderte insbesondere gebracht? Steiners Antwort auf diese Frage lautete: den Wissenschaftsgeist! Und er zeigte, wie nicht nur in den dünnen Schichten jener, die die Wissenschaft zum Beruf erwählt haben, nicht nur in den Schichten der sogenannten Gebildeten, sondern in den Massen des Volkes sich dieser Geist niedergelassen habe (Sozialismus!), wie er die Höhepunkte mathematischen und technischen Denkens zeugte und aus ihm hervorgehen ließ die Technisierung und Mechanisierung allen praktischen Lebens, wie er alles erfasste - nur den Menschen nicht! Hierzu wird uns noch von einem Versammlungsteilnehmer geschrieben: Die Dreigliederung erscheint uns als ein neuer rationaler Utopismus mit mystischem Hintergrunde. Die Dreigliederung wirft dem Marxismus vor, er sei der Überzeugung, die Änderung der wirtschaftlichen Verhältnisse allein genüge, um das menschliche Wesen voll zur Entfaltung gelangen zu lassen. Dieser Ansicht war der marxistische Sozialismus nie. Vielmehr sehen sowohl Marx, Engels und auch wir Heutigen in der wirtschaftlichen Ausgleichung nur einer der in letzter Instanz bestimmenden Gründe, wonach sich erst der Mensch in seinen höheren Anlagen auswirken kann. Der Mensch kann nicht, wie die Dreigliederung ihm beibringen will, seine Stellung zu den Gesamtfragen der Gesellschaft einmal in seiner Eigenschaft als Wirtschaftler, dann als Politiker und schließlich als geistiges Wesen beurteilen. Diese Gebiete werden letzten Endes immer wieder von der Weltanschauung des Einzelnen beeinflusst. Es ist daher alles von einem umfassenden Gesichtspunkte aus zu betrachten, und die einzelnen Fragen sind von den dazu geeigneten Personen zu behandeln - aber nicht als ein vom Ganzen unabhängiger und selbstständiger Teil. Dr. Steiner schreibt der Dreigliederung - also den getrennt zu behandelnden Gebieten - eine funktionelle Möglichkeit zu. Uns stellt sich die Frage in dieser Art nicht als ein Organismus, sondern als ein Mechanismus dar, geeignet, noch mehr Verwirrung in die Köpfe der Arbeiter zu bringen. Zum Vortrag in St. Gallen, 25. Januar 1921 [Ankündigung] Der Schweizer Arbeiter, 20. Januar 1921, Nr. 3, S. 2 St. Gallen. Am 25. ds., abends 8 Uhr, spricht in St. Gallen Herr Dr. Rudolf Steiner über: «Inwiefern ist die Dreigliederung berufen, aus dem heutigen Chaos herauszufiihrcnm Es wurde von anderer Seite in unserem Blatte schon auf Dr. Rudolf Steiner hingewiesen und es hat sich herausgestellt, dass seine Dreigliederungsideen etwas sind, mit denen sich die Arbeiterschaft einmal gründlich auseinandersetzen muss. Darum ist es unbedingt erforderlich, dass unsere werten Kolleginnen und Kollegen zu diesem Vortrag recht zahlreich erscheinen und die Diskussion recht rege benützen. Das Lokal, wo der Vortrag gehalten wird, wird in den hiesigen Tagesblättern bekanntgegeben. [Eine schwere EnttÄUSChUNG] St. Galler Tagblatt, 2. Februar 1921, Nr. 27/2, S. 3 Eine schwere Enttäuschung erlebten jene, welche letzte Woche den Vortrag des Herrn Dr. Steiner über die Dreigliederung der Gesellschaft besuchten und die über die Verbesserung der bisherigen Zustände selber auch schon nachgedacht haben. Sie bekamen nämlich nur ein unklares, unlogisches Geschwätz zu hören, das wohl ab und zu mit maschinengewehrartigem Geräusch über die sehr zahlreich erschienene Zuhörerschaft dahinratterte. Die Einleitung zum Referat bildete eine Kritik der bisherigen Zustände, die für denjenigen, der die Entwicklung der letzten Dezennien mit offenen Augen verfolgte, gar nichts Neues enthielt. Man gewann schon im Anfang den Eindruck, einen Redner vor sich zu haben, der von sich und seiner Sache eine sehr hohe, und von denjenigen, die nicht mit ihm schwärmen, eine wesentlich geringere Meinung hat. Herr Steiner ist ein Mann mit einem sehr gewandten Mundwerk, wie sie uns von «draußen» oft geschenkt wurden, und mit einem sehr selbstbewussten Auftreten, mit dem man bei uns, wie es scheint, immer wieder Eindruck machen kann. Aus was besteht nun die Dreigliederung? Rechts das Geistesleben, links das wirtschaftliche Leben und in der Mitte der Staat oder das politische Leben. Das Geistesleben, d. h. die Schule, soll vollständig autonom sein und weder auf das politische noch wirtschaftliche Leben irgendwie Rücksicht nehmen. Sie soll nur von den Lehrenden, also von den im Geistesleben Tätigen verwaltet werden, weil alle anderen von ihr nichts verstehen können. Nur so sei es möglich, dass das Geistesleben alles andere Leben beherrsche, erneuere und verbessere. Das gäbe eine nette Schule! Die würde viel weniger als die bisherige imstande sein, Menschen fürs praktische Leben zu bilden. Wie stellt sich Herr Dr. Steiner die Lösung der Schwierigkeiten vor, die in einer solchen Schulverwaltung an der Tagesordnung sein müssten, wenn auch andere Herren so sehr von der Richtigkeit ihrer eigenen Ansicht überzeugt wären, wie dies bei ihm zutrifft? Gott bewahre uns vor einem solchen Schulchaos! Was man über die wirtschaftliche Neuorientierung zu hören bekam, beschränkte sich vollständig auf die nicht einmal von Dr. Steiner ins Leben gerufenen Wirtschafts-Assoziationen. Diese Idee lag dem Genossenschaftswesen zugrunde, als es in den ersten Stadien von englischen Ökonomen und Arbeitern zur Anwendung gebracht wurde. Dass es in einem eng begrenzten Gebiet möglich ist, die Produktion dem Konsum ziemlich genau anzupassen, hat schon mancher Konsumverein mit eigenen Produktionsbetrieben lange vor Herrn Steiner bewiesen. Etwas viel Schwierigeres ist das in der Weltwirtschaft. Was man als Positivum den vielen Worten entnehmen konnte, war eine geschickt in den Wortschwall eingestellte Reklame für die «Hochschule» in Dornach und für die selbstverfassten Schriften. Das wird wohl auch der Hauptzweck der Rednerei sein und wir dummen Schweizer fallen immer wieder rein, wenn so ein Mundfeuerwerker irgendwo auftaucht. Wie ganz anders nimmt sich das gegen die konfusen Theorien Steiners aus, was zur Überwindung der chaotischen Zustände seit Kriegsschluss bereits geleistet worden ist. Mit der Schulreform, im Sinne der besseren Anpassung der Schule an die Anforderungen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens, befassen sich längst ernst zu nehmende Kreise. Diese wird aber viel mehr in einem noch besseren Anschluss an Familie und Leben bestehen müssen, statt in einer völligen Emanzipation. Die Notwendigkeit einer besseren Ökonomisierung der Weltwirtschaft ist auch von jenen erkannt, die sich zu diesem Zwecke in einem VÖlkerbünde zusammengefunden haben. Wer an eine Entwicklung glaubt, der wird zugeben müssen, dass in dieser universalen Organisation das Instrument geschaffen ist, das für die Zukunft eine bessere und planmäßigere Verwendung der Güter der 'Welt sichern kann. Mit ihr Hand in Hand wird in der noch viel weiter gehenden Anwendung der Genossenschaft eine Art Wirtschafts-Assoziation regelnd und mäßigend in den Güterverbrauch und in die Gütererzeugung eingreifen. Im VÖlkerbund und bei uns in der Schweiz beschäftigt man sich ernsthaft mit dem Gedanken, das Wirtschaftliche vom Politischen mehr zu trennen und die Fachleute an den richtigen Platz zu stellen. Damit haben die unpraktischen Politiker, von denen Herr Steiner eine so schlechte Meinung zu haben scheint, bereits begonnen. Es ist also festzustellen, dass auch andere Leute, die mit Recht an diese erkünstelte Dreigliederung nicht glauben, sondern nach wie vor der Meinung sind, dass Wissenschaft, praktisches Leben und Politik ineinandergreifen und sich gegenseitig ergänzen müssen, erkannt haben, dass die Entwicklung auf andere Wege gelenkt werden muss. Ferner ist festzustellen, dass dasjenige, was von dieser Seite bereits geschaffen und noch beabsichtigt ist, viel mehr Garantien für eine wirkliche Sanierung der bisherigen Zustände enthält als die unklaren und unnatürlichen Künsteleien des Herrn Steiner. Es wäre zu wünschen, dass man die zurzeit in der Tat etwas chaotischen Zustände mit solchen Theorien und Vorträgen nicht noch chaotischer machen würde. Zum Vortrag von Dr. Steiner. Ostschueizerisches Tagblatt, Rorschach, 8. Februar 1921 Eine schwere Enttäuschung mag für den Berichterstatter des «St. Galler Tagbl[attes]» der Vortrag Dr. Steiners über «Dreigliederung des soz[ialen] Organismus» gewesen sein. Damit ist aber nicht gesagt, dass er es auch für andere war. Schreiber dies wie auch andere Leute aus Rorschach, Goldbach und St. Gallen finden es anmaßend, wenn man sein subjektives Urteil als dasjenige der Gesamtheit hinstellt. Die Mehrzahl der Zuhörer sind der Ansicht, dass im Vortrage Probleme berührt wurden, die es verdienen, dass man sie mit aller Sachlichkeit gründlich studien. Daher muss man sich dagegen verwahren, dass man in solch leichtfertiger und billiger Art über Dinge urteilt, von denen man nichts wissen will, für die ev. auch das Auffassungsvermögen fehlt. Der Bericht im «St. Galler Tägbl[att]» ist nicht aus sachlicher objektivität heraus geschrieben, sondern strotzt von persönlichen Meinungen und Ausfällen. Vertritt jemand seine Sache gut, dann schreibt man von Selbstbewusstsein und Mundfeuerwerk, vertritt er sie schlecht, dann heißt es: Das ist zum vornherein nichts, er kann ja seine Sache nicht einmal richtig vertreten. Schreiber dies findet, dass er seiner Schweizerehre nichts abträgt, wenn er alles prüft und das Beste davon behaltet. K. Sch. [Antwort auf Berichterstattung des St. Galler Tagblatts] St. Galler Stadt-Anzeiger, 10. Februar 1921 Der Artikel im «Tagblatt», Nr. 27, darf nicht wohl unerwidert bleiben, da er den Tatsachen nicht entspricht. Schon der Anfang des Artikels beweist die Anmaßung des betreffenden Schreibers, indem er glaubt, sich unaufgefordert zum Sprachrohr der, wie er selbst zugibt, sehr zahlreich versammelten Zuhörerschaft machen zu müssen und von einer «schweren Enttäuschurig» spricht, die jene erlebt hätten, die den Vortrag besuchten. Ohne Zweifel muss sich dieser Artikelschreiber schon vor dem Schluss des Vortrages aus dem Lokal entfernt haben, sonst hätte er doch den allseitigen Applaus hören müssen, der doch gewiss nicht von einer Enttäuschung Zeugnis ablegte - oder waren vielleicht seine Ohren willkürlich oder unwillkürlich verstopft? Auch alle diejenigen, welche die Diskussionsgelegenheit benützten, sprachen sich in zustimmendem Sinne aus; keine einzige gegnerische Stimme wurde gehört, wiewohl doch wiederholt aufgefordert wurde, es möchten sich auch allfällige Gegner zum Worte melden. Die Art und Weise, wie der betreffende Schreiber nun den Vortrag betitelt, beweist zur Genüge, wes Geistes Kind er ist. Dass er den wahren Sinn der Dreigliederung des sozialen Organismus, wie sie Dr. Steiner vertritt, nicht versteht und auf diese Ideen nicht einzugehen vermag, ist eigentlich sehr wohl begreiflich, wenn man berücksichtigt, dass er im dritten Absatz seines Artikels in gründlicher Selbsterkenntnis sich selbst zu den Einfältigen zählt. In diesem Falle war eine andere Berichterstattung wohl nicht zu erwarten. St. Galler Tagblatt, 16. Februar 1921, Nr. 39/1 Der Schreibende war sich bewusst, mit seinem Artikel «Eine schwere Enttäuschung» über den Vortrag von Dr. Steiner nicht den allgemeinen Beifall zu finden. Darauf wurde auch gar nicht reflektiert. Es sind mir von der Redaktion des «St. Galler Tagblattes» Zuschriften von begeisterten Anhängern der Steiner'schen Theorien zugestellt worden, in welchen mir «Unsachlichkeit», «Gehässigkeit» usw. vorgeworfen wird. Ein Korrespondent hat die Vermutung ausgesprochen, ich sei vielleicht nicht fähig gewesen, den geistreichen Ausführungen zu folgen. Und schließlich regte sich auch ein Einsender im «C)stschweiz. Tagblat> in Rorschach meines scharfen Urteils wegen auf. Diese Tatsachen veranlassen mich nochmals, kurz Folgendes darzustellen. Ich trat der «soziakn Dreigliedening» zuerst objektiv und mit großem Interesse gegenüber. Gelesen habe ich darüber wohl ebenso viel als meine Kritiker. Aber schon das Gelesene hat mich enttäuscht, weil auch dort so viele Unklarheiten vorkommen wie im Referat des Herrn Dr. Steiner. Über den hier gehaltenen Vortrag erkundigte ich mich nachträglich nach dem Urteil verschiedener Professoren, Doktoren, Kaufleute, Lehrer usw. Fast durchwegs deckte sich dasselbe mit demjenigen, was ich im «St. Galler Tagblatr geschrieben habe. Einzelne dieser Urteile waren auch in ihrer Schärfe ähnlich dem meinigen. Dazu kommt noch das Urteil ebenso objektiver Beurteiler aus Bern. Die Ansicht der «Landeszeitung» wurde an dieser Stelle bereits bekannt gegeben. Dem «Bunb entnehmen wir einige Sätze, die von Herrn Dr. Kellenberger, dem nationalökonomischen Redaktor des Blattes, verfasst sind. Er schreibt: «In der Diskussion wies Herr Prof. Reichesberg, ins Einzelne gehend, nach, dass keine neuen Gedanken vorgebracht, sondern Bruchstücke verschiedener Theorien zu einer Mosaikarbeit zusammengefasst worden sind. Die genannten Trennungen seien durchaus künstlich. Es darf und muss gesagt werden, dass der Vortrag für den Vorstand und die Mitglieder eine Enttäuschung war» Diese beiden Männer, die von Sozialpolitik und Wirtschaft wirklich etwas verstehen, sind mir maßgebender als die oben erwähnten Kritiker. Nun noch eine Bemerkung. Wir Schweizer haben uns während und seit dem Kriege genug am Narrenseil herumführen lassen von allerlei Ausländern, die bei uns eine Rolle zu spielen suchen, weil man sie in ihrer engern Heimat nicht ernst nimmt. Diese meist von «draußen» kommenden Weltverbesserer hätten «zu Hause» Arbeit genug. Sie sollen dafür sorgen, dass sie wenigstens in 100 Jahren eine Demokratie fertig bringen, wie wir sie schon mehrere hundert Jahre besitzen. Wenn sie dann einmal von einem demokratischen Staate etwas verstehen und wissen, sollen sie wieder zu uns kommen. Bis dahin verzichten wir auf solche Theoretiker. Chronik zur Dreigliederungsbewegung: Mai i9i7 bis August i922 (GA = Rudolf Steiner Gesamtausgabe, kleiner: Historische Ereignisse) 8. März 1917: Februarrevolution in Russland. Doppelherrschaft von Arbeiterund Soldatenräten und Provisorischer Regierung. 6. April 1917: Kriegseintritt der USA. Berlin, Ende Mai 1917, 20. (?) Juni 1917: Gespräche Rudolf Steiners mit Otto Graf Lerchenfeld über die politische Lage, erste mündliche Darstellung der Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus. ab Juli 1917: Weitere Gespräche mit Ludwig Graf Polzer-Hoditz. Rudolf Steiner verfasst die Memoranden zur Dreigliederung (in: Aufsätze über die Dreigliederung des sozialen Organismus, GA 24). Vergebliche Versuche, maßgebliche Persönlichkeiten dafür zu gewinnen. 6./7. November 1917: Oktoberrevolution in Russland. Die Bolschewiken übernehmen die Macht. Zürich, 14. November 1917: Vortrag über «Anthroposophie und Sozialwissenschaft», in: Die Ergänzung heutiger Wissenschaften durch Anthroposophie, GA 73. Erste öffentliche Andeutung der Dreigliederung des sozialen Organismus. Brest-Litowsk, 3. März 1918: Separatfriede der Mittelmächte mit Sowjetrussland. Berlin, 3. Oktober 1918: Prinz Max von Baden wird Reichskanzler und richtet auf Drängen Ludendorffs das deutsche Waffenstillstands- und Friedensangebot an US-Präsident Wilson unter Annahme von dessen Friedensprogramm. Kiel, 3. bis Z November 1918: Beginn der deutschen Revolution durch die Matrosenerhebung. Stuttgart, 4. November 1918: Bildung eines Arbeiter- und Soldatenrates GroßStuttgart. München, 7. November 1918: Ausbruch der bayrischen Revolution. München, 8. November 1918: Der Sozialist Kurt Eisner proklamiert die bayrische Republik und wird bayrischer Ministerpräsident. Otto Graf Lerchenfeld versucht noch am selben Tag vergeblich ein Gespräch zwischen Rudolf Steiner und Eisner zu vermitteln. Durch Hans Kühn kommt es im Februar 1919 dazu. Berlin, 9. November 1918: Ausbruch der Revolution - Verkündung der Abdankung Kaiser Wilhelms II. (sie erfolgt offiziell am 28. November 1918) - Proklamierung der Republik in allen Bundesstaaten - Der letzte Reichskanzler des deutschen Kaiserreiches, Prinz Max von Baden, wird durch den Sozialdemokraten Friedrich Ebert abgelöst. Stuttgart, 9. November 1918: Der Arbeiter- und Soldatenrat setzt in Württemberg eine provisorische Regierung mit Wilhelm BIos (SPD) ein. Dornach, 9. November 1918: Rudolf Steiner beginnt mit dem Vortrag «Episodische Betrachtungen über die geschichtlichen Ursachen der katastrophalen Ereignisse der Gegenwart» die Vortragsreihe für Mitglieder Entwicklungsgescbichtlicbe Unterlagen zur Bildung eines sozialen Urteils, GA 185a. CompiCgne, 11. November 1918: Waffenstillstand zwischen Deutschland und der Entente. Österreich, 11. November 1918: Thronverzicht Kaiser Karls nach der Auflösung der Donaumonarchie. Schweiz, 12. bis 14. November 1918: Landesstreik - landesweiter Generalstreik. Dornach, 15. November 1918: Mitgliedervortrag über «Die Bedeutung der drei Klassen: des Adels, des Bürgertums und des Proletariats», in: Entwicklungsgeschichtliche Unterlagen zur Bildung eines sozialen Urteils, GA 185a. Dornach, 17. November 1918: Mitgliedervortrag über «Die Dreigliederung des Menschen und des sozialen Organismus - Die drei Glieder der Lehre von Karl Marx: Mehrwertstheorie, materialistische Geschichtsauffassung und Klassenkampf - Die drei Seelenglieder des Menschen und ihre Ausbildung in den Völkern Europas», in: Entwicklungsgeschichtliche Unterlagen zur Bildung eines sozialen Urteils, GA 185a. 1. Dezember 1918: Roman Boos siedelt nach Stuttgart über, um für die Dreigliederungsidee zu wirken. Berlin, 16. bis 20. Dezember: Deutscher Rätekongress in Berlin. Die mehrheitlich SPD-orientierten Arbeiter- und Soldatenräte lehnen ein revolutionäres politisches Rätesystem ab und beschließen Wahlen zur Nationalversammlung (endgültiger Verzicht erfolgt am zweiten Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte 8. bis 14. April 1919). Berlin, 5. bis 12. Januar 1919: Spartakusaufstand. Berlin, 15. Januar 1919: Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht werden ermordet. Versailles, 18. Januar 1919: Eröffnung der Friedenskonferenz. Deutschland, 19. Januar 1919: Wahlen zur verfassunggebenden Nationalversammlung. Dornach, 21. Januar 1919: Telegramm Rudolf Steiners an Friedrich Rittelmeyer in Berlin mit der Bitte, für seine in Berlin angekündigten Vorträge mit eigenen Vorträgen einzuspringen, da er in der 1. Februarhälfte wichtige Vorträge in Zürich zu halten habe. Dornach, 25. und 27. Januar 1919: Emil Molt, Roman Boos, Hans Kühn suchen als Delegierte der in Stuttgart tätigen anthroposophischen Wirtschafter Rudolf Steiner auf, um mit ihm über die Weiterführung ihrer im Sinne der November-Vor-träge begonnenen Tätigkeit zu sprechen. Dornach, 31. Januar, 1. und 2. Februar 1919: Rudolf Steiner spricht vor Mitgliedern über die Gestalt der sozialen Forderungen und die Dreigliederung, siehe die drei letzten Vorträge in: Der Goetheanismus, ein Umüzandlungsimpds und Auferstehungsgedanke. Menscbenzuissenschaft und Sozialwissenschaft, GA 188. JJornach,2.Februar 1919: RudolfSteineriiberreichtEmilMolt, Roman Boos und Hans Kühn aus Stuttgart seinen Aufruf «An das deut sche Volk und die Kulturwelt!». Die Unterschriftensammlung für Unterzeichner des Aufrufs wird sofort in Deutschland, in der Schweiz und in Österreich in Angriff genommen. Zürich, 3., 5., 10., 12. Februar 1919: Rudolf Steiner beginnt in der überfüllten Aula des Hirschgraben-Schulhauses seine Öffentliche Vortragstätigkeit für die soziale Dreigliederung unter dem Gesamttitel: Die soziale Frage, GA 328. Bern, 6., 7. Februar 1919: Zwei öffentliche Vorträge über die soziale Frage (in vorliegendem Band) während einer gleichzeitig vom 3.-10. Februar tagenden internationalen Sozialistenkonferenz, an der auch der bayrische Ministerpräsident Kurt Eisner teilnimmt. In diesen Tagen Unterredung Rudolf Steiners durch Vermittlung von Hans Kühn mit Kurt Eisner und dem Pazifisten Prof. Fiiednicb Wilhelm Foerstet bayrischer Gesandter in Bern. Basel, Stadtcasino, 13., 14., 28. Februar 1919: Drei öffentliche Vorträge Rudolf Steiners über die soziale Frage (in vorliegendem Band). Dornach, 15. Februar 1919: Rudolf Steiner beginnt seine Mitgliedervorträge «Die geistigen Hintergründe der sozialen Fragem - siehe Die soziale Frage als Bewusstseinsfrage, GA 189 und Vergangenheits- und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen, GA 190 - und gibt nun den «Aufruf» und seine Entstehung auch in Dornach bekannt. München, 21. Februar 1919: Kurt Eisner wird erschossen. Dornach, 21. Februar 1919: Vortrag über die Gedankenformen des modernen sozialistischen Denkens und nochmals zum Aufruf, siehe Die soziäle Frage als Bewusstseinsfrage, GA 189. Winterthur, 26., 27. Februar 1919: Vortrag über die soziale Frage (in vorliegendem Band) und Eurythmie-Aufführung. Basel, 28. Februar 1919: Dritter der öffentlichen Februar-Vorträge über die soziale Frage (in vorliegendem Band). 5. März 1919: Der Aufruf «An das deutsche Volk und die Kulturweltb erscheint von nun an als Flugblatt und in einem großen Teil der Tageszeitungen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz, Wortlaut in: Die Kernpunkte der sozialen Frage, GA 23 im Anhang und in Aufsätze über die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage, GA 24. Zürich, 8. März 1919: Vortrag vor der Arbeiterschaft: «Welchen Sinn hat die Arbeit des modernen Proletariatsh In: Die soziale Frage, GA 328. Zürich, 9. März 1919: Mitgliedervortrag über den inneren Aspekt des sozialen Rätsels und die soziale Frage als Wendepunkt der Menschheitsenrwickelung, in: Der innere Aspekt des sozialen Rätsels, GA 193. Bern, 11. März 1919: Öffentlicher Vortrag «Die wirklichen Grundlagen eines Völkerbundes» bei Gelegenheit der dnternationalen Völkerbundskonferenz» zur Gründung des VÖlkerbundes, an der Rudolf Steiner auch als Gast teilnimmt. Zu seinem Vortrag werden prominente Persönlichkeiten persönlich eingeladen durch Brief der Veranstalter: Nationalrat J. Flirter und O. Weber, Baron F. v. Wranget, Dr. Hanns Buchli und Roman Boos. In: Die Befreiung des Menschenwesens als Grundlage für eine soziale Neugestaltung, GA 329. Dornach, 15., 16. März 1919: Fortführung der Vorträge «Die geistigen Hintergründe der sozialen Frage», in: Die soziale Frage als Bewusstseinsfrage, GA 189. Bern und Winterthur, 17., 19. März 1919: Öffentliche Vorträge für die Arbeiterschaft. In: Die Befreiung des Menschenwesens als Grundlage für eine soziale Neugestaltung, GA 329. Dornach, 21., 22., 23., 28.-30. März: Weiterführung der Vorträge über die geistigen Hintergründe der sozialen Frage, in: Vergangenbeits- und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen, GA 190. St. Gallen, 31. März 1919: Öffentlicher Vortrag «Die soziale Frage», nur Zeitungsbericht vorliegend. Stuttgart, 31. März bis 7. April 1919: Generalstreik. Dornach, 4. April 1919: Öffentlicher Vortrag «Die Kernpunkte der sozialen Frage», in vorliegendem Band. München, 7. April 1919: Ausrufung der Münchner Räterepublik. Berufung des Freiwirtschafters Silvio Gesell als Volksbeauftragten für Finanzen, vermittelt durch den Anarchisten Gustav Landauer. Gesell wird eine Woche später schon wieder abgesetzt. Miinchenstein, 10. April 1919: Öffentlicher Vortrag «Soziales Wollen und proletarische Forderungen», Diskussion und Bericht in vorliegendem Band. Ostersonntag, 20. April 1919: Rudolf Steiner reist nach Stuttgart. Stuttgart, 21. April bis 22. Juni 1919: Zweigvorträge über Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen, GA 192. Stuttgart, 22. April 1919: Gründung des «Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismusm Ansprachen in dieser Sitzung und in der vom 24. April 1919 vorgesehen für GA 332b. Stuttgart, 23. April 1919: Vortrag Rudolf Steiners über Dreigliederung des sozialen Organismus auf Einladung von Arbeiter- und Angestellten-Ausschüssen in der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik AG, in: Neugestaltung des sozialen Organismus, GA 330. Die Versammlung fasste eine Resolution an die württembergische Regierung, welche einstimmig die Berufung Steiners zwecks sofortiger Inangriffnahme der Dreigliederung forderte. Stuttgart, 23. April 1919: Betriebsratssitzung der Waldorf-Astoria. Die Firma stellt 100000 Reichsmark zur Gründung einer Schule für die Kinder ihrer Arbeiter und Angestellten zur Verfügung. Emil Molt bittet Rudolf Steiner, die Einrichtung und Leitung dieser Schule zu übernehmen. Stuttgart, 24. April 1919: Vortrag für die Belegschaft der Boschwerke mit Diskussion. Die von etwa 1000 Personen besuchte Versammlung stimmt ebenfalls einstimmig der am vorhergehenden Tag von der Belegschaft der Waldorf-Astoria gefassten Resolution zu. Stuttgart, 25. April 1919: Spätnachmittag: Vortrag Steiners mit Diskussion für die Belegschaft der Daimler-Werke (GA 330). Stuttgart, 26. April 1919: Vermutlich vormittags: Vortrag für die Arbeiter der Kartonagenfabrik Dei Monte in der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik (keine Mitschrift). Esslingen, 27. April, vor- oder nachmittags: «Die Dreigliederung des sozialen KÖrpersm Vortrag für die Großbetriebe Esslingens. Auch hier wird der Resolution an die württembergische Regierung zugestimmt. Stuttgart, Landhausstr. 70, 19 Uhr: Komiteebesprechung. 28. April 1919: Rudolf Steiners Buch Die Kernpunkte der sozialen Frage, GA 23, erscheint. Stuttgart, 29. und 30. April 1919, Saalbau Dinkelacker, jeweils 18 Uhr: Zwei öffentliche Vorträge Dr. Steiners auf Einladung vom Arbeiterkomitee für soziale Dreigliederung (Benzinger, Dorfner, Gönnewein, Hammer, Hiittelmeyer, Mössel, Lohrmann) unter dem Thema «Proletarische Forderungen und deren künftige praktische Verwirklichung» mit Diskussion. Auch nach diesen Vorträgen wird der Resolution an die württembergische Regierung zugestimmt (keine Mitschriften). München, 2. Mai 1919: Gewaltsame Niederschlagung der Münchner Räterepublik. Der Freiwirtschafter Silvio Gesell wird verhaftet und des Hochverrats bezichtigt, aber schließlich freigesprochen. Der Anarchist Gustav Landauer und viele andere werden von Truppen ermordet. Stuttgart, 3. Mai 1919, Gustav-Siegle-Haus, großer Saal, 19.30 Uhr: Öffentlicher Vortrag Steiners «Wege aus der sozialen Not und zu einem praktischen Ziele» mit Diskussion, in: Neugestaltung des sozialen Organismus, GA 330. Bad Cannstatt, 5. Mai 1919, Wilhelma-Saal, 19 Uhr: Öffentlicher Vortrag. Stuttgart, 7. Mai 1919, Gewerkschaftshaus: Besprechung mit dem Arbeiterrat über die Betriebsrätefrage. Stuttgart-Obertiirkheim, Turnhalle: Vortrag Dr. Steiners für Arbeiter, siehe Betriebsräte und Sozialisierung, GA 331, Anhang I. - Karlsruhe: Vortrag von Prof. Dr. von Blume über Deutschlands Erneuerung durch die Dreigliederung. Versailles, 7. Mai 1919: Überreichung der Friedensbedingungen an die deutsche Delegation. Stuttgart, 8. Mai 1919, Gewerkschaftshaus, 15 Uhr: Erste Versammlung der Arbeiter-Ausschiisse und Betriebsräte der Großbetriebe Stuttgarts mit Vortrag Steiners, in: Betriebsräte und Sozialisierung, GA 331. Ludwigsburg bei Stuttgart, 10. Mai 1919: «Sozialisierungsfragen». Vortrag Dr. Steiners für Arbeiter, nur Inserat vorliegend. Stuttgart, 11., 18. Mai, 1. Juni 1919: Zweigvorträge: «ljrei Vorträge über Volkspädagogik», in: Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen, GA 192. Waiblingen bei Stuttgart, 14. Mai 1919: «Sozialisierungsfragen», Vortrag für Arbeiter (keine Mitschrift). Stuttgart, 16. Mai 1919, Gustav-Siegle-Haus: Öffentlicher Vortrag «Einzelheiten über die Neugestaltung des sozialen Organismus» mit Diskussion, in: Neugestaltung des sozialen Organismus, GA 330. Zürich, 19. Mai 1919: Gründung des «Schweizer Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus». Heilbronn a. N., 20. Mai 1919: Öffentlicher Vortrag über die Kernpunkte der sozialen Frage. Ulm a. D., 26. Mai 1919: Öffentlicher Vortrag mit Diskussion über «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zükünftm Auch hier wird der Resolution zugestimmt. Stuttgart, 29. Mai 1919 (Himmelfahrt): Versammlung des Bundes zur Beratung über einen zu gründenden Kulturrat unter Vorsitz von Dr. Carl Uriger mit einer Einleitung von Rudolf Steiner. Tübingen, 2. Juni 1919: Öffentlicher Vortrag «Die sozialen Forderungen der Gegenwart und ihre praktische Verwirklichung», Auszug und Berichte in vorliegendem Band. Reutlingen, 3. Juni 1919: Öffentlicher Vortrag mit dem gleichen Thema wie tags zuvor in Tübingen, nur Zeitungsberichte vorliegend. Stuttgart, 7. bis 9. Juni 1919 (Pfingsten), Landhausstr. 70: Versammlungen zur Begründung eines Kulturrates, Ansprache vorgesehen für GA 332b. Stuttgart, 10. Juni 1919, Gustav-Siegle-Haus: Öffentliche Volksversammlung als Protestversammlung gegen die Angriffe, die sich gegen den Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus und Rudolf Steiner richten. Stuttgart 16. und 18. Juni 1919, Gustav-Siegle-Haus, je 19.30 Uhr: Zwei Öffentliche Vorträge Rudolf Steiners: «Ijas Soziale in den Rechts- und Wirtschaftseinrichtungen und die Freiheit des Menschengeistes» (16. Juni). «Freiheit für den Geist, Gleichheit für das Recht, Brüderlichkeit für das Wirtschaftsleben» (18. Juni); in: Neugestaltung des sozialen Organismus, GA 330 Stuttgart, 19. Juni 1919: Vortrag für den Verein jüngerer Lehrer und Lehrerinnen: «Die Aufgabe der Schule und die Dreigliederung des sozialen Organismus», in: Neugestaltung des sozialen Organismus, GA 330 (Selbstständigkeit des Geisteslebens - Siebenjahresstufen). Göppingen, 23. Juni 1919: «Die Kernpunkte der sozialen Frage», Vortrag Dr. Steiners für Arbeiter, zu dem die Einladung in 10000 Exemplaren auf den Straßen verteilt wurde. Pforzheim, 25. Juni 1919: «Kernpunkte der sozialen Fragem Vortrag für Arbeiter. Nur Zeitungsbericht vorliegend. Versailles, 28. Juni 1919: Unterzeichnung des Friedensvertrages. Weilimdorf bei Stuttgart, 28. Juni 1919, 20 Uhr, im Gasthaus Adler: Vortrag Rudolf Steiners für Arbeiter (keine Mitschrift). " Stuttgart, 29. Juni bis 3. August 1919: Zweigvorträge «Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen», in: Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen, GA 192. Allgemeinere soziale und geistige Fragen; weniger Pädagogisches. Heilbronn a. N., 30. Juni 1919, alter Theatersaal, 19.30 Uhr: Öffentlicher Vortrag Rudolf Steiners über Dozialisierung und Bctricbsrätcm mit freier Aussprache. Nur Zeitungsbericht vorliegend. Stuttgart, 8. oder 11. Juli 1919: Die erste Nummer der Wochenzeitung Dreigliederung des sozialen Organismus erscheint. Mannheim, 26. bis 28. Juli 1919, Nibelungensaal (der 5000 Personen fasst): Zwei öffentliche Vorträge Rudolf Steiners (in vorliegendem Band) und eine Öffentliche Eurythmieauffiihrung mit einer einleitenden Ansprache Rudolf Steiners. Schwenningen a. N., 31. Juli 1919, Saalbau, 19.30 Uhr: Öffentlicher Vortrag Rudolf Steiners über «Sozialisierung und Betriebsräte», nur Zeitungsbericht vorliegend. Mit diesem Vortrag fand nach Emil Molt der Einsatz Rudolf Steiners für eine Volksbewegung eine Art Abschluss. Dornach, 9. August bis 17. August 1919: Sechs Mitgliedervorträge, Die Erziehungsfrage als soziale Frage, GA 296. Freiburg i. Br., 19. August 1919: «Die Notwendigkeit übersinnlicher Erfahrung für das soziale Verständnis» (keine Mitschrift). Stuttgarg 21. August bis 6. September 1919: Drei pädagogische Kurse für die künftigen Lehrer der «Freien Waldorfschulem Allgemeine Menschenkunde, GA 293. - Erziehungskunst. MethodischDidaktisches, GA 294. - Erziehungskunst. Seminarbesprecbungen und Lehrplanuorträge, GA 295. Stuttgart, 7. September 1919: Festliche Eröffnung der «Freien Waldorfschule». Ansprache Rudolf Steiners in: Rudolf Steiner in der Waldorfschule, GA 298. Berlin, 15. September 1919, Öffentlich, in: Gedankenfreiheit und soziale Kräfte, GA 333. Dresden, 18. bis 20. September 1919: Drei öffentliche Vorträge auf Einladung der Volkshochschule über die Dreigliederung (Notizen, in vorliegendem Band). Stuttgart, 25. September 1919: Ansprache zur Diskussion. Versammlung des Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus. Beratung über den Kulturrat (keine Mitschrift). Schaffhausen, 26. November 1919: «Die soziale Frage als Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsfrage», öffentlicher Vortrag, nur Zeitungsberichte vorliegend. Stuttgart, 19. Dezember 1919: «Geisteswissenschaft, Gedankenfreiheit und soziale Kräfte», Öffentlich, in: Gedankenfreiheit und soziale Kräfte, GA 333. 10. Januar 1920: Inkrafttreten des Versailler Vertrages. Deutschland, 4. Februar 1920: Inkrafttreten des Betriebsrätegesetzes. Stuttgart, 2. März 1920, öffentlich: «Geist und Ungeist in ihren Lebenswirkungen», in: Die Krisis der Gegenwart und der Weg zu gesundem Denken, GA 335. Stuttgart, 4. März 1920, öffentlich: «Die geistigen Forderungen des kommenden Tages», in: Die Krisis der Gegenwart und der Weg zu gesundem Denken, GA 335. Stuttgart, 10. März 1920, öffentlich: «Die Völker der Erde im Lichte der Geisteswissenschaft», in: Die Krisis der Gegenwart, GA 335. Stuttgart, 12. März 1920, öffentlich: «Die Geschichte der Menschheit im Lichte der Geisteswissenschaft», in: Die Krisis der Gegenwart, GA 335. Stuttgart, 13. März 1920: Ansprache bei der Gründung der Aktiengesellschaft «Ijer Kommende Tag AG» (keine Mitschrift). 13. März bis 17. März 1920: Kapp-Putsch: Gescheiterter Versuch rechrsnationaler Kreise, in Deutschland die Macht an sich zu reißen. Zürich, 18. März 1920, Öffentlich: «Die geistigen Kräfte in der Erziehungskunst und im Volkslebem, siehe: Vom Einheitsstaat zum dreigliedrigen sozialen Organismus, GA 334. Dornach, 21. März bis 9. April 1920: Kurs für Ärzte und Medizinstudenten. 20 Vorträge Geistesuüsenscbaft und Medizin, GA 312 und parallel 24. März bis 7. April Kurs «Anthroposophie und Fachwissenschaftem zusammen mit weiteren Referenten, siehe: Fachwissenschaften und Anthroposophie, GA 73a. Dornach, 7. April 1920: öffentlich: «Anthroposophie und Hygiene als soziales Problem», unter dem Titel «Die Hygiene als soziale Frage» in: Pbysiologisch-Tberapeutisches auf Grundlage der Geisteswissenschaft, GA 314 und Fachwissenschaften und Anthroposophie, GA 73a. Luzern, 30. April 1920: «Anthroposophische Geisteswissenschaft, ihr Wesen und ihre Ziele im Verhältnis zu den sozialen Aufgaben der Gegenwar>, öffentlicher Vortrag; nur Zeitungsberichte vorliegend. Dornach, 25. Mai 1920: Öffentlicher Vortrag «Das Goetheanum und die Dreigliederung des sozialen Organismus», in vorliegendem Band. Stuttgart, 8. Juni 1920, öffentlich: «Der Weg zu gesundem Denken und die Lebenslage des Gegenwartsmenschem in: Die Krisis der Gegenwart und der Weg zu gesundem Denken, GA 335. Stuttgart, 10. Juni 1920, öffentlich: «Die Erziehung und der Unterricht gegenüber der Weltlage der Gegenwar>, in: Die Krisis der Gegenwart und der Weg zu gesundem Denken, GA 335. Stuttgart, 15. Juni 1920, öffentlich: «Fragm der Seele und Fragen des Lebens. Eine Gegenwartsrede», in: Die Krisis der Gegenwart und der Weg zu gesundem Denken, GA 335. Stuttgart, 29. Juli 1920, öffentlich: «WCr darf gegen den Untergang des Abendlandes reden? Eine zweite Gegenwartsrede», in: Die Krisis der Gegenwart und der Weg zu gesundem Denken, GA 335. Stuttgart, 20. September 1920, öffentlich: «Die großen Aufgaben von heute im Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsleben. Eine dritte Gegenwartsrede», in: Die Krisis der Gegenwart und der Weg zu gesundem Denken, GA 335. Stuttgart, 16. November 1920: «Die Wahrheit der Geisteswissenschaft und die praktischen Lebensforderungen der Gegenwart. Zugleich eine Verteidigung der anthroposophischen Geisteswissenschaft wider ihre Ankläger, in: Die Anthroposophie und ihre Gegnet GA 255b. Freiburg, 18. November 1920: Öffentlicher Vortrag «Die großen Fragen der Zeit und die anthroposophische Geist-Erkenntnis», in vorliegendem Band. Stuttgart, 1., bis 2. Januar 1921: Zwei Vorträge für Oberschlesier über Dreigliederung des sozialen Organismus, in: Wie wirkt man für den Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus?, GA 338. Siehe auch Beiträge zur RudolfSteiner Gesamtausgabe, Nr. 93/94, Michaeli 1986. Oberschlesien, ab 4. Januar 1921: Beginn der Vortragsaktion für die Lösung der Nationalitätenfrage in Oberschlesien durch Einführung der Dreigliederung. Der Dreigliederungsbewegung bringt die Aktion den Vorwurf des Landesverrats. Stuttgart, 5. Januar 1921: Ansprache bei der Weihnachtsfeier der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik. Nicht gedruckt, vorgesehen für GA 332b. Stuttgart, 7. Januar 1921, öffentlich: «Wirtschaftliche Forderungen und Geist-Erkenntnis, in vorliegendem Band. Stuttgart, 8. Januar 1921: Vortrag bei einer Versammlung württembergischer Industrieller. Nicht gedruckt, vorgesehen für GA 332b. Buchs, 24. Januar 1921: Öffentlicher Vortrag «Inwiefern ist die Dreigliederung berufen, uns aus dem Chaos herauszufiihrenh, nur Zeitungsbericht vorliegend. St. Gallen, 25. Januar 1921: Öffentlicher Vortrag «Inwiefern ist die Dreigliederung berufen, aus dem Chaos herauszuführen ?», in vorliegendem Band. Bern, 4. Februar 1921: «Die Gestaltung des Wirtschaftslebens unter dem Einfluss der Dreigliederung des sozialen Organismus»; nur Zeitungsbericht vorliegend. Stuttgart, 12. bis 17. Februar 1921: Rednerkurs, 10 Vorträge, in: Wie wirkt manfür den Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus?, GA 338. Delft, 25. Februar 1921: Vortragsreise in Holland; Vortrag für den Verein «vrije Studie» der Studenten der Technischen Hochschule «Das Wirtschaftsleben in der Dreigliederung des sozialen Organismus» (vorgesehen für GA 80C). Oberschlesien, 20. März 1921: Die Volksabstimmung über die nationale Zugehörigkeit Oberschlesiens, die man mit der Dreigliederungsaktion nach Möglichkeit hatte verhindern wollen, ergibt 60 % Stimmenanteil für Deutschland, 40 % für Polen. Nach einem Einfall des von den französischen Besatzern begünstigten polnischen Freikorps in Oberschlesien und erfolgreicher Verteidigung durch ein von den Engländern geduldetes deutsches Freikorps wird Oberschlesien am 20. Oktober 1921 geteilt. Das Industriegebiet fällt hauptsächlich an Polen, der flächenmäßig größere Rest verbleibt bei Deutschland. Dornach, 8. April 1921: «Sozialwissenschaft und soziale Praxis», während des Kurses «Anthroposophie und Fachwissenschaften», in: Die befruchtende Wirkung der Anthroposophie aufFachwissenschaften, GA 76. Stuttgart, 25. Mai 1921: öffentlich: «Anthroposophie und Dreigliederung. Von ihren Wesen und zu ihrer Verteidigurig», in Die Anthroposophie und ihre Gegnek GA 255b. Dornach, 27. Juni 1921: öffentlich: «Das selbstständige Geistesleben im dreigliedrigen sozialen Organismus», in vorliegendem Band. Bad Griesbach, 26. August 1921: Ermordung des ehern. deutschen Finanzministers Matthias Erzberger durch rechtsradikale Kreise. Dornach, 11. Oktober 1921 bis 16. Oktober 1921: Rednerkurs für Schweizer Dreigliederungs-Aktivisten, in: Anthroposophie, soziale Dreigliederung und Redekunst, GA 335. Kristiania, 30. November 1921: Vortrag für den Staatsökonomischen Verein über «Die Kardinalfrage des Wirtschaftslebens», in: Die Wirklichkeit der höheren Welten, GA 79. Kristiania, 2. Dezember 1921, öffentlich: «Die Notwendigkeit einer Kulturerneuerung», in: Die Wirklichkeit der höheren Welten, GA 79. Berlin, 9. März 1922: Einleitungsvortrag «Anthroposophie und Sozialwissenschaft», in: Emeuerungs-lmpdse für Kultur und Wissenschaft. Berliner Hochschulkurs, GA 81. München, 15. Mai 1922: StÖrungen und Versuch eines tätlichen Angriffs auf Rudolf Steiner am Ende seines Vortrags «Anthroposophie und Geisteserkenntnis», in: Das Wesen der Antbroposopbie, GA BOa, Dokumentation in Archiumagazin 8, Dezember 2018). Rudolf Steiner geht daraufhin keine weiteren Verpflichtungen für öffentliche Vorträge in Deutschland mehr ein. Wien, I. Juni 1922 bis 12. Juni 1922: «YYest-Ost-Kongressm Erfolgreichste Aktion des sonst nahezu bedeutungslosen Österreichischen Dreigliederungsbundes. ln: Westliche und östliche Weltgegensätzlicbkeit, GA 83. Vorträge über «Anthroposophie und Wissenschaftem und «Anthroposophie und Soziologie», besonders folgender Vortrag: Wien, 11. Juni 1922: «Die Kernpunkte der sozialen Frage», in: Westliche und östliche Weltgegensätzlicbkeit, GA 83. Letzte öffentliche Darstellung der Dreigliederung des sozialen Organismus. Berlin, 24. Juni 1922: Ermordung des deutschen Außenministers Walther Rathenau durch Rechtsradikale. Dornach, 24. Juli 1922 bis 6. August 1922: Nationalökonomiscber Kurs, GA 340. Dornach, 31. Juli 1922 bis 5. August 1922: Nationalökonomisches Seminak GA 341. Oxford, 26. August 1922 bis 29. August 1922: Drei letzte Vorträge über die soziale Frage während des Erzieherkongresses «Spiritual Values in Education arid Social Life», in: Die geistigseelischen Grundkräfte der Erziehungskunst, GA 305. Zu dieser Ausgabe Entstehung Im Jahr 1919, inmitten der revolutionären Wirren der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, begann Rudolf Steiners öffentliches Wirken für die Dreigliederung des sozialen Organismus. Geboren wurde die Dreigliederungsidee im Mai 1917 durch die Frage Otto von Lerchenfelds, dem Neffen des bayrischen Gesandten in Berlin, Graf Hugo von Lerchenfeld, an Rudolf Steiner, was in der desolaten politischen Lage zu tun sei. Otto von Lerchenfeld war Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft. Rudolf Steiner stellte ihm die Idee der sozialen Dreigliederung dar, die er im Juli 1917 in einem Memorandum dann auch schriftlich niederlegte (zwei Fassungen des Memorandums sind in Aufsätze über die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage, GA 24, abgedruckt). Otto Lerchenfeld und ein weiteres beigezogenes Mitglied, Ludwig Polzer-Hoditz aus Österreich, Bruder des österreichischen Kabinettchefs Arthur Polzer-Hoditz, sowie auch Steiner selbst versuchten vergebens, maßgebliche Persönlichkeiten dafür zu interessieren, darunter Staatssekretär Richard von Kühlmann und später, im Januar 1918, Prinz Max von Baden. Am 14. November 1917 sprach Rudolf Steiner in einem Vortrag in Zürich erstmals öffentlich von drei Gebieten im sozialen Leben, dem wirtschaftlichen, dem moralischen (geistigen) und dem Rechtsleben, ohne jedoch diese Idee weiter auszuführen (in: Die Ergänzung der Facbwissenscbaften durch Anthroposophie, GA 73). AIs in Deutschland 1918 die Novemberrevolution ausbrach, begann Rudolf Steiner, in Dornach in Mitgliedervorträgen über soziale Themen und die Dreigliederung zu sprechen (in: Entwicklungsgeschichtliche Unterlagen zur Bildung eines sozialen Urteils, GA 185a). Ende Januar 1919 suchten drei in Stuttgart tätige Anthroposophen, derJurist Roman Boos, der Kaufmann Hans Kühn und der Direktor der Waldorf Astoria Zigarettenfabrik Emil Molt, Rudolf Steiner zu einer Besprechung über ein Öffentliches Wirken im Sinne dieser Ideen auf, worauf dieser den Aufruf An das deutsche Volk und die Kulturwelt (gedruckt als Flugblatt und im Anhang in: Die Kernpunkte der sozialen Frage, GA 23, heute auch in: Aufsätze über die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage, GA 24) verfasste. Zunächst legte er dafür die Grundlagen in Vorträgen in der Schweiz, in Zürich, Bern, Winterthur und Basel. Die Zürcher Vorträge - sie sind erschienen in Die soziale Frage (GA 328) - arbeitete er zu seinem Buch Die Kernpunkte der Sozialen Frage (GA 23) aus, das Ende April 1919 erschien. Dann folgten, gleichsam als Generalprobe für die Tätigkeit in Deutschland, Vorträge, zu denen vor allem Arbeiter eingeladen wurden, wie der vom 4. April im Goetheanum in Dornach. Um Ostern 1919 verlagerte Rudolf Steiner seine Tätigkeit nach Stuttgart, um mit seinen Mitarbeitern, die dort schon begonnen hatten zu wirken, eine Volksbewegung für die Dreigliederung ins Leben zu rufen. Nach anfänglichen Erfolgen, vor allem bei der Arbeiterschaft, regte sich jedoch immer mehr Widerstand seitens der etablierten Parteien und Politiker, sodass die Dreigliederungsbewegung schließlich versandete. Das Hauptgewicht wurde dann auf die Erneuerung des geistigen Lebens gelegt. Eine bleibende Errungenschaft der Dreigliederungsbewegung war neben den Impulsen zur Erneuerung von Wissenschaft, Kunst und Religion, die in zahlreichen Fachkursen gegeben wurden, die Stuttgarter Waldorfschule als erste freie Schule. Die Vorträge dieses Bandes, die alle bisher noch nicht in der Rudolf Steiner Gesamtausgabe veröffentlicht waren, stammen aus verschiedenen Phasen der Dreigliederungsbewegung in Deutschland und der Schweiz. Die Berner und Basler Vorträge von 1919 sowie derjenige in Winterthur wurden parallel zu denjenigen in Zürich gehalten, sie gehören also zur Grundlegungsphase. Während der Berner Vorträge fand, ebenfalls in Bern, erstmals wieder seit dem Ersten Weltkrieg, vom 3. bis zum 10. Februar 1919, eine internationale sozialistische Konferenz statt, zu der auch der damalige sozialdemokratische bayrische Ministerpräsident Kurt Eisner gekommen war, mit welchem Rudolf Steiner ein Gespräch über die Veröffentlichung von deutschen Akten zum Kriegsausbruch führte. Kurt Eisner wurde am 21. Februar, also kurze Zeit später, erschossen. Zu den Vorträgen in Bern kam auch Ralph Courtney, Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, aus den Vereinigten Staaten von Amerika, welcher damals für die New Yorker Zeitung Tribune tätig war. Es kam zu einer Unterredung mit Rudolf Steiner, in welcher Courtney den Wunsch äußerte, in Amerika für die Dreigliederungsbewegung tätig zu sein. Rudolf Steiner gab ihm Autoreferate der Vorträge mit. Diese Manuskripte galten lange Zeit als verschollen und gelangten erst 2008 wieder an das Rudolf Steiner Archiv; sie waren erstmals in englischer Übersetzung im NewsletterAntbroposopbicalSociety in America, ed. Gisela O'Neil, Winter 1982-83, p. 6-10 verÖffentlicht worden. Im vorliegenden Band erscheinen sie, den Vorträgen vorangestellt, zum ersten Mal original in deutscher Sprache. Während der Mannheimer Vorträge im Juli 1919 war die Bewegung für die Dreigliederung in Baden-Wiirttemberg tätig, vorwiegend im Rahmen der Betriebsrätebewegung, jedoch war schon der Widerstand von rechter wie linker Seite erwacht. Die erste Nummer der Wochenzeitung des Bundes für Dreigliederung Dreigliederung des sozialen Organismus war am 11.Juli 1919 erschienen. Man bemühte sich nun, neben dem wirtschaftlichen Aspekt in der Betriebsrätebewegung, mit der Gründung eines Kulturrates und der Freien Waldorfschule in Stuttgart vermehrt auch das freie Geistesleben zu fördern. 1920 war die Betriebsrätebewegung im Sinne der Dreigliederung gescheitert, dafür war nun auf wirtschaftlichem Gebiet der Versuch gemacht worden, Unternehmungen - Der Kommende Tag AG in Deutschland, Futurum AG in der Schweiz - auf der Grundlage der Dreigliederungsidee zu begründen. In diesem Zusammenhang steht der Dornacher Vortrag vom 25. Mai 1920. Der Vortrag, dem der öffentliche Pfingst-Vortragszyklus über die Philosophie des Tbomas uon Aquino (GA 74) vorangegangen war, war als Festvortrag anlässlich der Gründung der Futurum AG gedacht gewesen: Am Pfingstdienstag, dem 25. Mai, sollte eigentlich die schon mehrmals verschobene Gründung stattfin den. Es fand eine Versammlung statt, in welcher deren Statuten verabschiedet wurden. Aufgrund von juristischen Mängeln konnte aber die Gründung am 25. Mai 1920 noch nicht vollgültig erfolgen; sie erfolgte amtlich erst am 16. Juni 1920. (Näheres siehe: Alexander Lüscher: RudolfSteiner und die ·Futurum A. Gm, Diss., Bern 2002, S. 108-111.) Die Angriffe gegen die Anthroposophie waren in der Schweiz wie in Deutschland immer heftiger geworden. Schon im Dornacher Vortrag vom 25. Mai 1920 waren sie angeklungen, in welchem Rudolf Steiner mit der Ausräumung von Missverständnissen begann; er war gezwungen, in weiteren Vorträgen die Anthroposophie und die Dreigliederung zu verteidigen (siehe Anthroposophie und ihre Gegner, GA 255b). Im Freiburger Vortrag vom 18. November 1920 stand hingegen vor allem das freie Geistesleben im Mittelpunkt, das durch Anthroposophie erreicht werden kann und im Praktischen wirksam wird. Im Stuttgarter Vortrag vom 7. Januar 1921, im Siegle-Haus, ging es um Wirtschaftsfragen, besonders um die Assoziationen. Diesem Vortrag war ein Vortrag ·Geisteswissenschaftliche Ergebnisse und Lebenspraxis» zur Verteidigung gegen Gegnerschaften vorangegangen (Stuttgart, 4. Januar 1921, in: Die Anthroposophie undibre Gegnek GA 255b). In der Schweiz wurde 1921 nach einem von Willy Storrer angeregten Rednerkurs (siehe Anthroposophie, soziale Dreigliederung undRedekunst, GA 339) von Rudolf Steiner, Storrer und weiteren Rednern nochmals eine Reihe Vorträge über Dreigliederung gehalten, zu welchen der Vortrag in St. Gallen gehört. Den Abschluss des Bandes bildet der Vortrag in Dornach über das selbstständige Geistesleben im dreigliedrigen sozialen Organismus, der im Zusammenhang mit der Generalversammlung des Vereins des Goetheanum gehalten wurde. Im Anhang finden sich Zeitungsartikel, Notizbucheintragungen und die Wandtafelzeichnungen zum Vortrag vom 27. Juni 1921. Weitere Dokumente zur Dreigliederungszeit werden im Archiumagazin 9/2019 publiziert. Textgestalt Textgrundlagen: Die meisten Vorträge wurden von der offiziell beauftragten Berufsstenografin Helene Finckh mitgeschrieben. Eine Aufzeichnung zum Stuttgarter Vortrag vom Z Januar 1921 stammt von Eugen Kolisko. Es handelt sich um eine Seite mit teils stenografischen Notizen. Das Stenogramm der Vortragsmitschrift selbst ist nicht erhalten. Diese Stenogramme konnten bei Textfragen konsultiert werden. Von den Vorträgen in Freiburg und Mannheim ist nicht bekannt, auf wen die vorhandenen Mitschriften zurückgehen, ebenso wenig von dem Vortrag in St. Gallen. Die genauen Angaben zu den Textgrundlagen der einzelnen Vorträge finden sich im Hinweisteil vor den Hinweisen zum jeweiligen Vortrag, es ist jeweils die Vortragsregisternummer angegeben, fußend auf dem Werk von Hans Schmidt: Das Vortragswerk RudolfSteinen, Dornach 1950. Titel: Die einzelnen Vortragstitel stammen vermutlich von Rudolf Steiner und entsprechen, soweit bekannt, dem Wortlaut in den Ankündigungen beziehungsweise im oben genannten Werk von Hans Schmidt. Der Titel des Bandes wurde nach einem Vortragstitel von der Herausgeberin gewählt. Textkorrekturen und Text'uarianten: Den Vorträgen dieses Bandes liegt jeweils nur eine Mitschrift beziehungsweise ein Stenogramm zugrunde; meistens gibt es mehrere Abschriften. Als Textgrundlage gilt die maschinenschriftliche Übertragung des Stenogramms. Das Stenogramm wurde bei Textfragen konsultiert. Einzelne fragliche Stellen, an welchen Wortlaut von maschinenschriftlicher Übertragung und Stenogramm nicht übereinstimmen, werden in den Hinweisen erläutert. Korrekturen nach dem Stenogramm und Eingriffe der Herausgeberin stehen in eckigen Klammern. Genauere Angaben finden sich bei den Hinweisen unter dem jeweiligen Vortrag. Die Korrektur von offensichtlichen Grammatik- oder Schreibfehlern ist nicht nachgewiesen. Die Wiedergabe der Textgrundlagen folgt den im Arcbiumagazin Nr. 5/2016 publizierten Editionsrichtlinien, was eine möglichst transparente und quellennahe Herausgabe ermöglichen soll. Schreibweise: Die Rechtschreibung wurde modernisiert. Die Schreibweise des Wortes «Entwicklung» beziehungsweise «Entwickelung» wurde vereinheitlicht zu «Entwicklung», wie es oft in den Mitschriften lautet. In den Stenogrammen wird das Wort in der Regel abgekürzt. Hinweise zum Text Zu den Autoreferaten Textgrundlagen: Manuskript Rudolf Steiners. Hervorhebungen im Text geben Unterstreichungen des Autors wieder. Korrekturen Rudolf Steiners sind ohne Kennzeichnung im Text ausgeführt worden. Eckige Klammern stammen von der Herausgeberin. Die Rechtschreibung wurde angepasst. Beide Aufsätze tragen außer der ursprünglichen noch eine zweite Seitennummerierung mit Bleistift, die mit S. 2 beginnt und den ersten und zweiten Aufsatz umfasst. Das lässt vermuten, dass es noch eine erste Seite gab, die verloren ist - vielleicht eine Titelseite oder einige Zeilen für Ralph Courtney, der diese Aufsätze bzw. Autoreferate nach Amerika mitnahm, um sich dort für die Dreigliederung einzusetzen. zu Seite 15 der kriegerischen Katastropbe: Gemeint ist der Erste Weltkrieg (19141918). 18 /Angebot und Nacbfrage/: Sinngemäße Korrektur durch die Herausgeberin, statt: «Anfrage und Nachgebotm 19 der Homunculus der mittelalterlichen Alchymisten: Zum Homunculus vgl. Rudolf Steiners Ausführungen im Dornacher Mitgliedervorträg vom 18. Februar 1923, in Erdenwissen und Himmelserkenntnis, GA 221, 4. Aufi. 2015, S. 125: «Wenn man im Mittelalter trachtete, in der Retorte den Homunkulus darzustellen, so war dieser Gedanke der Darstellung eines 'Wesens aus Ingredienzen nicht als Urzeugung gedacht in dem Sinne, wie etwa die spätere Naturforschung von der Urzeugung gesprochen hat, sondern es war wie ein Herauszaubern eines bestimmten Lebendigen aus dem unbestimmten lebendigen All gedacht. Man dachte noch nicht das Weltall als Mechanismus, als To[es.» in meinem Buche über «Seelenrätsel»: Rudolf Steiner: Von Seelenrätseln [1917], GA 21, 5. Aufi. Dornach 1983. Zum Vortrag uom 6. Februar 1919 Textgrundlagen: Der Text folgt der Mitschrift von Helene Finckh, Vortragsregister-Nr. 3652 II, maschinenschriftliche Übertragung aus Stenogramm F 159. Zu diesem und dem nächsten Vortrag gibt es auch Autoreferate sowie (nicht datierte) Eintragungen in Notizbuch NB 97 (beide in diesem Band). Text in eckigen Klammern stammt, wenn nicht in den Hinweisen nachgewiesen, von der Herausgeberin. Der Vortrag fand im Großratssaal der Stadt Bern stau. 26 Lehrer an einer Arbeiterbildungsschule: Von 1899 bis 1904. Vgl. Mein Lebensgang, GA 28, 9. Aufi. Dornach 2000, S. 375-379. 28 /wovon/gerade: Korrektur in der maschinenschriftlichen Übertragung, aus «warum» («warum» auch im Stenogramm). Karl Marx: Karl Marx (1818-1883), Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus und des historischen Materialismus. 29 Hauptmanns «Weber»: Gerhart Hauptmann (1862-1946), Schriftsteller (Dramatiker) des Naturalismus; Die Weber, 1892. 31 ·Die Natur macht doch keine Sprünge»: Der englische Naturforscher Charles Darwin (1809-1882) schreibt in Die Entstehung der Arten (Kapitel 6, Stuttgart 1867, S. 240): «Es ist gewiss richtig, dass neue Organe sehr selten oder nie plötzlich bei einer Klasse erscheinen, als ob sie für irgendeinen besondern Zweck erschaffen worden waren; - wie es auch schon durch die alte, obwohl etwas übertriebene naturgeschichtliche Regel Natura non facit saltuiw anerkannt wird. [...] Warum hatte die Natur nicht einen Sprung von der einen Organisation zur ändern gemacht? Nach der Theorie der natürlichen Zuchtwahl können wir einsehen, warum sie dies nicht getan hat; denn die natürliche Zuchtwahl wirkt nur dadurch, dass sie sich kleine allmähliche Abänderungen zunutze macht; sie kann nie einen großen und plötzlichen Sprung machen, sondern muss mit kurzen und sicheren, aber langsamen Schritten vorschreiten.» Der Ausspruch ·Die Natur macht keine Spriiünge» geht eigentlich auf die griechische Philosophie zurück, vergleiche Aristoteles' Gedanke der Stetigkeit in der Natur (z. B. Metaphysik, VII, 16, 1040 b15). Die lateinische Formulierung «Natura non facit saltus» stammt von Carl LinnC, siehe dessen Pbilosopbia botanica (Stockholm 1751, Nr. 77), sie findet sich aber in ähnlicher Form schon 1613 in einer Abhandlung von Jacques Tissot: Discours vCritable de la vic, mort et des os du gCant Tbeutobocus ..., wiederabgedruckt in: Edouard Fournier, VarietCs bistoriques et litteraires, Bd. IX (Paris 1859), auf S. 248: «[...] natura enim in suis operationibus non facit saltum»; Leibniz (1646-1716) griff sie ebenfalls auf, siehe dessen Neue Aufsätze (Nouueaux essais sur l'entendement humain, 1756) Vorwort und Kapitel IV, 16. 32 fable convenue: Aus dem Französischen: eine erfundene, aber als Wahrheit akzeptierte Geschichte. 38 die Brunos ... die Galileis: Giordano Bruno (1548-1600), italienischer Dichter, Philosoph und Astronom, wegen «Ketzerei» hingerichtet; Gallleo Galilei (1564-1642), italienischer Universalgelehrter, Astronom. Zu Bruno siehe auch Die Mystik im Aufgänge des neuzeitlichen Geisteslebens, GA 24, Kapitel «Giordano Bruno und Angelus Siksius», zu ihm und Galilei siehe auch den Berliner öffentlichen Vortrag vom 26. Januar 1911 ·Galilei, Giordano Bruno und Goethe» in: Antworten der Geisteswissenschaft aufdie großen Fragen des Daseins, GA 60. 41 Plato und Aristoteles: Platon (427-347 v. Chr.), Aristoteles (384-322 v. Chr.). Vgl. Platons Politeia und Aristoteles' Politik. die menschliche Arbeitskraft sei nicht mehr Ware, /sie/ könne ...: Q¢sic· wurde von der Herausgeberin ergänzt. In der maschinenschriftlichen Übertragung folgt nach «könne» eine Lücke; im Stenogramm ist vor «könne» eine Lücke; vermutlich - das ist ein übliches Verfahren der Stenografin - für die Wiederholung von «dk menschliche Arbeitskraf>. 43 Wir sehen, wie die Hinneigung besteht ...: Korrekturen in diesem Satz nach dem Stenogramm. Zum Vortrag vom 7. Februar 1919 Textgrundlagen: Der Text folgt der Mitschrift von Helene Finckh, Vortragsregistcr-Nr. 3653 I, maschinenschriftliche Übertragung aus Stenogramm F 159. Text in eckigen Klammern ohne anderweitigen Hinweis stammt von der Herausgeberin. 47 die Wagner im Goethe'scben ·Faust> zu seinem «Homuncubcs»: Siehe Faust, 2. Teil, 2. Akt, «Laboratorium». Johann Wolfgang von Goethe, (1749-1832), deutscher Dichter und Naturforscher. Siehe auch Hinweis zu S. 19. 50 in meinem Buche Alon Seelenrätseln·< Siehe den entsprechenden Hinweis zu S. 19. uon solchen Biologen, wie Z.B. durch /Lücke in der Mitscbrift/: Der Name war im Stenogramm nicht zu entschlüsseln. Möglicherweise meint Rudolf Steiner Oscar Hertwig (1849-1922), der, wie er im Vortrag vom 16. Februar 1921 referiert, derartige Aussagen gemacht hat. Vgl. Wie wirkt manfür den Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus, GA 338, 5. Aufi. Dornach 1983, S. 161. 51 durch scbäjße undjetzt wiederum in dem Buch ·Weltmutatiom: Albert E. F. Schäffle (1831-1903), NationalÖkonom, schrieb: Bau und Leben des socialen Körpers, 4 Bde., Tübingen 1875/78; Carl Horvath von Meray (od. Meray-Harvath), ungar. Käroly MCray-Horväth (1859-1938), Soziologe, Schriftsteller, Verfasser von: Weltmutation. Scböpfungsgesetze über Krieg undFrieden und die Geburt einer neuen Zivilisation, Zürich 1918. 56 girierte: So viel wie «in Umlauf SCtZtCm 59 in einem Artikel: Siehe «Theosophie und soziale Frage» [Oktober 1905], in: Lucifer- Gnosis 1903-1908. Grundlegende Aufsätze zur Anthroposophie und Berichte, GA 34. 60 ebenso wenig [volkswirtscbaftlicb leben]...: Korrekturen nach dem Stenogramm. 64 sie sich abspielten da, ü/'o rein /of/iziell/, /inof/iziell]nocb ...: Korrekturen nach Stenogramm; in der maschinenschriftlichen Übertragung ist an dieser Stelle eine Lücke. 66 [Verdauungs/system: Sinngemäße Korrektur durch die Herausgeberin; mutmaßlicher Hörfehler; ursprünglicher Wortlaut: Nertrauenssystem». von denen [einer/: Sinngemäße Korrektur seitens der Herausgeberin, statt «es». 69 /Kriegs]katastropbe ... /Diplomaten/: Korrekturen nach dem Stenogramm, in der maschinenschriftlichen Übertragung steht ·Krisis-katastrophe» bzw. «diplomatische». 70 etwas u'ie ein soziales Karzinom: Am 14. April 1914 in Wien (in: Inneres Wesen des Menschen und Leben zuniscben Tod und neuer Geburt, GA 153), bes. S. 174. hatte ich manchem ... vorgelegt: Unter anderem Prinz Max von Baden (1876-1929), Staatssekretär Richard von Kühlmann (1873-1948), Arthur Polzer-Hoditz (1870-1945), Kabinettchef Österreich-Ungarns. 72 Bülow unter Wilhelm II.: Möglicherweise meint Rudolf Steiner das Buch des ehemaligen deutschen Reichskanzlers Bernhard von Bülow (1849-1929): Deutsche Politik, Berlin 1916 (in Rudolf Steiners Bibliothek, Sign. RSB G 107). 73 /ja etwas anderes begründen tuird/... [anstrengt]: Korrekturen nach dem Stenogram m. Meine ·Philosopbie der Freiheit»: Rudolf Steiner: Die Philosophie der Freiheit [1894], GA 4, 2. Aufi. 1918, 16. Aufi. Dornach 1994. 74 ln der Morgenröte der neueren /Zeit/: Korrektur durch die Herausgeberin nach Korrekturvorschlag in der maschinenschriftlichen Übertragung, statt «Freiheit»; im Stenogramm steht ebenfalls «Freiheit». 74f. /Beobachten und Handeln und Wollen/: In der maschinenschriftlichen Übertragung durchgestrichen; steht aber so im Stenogramm. 75 ein armer Knabe ... Newcomen-Dampfmaschine: Der Knabe hieß Humphrey Potter; die Erfindung gelang ihm im Jahre 1712 oder 1713. Die von dem Schmied Thomas Newcomen (1663-1729) erfundene atmosphärische Dampfmaschine diente zur Wasserhaltung in Bergwerken. Zum Vortrag vom 13. Februar 1919 Textgrundlagen: Der Text folgt der Mitschrift von Helene Finckh, Vortragsregister-Nr. 3658 I, maschinenschriftliche Übertragung aus Stenogramm F 156. Text in eckigen Klammern im Text ohne Nachweis stammt von der Herausgeberin. Vortragsort: Konzertsaal im Stadtcasino. 81 Lehrer an einer Arbeiterbildungsschule: Siehe Hinweis zu S. 26. 82 Hauptmanns «Weber»: Siehe Hinweis zu S. 29. 84 in Vorträgen, die ich durch Jahre bindurcb hier in Basel bähen durfte: Rudolf Steiner hielt seit 1905 fast jedes Jahr in Basel öffentliche Vorträge, von welchen einige noch nicht in der Gesamtausgabe veröffentlicht sind bzw. keine Mitschriften vorhanden sind. Möglicherweise ist hier besonders der Vortrag vom 13. März 1914 gemeint, in welchem er über religiöse und soziale Strömungen der Gegenwart gesprochen hatte (in: Geisteswissenschaft und die geistigen Ziele unserer Zeit, GA 69e, I. Aufi. Basel 2017), bzw. der Vortrag vom 8. November 1918, von welchem Notizen sowie ein Briefzeugnis von J. M. Bruinier überliefert sind: ·Gestern Abend hat Dr. Steiner in dem letzten seiner öffentlichen Vorträge auf eine Weise - wie wohl noch nie vorher - sich zu einer Posaune gemacht, durch die aus lichteren Welten ein (Wacht auf!) in unser schläfriges Ohr geschrieen wurde und wodurch das gute Basel bis zur Rheinbriicke gezittert hat. Die Menschen saßen verstört da, und als der Sturm vorbei war schauten sie mit runden Augen und verdutzten Mienen dem Manne nach, der durch den Saal ging, um einige Bekannte zu begrüßen. Viel eher hätten sie erwartet, dass er mit flammendem Schwert direkt durch die Decke in einem Abgrund von Licht verschwinden würde.» (Nach Christoph Lindenberg: Rudol/Steiner - Eine Chronik, Stuttgart 1988, S. 397.) dass die Natur nirgends Sprünge mache: Siehe Hinweis zu S. 31. 89 Giordano Bruno, Galilei: Siehe Hinweis zu S. 38. Kepler: Johannes Kepler (1571-1630), Mathematiker, Astronom. Zu Kepler siehe auch die Berliner öffentlichen Vorträge vom 9. November 1911 (in: Menschengeschichte im Lichte der Geistesforscbung, GA 61) und vom 10. April 1913 (in: Ergebnisse der Geistesforscbung, GA 62). Kepler wie auch Giordano Bruno sahen laut Rudolf Steiner die Erde noch als Organismus an (ebd., S. 473). 90 [bineinzusenden/: Korrektur durch die Herausgeberin nach Vergleich mit dem Stenogramm, statt «hineinsendend». 94 Karl Marx: Siehe den entsprechenden Hinweis zu S. 28. 97 /K/ein irgendwie den Menschen: Im Stenogramm und in der maschinenschriftlichen Übertragung «ein», müsste sinngemäß «kein» heißen. Zum Vortrag uom 14. Februm 1919 Textgrundlagen: Der Text folgt der Mitschrift von Helene Finckh, Vortragsregister-Nr. 3659 I, maschinenschriftliche Übertragung aus Stenogramm F 156. Text in eckigen Klammern ohne anderweitigen Hinweis: Handschriftliche Korrekturen in der maschinenschriftlichen Übertragung nach dem Stenogramm, ansonsten stammt er von der Herausgeberin. 102 wo Wagner in der Retorte den Homunkulus ... erzeugt: Siehe Hinweise zu S. 47 und 19. 104 hier in Baselinfrüheren Vorträgen: Siehe zum Beispiel den Vortrag vom 23. November 1917, in: Freiheit, Unsterblichkeit, Soziales Leben, GA 72. in meinem Buche Non Seelenrätselm: Siehe den entsprechenden Hinweis zu S. 19. 106 schäj/le: Siehe Hinweis zu S. 51. /Meray]... ·Weltmutatiom: Korrektur durch die Herausgeberin, statt ·Gehring», siehe auch Hinweis zu S. 51. 109 ich habe gestern: Siehe vorigen Vortrag. 112 in den Tiefen der menschlichen Seelen, in [den Tiefen] der Proletarierseelen: Ergänzung nach dem Stenogramm. im Sinne von /Angebot/ und Nachfrage: Korrektur nach Stenogramm, statt «Notwendigkeit». 114 im gesunden menschlichen [sozialen] Organismus: Sinngemäße Ergänzung durch die Herausgeberin. 117 die physiokratische Schule: Hauptvertreter war der Franzose FranCois Quesnay (1694-1774). 118 Man kann weder im Wirtschaftlichen, noch in bloßen starren konseruatiu wirkenden Rechtsgesetzen das Leben des sozialen Organismus drängen: Das Wort ·dränger> ist im Stenogramm nicht sicher zu entziffern. Gladstone: William Ewart Gladstone (1809-1898), englischer Liberaler, war viermal Premierminister. Das Zitat lautet wörtlich: «As the British Constitution is the most subtile organism which has proceeded from the womb arid the long gestation of progressive history, so the American Constitution is, so far as I can see, the most wonderful work ever struck off by the brain arid purpose of man.» In: ·Kin Beyond Sea», in Tbc North American Reuiew, September-October 1878, pp. 179-202, hier S. 185. 119 ein anderer Engländer: Nicht nachgewiesen. in dem /im/ Inneren nicht Abfallsprodukte der Verdauung erzeugt /u'erden]: Sinngemäße Ergänzungen durch die Herausgeberin. 122 irgendein junger Student ... ein junger Freund uon mir ... /Parenthesen/: Ein Kollege und Freund Steiners am Goethe-Archiv, August Fresenius (1850-1924), musste laut dem Altphilologen Ludwig Kleeberg (18851972) eine Dissertation über Schimpfwörter schreiben, Kleeberg selbst die Arbeit über die Parenthese bei Homer; siehe dessen Erinnerungen Wege und Worte, 2. Auf). 1961, S. 85-86 und 161. In der maschinenschriftlichen Übertragung steht statt «Parenthesen» irrtümlich «Parteien», Korrekturen nach dem Stenogramm. menscblicben /sozialen/ OTganismu$: Sinngemäße Ergänzungen durch die Herausgeberin. Möglicherweise müsste es an beiden Stellen heißen: ·gesunden sozialen Organismus». 123 in meiner «Philosophie der Freiheit»: Siehe Hinweis zu S. 73. 125 am 28. Februar: Siehe folgenden Vortrag. Zuvor sprach Rudolf Steiner am 26. Februar auch in Winterthur. Aufgrund der Zusammengehörigkeit der drei Basler Vorträge folgt hier der Winterthurer auf den letzten Basler Vortrag. 126 im Mai 1914: Gottlieb von Jagow (1863-1935), 1913-1916 Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, ab 1914 Außenminister, in einer Rede, siehe dessen Ursachen undAusbruch des Weltkrieges, Berlin 1919, oder Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg (1856-1921): Betrachtungen zum Weltkriege, Teil 1, Berlin 1919, S. 62. 127 da wurde von mir in Wien gesagt: Siehe den Mitgliedervortrag vom 14. April 1914 in Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod und einer neuen Geburt, GA 153, S. 174-175. 129 von Epoche zu Epoche die immerwährende soziale Frage im lebendigen Zusammenhänge gelöst werden wird: Im Stenogramm ist «immerwährende» oder «innerlichste» lesbar. Ersteres scheint im Kontext sinnvoller. 130 ein sehr bekannter Herr: Nicht nachgewiesen. der arme Knabe: Siehe Hinweis zu S. 75. Zum Vortrag vom 28. Februar 1919 Textgrundlagen: Der Text folgt einer Mitschrift von Helene Finckh, Vortragsregister-Nr. 3667 I, maschinenschriftliche Übertragung aus Stenogramm F 162, mit handschriftlichen Korrekturen Helene Fincks. Text in eckigen Klammern ohne Nachweis stammt von der Herausgeberin. 133 im [gescbicbtlicben/Hergang: Handschriftliche Korrektur in der maschinenschriftlichen Übertragung nach dem Stenogramm, statt ·sinnlichen». 134 /gesellscbafts]reformeriscben: Handschriftliche Ergänzung in der maschinenschriftlichen Übertragung nach dem Stenogramm. in den Vorträgen, die ich schon halten durfte: Die beiden vorangehenden Vorträge vom 13. und 14. Februar 1919 in Basel. 137 /durch die] menschliche Gesellschaft ... [ver/braucht: Handschriftliche Korrekturen in der maschinenschriftlichen Übertragung nach dem Stenogramm, statt «in der» und «gebrauchtm 138 Die Ware, die /der/ Arbeitnehmer: Handschriftliche Korrektur in der maschinenschriftlichen Übertragung nach dem Stenogramm. 138 als ihm möglich /ist/: Handschriftliche Korrektur in der maschinenschriftlichen Übertragung nach dem Stenogramm. 140 auf diesem /Gebiete/: Handschriftliche Korrektur in der maschinenschriftlichen Übertragung nach dem Stenogramm. 141 Anders steht /es/: Handschriftliche Korrektur in der maschinenschriftlichen Übertragung nach dem Stenogramm. 144 dass das alles nur Surrogate /sind/: Handschriftliche Korrektur in der maschinenschriftlichen Übertragung nach dem Stenogramm. nach der Natur/notwendigkeit/: Handschriftliche Korrektur in der maschinenschriftlichen Übertragung. Im Stenogramm ist auch lesbar «Naturanlage», was zuerst in der maschinenschriftlichen Übertragung stand. 150 dieproletarische Seele [erfüllt]: Einfügung durch die Herausgeberin; in der maschinenschriftlichen Übertragung handschriftlich als Variante vorgeschlagen statt «verdecktm U7äs ihm Antwort aufdie Frage /gibt/: Was bin ich /eigentlich/als Mensch in der Welt und in der Gesellschaft/swissenschaft/ selbst' %ibt» ist eine handschriftliche Einfügung in der maschinenschriftlichen Ubertragung; die übrigen Ergänzungen nach dem Stenogramm. 151 ein Naturforscher Vogt: Carl Vogt (1817-1895), Naturforscher und engagierter Demokrat, Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung 1848/49, Autor von Pbysiologiscbe Briefe für Gebildete aller Stände, Tübingen 1857. Von Karl Marx gibt es eine StreitschriftHerr Vogt (1860). ein naturwissenschaftlicher Popularisatorwie Büchner: Ludwig Büchner (1824-1899), Arzt und Philosoph, Darwinist und Materialist, Autor von Kraft und Stoff(1855) und Darwinismus und Sozialismus (1894), Bruder des Schriftstellers Georg Büchner. 152 Ich stand einmal: Zur Eröffnung der Arbeiterbildungsschule in Spandau sprach Rosa Luxemburg (1871-1919) am 12. Januar 1902 über das Thema ·Die Wissenschaft und der Arbeiterkampf»; anschließend sprach Rudolf Steiner zum selben Thema (keine Mitschrift vorliegend). In der Zeitschrift Die Laterne (Nr. 3, 3. Jg. 19. Januar 1902) wurde Folgendes berichtet: «Versammlungen. Zu einer imposanten Weibefeier gestaltete sich die Öffentliche Versammlung, welche aus Anlass der Gründung einer Bildungsschule zum letzten Sonntag einberufen worden war. Die Versammlung, welche auch von Frauen gut besucht war, lauschte aufmerksam dem fesselnden Vortrage unserer Genossin Dr. Luxemburg, die ein anschauliches Bild davon, wie schwer jede Wissenschaft von jeher gegen stupides Vorurteil oder die Unterdrückungsversuche der in ihrer Herrschaft bedrohten Gewalthaber hat ankämpfen müssen, wie sie aber trotz alledem, trotz Torturen und Martern aller Art, trotz Zuchthausgesetz usw., sich noch stets siegreich durchgerungen. Die Referentin unterzog dann die bürgerliche Wissenschaft einer Prüfung auf ihren geschichtlichen Wert und kennzeichnete den entschiedensten Gegensatz zwischen dieser und der proletarischen Wissenschaft. Heute, so führte sie aus, steigen bürgerliche Professoren nur deshalb ·zu dem Volk hinab», um aus diesem gefügige Werkzeuge für Flotten und Zolluorlagen usw. beim Volke Propaganda zu machen. Rednerin schloss unter lautem Beifall mit der Mahnung, die proletarische Wissenschaft jederzeit hoch zu halten und darum auch die neugegründete Bildungsschule lebensfähig zu gestalten. Hierauf machte Dr. Steiner längere, temperamentvolle Ausführungen, indem er seine vollste Übereinstimmung mit der Referentin kundgab.» Rudolf Steiner berichtet selber davon auch im Vortrag vom 27. Oktober 1918 in Dornach, in: Geschichtliche Symptomatologie, Dornach GA 185, 3. Aufi. Dornach 1982, S. 149: «[...I als ich hinterher, nachdem die Rosa Luxemburg ihre Rede über <dic Wissenschaft und die Arbeiter· gehalten hatte, gerade daran anknüpfte, dass ein wirkliches Fundament schon daläge: das wäre, Wissenschaft geistig zu erfassen, das heißt, aus dem Geiste heraus nach einer neuen Lebensgestaltung zu suchen, da fand ich mit solchen Dingen immer einige Zus[immung.» 152 mit der kürzlich tragisch untergegangenen Rosa Luxemburg: Rosa Luxemburg war beim Januaraufstand 1919 wie auch Karl Liebknecht von Regierungstruppen ohne Verfahren ermordet worden. [dieses Keimen, das zu einem unselig die Seele be/fruchtenden Erbgut geworden ist: Rekonstruktionsversuch. Hier ist eine unklare Stelle im Stenogramm; ein korrigierter Wortlaut «das zu einem unselig» steht in Bleistift über «dieses keimen die selig fruchtende», möglicherweise schlecht gehört, für ·dieses Keimen die Seelen b+[fruchtendes]». 157 seine eigene Gesetzgebung /und/ Verwaltung: Einfügung nach dem Stenogramm. Entwicklung /der/ Menschheit: Einfügung nach dem Stenogramm. 160 in ganz anderer/Art/: Nach dem Stenogramm. In der maschinenschriftlichen Übertragung ist handschriftlich «Weise» eingefügt. 161 reift /der/Ausblick: Handschriftlich eingefügt in der maschinenschriftlichen Übertragung nach dem Stenogramm. 163 Kataklysmen: Eigentlich ein Begriff aus der Geologie; ein Kataklysmus ist eine erdgeschichtliche Katastrophe (aus dem Griechischen: kataklysmos = Überschwemmung, Sintflut). 164 wie ein Aufruf: Rudolf Steiner: An das deutsche Volk undan die Kulturwelt! Flugblatt [1919], auch in: Die Kernpunkte dersozialen Frage [1919], V., Anhang, GA 23, 6. Aufi. Dornach 1976. ein demnächst erscheinendes Büchelchen: Oben genannte Kernpunkte der sozialen Frage. Zum Vortrag uom 26. Februar 1919 Textgrundlagen: Mitschrift von Helene Finckh, Vortragsregister-Nr. 3665 I, maschinenschriftliche Übertragung aus Stenogramm F 161. Korrekturen in eckigen Klammern ohne Nachweis erfolgten nach dem Stenogramm, die übrigen stammen von der Herausgeberin. 170 so wie eine über/reife/Frucht: Korrektur nach Stenogramm, statt «ijberreiche·. die erste [Geschichte] des Christentums: Korrektur nach Stenogramm, statt «Blijte». 175 Dasjenige, u'as unten [in der wahren Tiefe/ der Seelen wühlt, das ist dasjenige, worauf es ankommt: Korrektur nach Stenogramm; in der maschinenschriftlichen Übertragung ist an dieser Stelle eine Lücke. auf dem Vortragspult ... Rosa Luxemburg: Zu Rosa Luxemburg siehe Hinweis zu S. 152. «Vortragspuk» meint wohl «Vortragspodiurm . 176 ein Naturforscberwie Vogt ... wie zum Beispiel Büchner: Siehe Hinweise zu S. 151. 177 /Sagen/Sie nicht: Korrektur nach Stenogramm, statt ·Sehen Sie nich>. was nicht gerade ihre Interessen /Lücke in der Mitscbrift] im Laufefrüherer Zeiten herausgebildet hatte: Im Stenogramm ist hier nach einer Lücke eine nicht übertragene Stelle, die vermutlich so lautet: «diese Interessen tragen und haltenm Das Wort «gerade» ist nicht eindeutig zu lesen. 180 dadurch /stecken im modernen Wirtscbaftsleben/: Im Stenogramm ist hier eine Wiederholungslücke, die in der maschinenschriftlichen Übertragung falsch gedeutet wurde; dortiger Wortlaut: «dem Tausche unterliegen alsm von diese/m/Wirtschafts/leben/. /Das wegzureißen/ uon dem Menschen: Korrekturen nach dem Stenogramm. Wortlaut in der maschinenschriftlichen Übertragung: ·von dieser Wirtschaftsrichtung» und ·cweggerissen werden von dem Mcnschcrim 181 wo Wagner im Laboratorium: Siehe Hinweise zu S. 47 und 19. 182 in meinem letzten Buche «Von Seelenrä"tselm: Siehe den entsprechenden Hinweis zu S. 19. 187 vom Wirtschaftsleben ausgeschaltet werden: Im Stenogramm ist das Wort ·ausgeschaltm nicht eindeutig lesbar. 189 als im achtzehnten, am Ende des achtzehntenJahrhunderts ertönten die großen, gewaltigen Impulse durch die Französische Revolution: In der maschinenschriftlichen Übertragung irrtümlich «am Ende des 19. Jahrhunderts» (falsch gedeutete Wiederholungsliicke). 191 /nottäte/: Korrektur nach Stenogramm, statt ·nötig hätte». Zum Vortrag vom 4. April 1919 Textgrundlagen: Der Text folgt der Mitschrift von Helene Finckh, Vortragsregister-Nr. 3690 I, maschinenschriftliche Übertragung aus Stenogramm F 169. Text in eckigen Klammern ohne anderweitigen Hinweis stammt von der Herausgeberin. Die Stenografin hielt auch die Zwischenrufe fest, die in runden Klammern und Anführungszeichen wiedergegeben sind. Der Vortrag fand im Goetheanum-Bau statt. 194 Im Frühling desJahres 1914: Siehe Hinweis zu S. 70. der dazumal für die Ereignisse verantwortliche Außenminister: Siehe Hinweis zu S. 126. 197 die sozial denkenden Menschen ... seien wie Tiere: Wilhelm II. hat sich verschiedentlich in diesem Sinne geäußert. Siehe die Sammlung solcher Aussprüche in: Joachim Kiirenberg: Warallesfalsch? Das Leben Wilhelm II., Basel 1940, Kap. 60: «Der Kaiser und die Rcichstagsparteienm 199 an der Berliner Arbeiterbildungsscbule: Siehe Hinweis zu S. 26. Wilhelm Liebknecht: (1826-1900), Vater des Revolutionärs Karl Liebknecht (1871-1919). 200 der dicke Naturforscher Vogt, der natunuissenscbaftliche Popularisierer Büchner: Siehe Hinweise zu S. 151. mit der uot kurzem tragisch geendeten, in Berlin erscblagenen Rosa Luxemburg zu gleicher Zeit aufdem Podium: Siehe Hinweise zu S. 152. 203 der uer/lossene deutsche Kaiser... genannt bat: Siehe Hinweis zu S. 197. Karl Marx: Siehe den entsprechenden Hinweis zu S. 28. 206 Er muss doch ... seine Arbeitskraft verkaufen ... /als Ware]: Im Stenogramm folgen auf «doch» vier nicht zu entschlüsselnde Zeichenfolgen; «als Wäre»: Ergänzung nach dem Stenogramm. der letzte Rest der /mittelalterlichen/ Weltordnung ...: Im Stenogramm nicht eindeutig zu lesen. In der maschinenschriftlichen Übertragung stand erst ·sozialistischen», handschriftlich verbessert zu «mittelalterlichen»; nach «Weltordnung» folgt vermutlich «vom alten System» (nicht übertragen, nicht sicher zu lesen). wie zum Beispiel Rathenau ... in seinerneuesten Schrift ·Nacb der Flut»: Siehe Walther Rathenau (1867-1922): Nach der Flut, Berlin 1919, S. 18: «Die willkürliche Loslösung des Arbeitslohnes aus dem wirtschaftlichen Kreislauf führt nicht bloß zur Geldentwertung, sondern vor allem zur Einebnung der Wirtschaft bis auf den natürlichen Erdboden.· 207 f. die Heiligen und die Ritter ... Kirche und Staat zum Lohn: Goethe, Faust Il, 1. Akt, Vers 4906ff.: ·Die Heiligen sind es und die Ritter; / Sie stehen jedem Ungewitter / Und nehmen Kirch' und Staat zum Lohm» 209 leb meine den Ludendorff: General Erich Ludendorff (1865-1937); verantwortlich für die gescheiterte deutsche Frühjahrsoffensive 1918, einer der Väter der Dolchstoßlegende. 213 der berühmte Physiologe ... Wir deutschen Wissenschafter sind die wissenschaftliche Schutztruppe der Hohenzollern: Emil Du Bois-Reymond, 1818-1896. Die wissenschaftliche Schutztruppe der Hohenzollern: Emil Du Bois-Reymond in seiner Akademischen Rede vom 3. August 1870 (Reden, Bd. 1, 2. Aufi. Leipzig 1912, S. 418): ·Die Berliner Universität, dem Paläste gegenüber einquartiert, ist durch ihre Stiftungsurkunde das geistige Leibregiment des Hauses Hohenzollern.» ·ehrenwerte Männer sind sie ja alle»: Aus dem DramaJulius Cäsar von William Shakespeare, 3. Akt, 2. Szene, Worte des Antonius beim Begräbnis Julius Cäsars. das sogenannte Zentrum: Die Deutsche Zentrumspartei, 1870 gegründet, wichtiger Repräsentant des politischen Katholizismus zur Zeit der Weimarer Republik, heute nur noch eine Kleinpartei. 216 ·Der Allumfasser, der Allerhalter ...»; Goethe: Faust I, Verse 3438-3441. 218 am letzten Mittwoch in Basel drinnen: 2. April 1919, in: Die Befreiung des Menschenwesens als Grundlagefür eine soziale Neugestaltung, GA 329. 219 Hirtenbrief vom 2. Februar des Jahres 1919: Es handelt sich wohl um die Schrift von Georg Schmid von Grüncck: Die große Gefahr. Ernstes Mahnwort an die katholische Arbeiterschaft. Ein Aufncfzur sozialen Tat. Fastenhirtenbriefuon BischofGeorgius uon Chur, St. Gallen 1919. 220 in dem Bucbe: Die Kernpunkte dersozialen Frage erschienen erst am 28. April 1919. 221 das schofelste Eigentum: Das schäbigste, niedrigste, wertloseste. Aus dem Jiddischen bzw. der Gaunersprache. 224 die /Reuolution/: Sinngemäße Korrektur; mögliche Lesart des Stenogramms. In der maschinenschriftlichen Übertragung stattdessen «Religion». 227 jenen «Aufrufn Siehe Hinweis zu S. 164. dass mirjemand sagte: Um wen es sich handelte, ist nicht bekannt. Die Angelegenheit wird auch im Dornacher Mitgliedervortrag vom 16. Februar 1919 erwähnt (GA 189, S. 52). Zum Vortrag uom 10. April 1919 Textgrundlagen: Der Text folgt der Mitschrift von Helene Finckh, Vortragsregister-Nr. 3695 I, maschinenschriftliche Übertragung aus Stenogramm F 170. Text in eckigen Klammern ohne anderweitigen Hinweis stammt von der Herausgeberin. Von diesem Vortrag wurde nur die Diskussion mitgeschrieben. Auf Einladung der sozialistischen Jugendorganisation Münchenstein-NeueWelt sprach Rudolf Steiner am 10. April 1919 in dem nahe Dornach gelegenen Dorf Miinchenstein über Sozialismus. Am Tage zuvor hatte er vor der Basler Studentenschaft zu einem ähnlichen Thema gesprochen (vgl. den fünften Vortrag in: Die Befreiung des Menschenwesens als Grundlagefür eine soziale Neugestaltung, GA 329). Möglicherweise ist dies auch der Grund dafür, dass der Miinchensteiner Vortrag nicht offiziell mitgcschrieben wurde. Die Diskussion wurde auszugsweise bereits in Die Befreiung des Menschenwesens als Grundlagefür eine soziale Neugestaltung, GA 329 abgedruckt. 230 [einiges antworten]: Korrektur nach dem Stenogramm; in der maschinenschriftlichen Übertragung «eingehen». und nur den Leib /und das Leibbafte/anerkennt: Eingefügt nach dem Stenogramm. /groß/ geworden ist: Einfügung nach dem Stenogramm (unübliche Schreibweise); das Wort fehlt in der maschinenschriftlichen Übertragung. 231 «Liebe deinen Nächsten als dich selbst»: Mk 12,31 bzw. 3. Mose 19,18. 232 innezuhaben: In der maschinenschriftlichen Übertragung als Variante angegeben: «zu entfalten». 233 in einem Vortrage: Vermutlich handelte es sich um den Vortrag vom 19. oder 21. November 1905 in Colmar «Die Botschaft der Theosophie in der Gegenwart» bzw. «Die Weisheitslehren des Christentums im Lichte der Theosophic», über welche Rudolf Steiner nach dem ersten Vortrag am 20. November in einem Brief an Marie von Sivers (die spätere Marie Steiner) schrieb: «Ein Publikum, das noch gar nichts von Theosophie wusste. Einige protestantische Pastoren, zwei katholische Priester ...» Der Brief ist veröffentlicht in: Rudolf Steiner, Marie von Sivers, Briqf wechsel und Dokumente 1901-1925, GA 262, 3. Aufi. Basel 2014, S. 123. ich rede immer aus /dem/ Thema heraus: Korrektur nach dem Stenogramm, statt «meinem». 234 Nun, ihr habtja schließlich nahezu 2000Jahre: Das Folgende im Stenogramm lückenhaft. 235 ibr/physiscber/ Mensch: Sinngemäße Herausgeberkorrektur, statt ·see1ischer·. und nicht länger verständnislos dem entgegenstehen werden! Und wenn man die Frage aufwirft: Im Stenogramm lückenhaft. 236 Karl Marx: Siehe den entsprechenden Hinweis zu S. 28. Sollte alle Aufklärung ...: Das wohl sinngemäße Zitat ist lückenhaft überliefert. Am Schluss stehen noch zusammenhangslos im Stenogramm die Worte «Klasse» [?], "Preise» [?]. Aus welchem Werk von Karl Marx das Zitat stammt, konnte nicht eruiert werden. 238 das wird nicht der Wortlaut desjenigen [entscheiden) müssen: In der maschinenschriftlichen Übertragung «sein müssen». Das Stenogramm ist an dieser Stelle lückenhaft. 239 aber [Fuß gefasst/ bat es [da zunächst gar/ nicht. /Fuß gefasst] hat es ...: Korrektur nach dem Stenogramm; in der maschinenschriftlichen Übertragung: ·aber gefasst hat es diese Menschen nicht, zunächst gar nicht gefasst. Eingeschlagen hat es ...» Zum Vortrag vom 2. Juni 1919 Textgrundlagen: Der Vortrag ist nur auszugsweise überliefert. Der Text folgt der Vorlage für den Druck, Vorcragsregister-Nr. 3741 A I. Da außerdem ein sehr ausführlicher Zeitungsbericht aus der Feder von Hermann Heider vorliegt, der Referatcharakter hat, wird dieser im Anschluss an den Vortragsauszug abgedruckt. Dieser Text enthält einige Satzfehler. In eckigen Klammern: sinngemäße Korrekturen durch die Herausgeberin. 243 «Das Kapital ist dasfünfte Rad am Wagen des Wirtschaftslebens»: Der betreffende preußische Minister ist bisher nicht identifiziert. 246 jeneT Regierungsrat Kolb: Alfred Kolb, Verfasser von: Als Arbeiter in Amerika. Berlin 1904. 247 /Steiner/ ist überzeugt: Sinngemäße Korrektur durch die Herausgeberin. Statt «Steiner» war abgedruckt «Keiner». Das Geistes/leben/: Sinngemäße Korrektur durch die Herausgeberin. Statt «Geistesleben» war abgedruckt «Geisteswesen». [uon dem Boden]: Sinngemäße Korrektur durch die Herausgeberin. Statt ·von dem Boden» war abgedruckt: «von den Botem. 248 vom /Warencbarakter/: Sinngemäße Korrektur durch die Herausgeberin. Statt «vom Warencharakter» war abgedruckt: «vom wahren Charakter» 250 Kommerzienrat Molt: Emil Molt (1876-1936), Unternehmer. Herr Prof Wilbrand: Robert Wilbrand (1875-1954), Verfasser von: Oekonomie. Ideen zu einer Philosophie und Soziologie der Wissenscbaft, Tübingen 1920. Er stellte darin vier soziologische Stufen der Wirtschaft dar: 1. die Alkinwirtschaft als Wirtschaftsform des Konservativismus, 2. die Tauschwirtschaft als Wirtschaftsform des Liberalismus, 3. die Gemeinwirtschaft als die des Sozialismus und 4. die Hingabewirtschaft als Wirtschaftsform des Anarchismus (nach einer Buchbesprechung von Otto von Zwiedineck-Südenhorst, in: Zeitschriftfür die gesamte Staats wissenschaft, hrsg. von Dr. Karl Bücher, 77. Jg. 1922/23, Tübingen 1923, S. 281-285). 251 in keiner Weise /uorgreift/: Sinngemäße Korrektur durch die Herausgeberin, statt «verurteilt». «Eine Vorstellungsart ... Regelfeststellen wollen»: Siehe Die Kernpunkte der sozialen Frage, 6. Aufi. Dornach 1976, S. 114; da Heider nach einer Ausgabe von 1919 zitiert (Zitat dort auf S. 76), gibt es eine Textdifferenz zu späteren Ausgaben: Beim Neudruck 1920 wurde das Wort ·gemäß» nach ·Geiste der Sache» (Zitat dort S. 79) eingefügt. 252 «An alle Menschen ...»: Hermann Heisler veröffentlicht hier die Fassung des Flugblatts vom 25. Mai 1919. Ein anderer Text (spätere Version) ist abgedruckt bei Emil Leinhas: Aus der Arbeit mit RudolfSteiner, Basel 1950, S. 211-217. Zum Vortrag vom 26. Juli 1919 Textgrundlagen: Der Text folgt einer Mitschrift von unbekannt, Vortragsregister-Nr. 3783 A III, Stenogramm nicht vorliegend. Eckige Klammern im Text ohne Nachweis: Handschriftliche Korrekturen in der Mitschrift. Vgl. auch die Chronik von Wolfgang Vögele «Rudolf Steiner in Mannheim» in Beiträge zur RudolfSteiner Gesamtausgabe, H. 120, 1998. Viele Zuhörer gehörten der «Landeskirchlichen Vereinigung» an und waren vom Pfarrer und Anthroposophen Paul Klein eingeladen worden, dank dessen Initiative die beiden Vorträge in Mannheim zustande gekommen waren. Am 27. Juli fand auch eine Eurythmieaufführung statt, zu welcher Rudolf Steiner eine Einleitung gab. 262 in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten»: Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten [1904/05], GA 10, 25. Aufi. Basel 2018. 266 zu einem [Geistes/auge: Handschriftliche Korrektur in der maschinenschriftlichen Übertragung, statt «Segenauge» (Seelenauge). 268 ein Ärzte-Kollegium: Diese Erzählung ist weit verbreitet. Siehe z. B. Rudolf Hagen: Die erste deutsche Eisenbahn, Nürnberg 1885, S. 45, oder Max Kemmerich: Kultur-Kuriosa, München 1909, S. 282, 295. Die Existenz dieses Gutachtens wird heute bezweifelt; es soll eine Erfindung Heinrich Treitschkes sein. 271 [so, wie/ ich jetzt meine: Sinngemäße Korrektur durch die Herausgeberin; möglicher Lesefehler des Stenogramms, statt ·das, wasm die Natur macht keine Sprünge: Siehe Hinweis zu S. 31. 272 in meinem kleinen Büchelchen «Die Erziehung ...»; Rudolf Steiner: Die Erziehung des Kindes uom Gesichtspunkte der Geistesmissenscbaft [1907], in: GA 34, 2. Aufi. Dornach 1987. 276 dem ucblicbten Mann von Nazaretb: Diese Aussage wird von Rudolf Steiner oft angeführt. Sie geht zurück auf den evangelischen Pfarrer und Romanschriftsteller Gustav Frenssen (1863-1945) (Dorfpredigten, 1. Bd., Göttingen 2. Aufi. 1900) und den protestantischen Theologen Heinrich Weinel (1874-1936). In dessen Schrift «jesus im neunzehnten Jahrhundert» (Tübingen [ü. a.] 1903, S. 6) heißt es: «Freilich, nicht der Christus der Vergangenheit, der Gottmensch des alten Dogmas, sondern Jesus von Nazareth ist es, zu dem die Männer unserer Zeit wieder kommen mit Fragen nach seinen Antworten auf ihre Sorgen. Lang, lang war dieser schlichte und tapfere Mann in der strahlenden Glorie des Himmelskönigs verborgen.· Siehe auch: ders., Die GleichnisseJesu, Leipzig 1905, Einleitung. 277 Streben nach einem Völkerbund: Die Gründung des Völkerbundes war ein Bestandteil der Pariser Friedensverhandlungen. Er nahm am 10. Januar 1920 seine Arbeit auf. Woodrow Wilson: (1856-1924), von 1913-1921 Präsident der USA. 279 in seiner «Erziehung des Menschengeschlechte»: Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781): Die Erziehung des Menscbengescblecbtes [1780], § 98. Herder: Johann Gottfried Herder (1744-1803), deutscher Dichter und Denker. Goethe: Siehe Hinweis zu S. 47. 280 in meinem Buche «Die Philosophie derFreibeit»: Siehe Hinweis zu S. 73. Zum Vortrag vom 28. Juli 1919 Textgrundlagen: Mitschrift von unbekannt, Vortragsregister-Nr. 3785 A I, Stenogramm nicht vorliegend. Eckige Klammern im Text ohne Hinweis: Handschriftliche Einfügungen in der Mitschrift. 283 in dem Vortrage vorgestern: Siehe vorangehenden Vortrag. /um/ die sozialen Probleme: Sinngemäße Korrektur seitens der Herausgeberin, statt «und die sozialen Probleme». 287 Lehrer an einer Arbeiterbildungsscbule: Siehe Hinweis zu S. 26. 289 Ich war genötigt ... zusammenfassen: Siehe Hinweis zu S. 70. über den ganzen /Verlauf/: Sinngemäße Korrektur seitens der Herausgeberin, statt «über den ganzen Verkauf». 290 ein dirigierender Staatsmann imJanuar 1914: Siehe Hinweis zu S. 126. 292 «Proletarier aller Länder, uereinigt euch!n Schlussworte aus dem Kommunistischen Manifest (eigentlich: Manifest der Kommunistischen Partei) von Karl Marx und Friedrich Engels [1848], in: MEW, Bd. 4, S. 493. 292 in den Worten «Mebnuert» und «Arbeitsleistung»: Bei Marx bezeichnet Mehrwert die Differenz zwischen Warenwert und den (geringeren) Aufwendungen für die Herstellung (Arbeitskraft, Maschinen, Rohstoffe) bzw. zwischen dem Wert der Arbeitsleistung und dem Arbeitslohn. Der Arbeiter wird nach Marx um den Mehrwert betrogen. Siehe Das Kapital [1867], MEW 23-25. 293 f. Woodroui Wilson:Siehe Hinweis zu S. 277. Der Gedanke Wilsons scheint hier sehr verkürzt wiedergegeben zu sein. Wilson schrieb in Die neue Freiheit (München 1914, z. B. auf S. 41 f.), die gesetzlichen Regelungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer stammten aus der vorindustriellen Zeit, als diese sich noch persönlich kannten, und müssten angepasst werden an die moderne Zeit, in der unpersönliche Gesellschaften an die Stelle des Meisters traten. 296 u'as man ·gescbicbtlicben Materialismu$» nennt: Gemeint ist der «hisrorischc Matcrialismus» von Karl Marx und Friedrich Engels, die die Geschichte durch zugrunde liegende materielle Gesetze erklären wollten. 297 die /Muße/: Sinngemäße Korrektur durch die Herausgeberin, statt: ·die Musem 302 in meinem ·Aufrufan das deutsche Volk und an die Kulturweln: Siehe Hinweis zu S. 164. in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage ...»; Rudolf Steiner: Die Kernpunkte der sozialen Frage, [1919], GA 23, 6. Aufi. Dornach 1976. 304 [sondern/einen Vertrag: Handschriftliche Korrektur in der maschinenschriftlichen Übertragung, statt «oder». solch ein Denker wie /Ratbenau/: Siehe Hinweis zu S. 206. 308 Grund und Boden wird ... [Lücke in der Mitschrift] uon allem Anfang an: Eventuell so zu ergänzen: «Grund und Boden werden des Warencharakters entkleidet von allem Anfang an> Vgl. d)reigliederung und soziales Vertrauen» in: Aufsätze über die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage, GA 24, S. 258. 311 die Institution derfreien /Betriebsräte]: Sinngemäße Herausgebcrkorrcktur; eigentlicher Wortlaut in der maschinenschriftlichen Übertragung: «der freien Beratung». 313 die Balkanfragen: Seit dem Ende des Krimkrieges 1856 wurde der osmanisch beherrschte Balkan immer mehr zu einem Problem der internationalen Politik, in das neben den nach nationaler Unabhängigkeit strebenden Balkanvölkern und dem Osmanischen Reich die europäischen Großmächte England, Österreich und Russland involviert waren und das nach den beiden Balkankriegen 1912/13 und der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 zum auslÖsenden Moment des Ersten Weltkrieges wurde. 313 uom jungtürkiscben Element: Die Jungtürken waren eine 1876 entstandene nationale Reformpartei, die von 1908-1918 die Führung im Osmanischen Reich übernahm. Daraufhin annektierte Österreich-Ungarn, das um seinen Einfluss fürchtete, Bosnien und die Herzegowina, die es schon besetzt hatte. die türkisch-bulgarische Frage: Wahrscheinlich ist die bulgarische Krise nach dem russisch-türkischen Krieg von 1877/78 gemeint, eine Kette von Ereignissen in der Geschichte Bulgariens zwischen 1885 und 1888, in welche neben dem Osmanischen Reich Österreich-Ungarn und Russland als Schutzmächte Serbiens bzw. Bulgariens sowie auch Großbritannien verwickelt waren. die Geschichte derSandscbak-Bahn: Der Sandschak (türkisch für «Regierungsbezirk») Novi Pazar ist ein gebirgiges Gebiet, das zum Osmanischen Reich gehörte und Serbien den Zugang zum Mittelmeer verwehrte. 1908 gab es österreichisch-ungarische Pläne, eine Eisenbahn durch das von der Doppelmonarchie besetzte Gebiet zu bauen, um Wien mit Saloniki zu verbinden, was wegen der ungünstigen geografischen Gegebenheiten aufgegeben wurde. Österreich-Ungarn überließ das Gebiet 1909 wieder dem Osmanischen Reich. das Problem der Bagdadbabn: 1899 erhielten deutsche Firmen die Konzession für die Errichtung der Eisenbahnlinie von Istanbul und Ankara nach Bagdad und Basra, was den Widerstand Englands und Russlands hervorrief, die um ihren Einfluss im zerfallenden Osmanischen Reich fürchteten. Eine britisch-deutsche Vereinbarung um Beteiligung britischer Finanzkreise wurde durch den Kriegsausbruch 1914 nichtig. Die Bahn war damals jedoch nur in Teilstrecken vollendet. 319 zum Beispiel mit [Adler und Pernerstorfer/: In der maschinenschriftlichen Übertragung irrtümlich «Ad& Beierdörfer». Viktor Adler (18521918), Engelbert Pernerstorfer (1850-1918), österreichische Sozialisten. Siehe dazu auch Rudolf Steiner: Mein Lebensgang, Kap. VIII, S. 148. Herr Dr. Einstein: Näheres konnte noch nicht herausgefunden werden. 322 Du Bois-Reymond sein dgnorabimus»: Emil Du Bois-Reymond (18181896), Physiologe, hielt eine von Rudolf Steiner oft erwähnte Rede Über die Grenzen des Naturerkennens, ein Vortrag in der zweiten Öffentlichen Sitzung der 45. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte zu Leipzig am 24. August 1872, Leipzig 2. Aufi. 1872, S. 33 (Schlusswort). weil das Manometer auf 95 steht: Der hÖchste Druck. 323 in meinem Buche «Kernpunkte der sozialen Frage»: Siehe Hinweis oben. in einer Zeitschrift: Möglicherweise ist ein Vortrag Hermann Becks vom Dezember 1918 gemeint: «Sozialisierung als organisatorische Aufgabe», im Sammelband Wege und Ziele derSozialisierung, Berlin 1919 (vgl. Hin weis in GA 330, S. 428, als Sonderdruck in Rudolf Steiners Bibliothek, Sign. G 0035). 324 Liebknecbt: Siehe Hinweis zu S. 199. 325 das/Erlebnis/: Sinngemäße Korrektur vonseiten der Herausgeberin, statt ·Ergebnis». Zum Vortrag vom 18. September 1919 Textgrundlagen: Der Text folgt einer fragmentarischem Mitschrift von unbekannt, Vortragsregister-Nr. 3859 I, Stenogramm nicht vorliegend. Text in eckigen Klammern stammt von der Herausgeberin. 327 in dem Kommunistischen Manifest... /auf/lackert]: Siehe oben Hinweis zu S. 292. In der maschinenschriftlichen Übertragung ·aufflattert»; sinngemäße Korrektur durch die Herausgeberin. 329 Die heutige wirtschaftliche Ausgestaltung des Staates ist ein Entwicklungsprodukt der Geschichte ... Marx' Freund, Engels, hat dies sehr gut ausgeführt in seinem Buche: Welches Buch von Friedrich Engels (18201895) gemeint ist, ist unklar. In Rudolf Steiners Bibliothek findet sich Die Entwicklung des Sozialismus uon der Utopie zur Wissenschaft. Mit einem Vorwort von Karl Kautsky. Berlin 6. Aufi. 1919 (Sign. RSB G 211). Zum Vortrag uom 19. September 1919 Textgrundlagen: Der Text folgt einer fragmentarischem Mitschrift von unbekannt, Vortragsregister-Nr. 3860 II, Stenogramm nicht vorliegend. Text in eckigen Klammern ohne anderweitigen Hinweis stammt von der Herausgeberin. 330 Eisenacher Programm: Das Eisenacher Programm war das auf dem Parteitag von Eisenach am 8. August 1869 beschlossene Gründungsprogramm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Erfurter Programm: Am Erfurter Parteitag (14. Oktober bis 20. Oktober 1891) von der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei verabschiedetes Parteiprogramm, das marxistische Theorie mit pragmatischen Zielen wie Wahlrecht, Achtstundentag und Arbeiterschutz verband. 331 Hypnose des geistuollen Lenin, Spiritismus des ... Trotzki: Bezug unklar. Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924), Lew (Leo) Trotzki (1879-1940), russische Revolutionäre. Vgl. folgende Stellen aus Mitglicdervorträgen: Am 28. März 1919 in Dornach, in: Vergangenbeits- und Zukunftsimpulse im sozialen Gescheben, GA 190, S. 74: ·Was ist eigentlich für ein Unterschied zwischen einem Zaren und einem Lenin? - Die Materialisten werden in ihren Vorstellungen leicht ahrimanisch werden, nüchtern, philistrÖs, trocken, bürgerlich; in ihrem Willen können die Materialisten luziferisch werden; animalisch, begierlich, nervös, sensitiv, hysterisch.· - Am 9. März 1919 in Zürich, in: Luziferische Vergangenheit und abrimanische Zukunft, GA 193, S. 85: ·Nehmen Sie an, in einer anderen sozialen Ordnung hätten sich Lenin und Trotzki entwickelt. Was wären sie vielleicht geworden, indem sie ihre Geisteskräfte in ganz anderer Weise entwickelt hätten? Tiefe Mystiker! Denn dasjenige, was in solchen Seelen lebt, könnte in einer religiösen Atmosphäre zum Beispiel tiefste Mystik werden. In der Atmosphäre des neueren Materialismus wird es das, als was es sich einem darste|lt.» Zum Vortrag uom 20. September 1919 Textgrundlagen: Der Text folgt einer fragmentarischen Mitschrift von unbekannt, Vortragsregister-Nr. 3861 II, Stenogramm nicht vorliegend. Text in eckigen Klammern stammt von der Herausgeberin. 333 In demplatonischen Lehr-, Wehr- undNäbrstand: Siehe auch Hinweis zu S. 41. Vgl. Platon, Politeia (III. Buch, 414 ff.): Im «phÖniki$chen Mythos» unterscheidet Platon von den herrschenden Weisen die Wächter sowie die Bauern und Handwerker. Vgl. Vincenz Knauer: Die Hauptprobleme der Philosophie, Leipzig 1892, S. 124 (das betreffende Buch befindet sich in Rudolf Steiners Bibliothek, Sign. RSB P 614) über Platon: ·Wie sich das Seelische im einzelnen Menschen in das Vernünftige, Irascible und Concupiscible gliedert, so finden sich im Staate drei Stände, die wir einer uns geläufigen Redeweise ganz entsprechend als Lehr-, Nähr- und Wehrstand bezeichnen kijnnen.» Die Formulierung ·Nährstand, Wehrstand, Lehrstand» stammt von Erasmus Alberus (1500-1553). 334 im Sinne einer [Planwinscbaft/' Sinngemäße Korrektur durch die Herausgeberin, statt «Planwissenschaft». Zum Vortrag uom 25. Mai 1920 Textgrundlagen: Der Text folgt der Mitschrift von Helene Finckh, Vortragsregister-Nr. 4135 I, bzw. 4235a (Diskussion); maschinenschriftliche Übertragungen aus den Stenogrammen F 218 / F 219. Vorher hatten die öffentlichen Vorträge über Die Philosophie des Thomas uon Aquino stattgefunden, siehe den gleichnamigen Band, GA 74. Text in eckigen Klammern ohne anderweitigen Hinweis stammt von der Herausgeberin. 337 in zahlreichen Werken einer maßgebenden Literatur: Siehe die Übersicht am Ende des Bandes. 338 sine ira: Lateinisch: «ohne Zornm 339 Gabriele Reuter: Gabriele Reuter (1859-1941), deutsche Schriftstellerin und Frauenrechtlerin, Bekannte Rudolf Steiners in dessen Weimarer Zeit (1890-1897). 340 Bimetallismus: Doppelwährung; Währungssystem, dessen Einheit auf Gold- und Silbermünzen basiert, die in einem festgelegten Wertverhältnis stehen; es wurde etwa ab 1870 vom Goldstandard (Monometallismus) abgelöst. 344 ein unbestimmter Geist, der aufsteigen soll aus der Gesamtheit: Dies scheint ein sinngemäßes Zitat zu sein. Vgl. Rudolf Steiners Bericht am 9. Juni in Stuttgart (in: Soziale Ideen - Soziale Wirklichkeit - Soziale Praxis Bd. I, GA 337a, S. 179: ·Ich habe neulich zu Pfingsten in einem anderen Land eine sozialistische Zeitung gelesen. Da standen die kuriosesten Pfingstartikel, da wurde alles, alles vom Geist abgewiesen und darauf hingewiesen, dass der einzige Geist derjenige sei, der aus den breiten Massen herauskomme.» Es muss wohl ein in einer schweizerischen sozialistischen Zeitung vor oder an Pfingsten 1920 erschienener Artikel gewesen sein. Nicht nachgewiesen. Molt, Unger, Kühn, Leinhas: Emil Molt (1876-1936), Unternehmer, Gründer der Waldorfschule; Carl Unger (1878-1929), Maschinen-lngenieur, wissenschaftlicher Mitarbeiter Rudolf Steiners, Vortragsredner; Hans Kühn (1889-1977), erster Geschäftsführer des Dreigliederungsbundes; Emil Leinhas (1878-1967), Betriebswirt, Direktor der WaldorfAstoria Zigarettenfabrik Emil Molts. 345 Ich habe damals in Stuttgart zu so manchem gesagt: Nicht nachgewiesen. 346 meinen ersten Aufruf Siehe Hinweis zu S. 164. in meinen «Kernpunkten·: Siehe Hinweis zu S. 164. 347 Huber bat in einer Zeitschn/i: Viktor AimC Huber (1800-1869), zuerst Mediziner, dann Schriftsteller, Gymnasiallehrer, Universitätsprofessor für Literatur, Sozialkritiker und -politiker. «Die Arbeiterfrage in Deutschland. 2. Abtheilung» In: Deutsche Vierteljabrsscbrift, Oktober - Dezember 1869, Nr. 128, S. 92-144, vgl. Zitat auf S. 142 f.: ·Wie dem auch scy - ist wirklich von der freien Selbsthülfe auch unter geeigneter Mitwirkung von ändern Seiten nichts Ersprießliches, dem Reformbediirfnis Entsprechendes zu erwarten - zeigt sich auch von Seiten des Staates keine Aussicht auf eine Lösung der Sozialen Fragen I...] - bleibt wirklich nichts übrig, als sich entweder der alten Routine oder von den modernen Thatsachen treiben zu lassen, so lange es denn gehen mag, so täusche man sich doch wenigstens darüber nicht, dass dieser Abhang über lang, oder wahrscheinlicher über kurz - zum Absturz und hier zu einer Katastrophe führt, wo alle Illusionen aufhören müssen und alle Fragen sich für alle Elemente menschenwürdiger Zustände zu der einen vereinfachen werden: Seyn oder Nichtseyn! Die Entscheidung würde aber selbst im günstigsten Fall nur von der möglichst energischen Anwendung der kriegerischen Zerstörungsmitrel abhängen, in deren Steigerung und Vervollkommnung die Friedenspolitik der neuesten Aera ihren Haupttriumph feiert, die, wie es scheint, auf Kosten der zunehmenden dadurch bedingten Arbeiternoth nicht zu theuer erkauft wird. Jedenfalls ist dieser Schutz die billigste Forderung, die der Socialstaat an den Militärstaat machen kann, nachdem dieser eine Hauptursache seiner Bedrängnisse geworden ist.» - Vgl. S. 119: «Nach allem bisher Gesagten concentrirt sich nun die praktische Frage der Abhülfe der Arbeiternoth in dem Gebiet, wo die Kräfte der Selbsthülfe noch nicht erschöpft sind, in der weitern Frage: kann man mit einiger Wahrscheinlichkeit voraussetzen, dass eben in jenen Kreisen wahrhaft höherer Bildung ein hinreichendes Maß von Einsicht und Gesinnung zu finden [...]? Wir haben zur Beantwortung dieser Frage unsere Hoffnung schon auch auf die engern Kreise beschränkt, die wir gern als eine Elite, als eine Aristokratie der Bildung bezeichnen [...I [und] haben nun zwar diese Frage schon oben in einem bereits sehr wenig erfreulichen Sinne mit Hinweisung auf die Tatsache beantworten müssen, dass irgend allgemeine und starke auch nur theoretische Teilnahme an der cooperativen Bewegung auch in diesem <gewähltesten> Publikum nicht zu spüren war.» 347 «Aucb bierwerden wiralso...»; Huber, ebd., S. 138. Von Rudolf Steiner ist ein Notizblatt erhalten mit diesem und dem folgenden Zitat (NZ Nr. 954). 348 «Das$ da von einergründlichen Hebung ...»; Huber, ebd., S. 138 (in einer Fußnote zur obigen Stelle). dasjenige setzen: «setzen»: Handschriftliche Ergänzung in der maschinenschriftlichen Übertragung nach dem Stenogramm. 353 der steht /einer anderen] gegenüber: «einer anderem: Korrektur nach dem Stenogramm, statt «ihr anders». 354 Lenin und Trotzki: Siehe Hinweis zu S. 331. 354 f «Der Militarismus ... einzusebem: Vgl. z.B. Leo Trotzki: Die Wirtschaft in Sowjetrussland und in Westeuropa (Bericht auf der vereinigten Sitzung des II. Kongresses der Volkswirtschaftsräte und des Moskauer Arbeiter- und Bauernrates, März 1920, nach: Russische Korrespondenz, Heft VIII-IX, Juni 1920, S. 9-19): «Genossen! An der Front haben die Arbeiter sich ein großes Verantwortungsgefühl, größere Genauigkeit in der Ausführung angeeignet, und zwar in so scharfer Form, wie dies auf keinem anderen Gebiet zu beobachten ist, denn hier hängt vom Regimentskommissar (und wir haben nicht wenig Arbeiter, die eine Brigade, ein Regiment, eine Division befehligen), von seiner Genauigkeit und Festigkeit hängt unmittelbar das Leben Tausender Menschen ab. Dort haben sie gelernt, Ordnung, Verantwortung, Genauigkeit in der Ausführung der Befehle zu schätzen, haben gelernt, die Zeit zu schätzen und zu achten, auf die unsere militärische Tätigkeit berechnet ist. Und sie werden euch helfen, diese Züge in das Wirtschaftsleben hineinzubringen> 355 im Sinne der Dreigliederung /arbeiten/: Sinngemäße Einfügung in der maschinenschriftlichen Übertragung. zu einem Wirtschaftsleben /zu/ kommen: ·zu» eingefügt gemäß Stenogramm. 357 /dieses Verständnis] zur Geltung zu bringen: «dieses Verständnis· eingefügt gemäß Stenogramm. 358 Giskra: Carl Giskra (1820-1879), österreichischer Innenminister; sein Ausspruch, die soziale Frage höre bei Bodenbach, also an der deutschÖsterreichischen Grenze, auf, ist auch bei Richard von Kralik bezeugt: Österreichische Geschichte, Wien 1914, S. 575, demzufolge der Ausspruch zu einem geflügelten Wort wurde. Giskra wollte nicht wahrhaben, dass es in Österreich ebenso wie in Deutschland eine soziale Frage gab. als der Huber ...: [in Stuttgart] handschriftlich eingefügt in der maschinenschriftlichen Übertragung; ein «und» vor «gesagt hat» gemäß Stenogramm gestrichen. Vgl. auch obigen Hinweis zu Huber. 360 Viktor Adler: Siehe Hinweis zu S. 319. 361 dass dort /gemeinsame/ Interessen sich gebildet hätten: Korrektur nach Stenogramm, statt «gewissermaßen Interesser>. 362 wie /im/Parlamente: Korrektur gemäß Stenogramm, statt Qcwic die Parlamentem 363 Ich habe in Stuttgart und auch hier... einen Vortrag gehalten: Zum Beispiel Zürich, 17. März 1920, Basel, 4. Mai 1920, beide in: Vom Einheitsstaat zum dreigliedrigen sozialen Organismus, GA 334; Stuttgart, 2. März 1920, in: Die Krisis der Gegenwart und der Wert zu gesundem Denken, GA 335. 363 f. «Wo sind denn die Männer... ? Am allerwenigsten,finden wirsie ... »; Vgl. Viktor AimC Huber: ·Die Arbeiterfrage in Deutschland. 2. Abtheikmg» In: Deutsche Vierteljahrsschrift, Oktober-Dezember 1869, Nr. 128, S. 92-144, S. 142: «Am wenigsten Eindruck würden in einer solchen Kontroverse die spezifisch sogenannten oder sich selbst so nennenden praktischen Leute machen, die meist nichts sind als Routiniers, während in den meisten Fällen eben die Routine die Hauptschuld des Übels und das Haupthindernis der Abhiilfe, der Reform ist. 364 Aber wenn ich mich umschaue ...:Wörtlich (Huber, ebd., S. 141): «Füigt man uns: Kennst du denn auch nur einen einzigen Mann der Art, wie du deren hier ein paar Dutzend forderst? Nun - müssten wir darauf mit jener Losung der spanischen Ritterehre darauf antworten: del Rey abajo ninguno! Die Majestät selbst wie billig aus dem Spiel lassend - wüssten wir auch von den Stufen des Throns, unter dem höchsten und hohen Adel deutscher Nation, unter den Notabilitäten der Kirche, des grünen Tisches, der BÖrse, der Industrie, der Wissenschaft, der Kunst keinen Einzigen zu bezeichnen, der jenem Typus wirklich entspräche, von dem wir irgend zuversichtlich sagen könnten: <Däs ist der Mariri!·» 365 /die/in Europa Ströme von Blut: Korrektur nach dem Stenogramm, statt ·in der in Europa». 366 der nächsten Nummer der ·Zukunft·: Die Zeitschrift Soziale Zukunft, herausgegeben von Roman Boos, erschien von 1919 bis 1921. Möglicherweise ist die Nummer 4 [o. J., 1920] gemeint, in welcher die beiden Aufsätze von Rudolf Steiner «Dreigliederung und soziales Vertrauen (Kapital und Kredit)» sowie «Das Goetheanum und die Stimme der Gegenwart» abgedruckt wurden; heute in GA 24. Nummer 5-7 [o. J., 1920] war der Erziehungskunst gewidmet und enthielt Sreiners Aufsatz «Die pädagogische Grundlage der Waldorfschule» sowie Aufsätze der Stuttgarter Waldorflehrer. 368 in einem Nürnberger Vortrag: Rudolf Steiner verwendete dieses Bild öfter, zum Beispiel im Mitgliedervortrag in Stuttgart am 21. Februar 1912 (in: Wiederverkörperung und Karma, GA 135, 4. Aufi. Dornach 1989, S. 103), oder in Dornach am 3. September 1916 (in: Das Rätsel des Menschen - Die geistigen Hintergründe der menschlichen Geschichte, GA 170, Dornach 3. Aufi. 1992, S. 266). Es konnte in den bekannten öffentlichen Nürnberger Vorträgen nicht nachgewiesen werden. 369 sind hier daran, eine zu gründen: «Der Kommende Tag AG» in Stuttgart und «Futurum AG» in Dornach, siehe oben: ·Zu dieser Ausgabe, Entstehung». 371 Gesetze sollen ...: Auslassungspunkte in der maschinenschriftlichen Übertragung, da nach «Gesetze» zwei unleserliche WÖrter im Stenogramm folgen. 372 was ich gesagt habe gegenüber dem ...: Auslassungspunkte in der maschinenschriftlichen Übertragung, da nach «Gesetze» ein unleserliches Wort im Stenogramm folgt. 373 um die Dreigliederung nicht nur mehr in die Köpfe: «mehr» eingefügt nach dem Stenogramm. lud in Deutschland das /.../leben: Lücke in der maschinenschriftlichen Übertragung; Stelle unleserlich im Stenogramm. 375 uor den Arbeitern der Daimler-Werke: Am 25. April 1919 (GA 330). 376 einen Briefbekam von einem bürgerlichen Pfarrer: Konnte nicht identifiziert werden. Rudolf Steiner sprach auch über diesen Brief am 8. September in Stuttgart (GA 192, S. 351) und am 3. Seminarabend in Dornach am 11. Oktober 1920 (GA 337b, S. 188). Vortrag über Thomismus: Rudolf Steiner hatte vor dem hier vorliegenden Dreigliederungsvortrag einen dreiteiligen Vortragszyklus über Die Philosophie des Thomas uon Aquin (GA 74) gehalten. 378 Ich lernte ... einen Theaterdirektor kennen: Wohl Oskar Blumenthal (1852-1917), 1888 bis 1897 Gründer und Leiter des Lessing-Theaters in Berlin. 380 einen katholischen Pfarrer: Wohl Franz Märäz, 1860-1873 Pfarrer in Neudörfl, von wo Rudolf Steiner in seinerJugend eine Stunde Schulweg nach Wiener Neustadt zurückzulegen hatte. Zum Vortrag vom 18. Nouember 1920 Textgrundlagen: Der Text folgt einer Mitschrift von unbekannt, Vortragsregister-Nr. 4290 I, Stenogramm nicht vorliegend. Text in eckigen Klammern: Handschriftliche Korrekturen in der Mitschrift. Korrekturen durch die Herausgeberin sind in den Hinweisen nachgewiesen. 382 in Versailles uerhandelt bat: Gemeint sind die Friedensverhandlungen in Versailles nach dem Ersten Weltkrieg. John Maynard Keynes: John Maynard Keynes (1883-1946), britischer Ökonom, Politiker und Mathematiker. Tbc Economic Consequences of the Peace. London 1919; auf Deutsch als Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages. Übersetzt von M. J. Bonn und C. Brinkmann, München 1920. Beide Bücher befinden sich in Rudolf Steincrs Bibliothek (Sign. RSB W 160 und W 161). 383 dessen abstrakte, lebensfremde 14 Punkte: Vgl. Wilsons Charakterisierung bei Keynes 1920 (dt. Ausg.), S. 32 (ff.). Zu Woodrow Wilson siehe Hinweis zu S. 277. Clemenceau: Georges Clemenceau (1841-1929), französischer Ministerpräsident 1917-1920; Keynes 1920 über ihn (dt. Ausg.) a.a.O., S. 23 ff. Lloyd George: Daniel Lloyd George (1863-1945), englischer Premierminister 1916-1922, Keynes 1920 über ihn (dt. Ausg.) a. a.O., S. 30 ff. seit demJahre 1871: Seit dem Deutsch-Französischen Krieg, den Frankreich verloren hatte, und der Gründung des Deutschen Reiches. sein Buch geschrieben: Siehe obigen Hinweis zu Keynes. 384 Alle Anzeichen sprechen dafür ...: Vgl. Keynes 1920, S. 242: ·Ein langer stiller Weg des Halbverhungerns und der allmählichen, stetigen Senkung der Lebenshaltung und des Lebensgenusses mag deshalb vor uns liegen. Der Bankerott und Verfall Europas wird, wenn wir ihn weiter fortschreiten lassen, auf die Dauer einen jeden erreichen, nur vielleicht nicht in auffallender und unmittelbarer Weise.» - Keynes 1919, S. 277: «There may, therefore, be ahead of us a long, siknt process of semi-starvation, and of a gradual, steady lowering of the standards of life arid comfort. The bankruptcy and decay of Europe, if wc allow it to proceed, will affect everyone in the long-run, but perhaps not in a way that is striking or immediate.» Die Angelegenheiten der nächsten Zeit ...: Vgl. Keynes 1920, S. 242: «Denn in der unmittelbaren Zukunft liegt das Schicksal Europas nicht mehr in der Hand eines Einzelnen. Die Ereignisse des kommendenJahres werden nicht von den planvollen Handlungen der Staatsmänner, sondern von den verborgenen StrÖmungen gestaltet werden, die ständig unter der Oberfläche der politischen Geschichte dahinfließen und deren Ergebnis niemand voraussagen kann> - Keynes 1919, S. 278: «For the immediate future events arc taking charge, arid the ncar destiny of Europe is nö longer in the hands of any man. The events of the coming year will not be shaped by the deliberate acts of statesmen, but by thc hidden currcnts, flowing continually beneath the surface of political history, of which no one can predict the outcomc» 384 Wenn wir nicht dazu kommen: Vgl. Keynes 1920, S. 242 (unmittelbar anschließend an das obige Zitat): «Nur in einer Weise können wir sie beeinflussen, dadurch, dass wir die Kräfte der Bildung und der Phantasie in Bewegung setzen, die die öffentliche Meinung ändern. Die Wahrheit aussprechen, Trugbilder bloßlegen, Hass zerstreuen, Herz und Geist weiten und bilden, das müssen die Mittel sein.· - Keynes 1919, S. 278: «In one way only can wc influence these hidden currents, - by setting in motion those forces of instruction and imagination which change opinion. The assertion of truth , the unveiling of illusion, the dissipation of häre, the enlargement arid instruction of men's hearts and minds, must be the means.» 387 Trotzki und Lenin: Siehe Hinweis zu S. 331. Herdek Goethe: Siehe Hinweise zu S. 279 und 47. Fichte, Schiller:Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), Philosoph des Deutschen Idealismus. Friedrich von Schiller (1759-1805), Dichter, Arzt, Philosoph, Historiker. 387 Adam Smith: Adam Smith (1723-1790), schottischer Aufklärer, Moralphilosoph, gilt als Begründer der klassischen Nationalökonomie. Spencer: Herbert Spencer (1820-1903), englischer Philosoph, wandte als Erster die Evolutionstheorie auf die gesellschaftliche Entwicklung an. Darwin: Siehe auch Hinweis zu S. 31. 388 die beruorgebt /ebenso/ aus seinem Erkenntnisbedürfnis: Handschriftliche Einfügung in der maschinenschriftlichen Übertragung. 391 in dem Buche «Das Cbristentum als mystische Tatsacbe»: Rudolf Steiner: Das Christentum als mystische Tatsache [1902], GA 8, 9. Aufi. Dornach 1989. 392 Und ZUäS so ber/über/gekommen ist: Handschriftliche Korrektur in der maschinenschriftlichen Übertragung, statt «heruntergekommen». Galilei: Galileo Galilei (1564-1642), Mathematiker und Physiker. Newton: Sir Isaac Newton (1643-1727), englischer Physiker. 393 Ricardo: David Ricardo (1772-1823), englischer Nationalökonom, Schüler von Adam Smith (siehe Hinweis zu S. 387), Lehrer von Karl Marx. Marx: Karl Marx: Siehe den entsprechenden Hinweis zu S. 28. [drinnen] ... /drinnen/ fnden: Handschriftliche Korrekturen in der maschinenschriftlichen Ubertragung, statt ·dringend». so konnte /er/: Herausgeberkorrektur, statt «csm 395 keine /anderej. Erziehung: Handschriftlich eingefügt in der maschinenschriftlichen Ubertragung. 396 OsuialdSpengler: Oswald Spengler(1880-1936), Schriftsteller, Verfasser von Der Untergang des Abendlandes Bd. 1, Wien 1918, Bd. 2, München 1922. in Dornach eine Reihe von Hochschulkursen: Herbst 1920 399 in meiner « Geheimwissenschaft» ... ·Wie erlangt man ...»; Siehe: Die Geheimwissenschaft im Umriss [1910], GA 13, 31. Aufi. Basel 2013; Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? [1904/05], GA 10, 24. Aufi. Dornach 1993. 401 Kopernikus: Nikolaus Kopernikus (1473-153), Domherr, Astronom, Arzt, Mathematiker, Kartograf. Siehe auch den öffentlichen Vortrag ·Kopernikus und seine Zeit», Berlin, 15. Februar 1912, in: Menschengeschichte im Liebte der Geistesforscbung, GA 61. 402 [solch ein Hinschauen/aufdas Leben des Menschen im Geiste: Ergänzung durch die Herausgeberin. zu einem [höheren] Erkenntnisvermögen: Handschriftliche Korrektur in der maschinenschriftlichen Übertragung, statt ·größeren·. die kopernikanische, die keplerische Weltanschauung: Nikolaus Kopernikus (1473-1543),Johannes Kepler (1571-1630), Astronomen. wenn er [S0/ unter ...: Handschriftliche Korrektur in der maschinenschriftlichen Übertragung, aus «sie·. 404 Haller: Albrecht von Haller (1708-1777), Schweizer Mediziner, Naturforscher und Dichter. ·1ns lnnre der Natur ...»; Verse aus Hallers Dichtung Die Falschheit menschlicher Tugenden [1730]. Die zweite Zeile, hier nach Goethe zitiert, lautet bei Haller eigentlich: «zu glücklich, wann sie noch die äußre Schale weistm ·dns lnnre der Nätuv> - O, du Philister ... ·: Goethes Antwort findet sich in dem Gedicht Allerdings. Dem Physiker [1820]. 405 wenn man [durch] die Metboden ... [den Willen ausbildet]: Handschriftliche Korrektur in der maschinenschriftlichen Übertragung, statt: ·NVenn man die Methoden, die ..., anwendetn. 408 Was baben wir zu tun in der nächsten Zeit ...: Siehe obiges Zitat («Wenn wir nicht dazu kommen»), Keynes 1920, S. 242. In der englischen Ausgabe von 1919 S. 278. /uerbreiten/ ... [zerstäuben]: Handschriftliche Korrekturen in der maschinenschriftlichen Übertragung, statt «entwickeln» bzw. «zerstören»; bei den dazwischen liegenden Korrekturen ist der ursprüngliche Wortlaut nicht mehr lesbar. 409 Emil Molt: Siehe Hinweis zu S. 344. 410 was /letzter/ Rest des Alten ist: Handschriftliche Korrektur in der maschinenschriftlichen Übertragung, statt <wäs alte Reste des Alten sind». wurde mir ein Aufsatz überreicht von einem englischen Pädagogen: Es handelt sich vielleicht um Robert oder Robin Theodore Gladstone (1885-1962), Leiter einer großen Boarding School fürJungen, der Abbey School, East Grinstead, Sussex. Er war einer der ersten englischen Lehrer, die die Waldorfschule in Stuttgart besuchten, und übersetzte zusammen mit anderen die Mysteriendramen Rudolf Steiners ins Englische. Der erwähnte Aufsatz konnte bis jetzt nicht aufgefunden werden. Zum Vortrag vom 7. Januar 1921 Textgrundlagen: Der Text folgt einer mutmaßlich von Hedda Hummel stammenden Mitschrift, die auch den in jenen Tagen stattfindenden ·Astronomischen Kurs» mitschrieb, Vortragsregister-Nr. 4346 II; das Stenogramm fehlt. Es liegt auch ein teils stenografisches Notizheft von Eugen Kolisko vor (ArchivNr. EK 1, nur eine Seite zu diesem Vortrag), welches für zwei Stellen konsultiert wurde. Eckige Klammern im Text ohne Nachweis bezeichnen handschriftliche Korrekturen in der Mitschrift. Der Ort der Veranstaltung war das Siegle-Haus in Stuttgart. 414 in meine Schrift «Die Kernpunkte der sozialen Frage·: Siehe ·Vorrede zum 41. bis 80. Tausend dieser Schrifi», in: Die Kernpunkte der sozialen Frage, GA 23, 6. Aufi. Dornach 1976, S. 8. wasjetzt schon als eine reiche Literatur sieb an diese Schrift angescblossen bat: So zum Beispiel 1919 nach den «Kernpunkten» die in den Scbriften des Bundes für Dreigliederung veröffentlichten Vorträge vom 31. Mai 1919 Der Impuls zum dreigliedrigen Organismus (heure in: Neugestaltung des sozialen Organismus, GA 330), und vom 11., 18. Mai und 1. Juni 1919: Drei Vorträge über Volkspädagogik (heute in: Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen, GA 192) und die 1920 erschienene Schrift ln Ausführung der Dreigliederung des sozialen Organismus (heute in: Aufsätze über die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage, GA 24). 416 derJenenser Professor Fritz Terhalle: Fritz Terhalle (1889-1962), deutscher Wirtschaftswissenschaftler. 417 [Erstens ... des Kleinhandels]: Rudolf Steiner scheint das zumindest teilweise vorgelesen zu haben. Das Zitat im Text findet sich in Terhalks Buch Freie oder gebundene Preisbildung?, Jena 1920, S 11, «Der Erfolg der Kriegswucherbekämpfung» auf S. 113 f. In der maschinenschriftlichen Übertragung fehlt diese Stelle, bis auf den 4. Punkt. ln den Notizen von Eugen Kolisko finden sich die vier Punkte stenografiert, jedoch wohl nicht ganz wörtlich, mit Ausnahme des 4. Punktes. Das Stenogramm Koliskos ist sehr schwer zu lesen; mutmaßlicher Wortlaut (besonders fragliche Stellen in eckigen Klammern): «I. Die meiste[n] Zeit[en] war in interessierten und maßgeblichen Kreisen eine falsche Auffassung vorhanden von dem, was erstrebt werden sollte. 2. Sowie durch die einer Anwendung auf die Praxis und durch die Praxis durchaus widerstrebenden theoretischen Konstruktionen, sowie durch die verschiedenste Rechtsunsicherheit, brachte die [Erwerbszweige] in Erregung. 3. Die Bekämpfung des Preiswuchers gelang auf manchen Gebieten gar nicht, auf manchen teilweise und auf übertriebenem Umfange [doch] im Kleinhandd» Der vierte Satz stimmt mit der Mitschrift Hümmels und dem Wortlaut bei Terhalle überein. Mlles das wirkte zusammen ... »; Dies ist ein wörtliches Zitat aus Terhalles Buch Freie oder gebundene Preisbildung?, Jena 1920 (S. 114): ·Alles das wirkte zusammen, das reelle Gescbäjft zugunsten des Schiebertums zu schädigen.» «ja, das ist das /wirtschaftlicbe/ Urteil...»; In der maschinenschriftlichen Übertragung steht hier wohl zweimal irrtümlich «wissenschaft]iche»; in Koliskos Notizen, der diesen Satz auch notiert hat, steht «wirtsch. [aftliche].'< Dies ist kein wörtliches Zitat, sondern ein zusammenfassendes Referat der Äußerungen Terhalles. In seinem Schlusswort schreibt Terhalle (Terhalle 1920, S. 120): «Es ist die Eigenart und so manchmal auch das Verhängnis der meisten wirtschaftspolitischen Fragen, dass sie schließlich nicht lediglich nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten entschieden werden können; ethische, soziale und allgemein politische Erwägungen kommen neben und vielleicht vor den wirtschaftlichen für die endgültige Entscheidung in Betracht.· 419 An der Zukunft kommt es uorallen Dingen ... »; Diese Stelle lautet wörtlich (Terhalle 1920, S. 121, von Rudolf Steiner angestrichen): «Nur für die Zukunft auch des Friedens würde sich freilich die wichtige Aufgabe ergeben, die Erkenntnis der wirtschaftlichen Notwendigkeiten in den breiten Volksschichten mehr als bisher zu pflegen, diese Letzteren zu wirtschaftlichem Denken zu erziehen> 420 Richard Calwer: Richard Calwer (1868-1927), deutscherJournalist, Statistiker, Nationalökonom. Auf ihn geht der sogenannte Calwer Index der Lebensmittelpreise zurück. «Man braucht eine hinreichende ...·: Wörtlich bei Terhajk (Terhalle 1920, S. 27): «Es ist klar, dass unter diesen Verhältnissen der im Kriege besonders geweckte wirtschaftliche Egoismus sich stark und nachhaltig bemerkbar macht - sowohl aufseiten der Verkäufer wie übrigens auch aufseiten der Käufer -, aber eine Ausschaltung der unsoliden Spekulation ist, wie mit Recht Calwer in seiner <Konjunktur> sagt, nur dann möglich, ·wenn wir aufgrund einer gut ausgebauten Wirtschaftskunde eine stets in großen Zügen zutreffende Kenntnis der Warenvorräte hätten, die ein Gegengewicht gegen ungerechtfertigte Preissteigerungen darstellen wiirde>, und nicht, wenn <däs geringe fortlaufende Material über den Warenmarkt und die Warenpreise ebenfalls nicht mehr veröffentlicht wird, so dass wir aus dem Halbdunkel völlig in die Dunkelheit geraten>.» 420 Es /sind/dies die Frage/n]: Handschriftlich korrigiert in der maschinenschriftlichen Übertragung, statt «Es ist dies die Frage·. 421 wie /uon]alle/n/: Handschriftlich korrigiert in der maschinenschriftlichen Übertragung. 426 die in Assoziationen wirken wollen: In der maschinenschriftlichen Übertragung 4346 II: handschriftliche Korrektur zu «sollen». 427 in den Vorträgen, die diesem vorangegangen sind ...: Gemeint sind der Stuttgarter Vortrag vom 4. Januar 1921 (in: Die Anthroposophie und ihre Gegner, GA 255b), weiters wohl der Vortrag vom 16. November 1920 (ebd.) und frühere. Kurt Leese: Lic. theol. Kurt Leese (1887-1965): Moderne Theosophie. Ein Beitrag zum Verständnis der geistigen Strömungen der Gegenwart. Berlin 1921 (eigentlich Nov. 1920). Das Buch befindet sich in Rudolf Steiners Bibliothek (Sign. RSB Gg 09). 428 Er ist /also/ eine derjenigen Persönlichkeiten: «also» handschriftlich in Übertragung 4346 II. ·Was soll alles Reden vom Gottesdienst des Erkennens ...»; Kurt Leese 1921, S. 225, Stelle im Buch von Rudolf Steiner angestrichen. Wörtlich: ·Was soll alles Reden vom Gottesdienst des Erkennens, von Lebensrätseln und ihren Lösungen? Was soll aller Aufschwung der Erkenntnis in Urweltengründe und Urweltfernen, wenn der Theosoph nicht zu sagen vermag, warum es besser ist, ein Ich, als ein Nicht-lch zu sein, und warum denn eigentlich sieben Weltzeitaltern so viel an dem Werden und der Vollendung dieses Ich gelegen ist!?» 428 «Da$ u'ejß eben derAntbroposopb ebenso wenig ...»; Sinngemäßes Referat des unmittelbar an das obige Zitat anschließenden Satzes; wörtlich (Leese, ebd., S. 225): «Gegenüber solchen Welt- und Lebensrätseln ist auch der Theosoph nichts anderes als Positivist, der nicht mehr erklärt, ergründet, löst, sondern der das ethisch-individuelle Schicksal abendländisch-christlicher Kulturentwicklung als nicht weiter zu rechtfertigende Selbstverständlichkeit hinnimmt, weil er sich ihm einfach nicht zu entziehen vcrmäg> 431 aus irgendeinem Weltennebel: Gemeint ist die Kant-l.aplace'sche Theorie der Weltentstehung aus einem Urnebel heraus. das Ende sein kann dieses unseres Planetensystems: Nach «das» folgt in der maschinenschriftlichen Übertragung handschriftlich «wahrscheinliche». 432 zu /Grabe/ zu tragen bat: So handschriftlich in 4346 II, statt «Grunde». 433 derschöpferische/Keim/: Handschriftliche Korrektur in der maschinenschriftlichen Übertragung, statt «Teil». «Himmel und Erde werden vergeben ...»: Mt 24,35, vgl. Mk 13,31; Lk21,33. einem Zürcher Priuatdozenten: In der Neuen Zürcher Zeitung (Nr. 2158, 29. Dezember 1920, Feuilleton, S. 1 f.) erschien unter dem Kürzel «MSz» ein Bericht von Max Schinz (1864-1946, 1926 emeritiert), Privatdozent an der Universität Zürich für Philosophie, über zwei Vorträge Rudolf Steiners (6. und 8. Dezember 1920, keine Mitschriften vorliegend), in dem Folgendes gesagt wird: «Man hat die Lehren Steiners von philosophischer Seite Öfters als <Materialismus> bezeichnet (so z.B. Max Dessoir und jüngst Graf Hermann Keyserling) und ich glaube, dass diese Bezeichnung durchaus zutreffend ist, wenn sie nämlich nicht in dem üblichen populären Sinne des Wortes, sondern als ein philosophischer Terminus von scharf umgrenzter Bedeutung verstanden wird. Unter ·Materia]ismus> versteht man in der philosophischen Terminologie nicht etwa nur jene Anschauung, die alles auf stofflich-körperliche Vorgänge zurückführt, sondern jegliche Richtung, die Begriffe und Einsichten als Dinge oder dinghafte Wesenheiten ansieht, ganz gleichgültig, ob es sich dabei um den Begriff der Materie' (Körper) oder um den Begriff des <Gcistcs' (Seele) handelt. Und bei Steiner ist dies durchaus der Fall.» 434 «in seinen zwei Vorträgen sagt Steiner wÖrtlich ...»: Vgl. obigen Zeitungsbericht: ·Sagte doch Steiner in seinem zweiten Vortrage wörtlich: <Dic Anthroposophische Geisteswissenschaft erkennt das Sittliche als ein ebenso Reales wie das Physische ... In unserem sittlichen Leben erkennt sie unzerstörbare Keime für werdende spätere Welten», wobei Steiner sowohl <Keime> als <We]ten> nicht etwa bloß in übertragenem, sondern in wörtlich-dinghaftem Sinne versteht; vergleicht er ja bezeichnenderweise sehr oft in seinen Schriften die <Scck> mit dem <Pflanzenkeim in der Pflanzen» 436 vor ein paar Tagen hier: Im öffentlichen Vortrag vom 4. Januar 1921 in Stuttgart, ·Geisteswissenschaftliche Ergebnisse und Lebenspraxis», in: Die Anthroposophie und ihre Gegner, GA 255b. 437 ein berühmter Rechtsgelehrter der Schweiz: Es handelt sich um den Schweizer Rechtsprofessor Eugen Huber (1849-1923), der maßgeblich an der Ausarbeitung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches beteiligt war. Roman Boos, der Hubers Schüler war, hatte ihn aufgesucht, um seine Unterschrift für den Aufruf ·An das deutsche volk und die Kulturweltb zu gewinnen, aber Huber konnte sich nicht zu einer Unterschrift entschließen. Zum Vortrag vom 25. Januar 1921 Textgrundlagen: Der Text folgt einer Mitschrift von unbekannt, Vortragsregister-Nr. 4373 II, Stenogramm nicht vorliegend. Die Mitschrift ist lückenhaft; vom Mitschreibenden wurden etwa Beispiele weggelassen, zu welchen meistens Stichworte in runden Klammern angegeben sind. Text in eckigen Klammern ohne Hinweis: Handschriftliche Korrekturen in der Mitschrift unbekannter Hand. Der Vortrag fand im Thalhof-Schulhaus statt. 440 im Oktober /1920/... nationale Wirtschaftskonferenz: Möglicherweise handelt es sich um die Finanzkonferenz des Völkerbundes, dann müsste es «internationale» heißen. 441 so steht /es/: Ergänzung durch die Herausgeberin. ·1nnerbalb dergegenuü"rtigen Zustände der europäischen Ziuilisation ... »; Konnte nicht nachgewiesen werden. 442 [uon derselben Seite/: Sinngemäße Korrektur durch die Herausgeberin nach Vorschlag in der maschinenschriftlichen Übertragung, statt «in derselben Zeit». 447 (Beispiel): Das Beispiel wurde nicht festgehalten. (Beispiel: gep/logene Unterhandlungen über die Einführung der Goldwährung): Vgl. die Parallelstellen in den Dornacher Vorträgen vom 25. Mai 1920 und 27. Juni 1921 in vorliegendem Band. (Österreichischer Minister M.): Beispiel nicht überliefert; eventuell geht es um den von Steiner öfter angeführten Ausspruch des österreichischen Innenministers Carl Giskra (G und M sind stenografisch verwechselbar), die soziale Frage hÖre bei Bodenbach, also an der deutsch-österreichischen Grenze, auf. Vgl. Hinweis zu S. 358. 448 in Bezug auf[eine] Feststellung der Preise: Ergänzung durch die Herausgeberin. (Beispiel: Stiefel): Vgl. Frageabend, Dornach 12. Oktober 1920 (in: Soziale Ideen - Soziale Wirklichkeit - Soziale Praxis ll, GA 337b, S. 226): ·Ich habe es oftmals dadurch angedeutet, dass ich trivial sagte: Es muss ein paar Stiefeln so viel wert haben wie alle anderen Produkte - seien es physische oder geistige Produkte -, die der Schuster nötig hat, die er überhaupt braucht, bis er wieder ein neues Paar Stiefel hergestellt hau· (Beispiel: Verlag, Kon$umwin$cbaft): Vgl. die Stelle über Bücherproduktion im Frageabend, Dornach, 5. Oktober 1920 (in: Soziale Ideen - Soziale Wirklichkeit - Soziale Praxis ll, GA 337b, I. AufL Dornach 1999, S. 151 f.): «Und dann gebe ich öfters ein Beispiel einer anderen Art von Arbeit, diejenige, die durch den Philosophisch-Anthroposophischen Verlag in Berlin geschaffen ist. Sie besteht darin, dass dieser Verlag nicht so arbeitet, wie andere Verlage arbeiten. Wie arbeiten die anderen Verlage? Die arbeiten, indem sie mit möglichst vielen Autoren, guten und schlechten, Verträge über Bücher abschließen. Nicht wahr, dann gehen sie daran, diese Bücher zu drucken. Wenn aber Bücher gedruckt werden, muss Papier dazu da sein, es müssen Setzer beschäftigt werden und so weiter. Nun probieren Sie einmal sich vorzustellen, wie viel Bücher in jedem Jahr gedruckt werden - sagen wir einmal bloß in dem Terrain Deutschland -, die nicht verkauft werden, für die es also überhaupt keine Konsumenten gibt. Rechnen Sie aus, rechnen Sic bloß einmal zusammen, wieviel Lyrik in Deutschland gedruckt wird und wie viel Lyrik gekauft wird, da haben Sic dann eine Vorstellung davon, wie viel Menschenarbeit aufgewendet werden muss zur Papierfabrikation, die in den Wind verbraucht wird, wie viele Setzer arbeiten für die entsprechenden Bücher und so weiter - lauter Arbeit, die für nichts geleistet wird. Das ist dasjenige, auf was es ankommt: Wir müssen ins Wirtschaftsleben hineinkommen, indem wir wirtschaftlich denken, das heißt, indem wir in einer solchen Richtung denken, durch die wir die unnötige Arbeit, die verschwendete Arbeit vermeiden. Das ist bei einer Assoziation, wie sie bestand und besteht zwischen der Anthroposophischen Gesellschaft und dem Philosophisch-Anthroposophischen Verlag, dadurch nicht möglich, dass der Philosophisch-Anthroposophische Verlag sozusagen kein einziges Buch druckt, das nicht verkauft wird. Da sind Konsumenten da. Warum? Weil gearbeitet wird dafür, dass die Konsumenten da sind? Im Gegenteil, der Verlag hat gar nicht die nötige Möglichkeit, für den Konsum genügend zu produzieren. Da wird aber wenigstens nicht Arbeit verschwendet. Wir lassen kein Papier erzeugen, in dem verschwendete Arbeit steckt; wir lassen keine Setzer beschäftigt sein, die für nichts arbeiten und so weiter. Und genau dasselbe, was Sie in diesen zwei Beispielen haben sehen kÖnnen, das können Sie auf allen möglichen Gebieten machen. Darum handelt es sich,dass die Assoziation richtig gedacht wird. Wird sie richtig gedacht, so wird vor allen Dingen die unnötige Arbeit vermieden. Und das ist es, worauf es ankommt. Es handelt sich darum, dass durch reale Maßnahmen ein richtiges Verhältnis geschaffen wird zwischen der Produktion und dem Konsum auf allen möglichen Gebieten. Dann kommt diese Urzelle des Wirtschaftslebens zustande, dann kommt ein Preis zustande, der angemessen sein wird dem ganzen Leben, sodass derjenige, der irgendetwas produziert, irgendein Produkt, sagen wir ein Paar Stiefel, dass der dafür dann so viel bekommt, als er nötig hat bei seinen Bedürfnissen, bis er ein ebenso gutes Paar Stiefel wieder fabriziert haben wird.· 449 (Wdtu)irt$cbaft$bl¢nd): Vg]. Vortrag vom 2. Januar 1921 in Wie wirkt man für den Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus, GA 338, S. 218 f.: «So verfallen die Leute dann in alle möglichen Illusionen. Sie überspringen gewissermaßen Mittelglieder und denken an die Organisation einer Art von Weltwirtschaftsbund, der sich herausentwickeln soll aus der Idee des Völkerbundes. Sie denken daran, dass man in einer Art Weltstaat alles Wirtschaftsleben verstaatlichte, sodass dann eben nicht in Betracht kämen die einzelnen Passiva in den besiegten Ländern.» Eine solche Konzeption vertrat zum Beispiel derJournalist und Schriftsteller Hugo Ganz 1919 in seinem Buch Weltuhrtscbaftsbund. Das letzte und einzige Mittelzur Errettung der Zivilisation, Bern 1920. Dieses befindet sich in Rudolf Steiners Bibliothek (Sign. RSB G 267). 450 (In Stuttgart angewendet): Gemeint ist wohl die Aktiengesellschaft «Der Kommende Tag», die als Vorstufe einer Assoziation gegründet wurde. (Anführung eines Artikels aus einer Zeitung): Nicht nachgewiesen. (Beispiel: Ländliche Wirtschaft ...): Keine Parallelstelle gefunden. Zum Vortrag uom 27. Juni 1921 Textgrundlagen: Der Text folgt der Mitschrift von Helene Finckh, Vortragsregister-Nr. 4532 I, maschinenschriftliche Übertragung aus Stenogramm F 258. Text in eckigen Klammern: Handschriftliche Korrekturen in dieser Mitschrift (nicht einzeln nachgewiesen); durch die Herausgeberin (nachgewiesen). Veranstaltung im Rahmen der Dreigliederungsabende (so Rudolf Steiner am 24. Juni 1921 in Dornach). 452 meine ·Kernpunkte ...»; Siehe Hinweis zu S. 164. 453 in meinem Auf'uf«An das deutsche Volk ...»; Siehe Hinweis zu S. 164. 455 die Frage nach der Goldwährung: Siehe Hinweis zu S. 340. 457 denn diese drei Glieder sollen nicht dazu da sein, je einzeln ihren Weg zu geben, gleichsam dass der Kopf, das Zirkulationssystem - das rhythmische - und das Stoffwechselsystem ihren eigenen Gang gehen können: Textunstimmigkeiten. Kleine sin ngemäße Korrekturen. Ursprünglicher Wortlaut: «denn diese drei Glieder sollen nicht dazu da sein, je einzeln seinen Weg zu gehen, gleichsam dass der Kopf und das Zirkulationssystem und das rhythmische, das Stoffwechselsystem seinen eigenen Gang gehen kan n». tuon dem Arbeitsminister: Die Rede ist von Arbeitsminister Hugo Lindemann (SPD) des Kabinetts BIos von Württemberg. Die ergebnislose Unterredung fand am 30. April 1919 statt. Rudolf Steiner berichtete darüber auch im Diskussionsabend in Dornach am 9. August (in Soziale Ideen - Soziale Wirklichkeit - Soziale Praxis /1, GA 337b, 1. Aufi. Dornach 1999, S. 46), er habe ihm gesagt: ·Sie stehen nun so da, dass Sie auf der einen Seite Mandate haben, die nur in den Rechtsstaat hineingehören, auf der anderen Seite nur ins Wirtschaftsleben hinein. Und so möchte man eigentlich wünschen - was ich nicht gerade Ihnen persönlich gegenüber wünschen würde -, dass Sie so wie der Türke von dem biederen Schwaben in der Mitte entzweigeschlagen würden. - Die Teilung müsste also schon bei dem betreffenden Arbeitsminister anfangen> sich nicht forcbt: Alte Form für «sich nicht fiirchtete·. 458 Magyaren /Eötuös/'joszef EÖtvös (1813-1871), ungarischer Schriftsteller und Staatsmann. Siehe: Baron Joseph Eötvös: Der Ein/luß der herrschenden Ideen des 19. Jahrhunderts aufden Staat. Erster und zweiter Tbeil, Leipzig 1854. Die beiden Bände sind dem Widerspruch der Begriffe Freiheit, Gleichheit und Nationalität gewidmet (in Rudolf Stciners Bibliothek, Sign. RSB P 271). neben /der der] Freiheit: Ergänzung durch die Herausgeberin. 459 in unserer Stuttgarter Freien Waldorfschule: Die Waldorfschule war im September 1919 eröffnet worden. 460 neulich einen Artikel gelesen: Nicht nachgewiesen. dieses nationale Geschwätz ... Art des Zusammensprechens: Anspielung auf den ursprünglichen Wortsinn der engl. Wortprägung des 14. jh. «par1iamen>, vom altfranzösischen ·cparlement», «parkr»: reden, sprechen. den Seminarkurs ... uor der Eröffnung der Waldorfschule: Siehe die drei Bände: Allgemeine Menscbenkunde, Erziehungskunst - MetbodiscbDidaktisches, Erziehungskunst - Seminarbesprecbungen, GA 293-295, überarbeitete Neuauflage Basel 2019, auch als Studienausgabe: Allgemeine Menschenkunde - Methodiscb-Didaktiscbes - Seminar in einem Band, Basel 2019. 461 Emil Molt: Siehe Hinweis zu S. 344. 463 in einem Nachkursus: Der Kurs dauerte vom 12. bis 19. Juni 1921, veröffentlicht in Menschenerkenntnis und Unterrichtsgestaltung, GA 302. Am 16. und 17. Juni fanden auch zwei Lehrerkonferenzen, Hauptfokus zu den oberen Klassen, statt (siehe Konferenzen mit den Lehrern der Freien Waldorfschule, GA 300b, Basel 2019). 464 Man braucht gar nicht zu /seben/: Korrektur gemäß Stenogramm; auch mögliche Lesart: «sagen». 466 wenn an dem Orte A eine Kanone losgelassen wird ...: Oft von Rudolf Steiner angeführtes Beispiel aus der Relativitätstheorie Albert Einsteins. In Rudolf Steiners Bibliothek befinden sich zwei Schriften Einsteins: Das Relatiuitätsprinzip (Zürich 1911, Sign. RSB N 121) und Über die spezielle und die allgemeine Relatiuitätstbeorie (Braunschweig 1917, Sign. RSB N 122). In der Schrift von 1917 findet sich ein ähnliches Beispiel (Blitzschlag statt Kanone). 466 Einstein: Albert Einstein (1879-1955), Physiker. Das Beispiel mit der bewegten Uhr ausführlich begründet auch in: «Zur Elektrodynamik bewegter Körper», in: Annalen der Physik 17 (1905), S. 891-921. 469 nun, /in/dieser Waldorfschule: Handschriftliche Korrektur in der maschinenschriftlichen Übertragung nach Stenogramm. an irgendetwas Utopistisches: Handschriftlich verbessert aus «Utopischcs» in der maschinenschriftlichen Übertragung nach Stenogramm. 470 das /Anorganische/: Sinngemäße Korrektur durch die Herausgeberin, statt «das Organisdm, vgl. oben: «organi$icren tut man da, wo Mechanisches ist». in einer schweizerischen Stadt ... uon einem Universitätslehrer: Siehe den entsprechenden Hinweis zu S. 433. 472 'wenn sie sich dafür /eruü'rmen/ können ... zu Ideen: Hier gibt es Textunstimmigkeiten, vielleicht aufgrund von HÖrschwierigkeiten. Sinngemäße Korrekturen durch die Herausgeberin und Korrekturen nach dem Stenogramm sind in eckige Klammern gesetzt. Wortlaut der maschinenschriftlichen Übertragung: «wenn sie sich dafür erwerben können, in der unmittelbaren Gegenwart nicht schreiten zu müssen zu Ideem; im Stenogramm ist statt «erwerben» «erwärmen» zu lesen, «um» ist möglicherweise als falsch gehörtes «und» zu interpretieren; danach folgen im Stenogramm nicht eindeutig lesbare Worte; statt «schreiten zu müssen» steht im Stenogramm «greifen miissenm 473 etwas eingeseben wirduon Vernüftigen: Korrekturen durch die Herausgeberin, statt ·einsehen wird von Vernünftigem». kann es nur aus der Freiheit heraus /er/arbeitet werden: Wohl ein Versprecher oder Hörfehler: Ursprünglich steht in der maschinenschriftlichen Übertragung «gearbeitet». bei meinem letzten Vortrag in Stuttgart ... am 25. Mai: Der Vortrag «Anthroposophie und Dreigliederung, von ihrem Wesen und zu ihrer Verteidigung» vom 25. Mai 1921 ist abgedruckt in: Die Anthroposophie und ihre Gegner, GA 255b. Marneschlacht: Die vom Deutschen Reich im September 1914 verlorene Marneschlacht markierte einen ersten Wendepunkt im Ersten Weltkrieg, weil damit der Schlieffenplan eines schnellen Sieges über Frankreich gescheitert war. Minister Simons in England: Walter Simons (1861-1937), parteilos, damals Außenminister, verhandelte in England über die Reparationszahlungen; diese scheiterten jedoch, worauf Sanktionen in Kraft traten. Das Scheitern wurde Rudolf Steiner in die Schuhe geschoben, der Simons beeinflusst habe. 474 Dolchstoßuon hinten: Die Dolchstoßlegende besagt, die deutsche Armee sei dm Felde unbesiegt· geblieben und habe durch oppositionelle Zivilisten aus der Heimat einen Dolchstoß von hinten erhalten. 474 L.udendo"f/ismus: Siehe Hinweis zu S. 209. General Erich Ludendorff (1865-1937), verantwortlich für die gescheiterte deutsche Frühjahrsoffensive 1918, einer der Väter der Dolchstoßlegende. 477 Kurt Leese: Siehe Hinweis zu S. 327. Aber man wird sich schon gewöhnen ... wiederum nacbscbauen [müsste] undso weiter: Alle Korrekturen nach Stenogramm. Die Wortlaute «heute durch die Wirkung der Abstraktlinge» und «demjenigen» unklar im Stenogramm, da schwer zu lesen, können also nicht als gesichert gelten. 478 Es ist durch die Kraft desAllmäcbtigen gelungen dem ... GeneralDufour: Guillaume Henri Dufour (1787-1875), Schweizer General, Ingenieur, Kartograf, Politiker, Humanist. Zusammen mit Henry Dunant einer der Gründer des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Wahrscheinlich ist die Proklamation der hohen eidgenössischen Tagsatzung nach dem Sonderbundskrieg, in welcher am 22. Januar 1848 der siegreichen schweizerischen Armee gedankt wird, gemeint (zitiert nach Johann Jakob Leuthy: Die neuesten Kriegsereignisse in der Schweiz veranlasst durch die Berufung derJesuiten nach Luzern und den im Bade Rothen gestifteten Sonderbund der Kantone Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug, Freiburg und Wallis, Zürich 1848): «Eidgenössische Wehrmänner! Ihr seid zum größten Theil an Euern häuslichen Herd zurückgekehrt. Die Tagsatzung will nicht länger säumen, Euch den Dank der Nation auszusprechen für Euer Verhalten und die Dienste, die Ihr dem Vaterlande geleistet habt. [...I Befreit von dem Joche, das auf ihnen lastete, haben die Kantone Luzern, Schwyz, Freiburg und Wallis die Jesuiten und die ihnen affiliierten Orden ausgewiesen, jene gefährliche Gesellschaft, welche - mehr einen politischen Zweck als die heiligen Interessen der Religion anstrebend - jene Stände ins Unglück gestürzt, die ganze Schweiz verwirrt und ihre innere und äußere Sicherheit gefährdet hat. [...I Jeder von Euch wird ein Exemplar gegenwärtiger Proklamation empfangen als Zeugniß der vollen und gänzlichen Zufriedenheit der Bundesversammlung. Und damit der Armee diese Anerkennung noch auf glänzendere Weise in der Person ihres Führers ausgesprochen werde, haben wir dem General Dufour einen besonderen Ehrenbeweis zuerkannt. I...] Zum Schlusse fühlen wir uns gedrungen, die lebhafteste Danksagung an Denjenigen zu richten, ohne dessen Hülfe die Anstrengungen des Menschen ohnmächtig und seine Versuche eitel sind. Gott hat die Schweiz sichtbarlich geschützt und unsere Sache gesegnetm dass die Mehrheit immer Unsinn sei: Aus Friedrich Schiller: Demetrius. (Fragment) 1. Aufzug; Worte des Sapieha: Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn, Verstand ist stets bei wen'gen nur gewesen. Bekümmert sich ums Ganze, wer nichts hat? Hat der Bettler eine Freiheit, eine Wahl? Er muss dem Mächtigen, der ihn bezahlt, Um Brot und Stiefel seine Stimm verkaufen. Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen. Der Staat muss untergehn, früh oder spät, wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet. 479 1908 ... in Nürnberg: In dem betreffenden Vortragszyklus (GA 104) konnte die Stelle nicht gefunden werden; es gibt aber andere Stellen: im Stuttgarter Vortrag vom 21. Februar 1912, in: Wiederverkörperung und Karma, GA 135, S. 103; Dornach, 3. September 1916, in: Das Rätsel des Menschen - Die geistigen Hintergründe der menschlichen Geschichte, GA 170, S. 266. 480 durch das Wirtscbaft/sleben - oder sie ziehen ... Einsamkeit]: Korrektur nach dem Stenogramm, statt: «... durch das Wirtschaftliche». Der letzte Satz steht in der maschinenschriftlichen Übertragung in Klammern, der Schluss ist nicht übertragen. 481 Scbopenbauerismus ... Historizismus ... Wagnertum: Siehe z. B. Nietzsches Werke Vom Nutzen und Nacbteilder Historiefür das Leben [1874]; Schopenhauer als Erzieher [1874]; Richard Wagner in Bayreuth [1876]; DerFall Wagner [1886]. Zu Nietzsche vgl. neben Steiners Werk Friedrich Nietzsche. Ein Kämpfergegen seine Zeit [1895] (GA 5) auch den Düsseldorfer Vortrag über Nietzsche vom 10. Juni 1908 (in: Die Beantwortung uon Welt- und Lebensfragen durch Anthroposophie, GA 108, 3. Aufi. 2017, Zitat auf S. 290): «Und gerade aus dieser Weltanschauung, aus dem Darwinismus, ging ihm etwas wie eine Erlösung auf, das ihn wiederum herausführte aus dem Materialismus. Er sah in darwinistischer Weise auf die Entwickelung der Menschheit. Er sagte sich: Der Mensch hat sich herausentwickelt aus der Tierheit. Doch zog er auch die Konsequenzen dieser Anschauung. Er musste sie ziehen, weil er klar sehen wollte in Bezug auf den Materialismus. Denn er musste mit ihm leben. So kam er zu dem Schluss: Schaue ich auf die Tiergestalten, so sehe ich in ihnen den Rest einer früheren Kultur. Schaue ich auf den Menschen, so muss ich sagen, er enthält als Möglichkeit den Vollkommenheitszustand der Zukunft. Ich darf den Affen eine Brücke nennen zwischen Mensch und Tier. Was ist also der Mensch? Eine Brücke zwischen dem Tier und dem Übermenschen. So schlummert der Übermensch im Menschen Nietzsche fühlte, musste fühlen, was es heißt, so zu leben, dass das, was werden kann, erscheint. Das war die lyrische Stimmung seines <Zarathustr», in dem Liede vom Übermenschen, dem Liede, das die Zukunft schildert. Gefühl knüpfte ihn an diesen Gedanken, Gefühl war das, was ihn erfüllte.» Anhur Schopenhauer (1788-1860), Philosoph. Historizismus: Geschichtsphilosophie, Lehre von Gesetzmäßigkeiten in den historischen Vorgängen. 481 Richard Wagner (1813-1883), Komponist. Naturalismus ... Positiuismus: Zwei erfahrungszentrierte, eine unabhängige Existenz des Geistigen negierende Strömungen in der Philosophie; Ersterer auch in der Literatur und Kunst des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. lgnorabimus-Strömung: Mit dem Ausruf «Ignorabimusb (Man wird nie wissen) endet die Rede von Emil Du Bois-Reymond Über die Grenzen des Naturerkennens (Leipzig 1872, S. 33). Du Bois-Reymond: Emil Du Bois-Reymond (1815-1896), Physiologe. Ranke: Franz Leopold Ranke, ab 1865 von Ranke (1795-1886), deutscher Historiker, gilt als einer der Gründerväter der modernen Geschichtswissenschaft. 482 f. Vorgestern ... in Zürich: Öffentlicher Lichtbildervortrag «Der Baugedanke von Dornach vom 25. Juni 1921; keine Aufzeichnungen. Bibliogra/iscber Nachweis früherer Verö°ffentlicbungen Autoreferate zu Bern, 6./7. Februar 1919 Rudolf Steiner: Ahe Courtney Document: Two Essays on the Social Issue» In: Newsletter AntbroposophicalSociety in America, ed. Gisela O'Neil, Winter 1982-83, p. 6-10 Basel, 28. Februar 1919 Rudolf Steiner: Das Soziale. Dreigliederung von Wirtschaft, Recht und Kultur. Bad Liebenzell 2012 (Heft Nr. 104) Tübingen, 2. Juni 1919 Auszug unter dem Titel Die Urzelle des Wirtscbaftslebens in: Schriften des Bundesfür Dreigliederung des sozialen Organismus, Mitteilungsblatt Nr. 7, o.j. [nach 28. November 1919]. Der Zeitungsbericht erschien in: Tübinger Chronik, Z Juni 1919, Nr. 130, S. I; beide wiederabgedruckt in Beiträge zur RudolfSteiner Gesamtausgabe, 1989, Heft 103, S. 18-19 Mannheim, 26. Juni 1919 Gegenwart, Jan. 1944, Nr. 10, S. 341-353 Gegenwart, Feb./März 1944, Nr. 11/12, S. 381-395 Mannheim, 28. Juni 1919 Gegenwart, April 1944, Nr. 1, S. 1-14 Gegenwart, Mai 1944, Nr. 1-2, S. 57-78 Gegenwart, Sept. 1944, Nr. 6., S. 213-220 (Schlusswort) Dornach, 25. Mai 1920 Gegenwart, Feb./März 1945, Nr. 11/12, S. 434-462 Freiburg, 18. Nouember 1920 Rudolf Steiner: Die großen Fragen unserer Zeit. Was bat die Geisteswissenschaft dazu zu sagen? Bad Liebenzell 2005 (Heft Nr. 29) Dornach, 27. Juni 1921 Blätterfür Anthroposophie, Juni 1966, Nr. 6, S. 197-204 Blätterfür Anthroposophie, Juli/August 1966, Nr. 7/8, S. 253-255 Literatur zum Thema Schriften und Aufsätze GA 4 Die Philosophie der Freiheit (1894), 16. Auflage Dornach 1995 23 Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft (Stuttgart/Oornach/Wien 1919), 6. Aufi. Dornach 1976 24 Aufsätze über die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage (1915-1921), 2. Aufi. Dornach 1982 Öffentliche Vorträge GA 328 Die soziale Frage 1. Aufi. Dornach 1977 Vorträge in Zürich Februar bis März 1919 329 Die Befreiung des Menschenwesens als Grundlagefür eine soziale Neugestaltung. Altes Denken und neues Wollen 1. Aufi. Dornach 1985 Vorträge in verschiedenen Schweizer Städten März bis November 1919 330 Neugestaltung des sozialen Organismus 2. Aufi. Dornach 1983 Vorträge in Stuttgart April bis Juli 1919 332a Soziale Zukunft 4. Aufi. Basel 2019 Vorträge in Zürich Oktober 1919 333 Gedankenfreiheit und soziale Kräjte. Die sozialen Forderungen der Gegenwart und ihre praktische Verwirklichung 2. Aufi. Dornach 1985 Vorträge in verschiedenen deutschen Städten Mai bis Dezember 1919 334 Vom Einheitsstaat zum dreigliedrigen sozialen Organismus 1. Aufi. Dornach 1983 Vorträge in verschiedenen Schweizer Städten Januar bis Mai 1920 335 Die Krisis der Gegenwart und der Weg zu gesundem Denken 1. Aufi. Dornach 2005 Vorträge in Stuttgart März bis November 1920 Mitgliederuorträge GA 185a Entwickhcngsgescbicbtlicbe Unterlagen zur Bildung eines sozialen Urteils Basel 4. Aufi. 2017 Vorträge in Dornach November 1918 186 Die soziale Grundforderung unserer Zeit. ln geänderter Zeitlage Dornach 3. Aufi. 1990 Vorträge in Dornach und Bern November bis Dezember 1918 189 Die soziale Frage als Bewusstseinsfrage Dornach 3. Aufi. 1980 Vorträge in Dornach Februar bis März 1919 Namenregister ( ) ohne Namensnennung im Text Adler, Viktor 319, 360 Aristoteles 41, 95 Bethmann-Hollweg, Theobald von (126), (290) Boos, Roman 335 Bruno, Giordano 38, 89 Büchner, Ludwig 151, 176, 200 Bülow, Bernhard von 72 Calwer, Richard 420 Ckmenceau 383 Courtney, Ralph 550, 553 Galilei, Galileo 38, 89, 392 Giskra, Carl 358, (447) Gladstone, William Ewart 118, 119 Goethe 181, 207 f., 279, 318, 387, 398 f, 403f., 412 Faust 47, 102, 181 f., 207, 216 Haller, Albrecht von 404 Hauptmann, Gerhart Die Weber 29, 82 Heider, Hermann 245, 253 Herder, Johann Gottfried 279, 387 Huber, Eugen (437) Huber, Viktor AimC 347, 358, 363 Darwin, Charles 387, 393 Du Bois-Reymond, Emil 322, 481 Jagow, Gottlieb von (126), (290) Einstein, Albert 466 Engels, Friedrich 329 Eötvös, Joseph 458 Fichte, Johann Gottlieb 387 Fresenius, August (122) Kepler, Johannes 89, 402 Keynes, John Maynard 382-385, 408 Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensuertrages 383 f. Kolb, Alfred 246 Als Arbeiter in Amerika (246) Kleeberg, Ludwig (122) Kühn, Hans 344 Leese, Kurt 427f., 477 Leinhas, Emil 344 Lenin, Wladimir Iljitsch 331, 349, 354,387 Lessing, Gotthold Ephraim 279, 318 Erziehung des Menschengeschlechtes 279 Liebknecht, Wilhelm 199, 324 Lloyd George, Daniel 383 Ludendorff, Erich 209, 474 Luxemburg, Rosa 152, 175 f., 200 Marx, Karl 17, 28, 40, 94, 98, 136, 203, 205, 236, 292, 329, 363, 393 Meray, Carl Horvath von (51), 106 Weltmutation 51, 70, 106 Molt, Emil 250, 344, 372, 379, 381, 409, 461 Newton, Isaac 392 f. Pernerstorfer, Engelbert 319 Platon 41, 95, 333 Potter, Humphrey (75), (130) Ranke, Leopold 481 Rathenau, Walther 206, 304, 333 Nach der Flut 206 Reuter, Gabriele 339 Ricardo, David 393 f. Schäffle, Albert 51, 106 Schiller, Friedrich von 318, 387, 412 Schinz, Max (433), (470) Simons, Walter 473 Smith, Adam 387, 393 f. Spencer, Herbert 387, 393 Steiner, Rudolf Die Philosophie der Freiheit (GA 4) 73, 280 Wie erlangt man Erkenntnisse der böberen Welten? (GA 10) 262, 264, 269, 281, 399, 405 Die Geheimwissenschaft im Umriss (GA 11) 399 Von Seelenrätseln (GA 21) 19, 50, 104, 182 An das deutsche Volk und an die Kklturwelt! (GA 23) 164, 227, 302, 346, 353 Die Kernpunkte der sozialen Frage (GA 23) 164, 302, 323, 346, 349f., 355, 357, 364, 366, 369, 371 f., 377f., 414, 423, 426, 448, 452f., 469 «Theosophie und soziale Frage» (GA 34) 59 «Die Erziehung des Kindes uom Gesichtspunkte der Geisteswissenscha/i» (GA 34) 272 Terhalle, Fritz 416, 419-421 Freie oder gebundene Preisbildung? 416-419 Trotzki, Lew (Leo) 331, 349, 354, 355,387 Uriger, Carl 250, 344 Vogt, Carl 151, 176, 200 Wilbrand, Robert 250 Wilhelm II 72, 197, 203 Wilson, Woodrow 277, 293 f., 383